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Jüdisch-liberale Zeitung · 1928-02-03 · 5 (3.2.1928) · page 5

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
8 (1928)
Issue
5 (3.2.1928)
Date
1928-02-03
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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8. Jahrgang Nummer 5 Beilage 3. Februar 1928 IMchÄnaleZeiblllL « schränkt zu werden, sondern weil er aus rein religiöser Er- I Pein und seinem Widerspruch ins Drinnen auszunehmen, das griffenheit aus vollem Herzen die Worte unterschreibt, die Drinnen mit all seinem Heil und seiner Forderung im wieder in der „Jüdischen Bewegung" (II) stehen: „Wer alle Draußen zu verwirklichen, von dem darf gesagt werden, daß Kraft seiner Seele dransetzt, das Draußen mit all seiner | er jüdisch lebt." Marti« Vuber Zu seinem 50. Geburtstag am 8. Februar. Von Rabbiner Dr. Gottschalk, Frankfurt a. M. An dem 50. Geburtstag Martin Bubers nimmt auch der jüdische Liberalismus herzlichen Anteil. Stände die gesamte zionistische Bewegung in Bubers Bann, so wäre der grundlegende Unterschied gewiß nicht ausgelöscht — nationalbedingtes oder nichtnationalbedingtes Judentum —, aber es ständen sich immerhin zwei religiöse Typen gegenüber. Denn religiöse Inbrunst — die Hitlahabuth der Chassidim — ist der tieffte Kern Bubers und hier fühlt sich ihm der Liberale wesensverwandt. Ob er im „Geist des Judentums" schreibt: „Die jüdische Religiosität ist nicht, wie viele glauben, ein Gegenstand zwar von besonderer Würde, aber von unerheblicher Aktualität für die sogenannte „Lösung der Judenfrage", sondern sie ist wie von je, so auch jetzt, für das Judentum der einzige Gegenstand von absoluter Aktualität, Triebkraft seines Schicksals, Richte seiner Bestimmung, die Gewalt, deren Aufflauen es neu beleben, deren völliges Verlöschen es dem Tode überantworten würde. Erneuerung des Judentums bedeutet in Wahrheit: Erneuerung der jüdischen Religiosität" — vb er in „Cheruth" der Jugend sagt: „Glaubenssätze und Vorschriften sind nur das wechselnde Ergebnis der Versuche des Menschengeistes, das Wirken des Absoluten, das sich an ihm ereignet, in einer sinnbildlichen Ordnung zu fassen" — th er im „Heiligen Weg" also mahnt: „..euch ist Gott einer, der einstmals schuf und nicht weiter; uns aber ist er das, von dem das Volk bekennt, daß er „an jedem Tage das Werk der Schöpfung erneut", und wahrlich, er erneut es an «ns und durch uns und will durch uns zu neuer Wirklichkeit eingehen" - ob er immer wieder „Tat", „Verwirklichung" als wesentliche Momente der Religiösen betrachtet, — ob er sich im „Weg zum Chassidismus" als einen „ewig «eu um Gottes Licht ringenden und ewig neu an Gottes Abgründen vergehenden Menschen" bezeichnet — ob er in seinen vielen chassidischen Büchern — man könnte von einer chassidischen Bibel in mehreren Büchern sprechen - eine verklungene tiefreligiöse Welt, eine Welt neuen Fühlens zu neuem Leben erweckt — immer ist es der gleiche Grundteil seines Wesens, der ihn zur Andacht stimmt und fromm macht. Gewiß nicht im üblichen Sinn - Buber möchte sich weder liberal noch orthodox nennen —, aber jedenfalls im religiösen. Er ist in seiner Religiosität zum letzten Kern vorgedrungen und empfindet diesen und diesen allein als jüdisch. Bekannt ist seine Abgrenzung der Religion gegen Religiosität im „Geist des Judentums": „Religiosität ist das ewig neu werdende, ewig neu sich aussprechende und ausformende, das staunende und anbetende Gefühl des Menschen, daß über seine Bedingtheit hinaus und doch mitten aus ihr hervorbrechend ein Unbedingtes besteht, sein Verlangen, mit ihm lebendige Gemeinschaft zu schließen und sein Wille, es durch sein Tun zu verwirklichen und in die Menschenwelt einzusetzen." — Religion ist die Summe der Bräuche und Lehren, in denen sich die Religiosität einer bestimmten