Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 2 (13.1.1928)
- Date
- 1928-01-13
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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greß geleitet, der von Mitarbeitern in der ganzen Welt erwählt wird. Zwischen den Sitzungen des Kongresses wird die Exekutivgewalt von durch den Kongreß gewählten Komitees ausgeübt. So werden die Bewohner des Landes verhindert, eine sich selbst verwaltende Gemeinschaft zu werden, die aus ihren eigenen Fehlern lernt und durch den Kamps Führer entwickelt. Lange vor der Balsour-Erklärung schlug die Britische Regierung den Zionisten vor, Kolonien unter ihrer Herrschaft zu gründen. Nach dem siegreichen Frieden von 1918 war es für Großbritannien nur logisch, die jüdische Heimstätte in Palästina zu begünstigen, da dieses Land zusammen mit Aegypten den Suezkanal schützt und ein guter Landungsplatz für Luftverbindungen nach Indien und den dahinter liegenden Ländern ist. Palästina ist eins der wenigen Länder unter britischer Regierung, das sich bezahlt macht. Ende 1926 hatte das Regierungsbudget einen Ueberschuß von £ 1000000, und es ist das einzige Land, welches den englischen Gläubigern seinen Anteil an der früheren türkischen Schuld bezahlt. Palästina hat heute nur eine kleine gemischte Polizeimacht, obgleich im Jahre 1920 die Britische Regierung $ 15 000 000 bis $ 20000 000 aus gab, um dort ein Heer zu unterhalten. Dies steht in bemerkenswertem Gegensatz zu dem benachbarten Syrien, wo Frankreich kostspielige Kriege zu führen gehabt hat. Frankreich weiß diese Tatsache zu schätzen, und manche offizielle Persönlichkeiten Frankreichs haben in ihren Reden zu verstehen gegeben, daß Frankreich eine zionistische Kolonisation begrüßen würde. Teile Syriens sind nur eine natürliche Fortsetzung von Palästina und für moderne Siedlungen wohl geeignet. In biblischen Zeiten waren die Juden in Syrien zahlreicher als in jedem anderen fremden Lande. Mer Syrien ist nicht der einzige Nachbar, der unter zionistischen Einfluß geraten könnte, vorausgesetzt, daß die Bewegung erfolgreich ist. Das anschließende Transjordanien könnte, wenn dicht besiedelt, mit Leichtigkeit eine Million Juden erhalten. „Ist anzunehmen, daß während der nächsten zwanzig oder dreißig Jahre nicht ein Einftrömen von Juden nach Transjordanien erfolgen wird, und wie kann der Zustrom verhindert werden?" schreibt I. M. Kenworthy, ein Mitglied des House of Commons. Mit ein paar Millionen Juden in Palästina, Syrien und Transjordanien und mit noch viel mehr Millionen, die von allen Teilen der Welt herbeieilen, könnten die Zionisten sogar noch weiter dringen, und das Königreich Davids, welches sich eine kurze Zeit lang von oer Grenze Aegyptens bis zum Euphrat erstreckte, würde aus der biblischen Mythe wieder erstehen. (Schluß folgt.) Oer 6w88e Stier und der Livjathan Von Ch. D. Löwi. Oft hörte der Große Stier davon reden, daß er und der Livjathan dereinst, im Jenseits, zum Wohle der Gerechten Zusammenwirken werden. Eine lange Zeit trug der Große Stier den Wunsch in sich, seinen künftigen Genossen, den Livjathan, von Angesicht zu Angesicht zu schauen und kennen zu lernen. Und nun machte er sich eines Tages auf und zog aus, um den Livjathan zu suchen und ausfindig zu machen. Streifte durch Felder und Wälder, ging an den Ufern großer Meere entlang, Umschau haltend. Schließlich begab er sich, da er ihn nirgends fand, an das Himmelstor. Da, an der Pforte, begegnete er vielen Seelen, die sich in angstvoller Erwartung drängten und Einlaß begehrten. Die Wartenden erschraken, als sie die riesenhafte Gestalt des Großen Stieres jäh erblickten, und manche Seele köderte vor