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Jüdisch-liberale Zeitung · 1928-02-17 · 7 (17.2.1928) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
8 (1928)
Issue
7 (17.2.1928)
Date
1928-02-17
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
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Zahrgang Kernhard Kreslauer Unserm Führer rnm Gedächtnis Uon Rechtsanwalt Heinrich Stern Er ist gestorben wie er lebte. Siech und matt, von Krankheit zermürbt, hätten wir ihn uns nicht denken können. Eben hatte er ein tückisches Leiden siegreich überwunden, war zurückgekehrt in den Kreis seiner Familie und zu seiner Arbeit, da riß ihn ein tückischer Unfall schnell und jäh aus vollem Leben. Und wenn in den ersten Stunden der Erschütterung eine volle geschichtliche Würdigung seines Wirkens nicht möglich ist, so leuchtet doch sein Bild so hell in unser» Herzen, daß wir garnicht anders können, als hier noch einmal auszusprechen, was er uns war und was er uns bleiben wird. Bernhard Breslauer stammte aus streng gesetzestreuer Umgebung. Er wuchs auf in lebendiger Fühlungnahme mit dem Judentum, wie es sich in kleinen und mittleren Gemeinden in der Mitte des vorigen Jahrhunderts noch erhalten hatte. Hier legte er den Grund zu seinem jüdischen Wissen, und hier ward er ungefüllt mit der glühenden Liebe zur jüdischen Gemeinschaft, die das Treibende, Bewegende in seinem Leben war. Hier aber lernte er auch scheiden zwischen dem, was zufällig! geworden, im Alter erstarrt, und zwischen dem, was ewig lebend und unverwelklich im Judentum ist; und wenn er später manchen Strauß mit dem gesetzestreuen Judentum ausfocht, so konnte man ihm wenigstens nicht vorwersen, daß er davon sprach, wie der Blinde von der Farbe, sondern sein Liberalismus war erwachsen aus allerpersönlichstem Erleben und Leiden. Es war nicht ein konstruiertes Lehrgebäude, das chn unter vielen Theorien gerade den Liberalismus wählen ließ, sondern es war heißer Zwang und innere Notwendigkeit, die in ihm Erkenntnis und Bekenntnis unserer Sache wachries und wach erhielt. Wohl soll in diesm Blättern in erster Linie von dem liberalen Juden Bernhard Breslauer gesprochen werden; man darf aber niemals dabei übersehen, daß er kein Parteisanatiker war, der sich, so stark ihn seine Weltanschauung auch beeinflußte, in Parteidogmen und Parteifehden erschöpfte und zerrieb. Wie er das liberale Judentum nie als einen Teil, sondern als das lebendige Judentum auffaßte, so ist er eingetreten für alle Gemeinschaftswerte und Gemeinschaftswerke in unserer Mitte. Er hat im Abwehrkampf gestanden. Sein Werk über die Zurücksetzung der Juden in der Justiz erregte damals größtes Aufsehen und war ein lauterer und wirksamerer Protest gegen die Rechtsungleichheit, als viele Volksversammlungen und phrasenhafte Zeitungsartikel. Wie es bei seiner im tiefsten Innern freundlichen und gütigen Natur nicht anders möglich war, hat er innigsten Anteil genommen an allen sozialen Bestrebungen im Judentum. An seiner Schrift über die jüdischen Wohlfahrtsanstalten in Deutschland kann keiner Vorbeigehen, der auf diesem Gebiete arbeitet. Mit Stolz und Genugtuung dürfen wir heute, wo nach fast dreißig Jahren der Gedanke einer Gesamtorganisation der deutschen Juden sich seiner Verwirklichung nähert, darauf Hinweisen, daß er es war, der zuerst die Idee eines allgemeinen Judentages in Deutschland verkündete, eine Idee, aus der später in einer von ihm selbst nicht unbedingt gutgeheißenen Verkleinerung der Verband der deutschen Juden erwuchs. Er wurde so zum Propheten der Einheit der jüdischen Gemeinschaft, und nichts ist kurzsichtiger und verkehrter, als ihn einen einseitigen Doktrinär und Fanatiker einer Richtung im Judentum zu schelten. Gerade aus seinem Bewußtsein heraus, daß alle Kräfte im Judentum Mitarbeiten müßten, daß keine Richtung im Judentum unterdrückt, zurückgesetzt werden dürfte, war er es, der immer wieder in der Gemeindepolitik dagegen auftrat, daß man das liberale Judentum als