Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 7 (17.2.1928)
- Date
- 1928-02-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Auseinandersetzung zwischen dm Klarblickenden und den immer lauter sich geüäroendm Wirren mußte kommen; das Hquptthema der diesjährigen Generalversammlung lautete: „Abwehr- oder Äesinnungsverein?" V. Wir folgen nunmehr dem äußeren Verlauf der Tagung, zu der 180 Ortsgruppen 300 Delegierte entsandt hatten. * Die Eröffnungssitzung am Sonnabend Abend im großen Plenar- Sitzungssaal des Reichswirtschaftsrates (Bellevuestraße), vom Vorsitzenden Justizrat Dr. Brodnitz geleitet, begann mit den üblichen Begrüßungen und dem Gedenken der Toten seit der letzten Generalversammlung, unter denen besonders die Namen Hugo Sonnenscld und Paul Nathan gehört wurden. (Die erschütternde Kunde von dem Ableben Bernhard Breslauers wurde bei Beginn der zweiten Sitzung Sonntag Nachmittag vom Bereinspräsidium beßanntgegeben.) Den Geschäftsbericht erstattete der Syndikus des Vereins, Dr. Alfred Wiener, der sich mit der Aufzeigung einiger Hauptgesichtspunkte begnügen konnte, weil ein gedruckter Bericht über die Vereinstätigkeit während der letzten zwei Jahre in Form eines 127 Hochquart-Seiten starken Buches der Versammlung vorlag. Zu der sonst nach Geschäftsberichten üblichen Generalaussprache kam es in dieser Sitzung nicht, weil ein zweistündiger Vortrag des Herrn Staatssekretär a. D. Prof. Dr. Julius Hirsch über „Wirtschaftsprobleme der deutschen Juden" die Delegierten in Bann hielt. Eine Inhaltsangabe dieses hochinteressanten Vortrages lassen wir in nächster Nummer folgen. * Am Sonntag Vormittag fand im „Capitol" am Zoo eine große öffentliche Kundgebung statt. Künstlerische Darbietungen umrahmten vier Vorträge, die unter dem Gesamttitel „Lebensfragen des deutschen Judentums" der deutschen Oeffentlichkcit Kunde gaben von unserer Verbundenheit mit dem deutschen Volk und von unserer Not durch einen Teil (nicht den besten) des deutschen Volkes. Bemerkenswert war das stark betonte Bekenntnis zur Republik in den Begrüßungs- Worten des Vorsitzenden I. R. Dr. Brodnitz. Von den vier Referaten (es sprachen Rabbiner Dr. Lazarus -Wiesbaden, Georg Bernhard, Rechtsanwalt Dr. Norbert Regensburger -Braunschweig und Ludwig Holländer) stand insbesondere das dritte, welches sich mit Boykottbestrebungen und Rechtsbrücheir gegenüber den Juden beschäftigte, auf bemerkenslverter geistiger Höhe. * Gleichzeitig mit der Kundgebung im Capitol fand im Reichswirtschaftsrat eine Tagung der deutsch-jüdische n I u g e n d statt. Diese Jugendtagung wird in unserem Blatt demnächst in einem gesonderten Artikel ihre Würdigung finden. * Die Sitzung am Sonntag Nachmittag, die um 3 Uhr begann und ohne Unterbrechung bis 11 Uhr dauerte, war gänzlich von geschäftlichen Dingen ausgesültr: Entlastung des Vorstandes, Satzungsänderungen, Neuwahl des Vorstandes. Zur Fortsetzung der Generaldebatte kam man nicht, und manche der Delegierten, die beruflich verhindert waren, an der Montag-Sitzung teilzunchmen, welche die Hauptverhandlung bringen sollte, bedauerten — bei voller Anerkennung der Anregungen durch den Vortrag voir Professor .Hirsch und des künstlerischen Genusses bei der Kundgebung im „Capitol" — die Ueberladung der Tagesordnung. „Vorträge und Konzerte kann ich zuhause haben", sagte mir ein Delegierter aus einer rheinischen Großstadt, der mir mir Bedauern erzählte, ec müsse Sonntag Nacht schon ivieder Heimreisen. VI. Aber schließlich kam, für die Ungeduldigen ganz so ivie für die Geduldigen, der