Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 4 (27.1.1928)
- Date
- 1928-01-27
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Jubelnde Rufe schlugen empor, schlugen immer heller und umschallten mich. In diesem Augenblick verstand ich die Sprache vorbeiwehender, gesprächiger Winde. Es flammten Gestirne auf vor meinen Augen, und kreisende Regenbogen wölbten sich unendlich hin. Himmel dehnten sich und berührten sich mit der Erde. Eine Hellsichtigkeit ohne Grenzen strömte plötzlich in mich ein. Einsicht in verborgene, geheimnisvolle Quellen stand mir jäh zu; ich Qbegriff im Blitze eines Augenblicks den Gang geheimnisvoller, unverständlicher Geschicke und tausender und abertausenden von Menschenschicksalen — und da erwachte ich Als Mose seine Rede beendet hatte, war es vollends dunkel geworden. Ein Wind wehte leise und säuselnd, und die Bäume im Garten rauschten. Es war, als ob sie Mose zugehört hätten und nun Ehrfurcht empfänden vor ihm und seinem Traum. Jethro und Zipporah, die seine Worte in flackernder Gespanntheit und wie Verdurstende in sich einsogen, sahen in der Dunkelheit seine überirdisch verklärten Augen jäh hell leuchten und sein Gesicht einen seltsamen, lodernden Glanz gewinnen, und es traf sie aus seinem Gesicht unirdische Helle. Dann sprach Jethro zu Mose in Ergriffenheit: „Du wirst das wühlende Leid deiner Brüder sprengen, du wirst einmal die Kinder deines Volkes aus verfallener Fron und Sklaverei befreien. Du wirst Führer und Lenker der Geschichte deines Volkes sein — du wirst ein Großer deines Volkes werden.“ Noch am gleichen Abend gab Jethro seine Tochter Zipporah Mose zum Weibe. BiicherschaLU Lucy Avellis: Verblaßte Photographin. Verlag Max Schildberger, Inh. Arthur Schlesinger, Berlin W 62. Ein Duft, wie von Rosen und Lavendel, steigt aus den zarten, mit einem liebevollen Pinsel gestrichelten Bildchen, die Lucy Avellis uns in einem schmalen Bändchen darbietet. Sie selbst zwar hat den Titel „Verblaßte Photographien“ gewählt; uns aber will bedünken, als sei es ihre eigene Künstlerhand gewesen, die diese Bildnisse mit pietätvoller Lebenstreue, aber doch mit jener individuellen Farbe und jenem individuellen Ton entworfen hat, die nur dem schaffenden Künstler, niemals aber einem technischen Verfahren eignen. Es sind fast ausschließlich schlichte, belanglose Alltagsgesctiichten aus frommen jüdischen Kreisen, die die Verfasserin mit scharfer Beobachtungsgabe und seelischem Einfühlungsvermögen zur Darstellung bringt. Jede Tragik und jede Komik einer jüdischen Bürgerschicht^ die, kaum noch dem Ghetto entronnen, mit Zähigkeit und Inbrunst an ihren alten Traditionen festhält, sind in diesen kleinen Erzählungen eingeschlossen. Da Lucy Avellis zu den wenigen Frauen gehört, die auch Humor besitzen, führen fast alle vonn ihr gestalteten Episoden trotz mancher absichtlich gestalteten Lächerlichkeit immer die blinkende Träne im Wappen. Die Künstlerin sieht Menschen, Dinge und Ereignisse allzeit mit „einem heiteren, einem nassen Auge“. Unter den dunkel gefärbten Erlebnissen und Begebnissen, die sich Lucy Avellis offenbaren, ist ein Kabinettstück, das nahezu lyrisch ausklingt (man würde es „melodramatisch“ nennen, wenn es nicht so bedingungslos echt anmutete), und das ist die graue Alltagsfabel „Komme sofort... “ von der Trödlerinmutter, die auf einer Postkarte inseriert, daß sie die höchsten Preise für alte Sachen zahle und die nimmer müde wird, treppauf, treppab zu klettern und unter ihrem großen verschlissenen Tuch den Siebenkram reicher Leute von dannen zu tragen, um ihn an arme Volksgenossen weiter zu verhandeln und aus seinem Erlös das Geld für die Erziehung ihrer drei Kinder Pfennig um Pfennig aufzustapeln. Und wenn sie an ihrem Lebensabend im jüdischen Altersheim in ihrem freundlichen Stübchen am Fenster sitzt, weiß Rose Goldenring, daß sie nicht umsonst mit ihrem fadenscheinigen Einschlagetuch durch Wind und Wetter gestapft ist, denn sie braucht bloß einen Blick in die Zeitung zu werfen und darin zu lesen: „Im Prozeß Müller wird Dr. Leo Goldenring die Verteidigung übernehmen....