Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 3 (20.1.1928)
- Date
- 1928-01-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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mumm WWVWWWWMWW WWWWWWWW ( IWch KberaleZeilM Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. DUzugsprei» durch die Gefchäfissteüe '/»jährlich Bl 2.50 Anzelnnmm« 0.20. Bei freier Zusendung i. Inland 0.25 FGr die MlgNeder der Vereinigung ist der Bezugspreis im Mtgkedsbettrag« enthalten, »eeautwortl. Redakteur: Bruno Voyda. Dl« »Jüdisch-liberale Zeitung" erscheint jeden Freitag. Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin SW 48, Mlhelmslr. 147 ffecttcnf: Bergmann 3358, 3359 Postscheckkonto: Berlin JIW 7. 137069 (Bereinigung für das liberale Judentums Rachdruck sämtlicher Original-Beiträge nur mit vorheriger Genehmigung der Redaktion gestattet. Anzeigeupreifer Die 12gespaltene Rouparalllezeil« 0.45 Goldmark, die Reklamezeile 3.00 Goldmach bei Wiederholungen Rabatt. Auzeigeuauuahmer .Jüdisch-liberale Zeitung" Juferatenabteilung: Berlin Zw 4L. Wilhelmstrahe 147 (Bergmann: 335S-5S), sowie sämtl. Armoucea-Lxpedittoa. Rr. 3 Berlin, 20. Januar 1928 8. Jahrgang Jüdische Emigration Jüdische Wanderung in den letzten Jahrzehnten Es dürfte nicht allgemein bekannt fein, welche ungeheure Aenderung der Verteilung der jüdischen Bevölkerung unserer Welt durch die Wanderung der jüdischen Massen in den letzten Jahrzehnten hervorgerufen worden ist. Es genügt, darauf hinzuweisen, daß gegenwärtig die jüdische Bevölkerung der Bereinigten Staaten Nordamerikas fast 4 Millionen erreicht (die Zählung 1920 ergab 3,6 Mill. Juden), während sie noch vor weniger als 50 Jahren, im Jahre 1880, auf nur 250000 geschätzt wurde. Im Verlauf also von weniger als einem halben Jahrhundert hat sich die jüdische Einwohnerschaft der großen nordamerikanischen Republik um 16 mal vergrößert — eine Tatsache, die in der ganzen Geschichte kaum ihresgleichen hat. Dadurch wurden die Ver. Staaten absolut zum größten Judenstaat der Welt; sie nehmen also jetzt in dieser Beziehung die Stellung ein, die Rußland vor dem Kriege inne hatte, welches der Zahl seiner jüdischen Einwohner nach damals an erster Stelle stand. Die zweite Stelle nimmt gegenwärtig das neuentstandene Polen ein, welches nach der Volkszählung 1921 2 849 020 Juden zählt, d. h. 10,5 o/0 seiner Gesamtbevölkerung, und erst nach Polen kommt das jetzige Sowjetrußland mit einer jüdischen Bevölkerung, welche nach neuesten Zählungen 2 454000 beträgt. Dieser enorme Zuwachs der jüdischen Bevölkerung der Ver. Staaten ist vor allem die Folge der riesigen Auswanderung der Juden aus Osteuropa, namentlich aus dem früheren Rußland, welche seit den 80 er Jahren des vorigen Jahrhunderts bis zum Weltkrieg einen immer gewaltigeren Umfang annimmt. In einer soeben erschienenen Broschüre des bekannten jüdischen Statistikers Jacob Lefchtschinsky*) ist ein sehr großes und sorgfältig bearbeitetes Zahlenmaterial zusammengestellt, welches den Wanderungsprozeß der osteuropäischen Juden in all seinen Einzelheiten klarstellt. Die Ursachen dieser Wanderung sind genügend bekannt und brauchen kaum erwähnt zu werden. Es sind das die schweren rechtlichen Beschränkungen der Juden in Rußland bezw. in Rumänien, welche auch für die wirtschaftliche Lage der Juden in diesen Ländern katastrophale Folgen haben und die notleidenden jüdischen Massen dazu zwingen, ihr stiefmütterliches Vaterland mit dem auf Freiheit und Gleichheit gegründeten Volksstaat jenseits des Atlantischen Ozeans zu vertauschen.. Uebrigens ist das tiefe wirtschaftliche Niveau, welches zur Auswanderung zwingt, nicht immer eine Folge von rechtlichen Beschränkungen. Sie kann auch bei formeller Gleichberechtigung durch bestimmte Kulturverhältnisse und einen praktischen