Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 1 (6.1.1928)
- Date
- 1928-01-06
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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fischen Staaten, ja die Entwicklung in den letzten 9 Jahren >H«tza«pt." Schließlich heißt cs in dem Artikel sogar: folgt aus dem Gesagten für das jüdische Volk, für ein« jüdisch« Bolkspolitik und speziell für eine jüdische Landespotitik, im allgemeinen und in den gemischtsprachigen Staaten inshefondere? In dieser Frage birgt sich vielfach bewußt oder unbewußt der Kern so mancher Streirigkeiten und die Quelle so mancher Ber- Wonenhett, nicht nur innerhalb der zionistischen Bewegung, sondern <«ch innerhalb des gesamten jüdischen Volkes. Wir haben noch viel zu »venig gebrochen mit den veralteten Begriffen in nationaler, religiöser und sozialer Hinsicht, die wir als Reste der Assimilation von anderen Völkern übernommen haben und die unorganisch von vielen mit dem Zionismus verbunden werden, trotzdem sie mit den nationalen und ökonomischen Lebensbedingungen des jüdischen Bottes vielfach im Widerspruch, wenn nicht gar im Gegensätze flehe». Unsere Palästinaarbeit und unsere Tätigkeit in der Diaspora müssen auf gewissen übereinstimmenden Richtlinien und Prinzipien basieren, sie dürfen aber auch nicht in den einzelnen Staaten - trotz vielfach anders gearteter Verhältnisse des jüdischen Volkes - - und der anderen Völker diametral sich gegenüberstehen. Wir können nicht zugleich mit Erfolg für unsere nationale Gleichberechtigung emtreten und da oder dort die nationale Unterdrückung aktiv oder passiv fördern, wir können überhaupt nicht auf die Dauer ohne ein klares modernes Landesprogramm in nationaler, religiöser, politischer und sozialer Hinsicht und ohne darauf basierende politische u«>d soziale Erziehung in irgend einem Lande erfolgreiche Landcs- «rbeit leisten." Das sind nicht vereinzelte Stimmen aus zionistischem Bager, maßgebend sind die Handlungen, aus denen heraus «an den Zionismus der letzten Jahre beurteilen muß. So verderblich wie die Folgen der Politik Kollenschers im Kampfe der deutsch-posener Juden waren, so verderblich wäre die Politik der Zionisten in ihrer Auswirkung bei den Beratungen der Weimarer Perfassung geworden, wenn es nicht emem aufrechten Juden wie Preuß gelungen wäre, die Gefahren der zionistischen Anträge abzuwenden. Damals, im Jahre 1919, hat die Zionistische Vereinigung der Reichsregierung und dem Ausschuß der Nationalversammlung eine Petition überreicht, die von dem Abgeordneten Dr. Oskar Cohn (jetzigem Mitglied der Repräsentanten-Versammlung der Berliner Jüdischen Gemeinde!) vertreten wurde. In ihr wnrde für die deutsche Reichsverfassung die Bestimmung gewünscht: „Den nationalen Minderheiten des Reichs darf ihre freie volkstümliche Entwicklung sowie der Gebrauch ihrer Muttersprache nicht beeinträchtigt werden." Kollenscher und Cohn sind heute der eine Mitglied des Borstandes, der andere Mitglied der Repräsentanten- Bersarnmlung der Berliner Jüdischen Gemeinde! Daran sollte man auch im Centralverem denken und sich überlege«, daß man für die Folge mit dem Standpunkt der Gleichgültigkeit gegenüber den Gemeindewahlen nicht weiterkommt. Der Eentralvfrein muß verhindern, daß die durch Staatsgesetz bestimmten jüdischen Gemeinden zu Tummelplätzen zionistischer Agitatoren und Demagogen tverden, die dort dem deutschen Judentum in einem Jahr größeren Schaden zufügen, als der Centralverein in zehn Jahren wett- «achen kann. Die Neutralität des Centralvereins muß sich, wie das bei den Wahlen zum Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden der Fall war, auf die religiösen Parteien im deutschen Judentum beschränken. Der Centralverein hat weder für Liberale noch für Konservative einseitig Stellung zu nehmen. Wenn er aber glaubt, die