Epoche eines Volkstums ausgesprochen und ausgeformt hat, in Vorschriften und Glaubenssätzen festgelegt, allen künftigen Geschlechtern ohne Rücksicht auf deren neu gewordene, nach neuer Gestalt begehrende Religiosität als für sie unverrückbar verbindlich überliefert." Und so ist Buber schließlich doch liberal. Wenn er den Namen für sich ablehnt und sich in der Bewegung nicht betätigt, so einmal, weil er wohl nicht den Anschein erwecken möchte, den heutigen Kultus als für sich maßgebend zu betrachten — er geht eigene Wege —, vor allem aber, weil ihm überhaupt Kultusfragen zurückstehen hinter der letzten Frage — Gott und Religiosität. Buber gehört zu denen, die die Erweiterung der religiösen Basis, von der ich einmal sprach, auch als dringlichst empfinden und der sie für sich jedenfalls durchgeführt hat. Freilich, es gibt einen dritten Grund, aus dem heraus er nicht liberal Mitarbeiten kann — seine unlösliche Verbundenheit mit dem jüdischen Volksgedanken. Ihm erscheint die Verwirklichung jüdischer Religiosität nur auf urjüdischem Boden möglich, nur in engster jüdischer Gemeinschaft — von der aus er freilich auf die ganze Menschheit wirken will. Denn verleugnen oder sich abschließen gegen Kulturen der Umwelt liegt ihm fern. „Es wäre sinnlos", sagt er in „Völker, Staaten und Zion", „sich etwa von der umgebenden Kultur freimachen zu wollen. Wir wollen und dürfen uns bewußt sein, daß wir in einem prägnanteren Sinne als irgend ein anderes Volk der Kultur eine Mischung sind. Aber wir wollen nicht die Sklaven, sondern die Herren dieser Mischung sein." Und schön ist es gewiß, wenn er in der „Renaissance" des Judentums nicht nur die Möglichkeit sieht, „ins Gehen, Singen und Arbeiten so viel Seele zu legen wie in die Behandlung intellektueller Probleme", sondern von dieser Renaissance auch erwartet, daß sie den „Festen der Tradition eine zweite Jugend schenken" wird, wie er sich in der „Jüdischen Bewegung" (I) vernehmen läßt. Und doch hat er sich seit Jahren schon von der eigentlichen Arbeit in der zionistischen Bewegung zurückgezogen. Vielleicht, weil er dort wenig Gegenliebe für seine Gedanken und Bestrebungen findet, wohl aber auch deshalb, weil es ihm überhaupt nicht gegeben ist, Führer auch im praktischen Sinn zu sein und sich an die Spitze einer Bewegung zu stellen. Er läßt seine Bücher wirken, er gibt Zeitschriften heraus oder mitheraus („Der Jude", „Die Kreatur"), er hält Vorlesungen über Jüdisches an der Universität in Frankfurt, er übersetzt mit Rosenzweig die Bibel, er sammelt „Exstatische Konfessionen" aller Völker, verbreitet sich über Allgemeines sowie über Jüdisches („Daniel" — „Die Rede und die Lehre und das Lied" — „Ich und Du" u. a.) und wartet auf Erfüllung. Er erschwert sich den Weg dazu nicht selten durch eine dunkle Sprache, die ihn in Rede und Schrift (oft genug auch in der Bibelübersetzung) nur wenigen verständlich erscheinen lassen. Und doch will uns scheinen, daß gerade der Liberalismus, sofern er wirklich religiöse Erneuerung will, eine Erweiterung der religiösen Basis ernstlich erstrebt und auch an „Gott" dabei nicht vorübergeht, in Bubers Schriften tiefe Einblicke tun müßte. Gewiß nicht, um durch ihn national einge- Stalin, Trotzki und Man hätte annehmen sollen, daß der Kampf innerhalb der russischen kommunistischen Partei ein Gegenstand ist, der in den Rahmen einer dem Judentum und seinen Problemen gewidmeten Zeitung überhaupt nicht hineingehört. Es ist das ein Streit, dessen praktische und theoretische Bedeutung außerordentlich sensationell zugespitzt und überschätzt worden ist; sozusagen eine „querelle de famille" zwischen Angehörigen einer und derselben Weltanschauung, zwischen Menschen einer und derselben Geistesart, die Mitglieder der russischen kommunistischen Partei sind, was mit dem Judentum in keiner Beziehung etwas zu tun