Antisemitismus, der nicht die Form von antijüdischen Ausnahmegesetzen annimmt, hervorgerufen werden. Das beweist der Umstand, daß auch aus dem früher österreichischen Galizien eine starke Auswanderung von Juden nach Amerika stattgefunden hat. Von 1810 752 Juden, die zwischen 1900—1925 nach den Ver. Staaten eingewandert sind, waren nicht weniger als 238 221 Juden aus Oesterreich- Ungarn, d. h. aus Galizien bezw. Bukowina, also 13,2 o/o btt ganzen eingewanderten Menge. Ausnahmegesetze gegen Juden hat es bekanntlich in Oesterreich-Ungarn schon seit den 60 er Jahren, seit der Herstellung der Verfassung, nicht mehr gegeben; immerhin wirkten dort eine Reihe von spezifischen kulturellen und wirtschaftlichen Verkältnissen, welche das galiziiche Judentum zu einer eben solchen notleidenden Masse machten wie ihre rechtlosen Glaubensgenossen innerhalb des früheren Zarenreiches. Sehr interessant sind die Zahlen über die Verteilung der jüdischen Auswanderer aus Osteuropa in den letzten bis 5 Jahrzehnten. Danach sind 1881—1925 aus den osteuropäischen Ländern ausgewandert im ganzen 3618 500 Juden, von denen sich nach Amerika nicht weniger als 2975 500, darunter nach den Ver. Staaten 2650000, gewandt haben. Von den übrigen amerikanischen Ländern haben in diesem Zeitraum nur Argentinien und Kanada verhältnismäßig große Massen ostjüdischer Einwanderer ausgenommen, und zwar Argentinien 150000, Kanada 112000 — Zahlen, die allerdings im Vergleich zu den Ver. Staaten sehr unbedeutend sind. Die übrigen amerikanischen Länder bleiben noch weiter zurück. So kommen auf Brasilien nur 25000 jüdische Einwanderer, Mexiko 18000, auf den Rest nur je einige Tausend. In Europa nahmen in den angegebenen Jahren die verschiedenen west- und mitteleuropäischen Ländern im ganzen 415 000 ostjüdische Einwanderer auf, *) Jacob Lefchtschinsky: Die jüdische Wanderung in den letzten 25 Jahren (jiddisch). Herausgegeben vom Centralbüro des „Hias-Emigdirect", Berlin 1927, 85 S. darunter an erster Stelle England (210000), Deutschland ca. 80 000. Verhältnismäßig unbedeutend ist die Auswanderung nach Afrika, die in dem erwähnten Zeitraum im ganzen 85 000 erreichte, davon 55 000 nach Südafrika. Nicht viel mehr beträgt die Zahl der jüdischen Einwanderer in Asien, nämlich im ganzen 95 000 nach Palästina und ca. 60000 nach dem russischen Sibirien und dem Fernen Osten. Ganz gering ist die Auswanderung nach Australien, welche 1881—1925 nur 18000 erreichte. Diese Zahlen beweisen also, daß es infolge der starken Auswanderung der osteuropäischen Juden des vorigen Jahrhunderts kaum ein Land auf der Erde gibt, in welchem das osteuropäische Judentum bezw. seine Nachkommen jetzt nicht vertreten ist. Die Verteilung dieser Auswanderungsmassen ist aber eine sehr ungleiche. In Prozenten ausgedrückt kommen von der Auswanderermenge auf die Ver. Staaten 72,7; England 5,8; Argentinien 4,1; Kanada 3,1; Frankreich 2,7; Palästina 2,6; Deutschland 2,2 o/0. Betrachtet man die Einwanderungszahlen in den Ver. Staaten in den letzten 25 Jahren, so sieht man, daß die erste Stelle die Italiener einnehmen, welche 1900—1925 im ganzen 3 749 552 Einwanderer lieferten. Gleich nach ihnen kommen in den erwähnten 25 Jahren die osteuropäischen Juden mit 1810 752. Diese Juden machten also 10,3 o/a der ganzen eingewanderten Masse aus (die Ver. Staaten nahmen in diesen 25 Jahren im ganzen 17 618682 europäische Einwanderer auf). Dabei aber ist die Rückwanderung bei den Juden eine weit geringere als bei den anderen Völkern. Bei den Italienern erreichte z. B. in den Jahren 1908-1925 die Zahl der Rückwanderer 1167 407, also 55,8 o/o der ganzen italienischen Einwanderung. Ebenso sind auch bei anderen Völkern bedeutende Massen von Rückwanderern zu beobachten, namentlich bei solchen, wie