Wahlen zu den jüdischen Gemeindekörperschaften gehen ihn nichts an, so treibt « Vogel-Strauß-Politik: Die Frage, ob die jüdischen Gemeinden Deutschlands, vornehmlich die Berlins, Religionsgemeinden oder Volks gemeinden sind, ob ihre Führung und ihr Gepräge zionistisch oder religiös ist, ist für seine Arbeit vou elementarer Bedeutung! Mit dieser Auffassung nicht vereinbar sind die Bestrebungen des Breslauer Rechtsanwalts Ludwig F o e r d e r, Hauptvorstandsmitglied des C.V., dessen Schrift „Centralverein und innerjüdische Fragen" Neutralüät gegenüber Palästina-Ausbau und Keren Hajessod und strengste Neutralüät bei allen jüdischen Wahlen verlangt. Foerder führt zur Begründung dieser Forderung aus: „Wenn bei solchen Gelegenheiten bas Schlagwort von der Unmöglichkeit ertönt, bestehende Gegensätze zu „verkleistern" oder gar verschiedene Weltanschauungen zu vereinen, so muß endlich einmal dazu ein offenes Wort gesagt werden. Gegensätze mögen bestehen und weiter bestehen bleiben. Aber es bedeutet eine ungeheuerliche Uebertrcibung und eine Versündigung am Geiste des Judentums, sie durch solche Schlagworte zu überspitzen und zu Verliesen. Sollte wirklich der Gegensatz von Zionisten und Nichtzionisten größer sein als der zwischen Optimisten und Pessimisten, Idealisten und Materialisten, Sozialisten und Bourgeois, Monarchisten und Republikanern, Orthodoxen und Liberalen? Und doch wohnen alle diese Gegensätze, die wohl eher an die Weltanschauung des Einzelnen rühren, unter dem großen Dach des Centraloereins zusammen, bis jetzt wenigstens! Es ist nicht zu verstehen, warum sich das Weltbild ändern sollte, je nach dem, ob man nun die Juden für eine nationale oder für eine religiöse Gemeinschaft hält, oder die Möglichkeit, die Judenfragc zu lösen, nur für die Länder der Zerstreuung oder nur für Palästina bejaht. Die Wahrheit wird, wie so häufig, auch hier in der Mitte liegen." Daher heißet ihr Name Babel, daß der Herr daselbst verwirret hatte aller Länder Sprache. Eine gründlichere Verkennung des Centralvereins und seiner Lebensnotwendigkeiten scheint mir kaum möglich. Seü jeher hat der Centralverein, und das mit vollem Recht, seine Forderung nach Gleichberechtigung der deutschen Juden abgeleitet aus der deutschen Gesinnung und dem deutschen Wesen seiner Mitglieder. Unter den Staatsbürgern jedes Volkes gibt es „Optimisten und Pessimisten, Idealisten und Materialisten, Sozialisten und Bourgeois, Monarchisten und Republikaner, Orthodoxe und Liberale". Deshalb sind diese Gegensätze für einen Verein von „deutschen Staatsbürgern jüdischen Glaubens" ohne Belang. Der Gegensatz von Zionisten und Nichtzionist enhin gegen ist gleichbedeutend mit dem Gegensatz N a t i o n a l d e u t s ch und N a t i o n a l j ü - disch, er trifft die Grundlage und das Wesen des Centralvereins und des deutschen Judentums. Wird der Centralverein im Foerder'schen Sinne neutral gegenüber dem Zionismus, dann werden hundert Aufklärungsversammlungen nicht den Widerspruch zu lösen vermögen, daß gleiche Rechte für die jüdischen Deutschen verlangt werden, daß ihre nationale Einstellung der der Nichtjuden jedoch nicht gleicht. Nur wenn er tatsächlich, was ich hoffe, oor der nun gegenüber der zionistischen Propaganda angekündigten „gewissenhaften und durchgreifenden Gegenwehr" nicht zurückschreckt, wird er einen sittlichen Anspruch aus gleiches Recht für jüdische und nichtjüdische Deutsche geltend machen können. Erfreulich sind in diesem Zusammenhang auch die Ausführungen, die Wilhelm Michel in der letzten Ausgabe der Zeitschrift „Der Morgen" als Kritik der von Hans Kohn und Weltsch, dem Chefredakteur der Jüdischen Rundschau, herausgegebenen Aufsatzsammlung „Zionistische Politik" veröffentlicht. Michel stellt dem Ausspruch von Moses Heß: „Wäre es waür, daß die Emanzipation der Juden im Exil