Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 3 (20.1.1928)
- Date
- 1928-01-20
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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gewinnt immer mehr an Boden. Nach dem Master der Ort Credit Corporation soll ein Finanzorgan für die Emi- Mtion und Kolonisation geschaffen werden. Dr. E. Tscherikower berichtete über die bisher geleistete Arbeit auf dem. Gebiete der Berufsausbildung der Emigranten. Er schlug vor: 1. Schaffung eines Fonds zur Epmöailichung der Auswanderung von bereits Ausgebildeten; 2. Einrichtung von Fortbildungskursen für Handwerker; 3. rin Teil der beruflichen Ausbildung soll in dem Einwanderungsland vor sich gehen; 4. Aufklärungsarbeü unter den Wanderern. Professor B. Brutzkus referierte über Kolonisation und Emigration. Er skizzierte die Bedürfnisse der noch dünn bevölkerten Ueberseeländer und die Möglichkeiten einer Ansiedlung in diesen Ländern. Er kam zu dem Schlüsse, daß die Ausbildung vor allem auf kolonisatorischer Grundlage vor sich gchen müsse. Ziele und Wege der Wanderfürsorge Von Bernhard Feilchenfeld, Köln. Bor mir liegt ein umfangreicher Band, betitelt „Entstehung der Organisation der jüdischen Wanderfürsorge in Deutschland". Auf den ersten Seiten finde ich Protokolle der Verhandlungen über die Frage der Wanderfürsorge am 18. Mai und 5. Dezember 1909. Diese Tagungen bilden den Grundstein der heutigen Organisation. Die auf diesen Konferenzen angenommenen Beschlüsse stützten sich auf Referate, die von mir uird von Herrn Liebenfeld-Bochum gehalten worden waren. Seitdem sind fast 20 Jahre verflossen, aber noch gelten dieselben Grundsätze, dieselben Gründe sind noch wirksam, wie sie für die Aufrichtung der Wanderfürsorge-Organisation zur damaligen Zeit maßgebend gewesen sind. In diesen 20 Jahren hat sich mancherlei ereignet. Kriegs Und Nachkriegswirren sind über uns hinweggebraust, aber noch immer harrt die Frage der Wanderfürsorge ihrer vollen Lösung. Wenn schon alles, was Menschenhände schaffen, der Vollkommenheit entbehrt, so ist es insbesondere die jüdische Wandersürsorge, die infolge ihrer großen Kompliziertheit und Schwierigkeit zu voller Zufriedenheit wohl niemals sich wird aüswirken können. Das darf uns aber nicht abhalten, diesem Problem mit allen 'uns zu Gebote stehenden Mitteln zu Leibe zu gehen zum Besten vor allem der jüdischen Wanderer selbst, aber auch zum Nutzen der jüdischen Gemeinden Deutschlands, der deutschen Judenheit. Die Organisation, die vor 20 Jahren errichtet worden, war, ging von richtigen Voraussetzungen aus und stand auf festgefügtem Boden. Der Krieg hat uns auch hierin wieder um ein Jahrzehnt zurückgeworfen und uns gezwungen, nach Kriegsende und nach Eintreten einigermaßen stabiler Verhältnisse wieder von neuem zu beginnen. Als die Neuorganisation im Jahre 1925 wieder erstand, konnte auf den Grundsätzen der vor dem Kriege bestandenen Organisationen aufgebaut und die gewonnenen Erfahrungen verwertet werden. Es sei daran erinnert, daß die grundlegenden Gedanken und die treibenden Ideen trotz der Jahre und des Umschwungs der Meinungen nicht im mindesten sich geändert haben. Es sei mir gestattet, zum Beweis dessen einige leitende -Sätze aus meinem Referate im Jahre 1909 anzuführen. Ich sagte damals: „Es muß kurz und scharf betont werden, daß wir an die Opferwilligkeit der Gemeinden größere Ansprüche, als sie bisher gestellt sind, nicht stellen wollen. Kurz und scharf muß auch betont werden, daß wir die Wohltätigkeit nicht herunterschrauben, daß wirken Wohltätigkeitssinn nicht verkümmern lassen wollen. Im Gegenteil, tmr wollen durch unser Zutun die Wohltätigkeit verbessern, wir wollen ihren Strom vertiefen und regulieren, wir wollen das Wohltun in vernünftige Bahnen lenken. Wir wollen