Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1928-01-13 · 2 (13.1.1928) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
8 (1928)
Issue
2 (13.1.1928)
Date
1928-01-13
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2613366-2613947-2613949--2560-2620045
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

läßt sich in diesem Sinne selbst die Jüdische Rundschau (vom 6. er.) vernehmen. Und doch erschiene uns ein solcher Versuch völlig indiskutabel und ein Kompromiß mit der Jüdischen Bolkspartei nichts anderes als eine Kompromittierung. Denn völlig verschieden ist die grundsätzliche Aufsassung beider Richtungen vom Wesen des Judentums, von den Aufgaben der Gemeinde. Eine Politik, die mit dm nationalistischen Ausbeutern des Judentums Hand in Hand gehen wollte, könnte nur Bestand haben, wenn sie unter der gemeinsamen Flagge deren Politik, deren Geschäfte besorgen wollte. Jeder Schritt, den wir solchen Weggenossen zu Gefallen tun müßten, wäre ein Schritt von unserem Wege. Ich bin voll überzeugt, daß die große Mehrzahl unserer liberalen Freunde, -der aktiv Tätigen sowohl wie derer, die ohne eigene Mitarbeit uns ihre Stimme zu geben pflegen, es aufs schärfste mißbilligen würde, wenn wir aus Ruhebedürfnis, aus schwachen Nerven, aus taktischer Schläue mit den Nationaljuden paktieren und ihnen Konzessionen machen würden. IV Wir wollen ruhiges Blut und gute Nerven behalten. Wir wollen unsere Anschauungen in sachlicher Opposition vertreten. Wir wollen, wie es in der Jüdischen Rundschail heißt, der Gegenseite eine „faire Chance geben", aber wir werden streng darauf sehen, daß sie von diescr Chance keinen unfairen Gebrauch macht. Sachliche Opposition heißt: sich freihalten von demagogischem Gchabe. Hierfür ein Beispiel. Wenn Herr Moritz A. Loeb bei der letzten Wahl an die Litfaßsäule kleben ließ, daß die Liberalen den Steuersatz auf 30 Prozent der Staatssteuer heraufsetzen wollten, so werden wir jetzt nicht anschlagen lassen, daß wir eine Herabsetzung auf 3 Prozent für möglich halten. Aber wir werden sachlich und streng darauf achten, was an den Gemeindeausgaben im Interesse der Steuerzahler erspart werden kann, und daß nicht Gemeindegelder für unproduktive Zwecke vergeudet werden oder für solche, die den Zwecken einer deutschen Religio nsgem ei nd e fremd sind. Wir wollen sachliche Opposition, d. h., wir wollen unser Verhalten, ob wir im Gemeindevorstand, in der Repräsentanz oder sonst im Gemeindeleben wirken, nur nach unseren eigenen Anschauungen und Zielen einrichten und wollen in keiner sachlichen Frage von unseren Forderungen abstehen oder unberechtigten Wünschen anderer nachgeben, um anderen gefällig zu sein. Wir wollen aus kein gesetzliches Recht verzichten, und wenn z. B. der Block der Rechten es unternehmen sollte, feine Mannisdauer selbsth rrlich über die gesetzlich bestimmte Zeit hinaus zu verlängern, so würden wir uns nicht scheuen dürfen, hiergegen ebenso bei den gesetzlich zuständigen Behörden vorzugehen, wie es die Volkspartei für sich als zulässig in Anspruch nimmt (Gelsenkirchen). Dies umsomehr, als die Sabotage der Volkspartei und jjfux Gefolgsmänner es bisher verhindert hat, daß wir im Anschluß an das neue Judengesetz für derartige Streitfragen eine jüdische Instanz erhalten. Wir wollen gegenüber Beleidigungen, wir sie kürzlich sich ereignet haben, unsere Ruhe