Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 5 (3.2.1928)
- Date
- 1928-02-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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* Aus den Gemeinden Verfehlte Anprangerung In der „Jüdischen Rundschau" Nr. 9 vom 31. Januar lesen wir unter der Ueberschrift „Zionismus als Male!" folgeiides: In verschiedenen jüdischen Zeitungen verössentlicht die Israelitische Religion-Sgemeinde Bingen a. Rh. eine Anzeige, daß ein Rabbiner „liberaler und nichtzionistischer Richtung" und ein Kantor und seminaristisch gebildeter Lehrer, „nicht Zionist", gesucht roird. Es ist interessant, daß die Vorsteher der Gemeinde Bingen als .tzauptbedingung sür ihre Funktionäre nicht etwa besondere religiöse oder sonstige positive Qualitäten fordern, sondern wichtiger als alles scheint ihnen zu sein, daß ihre Gemeinde nicht zionistisch injiziert wird. Also auch bestqualisiziertcn Bewerbern bleiben die Tore verschlossen, wofern sie zionistischer Gesinnung sind. Diese politische Gesinnungsschnüffelei ist um so bemerkenswerter, als cs sich zweifellos um Herren handelt, die sonst im politischen Leben sür Gleichberechtigung cintreten. In ihrem eigenen Machtbezirk halten sic cs anders.... Tiefe Notiz ist ein Musterbeispiel dafür, wie man es nicht machen darf: es ist nötig, daß man sie sich näher ansicht. Zunächst Grundsätzliches. Tie Vereinigung für das liberale Judentum und ihr Organ sind feit je her und so oft für die Hebung der Stellung der Rabbiner, für chr Mitüestimmungsrecht in den Gemeindevorstäiiden und für andere Vermehrungen ihrer Rechte eingetreten, daß wir nicht in falschen Verdacht geraten können. Um so eher darf deshalb von uns cn Gedankengänge erinnert werden, die in diesem Blatte in einem Festartikel zum 25 jährigen Amtsjubiläum des Frankfurter Gemeinderabbiners Tr. Seligmann Ausdruck fanden. Wir zitierten damals einen Passus aus der Antrittsre>d,e. die im Jahre 1889 Tr. Seligmann im Hamburger Tempel gehalten hatte, und knüpften folgende Betrachtung an diese Rede: Zunächst fällt an chr als bemerkenswert aus, wie er sich die Frage vorlegt, „ob er wohl imstande sein wird, sein neues Amt im <33 c ift e derer, d i e ihn dorthin berufen haben, zu verwalten" - - heute ist bei vielen jungen Rabbinern das Gefühl dafür geschwunden, daß sie sich auch der in ihrer Gemeinde herrschenden Tradition anpassen müssen, daß sie gleicherweise Führer und Beauftragte sind!! Aus diesen Bemerkurrgen geht deutlich hervor: wir find die letzten, die den Rabbiner (und, nebeirbei gesagt, auch den Stautet) zum bloßen Kultusbeamten, zum „Angestellten" eines hochwohllöblichen Gemeindevorstandes machen wollen, und wenn ein Rabbiner in mehr oder weniger langjähriger Amtstätigkeit seine Gemeinde seelsorgerisch und geistig betreut hat, so soll und wird seine Meinung auch dann geachtet werden, wenn er sich einmal zur Mehrheit seiner Gemeinde im Gegensatz befindet. Ganz anders liegt die Sache jedoch bei der Wahl eines Rabbiners: keiner Gemeinde kann verwehrt werden, sich den Rabbiner zu suchen und zu wählen, dessen Weltanschauung mit derjenigen der meisten Gemeindemitglieder grundsätzlich übereinstimmt. Nur unter dieser Grundvoraussetzung ist überhaupt eine gedeihliche Zusammenarbeit zwischen Gemeinde und Rabbiner möglich. Man wird beispielsweise der Hamburger