Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 1 (6.1.1928)
- Date
- 1928-01-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Wege und Abwege Von Dr. Siegfried Braun, Köln Einer unserer gescheitesten und im Kampfe maßvollsten Führer hat jüngst das Wort gesprochen, wir litten gegenwärtig an einer Verjudung des Judentums. Es will das besagen, daß wir uns in raschem Tempo einer Situation nähern, die wir vor mehr als hundert Jahren überwunden haben, und die mü dem Ausdruck „geistiges Ghetto" hinreichend gekennzeichnet ist. Ohne Zweifel trifft diese Auffassung im großen und ganzen das Richtige. Und wer meint, die Rückkehr in konfessionelle Abgeschlossenheit sei nicht wünschenswert, sei geradezu verhängnisvoll, der ist verpflichtet, rechtzeitig auf die Gefahr hinzuweisen und Tendenzen zu bekämpfen, die von der Ueberspannung eines an sich gesunden Prinzips Kunde geben. Wir haben die Zeiten miterlebt, die im Hinblick auf die Pflege jüdischen Erbgutes trostlos gewesen sind. Es war um die Wende des Jahrhunderts, da sich die allgemein herrschende, z. T. durch pie Popularisierung naturwissenschaftlicher Darstellungen geförderte Neigung zum Nihilismus in religiösen Dingen und das der deutschen Judenheit eigene Streben nach Assimilierung der Werte ihrer Umwelt begegneten. Sie schufen in der vom Antisemitismus nicht mehr allzu stark zusammengepreßten Atmosphäre den Typus des jüdischen Menschen, dessen feinste und vollkommenste Prägung etwa von einem Manne wie Walther Rathenau repräsentiert wird. So wunderbar harmonisch auch die äußere und innere Gesormtheit dieses Menschen sich gab, eines fehlte ihr, was Rathenau uns Juden hätte zum Ideal werden lassen können, das war die Bewußtmachung der jüdischen Komponente seines Wesens. Sie blieb in der Tiefe seiner Seele unentwickelt haften und wirkte von dort her wie alles Verdrängte zu Zeiten in das Vorstellungs- und Triebleben stark hinein. Ihre Unterdrückung störte das seelische Gleichgewicht empfindlich, das Persönlichkeiten wie etwa Paul Nathan und Eugen Fuchs eignete, und das sie zum Vorbild der deutschen Juden werden ließ. Auch wer mit aller Vorsicht die Kräfte gegeneinander abwägt, die das Schwinden des jüdischen Elementes im Bewußtsein der letzten Generation gefördert haben, wird zugeben, daß das allmähliche Nachlassen des Druckes von außen her eine erhebliche Rolle dabei gespielt hat. Es darf in diesem Zusammenhang auf die stärkste Gegenbewegung innerhalb der Judenheit jener Zeiten hingewiesen werden, auf den Zionismus. Wenngleich gewisse Ansätze schon vor Herzls Auftreten vorhanden waren, so hat doch erst das Erlebnis des Antisemitismus mit Urgewalt das völlig verschüttete jüdische Bewußtsein dieses ganz westeuropäisch orientierten Mannes freigelegt und damit das Starkwerden der zionistischen Idee ermöglicht. Sie ward von Herzl mit leidenschaftlicher Wucht hineingeworfen in die jüdischen Massen, die sie kaum ausgenommen hätten, wäre nicht die Last antisemitischer Bedrängnis schmerzlich empfunden worden. Es ist beeichnend. daß in den Ländern relativ minderen Druckes er jüdisch-nationale Gckanke die Massen nicht zu durchdringen vermochte; auch in Deutschland nicht. Und wenn es zu Zeiten schien, als ob sich deutsch-jüdisches Leben ausschließlich unter der Parole „Hie Ziomsmus, hie Antizionismus" vollzöge, so schien es eben nur so, well die jungjüdischen Intellektuellen, die sich vom „Disferenzaffekt" (Arnold Zweigs christlicher Kreise zurückgestoßen sahen, ihr Temperament von jeder Fessel lösten und das Dogma von der Idee des alleinseligmachenden Nationaljudentums mü Vehemenz ausriefen. Der Zionismus ist keineswegs einem wertbesetzten Unterbau entwachsen; es ging seinem Entstehen