Angst in die Tiefe wieder hinab. Der Große Stier pochte leise an die Pforte. Der himmlische Torwächter schaute durch das Guckloch und sah eine ungewohnte, ihm völlig unbekannte Erscheinung. Er starrte den riesenhaften Gast für eine Weile forschend an und sein Gesicht bekam einen gespannten Ausdruck. „Wer bist du?", fragte er, den Blick auf den Großen Stier geheftet. „Ich bin der „Große Stier", erwiderte stolz der Angeredete. Ein Schauer durchzuckte den Wächter. Er erinnerte sich im Nu, diesen Namen schon oft von den Engeln, wenn sie sich in freier Zeit untereinander unterhielten, gehört zu haben. Es wurde mit grpßer Ehrfurcht von ihm gesprochen. Manche von den Heerscharen vermochten sogar ein Gefühl von Neid nicht emsig genug zu verheimlichen, wenn von ihm die Rede war. Allerdings wurde immer sein Name im Zusammenhang mit einem anderen genannt. Er kann sich dessen Namen im Augenblick nicht entsinnen. Er hat ja soviel Namen in seinem Kopf, die durcheinander kreisen und wirbeln. Wie konnte er sich auch alle Namen behalten. Viele Nächte hindurch hatte er nicht mehr geschlafen. Immerfort klopfen ja die Leute und lassen einen nicht einmal in der späten Nacht in Ruhe... Jedenfalls war ihm der Name vom Großen Stier bekannt, und er räusperte sich einen Augenblick und sprach dann zum Großen Stier in feierlichem Tone: „Bitte!“ Der Vorhang vom ersten Gewölbe öffnete sich, und der Große Stier mit den anderen Seelen trat ein. Die Menschenseelen wurden gleich weiterbefördert, ohne daß mit ihnen viele Umstände gemacht wurden. Um den Großen Stier aber scharten sich sofort drängend die himmlischen Heerscharen des ersten Gewölbes und begrüsßten ihn feierlich. „Sei willkommen!!!" „Sei willkommen!!!" Sie boten dem Gast ein Stuhl zum Sitzen an, worau: er gleich Platz nahm, dann bildeten die Engel einen dichten Kreis um ihn, beugten sich mehrfach in Ehrfurcht vor ihm und verstummten gleich, wartend, dafi der Große Stier seine Wünsche vortrage. Der Große Stier schaute umher, sein Blick reckte sich auf, ging nach allen Seiten, und er beroch die Luft, beschaute die seltsamen Wände, dann sprach er langsam und in Würde: „Könnte man hier den künftigen Genossen, den Livjathan, sehen und kennen lernen?" Zwei Engel gaben ein pfeifendes Signal und schon kamen Winde rauschend herbeigeflattert, die eine Weile stehen blieben, alle hielten sie ihren Atem zurück. Die himmlischen Heerscharen raunten ihnen befehlend etwas zu, dann flogen sie säuselnd davon, um es den Seraphim, die im obersten Himmel wohnten, weiterzugeben. Nach einer geraumen Weile bliesen die Winde neuerdings in das erste Gewölbe herein, flüsterten den Engeln ■lächelnd etwas zu und eilten sodann rasch davon. Eine Atemspanne lang tuschelten die Engel einander beratend zu, dann trat einer aus ihrer Mitte, wandte sich an den Großen Stier mit den Worten: „Du mußt dich eine Weile gedulden, Livjathan wird bald erscheinen." Mit bedächtiger Ruhe saß der Große Stier da, mit seinen aufmerksamen Augen, denen nichts entging, schaute er umher. Gar manches erschien ihm hier recht sonderbar und verschiedene Gedanken krochen durch sein Hirn. Wozu so viele Fenster, unzählbar viele?, wanderte es dem Großen Stier fragend durch den Kopf. Er winkte einen diensttuenden Engel herbei, der nach einer Sekunde schon erwartungsvoll an seinem Munde hing, dessen Befehl in devoter Verbeugung und erstarrt entgegenzunehmen. Auf den Lippen des Großen Stiers war eine brummende Bewegung und kräuselte eine neugierige Miene, dann hob sich ein funkelnder Blick dem Engel fragend entgegen: „Wozu dienen die tausendfältigen, unzähligen Fenster hier?" Der Angeredete huschte in eine Ecke, nahm ein Buch