“ oder an anderer Stelle: „Professor Martin Goldenring ist die Leitung des Neuen Jüdischen Krankenhauses übertragen worden ....“ Und zum ersten Mal beschleicht sie eine leise Erschütterung, als ihre Tochter Ruth ihr die Geburt eines ersten Enkclchens meldet und auf einer „Postkarte“ schreibt: „Besuche uns doch recht bald, iiebe Mutter!“ Zwar wird sie dieser „Postkarte“ keine Folge geben, weil sie weiß, daß da doch ein Unterschied ist zwischen ihr, der alten Goldenring, und der feinen „Mischpoche“, in die ihre Ruth hineingeheiratet hat, aber sie kann es sich doch nicht versagen, lächelnd zur Stubennachbarin zu äußern: „Was meinen Sie, Löwenbergen, wenn der da obe n mal nach mir wird schicken, dann werd’ ich mir nicht können drücken, dann werd’ ich müssen kommen sofort.“ Fin kleines Meisterstück von Güte, Selbstpersiflage und der Weisheit des Herzens! Von der ironischen Kleinmalerei, in der Lucy Avellis sich ebenfalls zuweilen gefällt, bildet den Gipfelpunkt die zuerst in dieser Zeitung veröffentlichte Skizze: „Die Büste (eine Geschichte von Heute)“. Mit Fug hat die Verfasser» diese kleine Bluette, in der „Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung“ ein anregendes „Mixtum Compositum“ bilden, an den Schluß ihres Büchleins gesetzt. Nicht etw«, um ihm, nach amerikanischem Vorbild, ein „happy end“ zu geben, sondern nur, weil das kleine, feine und wertvolle Werklein dadurch auf besonders liebenswürdige Weise ausklingt. Ein Kunstwerk en miniature, aus Filigranfäden gesponnen. Aber, wie Gerhart Hauptmann dereinst einem anderen künstlerischen Dokument nachrühmte: „Es ist ein Hauch über den Dingen und der ist das* Beste an ihnen.“ Eben dieser Hauch schwebt auch über den „Verblaßte« Photographien“ von Lucy Avellis und läßt sie uns daru» insbesondere kostbar und reizvoll erscheinen. Ddris Wiltner. Berichtigung. Zu der von uns veröffentlichten ausführlichen Besprechung der Arbeit von Dr. Henni Coblenz: „Die Erziehung der Schulpflichtigen und Jugendlichen in jüdischen Heimen“ bittet uns die Verfasserin um Veröffentlichung folgender Berichtigung: „Nr. 50 der „Jüdisch-liberalen Zeitung“ vom 16. Dezember 1927 enthält eine Besprechung meiner Schrift zur Geschichte des Jüdischen Heimwesens. Diese geht von völlig falschen tatsächlichen Voraussetzungen aus und enthält außerdem eine Reihe von Unrichtigkeiten, die im Folgenden berichtigt werden: 1. Es ist unrichtig, daß schon eine Buchausgabe meiner Schrift erschienen ist. Die Arbeit besteht vielmehr bisher nur als Dr.-Dissertation, die der Universität in der ursprünglichen Form eingereicht wurde. 2. Es ist unrichtig, daß in dem Druck der Dissertation irgendeine Stelle geändert wurde. Es ist ferner unrichtig, daß die Buchausgabe mehrere Verbesserungen erfahren hat Sie wird vielmehr nur an einer einzigen Stelle auf Anregung des Leiters des betr. Heimes geändert. Außerdem wird dieser zweiten Auflage ein Berichtigungszettel beigegebe«, der Ergänzungen und Berichtigungen im Hinblick auf tatsächliche Aenderungen in der Zwischenzeit enthält. 3. Es ist unrichtig, daß die Arbeit nicht mein geistiges Eigentum ist. Demgegenüber verweise ich auf die genaue« Quellenangaben im Vorwort und auf die übliche Versicherung bei Abgabe der Dr.-Dissertation, nach bestem Wissen und Gewissen keine anderen als die angegebenen Quellen und Hilfsmittel benutzt zu haben.“ WAN (T^ d d\ CÜSy (C\ r~\ Voranzeige für die Weiße Wofte Sehenswerte Innen- und •Schaufenster-Dekorationen Konzert Musik von Rudolf Nelson — Text von Arthur Reimer „Wir treffen uns im Kadewe" Montag, den 30, Januar Vormittags 9 Uhr: Abflug von lOOO Tauben Vorverkauf freute Das Kadewe bietet wie immer beste Qualitäten zu billigsten Preisen Bemdheinkleid feinfädig. Wäscbetuch, m. 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