ein bloßes Minus gegenüber dem gesetzestreuen Judentum, als eine Erleichterung und Verlleinerung der Orthodoxie hinstellte, und daß das gesetzestreue Judentum als das normale, das liberale als das zwar leider geübte, aber im Grunde doch verpönte Judentum aufgefaßt wurde. Er erkannte aus der vielfältigen Praxis des Gemeindelebens und aus feiner den Schriften eines Abraham Geiger und seiner Jünger entnommenen Kenntnis, daß eine Plattform geschaffen werden müsse zur Aufklärung der Freunde, zum Werben der Schwankenden und zum Kampf gegen Hasser und Verkleinerer des liberalen Judentums. Es war seiner Natur gemäß, Kräfte zu sammeln, ein Fanal aufzustecken, zu organisieren. Ten Gemeinschaftswillen, den er in sich trug, mußte er in lebendige Wirklichkeit umsetzen. So hat er mit einigen Freunden, von denen ihm viele im Tode vorangegangen sind, einige noch unter uns weilen, insbesondere mit dem unvergeßlichen Heinemann Vogelstein und unserem Cäsar Seligmann zusammen, unsere Bereinigung, die Organisation des liberalen Judentums, geschaffen. Das schreibt sich so hin, aber man muß die Gründungsgeschichte kennen, um zu wissen, was dazu gehörte, die Bedenken der Einzelnen, die Aengstlichkeit der hochmögenden Gemeindegewaltigen, die sich liberal nannten, die Unwissenheit der großen Masse und den verblendeten Haß der Gegner zu überwinden. Es gehörte eine Natur dazu, glühend wie lebendiges Feuer, scharf wie Stahl und lauter wie die Wahrheit selbst, um all diese verschiedenen Elemente zu einen und die Gegnerschaft im eigenen und im fremden Lager zu überwinden. Er hatte das Geheimnis, er war zum Führer geboren. Nicht groß von Gestalt, ein Kavalier der alten Schule, liebenswürdig, humorvoll, ein witziger Gesellschafter, dem auch die Kunst des Neimens nicht fernblieb, wuchs er doch sichtbar, wenn er auf die Sache kam. Tann straffte sich seine Gestalt, die Augen blitzten und leuchteten, und die Stimme schlug in die Herzen. Noch heute spricht man in den Gegenden, in denen er persönlich für die Vereinigung warb, besonders im Westfälischen, von dem Zauber, der aus seiner Rede quoll, von dem Glutstrom, der plötzlich, wenn die Seite seines Innern berührt wurde, aus ihm herausbrach. Es war natürlich, daß ein Mann dieses Formats Gegner wecken mußte, daß er selbst seine Klinge zog und dreinschlug; aber er war ein Streiter mit blanken Waffen. Nichts haßte er so sehr, wie persönliche Verunglimpfung des Gegners. Noch auf der letzten Versammlung unserer Vereinigung, der er beiwohnte, erhob er sich einmal, als der Meinungsstreit ins Persönliche umzuschlagen drohte, und mahnte mit einem ungewohnten Ernst und mit einer Eindringlichkeit, die gerade bei diesem alten Kämpen am stärksten wirkte: „Seid freundlich zueinander!" - Es ist absolut falsch, zu behaupten, daß er Orthodoxie und Zionismus gehaßt hat. Er hatte eine ungeheuchelte Hochachtung vor jeder ehrlichen Ueberzeugung; insbesondere hafteten die Eindrücke der Jugend fo fest an ihm, daß er stets tiefsten Respekt vor einem Konservatismus im Judentum hatte, der nicht zur Gesetzestreue predigte, sondern übte, und wenn er auch dm Zionismus ablehnte, weil er im Nationaljudentum die Herabminderung der Weltgeltung der großen jüdischen Gemeinschaftsid-ee bekämpfen zu müssen glaubte, so hat er nie die Ehrlichkeit und den Opfermut zionistischer Führer, insbesondere der zionistische Jugend verkannt. Einer der maßgebenden Führer des deutschen Zionismus ist jahrelang sein Berussgenossc und blutsverwandter Freund gewesen. In den Räumen desselben Büros fanden eine Zeit lang in einem Zimmer Konferenzen liberaler, im andern zionistischer Führer statt. Er stand so fest in seiner Ueberzeugung, daß er wohl in der Oeffentlichkeit die Sache bekämpfen konnte, aber sich nicht davor ängstigte, mit Männern gegnerischer Ueberzeugung in Achtung und Freurckschaft zu verkehren. Nur eines hat er sein Leben lang gehaßt und bekämpft, das war die Lüge. Unwahrhaftigkeit war ihm ein Greuel, und hier konnte seine