Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 4 (27.1.1928)
- Date
- 1928-01-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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H ■ «MP lfiuiu , I "' »nv w*„' >nwmpp i|U il I.II MWWWffWWWWMMW Ich brachte dann das Gespräch auf ihren Mann und erfuhr von ihr, daß sie nur der Erinnerung an ihn lebte. Das Andenken an den »roßen Philosophen wollte sie dauernd geehrt wissen und so hätte sie Beabsichtigt, in Meran ein Lazarus-Haus zu stiften, in dem sämtliche BazaruS-Reliquien äufbewahrt werden sollten. Leider seien die drei Herren der Stadtverwaltung, die sich dafür interessierten, gestorben rmd seitdem lagere die Sammlung in einem Keller. Ueber zwei Bilder hätte sie bereits verfügt, das Bild von Lazarus, das Lenbach gemalt hat, habe sie der Moritz-Lazarus-Loge in Göttingen vermacht, ein anderes befinde sich auf dem Wege an die Jüdische Gemeinde zu Berlin, die sich ihrer, nachdem sie infolge der Inflation alles verloren hatte, warm angenommen hätte. Sie übergab mir eine Keine Gchrift „Meine Bildersammlung", die u. a. ein Namensverzeichnis m* 80 Bildern bedeutender Persönlichkeiten enthält, die Lazarus Bon ihnen erhalten hatte. Es ist ein Kulturdokument der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Als ich sie bat, mir eine Widmung änzuschreiben, behielt sie die Schrift zurück, um sie mir am Sonntag wieder zu geben. Unbedingt müsse sie uns noch einmal sprechen. Oie bedauerte sehr, daß wir so kurz vor unserer Abreise zu ihr Gekommen wären. So verabredeten wir ein Rendez-vous für Sonntag Bormittag 11 Uhr an dem roten Briefkasten, der am alten Teile m Kurhauses angebracht ist. Pünktlich hatte sich Frau Geheimrat «Ingefunden. Es war wieder ein hoher Genuß, den uns die Unterhaltung brachte. U. a. erzählte sie, baß sie an einem Verzeichnis Z«s ganzen Nachlasses von Lazarus arbeite, damit einst, wenn sie nncht mehr da wäre, alles geordnet vorgefunden würde. Als wir auf »ie veränderten politischen Verhältnisse in Deutschland zu sprechen 1»men, erwähnte sie, daß sie schon von Jugend aus Republikanerin gewesen sei. Es war eine knappe Stunde, die wir in der Wohnung mit dieser geistsprühenden Frau zusammen waren, ein Erlebnis von tiefster Wirkung. Meiner Frau traten die Tränen in die Augen, als Frau L. chr die beiden Bilder anbot, ich selbst empfand das Zusammensein erfüllt von heiligster Weihe, besonders im Anblick eines Bildes, das »on ihr gemalt war und Lazarus in seinen letzten Lebensjahren im Krankenwagen, von ihr geführt, darstellt. Unser Abschied war wie Her von einer alten teuren Freundin, das Gefühl, eine gemeinsame Heimat zu haben, hatte gesiegt. Der Bitte von Frau L., ihr einmal zu schreiben, waren meine Ara» und ich gern nachgekommen. Sic antwortete auch immer, fast posttvendend. Als ich ihr mit einem Schreiben von uns ein Album mit Bildern aus dem Kreise Flatow übersandte, erhielten wir von ihr ein Schreiben, das ich der Oessentlichkeit übergebe, da es das Wesen dieser einzigartigen Frau in ihren letzten Lebensjahren am Besten charakterisiert. Italien, Meran, Hotel Royal, 10. Mai 26. Liebe Frau Dr.! Sehr geehrter Herr Dr.! Herzt. Dank süc Ihre l. Briese, die mir ein so anschauliches Bild Ihrer vielseitigen Tätigkeit geben und Ihres ganzen Denkens und Lebens. Wie selten erhalte ich solche Briese!! -- Meist fertigt man mich mit herkömmlichen Redensarten, Wünschen und Voraussetzungen (wie es mir gehe) u. dergl. ab, u. Schluß; Schreibereien des Porto nicht wert. Zuweilen (selten) schütte ich diesem od. jenem von m. Herz aus, in der sicheren Erwartung, ja in frohem Vorgefühl Verwandten m. Mannes od. Befreundeten in ausführl. Schilderungen eine eingehende, verständnisvolle Antwort zu erhalten, mit Rat, Trost, Ermutigung — nichts dergleichen! Niemand reagiert, kein Widerhall! öde, leere paar Zeilen über Wetter, fremde Menschen, Dinge, die