Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 4 (27.1.1928)
- Date
- 1928-01-27
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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rw.ywn.i.»p«>riyf|gfngyj,ig; H'ij ,M.»WWs,G«WsffVV»^>'.V«ZDWY!VL''«.»»l.Pxj«iW «»sehe. NLre es anders, dann wäre er nicht Rabbiner. Daß es fast ein Jahr gedauert habe, bis der in dieser Angelegenheit vorliegende Gemeinderatsbeschluß verwirklicht werden konnte, spreche für die Schwierigkeiten, die es zu überwinden galt. Insbesondere war das bei der Zusammenstellung des aus Jugendlichen gebildeten Thors der Fall. Die liberale Gestaltung des Gottesdienstes sei keine Sünde. Da ihm alle Teilnehmer wirklich zu folgen vermochten, habe der Gottesdienst, dem etwa 120 Jugendliche und 60 Erwachsene beiwohnten, einen tiefen Eindruck hinterlassen. Herr Liffmann will den Reformgottesdienst, steht aber trotzdem hinter den Interpellanten, weil nach seiner Meinüng die Abhaltung von verschiedenen liberalen Gottesdiensten nebeneinander ein Fehler sei. Herr Zucker wandte sich gegen Dr. Wolf, der seine Ausführungen rechtzeitig vor der zuzuständigen Synagogenkommission hätte machen sollen. Für unbedingte Beachtung der vom Kollegmm gefaßten Beschlüsse tritt nochmals Dr. L e v h ein. Seiner Ueberzeugung nach könne es nur eine Art von liberalen Gottesdienst geben. Rabbiner Prof. Dr. Winter betont, daß Dr. Wolf kraft seines Amtes als ihm gleichberechtigter Rabbiner gehandelt habe. Erfreulich sei, daß bei Dieser Gelegenheit, in der Hauptsache dank der Bemühungen Dr. Wolfs, m jüdischer Chor und nicht, wie es für die Dresdner Synagoge seit über einem Menschenalter zutreffe, ein christlicher Chor gesungen habe. Herr L e s s e r verlas die GebetordnUng des strittigen Gottesdienstes, dabei feststehend, daß zu irgendwelcher Erregung kein Anlaß gegeben worden fei. Nach den Herren Lehmann und Hurwitz, die im Sinne der Interpellation sprachen, griff Vorsteher Rechtsanwalt Salinger, unterdes den Vorsitz Vorsteher Max Levi überlassend, in die Debatte ein. Er hob die Verdienste Dr. Wolfs um das Zustandekommen des Gottesdienstes für Erwerbstätige hervor. An etwaigen Formfehlern dürfe die Idee, außerhalb der durch den Beruf in Anspruch genommenen Zeit, Gelegenheit zur Teilnahme am Gottesdienst zu haben, nicht scheitern. Den liberalen Juden müsse ihr Recht nicht minder als den Anhängern der übrigen Richtungen werden. Die Möglichkeit, mehrere liberale Gottesdienste in Dresden cinzurichten, brauche man daher keineswegs zu verwerfen, ebensowenig die Verdeutschung einzelner Gebete und Gesänge, womit denen, die das Hebräische nicht beherrschten, eine Freude gemacht lverde. Nach etwa zweistündiger Debattedauer stellt Direktor Zucker den Antrag, daß der Gottesdienst für Erwerbstätige den Beschlüssen des Gemeinderates vom 26. Januar 1927 entsprechen müsse. Falls davon abgewichen werden soll, sei die Genehmigung der Synagogen-Kommission und des Rabbinats einzuholen. Rabbiner Dr. Wolf und Herr Lesser wenden sich gegen diesen Antrag, da bei dessen Annahme die Abhaltung des Gottesdienstes gefährdet sei. Diesem Standpunkt schließt sich Rechtsanwalt Salinger an. Sein Antrag, den für Ende Januar festgesetzten Gottesdienst für Erwerbstätige unter allen Umständen, nachdem sich die