Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 4 (27.1.1928)
- Date
- 1928-01-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2613366-2613947-2613951--2574-2620061- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
des BGB., wie er aus den Paragraphen 1353—KO spricht, -ßast restlos in unser Bewußtsein übergegangen, und hat die entsprechenden Bestimmungen des rabbinischen Rechts stillschweigend ausgelöscht. Das gilt auch von dem größten Teile »er immer noch üblichen, aramäischen Eheverschreibung, VerKetuba. Wir sagen nichts gegen eine Beurkimdung religiöser Eheschließung neben der bürgerlichen. Hier aber sind zweimal bürgerliche Akte bekundet — und das Zttigiöse Motiv geht fast leer aus. Es ist allzu bescheiden, sich lagen zu müssen, daß niemand dem aramäischen Dokument «men ursprünglichen Charakter mehr anerkennt und sein fremdartiges Sprachgewaiw allein genügt, um es als Brief »nd Siegel für dm rechtmäßigen Bestand einer wahrhaft jüdischen Ehe hinzunehmen. Währertt» in (tm Ketuba das eheliche Güterrecht von einst ein schemenhaftes Dasein führte, fchlt es ganz im jüdischen Ehescheidungsbrief, dem Get, wo es nach un- «rm Empfinden weit eher eine Stätte haben müßte. Dieser Brief ist eine von Zeugen gefertigte Erklärung des Gatten, »aß er die bisherige Gattin aus dem ehelichm Verhältnisse enüasse und zu einer Wicherverheiratung freigebe. Es ist wahr, seit der Reform des schon genannten R. Gerschom muß die Frau einwrlligm, dm Brief anzunehmm; nur durch die Annahme gewinnt, er seine Wirkung. Aber ihre Weigerung zu überwinden, gibt es Mittel, auch wenn sie vielleicht aus guten Gründm erfolgte, über die wirtschaftliche Zukunft der Frau und das Schicksal der Kinder besagt die Scheidungsnrkunde nichts. So ist das deutsche Judentum stillschweigend übereingekommm, auf die jüdisch-rituelle Scheidung als selbständigen Akt zu verzichten, zumal sie bürgerlich ohne Wirkung wäre, und chn nur noch als Anhängsel nach erfolgtem Gerichtsurteil zu behandeln. Ist es da zuviel verlangt, daß für diesen ergänze.nd e n Akt jede Erleichterung beschaffen werde? Wollen wir die Ehegemeinschaft noch als religiös geheiligt fortbestehen lassen, die im Namen des auch für uns geltenden Gesetzes «aus schwerwiegenden Gründm als aufgelöst verkündet worden ist? Wo orthodoxe Anschauungen vorwaltm, möchte man sich zu diesem passiven Widerstande wappnen. Nach liberaler Auflassung sind die Religionsdiener des Judmtums in Deutschland verpflichtet, solche Maßnahmen zu treffen, daß die Wirkung eines Gerichtsurteils nicht aufgehoben oder eingeschränkt werde. Auf der einen Seite hat der Gatte nicht mehr wie im biblisch-rabbinischen Recht das alleinige Recht, die Scheidung auszusprechen oder zu verweigern; auf der andern darf die Frau nicht von religionswegen in chrem Scheidulngsverjahrm zurüötzescht weiten, nachdem das bürgerliche' Verjähren sie zur Gleichheit mit ihm erhoben hat. Die Frau in der jüdisch-religionsgesetzlichen Rechtsfähigkeit in weitem Umfang vor allem in Ehesachen dem Manne gleichstellm, ist eine Forderung der Stunde. Aufgeräumt muß mit dem naiven Atavismus werden, als ob die Frau rechtens nur ein Kaufobjekt, nicht viel besser als ein Sklmve sei, über die der „Herr" zu verfügen habe. Niemals war dl im Judentum jo, solange jüdische Gerichtsbarkeit mit den notwendigen Machtmitteln ausgerüstet war; ohne die alles Recht nur ein Scheinrecht, eine bloße Fiktion