Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 3 (20.1.1928)
- Date
- 1928-01-20
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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schafft im Leben. Was ihm an Körperlänge abging, fetzte er an Geistesgröße allezeit zu. Im Jahre 1863 kam Ostwald nach Witten; die Gemeinde, die damals noch keine Korporationsrechte besaß, war aus den heterogensten Elementen zusammengesetzt. Der zierliche junge Mann sah sich vor die schwere Aufgabe gestellt, die auscinanderstrebenden Geister unter einen Hut zu bringen, und er zwang sie alle unter s-einen Willen. In jener Zeit mag es gewesen sein, wo er einem robusten Menschen, den er in einer Auseinandersetzung ad absurdum geführt hatte, und der seiner Erregung durch den Zuruf Luft machte „ich könnte Sie K. ja in meine Tasche stecken", mik gelassener Schlagfertigkeit erwiderte: „Dann hätten Sie mehr Verstand in der Tasche als im Kopse!" Die Verhältnisse ordneten sich unter seiner Führung und es entstand eine moderne Synagogengemeinde, der er noch heute bestehende Institutionen gab wie Chewrah, Frauenverein, Literaturverein, eine össentlichc Schule, einen stolzen Synagogenbau u. a. m. Auch im städtischen Leben wirkte sein ordnender Geist mit. Im Verein mit anderen wackeren Männern schus er den Bildungsverein, organisierte die Krankenpflege, rief Vereine zur Körperpflege ins Leben und war bald einer der populärsten Männer in Witten, und das will allerhand besagen in dem WirknngSgebicte eines Fritz Harekort, in der Stadt eines Louis Berger, zu denen er allerdings in besten Beziehungen stand. Was wunder, daß damals - zur Vollendung des siebenzigsten Lebensjahres alles wetteiferte, dem „kleinen Judenpastor", >vie er im Volksmunde hieß, Dank und Verehrung zu bezeugen. Deputation reihte sich an Deputation aus Gemeinde, Stadt und Provinz. Außergewöhnlich zahlreich sind die Ehrenurkunden, welche die Wände seines Arbeitszimmers noch heute aus jener Zeit schmücken und die sinnigen Angebinde, die bei den verschiedensten Gelegenheiten verehrun'gsvolle Menschen ihm dargebracht haben, an denen sein Herz sich noch täglich erfreut. Rufen Sie doch die Erinnerung an sein treffliches Wirken, das einen ganzen Mann erforderte, in angenehmster Weise wach. Er ehrte jede ehrliche Ueberzeugung und brachte Verständnis einer orthodoxen Minderheit entgegen, die s. Zt. in Witten vorhanden war; er beanspruchte aber auch die gleiche Achtung anderer vor seiner eigenen Ueberzeugung. Innerhalb der Gemeinde hielt er die Fahne des religiösen Liberalismus kraftvoll hoch. Neben dem seligen Coblenz arbeitete er in der Kommission, die das Westfälische Gebetbuch schuf, in hervorragender Weise mit. Und an der Gemeindegrenze hielt er treue Wacht und ließ das giftige Unkraut der Unduldsamkeit, das eine Zeitlang auf dem felsigen Boden der Stadt unter der Pflege eines „Predigers der Liebe" üppig wucherte, uicht über die Mauer schießen. Er verstand es, den Boden zu rigolen, aus dem er mit ungewöhnlicher Geschicklichkeit unnachsichtig auch die letzte Quaake herausholte. Vor achtzehn Jahren verlegte er seinen Wohnsitz zu seinen Kindern nach Schöncberg, Martin Lutherstraße 31. Aber weder in Witten noch in den westfälischen Gemeinden haben räumliche und zeitliche Entfernung die Erinnerung an ihn erblassen lassen; er ist hier heimisch geblieben. Markante Spuren seines gesegneten Wirkens künden seinen Namen: den Verband der Synagogen-Gemeinden Westfalens half er errichten, in seinem Verwaltungsausschusse mar er täglich bis zur Uebersiedelung nach Berlin. Das Israelitische Altersheim in Westfalen entstand aus seine Anregung, sein Bild ziert den Tagcsraum der Anstalt, und die Tcxtworte seiner Rede bei Grundsteinlegung des Hauses am 29. 