Tempelgemeinde nicht zumuten können, daß sie sich einen orthodoxen Rabbiner, und habe der noch so gute a^'^'gkeiten, zu ihrem Führer wählt, und von der Gemeinde erstadt wird man nicht erwarten, daß sie einen, wenn auch hochqualifizierten, liberalen Theologen ins Amt beruft Weltanschauliche Uebereinstimmung ist die Grundvoraussetzung; dann erst kommt die Frage der sonstigen Qualifikation. Daher tut die Israelitische Religionsgemeinde Bingen recht, sich und den Bewerbern unnötige Schreibarbeit zu ersparen, indem sie in chrer Annonce zum Ausdruck bringt, die Gemeinde sei vorwiegend liberal und deutschjüdisch gesinnt; orthodoxe oder zionistische Rabbiner und Kantoren möchten sich daher garnicht erst bewerben. Das alles ist so selbstverständlich, daß man in dem von der Jüdischen Rundschau gegen die Gemeinde Bingen erhobenen Vorwurf der Gesinnungsschnüffelei ein Stückchen bewußter Temagogie erblicken muß. Um so mehr, als ja gerade die Freunde der Jüdischen Rundschau, die Zionisten, immer schr laut betonen, daß der Zionismus keine belanglose an a und schweren Klang, als kämen sie aus unserem ureigensten Leben." Tann kommt die Leidenschaft über den Menschen. „Amok." Sie stehen inmitten ihrer Kraft, und das Erlebnis rollt an, ausweichen können sie ihm nicht, sie müssen den Kamps durchringen. Mann und Weib mit der Urgewalt chrer Leidenschaft hassen und lieben sich, vernichten sich und feiern Auferstehung. Leidenschaft zart, sinnliche Schwüle, glühende Dolomitenlanüschaft, unvergeßliche Tropennacht auf öem Teck eines Ueberseedampfers. Von noch größerem Ausmaß, stärkerer Jntensivität ist das dritte Buch der Kette „Verwirrung der Gefühle". Straffer ist hier die Gestaltung, stärker der Knoten geflochten, elementarer das hereinbrechende Erlebnis. „Bierundzwanzig Stunden aus dem Leben einer Frau." Und wieviel erlebt sie in diesem Tag! Ein unvergeßliches Maß Gefühle, ein Taumel von Wandlungen vollzieht sich, sie ist Dirne und Königin, Mutter und Heilige, Märtyrerin und achtbare Frau. Tie Zusammendrängung des großen Erlebnisses aus einen: Tagraum zeugt von meisterlichem Können. Wie großartig das Kapitel, in dem Zweig das Leben der Hände am grünen Tisch erstehen läßt. Die Hände werden zu selbständigen Organismen. Es ist Leidenschaft in dieser Erzählung, Spannung, eine brausende Glut, die den Leser nicht 'eher freigibt, bis er das Buch beendet. Mit Beherrschung und Wegsicherheit treibt Zweig sein Schiff durch die Brandungen dem sicheren Hafen zu. In dem „Untergang eines Herzens" bemerkt ein Vater durch Zufall den Fehltritt seiner einzig geliebten vergötterten Tochter. Zuviel Güte, Liebe und Väterlichkeit offenbaren sich in diesem Juden; er kann seine Tochter, sein Blut, nicht anklagen, aber das Wissen um chre Schuld zermartert chn, reißt ihn hinab, und er nimmt sein Gcheimnis unausgesprochen mit in das Grab. Es ist etwas Heroisches um diesen Vater, um seine Liebe, ein Heroismus, dessen Größe edle Menschlichkeit ist. In der letzten Novelle „Verwirrung der Gefühle" schöpft ein Professor aus der Schönheit unb Anmut, aus der Begeisterung und Hingabe seiner Schüler die Lust zu einem großen Werk über das Shakespearsche Theater. Tie Verwirrung der Gefühle in dem Alten und in dem Jungen ist von großartiger Prägnanz. Zweig behandelt sie mit Ernst und Aufrichtigkeit. Dieser Novellenkreis weitet