Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 7 (17.2.1928)
- Date
- 1928-02-17
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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darin weiter, als manchem in den eigenen Rechen lieb war. Sein Aufsatz, in welchem er in den großen Gemeinden mit mehreren Gemeindeanstalten die Gleichberechtigung liberaler und gesetzestreuer Lebensführung forderte, erregte einen Sturm der Entrüstung namentlich bei denjenigen, die sich nicht die Mühe nahmen, die Dinge durchzudenken. Für ihn folgte diese Forderung ganz einfach aus der von chm immer betonten These der Gleichberechtigung der religiösen Anschauungen im Judentum. Nur der Oberflächliche oder der Böswillige kann heute noch sagen, daß der Liberale Bernhard Breslauer Zwietracht gewollt hat. Wer einer großen Bewegung im Judentum den Rahmen schafft, sie erhält und mit Leben füllt, der schließt unsere Rechen, indem er der Kette jüdischer Propheten, jüdischer Märtyrer, jüdischer Kämpfer und jüdischer Lehrer ein neues wertvolles^Älied einfügt. Soll ich hier noch über den Menschen etwas sprechen? Ich glaube, ich habe anderes nicht getan, als ihn uns wieder zurückgerufen, denn, wie bei jedem ganzen und guten Menschen, strömte die Arbeit und das Schaffen des Mannes aus seinem Menschentum. Er war eine große Persönlichkeit, nicht lediglich eine von den Kampfnaturen, die nur Achtung erzwingen konnte, sondern eine heiße Seele, die Liebe forderte und Liebe errang. Der Platz in seinem Hause ist leer, der Platz in unserm Herzen ist leer. Die Zeit wird lindern, ganz schließen wird sich die Wunde niemals. Uns bleibt das Erbe. Wir ehren chn, wir bringen das Totenopfer, wenn wir an seinem Werk fortarbeiten. Wir neigm uns vor dem, der gewesen ist, wir straffen uns stolz im Bewußtsein dessen, daß er uns ewig bleibt! Abschied? Dieser ist ein Mensch gewesen Und das heißt ein Kämpfer sein. Was ist der Mensch? Nur ein Nichts? Masse nur, belebt für dreißig, fünfzig oder achtzig Jahre? Ein Spielzeug überirdischer Macht, ihrem Willen untertan, von ihr schicksalsbestimmt? Mensch sein heißt mehr. Heißt wissen vom Ewigen, wissen vom Unehlichen, heißt vom Alltag zum Ewigen, vom Endlichen zum Unendlichen führen wollen. Bernhard Breslauer war ein Mensch. Er wußte von Menschlichem und er kannte das Göttliche. Er wußte, daß es galt, das Göttliche im Menscher: zu erkennen und zur Antriebskraft seines Willens zu machen. Ta er das glühende Gefühl für die Heiligkeit des Lebens besaß, war ihm der altjüdische Begriff des Mitmenschen religiöse Ge wißheit. So beginnt er eine Abhandlung über „Recht unü Rechtspflege" in der vom Verband der deutschen Juden herausgegebenen Schrift „Soziale Ethik im Judentum" mit der Feststellung: Im Judentum sind Recht und Rechtspflege auss engste mit der Religion verknüpft. Sie haben ihren Urquell und ihre wesentliche Grundlage in ihr. Daher ihre scharf aus geprägte sozial-ethische Richtung. Im Wesen des Judentums liegt der Glaube an den Nebenmenschen, „auch er ist ein Kind Gottes, er ist unser Bruder und derselbe wie wir, wir müssen deshalb seine im Ebenbilde Gottes geschaffene Seele kennen, für ihn sorgen und für chn einstehen." Und von der „lebendigen Kraft des Verständnisses für das Menschenrecht" zeugt die soziale Gesetzgebung der heiligen Schrift, deren Grundgedanke ist, daß „alle, die das Gebiet des Staates umfaßt, sittlich zusammengehören, Glieder einer sittlichen Pflichtengemeinschaft" sind. „Alle haben für das menschliche Bedürfnis jedes einzelnen... einzustehen ..." Bernhard Breslauer sprach nicht nur von