Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 3 (20.1.1928)
- Date
- 1928-01-20
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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■■'■■)lIVW}»'!J i ■'. ■y.» «i.’Tww »Tw 8 Jahrgang Nummer Z ^TsksC^. ** — Aus den Gemeinden BerliU. (Zuwahl in die Akademie für Dichtkunst.) In einer Vollsitzung der Sektion für Dichtkunst an der Preußischen Akademie der Künste fand die zweite Zuwahl neuer Mitglieder statt. Da man nach den Satzungen sich auf 30 Mitglieder zu beschränken beabsichtigt, so standen noch fünf Plätze zur Verfügung. Hinzugewählt wurden Theodor Däubler. Alfred Döblin, Leonhard Frank, Alfred Mombert und Fritz von Unruh. Von den genannten sind der erfolgreiche Romanschriftsteller Alfred Döblin und der hervorragende Lyriker Alfred Mombert Juden. Berlin. (Von der „1SOP".) Nach längeren Vorbesprechungen konstituierte sich in Köln unter dem Namen „Jüdische Sonderschau der Prcssa 1928, 180?." e. V., ein Verein, der, als ausführendes Organ eines großen Komitees, auf der internationalen Presseausstellung in Köln in einem jüdischen Pavillon eine jüdische Sonderschau veranstalten wird. — An der Spitze der ,,180k." in Köln stehen Justizrat Max Bodenheimer und Dr. Rudolph Callmann. In Berlin nimmt ein Ausschuß die Aufgaben der „180?." wahr. Diesem Ausschuß gehören Vertreter der führenden Verbände und Organisationen der deutschen Judenhcit an. Die Leitung des Berliner Arbeitsausschusses liegt in den Händen von Pros. Legationsrat Dr. Sobernheim, Prof. Jsmar Elbogen und Dr. Jacob Klatzkin. Ein Berliner Sekretariat, sowie Sektionen für die deutsch-jüdische Presse und Judaica, für die hebräische Presse und für die jiddische Presse, bemühen sich um die Sammlung und Sicherung des zur Ausstellung gelangenden Materials. Bor einigen Tagen fand in Berlin unter Vorsitz von Justizrat Bodenheimer (Köln) eine Sitzung des Berliner Ausschusses statt, in der der zentrale, geschäftsführende Ausschuß der Jüdischen Sonderschau gewählt wurde. Diesem Ausschüsse gehören Persönlichkeiten aus Berlin und Köln an. Der geschäftsführende Ausschuß hat bereits alle Schritte unternommen, um die Beteiligung der jüdischen Presse der ganzen Welt an der Jüdischen Sonderschau zu sichern. In den nächsten Tagen wird sich der geschäftsführende Ausschuß in einem Ausrufe an die Oeffentlichkeit wenden, der von den führenden Verbänden und Organisationen des deutschen Judentums, sowie von einem Ehrenausschuß gefertigt sein wird, dem repräsentative Persönlichkeiten aus allen Kreisen der deutschen Judenheit angehören sollen. Diesen Personen und Organisationen werden sich in kürzester Zeit Vertreter aus Amerika, England, Frankreich, Polen, Oesterreich, Palästina etc. zugesellen. Die „180?." e. V. wird die Oeffentlichkeit durch fortlaufende Berichte über den Stand der Arbeiten für die Jüdische Sonderschau unterrichten. Das bisherige Interesse der jüdischen Zeitungen in der ganzen Welt, sowie weiter Kreise des Judentums in allen Ländern, rechtfertigt die Erwartung, daß der jüdische Pavillon in Köln ein würdiges Bild des gesamten jüdischen Pressewesens in Vergangenheit und Gegenwart bieten wird. Berlin. (Vortragsabend von Dichtungen des blinden Schriftstellers Max Zodykow.) Dichtungen von Max Z o d y k o w wurden uns von Frau Johanna Meyer an ihrem letzten Vortragsabend durch ihre von tiefstem Verständnis beseelte Wiedergabe nahe gebracht. Es mutet wie ein Wunder an, daß in dem nunmehr 28 jährigen