bewahren, wollen uns aber auch nicht hindern lassen, wo es nötig ist, ganz deutlich: „nommer un chat un chat, et Rollin und fripon", wie es übrigens in diesen Blättern auch früher gehalten worden ist. Wenn wir unser Verhalten so einrichten, so glauben wir nicht, daß es der Mehrheit von 11 zn 10 Stimmen gelingen könnte — und bände sich der Block mit noch so vielen Verpflichtungen aneinander — das Rad der Entwicklung zurückznschrauben und in der einen Legislaturperiode, für die ihm die „faire Chance" vergönnt sei. aus der Berliner Religionsgemeinde eine national-jüdische Volksgemeinde zu machen. Und in der nächsten Legislaturperiode wollen wir wieder Mehrheit sein und alles daransetzen, daß dieser Wunsch in Erfüllung geht. Ist eine Einheiksgemeinde noch möglich? Bon Moritz Rosenthal, Berlin. Mit dem Vorsitzenden der Liberalen Vereinigung, Herrn Rechtsanwalt Heinrich Stern, waren wohl bisher die meisten unserer liberalen Freunde der Ansicht, daß die Einheitsgemeinde unbedingt der Bekenntnisgemcinde vorgezogen werden muß. Nachdem nun aber nach kurzer Zeit die Blockmehrheit in der Berliner Gemeinde zeigt, wie sie sich eine Einheitsgemeinde denkt, ist es für uns Liberale unmöglich, hier mitzumachen. Es ist nicht so, wie Die „Jüdische Rundschau" in ihrer Nr. 2 schreibt, daß wir bisher gewohnt waren, nach unbeschränkter, freier Wil.kür in der Gemeinde zu regieren, sondern wir haben den ersten Punkt unseres Programms „Gleiches Recht allen religiösen Richtungen" immer wieder in die Praxis übertragen. Wir haben beispielsweise bei Anstellung von Religionslehrern dieselbe Anzahl konservativer wie liberaler Herren berücksichtigt, trotzdem kein Mensch behaupten wird, daß die Hälfte der Gemeinde konservativ ist. Wir haben uns bereit erklärt, gleichzeitig mit der Orgebsynagvge Prinzregentenstraße eine zweite orgellose Synagoge zu bauen. Wir haben viele liberale Forderungen aus finanziellen Rücksichten zurückgestellt, um konservative — ich erinnere nur an den Kauf des Hauses in Charlottenburg zur Errichtung eines Quellenbades — zu erfüllen. Wenn so in einer Gemeinde gearbeitet wird, ist es selbstverständlich, daß die Einheit erhalten werden kann, und daß man die Einheitsgemeinde der Bekenntnisgemeinde vorzieht. Wie sicht es heute in Wirklichkeit aus? In der ersten Sitzung der Repräsentantenversammlung, in der der Vorsitzende gewählt wurde, haben wir nach parlamentarischem ^Brauch („Jüoische Rundschau": Wir fiub gewöhnt, immer parlamentarischen Brauch zu achten!) verlangt, daß der Vorsitzende aus der stärksten Frak.ion gewählt wird. Herr M. A. ßo-efc h-at als Vertreter des Blocks die Erklärung abgegeben, daß der Block nicht daran denkt, diesem parlamentarischen Brauch Folge zu leisten, dagegen gnädigst gewillt sei, dem Vertreter der stärksten Fraktion die S.ellvertretung zu übertragen. Selbstverständlich haben wir unter diesen Umständen es abgelehnt, uns überhaupt an der Bildung des Büros der Reprä.'entanten-Versammlung zu betei.igen. Der Parlamentarier Dr. Oscar Cohn, der Vertreter der Poale Zion, der die Erklärung abgibt, er gehöre keinem Block an, hat sich in Wirklichkeit dem Diktat des Herrn Dr. Klee gefügt und mit dem Block gestimmt. Nach der Einleitung die würdige Fortsetzung. Herr Atom.