beiden Rabbiner miteinander ins Einvernehmen gesetzt haben, stattfinden zu lassen, wird vom Kollegium .angenommen, der Antrag Zucker hingegen abgelehnt. Frankfurt a. M. (Vom Hilfsverein der deutschen Juden.) Am 16. d. Mts. fanden sich auf Einladung des Lokalkomitees des Hilssvereins in Frankfurt a. M. eine Anzahl führender jüdischer Persönlichkeiten Frankfurts zu einer Aussprache über den Hilfsverein und sein Arbeitsprogramm ein. Dr. Felix Kauffmann, 'Vorsitzender des Lokalkomitees und früherer Präsident der Frankfurt-Loge, skizzierte in einleitenden Worten die Entwicklungsgeschichte des Hilfsvereins und seine gegenwärtigen Arbeitsgebiete. Er hob hervor, daß der Hilfsverein in Frankfurt a. M. in vergangenen Jahren eine sehr große Zahl von Mitgliedern hatte. Die Lücken, die in der Nachkriegszeit entstanden sind, beginnen sich auszufüllen. Der Generalsekretär des Hilfsvereins, Dr. Wischnitzer, sprach über sein Arbeitsprogramm und berichtete über die Bedeutung des Wiederaufbauwerks in Rußland. Justizrat Dr. Blau hielt eine bedeutsame Ansprache über die Stellung des Hilfsvereins im internationalen jüdischen Hilfswerk. Die deutschen Juden haben im Hilfsverein ein Instrument zur Hilfeleistung geschaffen, eine Organisation, die mit den großen Organisationen in den westeuropäischen Staaten und in Amerika gearbeitet hat. Wir stehen vor dem Momenteda diese Zusammenarbeit des Hilfsvereins mit verwandten Institutionen in Westeuropa und in Amerika erneut einsetzen soll. Die ideelle und soweit möglich materielle Mitarbeit der deutschen Juden an der Lösung der Fragen, die das Wohl und Wehe der gesamten JUdenheit betreffen, sei eine Notwendigkeit. Die deutschen Juden brauchen heute wiederum eine Vertretung, um im Rate der jüdischen Gesamtheit die Stellung einzunehmen, die ihnen vermöge ihrer geistigen Kraft und ihrer organisatorischen Fähigkeiten zukommt. Es ist Ehrenpflicht jedes deutschen Juden, den Hilfsverein zu dieser machtvollen Vertretung in den Stand zu setzen. Hannover. (Gedenkfeier für Oberkantor Linhardt.) Ihren um die Ausgestaltung des Gottesdienstes so hochverdienten Oberkantor Linhardt ehrte die Gemeinde in einer würdigen Gedenkfeier, die am Sonnabend, den 21. Januar, im Rahmen des Chewra- Stiftungstages stattfand. Herr Landrabbiner Dr. Freund würdigte im Anschluß an seine Festpredigt die Persönlichkeit und die Verdienste des treuen, verantwortungsbewußten Schliach zippur, des liebenswerten Menschen, des gern in Anspruch genommenen Mohel. Die 'Gesänge des Chors und das ergreifende El mole rachamin, von Herrn Oberkantor Alter gesungen, weckten wehmütige Erinnerungen an dir vergangenen Tage der Glanzzeit des Dahingeschiedenen. In den von Linhardt komponierten Gesängen Lecho daudi und Wschomru am 'Freitagabend verstand der Chor unter Herrn Mandelbrods Führung der Gemeinde noch einmal die musikalische Begabung Gerson Linhardts nahezubringen. Insterburg. (7 0. Geburtstag des Stadtältesten Otto E i ch e l b a u ni.) Der Vorsteher der Jnsterburger Synagogengemeinde, Stadtältester Otto Eichelbaum, beging am 18. Januar die Fei-er seines 70. Geburtstages. Ihm zu Ehren veranstaltete die Synagoge einen Festgottesdienst. Nach einem Präludium und Sologesang wurde das mah tauwu gesungen. Gemeinderabbiner Dr. Augapfel hielt darauf die