mich nichts angehen, -- was m i ch berührt, was mir Geist u. Seele bedrängt, das wird ignoriert, als hätte ich es gar nicht mehr. Und nun noch einige Tage später kam Ihr schönes Heft in rot gebunden (m. Lieblingsfarbe). Meine Freude können Sie sich kaum vorstellcn, denn sie war so gemischt mit Rührung, Rückdenken, Erinnern an meine Mutter... mein erster Gedanke war: Gott! wenn sie das sähe u. ich sprach es laut aus und trat mit dem Heft vor ihr Bild, das nun über meinem Bett hängt... und mir »amen die Tränen... Nachher aber beim 2. Blatt „evang. Kirche", da wurde mir so weh-sehnsüchtig ums Herz, denn am Rand rechts guckt ein Häuschen hervor, nur ebenerdig, mit tief herabhängendem Dach über den keinen Fensterchen-und der Lage nach, gegenüber der Kirche, ist es gar das Häuschen, in dem meine liebe, gute, treue Großtante „Tante Jette" wohnte, bei der ich als 4jähr. Kind und als Fünfzehnjährige die einzig sorglos-heiteren Jahre meines Lebens zudrachte. Können Sie sich meine Freude vorstellen? - Dank! Tausend Dank! — Sie wollen von mir wissen. Gottlob, es geht mir gut, bin gesund, Beschwerden gehen mit Vorsicht und Diät vorüber u. m. leidenden Augen wollen geschont sein, denn — wie Sie sehen — kann ich sie immer noch gebrauchen. Ich lebe höchst regelmäßig, nach der Uhr. Wollen Sie meine Tagesordnung wissen? Früh 7 aufstehen (ich stünde früher auf, am liebsten mit der Sonne, aber m. Schlaf ist ein fortwährend unterbrochener u. das macht mich müde), etwas Toilette, etc. 1/08—8 Frühstück (sehr gutes, ausgezeichneten Kaffee in meinem eigenen Bunzlauer Kännchen, das mir die Wirtin so vollfüllt, daß ich für den Nachmittag eine 3. Tasse . erübrige), trefft. Butter, Honig etc. — Um 8 Beginn meiner Arbeit: Kürzung und Besserung eines Romans; mit kurzen Pausen, um die Augen zu ruhen, in denen ich aber Sonstiges schaffe — Abwechselung ist Erholung — schreibe ich weiter bis 12. — Umkleiden; Essen u. gewöhnl. zieml. weiter Weg bis zur Eisenbahnbrücke, um armen Leuten von meinen diversen Mahlzeiten Brot- und andere Reste (Reis, Gemüse, Fleisch, Knochen etc. etc.) für ihre Hühner und ihren Hund Futter zu bringen. Die Sache strengt an, denn all das Zeug muß erst zerkeinert werden, u. der Weg ist weit — beides kostet mich 2 Stunden, aber ich kanns nicht lassen. Es ist auch zu lieb, wie die Viecher mich kennen u. auf dem Hof zusammen lausen «. mir entgegen, ohne daß ich sie rufe. Neulich bekam ich von der Häuslerin einen reizenden Wiesenblumenstrauß, den ich gleich aus Lazarus Grab brachte. Ich kann mir jetzt alle Tage dort Wiesenblumen pflücken. Das sind so meine Freuden. Im klebrigen lebe ich ganz still u. zurückgezogen. Freunde sind dahin... und die neue Generation kennt mich nicht. — Wenn mir nur mein Detziges Heim bleibt, bin ich ganz zufrieden, — aber das Haus soll verkauft werden u. ob der neue Besitzer uns Gäste behält? — Doch ich mache mir keine Sorge u. vertraue aus unser Aller Vater! — Leben Sie wohl, mein liebes gütiges Paar! Ich denke Ihrer sehr oft, jetzt täglich, denn d. rote Heft liegt auf m. Schr.-Tisch. Herzlich grüßt Ihre Rahida Lazarus-Remy. Ich könnte noch Vieles von der lieben, bescheidenen, noch im Alter jugendfrischen und geistvollen Frau berichten. Hatte sie mir doch manches erzählt, was ihr Herz bedrückte. Doch es mag genug sein! Wer die Frau kennen und schätzen lernen will, der lese di« von ihr mit warmem jüdischen Herzen geschriebenen Bücher. ,^Jch suchte Dich" und „Das jüdische Weib" sind ein kostbares Vermächtnis an alle Juden. Parteikampf in der Wiener Gemeinde Ein nicht zu unterschätzender Zwischenfall hält die Wiener Judengemeinde in Atem. Tie zwei führenden Vertreter der zionistischen Fraktion des Kultusvorstandes, Oberbaurat Robert Stricker, der ehemalige jüdisch-nationale Abgeordnete, und Dr. Leopold Plaschkes, der gewesene einzige jüdischnationale Wiener Gemeinderat, haben ihre