Dichter, der seit seinem zweiten Lebensjahre blind ist, sich die Welt farbig und plastisch, mit dem ganzen Reichtum ihrer Erscheinungsformen spiegelt. Von wahrer Religiosität erfüllt, steht er zu seinem Gott in einem ganz innerlichen Verhältnis. Max Zodykow ist Jude; aus dem Festspiel: Weihesest geht hervor, wie die Taten der Makkabäer aus ihn gewirkt und ihn zu künstlerischer Gestaltung veranlaßt haben. In einer biblischen Legende: » „Moses letzte Stunde" (diese Legende wurde vor einiger Zeit in diesen Blättern veröffentlicht. Die Red.) erleben wir den Tod des großen Führers des jüdischen Volkes, der noch nach seinem Ende als guter Geist wirkt. Die Wiedergabe des Cyklus: „Blinde" war von stärkster Wirkung; diese Dichtungen bahnen uns den Weg in die Seele eines blinden geistigen Menschen, zeigen uns seine Kämpfe, Wirrungen und Erlebnisse. Johanna Meyer kann es sich als Verdienst anrechnen, daß es ihrer Kunst gelungen ist, durch geschickte Auswahl aus seinen zahlreichen Werken den zahlreich erschienenen Hörern den Dichter lieb und vertraut zu machen. Es ist zu hoffen, daß sich ein Verleger für Max Zodykow, der in der Jüdischen Blindenanstalt wohnt, findet. Berlin. (Berichtigung.) Herr Benas Levh schreibt uns: In der Notiz über die Freitag-Abendseier in der Synagoge Fasanenstraße, die in Nummer 2 Ihrer geschätzten Zeitung abgedruckt ist, befindet sich die vollständig falsche Bemerkung, „daß Herr Rabbiner Dr. Bergmann die Freitag-Abendlichter anzündete". Die Lichter sind von Frau Dr. Bergmann i/2 Stunde vor dem Beginn des Sabbatgottesdienstes angezündet worden. Im Namen des Vorstandes des Vereins Synagoge Fasanenstraße. Breslau. (Begründung des nieder schlesischen Provinzialverbandes für jüdische Wohlfahrtspflege.) Auf Einladung der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden, des Provinzialyerbandes der Synagogengemeinden Niederschlesiens und des jüdischen Wohlfahrtsamtes in Breslau hatten sich am 15. ds. Mts. im Sitzungssaale der Breslauer Gemeindevertretung zahlreiche Delegierte solcher jüdischen Vereinigungen aus Breslau und Niederschlesien eingesunden, die sich mit der Wohlfahrtspflege beschäftigen. Nach Begrüßungsworten des Gemeinderabbiners Dr. Vogelstein beleuchtete Dr. Friedrich Ollendorff-Berlin die Notwendigkeit der Begründung eines Provinzialverbandes vom Standpunkte der jüdischen Gesamtorganisation. Die als Spitzenorganisation anerkannte Reichsvertretung müsse durch feste Unterbauten in Ländern und Provinzen gestützt werden. Außer in Pommern und Thüringen fehlten solche noch in Niederschlesien. Der Not in kleinen Gemeinden zu steuern, sei ungeheuer schwer und ohne Provinzialorganisation nicht zu schaffen, die in den Gemeinden ihre Vertrauensleute haben müßte. Auch den Provinzialbehörden gegenüber sei eine legitimierte feste Vertretung notwendig. Der Redner verlangte nicht nur einen generellen Beschluß, sondern die Schaffung einer tatkräftigen Provinzial-Organisation. Direktor Glaser vom jüdischen Wohlfahrtsamt Breslau ergänzte die Ausführungen des Vorredners. Er beschäftigte sich mit dem Erlaß des Wohlfahrtsministers vom Dezember 1926 und betonte, daß die Spitzenorganisation nicht nur Gemeinden vertreten solle, sondern auch alle anderen Wohlfahrtsinstitutionen. Die Wohlsahrtsarbeit habe in der Provinz noch viel Not und Elend zu lindern. Die Gemeinden hätten bisher versagt; man war nicht in der Lage, sie sachgemäß zu beraten. Die Üeberwindung der sozialen Krise im Judentum würde sicherlich