-Rat Gerson Simon gibt bei seiner Einführung in die Repräsentantenversammlung dieselbe Erklärung ab, die Herr Tr. Cohn für sich abgegeben hatte. Bei der konstituierenden Vorstandssitzung wird dieser Herr, der soeben erst in den Gemeindevorstand eingetreten ist, ein Novum in der Berliner Gemeinde, von Zions Gnaden sofort zum ersten Vorsitzenden gewählt. Und als Dank dafür gibt er als ersten Stellvertreter einem Zionisten seine Stimme. Begründung: man könne doch diesem bisherigen Zionisten-Stellvertreter nicht verärgern. Nun, Herr Kommerzienrat Simon, wie steht es mit der Verärgerung des bisherigen ersten Vorsitzenden? Bei der Verteilung der Dezernate wird dem von allen Seiten als überaus tüchtig anerkannten Herrn Karl Fuchs das Waisenhaus-Dezernat abgenommen. Ta man doch wohl Angst vor der eigenen Courage hatte, entschließt man sich, dieses Dezernat zu teilen, ein Waisenhaus dem bisherigen Dezernenten zn lassen und das zrveite einem Zionisten zu übertragen. Begründung: Die Kinder wurden bisher nicht jüdisch genug erzogen. Eine Beleidigung, die ein Parteimitglied des Vorsitzenden, Herrn Geh.-Rat Stern, der lange Jahre dieses Dezernat inne hatte, am härtesten treffen müßte, die aber von dem Herrn Vorsitzenden unbeachtet gelassen wird, da ja der Kaufpreis für sein Amt bezahlt werden muß. Selbstverständlich ist es den Natioualjuden lieber, wenn in unseren Waisenhäusern die Kinder zu ihren späteren Bannerträgern und Agitatoren erzogen werden. Glauben unsere liberalen Freunde wirklich, daß wir diese Erziehung dadurch decken können, daß wir in der Gemeinde bleiben? Der zweite Teil des Kaufpreises, Leidtragender wieder der Parteifreund des Vorsitzenden. Als Vertreter der Jca fungiert seit vielen Jahren Herr Geh.-Rat Stern. Trotz ausdrücklichen Wunsches aus Paris, und trotzdem der größte Teil der Herren in der Gemeindeverwaltung davon überzeugt ist, daß es nicht richtig ist, einem Zionisten dieses Amt zu übertragen, wird dasselbe Herrn Geheimrat Stern entzogen und Herr Dr. Klee damit betreut. Wir wollen hoffen, daß Herr Dr. Klee sich in Paris anders benehnen wird, wie in der letzten Sitzung der Repräsentantenversammlung. Sonst wäre es um das Ansehen nicht nur der Berliner Gemeinde, sondern des deutschen Judentums, das er ja dort repräsentieren soll, außerordentlich schlecht bestellt. Ter dritte Teil des Kaufpreises: im Rat sind zwei liberale Mitglieder ausgeschieden, Herr I. R. Lilienthal durch Tod, Herr I. R. Makower durch Niöerleguug. Tie Berliner Gemeinde hat 10 Mitglieder in dm Rat zu entsenden. Unter der liberalen Herrschaft wurdm 5 liberale und 5 nicht der liberalen Richtung angehörende Ratsmitglieder gewählt. Die neue Mehrheit wählt für die beiden ausgeschiedenen Liberalm 1 Zionistm und 1 Mittelparteiler. Nach dem Wunsch des Blocks sollen also jetzt 7 Nichtliberale und 3 Liberale von der Gemeinde in den Rat entsandt werden. Die Mittelpartei für Einheit und Frieden folgt so ihrer Parole, und die „Jüdische Rundschau" nennt das „parlamentarischen Brauch". Und jetzt die religiöse Arbeit unter der neuen Blockmehrheit. Das erste, ein Antrag, dm Friedhof, der seit 60 Jahren am Sonnabend zwei Stunden geöffnet ist, zu schließen. Ein Antrag, der schließlich gegm die liberalen Stimmen vertagt wird, weil den Herren wohl Angst vor ihrer eigenen Courage geworden ist. Das zweite: Es soll eine Privat-Orgelsynagoge in den Besitz der Gemeinde übergchen. Der liberale Antrag, dort dm Ritus der anderm Berliner Orgelsynagogen einzuführen, wird