Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 3 (20.1.1928)
- Date
- 1928-01-20
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft jüdisch- * liberaler Zugendvereine Deutschlands * Monatliche Beilage zur Züdisch-liberalen Zeitung Verantwortlicher Schriftleiter: Hilde Hamburger Berlin-Dahlem, Sachsallee 6 Grundgedanken des Pazifismus Von Albert I. Phiebig. Im Folgenden sollen nur die grundsätzlichen Ausführungen Walter Simons Entgegnung und Ergänzung finden, seine Worte über die Aufgabe der Jugeird erkenne ich rückhaltlos an. Meine Stellungnahme gründet sich auf die Lehre eines der ehrwürdigsten deutschen Pazifisten Gerhard von Schulze- Gävernitz: Nach drei Richtungen hin kann inan den Pazifismus betrachten: philosophisch, historisch und politisch. 1. Judentum wie Christentum verwarfen grundsätzlich den Krieg. Die Kriegsfreunde können sich nirgends auf die Grundlehren dieser Religionen stützen, sie können höchstens die Dichtungen dieser Religionen heranziehen, ehrwürdige Historien und schöne Mythen, oder gar kirchliche Gebräuche, die den Grundlehren Hohn sprechen (vergl. Walter Simon). Die philosophischen und religiösen Lehren, auf denen unsere abendländische Kultur beruht, fordern als Ideal eine Menschheitsgemeinschaft, die auf Menschheitsgesinnung, aus dem Gefühl der gemeinsamen Kulturaufgabe beruht. Im Judentum und Christentum lebt dieser Gedanke als die Idee der Nächstenliebe, der menschlichen Brüderlichkeit, die alle vereint, die Brüder am Rhein, am Hudson urid am Nil. Der Krieg reißt die Anfänge einer solchen Menschheitsgemeinschaft auseinander. Zum Zweiten fordern diese Grundlehren Handeln aus freiein Willen, aus eigenster Ueberzeugung und nicht unter Zwang: Alles zwangsmäßige Handeln ist als ethisch zwecklos zu betrachten. Zweifellos aber bedeutet der Krieg die brutalste Vergewaltigung vernünftiger Wesen, die zur Freiheit berufen sind, und im allerhöchsten Maß der moderne Krieg (vergl. Versailler Friede, Nachkriegsblockade etc.). Abzulehnen ist die militärische Begründung des Pazifismus, es hat Kriege gegeben, die dem „Sieger" (vergl. Walter Simon) das Vielfache feiner Kriegsopfer einvrach-- ten. Der bequeme Krieg der U.S.A. gegen Mexiko 1845/47 verdoppelte fast das Gebiet der Union (Texas, Kalifornien unb die ganze Gebirgsregion). Die britische Weltherrschaft im vergangenen Jahrhundert, der neue deutsche Industrie-Staat sind bedingt durch Trafalgar und Sedan. Die scheinbare Uebervölkerung der Welt können Kriege nicht bcheben (vergl. Walter Simon), auch die freiheitlichere Gestaltung des Mutterrechts wird wenig Abhilfe schaffen, — und ist zudem ein höchst gefahrvolles Mittels hier zeigt sich entscheidend die Notwendigkeit neuer Wirtschaftsformen. 2. Historisch darf man nicht jeden Krieg als Verbrechen verurteilen. Jedes Zeitalter wie jeder Einzelmensch ist nach seinen eigenen moralischen Maßstäben zu betrachten. Zumeist wohl entsprach der Krieg den höchsten moralischen Anforderungen der Kämpfer und löste die edelsten menschlichen Eigenschaften, Opfermut und Heldenhaftigkeit aus (vergl. Walter Simon). Weltgeschichtlich gesehen können Kriege sogar höchst bedeutsame Kulturträger sein, so der Sieg der Griechen bei Marathon für die ganze abendländische Kultur, die Kriege Alexanders wie der Römer für das Christentum, die Kreuzzüge für die Anfänge einer neuen Weltwirtschaft usw. 3. Das religiös-philosophische Menschheitsideal aber, von dem oben gesprochen, wird mehr und mehr zur Aufgabe der praktischen Tagespolitik durch das Entstehen von Staatengemeinschaften, innerhalb