5. 1924: „Wirs mich nicht fort zur Zeit des Alters, wenn meine Kräfte schwinden, verlasse mich nicht" grüßen in leuchtenden Lettern jeden Eintretenden im Vestibül. Auch bei der Errichtung des Kinderheims in Sassendorf hat er wacker mitgearbcitet, kurz, es ist auf jüdisch-sozialem Gebiete, solange er in Westfalen amtierte, nichts geschehen, das seine Unterstützung und Förderung nicht erfahren hätte. Außerdem lebt er hierzulande durch manches von ihm geprägte Bon mot, das in dankbaren Herzen Wurzel geschlagen hat. Selten erlebt man hier eine Tagung, auf der nicht des lieben kleinen Ostwald gedacht wird. Vollends in den letzten Wochen ist sein Name in aller Munde. Ist er auch nicht groß, so ist er doch alt geworden, d. h. er hat viele Lebensjahre gesammelt, ohne den geistigen Schwung eingebüßt zu haben. So trafen wir ihn bei Besuchen entweder in seinem Jesaja vertieft oder mit einem griechischen oder lateinischen Schriftsteller beschäftigt, oder er saß gegenüber seiner treuen Lebenskameradin, beide mit Radiohörern versehen, durch die sie die Welt zu sich kommen lassen, weil sie in die hastende Welt der Großstadt sich nicht mehr recht hinauswagen. Heute zur Vollendung des neunzigsten sehen wir den freundlichen Jubilar im Geiste wie vor zwanzig Jahren umgeben von all seinen damaligen Lieben und von Enkelkindern dazu wieder zur Seite des wärmenden Ofens. Das kommt und geht und feiert und redet, und für jeden findet er ein passendes, kluges, meist humorvolles Wort und innig ist seine Freude über die Beobachtung, daß sein Geleitwort vom Altersheim unvergessen ist. Aus Briefen und Telegrammen, aus Reden und vielsagendem stummem Händedruck jubelts ihm entgegen: ad meoh weesrim schonoh. Liebe und Treue werden Dich nicht verlassen! Gdt. D. * Aus der Bewegung Heidelberg. Am 4. Januar versammelte sich die Heidelberger Ortsgruppe der Vereinigung für das liberale Judentum zu einem genußreichen Abend, an dem Herr Rabbiner Dr. Dienemann-Ofsenbach über „Die positiven Aufgaben und Leistungen des jüdisch-religiösen Liberalismus" sprach. Der Redner behandelte das Thema in seiner bekannten klaren und stellenweise fein pointierten Art und verstand es, die hohen Werte unserer Idee neu zu beheben. Nur schade, daß die Angehörigen unserer hiesigen jüdischen Gemeinde, die zu dieser wertvollen Veranstaltung eingeladen worden waren, nicht zahlreicher erschienen waren! Immerhin brachte der Abend unserer Ortsgruppe einen Zuwachs an Mitgliedern. Kassel. (Vereinigung für das liberale Judentum.) Die schon vor Weihnachten angekündigtc, aber dann infolge Verhinderung des Referenten verschobene öffentliche Versammlung fand letzten Sonntag unter starker Beteiligung aus allen Gemeindekreisen im Hotel Meier statt. Direktor Karl G o t t h c l s t begrüßte als Vorsitzender und Versammlungsleiter den Referenten, Rabbiner Dr. Salzberger, Frankfurt a. M., und beleuchtete in einigen allgemeinen Bemerkungen die Ziele der liberalen Bctoegung, die das Primat der Religion zu ihren wichtigen Forderungen gemacht habe. Dr. Salzbergcr gab zunächst einen Rückblick über den Werdegang des Liberalismus, der keine Reformation bezwecke, sondern als Reaktion zum Ghettojudentum aufzufassen sei. Jrrtümer