sich wie ein wuchtiger Baum. Es ist Hochsommer, nun rnuß der Herbst folgen, das Alter, der stumme Hinübergairg zur ★ :: Versammlungskalender Breslau. IN „Abraham Geiger". Vorsitzender: Rabbiner Dr. Halperfohn, Breslau 13, Moritzstraße 50. Berrinslokal: Loge „Eerharl Hauptmann", Schweidnitzer Stadtgraben 9. Montag, den 8. Februar, abends 8.15 Uhr: Jüdische Wohifahrtseinrichtnngen in Breslau. Einleitendes Referat: Frau Grete Bial. Montag, den 13. Februar, abends 8.15 Uhr, Bortrag von Fräulein Dr. Ellen Littmann-Berlin: Herder und die Bibel. Rege Beteiligung erbeten und Einführung von Gästen erwünscht. Dortmund. Montag, den 6. Februar, abends 8.30 Uhr, spricht im Sänger» wall (Oftwall Ecke Arndtstraße) Frau Ottilie Schönewald-Bochum über: „Die Stellung der Frau in der Gemeinde". Herr Albert Heinemann: Eemeindesragen. Frankfurt a. M. Der Freisinnige Berein sür jüdisches Gemeindeleben E. B. Frankfurt a. M. veranstaltet am Mittwoch, den 29. Februar ds. Js.» in den Räumen des Frankfurter Hofs einen Schaltjahr-Abend mit Tanz. Nähere Mitteilungen erfolgen in Kürze durch Presse und Rundschreiben. Liegnih. Liberaler Verein der Synagogen-Gemeindr. Am 10. Februar, abends 8.30 Uhr, Freitagabendfeier in den Räumen der Silefia-Lvge. Im Rahmen dieser Feier wird Fräulein Dr. Ellen Littmann-Berliu über „Herder und die Bibel" sprechen. Gäste willkommen. Annahme von Vestellnngen auf die Jüdisch-liberale Zeitung bei allen Postämtern Deutschlands Gottesdienste Berlin-Norden. Liberale Synagoge Norden (im Auerbachfchen Waisenhaus, Schönhauser Allee 162): Freitag, den 3. Februar, abends 7.15 Uhr, Gottesdienst. Predigt Rabbiner Dr. Salomonsli. Sonnabend, den 4. Februar, vormittags 10 Uhr, Gottesdienst. Am Freitag, den 10. Februar, Predigt: Rabbiner Dr. Salomonsli. Berlin-Wilmersdors-Schöneberg. Liberale Synagoge Wilmersdorf (in der Aula der Cäcilien- Schule, Nikolsburger Platz): Liberaler Gottesdienst mit Chor und Predigt. Beginn 7.15 Uhr pünktlich. Am Freitag, den 3. Februar, Predigt: Rabbiner Dr. Kantorowsky-Neukölln. Am Freitag, den 10. Februar, Predigt: Rabbiner Dr. Lazarus-Wiesbaden. kleine dkuance des Judentums sei, sondern vielmehr dem ganzen Judemum die Grundlage gebe, den eigentlichen „jüdischen Menschen" erst möglich mache. Vermutlich ist der Bingener Gemeindcvorstand in diesem Punkte einer Meinung mü den Zionisten, nur daß sich für ihn daraus andere Konsequenzen ergeben als z. B. für den Personaldüektor der Zionistischen Organisation, weil für ihn das Judentum etwas gänzlich Anderes ist als für die Zionisten. Daß die Gemeinde Bingen für ihre Funktionäre keine besonderen religiösen oder s onstigen positiven Qualitäten fordere"', ist in keiner Weise ans ihrer Ausschreibung zu entnehmen; diese Fähigkeiten wird sie auf Grund der eingehenden Bewerbungen prüfen. Aber bewerben sollen sich eben nur Funktionäre, deren Weltanschauung zu der der Gemeinde Bingen paßt. Im übrigen würde die Rundschau klüger getan haben, chre Notiz nicht zu bringen: Wer im Glashause sitzt, soll nicht mü Steinen werfen. Bingen hat seit zwei Jahren einen zionistischen Rabbiner, der allerdings jetzt fortgeht. Welche Erfahrungen mögen die Herren, die vor zwei Jahren keine Bedenken trugen, einen zionistischen Rabbiner zu wählen, inzwischen gemacht haben?! Ewigkeü und somü erhall das Leben eine herrliche Krone. Es