hat. Nichtsdestoweniger versucht die „Jüdische Rundschau" auch diesen kommunistischen Parteikonflikt in Beziehung zur Judenfrage zu bringen und auch ihn für den Zionismus auszuwerten. In der Nummer vom 13. Januar 1928 (Nr. 4) widmet Herr M. W. einen Artikel der Verbannung von Trotzki und Genossen. Er geht dabei davon aus, daß unter den etwa 30 deportierten Mitgliedern der kommunistischen Organisation sich „merkwürdigerweise sehr viele Juden befinden", und gibt folgende Erklärung für diese „welthistorischen Vorgänge". Die nichtjüdischen Kommunisten in Rußland haben durch ihre Betätigung am Kommunismus und an der Internationale den Zusammenhang mit ihrem nationalen Milieu nicht verloren, dagegen sind „die meisten jüdischen Führer des Kommunismus in der Sowjetunion ausschließlich Kommunisten und Internationalisten", es sind das „Personen, die sich eigentlich auf der Flucht von dem Judentum befinden und glaubten, einen Zufluchtsort im internationalen Kommunismus gefunden zu haben". Die Vorgänge in Rußland zeigen aber jetzt die Haltlosigkeit der jüdischen Kommunisten, die „in dem gleichen Irrtum befangen waren wie etwa die bürgerlichen jüdischen Assimilanten in Frankreich und Deutschland". „Meint man, sein Judentum negieren zu dürfen, wenn man Kommunist, Sozialist usw. geworden ist, so wird man an diesen Irrtum unliebsam durch das Verhalten der anderen Völker erinnert, die sich aus einem natürlichen Gefühl heraus gegen Menschen auflehnen, die doch nicht restlos zu ihnen gehören." Daraus folgt der Schluß: „Die Wirklichkeit beweist, daß das Wesen des Judenproblems nicht ausgelöscht werden kann durch soziale und revolutionäre Entwicklungen. Es ist eine Sache eigener Art und muß selbständig gelöst werden." Es wird also der Versuch gemacht, die Erklärung für den heftigen inneren Kampf innerhalb des Sowjetverbandes, der jetzt mit dem Sieg Stalins geendet hat, darauf zurückzuführen, daß Trotzki, Sinowjew, Radek ufw. chrer Abstammung nach Juden sind. Diese Erklärung ist aber in Wirklichkeit eine ganz gekünstelte und gewaltsame. In beiden Lagern der Partei nämlich gibt es Juden, unter den Anhängern Stalins sowie unter seinen Gegnern. Unter den Führern der Parteimehrheit, die im Kampf gegen die Opposition in Wort und Schrift am meisten hervorgetreten sind, befindet sich z. B. Jaroslavsky (Pseudonym für Hubelmann), ein anderer Wortführer der Parieimehrheit, welcher von Trotzki besonders wütend bekämpft worden war, ist ein Jude, der sich den schönen russischen Namen Martynow beigelegt hat, der Generalsekretär der kommunistischen Partei in der Ukraine, der dort also dieselbe Stellung in der Partei einnimmt wie Stalin in der gesamten kommunistischen Organisation des Sowjetverbandes und mit Stalin durch Dick und Dünn geht, ist der Jude Kahanowitsch. Zwar wurde allerdings in neuster Zeit aus Rußland ein Witz exportiert, der, wie die meisten antisemitischen Witze, von Juden stammt, nämlich ein Vergleich zwischen Stalin und Moses, der darin bestehen soll, daß Moses die Juden aus Aegypten, Stalin dagegen die Juden aus dem Zentralkomitee der kommunistischen Partei herausgeführt hat. Dieser Witz trifft aber nicht zu, denn unter den Mitgliedern des neu gewählten Zentralkomitees, sowohl den stellvertretenden Mitgliedern (Kandidaten) als auch in der Zentralkommission, der höchsten Disziplinarinstanz der Partei, befindet sich noch jetzt eine ganze Reihe von Juden. Von den Mitgliedern des Zentralkomitees verdient besonders in diesem Zusammenhang der Name Sakolnikow genannt zu werden, dessen wirklicher Name Brilliant ist, der früher selber eine Zeit lang zur Opposition gehörte und auf dem rechten Flügel dieser Opposition stand, die an sich durchaus nicht einheitlich ist und viele verschiedene Schattierungen enthält. Gerade Sakolnikow vertrat Forderungen, die am meisten den Interessen der