und Mißverständnisse über individuelle Freiheit machten die liberale Bewegung lange Zeit tatenlos. Erst in den letzten Jahren haben die auf Abraham Geigers Werken aufgebauten Reformgedanken greifbarere Gestaltung erhalten. Man hat, so betonte Dr. Salzberger, nach manchen allzu radikalen Versuchen und den ihnen folgenden Enttäuschungen eine Wandlung im Liberalismus durchgemacht. Die Londoner Weltkonferenz und die Frankfurter Tagung, die vom Referenten näher gewürdigt und in einzelnen Punkten, beispielsweise Dr. Dienemanns Referat über „Gemeinschaft und Individuum" analysiert wurden, geben ungefähr Aufschlüsse über die Bestrebungen des heutigen jüdischen Liberalismus. So denke man nicht daran, die Orthodoxie zu bekämpfen, wolle vielmehr die liberale Idee in die Massen tragen und auch das Ostjudentum vom Wesen und Wirken des Liberalismus überzeugen. Schaffung eines einigen Judentums, Begeisterung für die Gesamtheit und gegenseitige Duldung seien weitere wichtige Forderungen liberalen Geistes. Gegen Subjektivismus, Rationalismus und Negativismus richte sich das, was auch in Bezug auf den Gottesdienst als sogenannte „Reformideen" anzusprechen seien. Zum Thema des Abends übergehend, zeigte Dr. Salzberger dann die wichtigen Merkmale liberaler Forderung bezüglich der gottesdienstlichen Umgestaltung. Verschönung und Verkürzung des Gottesdienstes, Verdeutlichung der Gebete, Weckung des Gemeinschaftsgefühls und größerer Aktivität auch durch die Jugend, seien als Mittel, weitere Kreise dem Gebete zuzuführen, anzusprechen. Radikalbestrebungen haben auch hierbei Mißerfolge gezeitigt; man kürzte, bis nichts mehr zu kürzen war, machte den Gottesdienst charakterlos. Demgegenüber muß darauf hingewicsen werden, daß es schwer ist, die religiöse Freiheit zu gebrauchen. Was Beiwerk im Gottesdienst sein sollte, darf nicht in den Mittelpunkt gestellt werden. Dem schrankenlosen Rationalismus muß vorgebcugt werden; ein Gebet hört auf Gebet zu sein, wenn cs nur verstanden sein soll. Durch allzuviel Emanzipation gelangte man, zuweilen auch aus Opportunitätsgründen, zu falsch verstandener Reform. Als beachtenswerte Verbesserungen des Gottesdienstes im liberalen Geiste empfiehlt der Redner bei Betonung des Hebräischen als Gebetsprache Frcitag-Abcndgottesdienste für die Jugend und Erwachsene zu sestgelegten Zeiten, Kürzung univichtiger Gebete, die den Charakter von Lernstücken haben, Ersparung von Wiederholungen, Vereinfachung der Thoravorlesung, kurze Schristerklärungen, Ansprachen mit persönlicher Note, gemeinschaftliches Beten von Männern und Frauen in demselben Raum u. a. m. Leitgedanke der Neuerung sei die Wiederherstellung und Herausarbeitung der jüdischen Eigenart und die Voraussetzung, daß den öffentlichen Gottesdienst die Sprache beherrschen soll, die uns nach Raum und Zeit mit unseren Brüdern verbindet. Auch das stille Gebet hat seine Berechtigung, tveil gerade ihm eine andachtstärkende Wirkung eigen ist. Wir müssen uns, so schließt Dr. Salzbergcr seine mit starkem Beifall ausgcnommenen Ausführungen, zum Positiven, religiös-liberalen Weg zurücksinden. Die dem Referat folgende Aussprache war recht ergiebig und, durch lokale Vorgänge bewirkt, zeitweise lebhaft. Manchem Zuhörer hat Dr. Salzberger gewiß dadurch eine Enttäuschung bereitet, daß er zu wenig radikale Anschauungen vertrat. Die Aussprache hat aber bewiesen, daß gerade die Struktur der Kasseler jüdischen Gemeinde- Verhältnisse keinen Boden bietet für radikal-liberale