arbeitsfähige Leute nicht zu Bettlern degradieren, sondern an Arbeitsstätten sie anstatt mit dem entehrenden Almosen mit Arbeitsgelegenheit versorgen. Wir wollen Wanderer nicht von Station zu Station, nicht kreuz und quer durch Deutschland ziehen lassen, vielmehr durch unsere Organisation und unsere Reformen bewirken, daß sie auf raschestem und bestem Wege ihrem Ziele entgegenkommen. Wir wollen kein Geld sparen. Die Organisation soll keine Finanzmaßregel bedeuten, nicht die einzelne Gemeinde lediglich finanziell entlasten. Jede einzelne Gemeinde soll nrcht mehr, aber auch nicht weniger Geld bereitstellen als bisher, sie soll es nur nicht ausgeben in ihren Gemeinden, in den Privathäusern, sondern auf vernünftigere Art durch die Zentralen." Sind diese Erwägungen nicht noch heute voll und ganz maßgebend? Wohl haben der Krieg und die Nachkriegszeit die jüdische Wanderfürsorge vor schwierigere Aufgaben gestellt, als sie früher bestanden. Vor dem Kriege stand das große Auswandererland Amerika den Bedrückten aus dem Osten in vollem Maße offen. Es bestand keine oder nur geringe Schwierigkeit, Grenzen der einzelnen Länder auf legale Weise zu überschreiten. Der Arbeitsmarkt war nicht beschränkt. All das ist nicht mehr vorhanden. Der Krieg und die Friedensverträge, die ihn beschlossen, haben Hunderttausende von Sendet den fällige« Beitrag für das 1. Quartal 1928 in Höhe von Mk. 2,50 <m$ das Postscheckkonto der Vereinigung für dar liberale Judentum Berlin Nr. 137 089 ein. den Seßhaften, Guten zu Wandernden gemacht, ungeheuren jüdischen Massen durch Zwang den Wanderstab in die Hand gedrückt. Wenn wir vor dem Kriege zu einem großen Teil es' mit älteren und arbeitsunfähigen Wanderern zu tun hatten, so sind es heute zum allergrößten Teil junge, arbeitsfähige Menschen, die die Not und Umstände, an denen sie nicht immer selbst schuld sind, den Wanderstab ergreifen lassen. Das Problem der Versorgung dieser Wanderer ist deswegen so ungemein schwierig, weil die Grenzen gegen die Auswanderung ganz oder fast ganz verschlossen sind. Der Typ der professionellen Wanderbettler, der vor dem Kriege einen großen Prozentsatz der Wandernden ausmachte, ist fast verschwunden, statt dessen sind es heute arbeitsfähige und auch zum Teil arbeitswillige Menschen, die aber infolge der politischen und ökonomischen Verhältnisse nirgends festen Fuß fassen können. Alle diese Schwierigkeiten sollen uns jedoch nicht abhalten, alle Mittel zu versuchen und unsere ganze Kraft einzusetzen, die Organisation zu fördern. Hierbei müssen wir uns unbedingt von dem Prinzip leiten lassen, Almosen möglichst durch Gewährung von Arbeitsbeschaffung entbehrlich zu machen. Wenn auch unsere ganze Fürsorge auf dem Prinzip der Zedokoh, der ausgleichenden Gerechtigkeit ruht, so gibt es aber auch ein noch höheres Gebot, das da lautet: Melochoh w'lau Zedokoh, Arbeit und nicht Almosen. Wenn die Bibel sagt: Wenn dein Bruder verarmt, so sollst du ihn stützen, so meint sie damit nicht, du sollst ihm ein Almosen reichen, sondern du sollst ihn durch Beschaffung von Arbeit — bezw. bei Gewerbetreibenden durch Versügungstellung eines Darlehens - wieder aufrichten und zu stützen suchen. Mit Almosen ist keinem gedient, nicht dem Geber, der wohl den bedürftigen Wanderer im Augenblicke los wird, und nicht dem Empfänger, dem wohl das Almosen im Augenblick hilft, das ihn aber der Arbeit entwöhnt und demoralisiert. Es müßten also Arbeitsstätten eingerichtet werden, möglichst über ganz Deutschland verbreitet, je eine am Sitz einer Provinz¬ oder Landeskasse. Diese Anregung ist übrigens so alt wie die Wanderfürsorge-Organisation selbst und schon bereits im Jahre 1909 bei Gründung der ersten Organisation als ein praktisches Mittel allseits anerkannt worden. Diese kleineren Arbeitsstätten