Borstandsmandate niedergelegt. Grund für diese Mandatsniederlegung ist die Frage der Reform des Kultuswahlrechtes. Dazu ist zum besseren Verständnis der .reichsdeutschen Leser folgendes über die spezifisch Wiener Verhältnisse zu sagen: Bei der Wiener Kultusgemeinde ist das Wahlrecht vom Zensus abhängig, da die liberale Mehrheit von Hem Gedanken ausgeht, daß eine Kultusgemeinde, deren Erhaltung im Gegensatz zu dem staatlichen oder städtischen Verband lediglich durch j>ie Steuerleistungen ihrer Angehörigen ermöglicht wird, Ehrenrechte — und als solche muß das Wahlrecht gewertet werden — nur demjenigen verleihen kann, der ihr auch die notwendigen Pflichten leistet. Diese Pflichtleistung besteht lediglich in der einmal im Jahre zu entrichtenden Bezahlung der Kuttussteuer, deren Minimum von 60 Groschen (40 Pfennige) wohl auch der Aermste zahlen kann. Wer seiner Steuerpflicht dennoch nicht nachkommt, bekundet ein derartiges Desinteresse an dem Geschicke der Wiener Judengemeinde, daß ihm das Wahlrecht nicht zuerkannt werden kann. Deshalb wurde der vom Ingenieur Stricker eingebrachte Antrag auf Aenderung des bestehenden Wahlrechtes von der liberalen Mehrheit des Wiener Kultusvorstandes abgelehnt. Angesichts dieser Haltung der Kultusmehrheit hatte Stricker eine Sitzung aller zionistischen Kultusmandatare und der zionistischen Parteileitung einberusen. Er stellte dort den Antrag, das bestehende Koalitionsverhältnis mit der liberalen Mehrheit zu lösen, in die Opposition zu gehen und anläßlich der Budgetberatungen die entsprechenden Konsequenzen zu ziehen. Dieser Antrag wurde aber von der Mehrheit des Klubs und der Parteileitung abgelehnt, die angesichts der mißlichen Finanzlage der Wiener Kultusgemeinde auch weiterhin mit der liberalen Mehrheit kooperieren will. Darauf erklärten Stricker und sein Fraktionsgenosse Dr. Plaschkes, entrüstet über die Haltung ihrer Parteifreunde, ihre Demission aus dem Wiener Kultusvorstand. Ing. Stricker hat die zionistische Organisation dort durch 15 Jahre vertreten, Dr. Plaschkes durch 9 Jahre. Die unter dev Führung des Rechtsanwalts Dr. Desider Friedmann im Kultusvorstand verbliebenen Mitglieder der zionistischen Partei wollen mit allen Mitteln für die Durchsetzung ihrer Forderung nach Wahlreform werlerkämpfen. Wie sehr Fraktionsftreitigkeiten die österreichische zionistische Landesorganisation überhaupt beherrschen, geht auch aus folgendem hervor: Seit Neujahr erscheint in Wien wieder ein offizielles zionistisch es Wochenblatt mit dem Titel „Die Stimme", dessen Bestand durch die Garantie einiger Gesinnungsgenossen angeblich auf ein Jahr gesichert erscheint. Stricker aber verfügt seit dem Eingehe» der „Wiener Morgenzeitung" infolge chronischen Defizits über ein von ihm begründeteradikalnationales Privatorgan, „Die neue W e l t", das er eine „R e v u e" nennt. Alle Welt wußte, daß nach Erscheinen der „Stimme" es bei diversen Gelegenheiten an Polemiken nicht fehlen wird, und gleich in der ersten Nummer konnte man das Schauspiel erleben, wie süh unsere Zionisten, statt brüderlich in den Armen, kriegerisch i» den Haaren liegen. „Die Stimme" schrieb zum Falle Stricker- Plaschkes, nachdem sie schon vorher kernige Wotte der Ablehnung gesunden hatte, schließlich noch folgendes: „Man kann das Borgehen der beiden Mandatare schwerlich anders denn als Dissidententum bezeichnen. Durch ei» solches wird natürlich vor allem die Stoßkraft der zionistischen Partei geschwächt, und dies in einem Moment, w» Fahren Sie ste Dieses erstaunliche Angebot erlaubt es jedem, sich von der Überlegenheit des CHEVROLET zu überzeugen, wenn er schnell zugreift. Schluß* termin und alle Einzelheiten unten. EIN JAHR GARANTIE - EIN JAHR STEUERFREI! mmi Ein volles Jahr, iz Monate lang, können Sie den Chevrolet fahren, ohne einen Pfennig Steuer dafür zu bezahlen. 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