aus einem Schrank, glitt blitzhaft schnell an den Stier heran und überreichte es ihm mit den Worten: „Lies dies Buch, darin findest du alles, auch die Antwort auf deine wöhlberechtigte Frage." Der Große Stier schlug das Buch auf, las darin, verfolgte die Aufzeichnungen mit Teilnahme, blätterte und las eine Zeitlang und seine Augen füllten sich abwechselnd mit Gespanntheit und Verstehen. Im Ozean wütete der Livjathan und blies, blies laut und kräftig. Alle Raubfische im Wasser erschraken, ließen die kleinen Fische in Ruhe und stoben und flüchteten schwimmend weit weg. Manch böser Raubfisch schwamm in Livjathans Maul. Es war in der Sonnenwende des Monats Tebeth. Um diese Zeit wütete immer Livjathan zum Schutze der kleinen Fische, damit sie nicht von den Raubfischen gefressen würden. „Uah!", brummte Livjathan und alle Raubfische ließen von den Kleinen. „Uah!", und sie ergriffen die Flucht. Und als der Wind beim Livjathan erschienen war, traf er ihn in voller Tätigkeit an. Es dauerte daher eine lange Weile, bis Livjathan in den Himmel kam. * „Das ist Livjathan", sprach ein Engel leise zum Großen Stier, und beide, Livjathan und der Große Stier, machten eine Verbeugung. Ein Schweigen, lauernd und gespannt, hüllte beide ein und währte eine Zeitlang. „Es sieht hier ganz sonderbar aus, nicht wahr?", versuchte der Große Stier das Schweigen zu durchbohren und blickte auf die Lippen seines Genossen erswartungsvoll.. „Das finde ich auch", gab Livjathan zurück und ließ seine Augen eine Atemspanne lang im Himmelsgewölbe umherschweifen. Die beiden Gäste schlossen sofort Freundschaft und unterhielten sich sehr lebhaft. Die umherstehenden Engel warfen einander Seitenblicke zu. Der Große Stier winkte ein Englein herbei und fragte es flüsternd: „Stimmt es, was mein Freund Livjathan erzählt, daß dereinst Eva ins Paradies wieder Einzug halten wird? Keusch und in schimmernder Blöße?“ „Freilich!", bestätigte das Englein gehorsam. „Wenn ihr wollt", begann gleich weiter das Englein, „wenn ihr wollt, so kann ich euch die Schlange zeigen, die Eva verführte“. Plötzlich vernahmen die beiden Gäste gellende Schreie, die von draußen kamen. Es waren unvollendete, zerrissene Seelen, die an der Pforte pochten, schrien und riefen und nicht eingelassen wurden. „Warum werden diese armen Seelen nicht hereingelassen?", fragte Livjathan mitleidsvoll. „Es sind Sünder", erwiderte ein Engel. Und in wichtigtuerischem Tone fügte er hinzu: „Manchmal schreien sie die ganze Nacht hindurch, rütteln an der Pforte und zerren an ihrem Körper — und werden dennnoch nicht hereingelassen. Der Torwächter hat in solchen Nächten eine schwere Arbeit und wir müssen ihm helfen." „Oho, die Sünder, die Sünder!", schüttelte der Große Stier verständnisvoll den Kopf. „Wie oft habe ich sie auch schreien hören", setzte er fort. „Wenn Dämmerung fiel, fingen die Berge zu heulen an. In ihren Schleusen kauerten, in Gräsern gehüllt, zerrissene und unvollkommene Seelen. Aus ihren Kehlen kollerten Schreie und Rufe: Friß auch uns, wir sind Gras, dürres Gras." „Auch ich, auch ich hörte Sünder rufen", versicherte Livjathan. „Auf dem Wasser, schaukelnd auf den Wellen, schwammen sie umher. Sie drängten sich an meinen Mund, weinten und riefen: verschlinge uns, friß uns, damit wir einst durch dich ins Paradies gelangen. Wo ist dein Mund?, verschlinge uns!" Ein Englein, das die Worte des Großen Stiers und des Livjathans gehört hatte, mengte sich in ihr Gespräch und erzählte: „Auch ich sehe Tag um Tag durch die Himmelsfenster dergleichen. Wenn Nacht herniedertanzt, hören wir fisteldünne Stimmen kreischen. In weißen Gewändern schweben obdachlose Seelen in segelnder