hätten den Vorteil daß sie leicht zu errichten »Rahel weint" — Von Dr. M. Spanier, Berlin. So spricht Gott: Eine Stimme wird in Rama gchört, Klagen, bitterliches Weinen. Rahel weint ob ihrer Söhne, will nicht getröstet werden ob ihrer Söhne, dmn sie sind nicht da? So spricht Gott: Halte zurück deine Stimme vom Weinen und deine Augen von Tranen; denn es gibt noch einen Lohn für dein Mühen, kündet Gott, wiederkommen sie vom Lailde des Feindes? Und es ist eine Hoffnung füt deine Zukunft, kündet Gott, wiederkommen die Söhne in ihr Gebiet. (Jeremia 31,14 16.) Das Gedicht hat so deutlich den Charakter der Ursprünglich keü, daß man sich wuridert, daß Wissenschaftler, und zwar auch solche mit starkem künstlerischen Gefühl, auch hier die übliche Methode des Streichens vermeintlich unechter Zusätze anwenden mögen. Demgegenüber sei betont, daß man in diesem Gedicht, dessen rührende Schönheit nur in seinen Urlauten ganz empfunden werden kann, auch nicht eine Silbe missen möchte. Im ersten Buche Moses wird erzählt, daß Rahel, als man von Bethel gen Süden zog, bei der Geburt Benjamins starb, und wie Jakob seiner geliebten Frau einen Denkstein auf dem Grabe errichtete. Samuel spricht einmal von diesem „Grabe im Lande Benjamin" als einer Ortsbezeichnung. Heute nock wird das Grabmal der Stammutter gezeigt auf der Höhe am Wege, der bei Rama vorbeiführt, an jener Straße, aut der auch spater die Weggeführten aus Juda ins babylonische Exll zogen. Gerade bei Rama ließ der Feldherr Rebusaradan den Jeremia, den er unter den Exulanten mit Ketten gebunden gesehen hatte, befreien. Von jenem Hügel mit dem Grabmal Rahels kann man den Blick schweifen lassen bis weit ins Gebiet Ephraims. Im Jahre 722 hatte der assyrische König, nachdem er die Hauptstadt Samaria nach langer Belagerung erobert, die Bewohner des Nordreiches, dessen Haupügebiet das Stammland Ephraim bildet, nach Assyrien geführt. Die Sehnsucht, daß auch diese aus der Heimat vettrickenen Brüder einst wieder zurückkehrten, erlosch nicht. Gary besonders hat Jeremia, dessen Geburtsott Anathot im nahm und nahverwandten Stamm Benjamin Igg, dieser Hoffnung oft zuversichtlichen Ausdruck gegeben. Wie oft mag der Prophet, wenn er von seiner Heimat aus zum nahe gelegenen Grabe der Stammutter wanderte und seine Augen im Westen und Norden über das verwaiste, nun von Fremden bewohnte Gebiet des Bruderstammes blickten, in seinem weichen Gemüte das traurige Geschick der Rahelssöhne überdacht haben. Und immer wieder keimte die Hoffnung, der er so mannigfaltigen Ausdruck gab: „Wiederum wirst du, Jungfrau Israel, dereinst deine Pauken anlegen und im Reigen der Fröhlichen ausziehen. Wiederum wirst du Weingätten pflanzert auf dm Bergen Samarias; es pflanzen und lesen sie die Winzer." (Jeremia 31,4 f.) „Siehe, ich bringe sie aus dem Lande des Nordens, ich sammle sie von den Enden der Erde... Sie kommen mit Tränen, und ich geleite sie mit Erbarmen; ich führe sie Hu Wasserbächm, auf geradem Wege, daß sie nicht straucheln; denn ich bin Israels Vater, und Ephraim ist mein Erstgebormer..." (Jeremia 31,8 f.) „Ist denn Ephraim mein teuerster Sohn oder mein Lieblingskind, daß ich seiner so gerne wieder gedenke, wenn ich nur von ihm rede? Ja, meine Liebe ist für ihn rege, ich will mich seiner erbarmen, spricht Gott." (Jeremia 31,20.) Solchen Stimmungen und Gefühlen ist auch unser Gedicht mtkeimt. Man hat nicht nötig, auf den Antrieb aus abergläubischen Vorstellungen hinzuweisen. Gewiß war die Verehrung der Grabmale der Stammeseltern im Volksglauben mit Anschauungen oft verknüpft, die das Helle Licht der jüdischen Lehre scheuen mußten. Gewiß mag man in Zeiten der Not sich erzählt haben, daß klagende oder zuversichtliche Laute aus dm Gräbern der schützenden Ahnm zu vernepmm seien. Aber bei