deren deren der Krieg ausgeschlossen ist: Die wichtigste das British Empire, leider nur allzu schwach der Genfer Völkerbund. Ob Coudenhove-Kalerghis Bestrebungen für ein Paneuropa eine stärkere Sicherung bringen kann, bleibt abzuwarten. Andere wie Brentano verlangen bekanntlich eine Eingliederung unseres Vaterlandes in den anglo-^amerikanischen Block als das heute größte Zentrum wirtschaftlicher und politischer Macht. Es ergibt sich also die Schwäche einer nur nationalistischen Grundlegung des Pazifismus. Der Pazifismus will verstanden sein als ein Gedanke, der religiös begründet, sich historisch-politisch entwickelt hat: Pazifismus ist Glaube, Pazifismus ist Religion. Wer wahrhaft bewußter Jude ist, muß Pazifist sein, muß für den Pazifismus, für die Idee der Menschheitsgemeinschaft, dann fürs erste für die Politik der Staatengemeinschaften werben und arbeiten. Aus der Ili-Arbeit Jli-Bnli«. Gruppenteilung In der Gruppe „Westen" des Berliner Jli hatten sich infolge der großen Attersunterschieoe zwischen den einzelnen Mitgliedern unvorhergesehene Schwierigleiten ergeben. Es wurde nachgerade eine Unmöglichreit, ein Tchema zu sinden, das in gleichem Maße alle Mitglieder der Gruppe interessiert hätte. Dadurch ergab sich, daß weder die Jüngeren noch, die Aelteren zufrieden waren. Ter einzige Ausweg möglichst allen gerecht zu werden, war die Teilung der Gruppe. Der Erfolg übertrifft bei weitem die Erwartungen. Abgesehen davon, daß das Niveau der Heimabende den Interessen der Einzelnen angepaßt werden kann, sind alle Gruppenmitglieder von ihrer Tätigkeit im Jli befriedigter als vorher. Tie Frequenz in beiden Gruppen ist etwa 90 °/o. Hans Rosenberger. Gruppe Westen (Hans Rosenberger). a) Gruppe der Aelteren: Dem Wunsche der Gruppe gemäß beschäftigten wir uns mit griechischer Philosophie. Der eine Heimabend wurde mit einer Einteilung der vorsokratischen Philosophen in verschiedene Schulen verbracht, der andere mit den Gedankengängen des Plato, die ihn zu dem Begriff der „Idee" brachten. Auf beiden Abenden zeigte eine lebhafte Diskussion, daß diese Themen durchaus den Einzelnen angepaßt sind. Hilde Hamburger. b) Gruppe der Jüngeren: Auf den letzten Heimabenden sprachen wir über Zionismus. Es wurde ein Referat über dieses Thema gehalten, an das sich eine Diskussion schloß. Wir definierten zunächst den Begriff „Volk" und stellten den Unterschied zwischen „Volk" und „Nation" fest. Anschließend daran sprachen wir über die Orthodoxie im Judentum und zeigten die Unterschiede zwischen ihr und dem Liberalismus. Ilse F i n k c l. Nach einem sehr hübschen gemeinsamen Chanukah-Heimabend der Gruppe wurde die vollständige Teilung beschlossen. Die Gruppe der Aelteren behält ihren Namen Westen, die der Jüngeren nennt sich Oliva. ★ ♦♦♦♦ Das Ili-Programm ★ ♦♦♦♦ Ztt-Berlin. Gemeinsame Veranstaltungen. Sonntag, 29. Januar, nachmittags 6 Uhr: Jlifest in der Schulaula der Mädchenschule Kaiserstraße. Die Ellern sind hierzu herzlich eingeladen. Jli-Breslau. Unsere Bereinsabende sinden allwöchrntlich Montag, abends 8hi Uhr, im Saale der Loge Gerhart Hauptmann, Schweidnitzer Stadtgraben 91, statt. Montag, den 23. Januar, abends 8.15 Uhr, Bortrag des Herrn Rabbiner Dr. Salomonsli-Berlin: Der neue liberale Gottesdienst in Berlin, ein Beitrag zur Frage: Kultusresorm oder gottesdienstliche Verödung? Rege Beteiligung erbeten und Einführung von Gästen erwünscht. — 30. Januar: „Die Jude« in England". Jli-Magdeburg. 