z. B. Polen, welche infolge des Weltkrieges politische Selbständigkeit erlangten und für welche daher die politischen und zum Teil auch wirtschaftlichen Ursachen, die sie zur Auswanderung zwangen, nicht mehr vorhanden sind. So sind in dem angegebenen Zeitraum von 17 Jahren 324 493 Polen aus den Ver. Staaten, d. h. 40 o/o der ganzen polnischen Einwanderung, zurückgewandert. Dagegen ist die jüdische Rückwanderung eine sehr geringe, sie erreichte in den erwähnten 17 Jahren im ganzen nur 52585, d. h. kaum 5,2 o/o der jüdischen Einwanderer. Betrachtet man die Einwanderungszahlen in den Ver. Staaten nach einzelnen Jahrgängen, so ist es nicht schwer festzustellen, wie sich jede Steigerung der Verfolgung der Juden in Rußland, jede Pogromwelle sofort in einer gesteigerten Auswandererzahl nach Amerika ausdrückt. So springt z. B. infolge des Pogroms von Kischinew 1903 die Zahl der jüdischen Einwanderer von 57 688 i. I. 1902 auf 106 236 i. I. 1904. Ebenso rufen die furchtbaren Pogrome, welche im Oktober 1905 während der ersten russischen Revolution stattgefunden haben, eine weitere Steigerung der Auswanderung nach Amerika hervor, das- Jahr 1906 verzeichnet schon die Zahl von 153 748 jüdischer Einwanderer aus Osteuropa, ebenso beträgt sie 1907 nicht weniger als 149 182. Lefchtschinsky untersucht in erschöpfender Weise die Zusammensetzung der jüdischen Emigrantenmasse nach Berufen, Altersstufen usw. In diesem kurzen Artikel können wir auf die von ihm angeführten sehr lehrreichen Tatsachen nicht ausführlich eingehen. Hervorzuheben verdient nur das von ihm festgestellte Ergebnis, daß „nicht weniger als s/a aller jüdischen Einwanderer aus produktiven arbeitenden Elementen und nicht weniger als die Hälfte aller dieser Einwanderer aus qualifizierten Handwerkern und Arbeitern bestehen". Wenn also der Prozentsatz der Händler und Krämer unter den jüdischen Einwanderern auch größer ist als bei den nichtjüdischen, so ist es doch ein Irrtum, anzunehmen, wie es oft geschieht, daß die Mehrzahl der jüdischen Einwanderer aus Luftmenschen und Vermittlern besteht. Dadurch wird auch gleichzeitig bewiesen, daß auch in den Ländern, aus denen die jüdische Auswanderung hauptsächlich stattsindet, in den letzten 25 Jahren „ein intensiver Uebergang von Vermittlerbeschäftigungen zu Handwerk und Arbeit stattgefunden hat". Das Studium der von Lefchtschinsky angeführten zahlreichen Tabellen bestätigt übrigens, was für eine ungeheuer einschneidende Bedeutung die neuesten Einwanderungsbeschränkungen in Amerika für die jüdischen Massen aus Osteuropa gehabt haben. Durch den Weltkrieg, die russische Revolution und ihre Folgen ist das wirtschaftliche Niveau des osteuropäischen Judentums noch ein viel tieferes geworden als es schon vor dem Krieg war. Während aber vor dem Krieg die Auswanderung nach Amerika wenigstens ein Ventil war, welches bis zu einer gewissen Grenze das weitere Sinken des Lebensniveaus verhinderte, haben die amerikanischen Einwanderungsgesetze von 1921 und 1925 den Abfluß der „überschüssigen" Judenmassen aus Osteuropa fast ganz unmöglich gemacht. Wenn 1925 nach den Ver. Staaten nur 10 292 Juden kamen gegenüber 119 036 i. I. 1921 oder 149182 i. I. 1907, so springt es sofort in die Augen, welche enorme Wichtigkeit die Quotengesetze für die verkommenden jüdischen Massen im Osten haben. Leider erscheint bei der sich immer stärker bemerkbar machenden Abneigung in Amerika gegenüber den Einwanderern aus Süd- und Osteuropa eine Modifizierung dieser Gesetzgebung zu Gunsten der jüdischen Einwanderer vorläufig ausgeschlossen. Schließlich sei noch mit einigen Worten auf die Konzentrierung der jüdischen Massen in New Bork hingewiesen, welche in der Zukunft wohl zu einem sehr ernsten Problem werden dürfte. Von den fast 4 Millionen Juden, die jetzt