diesem Propheten, dessen schöpferische Phantasie überwallte, gleich jenem Gefäß in seiner ersten Schau, dessm Seele wirklich „innerlich voll Figur" war, der bedurfte nicht einer Mitteilung von außen, um die klagende Stammutter in seinem Geiste erstehen zu lassen. Und daß er dieses Gedicht in sich findet, gequollen aus dm Urtiefen seines Gemütes, dessm mag Zeuge sein, daß er das Wort der Gotteskündung nicht nur der Verheißung voranstM, sondern schon dem Berichte, daß eine Stimme in Rama gchört wird. Ja, vier mal erklingt diese Wendung, und man kann sich denkm, daß wissenschaftlicher Sinn manche Wiederholung als überflüssige Einschiebung gestrichen wissen möchte. Aber gerade diese Wiederkehr gibt die wunderbar beruhigende Begleitmelodie zu den aufgeregten Wallungen des Gemütes, es ist, wie wmn sanfte Hände streichelnd übers Haupt fahren, das in seinem Schmerze schlittert. Zuerst wird das Wott in steigendem Rhychmus mü drei starken wärm und keine größerm Mittel benötigten, weder zu ihrer Errichtung noch zur Unterhaltung. In diesen Arbeitsstätten müßte für vorübergehende Arbeitsleistung Verpflegung oder Bargeldunterstützung gegeben werden, bezw. sollte Beköstigung, Beherbergung fpwie Beförderung durch diese Arbeitsstätten gegeben fein. An Allheilmittel würden solche Arbeitsstätten natürlich auch nicht bilden. Einmal deswegen, weil ein Teil der Wanderer wegen Alter, Krankheit oder sonstiger Ursachen nicht zu verwmden wäre, aber auch zum anderen Teil — und das ist der springende Punkt —, weil viele wegen ihrer Einstellung die Arbeit verweigern würden. Die übergroße Zahl der Wanderer steht eben auf dem Standpunkte, daß die jüdischen Gemeinden dazu da seien, ihre Bedürfnisse auch ohne Gegenleistung zu befriedigen, und merkm dabei nicht oder sind sich dessen nicht bewußt, wie sie sich selbst damit degradieren und erniedrigen. Der Leiter der weltbekannten Bodelschwinah'schen Anstalten in Bielefeld, Pastor Braune, führt in eurem Aufsatz diesen Gedanken des Segens der Arbeit aus: „Wenn in der Wohlfahrtspflege immer die Fürsorge für den einzelnen Hilfsbedürftigen der leitende Gesichtspunkt ist, so geschieht auch die Gewährung der Arbeit in erster Linie deshalb, damit der Hilfsbedürftige dm Segen, d. h. dm sittlichen Wert der Arbeit kennen lernen soll. Also die ethischen Motive stehen an erster Stelle. Für den Verwahrlosten und Arbeitsscheuen ist die Arbeit das wirffamste Erziehungsmittel, zumal dann, wmn cs gelingt, ihm die Freude an der Arbeit beizubringen." Es gibt wirklich nichts schöneres, als einem Menschen das Gefühl beizubringen, daß er sich die Befriedigung seiner Bedürfnisse durch seine Arbeit selbst verdient hat. Es ist durchaus möglich, -- und unsere Erfahrungen in Köln haben das ja bewiesen - daß diese Arbeitsstätten Erfolg haben können. Wir hatten vor dem Kriege in Köln eine solche Arbeitsstätte (Holzzerkleinerungsstätte), wo jedem arbeitsfähigen und arbeitskräftigen Menschen Gelegenheit geboten war, sich durch einige Stunden nicht übermäßig schwieriger und anstrengender Arbeit etwas zu verdienen. Ein Teil der zu uns kommenden Wanderer nahm diese Gelegenheit gerne wahr, ein anderer aber lehnte die Arbeit aus der oben erwähnten Einstellung heraus ab, und mancher machte einen großen Bogen um Köln herum. Dieses Herumgehen, das uns der Unterstützung dieser Elemente enthebt, bedeutet auch einen, wmn auch nur negativen Erfolg. Daher halte ich die Errichtung von Arbeitsstätten für eine unbedingte Notwendigkeit. An denjenigen Plätzen, wo bereits kommunale oder ähnliche Arbeitsgelegenheit besteht, könnte aus die Errichtung einer eigenen Arbeitsstätte verzichtet und ein Anschluß an die bestehenden vollzogen werden, womit der gleiche Zweck erfüllt wäre. Aber noch andere Mängel weift die Organisation