Luft, flattern wie zerrissene, zerfaserte und zerfetzte Fahnen gegen den windigen Horizont, durch den schillernden Aether. Jeden Augenblick flickt, reißt der Wind ein Stück weg, hier bleibt eine Hand, dort ein Fuß, droben ein halber Kopf, irgendwo ein Auge, gläsern, in einer Pfütze eine nackte Zehe. Glieder, welke Hände, gläserne Augen, verrostete Herzen, verschimmelte Wangen und nackte Zehen tanzen und wirbeln durch den Aether himmelauf und können nicht vollkommen werden." Und ein anderer Engel setzte fort: „Tag für Tag sehe ich sie, die Schuldigen. Humpelnde, verstümmelte, gedorrte und bleiche Seelen, gekrümmt über ihren Schmerz, wie die Buckligen. Schreie prallen, Qualen gellen, stöhnen herzzerreißend, und ihre Rufe überdröhnen einander. So irren sie, krümmend, sich windend und baumelsnd wie Gehenkte, sündenbeladen, bis sich Vergessen um sie wölbt." „Und wo weilen die Gerechten, die dereinst in unserem Zelt wohnen werden?", fragte der Große Stier. „Die Seelen der Gerechten", erwiderte der Engel, „wohnen im Araboth, dem siebenten Himmel." „Könnten wir den Araboth sehen?", fragte der Livjathan neugierig. „Gewiß", hauchte ein Engel. Nach einer Weile führten zwei Engel die Gäste in den Araboth. Sie mußten jedoch die anderen Himmel durchschreiten, um in den Araboth zu gelangen. So kamen sie zuerst in den zweiten Himmel — und von dort in den dritten, in den großen Wolkenhimmel. Hier blieben aber die Gäste stehen und schauten umher prüfenden Blicks. Wolkenkolosse rollten und rumorten und zogen umher gleich Riesentieren, Löwen und Elefanten. Schillernde Farben kreisten in diesem Himmelsraum. Himmelsengel stiegen auf einer hohen Leiter auf und nieder, geschäftig und betriebsam. Flügel ruderten geheimnisvoll. Eine Kette aus züngelnden, purpurroten Flammen zog sich senkrecht, strahlengerade von unten nach oben in die Höhe. Sonnen mit schleppenden Glanzschleiern tanzten und pendelten um die purpurne Kette. Lautloser Tumult wehte. Augen aus Hauch lugten hell, zickzackten umher, und Schaumschleier aus Wasser und Licht klügelten durch den schillernden Raum. Der Große Stier und Livjathan standen marmorstarr, mit aufgerissenen Augen. Und als sie etwas weiter vordrangen, sahen sie deutlich ein Werk, umgeben und behängen von Rädern und Flügeln, die sich unaufhörlich langsam drehten, kreisten und ruderten. „Was ist das?", fragte der Große Stier voller Neugier. „Das ist die große Mühle, darinnen das Mana für die Weltseele, die Gerechten, gemahlen wird", erklärte ein Engel. Die beiden Gäste standen eine Zeitlang wortlos einander gegenüber. Dann folgten sie dem Engel in den Sebul, den vierten Himmel. Da sahen sie einen schön gewölbten Altar, Weihrauchkessel und Weihrauchsäulen wirbeln. „In diesem Himmel", bedeutete ihnen der Führer, „liegt das obere Jerusalem. Dort oben ist der Tempel und darinnen der Opferaltar; Michael, der Engel-Fürst, steht vor ihm und bringt Rauch- und Brandopfer dar." — Die Gäste starrten eine Weile nachdenklich in die kräuselnden Rauchsäulen, die sich wie weiße Schlangen wanden, dann, geblendet vom dichten Rauch, der ihre Augen etwas verschleierte, tasteten sie dem Engel nach. In den Maon, den fünften Himmel gelangt, vernahmen sie gleich am Eingang schallende Musik. Als sie weiter traten, sahen sie Engel, schwanenweiß mit ihren hängenden Fittichen, in harfigen, rauschenden Mänteln Geigen spielen. Andere schlugen Lieder auf Flöten, bliesen weiche Harfen, aus denen Abendgesänge kollerten. Und andere wieder tanzten, getragen von rhythmischen Wellen, tanzten jubelnd und verströmend. „Mit diesen Liedern und Gesängen", meinte ein Engel zu den beiden Gästen, „lobpreisen die Heerscharen den Herrn. Aber nur nachts lassen sie Lobgesänge erschallen. Tagsüber halten sie inne und schweigen, das ganze Gewölbe ist von Stille erfüllt und kein Laut ist vernehmbar, denn es sollen die Gebete Israels gehört werden.