Gottcsdienstresorm. Ob die übrigen praktischen Vorschläge Aussicht auf Verwirklichung haben, wird die Zukunft lehren müssen. Liegnitz. (Liberaler Verein der Synagogengemeinde.) Am Sonnabend, den 14. Januar, fand unser diesjähriger Jli-Ball statt, und zwar als Kostümfest mit der Devise: „Im Eircusfoyer". Der große Saal des „Hotel Rautenkranz" war bunt und lustig geschmückt und es wurde ein äußerst sideler Abend. Ab i/^9 Uhr wurde flott getanzt und gegen 11 Uhr gab es eine kleine Pause mit allerlei übermütigen Vorführungen und Vorträgen. Harry Kowalski machte als chiker Conferencier seine Sache ausgezeichnet. Margot Goldstrom und Lotte Choyke gefielen in einer Tanzszene mit Gesang so gut, daß sie diese wiederholen mußten. Käte Jereslaw begleitete am Klavier flott und voll Temperament und gebührt ihr unser aufrichtiger Dank! Leo Kaufmann trug dann das Lied vom „Krcuztoorträtsel" vor und erntete später als Leiermann mit selbstversaßten, bezüglichen Versen stürmischen Beifall. Lilli Liebrecht brachte voller Lust und Laune ein zündendes modernes Couplet: „Diese Männer" (aus Madame wünscht keinen Gatten) und erregte besonders mit dem Refrain große Heiterkeit!! - („Ich pfeife auf die ganze Männerblase.") - Später gab es dann noch vielerlei lustige Üeberraschungcn: bunte Luftballons, Confetti-Schlachten, Preis- und Dauertanz etc. und zum Schluß gab's eine Kaffeetafel, wobei, wie Herr R.-A. Dr. Scheyer verkündete, alle Teilnehmer Gäste des Vereins waren. Um 2 Uhr war das fröhliche Fest zu Ende. Levi Onkelos Eine Talmud-Legende. Von Ch. D. L ö w i. Nach seinem Uebertritt zum Judentum vertiefte sich Levi Onkelos in die Lehre und übertrug bald darauf die heilige Schrift in die aramäische Sprache. Heimlich ging er dem Sinn der Thora nach und verschwieg eine Zeitlang seiner Familie seinen Uebertritt zum Judentum. Eines Tages erfuhr der Kaiser aus dem Munde eines seiner Getreuen, daß Onkelos, der Sohn Kalominos und sein Schwesternsohn, Proselyt geworden war, und er sandte einen Trupp Soldaten, um ihn zu rufen. Als die Boten bei Onkelos erschienen waren, bewillkommnete er sie und hieß sie setzen. Onkelos unterhielt sich mit ihnen und spann sie in ein Gespräch über die Gesetze der Lehre ein; deutete ihnen verschiedene Schriftverse, sprach ihnen von dem Lohn, der den Gesetzestreuen und Gottessürchtigen im Jenseits harre. So zog er sie allmählich an sich, bis sie ihm folgten und gleichfalls zum Judentum übertraten. Als Titus, der Kaiser, dies vernahm, wallte in ihm Empörung auf. Er sandte sofort andere Soldaten zu Onkelos und befahl ihnen, daß sie sich mit ihm in Gesprächen nicht einlassen sollten. Bei Onkelos angelangt, sprachen sie zu ihm barsch und bündig: „Wir sind des Kaisers Abgesandte, komm mit uns!" „Ich komme", gab Onkelos zurück. Nun er mit ihnen ging, begannen die letzten Schimmer des Tages zu verlöschen. Alles ringsum barg sich in Dunkelheit. Stumm schritten sie dahin, ohne einen Laut von sich zu geben. Plötzlich begann Onkelos: „Hört Ihr?" „Was denn?", riefen die Boten. „Ich will nur etwas Geringes sagen." „Was willst du uns sagen?" „In der Welt ist es Brauch, daß der Knecht das Feuer im Dunkel vor dem König trägt, um ihm den Weg zu beleuchten. Oder trägt nun der König die Fackel vor dem Knecht?" „Freilich", erwiderten die Soldaten, „trägt der Knecht die Fackel vor dem König." „Doch nicht so verfährt der Herr mit Israel", sprach Onkelos. „Von Ihm sagt die Schrift: Er zog vor ihnen her des Tages in einer Wolkensäule, daß