noch Jahre lang dauern. Nur durch planmäßige Arbeit könne geholfen werden. Den Nutzen der Organisation würden nur die Klcingemeinden haben. Somit sei auch vom sozialen Standpunkte und vom Standpunkte der jüdischen Gemeinschaft die Gründung der Provinzialorganisation dringend notwendig. Nachdem man den Ausführungen der Referenten zugestimmt hatte, trat man in die Beratung des vorliegenden Satzungsentwurfes ein, der mit geringen Aenderungen in Bezug auf die Zusammensetzung des Verbandsvorstandes und auf die Bemessung der Jahresbeiträge angenommen wurde. Als Geschäftsstelle wurde das Breslauer Wohlfahrtsamt bestimmt und zu vorläufigen Vorstandsmitgliedern aus Breslau Sanitätsrat Bach, Frau Paula Ollendorsf, Justizrat Hirschberg, Sanitätsrat Horn, Frau Grete Bial, Direktor Glaser, Frau Dr. Rabin, Rechtsanwalt Hans Kober und die Gemeinderabbiner Dr. Bogelstein und Dr. Hoffmann, ferner Hülsen-Brieg, Frau Weichmann-Liegnitz, "Cohn-Schweidnitz, Waldstein-Oels, Apotheker Lomnitz- Glogau, Frau Dresel-Görlitz und Prediger Falkenstein-Landeshut bestellt. Zum Schluß dankte Dr. Ollendorsf für das Zustandekommen der Organisation und stellte die Hilfe der Zentralwohlsahrtsstelle zur Verfügung. Breslau. (Wechsel im Gemeindevorstand.) Aus gesundheitlichen Gründen hat sich Herr Erich Bayer veranlaßt gesehen, sein Amt als Mitglied des Vorstandes niederzulegen. Erich Bayer, der auch dem Vorstand der Bereinigung für das liberale Judentum angehört und auf deren letzten Hauptversammlung in Frankfurt a. M. ein Referat über „Der Kultus, die Gemeinde und der Einzelne" hielt, hat auch im Vorstand der Breslauer Gemeinde stets mit Energie und Umsicht die Interessen des liberalen Judentums wahrgenommen. Danzig. (Ein jüdischer Senator.) Der neue Bolkstag der Freistadt Danzig, der über eine demokratische Mehrheit verfügt, trat kürzlich zum erstenmal zusammen und nahm die Wahl des Präsidiums und des Senates vor. Es wurden 14 Senatoren gewählt, und zwar acht Sozialdemokraten, vier Zentrumsangehörige und zwei Deutschliberale. Einer der deutschliberalen Senatoren ist der bekannte Industrielle Julius Jewelowski, ein Jude. Herr Jewelowski wurde schon vom ersten Bolkstag der Freien Stadt Danzig zum Senator gewählt und hatte als solcher Gelegenheit, seiner Vaterstadt in der inneren Verwaltung und in der äußeren Politik, namentlich in den Verhandlungen mit Polen, wertvolle Dienste zu leisten. Allein die Deutschnationalen und Völkischen konnten sich nicht dabei beruhigen, daß ein Jude Mitglied des Danziger Senats und also der Regierung des Freistaates sein soll. Eine maßlose Hetze setzte gegen Jewelowski ein. die diesen schließlich zum Rücktritt bewog. Der Umschwung, der in Danzig durch den entscheidenden Sieg der demokratischen Parteien bei den letzten Wahlen zum Volkstag eintrat, ermöglichte nun den Wiedereintritt des verdienstvollen früheren Senators in den neuen Senat der Freistadt Danzig. Dresden. (Bon den jüdischen Vereinen.) Der Jüdische Jugendverein erweiterte in seiner letzten Hauptversammlung den fünfgliedrigen Vorstand um die Obmänner der fünf Ausschüsse. Frau Elsa Hirschel wurde mit beratender Stimme dem Vorstand kooptiert. Der Jugendverein ist zurzeit insbesondere mit den Vorarbeiten für die Pfingsten 1928 in Dresden stattsindende Reichsdelegiertentagung des Verbandes der jüdischen Jugendvereine, Sitz Düsseldorf, beschäftigt. — In der Frauen-Arbeitsgemeinschast des Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, Ortsgruppe