10. Januar (für die Aelterengruppen): Jüdische Jugend für Deutschtum und Judentum. — 17. Januar: Patriotismus und Pazifismus. — 21. Januar: Jli-Ball, Breiter Weg 139-140, im Prunksaal des Hanfes Hohenzollern. — 31. Januar: Dislussionsabend. Mitteilungen für die nächste Nummer unserer Zeitung find bis zum 14. Februar 1928 einseitig beschrieben an Hilde Hamburger- Berlin-Dahlem, Sachs-Allee 6, zu senden. Die Aelteren gruppe beschäftigte sich an einem ihrer Heimabende mit bec Frage des messianischen Reichs. Wir gingen von der Feststellung aus, daß von der uns vorgehenden Generation die Idee des messianischen Reichs als eine Grundsäule des Judentums empfunden wird, von der man, auch wenn man sonst wenig oder nichts hielt von jüdischen Dingen, nicht ließ. Für uns dagegen steht die G l a u b e n s f r a g e im Vordergrund und darum geht unser Weg ins Judentum über den Glauben (mit allen seinen Folgerungen), nicht über die von religiösem Pathos getragene Ethik. Doch dies allein kann uns die Schwierigkeiten, die wir gegenüber dem prophetischen Ideal des messianischen Reichs empfinden, nicht erklären. Es scheint vielmehr, daß unsere Auffassung vom Ablauf der Weltgeschichte eine lvesentlich andere ist, als die der früheren Generation. Wir können Spengler nicht ganz Unrecht geben, wenn er die Weltgeschichte in Auf- und Niedergang selbständiger, in sich geschlossener (wenn auch oft voneinander beeinflußter) Kulturen zerlegt. Wenn wir die uns bekannte Geschichte der Menschheit überblicken, so zweifeln »vir an dem sichtbaren sittlichen Fortschritt. Uns geht das „Und wie wir's dann zuletzt so herrlich weit gebracht" anderer Generationen ab. Und so sind wir auch Zweifelnde am messianischen Ideal, das uns den höchsten Fortschritt der Menschheit verheißt. Aber stellen wir uns das messianische Reich denn nicht falsch vor? Eine ganze Anzahl von Prophetenstellen zeigte uns, daß das Kommen des Reichs nicht von einem langsamen allmählichen Fortschritt der Menschheit abhängig ist. Es k a n n heute und hier kommen, es kann nur nicht erzwungen werden, wie es der Mystiker-Rabbi tat, der nach Ende des Schabbos nicht Hawdoloh machte, um den Messias herbeizuzwingen. Aber mit diesem plötzlichen Einbruch des messianischen Reichs ging uns seine eigentliche Bedeutung aus: daß in jedem Geschlecht von Neuem, ja mit jeder Geburt eines Menschen die Hoffnung auf den Weg zur Vollendung neu ersteht, daß eine einzige Generation den ganzen langen Weg aus der Unvollkommenheit und Schlechtigkeit zum Guten und zum Frieden durcheilen kann. Und diese Hoffnung ist im Grunde ein Glaube an das Gute, das erhaben ist über ben skeptisch machenden Erfahrungen, die wir aus der Geschichte ziehen. Gerade weil der Glaube an Messias gegen die Geschichte geht, darum kann er solche Macht gewinnen, wie er es in jenen Juden aller Zeiten hatte, die um seinetwillen elendes Leben, ja Tod ertrugen. Ernst Heinrich Seligsohn. Berliner Jli-Msflng. Am 27. Dezember 1927 war ein Ausflug des Jli-Berlin. Da es schon nach den Feiertagen war, kam die Fahrt überhaupt nur für einen Teil der Jli-Mitglieder in Frage. Um so erfreulicher ist es, daß wir trotzdem 32 waren. Bei schönstem Sonnenwetter liefen wir von Birkenwerder kreuz und quer mit vielen Umwegen nach Hermsdorf. Unterwegs tauchten natürlich das unvermeidliche Bölkerballspiel und „Eins, zwei, drei, das letzte Paar vorbei" aus. In Hermsbors war die eigentliche Wanderung beendet. Nur die ganz Unermüdlichen liefen noch eine Station werter, bis Waidmannslust. — Daß die Beteiligung an dem Ausflug so groß war, zeigt, daß im Jli durchaus Lust zum Wandern vorhanden ist. Daher ist zu hoffen, daß die „Wandergruppe", die