er sie den rechten Weg führte und des Nachts in einer Feuersäule, daß er ihnen leuchtete." Mit Schristversen und weisen Sprüchen aus der Lehre sprach Onkelos weiter, und die Soldaten horchten seiner Rede. Seine Worte hatten sie angerührt und bald hatte er ihre Herzen in seiner Rede endloser Maschen gefangen — und auch sie wurden Proselyten. Der Kaiser ließ nicht nach und sandte andere Boten zu Levi Onkelos und gab ihnen strengen Befehl, mit Onkelos kein Wort zu sprechen; auch kein Wort aus dem Munde Onkelos durften sie hören, und wenn er sprechen sollte, müßten sie sich die Ohren zuhalten. Als sie bei ihm erschienen waren und ihm den Befehl des Kaisers mitteilten, schickte sich Onkelos an, mit ihnen zu gehen. Doch blieb er an der Türe stehen und küßte den heiligen Namen am Türpfosten. Die Soldaten blieben gleichfalls an der Türe stehen und ihre Blicke begegneten einander verwundernd. „Was ist denn das?", fragten sie Onkelos. „Das ist eine Mesuse", erwiderte Onkelos. „Was ist eine Mesuse?" Da sprach Onkelos: „In der Welt ist es Brauch, daß der König sich in den innersten Gemächern aufhält und die Diener draußen an den Türen Wache hatten, um den König zu schützen. Anders verfährt der Heilige, gebenedeiet sei er, mit seinen Dienern: erläßt sie drinnen weilen, und er selber steht draußen und wacht vor dem Eingang zum Hause. Denn so heißt es in der Schrift: „Der Herr wird deinen Ausgang und Eingang behüten von nun an bis in Ewigkeit." Als die Soldaten diese Worte vernommen hatten, warfen sie die Waffen nieder und baten Onkelos, er möchte sie in der Lchre unterweisen. Levi Onkelos versprach ihnen, sie in die Schrift einzuführen — und sofort bekehrten sich die Boten zum Judentum. Bon nun an schickte Titus keine Boten mehr nach Levi Onkelos. ★ BÜCHERSCHAU * Biblische Gestalten in der hegende. Von Frieda Weidmann. Verlag J. Kauffmann. Frankfurt am Main. 1928. Einee Sammlung von Sagen und Legenden, die sich an biblische Gestalten^ knüpfen, so an Abraham, Moses, David, Jeremia, Hamani, alles in einer Sprache, die reich ist an Schönheiten, in dichterischem Gewände, in poetischer Verklärung. Und durch alle diese Sagen rauscht das gewaltige Ethos der Bibel, klingt das eherne Sittengesetz der mosaischen Religion. Wie erschütternd wirkt die Anklage gegen den Neid, wennn Mose ausruft: „Hundertmal besser sterben als einmal beneiden!", oder wenn es von Hiram, dem Könige von Tyrus, dem Freunde Salomos,, heißt, daß in seinem Herzen der Neid erwachte ob des Wunderwerkes in Jerusalem, dieses schlimmste Gefühl, aus dem alles Unheil entsteht. Und an ihm wie an Haman erfüllt sich das Schicksal des Neides und des Hochmuts. Und ebenso wird in rührender Weise erzählt, wie nur um der Liebe Rahels willen Gott sich seines Volkes Israel erbarmte. Am ergreifendsten aber zeigt sich die Allgewalt der Liebe in der letzten der Legenden, in der Erzählung von Salomo und Naama. Hier finden wir eine Anmut der Sprache, wie sie nur die schönsten deutschen Märchen bieten. Jedem, der sich eine Stunde der Weihe, seinen Kindern einen Quell sittlich ernster Belehrung und reizvoller Unterhaltung verschaffen will, können wir dieses geschmackvoll ausgestattete Buch nur bestens empfehlen. Sanitätsrat Dr. Sc herbei (Lissa i. Pr.). „Jesus" von Henri Barbusse. Verlag C. Weller «Sr Co., Leipzig. [Zuerst ist man erstaunt: ist es notwendig, daß ein Barbusse, dem alle Kraft des Neu-Schöpfens gehört, auf die uralte Person des Jesus zurückkommt? Jesus: Thema von