Festprcdigt. Nach einem Gesang des Psalms 92 durch den Kantor würdigte namens des Vorstandes Kaufmann Wilkowski und namens der Repräsentantenversammlung Sanitätsrat Dr. Rosenkranz die Verdienste des Jubilars. Für die Chewra sprach Kaufmann Simon, für den Synagogenverband Ostpreußen und die Königsberger Gemeinde deren Vorstandsmitglied Kaufmann Artur Cohn. Kreisrabbiner Dr. Neuseld-Elbing brachte die Glückwünsche als ehemaliger Gemeinderabbiner Insterburgs dar. Für den Centwlverein sprach dessen Ortsgruppenvorsitzender Apotheker Rosenbecg, für die zionistische Ortsgruppe Dr. Posner. Gerührt dankte Otto Eichelbaum für die Ehrungen. Mit dem Gesang des adaun aulon schloß die synagogale Feier. Ihr schloß sich eine Gratulationscour im Gcfellfchaftshaus an, bei der Oberbürgermeister Dr. Wedel namens des Magistrats seinem früheren Mitgliede Otto Eichelbaum, der auch eine Zeitlang stellvertretender Magistratsdirigent war, gratuliert«. Die Stadt habe bereits früher seine Verdienste dadurch geehrt, daß sie einer Straße den Namen Otto Eichelbaum-Straße gegeben habe. Weitere Glückwünsche überbrach le der Stadtverordnetenvorsteher namens der Stadtverordnetenversammlung. Regierungspräsident Dr. Rosenerantz-Gumbinnen gratulierte namens des Regierungsbezirkes und überbrachte gleichzeitig die Glückwünsche des Oberpräsidiums. Danach würdigte der Präsident der Handelskammer die Verdienste Eichelbaums um das Wirtschaftsleben und um die Kammer selbst, deren Präsident der Jubilar früher war. Auch der Präsident der Handwerkskammer überbrachte deren Glückwünsche. Es folgten Ansprachen einer Ruhe bon wirtschaftlichen Vereinigungen, Aufsichtsrälen, K.iege - uud Sängervereinen, sowie anderer Verbände. An die Feier schloß sich ein großes Festessen, an dem ungefähr 150 Personen teilnahmen. Der Jubilar steht in religiöser Beziehung auf dem Standpunkt des Liberalismus. K-nigsderg. (Repräsentantenversammlung.) Am 17. Januar fand eine Repräsentantenversammlung statt, die von Professor Dr. Rudolf Cohn geleitet wurde. Der Vorsitzende hielt zunächst einen warmen Nachruf auf den verstorbenen Kommerzienrat George Marx, der sich um unsere Stadt, um das Judentum und um die Königsberger Gemeinde hohe Verdienste erworben habe. — Den ersten Punkt der Tagesordnung bildete die Gewährung von Beihilfen «« verschiedene Vereine, darunter den Jüdischen Ruder-Club und den Reichsbund jüdischer Frontsoldaten, Landesverband Ost/Westpreußen. Dem Schächter Erjchler wurden zu seinem 25 jährigen Amtsjubiläum di« Glückwünsche der Repräsentantenversammlung übermittelt, di« »gleichzeitig die lebenslängliche Anstellung des Beamten beschloß. Ebenso wurden die Synagogenbeamten Finkenstein und Hosfmann lebenslänglich angestellt. In die Schechita-Kommission wurde Dr. Louis Perlmann für ein verstorbenes Mitglied gewählt. Für die Religionsschule II, die für den Unterricht der Kinder der Mitglieder der konservativen Synagogengemeinde Adaß Jisroel dient, wurde der Lehrer Miloslawer mit der Erteilung des Religionsunterricht beauftragt. Eine Zusammenlegung der Gebetsgemeinden der Alten Synagoge mit der der konservativen Gemeinde Adaß Jisroel wurde nach wiederholter eingehender Beratung in der hierzu gewählten Sonderkommission abgelehnt. Der Alten Synagoge wurde ein Zuschuß zunächst auf