ist. Auch heute gäbe es Mittel, um dem offenbaren Mißbrauch veralteter Vorrechte zu steuern. Hier liegt eine wichttge Aufgabe für den Allgemeinen Rabbiner-Verband in Deutschland vor. Er umfaßt Gelehrte von Autorität aus allen Lagern, mit alleiniger Ausnahme der Trennungsorthodoxie. Er könnte also einen Ausschuß zur Prüfung des jüdischen Eherechts im Geltungsbereiche des BGB. einsetzen und Vorschläge KU neuen Normen und Formen von ihm fordern. Witt) er üuch nur diesen vorbereitenden Schritt wagen? Oder den Widerstand jener Mitglieder fürchten, die nur mit bösem Gewissen im Verbände sind, weil dieser auch Liberale umfaßt? Gleichviel, seine Arbeit würde von großer Tragweite kein. Denn sein Vorgang würde auch auf andere Binder, vbergreifen, insbesondere aus die Republik Polen, wo beson ders in Ehesachen die Autonomie der jüdischen Gerichte noch voller Anerkennung sich erfteut. Die Orthodoxie, die den Notstand selbst sehr wohl kennt und schmerzlich empfindet, möchte den umgekehrten Weg gchen, den polnischen Gelehrten den Vortritt lassen und auf deren Autorität gestützt sich vorwärts lasten. Wo bleibt die vielgerühmte jüdische Wissenschaft in Deutschland, die vor hundert Jahren dem Gotteshaus und Religionsunterricht ein neues Antlitz gab? Hat sie nichts m sagen über die jüdische Ehe von einst, ihre älteren und späteren Formen und über die wahre und würdige Stellung, die ihr im Judentum von heute gebührt? Von Rabbiner Dr. Samuel (Essen). Mische Studenten auf den preußischen Universitäten Die preußische Hochschulstattstik über das Wintersemester 1926/27 ist vor kurzem der Oeffentlichkeit unterbreitet worden. Sie liefert gleich den früheren diesbezüglichen Publikationen eine ungeahnte Fülle von Zahlenmaterial, dessen Deutung sehr interessante Ergebnisse zeitigt. Neben der Zahl der Studierenden, nach Geschlechtern geschieden, erfahren wir ihr Alter, den Berus des Vaters, Herkunftsland, Studienzeit und vieles andere, das, so wettvoll im einzelnen, hier unüerückfichttgt bleiben muß, weil es über den Rahmen eines Jnformationsattikels hinausgeht. In diesem Zusammenhang wollen wir nur einen Blick auf die konfessionelle Zusammensetzung der preußischen Studentenschaft werfen, soweit der Mische Bevölkerungsteil in Bttracht kommt. Im Wintersemester 1926/27 wurden auf sämtlichen preußischen Universttäten unter 31826 Studenten 1581 Juden (4,9 o/o) und unter 4836 Studentinnen 438 Jüdinnen (9,0 °/o) Versammlungskalender * Breslau. Jüdisch-liberaler Jugendoerein „Abraham Geiger". Vorsitzender: Rabbiner Dr. Haipersohn, Breslau 13, Roritzstraße 50. Vereinslokal: Loge ..Gerhatt Hauptmann", Schweidnitzer Stadtgraben 9. Montag, den 30. Januar, abends 8.15 Uhr, spricht Herr Religionslehrer Davibsvh« über bar Thema: Aus jüdischer Geschichte. — Die Jugend in England. Rege Beteiligung erbeten. Einführung von Gäste« erwünscht. Liegnitz. Liberaler Verein der Synagogengemeinde. Der nächste Vortragsabend findet am Montag, den 30. Januar, abends 8.30 Uhr, in den Räumen der Silesia-Loge statt. Herr Rechtsanwalt Dr. Scheyer spricht über Cdmond Flegs Roman: „Lin kleiner Prophet". Gäste willkommen. Marmhtttu. Jüdisch-liberale Vereinigung. Dienstag, den 31. Januar 1928, adends 8.30 Uhr, im Festsaal der August-Lamey-Loge, spricht Herr Rabbiner Dr. E. Seligmann-Frankfurt a. M. Über: Unser Wille zum Judentum. Gottesdienste Berlin-Norden. Liberale Synagoge Norde« (im Auerbachfche« Waisenhaus, Schönhauser