abgelehnt mit der Motivierung, man wolle eine Orgelsynagoge mit konservativem Gebetbuch. Der weitere Schritt wird sein, da sich dieses konservative Gebetbuch inzwischen in dieser einen Synagoge sehr gut bewährt haben wird, Einführung dieses auch in den aickeren Orgelsynagogm und die Fortsetzung, da zu dem konservativem Gebetbuch die Orgel dann nicht mehr passen wird, Entfernung der Orgel aus den Synagogen. Der Anfang hiermit ist ja erst kürzlich wieder dadurch gemacht worden, daß von zionistischer Seite angeregt wurde, die Orgel aus der Levetzowstraße zu entfernen. Nun, meine Freunde, kann man in einer solchen Einheitsgemeinde arbeiten? Die „Jüdische Rundschau" schreibt in dem schon einmal zitiertm Artikel: „Man wird aus solchen Vorfällen die Lehre ziehen müssm, daß ein Miteinanderarbeiten unmöglich ist, wenn sachliche Forderungen in persönliche Gehässigkeiten ausarten". Ich freue mich, einmal mit der „Jüdischen Rundschau" einer Meinung sein zu können. Nur, daß ich noch weiter gehe. Es ist auch unmöglich, miteinander zu arbeitm, wenn alle sachlichen Forderungen in ein persönliches Fahrwasser gelenkt werden. Keiner von uns liberalen Gemeindevertretern hat die Nerven, um bei Beschimpfungen wie „Heuchelei", „Dummer Lümmel", „Alter Esel" ruhig zu bleiben. Es würden also, wenn dieser Ton, der von den Nationaljnden in den verschiedenen jüdischen Gremien beliebt wird, sehr bald Zustände kommen, wie sie das alte österreichische Parlament aufwies. Und dazu halten wir uns zu schade. Das kann kein liberaler Wähler von uns verlangen. Deswegen: Entweder Anerkennung der liberalen Forderungen, anständiges Benehmen in den jüdischen Gremien, oder heraus aus der Einheitsgemeinde und Gründung einer liberalen Sondergemeinde. Ter Zuruf des Herrn Dr. Klee in der letzten Sitzung der Repräsentantenversammlung hat bewiesen, wer das Regiment führt: „Wenn Sie nicht wissen, wie Sie stimmen sollen, so sehen Sie doch auf mich!" Wenn so der Block gegen alle liberalen Forderungen fest zusammenhält, dann, meine Herren Gegner, müssen wir doch einmal die Trennung wagen. Nur dadurch wird dann dem deutschen Judentum gedient sein. Auf die Sache „Dr. Prinz" hier einzugehen, verlohnt sich nicht. Ich kenne diesen Herrn nicht und habe nicht die Absicht, ihm Ohrfeigen anszuteilen. Ich halte mich nur an die von chm abgegebene Erklärung. Und wenn die „Jüdische Rundschau" schreibt, es hätten irgend welche Vorkommnisse zu dieser Erklärung geführt, die zu ihrer Beleuchtung hätten herangezogen weä>en müssen, so ist auch dieses ein Beweis dafür, daß Herr Dr. Prinz für eine Kanzel in Berlin noch nicht reif ist. Ein Mann, der vor der Gemeinde Gottes Wort verkünden soll, muß wissen, daß alles, was er sagt und noch mehr, das, was er schriftlich gibt, von der Gemeinde als Tauras Emes aufgefaßt wird und werden muß. Also lassen Sie diesen Herrn erst einige Jahre älter werden Wir werden vergessen, was gewesen ist, wenn er sich bis dahin bewährt hat und werden chm aus seinem Bekenntnis zum Zionismus sicher keinen Strick drehen. Aber auch das eine muß wohl einmal gesagt werden: Natirnal-jüdische Agitatoren auf der Kanzel kann die Berliner Gemeinoe nicht noch mehr vertragen. Auch dieses würde dann ein Grund mchr sein für die Forderung: Statt der Einheitsgemeinde die Bekenntnisgemeinde! Die Krisis im Zionismus Von E r v i n S. A c e l, Ph. D. Der