Montag Morgen heran und mit ihm die Referate über das .Hauptthema. Voll Spannung erwartet, mit Händeklatschen begrüßt, betrat der Direktor des Centralvereins, Dr. Ludwig .Holländer die Rednertribüne und hielt unter atemloser Stille des Hauses, die sich nur beim letzten Teil seiner Ausführungen löste, sein kaum dreiviertelstündiges, knapp und klar aufgebautes, packend vorgetragenes Referat „Abwehr- oder G e s i n n u n g s v e r c i n", an dessen erstem Teil man seine restlose Freude haben konnte. Mit Befriedigung hörte man, daß das Thema keineswegs vom Referenten selber vorgeschlagen worden sei; jegliche politische Tätigkeit, und also auch die Abwehr des Judenhasses und der Kampf um unsere Gleichberechtigung, müsse, um fruchtbar zu sein, auf der Grundlage einer Weltanschauung, einer Gesinnung stehen. Als reiner Abwehrverein würde der C. V. nur aus Jnnehaltung der jetzt geltenden formalen Versassungsbestimmungen dringen können; um aber die sachliche Berechtigung dieser Versassungsbestimmungen darzutun, müsse man auf das Verhältnis der jüdischen zu den übrigen Deutschen zurückgehen. Der Centralverein will die Gesamtbevölkerung von der sachlichen Richtigkeit der formalen Gleichberechtigung überzeugen, und da gilt noch heute, tvas vom Beginn der Emanzipation an selbstverständlich war: Vorbedingung jeder Juden-Emanzipation ist das Ausgeben der jüdischen Nation. Auch wenn, wie Holländer aus der Irreligiosität vieler Juden schließen zu müssen glaubt, die Rechnung Judentum — Religion nicht restlos aufgeht (sie geht m. E. durchaus auf, und nur die Rechnung Jndenheit — Religionsgemeinschaft läßt einen Rest für die Gottlosen), so darf man diejenigen Faktoren oder Elemente, aus denen sich die deutsche Judcnheit aufbaut, wohl als etwas Besonderes im deutschen Volk, aber nicht als Besonderes neben ihm betrachten. Jeder von uns muß deutscher Jude und jüdischer Deutscher sein können, muß zum deutschen Volke sagen können: „Eure Zukunft ist unsere Zuknnst, euer Volk ist unser Volk." Wer das nicht kann, ist Nationaljudc; man kann mit ihm über das Prinzip diskutieren, aber nicht über den Weg, der sich aus unserem deutschjüdischcn und seinem nationaljüdischen Prinzip ergibt —: zwei verschiedene W ege, zwischen denen es keine mittlere Linie gibt. Die im § 1 der Satzungen verankerte deutsche G c s i n n u n g ist die Weltanschauungsgrundlage, aus der wir unsere Aufgabe durchführen: die Vollendung der Emanzipation. Auf diesem Gebiete liegen unsere Hauptaufgaben, so leitete nun Holländer zu einem kurzen Schlußteil seiner Rede über; hinter ihnen müsse das Palästina-Problem zurücktreten, für das es verschiedene Aussassungsmöglichkeiten gebe und das uns nur wenig angehe. Da müssen wir jedem seine Auffassung lassen und, wenn wir im Hauptprinzip der Zugehörigkeit zur deutschen Nation einig und, in Nebendingen das Wort gelten lassen: „in ckubiis liberlas.- War Holländers Stärke der theoretische Teil des Vortrags gewesen, in dem er uns zeigte, daß in den Centralverein nur deutsch gesinnte Juden, nicht aber Nationaljuden und Zionisten gehören, so folgte nun als zweiter Redner Tr. Eduard Strauß-Frankfurt a. M., der zwei Stunden lang eine Theorie der Theorielosigkeit Entwickelte, die darin gipfelte, daß ein Centralverein von allen in Deutschland lebenden Juden gebildet werden müsse. Zum Glück freilich gestand der Redner am Schluß, es seien nicht Ewigkeitsideale, die er vorgetragen. Dieser Schluß trug ihm denn auch, begreiflicherweise, lebhaftesten Beisaft ein. ^je Eussion eröfsnetc Herr Georg Mecklenburg- Chemnitz mit der Begründung einer vom Landesverband Sachsen des C. V. eingebrachten Resolution. — Diese Resolution stand im Mittelpunkt der ganzen nachfolgenden Verhandlungen und wendet sich, wie Herr Mecklenburg ausführte, gegen alle nationaljüdische Pro Palästina-Propaganda in Deutschland, welche es dahin gebracht hat, daß immer weitere Kreise des deutschen Volkes sich die Unterscheidung von „Deutschen" und „Juden" zu eigen machen, für welchen Umstand einige Vorgänge der letzten Zeit zum Beweis herangezogen wurden. R.