den sozialen Grundgedanken unserer Religion, er versuchte sie zu verwirklichen. Nicht im lauten Getöse der Oesfentlichkeit, wo so oft die soziale Betätigung nur zur Beruhigung über eigenes unsoziales Verhalten dient, sondern in der Stille der Arbeit, wo soziale Betätigung um des M i t m e n s ch e n willen geübt wird. * „Wahrheit." Das war das letzte Thema, das Bernhard Breslauer vor etwa Jahresfrist - in den Spalten dieser Zeitung behandelte. Wahrheit, das war ihm Leitmotiv seines Lebens. Weil die Lehren des Judentums ihm Wahrheit bedeuteten, kämpfte er für seine Anerkennung und sein Recht. Und weil die Wahrheit des Judentums von dem Schutt der Jahrtausende verdeckt zu werden drohte, forderte er dessen Forträumung. Um der Forderung willen: „Wahrheit sei zwischen mt»" gründete er die Vereinigung für das liberale Judentum. Er wagte den notwendigen Schritt, den ihm vor 20 Jahren so viele verdachten und der heute bereits fast als Selbstverständlichkeit empfunden wird. Undank statt Anerkennung. Wollte Breslauer durch die Gründung der liberalen Vereinigung die Teilung des Judentums? Er wollte Wahrheit! Dazu war bewußtes Vorwärtsschreiten auf verschiedenen Wegen notwendig, doch das sollte der Stärkung und Erhaltung des Ganzen dienen, sollte Ehrlichkeit schassen. In einer Ansprache, die Bernhard Breslauer im Jahre 1912 bei der Posener Versammlung der Vereinigung für das liberale Judentum hielt, führte er aus: „Es war vor grauen Zeiten, daß zwei Brüder miteinander uneins wurden, daß der eine von dem anderen nichts mehr wissen wollte und beide sich voneinander trennten. Ter eine, der jüngere, tatkräftigere Bruder ging in die Welt hinaus, um zu zeigen, was er sei mü> was er leisten könne. Uh als sie dann nach langer Zeit sich wieder zusammenfanden - es war auf einem Hügel hier in der Nähe da ries der eine dem anderen zu: poznam ich erkenne Tich! Ter ältere erkannte den jüngeren, ein jü»er erzählte, was er geleistet, sie freuten sich ihres genreinsamen Strcbens und sie errichteten zur Feier ihrer Wiedervereinigung die Stadt, in der wir uns hier befinden. Das ist das Märchen von der Entstehung der Stadt Pose::. Und so kenne ich auch zwei Brüder, von denen der eine von dem anderen nichts wissen wollte, und von denen der jüngere in die Welt hinauszog, um zu zeigen, was er leisten kann. Und dieser jüngere Bruder, das sind die liberalen Juden. Ter jüngere Bruder wlll seine Kraft bewähren und wlll zeigen, was er leisten kann. Er ist treu, wie der aridere Bruder, in seinem Herzen gegen seinen Gott. Aber er wlll die Religion so leben und sie so den Kindern lehren, wie er es aus seinem religiösen Empfinden und den heutigen Zellverhältnissen nach für richtig hält. Und so wird er seine Lehren in die Jugmd hinaustragen und wird der Jugend zeigen, daß man ein guter und ein frommer Jude sein kann, wenn man seinem Gott treu dient, auch wenn nicht alle Fmmei^ die der andere Bruder zu üben gewohnt ist, von chryMML werden. Und dieser jüngere Bruder wird dann ^^MMn Tage des Wiedersehens von seinem älteren BrÜoW^ckngetroffen werden, und der ältere Bruder wird sagen»^.chOtz»am! ich erkenne Dich! Ich erkenne Dich als meinen Bruder, der so wie ich seinen Gott ewig im Herzen tragt, der so wie ich allezell nur die jüdische Religion heiß geliebt hat, die jüdische Religion, die da war, als noch tzitze andere Religion war, die durch alle Zellen und durch alle Verfolgungen hindurch chre Kraft bewährt hat,.