Dresden, sprach die frühere demokratische Landtagsabgeordnete Frau Julie S a - linger über „Aktuelle Rechtsfragen". Die Ausführungen, die sich insbesondere mit den Mängeln der Ehegesetzgebung befaßten, begegneten derartigem Interesse, daß auf Vorschlag der Vorsitzenden, Frau Margarete Aron, beschlossen wurde, die Referentin um die Abhaltung eines die „Entwicklung der deutschen Frauenbewegung" behandelnden Kursus zu bitten. Frau Julie Salinger sicherte die Abhaltung dieses Kursus, der von Januar bis März stattfindet, zu. „Der Freiheitsgedanke in der modernen Erziehung" lautete das Thema, das im gleichen Kreise in ungemein tiefgründiger Weise Frau Elsa Hirschel behandelte. Sic folgerte, daß sich Individualität in der Gemeinschaft entwickeln muß, damit diese nicht zur Herde werde. Wer die Jugend aber im Dienste einer Partei erziehe, beeinträchtige die Freiheit, da der junge Mensch zu eigener Entscheidung noch nicht reif sei. Düsseldorf. (7 0. G e b u r t s t a g.) Am 26. Januar feiert Herr Oskar Manes in seltener Geistes- und Körpersrische seinen 70. Geburtstag. Er ist ein eifriger Verfechter des jüdisch-liberalen Gedankens im hiesigen Gemeindeleben. Dem Repräsentantenkollegium der Synagogengemeinde gehört er 30 Jahre an und ist im November verflossenen Jahres wieder auf 6 Jahre gewählt worden. Eine Reihe von Jahren stand er diesem Kollegium als Vorsitzender vor. Im politischen und wirtschaftlichen Leben seiner Vaterstadt Düsseldorf spielt er eine große Rolle und erfreut sich hier eines bei allen Konfessionen geschätzten Namens. Der Handels- und Jndustriekammer Düsseldorf gehört er 20 Jahre an und ist seit 9 Jahren Handelsgerichtsrat. Seit 30 Jahren ist er Vorsitzender des Einzelhandelsverbandes im Handwerkskammerbezirk Düsseldorf. Nach der Staatsumwälzung ist er der erste Jude, der wieder in den hiesigen Stadtrat gewählt worden ist. Jahrzehntelang war er Vorsitzender der hiesigen Ortsgruppe des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Seinem unerschrockenen Eintreten bei den hiesigen Behörden und Verwaltungen ist es zu verdanken, daß manche uns Juden verletzenden Maßnahmen rückgängig gemacht worden sind. Frankfurt a. M. (G e m e i n d e s i tz u n g.) In Anwesenheit von 31 Gemeindevertretern wird die Tagung um 19.20 Uhr eröffnet. Als erster Punkt der Tagesordnung wird über die Neukonstituierung der Gemeindevertretung verhandelt. Auf Antrag Dr. Geiger (lib.) und nach einmütigem Beschluß der Fraktionen wird als 1. Vorsitzender Dr. M e r z b a ch und als stellvertretender Vorsitzender Naphtali Fromm gewählt. Zu Schriftführern werden einstimmig die Herren Cohen, Meyer und G e r l i ch bestimmt. Die Neuwahl der Kommissionen und ihre Zusammenstellung wird ebenfalls ohne Widerspruch festgesetzt. Gegen die Wahl des Gemeindevertreters Herbert Frohmann (lib.) ist von Seiten eines Gemeindemitgliedes Einspruch erhoben worden. Der Einspruch wird einstimmig verworfen. Ueber die Verpachtung des Anzeigenteils des Frankfurter- Gemeindeblattes an eine Annoncenfirma gibt Dr. M e r z b a ch genauen Bericht. Herr Stiefel (lib.) sicht nicht, wo die erhöhten Einnahmen für die Gemeinde bei diesem neuen Vertrag liegen sollen. Durch die Verpachtung werde wohl keine Umsatzsteigerung im Annoncengeschäft erreicht werden. Die Autorität der Gemeinde werde immer größer sein als der Credit selbst der besten Firma. Uebrigens wären inzwischen bedeutend vorteilhaftere Bergleichsvorschläge eingetroffen, die den eben vorgelesenen