Bauernschaft im Gegensatz zum Jndustrieproletariat entsprechen. Gerade dieser Name ist geeignet, den Fehler des Artikels in der „Jüdischen Rundschau", der die Differenzen zwischen Parteimehrheit und Opposition darin sucht, daß die Mehrheit, da sie aus wirklichen Russen besteht, für die Bauern Interesse und Verständnis hat, während „die jüdischen Führer in ihrem Unterbewußtsein gegenüber diesen Bauern Mißtrauen hegen, das im Blute des jüdischen Städters in vielen Jahrhunderten entstandene Mißtrauen gegen die Masse der Dorfbewohner." Ter Jude Brilliant Sakolnikow widerlegt diese Deutung am besten. Dagegen finden wir unter den bekanntesten Führern der Opposition unzweifelhafte „Arier", wie z. B. Bjeloborodow, Safronow oder Preobrashensky, trotzdem in ihren Adern kein „Blut des jüdischen Städters" vorhanden ist. Preobrashensky hat sich sogar den Ausspruch geleistet, das Jndustrieproletariat habe sich dem Bauerntum gegenüber so zu verhalten wie ein Mutterland zu der von ihm ausgebeuteten Kolonie. Es muß ferner daran erinnert werden, daß noch vor kaum 3 Jahren die „Juden" Sinowjew und Kamenew zusammen mit Stalin Trotzki aufs heftigste bekämpft hatten und gerade Sinowjew damals die drakonischsten Maßnahmen gegen Trotzki verlangte; erst etwa ein Jahr darauf bildete sich eine „Interessengemeinschaft" Trotzki, Sinowjew, Kamenew gegen Stalin. Die ist übrigens jetzt zu Ende, denn Sinowjew und Kamenew beeilen sich, schon wieder zu Kreuze zu kriechen, — soweit dieser Ausdruck bei Juden, noch besonders bei kommunistischen Juden, zulässig ist. Wann war .... Zionismus also Sinowjew „entwurzelt", — 1924, als er mit Stalin ging, oder 1926—27, als er zum Genossen des „Juden" Trotzki geworden ist? Es sei noch hinzugefügt, daß ein sehr großer Teil der jüdischen Kommunisten in Rußland auf die jüdische Nationalität gar nicht verzichten. Es existiert bekanntlich die jüdische Sektion der kommunistischen Internationale, die (abgekürzt) sogenannte „Jewsekcija", die ebenso national ist wie die Kommunisten jebcr anderen Nation, wenn auch der Inhalt, welchen sie dem Wort Nation verleiht, natürlich ein ganz anderer ist als bei den bürgerlichen Parteien oder Zionisten. Trotzki, Sinowjew etc. gehören allerdings dieser Jewsekcija nicht an. Nun ist es gerade in diesem Zusammenhang interessant, festzustellen, daß die Jewsekcija durchaus mit der Parteimehrheit zusammenging, von ihren bekannten Führern gehörte kein einziger der Opposition 'an. Wo bleibt also da das „Blut des jüdischen Städters", welches mit Naturgewalt die Zugehörigkeit zur Opposition bringen soll? Es ist hier nicht der Platz, auf die theoretischen Differenzen zwischen Parteimehrheit und Opposition, zwischen Stalin und Trotzki, einzugehen. Es genügt, darauf hinzuweisen, daß in diesem Konflikt persönliche Motive mit sie umhüllenden theoretischen Gegensätzen aufs engste verwoben und daß die grundsätzlichen Differenzen oft an den Haaren herbeigezogen sind, um den reinen Kampf um die Macht zu verbergen. Es ist das der typische Kampf zwischen kleinen Diadochen, denen eine verhängnisvolle Grimasse der Weltgeschichte eine Macht verliehen hat, der sie nicht gewachsen sind. Jeder, der diesen Kampf verfolgt hat, — es ist übrigens ein sehr zweifelhaftes Vergnügen, sich in die unendlichen Reden und Artikel der Vertreter beider Richtungen vertiefen zu müssen, die gerade ein Muster geistesstörender talmudisch-scholastischer Wortklauberei sind und waren —, weiß, daß beide Teile nicht das gesagt haben, was sie denken. Trotzki und seine Anhänger traten mit einem Programm auf, welches sie, wenn sie die Macht erobert haben würden, im jetzigen Rußland nicht mehr imstande gewesen wären durchzuführen — und Trotzki wußte das zweifellos sehr genau —, Stalin dagegen behauptete, sein Verwaltungssystem sei die einzige Methode, den Sozialismus aufzubauen, was