innere Glut zu verzehrendem Feuer werden, das der Gegner fürchten mußte. Er haßte die, die auf beiden Schultern trugen; er verachtete die, die, selbst gesinnungslos, von anderen Opfermut und Gesinnungstreue forderten. Wie er selbst wahr und gerade war, folgerichtig denkend und folgerichtig handelnd, so konnte er wohl einem aufrichtigen Gegner nach beendigtem Kampf die Hand bieten, wer ihn aber heimlich begeiferte und ins Gesicht freundlich tat, dm schlug er, daß es brannte. Breslauer hat dem liberalen Judentum aber nicht nur die Organisation geschaffen. Ihm war die Organisation nur Mittel zum Zweck. In Wort und Schrift ist er für die Weltgeltung des liberalen Judentums eingetreten. Als Voraussetzung für diese Weltgeltung forderte er bei den Freunden Wissen und Opfermut, bei den Gegnern Gerechtigkeit. Er hat mit schonungsloser Energie angekämpft gegen die Phrasendrescherei in den eigmen Reihen, die mit volltönenden Worten ihre Unwissenheit in jüdischen Dingen nur schlecht bemäntelte. Er ist daher stets in erster Linie für die Unterweisung und für die Selbsterziehung der Jugend eingetreten; er hat auch von dm Aelteren verlangt, daß sie in die Quellm unseres jüdischen Wissens hinabsteigen. Wie er in seiner Gemeindearbeit gerade die Arbeit an der Schule besonders liebte, so ist er für die Mehrung des jüdischm Wissens in unfern Reihen bis zuletzt aufs wärmste eingetreten. Es entsprach aber seiner Natur, daß ihm mit der bloßen Erkenntnis allein nicht gedient war. Er war eine Bekennernatur und verlangte auch von anderen ein Eintreten für das einmal als recht Erkannte. Ihm genügte endlich nicht das bloße Schreier- und Klopffechtertum der Volksversammlungen. Wie er in jahrelanger schwerer Arbeit seiner Muße und seiner Familie die besten Stunden abgerungen hatte, um sie dem Judentum zu opfern, so verlangte er auch von denen, die Führer sein wollten, Opfer der Persönlichkeit, Opfer der Tat. Er durfte sie fordern, da auch er sie gebracht. Was hat er in der Zeit vor zwanzig Jahren bis etwa zum Beginn des Krieges heran für uns an Konferenzen, Briefen, Vorträgen, Versammlungen geleistet, wie hat er in vorderster Reihe gestanden, wenn man chn rief. Darum liebte er auch das liberale Judentum, liebte unsere Vereinigung zugleich mit der Liebe des Sohnes und des Vaters. Er war ein demütiger und dankbarer Sohn der alten prophetischen Religion; er war ein Vater aller derjenigen, die in ernstem Ringen und Suchen sich den neuen Weg zum alten Ideal bahnten. Gerade der Schreiber dieser Zeilen möchte in Dankbarkeit und Liebe davon sprechen, wie er ihn sowohl in den großen Linien wie auch in vielen Einzelheiten die Wege gewiesen hat, als er begann, für die Sache des Liberalismus organisatorisch zu arbeiten. Ich weiß, daß Bernhard Breslauer nicht immer mit der Art zufrieden war, in der ich unsere Sache fortführte, dennoch ist er mir niemals ernsthaft entgegengetreten, weil er wußte, daß ich auf meinem Wege zum gleichen Ziele strebte wie er. Er hatte wohl manchmal einen gutmütig-ironischen Spott für meinen jugendlichen Optimismus, der daran glaubte, mit der Reinheit der Gründe den Gegner zu entwaffnen. Er wies mich darauf hin, daß es leider im Leben nicht nur ehrliche Gegner gäbe, sondern auch die Schützen der vergifteten Pfeile. Darin aber stimmten wir voll überein, daß wir mit der Vereinigung eine Pflanzstätte wahrer Religiosität, ernsten Wissens und jüdischer Gemeinschaftsarbeit schaffen und erhalten wollten. Hatte er so im Innern den Grund gelegt für eine anfangs kleine aber sich immer starker wehrende Schar wahrhaft religiös Liberaler, so verlangte er auch in der Öffentlichkeit den Respekt vor unserer Wellanschauung. Wie er in der Oessentlichkeit immer wieder für die Weltgeltung des Judentums gegenüber anderen Religionen und Strömungen eingetreten ,ift, so verfocht er im innerjüdischen Kampf kraftvoll die These von der Gleichberechtigung des Liberalismus. Er ging

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