-A. Loewenstein -Aachen, der letzte Redner in der Bormittagssitzung, unterstützte den Antrag Sachsen mit Entschiedenheit und Energie. * Die Diskussion des Nachmittags eröffnete vor nahezu leeren Bänken der Mann, der vor Jahresfrist, sich selber als Liberalen bezeichnend, eine Wahlrede für den mittelparteilich-konftrvativ-z i o n i st i - ★ Versammlungskalender *; Breslau. Jli «Wrichsm Geiger". Montag, den 20. Februar, abends 8.15 Ahr, int Saale der Loge „«erhärt Hauptmann", Schweidnitzer Stadtgraben 9. Religionslehrer Davidfohu spricht über das Thema: Aus Mischer Geschichte. Wirtschaftsgeschichte der Juden in Englands -Freitag, den 24. Februar, abends 8.15 Ahr: Gemeinsame Freitag,Abend-Feier bei Herrn Erich Königsberg«,:, Kaiser WiIhelmstraht iS7. Ansprache: Rabbiner Dr. Halpersohn. Gesang: Kantor Warienderger. Rege Beteiligung erdeten und Einführung von Gästen erwünscht. ■ » Frankfurt a. M. Freisinniger Verein für jüdisches Grmeindeleben. Am Schaltjahrtag, dev 29. Februar, abends 9 Uhr, findet in den Räume« des Frankfurter Hofs ein Gesellschaftsabend statt. Fürth i. B. Donnerstag, 23. Februar, abends 29.15 (8.15) Uhr, im großen Saale des Berolzheimerianums, Vortrag: „Das liberale Judentum und der Zeitgeist." Referent: George Goetz (Berlin), Generalsekretär der Bereinigung für das liberale Judentum e. B. Halle a. d. Saale. Montag, 29. Februar, abends 29.39 (8.39) Ahr, in Müllers Hotel, Magdeburger Straße, Ecke Kruckenbergstraße, Lorirag: „Krifenvorgäng« im deutsch-jüdischen Gemeindeleben." Referent: George Eoetz (Berlin), Generalsekretär der Bereinigung für das liberale Judentum e. B. Leipzig. 1 Dienstag, 21. Februar, abends 20 (8) Uhr, im Saal des Kaufmännischen Vereinshauses, Schulstrahe 5, Vortrag: „Krisenvvrgänge im deltlsch-jüdischen Gemeindeleben." Referent: George Goetz (Berlin), Generalsekretär der Bereinigung für das liberale Judentum e. B. Gottesdienste Berlin-Norden. Liberale Synagoge Norden (im Auerbachschen Waisenhaus, Schönhauser Allee 182): Freitag, den 17. Februar, abends 7.15 Uhr, Gottesdienst. Predigt Rabbiner Dr. Salomonski. Sonnabend, den 18. Februar, vormittags 10 Uhr, Gottesdienst. Freilag, den 24. Februar, Predigt: Rabbiner Dr. Salomonski. Berlin-Wilmersdorf-Schöneberg. Liberale Synagoge Wilmersdorf (in der Aula der Cäcilienschule, Nikolsburger Platz): Liberaler Gottesdienst mit Chor und Predigt. Beginn 7.15 Ahr pünktlich. Freitag, den 17. Februar, Predigt: Rabbiner Dr. Schreiber-Potsdam. Freitag, den 24. Februar, Predigt: Rabbiner Dr. Bvgelstein-Breslau. s ch e n Block her Gemeinde Königsberg gehalten hat und mir seither als Begründer eines soerderativen Judentums gilt: Ludwig Focrder- Breslau. Er .propagiert den reinen Abwehrvcrein, die Helden seiner Vergangenheit sind Josua und Juda Makkabi (er hat eben noch immer nicht .erfaßt, daß unsere wirklichen ipclben, Abraham, Mose und Jesaja, zugleich auch Helden des deutschen Volkes sind); ihn hindert, ..da,,.,,?x»..has subjektive Judentum des Einzelnen nicht vom objektiven