^/ hie jüdische Religion, der keine Verfolgung, keine Unterdrückung, keine Einsperrung in ein Ghetto geschadet hat, bte,rimmer wieder wie ein Phönix aus der Asche emporgestiegen ■. ist und immer die Religion, die wahre Religion stwar". * Vv.; Tiefer ist ein Mensch gewesen, K;' Und das heißt ein Kämpfer seitt! - •,; Breslauer war der Kampf nie Selbstzweck.' Niemals auch war ihm der Kampf Wille zur Vernichtung, stets war er chm Wille zum Aufbau. Ihm war der Kampf - - mochte er gegen die Unduldsamkeit der Orthodoxie öder gegen die zionistische Verirrung, mochte er gegen die Benachteiligung der Liberalen durch „liberale" Gemeindeverwaltungen" oder gegen die mangelnde Betätigung der eigenen Uebetzeugüüg bei den Rabbinern gehen chm war der Kampf stets ein Kampf f ü r die Erfüllung seiner religiösen Sehnsucht, f ü r seinen Mitbruder, für die Wahrheit. ' Ein Kämpfer war Benchard Breslauer für die Heiligung des Lebens. Das machte ihn zum Führer des liberalen Judentums, das machte ihn auch zum Führer von uns Jungen im liberalen Judentum, die - auch als er nicht mehr den Vorsitz in der Vereinigung führte sich in manchem entscheidenden Stunde fragten, wie er wohl die erörterte Frage entscheiden würde. - Ein Kämpfer war Bernhard Breslauer für die Heiligung des Lebens. Er wird, auch da er nicht mehr unter uns weilt, diesen Kampf wellerführen durch die Organisation,^ die er schuf: die Bereinigung für das liberale Judentum. ■ Wer seinen Kinderlraum sich rein bewährt In einer nackten, unbewehrtcn Brüst ' Und wider das Gelächter einer Well, Wie er als Kind geträumt, zu leben wähl. Bis auf den letzten Tag: der ist ein',Mann. Das gilt für Bernhard Breslauer. Ex kann uns nicht genommen werden. Er lebt. Brutto W o y d a. Sem Leben Bernhard Breslauer wurde am 16. November 1851 in Posen geboren. Er war der erste Anreger/einer ständigen öffentlich-rechtlichen Vertretung der deutschen Inden, in Ber folg deren später der Verband der deutschen Juden, begründet wurde. In ihm war Bernhard Breslauer,,an , vorderster Stelle tätig. Im Jahre 1890, also mit 40 Jahren, was.für damalige Verhältnisse höchst ungewöhnlich war, wurde Bernhard Breslauer in den Vorstand der Berliner jüdischen Gemeinde gewählt, dem er vom Jahre 1911 ab als stimmberechtigtes Mitglied angehörte. Von seiner Betätigung in' dtzn. zahlreichen Kommissionen der Gemeinde sei insbesondere die im Schulvorstand und in der Rabbinerwahl-Kommission' erwähnt. Bernhard Breslauer wirkte in diesen beiden Kommissionen als einer der besten Sachkmner und als fest in -der eigenen Ueberzeugung wurzelnder und gerade deshalb allem gerecht werdender Führer. Damals hat gar mancher der.' jetzt in Berlin wirkenden Rabbiner und Lehrer den Weg zw ihm gefunden. Insbesondere widmete sich Breslauer auch der sozialen Arbeit und Wohlfahrtspflege. Als Vorsitzendst ider Kriegs- Hilfs-Kommission hat er die gewaltige Not vph Tausenden zu lindern sich bemüht. Tie russischen FamMenv die in Ermangelung aller Hilfsquellen auf die Sptlfe der Berliner jüdischen Gemeinde angewiesen waren, danken chm zum großen Teil Unterstützung und Ermöglichung des Aufbaues einer neuen Existenz. Ueber die ungeheure Arbeit, die iMder schweren Zeit des Krieges von der Kriegshllfs-Kommission der Berliner jüdischen Gemeinde zu leisten war, hat- Bernhard Breslauer vor Jahren in den Spalten dieser Zeitung ausführlich und anmutig in der Bescheidenheit, die nhnr eigen war, erzählt. Jederzeit stand er der Schriflleitung dieses Blattes mit Rat und Tat zur Seite, wie überhaupt ihm die Arbeit für das liberale Judentum, das ihm das -Judentum bedeutete, HerzensbÄürfnis war. Als besonders bemerkenswert ist zu erwähnen, daß Breslauers erster Referehar der jüngst verstorbene Justizrat