nachstehende Aussatz ist dem November-Heft 1927 der amerikanischen Monatsschrift „Current Historh" entnommen. Diese Zeitschrift ist weit verbreitet und wird in gebildeten Kreisen der Vereinigten Staaten viel gelesen. Sie bringt allmonatlich Berichte der besten Historiker der Bereinigten Staaten meist sind es Professoren der angesehensten Universitäten über die wichtigsten politischen Vorgänge in der ganzen Welt. Die Artikel werden im Allgemeinen hoch geschätzt und viel beachtet. Der nachstehend in Uebersetzung wiedergegebene Bericht ist in seiner ruhigen objektiven Darstellung auch für europäische Leser von Interesse. Wir veröffentlichen ihn deshalb, ohne uns jedoch seine Äcdankengänge im Einzelnen zu' eigen zu machen. Die Red. Tie Absicht der Zionisten, ein jüdisch-nationales Heim in Palästina zu errichten, hat, wenigstens augenblicklich, einen Dämpfer erhalten. Seit August 1926 verlassen mehr Juden das Heilige Land, als dorthin gehen. Tie Einwanderung ist in der Tat praktisch eingestellt, und die Zionisten klagen darüber, daß es für die Juöen schwieriger ist, in ihr nationales Heim zu gelangen, als in irgendeinen anderen Teil der Welt, sogar einschließlich der Vereinigten Staaten. Ueber das hinaus, was der einzelne Einwanderer an Kapital aufbringen kann, wird die jüdische Einwanderung nach Palästina zum Teil durch wohltätige Beiträge finanziert. Im letzten Jahr wurde ein Betrag von ca. 8 5 000 000 gesammelt, von welchem 75 Prozent aus Amerika kamen. Während der letzten vier Jahre betrug die jüdische Einwanderung 52 140. Am 1. SiPtember 1926 waren ungefähr 158 000 Juden in Palästina, die zu vergleichen sind mit nur 84 000 vor dem Kriege und mit ungefähr 15 000000 über die Welt zerstreuten Juden. Die Araber in Palästina zählen ca. 540000s die Christen 75 000. Der Stillstand der Einwanderung ist durch eine zurzeit in Palästina herrschende ökonomische Krisis verursacht worden. Im ersten Teil des Jahres 1925 entstand ein großer Aufschwung in der Bautätigkeit, um Wohnungsgelegenheit für die große Anzahl der Einwanderer zu schassen, die während dieses Jahres hineinkamen. Als jedoch der Bedarf an Wohnungen befriedigt war, konnte nicht für jeden Eingewanderten Arbeit gefunden werden. Augenblicklich sind im ganzen Lande 8 000 Arbeitslose, und unter diesen ca. 2500 Arbeitsunfähige, die dauernd auf Wohltätigkeit angewiesen sind. Diese ungünstige Entwicklung ist leicht verständlich, wenn wir die Handelsbilanz Palästinas für 1926 prüfen: Import $ 32 146 000 Export $ 6 488 000 Reiseverkehr $ 1125 000 Verschiedenes $ 1 CO) 100 _ Defizit S 23 408 000 Gesamtbetrag § 32146 000 Gesamtbetrag $ 32146 000 Die Ziffern für die vorhergehenden vier Jahre zeigen ähnliche Defizits und legen dar, daß Palästina, um die notwendigen Nährstoffe, Rohmaterialien und Maschinen zu kaufen, jedes Jahr den größten Teil des Kapitals verloren hat, das die Judenheit ihm sandte oder die neuen Einwanderer mitbrachten. Wie Professor Roscher, der bekannte deutsche Oekonom, einmal sagte: „muß das Land, welches Kapital verliert, seine Bevölkerung exportieren". Die Zionisten versuchen, diesem Verlust zu steuern, indem sie Landwirtschaft und Industrie entwickeln. Außer dem privaten Grundbesitz hat der Jüdische Nationalfonds Land von den Arabern gekauft; er gibt Pachtgüter aus 49 Jahre an Siedler ab, behälv jedoch das Eigentumsrecht für