Judentum zu unterscheiden versteht, die christliche Kultur des deutschen Volkes an der Annahme unlöslicher Verbundenheit von Judentum , und Deutschtum; ihm wird, ohne daß er darüber errötet, Walther Rathtznnn zum Nationaljudcn, und seiner Weisheit letzter Schluß ist: dep: C. V. muß, ohne nach der Gesinnung seiner Mitglieder zu sragM- , ein reiner Abwehrverein sein. Am Schlüsse der Verhandlungen bringt Herr Foerder, dies sei hier vorweggenommen, eine Resolution. folgenden Wortlautes ein: „Die erste Aufgabe des C. V. ist die tatkräftige Abtvehr des Judenhasses/ Zu seiner Erreichung ist die Zusammenfassung aller positiven Ktäfte nötig, die sich zu Judentum und Deutschtum bekennen/) ' Deshalb ist jeder innerjüdische Gruppenkamps, insbesondere die Anprangciütm von Glaubcnsbrüdern als unterwertige Patrioten, zu vermeiden.' Nötig ist lediglich die Zurückweisung von glücklicherweise immer' seltener werdenden Auswüchsen. Die'. Aufklärungstätigkeit, die Verbreitung des Wissens von Juden * find' Judentum in unseren eigenen Reihen und bei unseren andersglaubigeir deutschen Volksgenossen hat das Ziel, unter Wahrung' und Betonung der jüdischen Eigenart die Ueberzeugung von der Gleich Wertigkeit der deutschen Juden mit allen Burgern unseres Väkerlandes durchzusetzen." Die. Resolution fand in dieser Form einmütige Ablehnung — notabene 1 will Herr Foerder seine Abstinenz vom innerjüdischen Gruppenkampf auch auf den „Verband nationaldeutscher Juden" ausgedehnt wissen?. Vermutlich gerade er am tvenigsten — und übrig blieb ein harmloser Beschluß, der Annahme fand: Tie erste Aufgabe des C. V. ist die tatkräftige Abwehr des Judenhasses.'' Zu seiner Erreichung ist die Zusammenfassung aller positiven 'Äräste nötig, die sich zu Judentum und Deutschtum bekennen. "; Die Äitsklärungstätigkeit, die Verbreitung des Wissens von Juden uni)' Judentum in unseren eigenen Reihen und bei unseren andersgläubigen deutschen Volksgenossen hat das Ziel, die Ueberzeugunc^ von der Gleich Wertigkeit der deutschen Juden mit allen Bürgern unseres Vaterlandes durchzusetzen." * .Herrn Foerder antwortete zunächst R.-A. Dr. Rudolf Geiger- Franksurt a. M., der zugleich mit dem Referenten Dr. Strauß scharf ins Gericht ging. Was wir mehr sind als Religionsgemeinschaft, das seien wir weniger. Wir sollten uns bemühen, ganze religiöse Juden zu sein, doch das anznstrcben ist nicht die Aufgabe des C. V., der uns vielmehr in dem anderen Teil unseres Seins bestärkt, mit ungeteiltem Herzen deutsche Volksgenossen zu sein. Reichster Beifall lohnte die entschiedenen Ausführungen. Eine nicht unbedingt erfreuliche Diskussionsrede hörte man sodann von Georg Bernhard, der — ungeachtet der Krisenstimmung im Reichstag — der C. V.-Tagung nahezu von Anfang bis Ende beiwohnte. Man hat bei Bernhard — ähnlich wie bei Naumann, nur daß Bernhard zu entgegengesetzten Schlußfolgerungen kommt — das Gefühl, als hätte er allzu lange abseits gestanden; jedenfalls trägt er mit einer deutlich merkbaren Entdeckerfreude Probleme vor, die uns allen längst bekannt sind, und kommt dabei,zu Lösungen, die ihn als in jüdischen .Dingen sachunkundig erweisen. Es muß beispielsweise gerade bei ihm als einem in der allgemeinen Politik beschlagenen Manne befremden, daß er an eine Juden-Emanzipation in den Ostländern nicht glaubt, obwohl ihre Anfänge deutlich sichtbar vor Aller Augen liegen; daß er in Ungarn und Rumänien eine Lösung der Judenfrage nur durch das Mittel der Minoritätenrechte für möglich hält, in.