auf. Unsere Geldmittel reichen für zweckmäßige Durchführung unserer Maßnahmen nicht aus. Es ist eben einmal so, daß zur Durchführung einer vernünftigen Idee gewisse finanzielle Mittel gehören. Die Gemeinden müssen der Zentrale Gelder zur Verfügung stellen, damit diese ihre Aufgaben erfüllen kann. Man kann sagen, daß ein Teil der Gemeinden — es sind zumeist Großgemeinden - ihre Aufgabe kennen und einen Teil der Steuergelder für soziale Zwecke verwenden. Die Sorge für Bedürftige aller Art gehört mit zu den ersten Aufgaben der Verwaltung einer Gemeinde, und die Verwendung eines Teils der einkommenden Kultussteuern für solche Zwecke findet Billigung in allen jüdischen Kreisen, auch in solchen, die im allgemeinen dem Judentum und seinen Einrichtungen nicht besonders nahe stehen. Die jüdischen Gemeindesteuern würden von allen Kreisen mit mehr Liebe entrichtet werden, wmn sie wüßten, daß ihr Geld mit dazu beitrüge, die Not bedürftiger Glaubensgenossen zu lindern und sozial-ethisch zu wirken. Man kann den meisten größerm Gemeinden die Anerkennung nicht versagen, daß sie nach dieser Richtung große Anstrengungen machen. So sind z. B. in der Synagogmgemeinde Köln stets zirka % der Hebungen (kau omär haschem), im Ton aufquellender und ausrichtender Zuversicht gegeben, und dann noch zweimal mit dem kürzeren, geheimnisvollen, göttliches Zuraunm ursprünglich bckeutendm n’üm haschem (Spruch Gottes) bei dm Worten der Hoffnung. Wir hören dm klagmden Ton der Rahel ganz unmütelbar. Der wimmernde Laut des i, durch die Hochtonigkeit gehoben, schlägt uns wiederholt entgegm (n’hi b’chf ßamrurim), wundervoll malt der Rhythmus durch Häufung der schwachbetonten Silben (meanöh l’hinnochem al boneho) die sich in chrem Schmerz windende, kein Trosteswort annehmende Mutter. Sie weint „ob ihrer Kinder". Natürlich hat inan auch diese doppelte Nennung kürzen wollen. Aber gerade die Wiederholung ist hier so vielsagend. Wie kann sie dmn Trost annehmen? Es geht ums Wichtigste, Geliebteste, um alles! Das Mutterherz blutet: die Kinder. Mü zwei kurzen Worten, um so wirksamer, als sie einem längeren Satz folgen — ein Aufschrei in der Qual! — wird die Tröstungsunmöglichkeit jedem Fühlenden erschütternd kundgetan: Id enennu! Sie sind ja nicht mehr da! Und wie nun gleichsam mit sanfter Hand die lauten Ausbrüche des Schmerzes zurückgewiesen werden, träufelt Beruhigung aufs erregte Gemüt, und die Hoffnung leuchtet aus. Auch dieses ausrichtende Wort wird in der Doppelform gegeben, wie sie hebräischer Dichtkunst alter Zeit eigentümlich ist. Aber da ist keine verflüssige Wiederholung. Leicht erkennbar sind die seinen Abstufungen, die mit dem letztm Wort zum Gipfel der Freude führen: in die „Heimat". Mit großem Nachdruck ' steht e i n gleiches Wort in beiden Sätzen: w’schowu — ja, sie kehren zurück! Leis erinnert der erste Satz an alles Leid der Vergangenheit, die glückhafteste Zukunft stellt der zweite Satz vors Auge. Das Mühen der Mutter, das Sorgen und Bangen, wie es jede Mutter für chr Kind fühlt, das ist wohl Hier nicht, allein gemeint, man hört doch auch einen Hinweis auf dasi besondere Geschick der Stammutter aus dem Worte heraus. Wie hat sie sich nach dem geliebten Manne gesehnt! 7 Jahre, und dann, um chre Hoffnung betrogen, noch 7 Jahre, und wie hat sie dann ein Kind herbeigewünscht, mit einer Leidenschaft, daß sie das Leben ohne ein Kind nicht mehr ertragen konnte, und endlich, nach langem Harren, gebar sie den inbrünstig erflehten Sohn. Und später, als die Famüie auf! der Wanderung war von Bet-El gen Esrat (Bethlehem), gab sie dem Benjamin, der für sie Ken oni (Schmerzenskind) war, das Leben — und starb. Und wie mag das itftütteu* liche Herz, das im Glauben des erregten Mitgefühls den Tod überdauert, bei dem schweren Schicksal der späteren