die Dauer von drei Jahren bewilligt. Das Archiv der Gemeinde, das sich seit längerer Zeit in Berlin befindet, soll demnächst gesichtet und nach Königsberg zurückgebracht werden. Bis dahin soll es im Gewahrsam der Synagogengemeinde Berlin verbleiben. Landsberg a. W. (Bon der Einweihung des Jüdischen Altersheims.) Bei der Einweihungsseier des Jüdische:'. Altersheims in Landsberg a. W. haben — was zu dem in der vorigen Woche veröffentlichten Bericht noch nachgetragen sei — die Vertreter der jüdischen Gemeinde und ihrer Wohlsahrtsveremc tcilgenommen, und der Ortsrabbiner Dr. B. Elsaß gab der innigen Freude ob der Vollendung des Werkes Ausdruck und übcrbrachte die Glückwünsche der Gemeinde und der Toleranzloge. Im Namen des Israelitischen Frauenvercins sprach Frau Sclma Springer, we.che die Insassen begrüßte. — Auch die Gemeinden Schneidemühl und Frankfurt a. O. hatten Abordnungen gesandt. Rechtsanwalt Nehab hatte in launigen Worten ewige Jugend den Insassen des Hauses gewünscht. Leipzig. (Neuwahlen.) Nachdem die Wahl zur Repräsentantenversammlung vom 27. November 1927 durch Entscheidung des Wahlprüfungsgerichts für ungültig erklärt worden ist, ist eine Neuwahl erforderlich. Von den elf zu wählenden Gemeindevertrctcrn müssen mindestens acht die deutsche Reichsangehörigkeit besitzen. Die Neuwahl findet am Sonntag, den 26. Februar 1928, statt. Marburg. (Todesfall.) Im Alter von 48 Jahren starb der hier nicht nur in jüdischen, sondern in allen Bürgerkreisen allgemein geachtete Großlausmann Adolf Bachrach. Seine Wohltätigkeit und liiiiiiiiiiiiiiiiimiiiiiiiiiiiiimitiiiiiiiiMimtiiiimmmmmiiiiitiiniiiimuiiiiiiiiimifiiiiiiiiiiiiii Annahme von Bestellungen auf die Jüdisch-liberale Zeitung bei allen Postämtern Deutschlands lllmliunllllllmlnlllmmlmunnmmmummmnmnmttllmmlttmllttttlmimtlltllimlllim Menschenfreundlichkeit, die in der Stille ihre Betätigung suchte, haben zur Linderung der Not der Armen nach besten Kräften beizusteuern versucht. Dem Vorstand der Chewra Gemiluth Chassodim und dem Kuratorium des Israelitischen Schüler- und Lehrlingsheims hat er viele Jahre in uneigennütziger Weise gedient. Diese Wertschätzung dokumentierte die außergewöhnlich rege Beteiligung hiesiger und auswärtiger Freunde an seinem Leichenbegängnis. Prov.-Rabbiner Dr. Cohn gab der allgemeinen Trauer um den Heimgang des trefflichen Menschen und beliebten Gemeindemitglieds in ergreifenden Worten beredten Ausdruck; der frühere Leiter des Schülerheims, Oberlehrer Bergel, würdigte die Verdienste des Entschlafenen um die Anstalt, und im Namen der Chewra sprach E. Goldschmidt herzliche Dankcs- und Abschiedsworte. Dr. Mayer, Düsseldorf, schilderte den herben Verlust der Familien-Angehörigen. Die imposante Trauerkundgebung machte auf alle Teilnehmer einen nachhaltigen Eindruck. Nürnberg. (Ernennung.) Herr Joseph Aufseesser, ein eifriger Förderer des liberalen Judentums in Nürnberg und treuer Mitarbeiter an den Zielen der liberalen Bereinigung und dieser Zeitung, hat den von der bayerischen Regierung wiedereingeführten Titel Kommerzienrat verliehen erhalten. Nürnberg. (Seltsame Rechtsprechung.) Das Schwurgericht zu Nürnberg hat am 19. Januar die Schriftleiter des Nürnveiger nationalsozialistischen Hetzblattes „Der Stürmer", den Landtagsabgeordneten Streicher und den