nicht etwa die Besinnung auf Schätze voraus, die ihm Hebens- und pflegenswert dünkten. Das bezeugt ohne weiteres das Fehlen des Gerichtetseins zum Religiösen hin, ohne daß schlechterdings keine von innen her kommende Bewegung im Judentum denkbar ist. Diese Feststellungen berühren, das sei deutlich gesagt, nicht im geringsten die Frage nach der Fülle der Werte, die der Zionismus hat müschaffen helfen; sie weisen lediglich den Zusammenhang auf, der zwischen innerer Wandlung und äußerer Beeinflussung besteht. Auch die Verhaltensweise der deutschen Judenheü von eute zeigt, soweü ein consensus omnium des Durchschnitts eststellbar ist, deutlich die Abhängigkeit von draußen, die Tendenz, sich die Form des Seins von der Umwelt vorschreiben zu lassen. Das, was man vielfach als Renaissance des Judentums bezeichnet, die Hinwendung zu rein jüdischen Belangen, die Beschäftigung mü jüdischer Wissenschaft, die Pflege jüdischer Kunst und Literatur, mü einem Wort das Darleben jüdischer Kultur, es wird sich erst als Wiedergeburt erweisen, wenn es Bestand hat auch dann, wenn niemand mehr genötigt ist, den Bereich seiner Lebensfülle und -weite abzugrenzen und einzuengen. Eins aber muß, so schmerzlich es auch manchem klingen mag, schon heute ausgesprochen werden: merkbare Impulse zu einer religiösen Erneuerung vermochte unser Zeitalter auch denen nicht zu geben, die sich aus Gründen des Ressentiments abkehrten vom Strom allgemeinen Kulturlebens, und die nunmehr ihre ganze Kraft ausschließlich der Pflege jüdischer Angelegenheiten widmen. So sehr wir diesen Sachverhalt auch bedauern, einer Täuschung wollen und dürfen wir uns nicht hingeben, weil sie den Blick trübt und den Einsatz der Kraft an der rechten Stelle verhindert. Ist also die innere Bedeutung der „Renaissance" vorläufig auch noch nicht erwieftn, so darf doch keine pessimistische Stimmung sie von vorne herein als nicht vorhanden ansehen. Es kann sich Dauerndes und Gutes ergeben, und deshalb lautet das Gebot der Stunde: „Nützet die Zeit!". „Hegt und pflegt alles, um dessen Wachsen und Starkwerden sich so viele unserer Besten bemühen!" „Helfe jeder an seinem Ort nach Kräften mit, wenn es gilt. Jüdisches wieder lebendig werden zu lassen." Aber die Stunde gebietet mü demselben Ernst und mü gleichem Nachdruck noch ein anderes. Wir sind im Begriff, die Seite unseres Daseins, die bisher das Jüdische in uns ergänzte, und die im Zusammen klang mit ihm unser Leben er st reizvoll gestaltete, verkümmernzulassen. In erdrückender Häufung treten Aufforderungen zum Besuch jüdischer Vorträge, Kurse und Zusammenkünfte aller Art an uns heran. Das jüdische Schrifttum in Gestalt von Zeitungen, Zeitschriften, Broschüren und Büchern*) vermehrt sich fortgesetzt, und die Lektüre auch nur eines geringen Teils beansprucht einen erheblichen Teil unserer Zeit. Das sich nach vielerlei Richtungen hin immer weiter differenzierende jüdisch-öffentliche Leben läßt Dutzende von Organisationen entstehen, die um Teilnahme an Sitzungen und Tagungen werben. Mit einem Wort: es herrscht allenthalben im jüdischen Lager eine Betriebsamkeit, die kaum überboten werden kann, und die viele unter uns derart gefangen nimmt, daß mit der Möglichkeit, sich der Pflege des außerjüdisch Kulturlichen hinzugeben, auch schließlich die Neigung hierzu schwindet. Ist es doch schon so weit gekommen, daß manchem, der einst durch emsige liebevolle Mitarbeit auf allen Gebieten das geistige Leben Deutschlands bereichern half, die nichtjüdische Seite des Daseins Hecuba geworden ist. Dazu kommt denn noch ein gesellschaftlicher Abschluß, der jeden freundschaftlichen Umgang mü Andersgläubigen abzudrosseln droht und auf diese Weise die Grundlage