Vertrag hinfällig machten. Dr. Meyer meint, daß die Belastung im Verwaltungswesen durch das Annoncengeschäft des Blattes derartig stark wäre, daß man diesem Vertrag, der die Vereinfachung des Geschäftes bezwecke, zustimmen müsse. Dr. Simon (jüd. Volkspartei) stimmt der Kritik des Herrn Stiesel zu. Herr Naphtali Fromm (kons.) schließt sich namens seiner Fraktion ebenfalls den Ausführungen des liberalen Redners an. Auch Herr Dr. Merzbach weist aus Mangel des Vertrages hin. Herrn Werner (kons.) erscheint ebenfalls der Vorschlag des Vorstandes völlig inopportun. Herr Spier (lib.) glaubt, durch den Vertrag, den der Vorstand abschließen wolle, werde die Gemeinde von den lästigsten technischen Arbeiten, wie Korrekturen lesen usw., befreit werden. Am besten werde es sein, wenn der ganze Fragenkomplex nochmals einer Kommission überwiesen werde. Die Gemeindevertretung beschließt in ihrer Mehrheit demgemäß. Der Vorstand gibt bekannt, daß demnächst in einer öffentlichen Gemeindeversammlung über den neuen Friedhofsbau und die soziale Fürsorge der Gemeinde gesprochen werden soll. Dr. Strauß (lib.) hält die Anordnung von zwei so verschiedener Themen in einem Abendprogramm für nicht ungefährlich. Dr. Geiger (lib.) warnt auf das entschiedenste davor, etwa die Gemeindeversammlung nicht ordnungsgemäß einzuberufen. Herr Goitein (jüd. Volkspartei) hält die Gemeindeversammlungen erst für einen Anfang und fordert noch bedeutend mehr öffentliche Versammlungen. Die Gemeindevertretung beschließt gemäß Antrag Dr. Strauß, daß in zwei Versammlungen über die beiden Themen gesprochen werden solle. Ueber die bekannte Friedhossaffaire, die seiner Zeit Aufsehen erregte, sprach des längeren Dr. Mainzer. Er behandelt dabei in tiefgründigen Ausführungen das Problem der Mischehe. Man müsse die Gewähr haben, daß künftig in geeigneter Weise solche unliebsamen Vorkommnisse vermieden würden. Herr Naphtali Fromm (kons.) findet es ebenfalls bAwuerlich, daß etwas derartiges vor 41/2 Jahren geschehen konnte. Doch habe nach konservativem Gesetz so entschieden werden müssen. Auch Herr Werner (kons.) gibt zu, daß in der Art vielleicht etwas ungeschickt verfahren wurde, doch sei es für gesetzestreue Juden unabänderliche Pflicht, den auferlegten Geboten in vollständiger Treue zu gehorchen. Herr Dr. Mainzer (lib.) meint, daß man bei der Häufigkeit der Mischehen fürsorglich darauf achten müsse, daß in Zukunft solche Beilage ■ 20. Januar 1928 Distvoganzen vermieden würden. Herr Dr. G r ü n st e i n (jüd. Volks- Partei) meint, daß Zeit und Umstände ja die Lösung bereits geschaffen hätten. Der Vorsitzende liest schließlich die Namen der ausgetretenen Gemeindemitglieder vor. Damit findet die öffentliche Sitzung kurz vor 10 Uhr ihr Ende. Neu eingesührt wurden in die letzte Gemeindevertretersitzung die Liberalen: Hermann W r 0 n k e r, Dr. Ed. Str a u ß und Frau Dr. Fr. Wolfs; die Konservativen: S. Gittler und Dr. E. Freimann; die Bolksparteiler: Frau Else Cohn und Jacob Herzberg. Frankfurt a. d. Oder. (R a b b i n e r w e ch s e l.) Das durch den Fortgang von Rabbiner Dr. Grün nach Danzig erledigte Rabbinat ist durch Berufung von dem jetzt in Bingen wirkenden Rabbiner Dr. Ignatz Maybaum neu besetzt worden. Dr. Maybaum wird seine Stellung am 1. März antreten. Eöttingen. (Geldstrafe für Ritualmordhetze.) Vor dem Schöffengericht hatte sich der völkische Agitator Beranger Elsner von Gronow zu verantworten. Der Angeklagte hatte in der von ihm geleiteten Buchhandlung