unvereinbar sei mit der jüdischen Nationalität, so müßte der Jude die erstere der letzteren zum Opfer bringen" die Gegenbehauptung gegenüber: „Ja, es ist wahr, daß die Emanzipation der Juden im Exil unvereinbar ist mit der jüdischen Nationatüät, wie sie von gewissen zionistischen Gruppen verstanden wird. Dieser wesentliche Punkt darf nicht in der Ungewißheit eines zaghaften Konditionalsatzes schwebend bleiben; am allerwenigsten in einem Buche, das mit der Assimilationstendenz so hart umgeht. Wenn die These der jüdischen Nationalisten zu Recht besteht, wenn es wahr ist, daß die Juden über alle Staaten hinweg eine wahre Nation bilden und daß für sie der jüdische Zusammenhang jeder anderen Bindung bei weitem vorangeht, dann ist es eine geradezu banale Selbstverständlichkeit, daß eine wahre Gleichberechtigung für sie nicht mehr gefordert, ja nicht einmal von ihnen selbst beansprucht werden kann. Dann darf kein Jude Diplomat oder Offizier, Minister oder Staatsbeamter überhaupt werden. Dann darf kein Jude Lehrer oder Redakteur, Richter oder Anwalt sein; am allerwenigsten politischer Führer. Dann muß er sich selber (denn dieses „Nicht dürfen" fällt ohne weiteres mit einem inneren „Nicht können" zusammen) von jeder Betätigung ausschließen, die ihrer Natur nach voraussetzt, daß der Mensch zu ihr nicht nur eine negative lederne Korrektheit mitbringe, sondern ein Denken und Fühlen aus dem Nerv des Ganzen heraus. Ich traue der Entschlossenheit und dem Scharfsinn der Nationalisten, wenigstens der Führer, ohne weiteres zu, daß sie diese Konsequenzen selbst zu ziehen wissen. Aber ich halte es für eine Unterlassung, daß sic nicht offen ausgesprochen werden. Diese Konsequenzen besagen, daß die ganze Epoche der Emanzipation ausgestrichen und in die Zeit vor ihrem Beginn zurückgegangen wird." * * * ' III. Bor der Hauptversammlung. Der nächste Monat wird die Hauptversammlung des Centralvereins bringen. Die Besten bet deutschen Judenheit wünschen eine friedliche Gestaltung des jüdischen Lebens. Sie bedauern aufs tiefste die gehässigen Kämpfe der Gegenwart, aber sie verlangen ein unbeirrbares Festhalten an den Grundlagen unserer deutsch-jüdischen Existenz. Geht man aus dem Acker zwischen den beiden Wegen — zwischen dem, der hier gezeichnet wurde und dem, den Herr Foerder beschritten sehen will — hin und her, so kommt man nie ans Ziel. Nicht Vertuschung der Gegensätze, sondernnurunbedingteKlarheitvermag wahren und dauerhaften Frieden zu bringen. Klare Entscheidung ist not! Vor der Hauptversammlung werden oft schöne Reden gehalten, schöne Artikel geschrieben. Soll auch nach der Hauptversammlung ein klarer Kurs gesteuert werden, so muß sie ihn selbst bestimmen. Hoffen wir, daß das in dem Sinne, der hier vertreten wurde, geschieht! Die jüdische Bevölkerung des Großherzogtums Posen in südpreußischer Zeit Von A. Strukat. Unter der südpreußischen Zeit versteht man die dreizehn Jahre von. 1793 bis 180/, in welcher die frühere Provinz Posen bis zum Tilsiter Frieden dem preußischen Staat angehörte. Bei der Besitzergreifung des Landes sielen die Juden j schon auf durch ihre Zahl, ihr Aeußeres und ihre eigentümliche Tracht, und sie zogen die Aufmerksamkeit der Regierung aus sich. Diese empfing sie mit einem gewissen i Mißtrauen, denn sie wußte mit den neuen Staatsbürgern,!bie, ohne einen festen Wohnsitz zu haben, bald hier bald d» -auftauchten,. selten einen festen unabänderlichen Namen führten und nirgends registriert waren, nichts anzusangen. Sie lwvr gewohnt, aus dem Lande Bauern und Tagelöhner, in den Städten Kaufleute und Handwerker zu sehen, die nach s altehrwürdigen geregelten Zunft- und Jnnungsgesetzen ihre Angelegenheiten ordneten. Wohin sollte man nun die Juden rechnen? Die auf dem Lande wohnenden kauften dem Bauern wen Acker ab, nicht um ihn zu bebauen, sondern um