Allee 162): Freilag, den 27. Januar, abends 7.15 Uhr, Gottesdienst. Predigt Seminar-Oberlehrer H. Fallenberg. Sonnabend, den 21. Januar, vormittags 10 Uhr, Gottesdienst. Am Freitag, den 3. Februar, Predigt: Rabbiner Dr. Salomonski. Die technischen Hochschulen stehen den Universttäten tu Sebeututtj gleich. Auf ihnen ist das jüdische Element wenig« ftarf vertreten. Sie bildeten im vergangenen Winter 3,6 ämtlicher Studierenden (295 unter 8078). Die Hochschule« werden ebenfalls in Fakultäten eingeteilt: Allgemeine Wisse«- schäften, Bauwesen, Maschinenwittschaft, Stoffwittschaft. D« Maschinenwittschaft wird von den jüdischen Technikern bevorzugt: 211 oder 71 Prozent gehörten dieser Fakultät a«. Bon den vier technischen Hochschulen (Berlin, Hannover, Aachen, Breslau) ist Berlin am bedeutsamsten für die jüdischen Studierenden, da hier 232 oder 78 Prozent von ihne« chrem Studium im Wintersemester 1926/27 oblagen. Jüdische Studentinnen sind fast gar nicht vertrtten (3 unter 7S Überhaupt). Zum Schluß seien noch die übrigen preußischen' Hochschulen kurz, erwähnt. Auf den Forsthochschulen m Eber»- walde und Hannover-Münden gibt es keine Juden. Ebeni» fehlen sie auf der Bergakaöemie in Klausthal. Die lanvwittschastlichen Hochschulen Berlin und Bonn-Poppelsdoch zählten unter chren 2000 Mitgliedern 16 Juden oder Oß Prozent, Pie tierärztlichen Hochschulen Berlin und Hannov« unter 418 5 Juden oder 1,1 Prozent. Einen höheren Prozentsatz bilden die jüdischen Studierenden, wie bei der jüdische« Berufsgruppierung nicht anders zu ermatten ist, aus de« Handelshochschulen Berlin und Königsberg. Insgesamt warm ä!L Studierende 1799 eingeschrieben und unter ihnen 11 Juden (6,3 Prozent), überwiegend in Berlin (103). Herbe rtPhilipPsthat. Erinnerungen an Nahida Ruth Lazaru» Bon Dr. M. Lips >chitz, Berlin. Berttn-Wttmersdorf-Schöneberg. Liberale Synagoge Wilmersdorf (in der Aula der Cäcilien- Schule, Nikolsburger Platz): Liberaler Gottesdienst mit Chor und Predigt. Beginn 7.15 Uhr pünktlich. Predigt am Freilag, den 27. Januar, Rabbiner Dr. Salomonski. Am Freitag, den 3. Februar, Predigt: Raddiner Dr. Kantorowsky-Neukölln. gezählt. Ohne ausländische Studierende, die in den Zahlen enthalten sind, ergibt sich noch immer ein Anteil von 4,1 und 7,4, womit die Seelenzahl der preußischen Juden erheblich übettrosfen wird (1,06 °/o). Das jüdische Bildungsstreben wird durch diese wenigen Zahlen hervorragend gekennzeichnet. Bttrachten wir die untenstehende Tabelle, so sehen wir, daß jüdische Ausländer sehr stark unter der Studentenschaft (18 o/o) und unter dm Studentinnen sogar mit vierunddreißig Prozent vettreten sind. Die Schwierigkeiten, denen unsere Glaubensgenossen im Osten auf den Bildungsstätten ihrer Heimat begegnen, nötigen sie, die Universitäten der westlichen Kulturländer zu frequentieren. Ferner fällt die hohe Ziffer von 9 Prozent Studentinnen jüdischen Glaubens ganz besonders auf. Die Erklärung ergibt sich aus dem Umstande, daß die Heiratsaussichten für die jüdische Frau wegen der gewollten Ehelosigkeit zahlreicher heiratsfähiger Männer und infolge der ständig zunehmenden Mischehen, die die Reihen gerade der jüdischen Männer so verhängnisvoll lichten, sehr gemindett erscheinen. Das Schwinden der Ehemöglichketten zwingt die Jüdinnen, einen Lebensberuf gleich dem Manne zu ergreifen und bei ihrer bekannt hohen Intelligenz wählt sie akademische Berufe. Fakultät Studierende j überhaupt i m 1 w Jüdische Studierende m | w In Prozenten nt j w Juristische. 