in den Ver. Staaten leben, ist ungefähr die Hälfte in New Pork konzentriert. Die letzte Volkszählung ergab in New Port die Zahl von 1750 000 Juden. Wenn New Pork auch eine Riesenstadt ist, und eine sehr bunte Zusammensetzung aufweist — es sollen in New Port mehr Italiener als in Rom und mehr Deutsche als in München leben —, so ist die Konzentrierung einer fast Zweimillionenm^nge von Juden innerhalb einer einzigen Stadt doch eine Erscheinung, die die Geschichte bisher nicht gekannt hat. Die Verarbeitung dieser ungeheuren Masse im amerikanischen „Melting Pot" (Schmelztiegel), wie der vor kurzem verstorbene Zangwill Amerika genannt hat, dürfte doch eine sehr schwierige Aufgabe werden. I. Lew in. * Dritte jüdische Emigrattonskonferenz in Berlin Am Sonntag, den 15. Januar, wurde in Berlin die von dem Verband Hias-Emigdirect einberufene dritte jüdische Emigrationskonferenz bei Anwesenheit von etwa 45 Delegierten aus verschiedenen Ländern eröffnet. Der Präsident von Emigdirect, Herr Dr. Miron Krainin, begrüßte Delegierte und Gäste und führte ungefähr aus: Vor zwei Jahren tagte in Berlin die zweite jüdische Emigrationskonferenz, in der der jüdischen Wanderung neue Wege gewiesen wurden. Inzwischen hat sich die wirtschaftliche Lage der Juden in den Ostländern kaum gebessert, der Drang nach Auswanderung besteht nach wie vor, eine gewisse Erleichterung wurde durch die Kredittätigkeit der Joint-Jca-Foundation geschaffen, aber die Emigrationsbewegung stagniert, weil erstens die Ueberseeländer sich neuen Einwanderern verschließen, und zweitens die Verarmung soweit fortgeschritten ist, daß es den Auswanderungsbedürftigen an den Reisespesen fehlt. Tr. Jacob Lestschinski hielt einen Vortrag über die „Probleme und Nöte der jüdischen Emigration der Gegenwart". Er führte aus, man müsse die Auswanderungsbewegung als keine Katastrophenbewegung, sondern als eine organische Erscheinung im sozialen Leben der Völker ansehen. Namentlich die jüdische Auswanderung, die gerade in Zeiten wirtschaftlicher Prosperität weit stärker war als in Zeiten der Not, war der Ausdruck des Strebens nach Anschluß an die Produktion. Vor hundert Jahren lebten 80 bis 83 Prozent des gesamten Judentums in den Ostländern in den gedrücktesten Verhältnissen. Tie Auswanderung setzte ein, als in diesen Ländern gleich wie in der übrigen Welt ein soziales Erwachen vor sich ging. Vier Millionen Juden haben in den letzten hundert Jahren ihre alte Heimat verlassen, von ihnen wandten sich 3,2 Millionen nach den Ueberseeländern, der Rest nach den übrigen Ländern Europas. Die Auswanderung bedeutete Loslösung vom Alten, also Zerstreuung, und doch wieder neue Konzentration. Der jüdische Auswanderer muß zu einem produktiven Element herausgebildet, die Auswanderung muß finanziert werden. Der soziale Inhalt der jüdischen Emigration ist der Uebergang zu produktiver Arbeit. Dr. T. Lvovitch beschäftigte sich in seinem Referat mit der „Produktivierung der jüdischen Emigration". Die neuen Einwanderungsländer wie Kanada, Südamerika, Südafrika, Australien usw. find zum größten Teil agrarische; es kommen für die Einwanderung deshalb Landwirte oder geschulte Handwerker in Betracht. Wie sehr die landwirtschaftliche Ausbildung auch den Juden in den Ueberseeläüdern wichtig erscheint, erficht man aus folgendem: In Amerika besteht die Jewifb Agricult Aid Society, in Kanada der Baron Hirsch-Fonds, m Argentinien die Jca, in Australien der Jewish Agricult- Trust mit einem Kapital von 50000 Pfund. Der Redner skizzierte eingchend das System der „Angehörigen-HUse". Mehr als 20 Millionen Dollar gchen jährlich aus Amerika zur Unterstützung von Verwandten in Rußland und den Rand^ ländern. Diese ungeheure Summe soll in den Dienst der Produktion gestellt werden. Die Berwandtenhilfe von Ort