Stadtrat Holz, von der Anklage der Beleidigung des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten, dessen Mitglieder in einem Artikel als Etappenschweine. Marketender und Zuhälter bezeichnet worden waren, freigesprochen, da der verantwortliche Redakteur, Reichstagsabgeordneter Dietrich (Coburg), die Aussage über die Urheberschaft des Artikels verweigerte. Am 20. Januar standen vor dem Nürnberger Gericht abermals Redakteure, Verleger und Drucker des „Stürmer"; diesmal wegen Beleidigung der jüdischen Religionsgemeinschaft (Religionsvergehen). In mehreren „Stürmer"-Artikeln war behauptet worden, daß der Ritualmord noch heute im Judentum üblich sei und sogar vom Talmud gestattet werde. Durch obszöne und aufreizende Bilder wurden diese Behauptungen unterstrichen. Ferner wurde das Verbrechen des Leiferder Eisenbahnattentäters Schlesinger, der als Jude bezeichnet wurde, als ein im Sinne des Judentums gottgefälliges Werk dargeste.lt. Auch für diese „Stürmer"-Nummer figurierte Reichstagsabgeordneter Dietrich als verantwortlich. Trotz des wissenschaftlichen Gutachicns des als Sachverständiger vernommenen Würzburger Univerfiiätsprofessors Geheimrat Dr. Hahn, der das Absurde der Ritualmordlegcnde darlegte und den Behauptungen über die angeblichen Irrlehren des Talmud entgegentrat, und trotzdem der Staatsanwalt den Angeklagten Holz für überführt hielt und zwei Monate Gefängnis gegen ihn beantragte, erfolgte wiederum' Freisprechung aller Angeklagten. In der Begründung heißt es, daß die Urheberschaft nicht sestgestellt sei, und außerdem nicht nachgewiesen werden könne, daß der Angeklagte Holz die jüdische Religionsgemeinschaft habe angreifen wollen, sondern daß er die jüdische Volksgemeinschaft treffen wollte. Es liege deshalb kein Religionsvergehen vor. Gegen beide Urteile wurde Berufung eingelegt. Schlüchtern. (Todesfall.) Ein durch Religiosität und bedeutendes talmudisches Wissen ausgezeichnetes Mitglied der hiesigen Gemeinde ist in Markus Goldschmidt zu Grabe getragen worden. Dem Verstorbenen, der das hohe Alter von 81 Jahren erreich:«, wurden vom Prov.-Rabbiner Dr. Gradewitz, den Lehrern Berlinger und Schuster ehrende Nachrufe gewidmet. Als höchst seltene Auszeichnung verlieh der Rabbiner dem Entschlafenen noch den Chowertitel. Seligenstadt. (7 0. Geburtstag.) Dieser Tage vollendete das Vorstandsmitglied unserer Gemeinde, Herr Julius Bär, sein 70. Lebensjahr. Mehr als 30 Jahre hat der Jubilar in uneigennütziger Weise den Gemeindeinteressen gedient und sich in dieser Tätigkeit allgemeine Sympathien erworben. Daß er auch außerdem als Mensch und Bürger großes Vertrauen genießt, beweist seine Zugehörigkeit zum Vorstand des Militär- und Kriegervereins, in dem er ebenfalls drei Jahrzehnte tätig ist. Außerdem gehört Herr Bar noch anderen Vereinen als Vorstandsmitglied an, und überall schätzt man seinen Rat und seine Tatkraft. Die Gemeinde ehrte ihr verdientes Mitglied durch einen Festgottesdienst, bei dem die Leistungen des Jubilars um die Förderungen des Gemeindewohls gebührend gewürdigt wurden. Worms. (Ein Lehrer-Veteran.) Unter allgemeiner Beteiligung seiner zahlreichen Verehrer beging der im Ruhestande lebende Hauptlehrer S. Rothschild seinen 80. Geburtstag. In seiner fünf Jahrzehnte umfassenden Stellung als Lehrer und