-Deutschland aber die Juden für „unlöslich verbunden" erklärt; daß: er dem Borwurf, die deutschen Juden leisten der deutschen Nation nichts, begegnen will durch die Mitarbeit an der Siedlung i n P a l ä st i n a! Das alles sind Widersprüche, aber keine Lösungen. .! Heiterkeit erregte seine Schlußbemerkung: „Es gibt nichts Schlimmeres, als aus Zeitungsartikeln unter allen Umständen sehr weitgehende Konsequenzen zu ziehen!" Fürchtet Georg Bernhard, an frühere Artikel von ihm selbst erinnert zu werden? Fürchtet er, daß seine C. V.-Rede als Zeitungsartikel gedruckt wird? Begreiflich wär beides * Wenn auch nicht alle Diskussionsredner hier genannt werden können, so soll noch erwähnt werden, daß — nachdem Dr. Brodnitz, der Vorsitzende des Vereins, gleich Holländer das Palästina-Problem als Nebenfrage hingestellt hatte, in der wir keine Ketzerrichter sein dürften, der stellvertretende Vorsitzende Dr. Bruno Weil-Berlin in glänzender Rede dieser Meinung entgegentrat. Das Auswärtige Amt habe das Pro Palästina-Komitee gegründet, weil es die Förderung der nationaljüdischen Belange für eine internationale politische Notwendigkeit halte; cs möge sich aber die Schäden des Deutschtums im Auslande, hauptsächlich in den an Deutschland angrenzenden Ostländern und abgetretenen Gebieten ansehen, die aus nationaljüdischer Propaganda entstehen. Auch zieme uns keineswegs nur Mitleid mit den bedrängten Chaluzim, die durch ihren irregeleiteten Idealismus in Not kamen, sondern weit mehr Mitleid mit unseren notleidenden deutschen Volksgenossen. Weits Rede entfachte langanhaltende Stürme des Beifalls. Prediger Dr. R o s e n t ha l - Berlin, Geh. Med.-Rat Prof. Dr. Fa l k e n he i m - Königsberg und Bernstein-Chemnitz ergänzten seine Ausführungen und stellten den Fehler im Schlußteil von Holländers Referat fest —: daß uns deutschen Juden zwar Palästina Nebensache sei, nicht aber die Pro Palästina-Tätigkeit, die die Nationaljuden unter unseren nichtjüdischen Mitbürgern entfalten. Man empfand allzusehr, daß die Zauberformel in ckudiis lidertss, mit der Holländer einer Durchführung seiner klar erkannten Unterscheidung von deutschen und nationalen Juden aus dem Wege zu gehen vermeinte, hier nicht zutrifft. — Bernstein- Chemnitz forderte sogar einen Zusatz zur Resolution Mecklenburg, derzufolge die Mitgliedschaft beim Pro Palästina-Komitee unvereinbar mit der beim Centralverein sei. Aus persönlichen Rücksichten lehnte die Versammlung diesen Antrag aber ab. * Unter den Sprechern der Gruppe, die für den reinen Abtvehrverein eintrat, zeigten sich nur zwei beachtenswerte Erscheinungen.: Rabbiner Dr. Sali L e v y - Mainz und R.-A. Dr. Erich Spitz- Breslau. ° * Das Ergebnis war die A »nähme der R e s o l u t i o n des Landesverbandes Sachsen. Sie lautet: „Die von den Zionisten in der Oefsentlichkeit betriebene Propaganda hat es dahin gebracht, daß die früher nur von den Judengegnern betonte Trennung von „Deutschen" und „Juden" in der öffentlichen Meinung mehr und mehr an Boden getoinnt; immer mehr verbreitet sich die Vorstellung, als gehörten die deutschen Juden nicht zum deutschen, sondern vielmehr zu einem über die ganze Erde verstreuten, in Palästina beheimateten jüdischen Volt. Dieser Zustand bringt die Errungenschaften eines mehr als hundertjährigen Emanzipationskampses in ernsteste Gefahr. Der C. V. muß daher wirksamer als bisher der zionistischen Anschauung entgegentreteii, nach welcher das Judentum die Volks¬ und Kulturgemeinschaft aller Juden und Palästina ihr nationales und kulturelles Zentrum sein soll. Das von den Zionisten behauptete oder angestrebte