sich auf der letzten gemeinsamen Veranstaltung gebildet hat, möglichst bald und lebhaft in Erscheinung tritt. Hilde Hamburger. Am 12. Januar fand eine gemeinsame Veranstaltung statt: „Das auserwählte Volk?" Es lag ein Unstern über dem Abend, daß wir über Begriffe sprachen, die ein jeder anders auffaßte. Aus diesem Grunde kamen wir über die Erörterung der Auserwähltheit und ihrer Kriterien nicht heraus, und mußten schon, bevor wir zur Besprechung der Konsequenzen und damit auf das Hanptthema gelangten, abbrechen. Walter Simon. Gruppe Süd westen (Ludwig Lewin). Unser Winterprogramm ist die gemeinsame Lektüre und Besprechung von Baeck, „Wesen des Judentums". So haben wir in den letzten Monaten an fast jedem Heimabend über diesem Buch gesessen, allein es bot so viel Stoff zu Diskussionen, daß wir erst bis zum Anfang des zweiten Abschnittes gelangten, der vom Wesen des Prophetismus handelt. Es gilt, die angeführten Vergleiche nachzugehen, dabei gelangen wir oft in ganz andere Gebiete: oft gibt es auch Widerspruch gegen einzelne Sätze des Buches. Es ist schwierig, in einem solchen Bericht ein Bild von diesen Heimabenden zu geben, die ja in gewissen Zusammenhang miteinander stehen und doch wieder der Behandlung zahlreicher Einzelsragen dienen. — Als Unterbrechung besprachen wir am letzten Heimabend des letzten Jahres die Umgestaltung eines Gottesdienstes für den letzten Tag des Laubhüttenfestes und für Gesetzesfreude. Es zeigte sich, daß über die Art der Beteiligung und Heranziehung der Kinder an diesen Gottesdienst zunächst keine Einmütigkeit unter den Gruppeumitgliedern herrschte. Schließlich ergaben sich doch gewisse Gesichtspunkte, in denen wir übereinstimmten. Davon ausgehend sprachen wir über das Recht der Frau, am Gottesdienst aktiv teilzunehmen und über die Frage des Getrennt-Sitzens der Geschlechter, wie es heute üblich ist. Darüber konnten wir uns an dem Heimabend nicht einigen, wohl aber waren wir einhellig für die Beteiligung der Frau an gottesdienstlichen Handlungen. — Der erste Heimabend in diesem Jahr galt einer I Besprechung der Problematik der Jugend, die durch die Ausführungen eines Gruppenmitgliedes angeregt wurden, und als Beginn einer Aussprache über bie künftige Gestaltung der Ili-Arbeit gedacht waren. Das Schwierigste bei dieser Auseinandersetzung war das Finden präziser Ausdrücke und Benennungen für das, was unter gewissen Begriffen gemeint ist. Es tauchten eine ganze Reihe von Fragen auf, die weiterer Behandlung und einigen Nachdenkens wohl wert sind. Deshalb werden wir darüber noch auf dem nächsten Heimabend sprechen. Ferner beabsichtigen wir, das Thema der gemeinsamen Veranstaltung „Pacisismus" noch einmal von anderen Gesichtspunkten aus in der Gruppe zu besprechen, und zwar von der Seite des Staates aus und von seiner ethischen Begründung. Danach wollen wir dann wieder im Baeck weiterlesen. Ludwig Lewin. Die Veranstaltungen des Breslauer und Frankfurter Jli, die im Programm standen, haben stattgefunden. Daß die Berichte trotz ihres pünktlichen Eintreffens nicht bereits in der vorigen Zeitung standen, liegt nur an dem beschränkten Raum in der Zeitung. IN „Abraham Teiger", Breslau. Der 3. Vereinsabend fand am 7. November unter Leitung unseres Herrn Vorsitzenden Rabbiner Dr. Halpersohn statt. Wir diskutierten in freier Aussprache über alle Fragen, die den Gottesdienst betreffen, im Anschluß an die Referate auf der Hauptversammlung der liberalen Vereinnigung in Franksurt a. M. Am 14. November sprach Herr Dr. Löwisohn über das Thema: Seelen Wanderung. Der Herr