Gemeindebeamter, als gründlicher Kenner der Wormser Gemeindegefchichte, als rühriges Mitglied vieler Berufs-Organisationen, des Hessischen Lehrervereins und des Lehrerverbandes, und nicht zuletzt als stets hilfsbereiter Freund aller Bedrängten und Ratsuchenden hat sich der Jubilar so viele Sympathien erworben, daß sein 80. Geburtstag in beredter Form durch die zahlreichen Freundschafts- und Anhänglichkeitsbeweise j davon Zeugnis ablegte. Moses Traum Von Ch. D. Löwi. Im Garten, in einer ergrünten Laube, saßen sie: Mose, Jethro und dessen Tochter Zipporah. Langsam kroch bunte Dämmerung auf die frühlingshaft ergrünte Landschaft nieder, fiel über schimmernde, schweigende Felder, fächelte leise, wie mit kaum wehenden Schleiern, weite Fernen, und berührte schleichend Garten und Laube. Es war, als tasteten in der Ferne, auf dem Rücken der Dämmerung, Farben, ein Zickzack von Farben, ocker, purpur, dunkel und violett, sich hinschlängelnd und -ziehend wie Träume, wandelnd barfuß auf Samt Mählich schloß das Tagesgestirn die müden, müden Augen, bleischwere Wimpern, und alles ringsum, Felder, Häuser und Gärten, trank schlürfend rinnende Dämmerung den aus dem Horizont sich lösenden Abend. Dunkelnde Schleier waren bemüht, die dämmerige Landschaft in Abend einzuschaukeln, und sickernd floß aus ihnen der Abend, der wie eine gütige, trostreiche Mutter die müde Welt in Schlaf und Traum einzuwiegen schien. Blauweiße, zögernde Wolken, behängen und gesprenkelt mit Träumen und Geheimnissen, zogen dahin, zeitlos wie Schlaf, und glichen wandelnden Pilgerkolossen mit Stücken dunkelnden Horizontes auf ihren Schultern. Hie und da blaute am bergigen, von gestaltlosen Träumen, durchwogten Horizont ein Stern auf, ward sichtbarer, glitzerte, funkelte und lächelte. Scharen von Träumen, kleine, große, in schemenhaften Gestalten, sammelten sich um ihn und begleiteten ihn. Irgendwo zirpte eine Harfe, wie am fernen Firmament, irgendwo schlug jemand ein Lied auf einer Flöte in die schieiernde, hindunkelnde Ferne, die stumm, traumhaft lag und dann unversehens abendlich aufwehte. Es säuselte im Garten ein wenig ein scheuer Wind; die Ruhenden hörten ihn um die unter Flieder duftende Laube leise tanzen. Wie in farbiger Traum Verlorenheit saß Mose da, den Blick seiner Augen in die Weite gesenkt. Ein seltsamer Glanz huschte über sein vom Geist gemeißeltes Gesicht, das in der zu Ende glühenden Dämmerung funkelte und von Geheimnissen umrahmt schien. Neben ihm saß Jethro, der einstige Priester der Götzendienst übenden Gemeinde Midjan, ein betagter, grauhaariger Mann mit einem dicken Stab in der Rechten. Und auf der nämlichen Bank saß auch dessen Tochter Zipporah, eine große, zarte Gestalt, deren sanftes, weißes Gesicht von tiefschwarzem Haare umwallt war; um deren Gunst warben mehrere ägyptische Fürsten. Ihr Blick war auf Mose gerichtet, der in die Mitte der Aufmerksamkeit versetzt war. Bei jedem Lidschlag seiner Augen erschauerte sie und fühlte sich erzittern. „Erzähle uns von deinem Traum!