zerstört, auf der allein der nimmer entbehrliche Ausgleich des Widerstreites statthaben kann. Die Berechtigung des Einwandes, man wünsche keine Bindungen mü uns, man stoße uns zurück, darf von Fall zu Fall zugegeben werden. Darüber hinaus aber herzliche Zuneigung und Aufgeschlossenheü christlicher *) Als ein an sich erfreuliches Zeichen des riesenhaften Anwachsens jüdischer Publikationen darf auch die Herausgabe zweier Lexika angesehen werden. (Eschkol-Verlag, Jüdischer Verlag.) Menschen Juden gegenüber leugnen wollen, ist ungerecht und gefährlich zugleich. Es zeigt sich da eine solch schlimme Wirkung des Ressentiments, daß rascheste Besinnung eintreten muß, wenn nicht Unheil folgen soll. Es wäre geradezu verhängnisvoll, wolllen wir es zur Verkümmerung des Stromes kommen lassen, dessen warme Fluten uns mehr als ein Jahrhundert wohlig umspülten, und in dessen Welken wü fröhlich dahinschwammen neben und mü unfern chrisllicheu Volksgenossen, ungeachtet der Reibungen, die jeder zwischenmenschlichen Beziehung anhaften und die, wer dürfte es leugnen, uns Juden oft besonders schmerzten. Wir dürfen und und wollen uns nicht hinter Mauern zurückziehen, die den Zufluß köstlicher Güter sperren und die alles, was wir der Well zu geben haben, aus unserm Lager herausläßt. Wir deutschen Juden sind vom Schicksal dazu bestimmt, unser Dasein im Bereich zweier Kreise zu erfüllen. Nicht um aus angeblicher Not eine Tugend zu machen, wollen wir dieser Zwienatur leben, sondern weil uns die Aufgabe, zu diesem besonderen Typus Mensch emporzuwachsen, innerlich beglückt. Darum wollen wir fernbleiben den Toren eines neuen Ghettos, wollen wir uns hüten vor der drohenden Verjudung des Judentums. Bücherschau Samuel Lewin: Chassidische Legende. Deutsch v«a Arno Nadel. Mit 7 Holzschnitten von Josef Budko. Wie immer man zum Chassidismus als religiöser Richtung stehen mag: es ist begreiflich, daß seine einstigen „Zaddikim", die die Dinge der Welt von einer so packenden Innerlichkeit aus betrachteten, begeisterte, blind vertrauende Verehrer um sich scharten; daß sie mit ihrer bezwingenden Gläubigkeit den Glauben an wunderwirkende Gewalt zu wecken wußten. Samuel Lewins „Chassidische Legende" (von Arno Nadel mit feinstem dichterischen Empfinden übertragen) bannt uns in diese Sphäre einer übermächtigen Bezauberung durch die Selbstgewißheit zuversichtlicher Glaubensstärke. Drei „Zaddikim" aus der „Spätblüte des eigentlichen Zaddiktums", der „Lubliner", der „Kosnitzer",-und der „Kozker“ beschließen, gemeinsam die Erlösung mit der Kraft ihres Gebetes zu erzwingen. Nur schwer hat sich der „Kozker" bereit gefunden, in die Kette der beiden anderen einzutreten. Er ist ihrer Art abgekehrt, sich zu „versteifen". „Die Erlösung muß von selbst kommen, von selbst. Sag deinem Rabbi", so redet er zum Boten des „Lubliner", „ . . . . Er wird unterliegen — — daß er es wisse! . . ." Aber er hat sich daun doch umstimmen lassen. — Er behält recht: Feuer und Wind waren mächtigere Waffen als Gebete allein. — — Eine starke Poesie lebt in dieser Legendenwelt. Sie läßt vergessen, wieviel Elemente irrenden Glaubens in ihr hervortreten, wie wenig sich diese Vermessenheit von Menschen, die sich Gott gegenüber „versteifen", mit der jüdischen Auffassung über die Stellung des Menschen vor Gott vereinen läßt. Fast möchte ein wenig Neid sich einschleichen: wer doch so stark glauben könnte! Gerne geben wir uns gefangen im Bannkreise dieser Geschehnisse, die da plastisch vor uns sich entrollen, der Gestalten, die da lebendig vor uns hintreten. Hören den Sturm heulen, der den Boten des Lubliner hindern will, dessen Briefe zu den Genossen zu bringen. Sehen leibhaftig diesen ungeschlachten, polnischen