“ — Der Große Stier und der Livjathan verweilten in diesem Raum eine Zeitlang, ließen andächtig die schönen Gesänge in sich hineinklingen, sogen die süßen Töne wie Verdurstete in sich ein und ließen sich immer mehr hingleiten in das Liedermeer mit seinen flutenden, tönenden Wellen. Erst nach Stunden gelang es den beiden Engeln, die Gäste aus dem Wirbel der süßen Töne wegzureißen und sie in den sechsten Himmel zu führen. In den sechsten Himmel eingetreten, blieben die Gäste verwundert jäh stehen. Livjathan riß die Augen weit auf und öffnete kreisrund das Maul! Bäche rieselten in perlenden, hüpfenden Wellen. Gewässer strudelten und orgelten andächtig. „Uah!", rief Livjathan, „Uah!“, gröhlte er. Aber Livjathan war enttäuscht. Seltsam, ging es ihm durch den Sinn. Er sah keinen Fisch. Das Maul war leer, kein Fischlein war hineingeschlüpft. Ein Engel trat an die Gäste heran und erklärte ihnen, den Finger nach oben zeigend: „Da sind die Hagelscheunen und die Schneespeicher, dort hängen Becken und Kannen voll trüber Wasser und schwü.er Dünste; droben schweben die Regenkammern; in einer Kammer, in einem schmalbrüstigen Schrank, dessen Türen aus Feuer sind, schlummern auch der Wirbelwind und das Ungewitter; tief unten hocken die Dampfhöhlen." — „Und dort“, begann der Engel auf einmal im Flüstertöne, die beiden Gäste aufmerksam und dringlich betrachtend, „dort fließt in langsamen Wellen ein Bächlein von Balsamöl, das für die Auserwählten und Gerechten aller Völker noch von der der Weltschöpfung her aufbewahrt ist.“ — Der Große Stier trat einige Schritte nahe an das Bächlein, beschnupperte und beroch es, die Nüstern scharb blähend, indes Livjathan noch immer das Haupt in die rieselnden Wasser tauchte und wieder und wieder erstaunt war, daß sein Maul noch keinen Fisch ertastete. Endlich landeten sie im Araboth. Da wimmelten tausendlältig in schnurgeraden, unendlich sich hinschlängelnden Reihen Seraphim, die heiligen Räder und die Cherubim, deren Leiber aus Wasser und Feuer sind. Ohne Unterlaß verkündeten die Engel in schönen perlenden Melodien die Herrlichkeit Gottes, der um einen Raum von sechshundertd.eißigtausend Meilen von ihnen entfernt auf einem steilen erhabenen Thron, umgeben von Nebel- und Wolkenkolossen, weilt. Ein Engel flüsterte den Gästen zu: „Hier — so geht das Gerücht — soll der Tau aufbewahrt sein, mit dem der Herr dereinst die Toten erwecken wird. Wo, an welcher Stelle, weiß man aber nicht." Dann wurden die Gäste durch den unendlich sich hinziehenden Raum geführt, bis sie auf einmal stehen blieben. Da sahen sie in einem Schleiergarten viele Seelen einherschreiten. „Das sind die Gerechten", meinte ein Engel bedeutungsvoll. Die beiden Gäste blieben eine lange Weile stehen, schauten einander jeden Augenblick fragend und wortlos an und ihre Augen überwanderten von allen Seiten diesen seltsamen Garten, ohne jedoch recht zu wissen, was sie sahen. Minutenlang band beide ein Schweigen. Dann sahen sie sich neben den Auserwählten stehen und spürten ihre unmittelbare Tastnähe. Die Gerechten st ahllen, umrahmt und umlaubt von seltsamem Glanz, ein Lächeln ging um ihre Lippen, schien den Gästen entgegenzuflackern. Der Große Stier und Livjathan jubelten vor Wonne. Wußten die Auserwählten, wer sie waren? Kannten sie sie und lächelten sie ihnen dankbar zu? Eine lange Zeitspanne glitt der Blick der Gäste nicht von den Gerechten, die selighell und mit erhobenem Kopf einherwandelten und deren lang-