Leo L i l i e n t h a l war, mit dem ihn lebenslange Freundschaft aufs innigste verband, und dem er in unserem Blatte einen tiefempfundenen Nachruf widmete. Bon Sreslauers Schriften seien erwähnte „Recht und Rechtspflege" in „Soziale Ethik im Judentum", die jüdische Wohltätigkeit und Wohlfahrtspflege in Deutschland" im „Archiv für Bolkswohlfahrt", „Tie Organisation der privaten Wohltätigkeit in Berlin", „Abwanderung der Juden aus der Provinz Posen", „Das Recht nach dem System des Bürgerlichen Gesetzbuches". Kalendarium f. die Zell v. 18. 2. b. 25. 2. 28 Februar 1928 | Schrwat 5688 Sonnabend 18. 27. Neumondwclhe: P. Schckalim Wochenabschnitt: Mischpotim Hastarah: Könige II 12,1—17 Sabbat-Ausgang: 6.05 Uhr Sonntag 19. 28. Montag 20. 29. Jom Kipppr. Koton Dienstag 21. 30. 1. Tag Rosch Chodesch Adar 5688 Mittwoch 22. 1. 2. Tag Rosch Chodesch Donnerstag 23. 2. Freitag 24. 3! Sonnabend 25. 4. Wochenabschnitt: Terumoh Haftarah: Könige I Kap. 5,26—5 6,1-6,13 Sabbat-Ausgang r 6.18 Uhr Nur Heimakgefinnung schafft Heimatrechtl Verlauf und Ergebnis der Hauptversammlung de» Lentralvereln» deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens Bon George Goetz. Ein Begriff füllt den Menschen nicht aus, macht ihn nicht handeln, beruhigt ihn nicht. Dieses alles wirkt nur die Ä e s i n n u n g. Feuchtersleben. 1. Tie starke Altteilnahme, die die Vereinigung für das liberale Judmtum, wie an der Gesamtentwicklung des Centralvereins deutscher Sßaatsbürger jüdischen Glaubens, so auch an seiner soeben abgehaltenLn Hauptversammlung nimmt, hat ihren Grund in der Tatsache, daß das religiös-liberale Judentum, welches eine Religion nicht nur des Kopfes und der Bücher, sondern des Herzens und der Verwirklichung sein will, in den politischen Konsequenzen seiner religiösen und religionsgeschichtlichen Erkenntnisse zur Bejahung der Emanzipation führt. Es ist kein Zufall, daß die Anfänge der jüdischen Reformbewegung und die Anfänge der Emanzipation zeitlich und geographisch zusammenfielen, daß die heutige liberale Judenhell sich rückhaltlos zur Emanzipation bekennt, und daß es in den Ländern des Ostens, in denen wir noch vor der Juden-Emanzipation stehen, auch noch keinen eigentlichen religiösen Liberalismus unter den Juden gibt. Rein äußerlich tritt der tiefe Zusammenhang zwischen hem religiösen Liberalismus und dem Emanzipationsgedanken dadurch in Erscheinung, daß die weitaus meisten Mitglieder, und vor allen die Gründer und Führer derjenigen Organisation, die in Deutschland Trägerin der Emanzipationsbewegung ist, des „Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" dem religiösen Liberalismus zuneigen, uh daß ferner wohl nahezu alle Mitglieder der „Vereinigung für das liberale Judentum" zugleich auch Mitglieder des Centralvereins sind. - Tie Tatsache, daß der Centralverein — ungeachtet seiner ideologischen Berührungspunkte mit dem religiösen Liberalismus in religiöser Hinsicht neutral sein muß, daß ihm neben der überwiegenden Mehrzahl liberaler auch ein ge wisser Prozentsatz orthodoxer Juden angehört, können wir außer Betracht lassen; sie erklärt sich daraus, daß die orthodoxe Judenheit in dem gleichen geschichtlichen Bewegungsstrom steht wie wir Liberalen man vergleiche nur die Ortho-, doxen von heute in ihrem Denken, ihrer Lebenshaltung, ihrer Stellung zur Emanzipation mit den Orthodoxen vor hundert Jahren. II. Daß wir alle im gleichen Strom des Denkens und Lebens stehen, zeigt sich u. a. auch darin, daß die allgemeine Kulturkrise der europäischen (und amerikanischen) Menschhell sich auch in der Judenheit auswirkt. Was