Exemplare des „Illustrierten Völkischen Beobachters" zum Aushang gebracht, in denen die Bilder von angeblichen Ritualmorden enthalten waren. Mit einer Rotstiftnotiz hatte er zum Ausdruck gebracht, daß die Eltern ihre Kinder aus diese Dinge Hinweisen sollten. Die Anklagebehörde erblickte darin nicht nur eine Beschimpfung der jüdischen Religionsgemeinschaft, sondern auch eine Aufreizung zum Klassenhaß. In der Verhandlung stellte es sich heraus, daß die Polizei die Bilder anfangs beschlagnahmt, befremdlicherweise aber die Beschlagnahme später rückgängig gemacht hatte. Auf diese Tatsache nahm ein erneuter Aushang in der Buchhandlung Bezug. Der Staatsanwalt beantragte einen Monat Gefängnis, da er eine Geldstrafe nicht für ausreichend hielt. Das Gericht erkannte an Stelle einer an sich verwirkten Gefängnisstrafe von drei Wochen auf eine Geldstrafe von 300 Mark und auf Einziehung der Bilder. Halberstadt. (Vom Landesverband gesetzestreuer Shnagogengemeinden.) Einer Mitteilung des Preußischen Landesverbandes gesetzestreuer Synagogengemeinden, Sitz Halberstadt, ist zu entnehmen: Die Regierung hat die Staatsbeihilfen an die Gemeinden zur Erfüllung ihrer Verpflichtungen zur Sorge für den Religionsunterricht für das Rechnungsjahr 1927/28 in diesem Jahre früher an die jüdischen Landesverbände überwiesen als im »origen, so daß auch bei umsichtiger Prüfung der Verhältnisse die Auszahlung an die Gemeinden vor Ende 1927 erfolgen konnte. Bei der Verteilung des Gesamtbetrages von Mk. 45 000 sind 88 von den dem Halberstädter Verband angeschlossencn Gemeinden berücksichtigt worden, wobei die Höchstsubvention Mk. 1500, die niedrigste Mk. 100 betrug. — In diesem Jahre sind drei Bezirkslehrerstellen begründet morden: im Regierungsbezirk Kassel, in Westfalen und im Rheinland. Die Verhandlungen wegen Schaffung eines vierten sind aussichtsvoll. Die Verhandlungen wegen Begründung eines Bezirksrabbinats im Rheinland sind noch nicht abgeschlossen. Hannover. (I u g e n d t a g u n g.) Am 15. Januar hielt der Bezirksverband der jüdischen Jugendvereine Nordwestdeutschlairds eine von etwa 40 Vertretern besuchte erweiterte Borstandssitzung ab. Vertreten waren die Vereine: Ahlen, Beckum, Bielefeld, Bremen, Detmolds Göttingen, Hannover, Harburg, Lippstadt, Oeynhausen und Wesermünde. In der von Alfred Bonnin, Bielefeld, geleiteten Sitzung berichteten die einzelnen Ortsgruppen über eine der z. Zt. wichtigsten Fragen im Verbandsleben, die Frage eines Heims zur Abhaltung der Bereinsveranstaltungen. In vielen Orten müssen die Veranstaltungen noch in trüben Hinterzimmern von Wirtshäusern stattfinden. Der ztveite Punkt der Tagesordnung beschäftigte sich mit der Arbeit > der Jugend an und in der Gemeinde. Es wurde mit Nachdruck gewünscht, daß die Gemeindeverwaltungen dafür eintreten möchten, daß der Jugend zweckmäßige Räume kostenlos zur Verfügung gestellt werden undihr im Gemeinderat Sitz und Stimme zugebilligt wird. — Der Nachmittag war der Besprechung der Arbeit im Bezirksverband und in den Vereinen gewidmet. Nach einem ausführlichen Bericht des Vorsitzenden fordert« der Verbandsgeschäftsführer Fritz Schviarzschild in packender Rede größte Pflichttreue, unbedingte Opferbereitschaft von den Menschen, die an verantwortungsvoller Stelle stehen. Zum zweiten Vorsitzenden des Bezirksverbandes wurde Prediger Rülf, Detmold, gewählt, zum Vertreter der Jugendgruppen im Bezirksverbandsvorstand wurde Bodo Moses, Detmold, ernannt. Nach sechsstündigen