Referent führte aus: Was geschieht nach dem Tode? Es gibt drei Möglichkeiten: Vernichtung, ewige Vergeltung in Himmel oder Hölle, Fortleben in anderer Gestalt, d. h. Seclenwanderung. Zu unserer Freude konnten wir an diesem Abend und bei unserer Freitag-Abend-Feier die Vorsitzende der Ratiborer Gruppe, Frl. Fränkel, bei uns zu begrüßen. Am 18. November feiern wir gemeinsam im Vereinslokal den Freitag-Abend. Weihevoll wie immer leitete der Kiddusch unseres treuen Freundes Herrn Kantor Wartenberger zu der gedankenreichen Ansprache unseres Vorsitzenden über. Herr Rabbiner Dr. Halpersohn ging von dem Goethewort aus, daß der Erdenkinder höchstes Glück bie Persönlichkeit sei. Der Herr Redner umriß den Begriff und das Wesen der „Persönlichkeit" und erblickte das Höchste und Letzte einer echten Persönlichkeit, die sich darin und darum über den matteren Begriff „Person" hoch erhebt, in dem völligen Zurücktreten hinter der Sache, die zu leisten es gilt. Als eine solche Persönlichkeit, der die Sache und nur die Sache alles ist, erscheint vjn der Bibel Elieser, der, dicht vor dem Ziele seines Mühens angelangt, mit seiner Person bescheiden in den Hintergrund tritt und, seinen Namen verschweigend, die schlichten Worte spricht: „Ein Knecht Abrahams bin ich." Das Bild dieser Persönlichkeit soll uns, obwohl sie vom Heidentum herkommt, als Vorbild dienen. Im weiteren Verlauf seiner Ausführungen verwies der Herr Redner, an Rebeccas Herzensgute und Frömmigkeit erinnernd, auf die Notwendigkeit, dem altüberkommenen jüdischen Herzen von neuem eine Stätte zu bereiten im Judentum der Gegenwart, und ries insbesondere die Frauen und Mädchen auf, dem Freitag-Abend das jüdische Heim zurückzuerobern, damit er dort, an seinem ureigensten Platze, seinen ganzen strahlenden Zauber entfalte. Starker Beifall folgte diesen zu Herzen gehenden Worten. Gesangsvorträge von Ilse Wohlauer, die verständnisvoll von Anny Silbermann am Klavier begleitet wurde, fanden freudige Zustimmung. Den Dank für alle an dieser Feier Mitwirkenden brachte Alfred Berger mit dem besonderen Hinweis auf die Bedeutung der Feier der Feste für uns liberale Juden unter freudiger Zustimmung der Anwesenden zum Ausdruck. Am 21. November gab uns Herr Religionslehrer Davidsohn in knappen Skizzen einen geschichtlichen Ueberblick über die Zeit von der Zerstörung des zweiten Tempels bis zur Geschichte der Juden in Spanien. Nachdem er angekündigt hatte, das er in einem der wollte, gab er zum Schluß noch eine Schilderung von der Ankunft nächsten Referate über die Gaonen und Responsenliteratur sprechen des R. Moses ben Chanoch und seines Sohnes Chanoch in Cordova und dem Aufblühen der jüdischen Wissenschaft in Spanien. Auch hier dankte lebhafter Beifall dem Herrn Referenten für die ausgezeichneten klaren Ausführungen. In der Aussprache wird die Frage aufgeworfen, welches die ersten Quellen sind, die uns über die Geschichte Jesus bekannt sind. Ferner wird Aufklärung gewünscht über die Stellung des Christentums zum Ruhetag. Mit Recht betont der Herr Referent in seinem mit Beifall aufgenommenen Schlußwort, daß gegenseitiges Verständnis der Religionen erst die messianische Zeit bringen wird. Am 28. November sprach Herr Dr. Breslauer über das Thema: Biblisch-talmudische Vorschriften im Lichte moderner Hygiene. Der Herr Vortragende zieht Parallelen zwischen den Vorschriften des biblisch-talmudischen Judentums und der modernen Hygiene. Vor allem weist er darauf hin, daß Friede und Freude zwei Grundgebote des Judentums sind, und daß Reinheit des Herzens und der Seele