jüdische Volk ist nicht das der auf dem C. B.» Standpunkt stehenden deutschen Juden, da diese in nationaler und kultureller Hinsicht ausschließlich dem deutschen Volke angchören. Das Vorhandensein einer nationalen Einheit der Juden aller Länder wird schon durch diese Tatsache widerlegt. Gegenüber den Wirkungen der zionistischen Propaganda sieht der C. V. seine Aufgabe darin, seiner Auffassung von Deutschtum und Judentum in der Oefsentlichkeit Geltung zu verschaffen." Ferner wurden einige von Dr. Holländer vorgelegte Thesen akzeptiert uird ebenso Thesen über ein „Wirtschastsprogramm des C. V.", die Dr. Norbert Einstein ausgearbeitet und am Ende der Tagung begründet hatte. — Abends fand wiederum eine öffentliche Kundgebung, diesmal im Nordosten Berlins in den Unions- Fcstsälen, statt. VII. Tie Diskussion zeigte, daß die Erörterungen über den Zionismus re st los erschöpft sind. So glänzend der eine oder andere Redner sprach, so hohen ästhetischen Genuß es z. B. bereitet, Bruno Weil sprechen, zu hören und zu sehen: alle Argumente für und wider sind bekannt, und es gibt da keinen neuen Gedanken. Trotzdem sind Zeit und Aufwand der Centralvereins-Tiskussion nicht nutzlos vertan, denn wie die Annahme der Holländerschen Thesen den Centralverein als Gesinnungsverein kennzeichnet, so schreibt die Annahme der Resolution Mecklenbürg auch den Weg der Praxis vor: endgültige Trennung der deutschfühlenden Juden von den Nationaljuden, Abwehr der durch das Pro-Palästina-Komitee erfolgenden nationaljüdischen Propaganda in der deutschen Oefsentlichkeit. Tiefes Ergebnis ist in jedem Betracht zu begrüßen, cs schafft Klarheit über die verschiedenen Prinzipien, führt zu reinlicher Scheidung und befähigt den Centralverein aufs neue zu seinem Amt: Träger des Emanzipationsgedankens zu sein. Das führt auch uns wieder aufs engste mit ihm zusammen. Schasst, nach Holländers Worten, das Aufgeben per jüdischen Nation die Emanzipation der Jndenheit, so muß die Liberalisierung der jüdischen Religion die Emanzipation des Judentums bringen. Jndenheit und Judentum aber sollen hinaus in den Strom der Geschichte. Und damit muß die Debatte über den Zionismus endgültig geschlossen sein. Tie deutschen Juden sollen aufhören, sich mit ihm zu beschäftigen, sollen überhaupt aufhören mit Disputieren und gar noch mit Disputieren über ihre eigene, eingebildete Problematik. Zionismus und Palästina-Propaganda sind als uns feindliche Mächte erkannt. Kein Paktieren, kein Diskutieren — aber Weiterbau des Emanzipationswerkes ist not. Ein Sammelwerk Hermann Cohens Unter dem Titel „Hermann Cohens Schriften zur Philosophie und Zeitgeschichte" ist eine neue Sammlung aus dem Geistesschaffen des genialen Philosophen soeben erschienen. Herausgeber sind im Aufträge der Hermann-Cohen- Stiftnng der Akademie für die Wissenschaft des Judentums die Professoren Albert G ö r l a n d und Ernst C a s s i r e r. Von fachkundiger Seite wird der Jüdischen Telegraphen- Agentur hierzu noch mitgeteilt: „Das ganze Wesen des tiefen Denkers und feurigen Menschen offenbart sich in den „Schriften". Sie bilden eine sprachschöne und gemeinverständliche Ergänzung zu den schweren Büchern der Cohenschen Systematik. Tie vier Teile: „Systematisches", „Politisches und Zeitgeschichtliches", „Persönliches", „Rezensionen" entfalten einen ungewöhnlichen denkerischen und seelischen Reichtum. Zu früher GÄrucktem kommt Ungedrucktes oder Verschollenes. So das längst vergriffene und viel gesuchte „Prinzip der Jnfinitesimal-Methode", das hier den zweiten Band eröffnet.