das gerade Gegenteil von der Wahrheit ist und was Stalin sicherlich sehr gut weiß. In diesem Kampf um die Macht aber spielte das jüdische Motiv gar keine Rolle. Nicht, als ob es in Sowjetrußland keinen Antisemitismus gäbe. Im Gegenteil, er ist jetzt weit stärker als er früher in Rußland je war, und dadurch, daß er vom herrschenden System von der Oberfläche verdrängt ist und nicht die Möglichkeit hat, sich frei zu äußern, — ebenso wenig, wie jede andere Richtung, die mit dem Kommunismus nicht übereinstimmt — nimmt jetzt der Antisemitismus noch eine weit bösartigere und gefährlichere Form an, die leider für die Zukunft zu außerordentlich traurigen Erwartungen berechtigt. Es liegt eine große Verkennung der Wirklichkeit darin, wenn Herr M. W. schreibt: „Sicherlich hat der Kommunismus, insbesondere in Rußland, das nationale Problem in vielfacher Hinsicht überwunden." Das ist eine Behauptung, die den entschiedenen Widerspruch herausfordert. Es ist eine undankbare Sache, die Zukunft Voraussagen zu wollen, aber man läuft kaum Gefahr, wenn man auf Grund der Kenntnis der Sachlage die Prophezeiung ausspricht, daß infolge des Sowjetsystems und namentlich der nationalen Einteilung des gegenwärtigen Sowjetstaates im zukünftigen Rußland, von dem das jetzige bolschewistische Regime ja nur eine der Phasen ist, die nationalen Gegensätze aller Wahrscheinlichkeit nach eine außerordentliche Schärfe annehmen werden. Der Internationalismus des Sowjetsystems hat, wie auf vielen anderen Gebieten, auch hier das Gegenteil von dem erreicht, was beabsichtigt war, und da ist leider zu befürchten, daß im zukünftigen Rußland auch der Antisemitismus nicht fehlen wird. Bei dem jetzigen Konflikt aber ist der Umstand, daß an der Spitze der Opposition Juden wie Trotzki usw. stehen, absolut von keiner Bedeutung gewesen. Gewiß hat es unter der kommunistischen Parteimasse, unter den außerordentlich Vielen, die aus Gründen der politischen Mimikry „Genossen" geworden sind und unter ihrer gegenwärtigen roten Hülle ihr reaktionär antisemitisches Herz verbergen, nicht wenige gegeben, für welche der Kampf gegen Trotzki wohl ein Kampf gegen den Juden Trotzki war. Diese Masse aber hat bei dem Streit gar keine aktive Rolle gespielt. Sie handelte in allen Stadien des Kampfes blindlings nach den Direktiven der Leiter des Parteiapparates, war nur ein Stimmvieh für Stalin und würde zweifellos, wenn Trotzki sich des Parteiapparates bemächtigt hätte, mit derselben Einmütigkeit für Trotzki gegen Stalin gestimmt haben. Beim gegenwärtigen System in Rußland nimmt eben der Generalsekretär der kommunistischen Partei Stalin die Stellung ein, bei der er das Recht hätte, sich „Selbstherrscher aller Reußen" zu nennen, wie es die früheren Zaren taten; die Partei folgt auf Kommando dem Befehl ihres Leiters. In den Reihen der Parieioligarchie an der Spitze des Parteiapparates waren Juden auf beiden Seiten, so daß in diesem Fall von einer „jüdischen Tragödie" keine Rede sein kann. Wenn man hier von einer „jüdischen Tragödie" reden soll, so liegt sie ganz wo anders. Sie liegt darin, daß in Rußland (übrigens auch anderswo, z. B. in Ungarn oder Bayern) so viele Juden so ganz in den verschiedenen Schattierungen des Bolschewismus aufgeben konnten, daß sie geradezu zu „representative men" dieser barbarischsten aller politischen Richtungen geworden sind, und daß es auch im Ausland so zahlreiche jüdische Intellektuelle gibt, welche der momentane Erfolg des Bolschewismus veranlaßt, vor diesem scheußlichen Götzen platt auf dem Bauche zu kriechen. Das ist eine Erscheinung, über welche jeder, dem die GeistesweÜ des Judentums teuer ist, wirklich ernstlich Nachdenken müßte, während es ihm ganz egal sein sollte, ob Stalin Trotzki »der Trotzki Stalin in die Verbannung geschickt hat.

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