ihn! wieder weiter zu verhandeln; die in den Städten wohnenden; formten auf die Frage nach ihrem Gewerbe kein bestimmtes nennen, waren aber bereit, jedes zu treiben und besonders jedes Geschäft zu vermitteln. Der preußische Staat, dem sst auf Ordnung ankam, wollte sich das auf die Dauer nicht gefallen lassen, darum erließ er am 21. Januar 1794 an den Oberpräsidenten Freiherrn von Buggenhagen den Befehl, Untersuchungen über den Stand des „Judenwesens in Südpreußen" anzuftellen, jum auf Grund derselben neue Maßnahmen zu treffen. Die sLandräte, Steuerräte und Kreisdeputierten sollten sich ausführlich darüber äußern, wie die jüdische Bevölkerung vom Ein Tuskulum Von Doris Wittncr. Wir wollen nicht verhehlen, daß wir ein wenig mißtrauisch und von einem schwer zu bannenden Argwohn beseelt waren. Denn fast alle, die uns in dityrambischen Tönen von dem „buen reliro", dem Tuskulum, dem glückhaften Haus der Erfüllungen an der Perip^rie der steinernen Millionenstadt Kunde taten, gehörten, dank einer jafältigen Fügung, nahezu ausschließlich einer gehobenen Gesetlschaftsschicht an, der man gerne und leichtfertig Kastengeist, Snobismus und Neigungen a la mode zu Unterstetten bclieote. Man vernahm staunenden Ohres und ungläubiger Seele, daß sotanes Haus Ersatz böte für die Riviera, Meran, Wintersport in St. Moritz, die Oberitalienischen Seen, Baden-Baden, Kissingen oder ähnliche S.ätten, an denen eine durch Lust zu Leid und Leiden gereiste Menschheit sich ansonst zu ergötzen pflegte. Mau begriff allenfalls, daß dieses Hans — „das" Haus, wie Stammgäste und Eiuge>veihtc es mit Augmrnlächelu nannten eine Kreuzung von Sanatorium, Erholungsheim und luxuriöser Gaststätte - vulgo: Hotel darzustelieu schien. Und man süßte wiederum leichtfertig auf den reichlich bemessenen Erfahrungen, die man im Bannkreis in- und ausländischer Sanatorien im Lause buntscheckiger Jahre und Jahrzehnte gc.ammelt hatte. Das eine >oar mehr, das andere weniger soigniert gewesen; das eine hatte ein hygienisches Gesicht von catonischer Strenge gehabt, bas andere eine gesellschaftliche Physiognomie von heiterer E.eganz und liebenswürdiger Nachsicht; das eine war auf diesem, das andere auf jenem System aufgebaut gewesen; das eure war vom Geiste de; Erziehung und Züchtigung, bis zu Zuchthausparagraphen, erfüllt; das andere ließ fünf grade sein und schloß duldsame Augen zu culcn Exccssen und Extravaganzen seiner Gäste. Das eine Haus hatte das Heil der erholungsbedürftigen Menschheit in jener primitiven Ernährungsform gesehen, die der selige Nebukaduezar bevorzugte, n a ch - dem, — er blödsinnig geworden war: nämlich in einer priuzipielkvtt Nahrungsaufnahme von Gras in jeder Gestalt (seltsam: aber die Grasfresser, die diesem Sport mit besonderem Fanatismus huldigten, vertilgten, fern von den seligen Gefilden „ihres" ^Scuiacoriums, mit gleicher Passion Gänseleberpastete, ^rü;>c.n, Hmnmernrajonaise, Kaviar und Rehrücken); das andere Haus wähnte, das Paradigma der Menschheit in einer paradiesischen Kostümlerung oder vielmehr Entkostümierung feiner Gäste und die dadurch bedingte atmosphärische Einwirkung auf seine Patienten zu erblicken. (Und auch diese wundertätige Anstatt wies hohe Frequenzzifsern auf); in dem einen Hause wurde gemästet, in dem anderen gehungert: in dem einen ward jede Stunde wie von Kerkermeistern bewacht und «it Beschäftigungen ausgefüllt, in dem anderen: ließ man den lieben G,tt einen guten Mann sein und den Patienten auf eigene Fa<;on selig oder unselig werden. Allen Häusern gemeinsam aber eignete eine lebhafte und von der Direktion anscheinend liebenswürdig chaperonnierte Neigung zum Flirt, zu einem erotischen Chasfez-Croisez. Und »» alten diesen Häusern waren Meister oder Jünger Aesculaps, tvill sagen, die leitenden Aerztc interessante und interessierte Mittelpunkte von Weltflucht oder Weltbejahung. Um sic, die innerhalb ihres Wirkungskreises scligsprechen und verdammen konnten, rotierten in «übervollem Wirbel Jntriguen, Ränke, Ambitionen, Abenteuer..... Medisance und üble Nachrede standen in .heller B.