sei noch auf die Legende „Die Augen des ewigen Bruders" hingewiesen, die Zweigs hohe Menschenliebe, -Güte Gerechtigkeit zeigen, sowie auf die fünf historischen Miniaturen „Sternstunden der Menschhell", in denen der Faden des Fatums, das Wellgeschick, für eine Minute in der Hand eines Nichtigen ruht. Voll inniger Zarthell ist der Lyriker, ein gedämpftes Schreiten durch die fallende Dämmerung. Aus dem Nebel steigen Visionen und Stimmen, und in den Augen -des Dichters leuchten alle Körper. „Tie Welt besitzt, wer sie erdichtet." Hinter Raum und Zeit weitet sich ewiges großes Schicksal, und Zweig weiß um die Rätsel der unerforschten Gottheit. Er ist ein Träumer, aber die magischen Bilder blenden ihn nicht, im Traum sicht er die Wahrheit des ewigen Scheins. In ihm ist viel Sehnsucht nach sanften Frauen, deren weiche Häiide Schmerzen lindern, nach ihrer Güte, die ihm zum führenden Lichte wird. Mit zarten Farben und harmonischen Tönm malt er die Landschaft, und ob er den Sonnenuntergang Venedigs, die Bretagne oder Konstanz, die Stadt am Bodensee, zeichnet, es liegt Schönheit auf seinen: Bild, verträumter Glanz, liebevolle Hingabe, Vertrautheit mit der Landschaft. Das ist das Besondere bei Zweig: Hinter jedem seiner Worte, gleich, ob im Verse, im Drama oder in der Erzählung, spürt man das Herz >des Dichters, wie es singt und jubelt, rast und jauchzt und sicü mit der letzten Faser seiner Liebe hingibt. Der Tramatiker ist von nicht geringerer Bedeutung. In der saftigen Komödie „Bolpone" gab er besten Beweis Eine glänzende Zeitsatire. Das breitangelegte Drama „Jeremias" ist mitten im Krieg entstanden, als Vernunft und Liebe erstorben, das Blutbad der europäischen Völkerfamilie nicht enden wollte. Zweig schuf seinen Helden, um die Besinnungslosen zur Einsicht aufzurufen. Es ist kein Zufall, daß Zweig gerade diese Gestalt wählte. Oft ist es so, daß die Gestalt zu dem Dichter kommt und nicht umgekehrt Jeremias, zur Zeit der Zerstörung Jerusalems durch Nebukadnezar (586), ist eine der markantesten und populärsten Persönlichkeiten der jüdischen Geschichte einer seiner größten Propheten. Er besteht die Prüfung vor Gott, trägt voll Demut die Schwere und verkündet den Frieden: „Einer muß den Frieden beginnen, wie einer den Krieg begann... Breslau. (Vom Jüdisch-Theologischen Seminar, Fraenckel'sche Stiftung.) Am Sonntag, den 28. Januar, fand die Gedenkfeier an den Stifter Kommerzienrat Jonas F r a e n ck e l statt, die gleichzeitig die feierliche Entlassung der von dieser Bildungsstätte zu Rabbinern bestellten Kandidaten umfaßt. Di« Feier wurde durch Harmonium-Vorspiel und emem yon Oberkantor Borin gesungenen Davidpsalm eröffnet. Dann ergriff Seminar- Rabbiner Professor Dr. M. G u t t m a n n , der Lehrkörper-Vorsitzende des vergangenen Jahres, das Wort. „Dieser Tag alljährlicher Erinnerung an den Stifter sei ein Tag der Abrechnung, an dem festgestellt werden solle, wieviel sür Vergangenheit, Erinnerung und Geschichte geleistet und wieviel für die Gegenwart. Das von Jonas Fraenckel gestiftete Breslauer Jüdisch-Theologische Seminar sei nicht ein bloßes Denkmal der Erinnerung, sondern ein Tempel für die Ewigkeit und für die Zukunft und die schönste Ehrung sür den verstorbenen Stifter bestehe im tatkräftigen Weiterarbeiten an der Wissenschaft des Judentums." Der Redner gedachte, während