Urzeiten her. Jesus: Wandelnd mit jedem neuen Zeitabschnitt. Jesus: Von jedem Auge anders gesehen. Jesus: Woge des Glaubens. Jesus: Pfeil des Erkennens. — Man hatte sich daran gewöhnt, daß fast jeder Dichter sein Beglückungsideal in die Jesus-Sage kleidet. Zuerst also sagt man: „also auch Barbusse ...." Doch man wundert sich immer mehr beim Lesen und versteht, warum es bei Barbusse kein anderer als Jesus sein kann: Jesus: das ist das Selbstverständliche. Jesus: das ist in jedem Menschen. Jesus: das heißt Volksseele, Menschenseele. — Und so unerbittlich wie einst in seinem Kriegs-Friedens1buch greift Barbusse die menschliche Seele an, zwingt sie, zu erkennen. Im alten Stil bringt er nur Wahrheit. Leise Worte zuerst, aneinandergereiht; später eherner Klang — tief nachhallend. Ein anderer Mensch ist erschaffen, ein einfacher und ganzer Mensch. Ein Mensch. Ein Mensch, der um sein Werk weiß, der von seinem Werk gequält wird. So bitter einsam und unendlich. Das ist das Neue: unendlich in sich selbst, begrenzt nur von dem Nichtverstehen seiner Zeit. Und auch da wieder der Trotz des Starken: später — Neu ist — und dennoch uralt — dieses Zurückkommen auf die Wirklichkeit des Lebens, des Tages. Moderner Sozialismus und — altes, echtestes Judentum. Alte feste jüdische Sätze leben auf: von der Gerechtigkeit gegen, den Nächsten (keine weichliche Liebe!) von dem Verstehen, vor der Liebe, von der Erkenntnis, die den höchsten Glauben darstellt. — Ob es recht ist, daß Barbusse die sehr verschiedenartigen Quellen zu einem Bache vereinigt? Das müssen die Fachgelehrten entscheiden. Uns Laien aber gab er Großes, da er vom Unendlichen das Unendlichste nahm: das unendliche Leid und — den unendlichen Trost! Else Dahlberg. Tierschutz im Judentum. Von Dr. Jsak Unna, Rabbiner in Mannheim. Verlag Kauffmann, Frankfurt a. M. 1928. 24 Seiten. Brosch. 0,80 M. Vorliegende Broschüre ist in unseren Tagen der antisemitischen Verleumdungsfeldzüge als ein schätzenswerter Beitrag auf dem Gebiet der jüdischen Apolopatik zu begrüßen. Aus reiner Sucht, den konfessionellen Frieden zu stören, behaupten unsere Feinde schon wieder einmal, die jüdische Lehre habe kein Verständnis für das Tier. Beweis sei die Art der jüdischen Schächtgebote. Die Folgen sind die Schikane unserer Gegner, bei der Regierung die Einführung des Schächtverbots zu beantragen. Die Sehenden werden erkennen, daß die etwaige Durchführung derartig niedriger Maßnahmen ein staatsfeindlicher Akt wäre und für die Feinde wahren Deutschtums ein Deckmäntelchen, unter dem sie ihre politischen Gesinnungslügen zum Schaden der Menschheit und zum Nutzen ihrer eigenen Ablenkungsmethoden ungestört weiterspinnen könnten. Wir sind Unna zu Dank verpflichtet, weil er den Hetzern, die den Massen Sand in die Augen streuen, die Maske vom Gesicht reißt und an der Hand von biblischen, talmudischen und späteren jüdischen Quellen die Ethik der jüdischen Psyche im Hinblick auf das tiefe Mitgefühl mit dem Tier wahrheitsgemäß aufzeigt. Rabbiner Dr. Arthur Rosenthal, Berlin-Lichtenberg. Kalendarium f. die Zeit v. 21. b. 28. Jan. 28 Jan»ar 192C Tewes/Schewat 5688 Sonnabend 21. 28. Neumondweihe Wochcnabschnitt: W'oro Hastarah: Ezechiel Kap. 28,25—28,26; 29,1—29,21 Sabbat-Ausgang: 5.18 Uhr Sonntag 22. 29. Jom Kippur Koton Schewat 5688 Montag 23. 1. Rofch Chaudefch Dienstag 24. 2. Mittwoch 25. 3. Donnerstag 26. 4. Freitag 27. 5. Wochenabschnitt: Bau Hastarah: Jeremia 46,13—46,28 Sabbat-Ausgang: 5.29 Uhr Sonnabend 28. 6.