insbesondere die deutschen Juden angeht, so kann man wohl sagen, daß sie sich auf einem derartigen Tiefstand des Denkens, in einer s» heillosen Finsternis und beklagenswerten Konfusion befindet, daß sich ein noch weiteres Bergab schlechthin nicht mehr vor stellen läßt. Anstatt sich nach der klaren Berschiedenartigteit der Prinzipien hie jüdische Deutsche, zur deutschen Nation gehörig und in ihr die Gleichberechtigung verlangend; hie Natiormljuden, zu einer eingebildeten oder angestrebten jüdischen Nation gehörig und in Deutschland nicht mehr als nur Ausländer- oder Minoritätenrechte fordernd anstatt nach solcher prinzipiellen Verschiedenheit sich nun auch wirklich zu scheiden, sucht man die Divergenz hinwegzuredeu. Unvereinbares zu vereinbaren uh anstelle klarer Gedanken verschwommene Gefühlchen zu Ordnern unserer Lebenspraxis zu machen. Dieser Zustund, in seinen Folgeerscheinungen unter dem Namen „Jnnerjüdische Kämpfe" ebenso bekannt wie beliebt, zeigt sich in allen unseren jüdischen Organisationen, unsere eigene Liberale Vereinigung ist von ihm keineswegs verschont geblieben, der Eentralverein als zahlenmäßig größte deutsch-jüdische Vereinigung hat naturgemäß am meisten unter dieser Zeitkrankheit zu leiden. III. Besonnene Elemente, Persönlichkeiten, die weder von des Gedankens Blässe angekränkelt, noch von der Mißgedianken Schminksarbe fasziniert waren, beobachteten seit einiger Zeit mit Besorgnis, wie die allgemeine Unfähigkeit zu klarer Ge oankenerfassung mehr und mehr auch unter den Mitgliedern des Centralvereins Platz griff, diesen in seiner Stoßkraft schwächte und damit die deutsche Judenheit ihrer stärksten Stütze uh bewährtesten Vertretung zu berauben drohte. S» kam es, b ei aller Zustimmung zur Tendenz des Eentralvereins, doch zu mancher Kritik an seiner Taktik, - ja, einige fürchteten sogar, daß ihm vor lauter Taktik die Tendenz vertorengehen könne, zogen sich grolleud zurück, gründeten Parallelvereine oder suchten (wie jüngst in diesem Blatt Hugo O st - berg) durch Veröffentlichungen die klare Linie wiederherzu stellen. IV. Ter Punkt unserer Schwierigkeit nach außen, das Hindernis unserer Selbsterkenntnis nach innen ist das National judmtum, ist dies am stärksten in seiner konzentriertesten Form, dem Zionismus. Gehören wir zur jüdischen Nation, so gehören wir nicht zur deutschen Nation; gehören wir nach Palästina, so gehören wir nicht nach Deutschland. Tie fortschreitehe Propaganda der Nationaljuden und Zionisten aber läßt die Oesfentlichkeit mehr und mehr glauben, 'wir gehörten zur jüdischen Nation und gar nach Palästina, was früher in Deutschland lediglich die Antisemiten glaubten. So mußte der Centralverein, nach einem früheren Worte Holländers, aus grundsätzlichen Erwägungen seine sonst in innerjüdischeu Trugen geübte Neutralität dem Nationaljudentum gegenüber aufgeben. („Das deutsche Judentum, seine Parteien und Organisationen", S. 71. Verlag der Dienen Jüdischen Monatshefte, Berlin-München 1919.) Der Centralverein bekämpfte den Zionismus und seine gefährliche Propaganda, unb hier nun setzen die Apostel der Verwirrung ein. Rtden davon, daß die nationale Einheit der Juden aller Länder nicht im Widerspruch stehe zur nationalen Gleichberechtigung der deutschen Juden in Deutschland. Reden davon, daß man den Judenhaß in Deutschland bekämpfen, Abwehr treibm könne auf Grund verfassungsmäßiger, formaler Garantien, ohne aber in der Frage nach (dies verpönte Wert muß hier gebraucht werden, es gibt kein anderes) nationaldeutscher oder nationaljüdischer Gesinnung eine Entscheidung zu treffen. '