üte. Und die „Schtvestern", dir in dieser menschlichen Komödie eigentlich nur als stumme Komparsen mitzuwirken hatten, gaben häufig ihre stummen Rollen freiwillig auf, um als Ordonnanzen zwischen freundlichen und feindlichen Parteien eilfertig einherzuhuschen und die allgemeine ,Verwirrung bis zum äußersten Spannungsreiz zu steigen:. So ungefähr, nach mehr oder weniger berühmten Mustern, vielleicht in Einzelheiten abweichend, doch im Kernpunkt den gekennzeichneten Vorbildern ähnelnd,, stellre der Außenseiter sich auch „d a s" Haus der Erholung, das wunderrvirkende Tuskulum an der Peripherie der Millionenstadt vor, dem die kundigen Thebaner uachrühmten, daß es seinesgleichen — nicht gäbe und das in der Tat von keinem Tadel Unzufriedener, Neidischer oder Mistgünstiger getroffen ward. Schier 2 5 Jahre schon stand dieses Haus, dem sich im Lause milder und harter Zeitläufte kriftallartig neue Villen und Baulichkeiten auf dem Siedlungsbereich eines ungeheueren Gartentcrrains angegliedert hatten, bis endlich unser eigenes Leben uns nötigte, das fressende Mißtrauen zu überwinden und persönlich Bekanntschaft mit dieser Schöpfung aus Stein und Stahl, Buchen und Eichen, vor allein aller dem unbeugsamen Willen einer Frau von c i g e n b r v d l e r i s ch e m .Herz und Hirn zu schließen. Und — Wunder über Wunder —! Man kam, sah, und ward besiegt. Nicht von dem Stein und Stahl, nicht: von den Eichen und Buchen: wohl aber von dieser Frau, die Herz und Hirn mit so unbeirrbarer Selbstverständlichkeit am rechten F.ecke trug. Bald rundet sich das Vierteljahrhundert, da eine junge und resolute Frau aus respektablem jüdischen Bürgerhause aus die - - dazumal sicherlich ebenso ablvcichende >vic abwegige - Idee verfiel, vor den Toren der sich immer gewaltiger reckenden und streckenden Metropole, just dort, wo aus dem berüchtigten Boden der märkischen Sandbüchse ein grüner Waldesstreis sich gegen einen fahlen Großstadthorizont in scharfen und verwunderlichen Umrissen abze.chncte, ein anfänglich bescheidenes und anspruchsloses Gebäude für Bresthafte des Leides und der Seele zu errichten. Ein kühnes Unterfangen, wenn mail e-s retrospektiv betrachtet. Wohl prangte di? Billenlolonic Grunelvald schon in dem noch jungen uno zweifellos etwas artifiziellen Reiz ihrer plulvkratischen Gründungen; gleichzeitig aber ratterten an den ersten, schüchtern einen vermielcrlen Frühling verkündenden Sonntagen noch die großen Kremser der Berliner City nach .Hubertus, Huudekehlc, Paulsborn, Onkel Toms .Hütte und ähn.ichen Niederlassungen ländlich sittlichen Charakters mehr. In den Kremsern hockte, eingekeilt in drangvoll fürchterlicher Enge, friedfertig und voller Humor jener echlc Berliner Burger, den seine eingeborene Sehnsucht: „Ins Grüne zu machen", selbst bei 2 -3 Grad über dem Gefrierpunkt ahasverisch in die Nähe des wervenden und wachsendeil Genesungsheimes trieb. Es war noch der olle echte, nicht umzubringende Berliner mit der umfänglichen „Besseren Hälfte", einer stattlichen Schar von Sprößlingen sowie Futterküchen, die geeignet schienen, ganze Völkerstämme mehrere Wochen hindurch zu unterhalten. Und dafür hatte nur „Mutta" im Freien Kasse? zu kochen, sämtliche Abkömmlinge mit Bergen von Kuchen und däfftigen Butterstullen zu versorgen (die Spuren solcher Familienlandpartien waren in Gestalt zahlloser sogenannter „Stullenpapiere" ans 50 Kilometer im Umkreise sichtbar). Es war noch um die glückhafte Zeit einer ruhigen und organischen Entwicklung des Berliner Wasserkopfes. Man ließ sich Zeit, denn man glaubte ihrer ja im Uebersluß und bis zum