nur im Verein mit Reinheit des Körpers möglich ist. Besonders die Spcisegesetze sind unter der Einkleidung religiöser Gebote als besonders wertvolle gesundheitliche Grundsätze einzuschätzen. (Entblutung der frisch geschlachteten Tiere, obligatorische Fleischbeschau, das Verbot der Muscheln und Kriechtiere und das Verbot, das Fleisch gefallener und vom Raubwild zerrissener Tiere zu genießen.) Besonders hervorzuheben sind die Waschvorschristen vor und nach jeder Mahlzeit sowie die Gebote der Mundpflege. Die sozial-hygienischen Vorschriften wurzeln zum großen Teil in der biblischen Sozial-Ethik. (Der Gedanke des Mutter- und Kinderschutzes, Armen- und Krankenpflege, Altersfürsorge, Vormundschaftswesen und die Sorge für Geisteskranke und Taubstumme.) Der Begriff des freien Arbeiters wird eingesührt als Forderung der Lehre der Menschenwürde. Besonders wertvoll sind auch die Forderungen zur Vermeidung der Degeneration durch Inzucht. (Keuschheit vor der Ehe, das Verbot der Berwandten-Ehe bei familiärer Krankheitsanlage.) Zum Schluß wird noch auf die hygienische Bedeutung der rituellen Circumcision hingewiesen und die Schrift von Dr. Karl Alexander empfohlen. Unter lebhaftem Beifall dankt Herr Rabbiner Dr. Halpersohn als Leiter dieses Vortragsabends Herrn Dr. Breslauer für seine wertvollen Ausführungen. Eine lebhafte Aussprache beschloß den sehr anregend verlaufenen Abend. Alfred Berger. Am 5. Dezember sprach Herr Religionslehrer Davidsohn über die Beziehungen zwischen Staat und Religion an Hand des mosaischen Gesetzes. Der Herr Referent berührt die Schwierigkeiten und den Wechsel im Machtverhältnis zwischen beiden, bespricht die Wesensart des Staates und der Religion. In der mosaischen Theokratie gibt es bewußt keine Hierarchie. Die von Moses eingesetzte Priesterkaste hat nur eine kulturelle Aufgabe. Jeder einzelne Israelit wurde dazu berufen, sich das göttliche Wort zu eigen zu machen; das ganze Volk wurde als Priesterreich erwählt; es hatte die Thora übernommen, um sie in Gedanken und Tat sestzuhalten und zu betätigen. — Auch die Prophetenschule Samuels beugt einer Hierarchie vor, sie hat rein geistige religiöse Aufgaben. — David stärkt und erweitert den Beruf des Priesters durch erhöhte Feierlichkeit im Gotteshause, wählt aber Propheten als Berater. Die Propheten lehnen die Hierarchie ab. Es entwickelt sich ein Gegensatz zwischen. Priester- und Prophetenwürde, die sich in Jeremia und Ezechiel aufs glücklichste vereinigen. Der Herr Referent bespricht Aufgaben und Leben der Priesterschaft. Gewiß wird der Priester in der Zeit des zweiten Tempels beinahe hierarchischer Gottesdiener, allein es traten die Soferim an die Stelle der vom Schauplatz abgetretenen Propheten, welche nach persönlicher Eignung die Lehre, das Wissen, den Geist des Judentums pflegten und im Volke verbreiteten und die Priester in die Schranken ihrer Tempelfunktionen wiesen. — Es entwickelt sich der Rabbinerstand. — Darauf erörtert der Referent das Wesen der drei Parteien des Judentums, der Pharisäer, Sadducäer und Essäer, und gibt kurz eine Uebersicht über das Entstehen des Christentums, das in seiner ursprünglichen Anlage alle Verbindung mit den Thronen und Kronen der Erde, der weltlichen Macht, ablehnte. — In der mosaischen Theokratie sind die religiöse und politische Sphäre des Lebens vollkommen in einander vermischt. Bon Gott und seinem heiligen Willen gehen alle Gesetze und Verordnungen aus, das ganze Leben muß vom Prinzip des Göttlichen durchdrungen werden; Sittlichkeit, Politik, Religion müssen zu einem einigen