Beratungen schloß die arbeitsreiche Sitzung. Laudsberg a. W. (Einweihung des Altersheims.) Die Einweihung des jüdischen Altersheims für die Provinzen Brandenburg und Grenzmark in Landsberg a. Warthe am 15. Januar, über deren Bevorstehen wir schon berichtet haben, zeigte einen besonders eindrucksvollen Verlauf. Eine große Reihe von Festgästen aus Berlin und der Provinz nahm teil, und man sah die Träger aller Namen, die in der jüdischen Gemeinschaft einen hohen Klang haben and eine Leistung für das Gemeinwohl darstellen. Nachdem Herr Direktor Stahl im Festsaal'alle Erschienenen begrüßt und dem Reichsarbeitsminister, den beiden Oberpräsidenten von Brandenburg und der Grenz-« mark und der Zentralwohlsahrtsstelle der deutschen Juden gedankt hatte, sang Frau Sophie Stahl mit sehr schöner Stimme das . „Höre Israel" und nach der Festrede des Herrn Rabbiner Dr. Salomonski „O hält' ich Jubals Hars'!" Die Ansprache wird zusammen mit einem Bericht über die Bestrebungen des Altersheims demnächst im Druck erscheinen. Hierauf sprachen der Herr Regierungspräsident Bartels aus Frankfurt a. Oder und der Herr Oberbürgermeister Gerlofs aus Landsberg a. Warthe. Beide wußten zu rühmen, daß das Werk des Altersheims in hohem Maße die Aufmerksamkeit und Bewunderung der Behörde gesunden habe. Für die Zentralwohlsahrtsstelle der deutschen Juden ergriff Frl. Weinreich und für die jüdische Altershilse Groß-Berlin Herr Bacher das Wort, um die Anteilnahme ihrer Organisationen zu bekunden. Nach einer eingehenden Führung durch das ganze Haus, die bei allen wegen der schönen und zweckmäßigen und gediegenen Einrichtung größten Beifall und allgemeine Freude auslöste, vereinten sich Insassen und Gäste zu einem festlichen Mahle, das in seinem ganzen Verlauf die begrüßenswerten Tendenzen in der Führung des Hauses in überzeugender Weise zum Ausdruck brachte. Leipzig. (Ungültigkeitserklärung der Repräsentant e n w a h l e n.) Die am Sonntag, den 27. November 1927, stattgcfundenen Wahlen zur Repräsentantenversammlung der Israelitischen Religiousgemeinde in Leipzig sind vom Wahlprüsungsgericht in einer am 11. Januar 1928 getroffenen Entscheidung für ungültig erklärt worden. Zakob Ostwald Dem Neunzigjährigen. Am 21. Januar 1908, einem kalten Wintertage, der die lieblichen Ruhrberge um Witten herum in blendendes Weiß gehüllt hatte, waren wir dort Zeuge einer erhebenden Feier. Jakob Ostwald, j»er vier Jahrzehnte hier als Lehrer an der jüdischen Volksschule und als Prediger in der Synagogengemeinde gewirkt hatte, vollendete' sein siebenzigstes Lebensjahr. Zur Seite des wärmenden Osens saß er, geschmückt mit einem Orden, vereint mit seiner treuen Ledensgdsähxtin, umgeben von seinen Kindern, in Gesellschaft/seines Bruders,'her-aus dem Auslände erschienen war. — Mit besonderem Wohlgefallen Ächte der Blick des Jubilars auf der anmutigen Gestalt > der' Schwiegertochter, die der älteste Sohn, um die Freude zu vervielfältigen, erstmals in Elternhaus geführt hatte. Wer vermagdieSelmkeit des Alten zu.schildern, der mit Behagen und dankbarer innerer Erhebung erzählte.von. der Besorgnis, die einst an seiner Wjege gestandest Ein .so. kleines ziemliches Menschlein wie er. war, haften noch wertig« gesehen, und . dre .Hebamme fürchtete, daß, seine Lebenskraft nicht s über die nächsten Wochen reichen würde. „Den kriegen Sie Nicht" groß", sagte "sie den bekümmerten Eltern. Sie hat insofern rechi behalten, als er nicht „groß" geworden ist, aber Bedeutung hat er sich ver-