Ueberschuß zu haben. Auf den wohlgepflegten Fahrdämmen der launisch einander durchkreuzenden Straßenzeilen der Villenkownie Grunewald sah man noch vielfältig nobles Pferdefuhrwerk, in dessen Kissen die Inhaber solcher Wagen mit der überlegenen Tournure des Besitzes lehnten,, umtänzelt und umschwänzelt von Kavalieren hoch zu Roß. Die Atmosphäre war noch nicht so dynamisch geladen wie die nachkriegerische und nachrevolutionäre Aera. Es lag eher ein wohliger Rhythmus in dem Klima dieses exklusiven und durch seine Exklusivität bestechenden Faubourgs. Es türmten sich noch keine Automobilburgen, man konnte noch ungefährdet um eine Straßenecke biegen, ohne die Angst, von einigen l00 Pscrdekrästen zermalmt und in seine Urbe standteile zurückversetzt zu werden. Auf der einen Seite Alt-Berlin mit seinen volkstümlichen Traditionen, seiner autochthone«. Urwüchsigkeit;, aus der anderen Seite neuaufstrebende Geschlechter, die den Ehrgeiz hatten, vor allem ihre eigene Europäisierung zu offenbaren und deren alleinseligmachende Gottheit die moderne Zivilisation hieß, der sie möglichst viel Glanz und Schimmer abzugcwinnen trrchteten. Zwischen diesen beiden Extremen, oder vielleicht, besser gesagt, das eine mit dem anderen versöhnend, verbindend, Brücken schlagend von einem Ufer zum andern, stand die junge resolute Frau mit den stahlblauen Augen und dem rötlich-blonden Haar, in deren zarten uird doch kräftigen Händen alles zu Tat, ja mehr als das, zu W o h l - t a k wurde. Es dünkte Berlin, dem Berlin, aus das cs ankam, insbesondere, eine „unerhörte Begebenheit", daß lange vor der staatlichen, politischen und wirtschaftlichen Gleichberechtigung der Geschlechter eine Frau ganz einfach aus sich heraus ein Institut und eine Institution ins Leben ries, die bisher ohne Vorbild gewesen waren. Das alte populäre Sprichwort: „Ich bin ich und setze mich selbst" fand in besagter jungen Frau, die aus den Sammelnamen Helene Meyer horte, eine ebenso überzeugte wie überzeugende Vertreterin. Allerdings ~~ das darf nicht vergessen und soll nicht verschwiegen werden — stand ihr in ihrem Gatten ein Lebensgefährte zur Seite, der geschäftliche Tüchtigkeit mit geistigem „rächet" und künstlerischen Neigungen in besonderer Eigenart verband. Die junge Schöpfung, deren intellektuelle Urheber — trotz berechtigtem Selbstvertrauen — viel zu bescheiden waren, um laut oder leise von oder für sich zu sprechen, machte nichtsdestoweniger viel von sich reden. Im alten Westen Berlins und in den neuen, zu Charlottenburg gehörigen Bezirken, die der Volksmund alsbald als „Berlin WW" bezeichnet«:, raume Frau Fama von Haus zu Haus die erstaunliche Kunde, daß unter dem gastlichen Dach in der Hagenstraße Kranke, Rekonvaleszenten oder auch Erholungsbedürftige schlechthin Unterkunft, individuelle Verpflegung und schmeichlerisches Behagen ohne irgend welchen lästigen Zwang, ohne die Gebundenheit, ausgesprochener Heilanstalten fänden. Das Haus unterstand keiner ärztlichen Obrigkeit als höchster Instanz; jedoch ordinierten zwei Aerztc von Rang und Ruf tagaus, tagein in dem grün umhegten Gebäude. Sie gaben ihre Private Praxis darob nicht auf. Ebenso lvar es den Gästen des Hauses gestattet, sich entweder gar nicht oder von ihren eigenen, langjährigen Hausärzten behandeln zu lassen. Und seltsam: die energischen Hände der resoluten jungen Frau griffen mitten hinein in das überschäumende Material, das man „Leben" benamst, und formten sich daraus ein künstlerisches Bildwerk von eigenen Gnaden. Wer seine Neugierde gar nicht zu zügeln vermochte, der pilgertc wohl selbst ein Mal hinaus, um sich von dem wunderwirkenden Gebilde zu überzeugen. Und siehe: sein Blick getvahrte alsdann behagliche Räume, ausgedehnte, mit Blumen gezierte Gänge, anheimelnde Gefells chasts Hallen nnd, wenn er über das Innere des Hauses hinaus«