6236 j 211 480 49 7,7 23 Rechts- und IE 1! 12 41 11 25 91 Staatswistenschaft. . Wittschafts- 4639 121 141 4 144 15 12 3,1 12 8,5 und Sozialpolitik. . 8006 i 324 102 19 3.3 5,8 93; 9 20 1 21 li Medizin. 4440! 771 344 134 7,7 17 «33 j ioo 106 37 16 35 Philosophie. 2770 456 215 5,0 * i * 020 i 150 137 49 22 32 Mathematik. - Natunv 1808 i 159 53 9 2,9 5.7 11b 26 2 22 40 Philosophie - Naturiv. . 704. 418 2 2 l 0,2 33 — Zusammen. 81826 4836 1581 438 , 4,9 9,0 1822 292 346 100 I 1« 34 * Ausländer, die in den Hauptzahlen enthalten sind. Welche Fakultäten im einzelnen frequentiert werden, offenbatt gleichalls die Anstellung. Die jüdischen Studenten bevorzugen die juristische; Philosophie und Medizin folgen. Anders geftattct sich die Reihenfolge, wenn wir einen Vergleich mtt der Studentenschaft insgesamt anstellen: Jura, Medizin, Philosophie. Bei den jüdischen Studentinnen steht an erster «stelle Phllosophie, dann Medizin und Jura. Jnbezug auf die Gesamtzahl ist auch hier die Reihenfolge eine andere: Jura, Medizin, Rechts- und Staätswissenschaften, welch letztere Fakultät im allgemeinen mit der juttstischen zusammensällt und unseres Erachtens von der Hochschulstatistik nicht gesondett betrachtet werden sollte. Die großen Universitätsstädte werden von den jüdischen Studierenden am zahlreichsten ausgesucht. In Berlin studietten 5v Prozent von ihnen (1147). Im weiten Abstand folgt Frankfutt mtt insgesamt 218; an dritter Stelle Breslau mit 206 Studierenden. In Grttfswald zählte man nur 2 Juden unter den Akademikern. Die Bestattung der vor kurzem in Meran im Alter von 79 Jahren verstorbenen jüdischen Schriftstellerin und Kulturkämpserin Nahid« Ruth Lazarus (Nahida Remy), der Witwe von Moritz Lazarus, de« vor 25 Jahren verstorbenen Begründer der Völkerpsychologie, fand auf dem neuen israelitischen Friedhof zu Meran statt. Die Gedächtnisrede hielt Rabbiner Josuah Grünwald-Meran, der die Verstorbene als eine ideal gerichtete, von wahrer Religiosität erfüllte Persönlichkeit und als Geistesgefährtin des berühmten Gatten würdigte. MS Familienmitglied sprach Rabbiner Dr. Leo Baerwatd aus München Worte des Abschieds. Am 12. Januar 1928 ist, 79 Jahre alt, eine Frau aus de« Leben geschieden, die zu den Zierden deutscher jüdischer Frauengestalten gehörte, Nahida Ruth Lazarus. Sie war dtze zweite Gattin des berühmten Philosophen und Völker-Psychologen Moritz Lazarus, der in Berlin mehrere Jahrzehnte gelebt und gewiriü hat und in Meran, wo ec die letzten Jahre seines Lebens zubrachte, 1903 im 79. Lebensjahre gestorben ist. Nahida Ruth Lazarus war eine geborene Sturmhöfel und in erster Ehe mit dem Schriftsteller Remy verheiratet, der bald nach der Verheiratung starb. Unter dem Namen Nahida Remy hatte sie schon vor der Verheiratung mit Lazarus Romane und Novelle» veröffentlicht. Aufsehen erregten, besonders in jüdischen Kreisen, ihre Bücher „Ich suchte Dich" und „Das jüdische Weib". I« «rsterem behandelte sie ihre Glaubenskämpse, in letzterem schilderte sie mit großer Begeisterung hervorragende jüdische Fraucngestalten aller Zeiten. Jahre hindurch hatte ich mich danach gesehnt, Nahida RuH Lazarus zu besuchen. Ich wollte gern Näheres über ihren Jugentzaufenthalt in meinem Geburtsort Flatow (Grenzmark) erfahren, w» sie als Kind zweimal längere Zeit bei Verwandten geweilt hatte, zuletzt im