“, sprach Zipporah zu Mose, den sie in die dämmerige, traumhafte Ferne blicken sah, als hing er in Betrachtung ziehenden Wolken nach. Nach einer geraumen Weile begann Mose: „Ich sah ein Meer von Bäumen, nackte Bäume, dürre Zweige wie Skelettarme, die sich unaufhörlich und pausenlos hin und her beugten. Keine Farbe hatten sie, kein Duft hauchte von ihnen, es war, als strömte kein Lebenssaft in ihren Adern mehr. Jahr um Jahr rollte dahin, Frühling um Frühling verglomm, die Bäume blühten nicht und setzten keine Früchte an. Kein Vogel nistete in ihren Zweigen, kein fröhlich zwitschernder Laut ertönte. Immer schüttelten sie sich, tagaus, tagein und ohne Unterlaß. Kahl waren die geknechteten Bäume geworden, ihre Blätter fielen ab, eins nach dem anderen, und wurden von jedem Winde, der ein müßiges Spiel suchte, fortgeweht. Denn immer mußten sie sich beugen und beugen. Ein großer Baum, einer unendlich großen und mächtigen Zypresse gleich, der wie auf einem Throne saß undeine Krone trug, befahl es ihnen und zwang sie zu dieser Fron. Dieser große Baum war ein großer Herrschertyrann, trug ein köstliches, königliches Gewand von Buten und Früchten und reckte sich stolz bis zum Himmel empor. Um ihn standen einige andere Bäume, gleichfalls stolz und stramm; es waren seine Häscher und Getreuen, die die geknechteten Bäume schlugen und peinigten, wenn sie einen Augenblick sich zu schütteln aufhörten. Zuwe.lcn spürte ich, daß in ihnen Widerstände aufwallten gegen diese Pein: sie weinten, sie schrien; immer schriller werdende Schreie zuckten, laut schluchzten sie in die Ohren des Himmels mit ihren matten, rissigen Stämmen. Es waren ihrer viele, Hunderttausende, die unter dem Joch keuchten. Unablässig beugten und beugten sie sich; sie durften nicht auf hören, nie vor Erschöpfung eine Pause machen. Berge von abgefallenen B.ättern türmten sich vor mir auf, in denen dann ein Wind übermütig rumorte und sie zuletzt davonfegte. Plötzlich war es mir, als ge.lten Hilferufe an meine Ohren. Ein flutendes Mitleid mit diesen geplagten, von Qual gemeißel.en Leibern durchrann mich; ich wollte etwas sagen, ich wollte rufen — a lein ich vermochte nicht einen Laut von mir zu geben. Ich war mit Stummheit geschlagen. Aut einmal, im Blitze einer Sekunde, flüsterte es mir offenbarend ins Ohr: Komm! Ich sah den großen Herrscherbaum mir zuzwinkern und zurufen: Ich ernenne dich zum König über die Bäume! Ich zögerte minutenlang und verha rie in zitternder Ungewißheit Stockende Ungewißheit überströmte mich betäubend; angstgeschüttelt stand ich da und mein Herz durchwehte es wie ein Sturm. Dann schlug es in mir hoch wie eine Flamme; ich faßte mir ein Herz und trat, an allen Gliedern bebend, hinzu. Irgend eine Hand nahm die Krone vom Herrscher und setzte sie auf mein Haupt Wie von Schwingen getragen, schritt ich unter den Bäumen einher, Sterne tropften wie Tau auf meine Slftme; sie schienen in mir und sangen Lieder. Blicke großer Planeten umringten mich mit einer gewissen Vertrautheit; engelnmjau hzt und von Sternen umschwirrt war ich nun fortan. Ich trat in die Mitte der Baume und rief ihnen zu, daß sie nunmehr frei seien. Was geschah? Auf einmal verwandelte sich alles: ein junger ’Frü.ilingswind wehte au“; die Bäume begannen frei aufzuatmen und waren jäh frühllngshaft ergrünt; ihre Kronen rauschten auf in Freude, Wipfel Hoben sich in Seligkeit wie die vol en runden Brüste einer Mutte , wenn sie ihrem Kiide Milch gibt. Gesang brandete auf wie schreiende Fanfaren — Hunderttausende von Bäumen jubelten über den Sturz der früheren Macht