Bauern burschen, mit Pelz und Sacktuch und großen gefütterten Handschuhen gegen die Kälte geschützt, sich platt in den Schnee werfen, um nicht von dem jagenden Winde hinweggeschleudert zu werden. Erleben die Bewegung unter den polnischen Juden, die an den heiligen Tagen, am Neujahr und am Versöhnungstage, die letzte Inbrunst aus ihrer Seele hinaufbeten zum Himmel um die Erlösung. Und fühlen: Diese Rabbi's, die sich so ganz aus ihrer Irdischkeit loslösen, geradezu in den Himmel steigen können, sie müssen die Kraft besessen haben, Menschen zu fesseln, bis zum Letzten.- Meisterhaft ist Budko durch seine Holzschnitte der Legende gerecht geworden. Sie gliedern sich ganz organisch in das Ganze ein; sie stehen da, wo man sie erwartet, und geben doch noch ein Mehr, als die Phantasie beim Lesen gestalten konnte. Das auch buchtechnisch vortrefflich ausgestattete Büchlein wird vielen unendliche Freude bereiten. Rabbiner Gustav Cohn, Leipzig. zeigen hocherfreut an Die Geburt eines kräftigen Jungen Ohlau, den 2.. 1. 2ö. Ring 1 Georg Jonas u. Frau Frieda est'DiditungmituHDidutU frau Martha Ueirertoff, (hart. 4. frieckvergztraße 28 - Leiefon Anruf Steinplatz 10168 :: Verein für Feuerbestattung in Berlin von 1874, e. V. Kostenlose Feuerbestattung Annahme W 35, Ldtzowstraße 44, Tekphon: Lüttow 960-61 und Charlottenburg, Kantstr. 154 a Ecke Pasanenstraße, Telephon: Steini latz 1835 ♦ ♦ ♦ Jüdischer Kreditverein für Handel und Gewerbe Eingetragene Genossenschalt mit beschränkter Haftpflicht EERLIN C 2 - NEUE PROMENADE 3 Fernsprecher: Norden 10852 Bankkonto: Dresdner Bank Gen«ssenschafls-AbteiIungBehrenstr.35/39 Wir bitten Aufnahmebedingungen einzufordern Besuche 9—11 und 3—4 erbeten ♦ ♦ ♦ Abitur, Obersekunda Vormittags-Abendschule Private Vorbereitungsanstalt. Direktor Danziger Berlin,Alte Jakobstraße 125 Wer inserier#, vergrößert seinen Umsatz f Schriftenreihe d. Vereinigung f. Oh. Judentum E.V. Heft Hr. 1 Die Grundsätze des Jüdischreligiösen Liberalismus Von Rabbiner Dr. Lewkowitz-Berlin Preis 0.50 Mk. Bestellungen beim Verlag der „Jüdisch-liberale Zeitung“ Berlin SW 48, Wilhelmstraße 147 Israelitischer Gottesdienst in Frankfurt/M. Liberaler Ritus: Hauptfynagoge. Freitag, d. 6. 1., abds. 4.30, Lehrvortrag des Herrn Rabb. Dr. Gottschalk. Sonnabend, d. 7. 1., morg. 9, nachm. 4, Sabbat- Ausgang 5.35. Wochengotlesdienst: morg. 7.30, nachm. 4. Synagoge an der Königsteiner Straße. Freitag, d. 6. 1., abds. 6.30, Predigt Rabb. Dr. Seligmann. Sonnabend, d. 7. 1., morg. 9.30, Sabbat-Ausgang 5.35. Wochengotlesdienst: morg. 7.30, abds. 7. Konservativer Ritus: Synagoge am Börneplatz Freitag, b. 6. L, abds. 4.20, Vortrag des Herrn Dr. Ernst Simon. Sonnabend, d. 7. 1., Frühgottesdicnst 7.15, morg. 8.15, nachm. 4, Vortrag des Herrn Rabb. Dr. Hofsmann: Tie Grundlagen des Judentums im Anschluß an Maimonides. Sabbat-Ausgang 5.35. Wochengottesdienst: morg. 7.05, nachmittags 4.15. Synagoge Bockenheim. Freitag, d. 6. 1., abds. 4.15, Vortrag des .Herrn Rabb. Dr. May. Sonnabend, d. 7. 1., morg. 8.45, nachm. 4, Sabbat-Ausgang 5.35. Wochengottcsdienst: morg. 7.15. Israel. Krankenhaus Gagernstr. 36. Freitag, d. 6. 1., abds. 4.20. Sonnabend, d. 7. 1., morg. 8.15, nachm. 4. Halb so teuer wie andere gleichwertige Tafelwasser. Ärztlich empfohlen bei Zucker» Nieren.-Magerv Darm-und Stoffwechsel» Krankheiten AU FALLE FALLE HARTWIG-QUELLE DEUTSCHE MINERALQUELLEN ArG, JÄGERSTR.,6 MERKUR'-4664/4666 Ausserdem vorrätig in allen einschlägigen Geschäften Italien Verkaufsstellen düPech A& Hrtit IBeiUg: Bereinigung für da» liberale Judentum e. B„ Berlin SW. 48. — Verantwortlicher Nevatieur. Luu.-Ing. Bruno Woyda, Berlin NW. 83. — Druck: Hermann Wegner ft So., Berlin-Martendorf,