Jahre 1874. Ich wußte nur, daß ihre Mutter Nahida Sturmhöfckl in Flatow 1822 geboren, eine Dichterin und eine der ersten Borkämpferinnen auf dem Gebiete der Frauenbewegung war. Ich freute mich daher auf meine erste Frühlingsreise nach Meran, die ich i« April 1925 unternahm. Mein Traum, Frau Lazarus kennen z» lernen, ging in Erfüllung... Es war an einem Freitag Vormittag lU/u Uhr, als meine Frau und ich die Villa Schlettheim, Defreggerstraße 6, ein ganz einfach gehaltenes Haus, betraten. Ein Schild mit der Aufschrift Frau Geh. Reg.-Rat Ruth Lazarus, Sprechst. 4—5, zeigte an, daß wir das „Heim" der Frau des großen Philosophen gesunde« hatten. Einige Sekunden des Wartens, nachdem ich meine Karte hineingeschickt hatte, und eine ältere, lieb aussehende Dame empftn» uns an der Schwelle eines fast ärmlich aussehenden Zimmers i« einem roten Morgenrock. Es war ihr Schlaf-, Speise- und Arbeitszimmer. Sie war gerade mit einer Näharbeit beschäftigt. Als ich ihr mitteilte, daß mein Besuch nicht nur dadurch veranlaßt wordc» sei, daß ich noch ihren Mann gekannt und einige Bücher von ihm gelesen habe, sondern durch die Beziehungen, die sie und ich zu Flato« hätten, da war sie wie elektrisiert. Ihre Augen leuchteten wie nach einer Offenbarung, waren doch 51 Jahre vergangen, seitdem Ju das letzte Mal in ihrem Geburtsort geweilt hatte. Ich mußte ihr viel von der Heimat erzählen, die sie noch immer in lieber ErinnerunG habe. Flugs holte sie aus ihrer Mappe eine Bleististzeichnnutz heraus, die ich sofort als die katholische Kirche erkannte. Dann fragte sie, ob noch der See so schön wäre, ob die evangelische Kirche noch auf dem Marktplatz stände, ob die Färberei Zanke noch existiere und ob noch die jüdische Frau lebe und wie sie doch heiße, die ihnen immer das Fleisch ins Haus gebracht hat; kurz, unser Besuch und die Unterhaltung hatte auf sie so gewirkt, daß sie den Tag als einen für sie glücklichen bezeichnete. Als meine Frau dann zwei kleine Pastelle*) an der Wand bewunderte, die sie selbst gemalt hat, fragte sie meine Frau, ob sie ihr auch wirklich gefallen. Als meine Frau das bejahte, sagte sie sofort, die müssen Sie als Andenken mitnehmen. Trotzdem meine Frau sich dagegen wehrte und immer wieder wehrte — es käme ihr wie ein Raub vor — es nutzte nichts: Sie hätte schon Kopfschmerze« bekommen, das passiere ihr immer, wenn jemand sie aufregt. Akt meine Frau nun bat, es doch bei einem Bilde bewenden zu lassen, erwiderte sie: „Die beiden Bilder gehören zusammen, eins ist für Sie und eins für Ihren Mann." Schnell hatte sie die Bilder von der Wand genommen und eingepackt. Und als sie heraushörte, daß wir ihr auch etwas Angenehmes erweisen möchten, da sagte sie, wenn e& durchaus sein müßte, dann möchten wir ihr einen kleinen Karton mit kandierten Früchten schenken, die äße sie so gerne. Die Leute, die sie besuchten, brächten ihr immer Chokolade mit und die hätte sie sich schon übergegessen. Es dürften aber keine Birnen dabei sein, Reinoclauden. Daraus zog sie einen leeren Karton, der früher mit ähnlichen Dingen gefüllt sein mochte, aus der Tischschubladc hervor und meinte, den sollten wir füllen lassen... *) Die Bilder stellen einen kleinen Zeitungsleser und einen Säugling auf dem Mutterschoß dar. Sie sind 1923 gemalt worden. V r T elefonanlag e fortschrittlichen Kaufmanns Serflnet Srivai»(Telefon - Sesettsdkaft m. 6. Ä SerHnH39 Synatsirassc 3-0 "€3 Xansa T800 w./«i*.