sich die Versammlung von den Plätzen erhob, der Verstorbenen des Jahres, die zu dieser Bildungsstätte und zur jüdischen Wissenschaft in näherer Beziehung gestanden, der Frau Rosa Horovitz, Ww. des unvergeßlichen Seminarrabbiners Dr. S. Horovitz, sowie des Oberrabbiners Prof. Tr. Chajcs in Wien. Dann verkündete er das Urteil über die Preisarbeiten. Von 4 als Preisaufgabe gestellten Themen ist nur eines, das mit dem Rosinpreis ausgelobte, bearbeitet worden. Es lautete: „Die Midraschim, welche von hel - lcnistischen Schriftstellern verwertet werden, sind zu sammeln, und es sind aus ihnen Schlüsse auf die älteste Ge st alt der jüdischen Predigt abzuleite n." In Anbetracht des großen, bei der Bearbeitung bewiesenen Fleißes sei dem Verfasser der volle Preis zuerkannt worden. Auch in diesem Jahre hätten die Logen sür die Bearbeitung von 4 Themen Preise ausgesetzt. Mit Dank an alle, die der Stiftung ihre Unterstützung geliehen, besonders an den Preußischen Landesverband und die Logen, schloß Professor G. und übergab sür das kommende Lehrjahr den Vorsitz des Lehrkörpers an den Dozenten, Herrn Dr. A. Lewkowitz. Dieser begann mit Worten des Dankes an seinen Vorgänger für dessen tatkräftige Leitung im verflossenen Jahre und ging dann zum Thema seines Vortrags über. Es hieß: „Das Judentum und die Kulturide e." Die Rede war auf Aktucllität und Apologetik abgestimmt und mußte cs sein. Professor Jäger aus Berlin hatte vor einiger Zeit in den Räumen der hiesigen Universität einen Vortrag gehalten „Griechenland und die Kulturidec" und hatte bei dieser Gelegenheit folgendes ausgeführt: „Die eigentliche Grundlage der Kultur Europas sei die Kultur der Antike. Die Seele dieser Kulturidee sei Humanität und Selbstgesetzgebung des Menschen. Im Gegensatz hierzu hätten Judentum und auch das Christentum aus ihrer orientalischen Heimat heraus einen magischen Ursprung und eine magische Bedeutung und wären deshalb etwas für die Kultur Europas Fremdartiges." Dr. Lewkowitz setzte sich nun mit diesem Standpunkt in formvollendeter, ticfangelegter und überzeugender Rede auseinander. „Ter Schöpfer und die Grundlage der jüdischen Weltanschauung sei allerdings Gott und die Gottesidee. Diese kommen aber aus dem Wege der Offenbarung in der Mcnschenseele zum Ausdruck und treten durch die dem Menschen verliehenen Fähigkeiten (wohl besonders durch die des freien Willens) nach außen hin in Erscheinung. Die Antike verherrlicht lediglich Menschenkraft und Menschengeist. Das Judentum sei wohl theozentrisch, bedeute aber deshalb nicht einen krassen Gegensatz zu dieser antiken Ausfassung, sondern es bringe nur Gottesidee und Menschenleistung in enge Berb i n d u n g." Der Redner verwies dann auf Forschungen, die auch bei der jonischen Philosophie eine enge Verknüpfung zwischen dieser und der Mystik bargelegt: auf die Lehre Platos; auf Aristoteles, welcher Gott als Beweger des Weltalls ansah; aus den starken orientalischen Einschlag im Hellenismus. „Spengler habe nicht Recht mit seiner Darstellung, daß die Kul-tureu nebeneinander wüchsen wie die Bäume. Alle Kulturen seien mit einander verbunden. Deshalb habe gerade auch die Kirche die Antike mit Hilfe des Judentums erhalten. Die jüdische Ethik sei das Fundament für den Aufbau der christlichen Sozialethik gewesen und das Christentum habe gleichfalls das Zehnwort