das jüdische Volk. Aber hier liegt ein großes Hindernis in der Tatsache, daß das Land zu. sehr hohen Preisen von den Arabern gekauft werden muß ünd seine Produkte aus dem Weltmarkt mit billiger gewonnenen konkurrieren müssen. Die jüoische Landbevölkerung zählt ungefähr 32000. Die Industrie befindet sich erst im Anfangsstadium. da das Hauptbestreben dahin ging, das landwirtschaftliche Problem zu lösen. Im Juli 1926 gab es 598 jüdische Fabriken, welche durchschnittlich je zehn Arbeiter beschäftigten. Die meisten dieser „Fabriken" sind nur kleine Werkstätten, und Professor Franz Oppenheimer sagt, daß „es im ganzen Lande vielleicht drei Unternehmungen größeren Stils gibt". Ein anderer Schriftsteller bemerkt, daß „diejenigen Fabriken, die wirklich bereit sind, richtig im europäischen Sinne... zu arbeiten, an den Fingern einer Hand abgezählt werden können. Den anderen fehlt es an Betriebskapital; sie sind genötigt, entweder sporadisch (nnd mit zu phantastischen Zinssätzen geliehenen Geldern) und meist mit einem Bruchteil ihrer potentiellen Fähigkeit zu arbeiten, oder sie hatten nicht einmal genug Jnoestierkapital, um einen vollständigen Maschinenpark zu installieren." Nicht allein Kapital und Erfahrung fehlen, die jüdischen Arbeiter sind zudem zur Erlangung hoher Löhne streng organisiert; sie haben sogar den flüchtigen und billigen Archer gewerkschaftlich organisiert. Die industriellen Möglichkeiten sind natürlich in jedem Lande unbegrenzt, welches auf dem Weltmarkt konkurrieren kann. Für Palästina besteht ein Markt in Beirut, Aleppo, Damaskus und anderen Scädten des Libanon und Syriens, welcher ungefähr 4 000000 Konsumenten umfaßt, wie arm diese auch sein mögen. Die Antwort auf die Frage: „Was ist falsch im Zionismus?" scheint zu sein, daß, obgleich die Juden in der ganzen Welt finanziell und kulturell sehr stark sind, nur der arme und erfolglose Jude, der eine heroische Fähigkeit zu leiden aber keine konstruktive Erfahrung besitzt, nach Palästina geht. Wenn sich reiche jüdische Bankleute, Fabrikanten und Kaufleute ständig dort mit chrem Kapital niederlassen würden, würde der Zionismus zum mindesten eine gute Chance haben. Schon allein ihre persönlichen Bedürfnisse, nicht zu erwähnen die Industrie, die sie mit chrem Geld und ihrer «Erfahrung zu schaffen versuchen könnten, würden Zehntausenden Beschäftigung geben. Die Geschichte zeigt manche Beispiele, daß ganze Industrien uno StMe in andere Länder ausgewandert finb, entweder um religiöser Verfolgung zu entgehen, oder auf Veranlassung weitsichtiger Staatsmänner. Aber, wie ein Spaßvogel sagt, „der Zionist ist ein reicher Jude, der einem armen Juden das Leben in Palästina bezahlt". Die Lage ist ganz so wie während der Babylonischen Gefangenschaft, als der Tempel zerstört wurde und die meisten jüdischen Vornehmen, Priester und Handwerker nach Babylonien deportiert wurden. Hier kamen die Juden zu Wohlstand, und als ein halbes Jahrhundert später der persische Eroberer Cyrus ihnen erlaubte, nach Jerusalem zurückzukehren, wollten nur wenige das reiche Babylonien verlassen, obgleich diejenigen, die blieben, weiter über chr Unglück jammerten. Biele der zionistischen Führer haben Palästina nur als Reisenoe gesehen; der Zionismus ist für sie nur ein Steckenpferd. Die Bewegung wird vom Zionistischen Kon-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.