vom Sinai in seinen Mittelpunkt gestellt. Stoa, Humanismus und auch Spinoza (wenn dieser auch den Zusammenhang mit der Synagoge löste) haben sich nicht von diesen Grundsätzen entfernt. Ebenso steht auch (nach Professor Troeltzsch) Kant mit seiner Kritik der reinen Vernunft auf religiösem Boden. Ein enger Zusammenhang zwischen Romantik und Judentum könne als erwiesen gelten. Deshalb dürfe man nicht von einem Untergang des Abendlandes, sondern von einer Erneuerung seiner religiös-sittlichen und politisch-wirtschaftlichen Kräfte sprechen und müsse die Jägersche Auffassung völlig ablehnen. Für das Judentum bestehe die Verpflichtungkein Buchjudentum zu sein, sondern ein erlebtes und verwirklichtes. Ein Judentum im Sinne des Stifters dieser Anstalt, die von ihm begründet sei, um moderne Rabbiner he r a n z u b i l d c n." - Oberkantor Borin stimmte dann das „e l m o l e r a ch a m i m" an. Nach diesem ergriff sür die 3 abgehenden Kandidaten der schon in Hannover amtierende Mit seinem Leib wider den Krieg, mit seiner Seele für de» Frieden." Was wir an seinen Reden bewundern, ist sei» hohes Ethos; er ist für die Wahrhell entbrannt, feindlich allem Bösen und voll unendlicher Liebe. In den Tagen de- Untergangs und des Taumels ist er ein Fels, in den Tage» schwerster Not ist er der Verkünder einer verheißungsvolle» Zukunft. Er trägt seinem Volk die Fackel des Glaubens und der Zuversicht voran. Zweig ist ein Meister der Interpretation. Mll Balzac, Dickens und Dostojewski begann der Auftakt. Hölderlin, Kleist und NieAsche ist Vollendung. Mit letzter Einfühlungskunst steigt Zweig in den Dämon dieser drei Genien und legt uriZ die Geheimnisse ihrer Seelen bloß. Hölderlins Flug vo» Euphorion zum Herrn Scardanelli, Kleists Wandlung vo» oer Verwirrung seiner Gefühle zu innerer Klarheit, Nietzsche- Sturz aus dem Reich des Dionysos in die Nacht seiner Musik. Zweigs Buch ist keine literarische Abhandlung, vielmehr das Feinsinnigste, was bis jetzt über diese drei Genien geschrieben wurde, uiü» es ist in einem Stil geschrieben, den man zu den besten des deutschen Schrifttums zählen muß. Seine Romain Rolland-Biographie ist weitgehendst bekannt und gewürdigt worden. Emil Verhaeren stand er schon frühzeitig nah. Zuletzt machte er uns auf die französische Dichterin Marceline Tesbordes-Valmore aufmerksam. Ein Lebensbild der Dichterin, wie wir es von Zweig gewohnt sind. Stefan Zweig präsentiert ein besseres Deutschland, wie cS kommen muß, er präsentiert einen Typus Mensch, wie wir ihn in der Gegenwart allzuwenig finden. Bedeutet Romain Rolland sür Frankreich, sür Europa das freie Gewisse», so Stefan Zweig jene deutsche Humanität, wie wir sie in unseren Tagen benötigen. Deshalb durfte er jener Deutsche sein, der mit Georges Duhamel und Maxim Gorki zum CO. Geburtstag Romain Rollands das „Liber Amicorum" hcrausgab. Rolland widmete chm sein „Spiel von Tod und Liebe" mit dem Bekenntnis: „Dem Treuen im Geiste, dem Europa die Heimat und Freundschaft Religion bedeutet."' Wüßten wir nichts von Stefan Zweig als diese Widmung, sie wäre wert, daß wir ihn suchen gingen, um 'uns an seinen: Born zu stärken. Er gehört in den Kreis der Europäer, die jenseits all« Tagespolllik über nationale Schraüken sick die Hände reichen zu einem Bündnis der freien aufrechte» Seelen, zu einem Reiche wahrer Menschlichkeit.