Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 1 (6.1.1928)
- Date
- 1928-01-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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iftoeUtifdjen Lehr«r in Bayern in treuer Kameradschaft mit den «nbcten Kollegen an den Aufgaben und Zielen der allgemeinen deutschen Lehrerschaft. Das EthoS im deutschen Lehrerverein ist ftrrk genug, um all« zu verbinden. Man müsse im einzelnen Interesse nur immer das Ganz« sehen. ES gilt dem Wiederaufbau des deut-- fchey Vaterlandes. Es dürfe aus das Streben der Lehrerschaft einschließlich der Arbeit in den aus bestimmten Gründen notwendigen Sondervereinen das Wort Wanderers angewendet werden: Es ist ein Werk, das wir treiben, lasset es uns in Einheit treiben! Rabbiner Fein« «-Hamburg, Ehrenvorsitzender des Reichs Verbandes, erinnert an die Männer, die sich um den Verband RsönderS verdient gemacht haben und löst mit seinem Hinweis auf Steinhardt einen Jubelsturm aus. Frau Clementine Krämer-München grüßt im Namen des jüdischen Frauenbundes „unsere Lehrer" und ihr Gatte, Herr Kräm«r, tuft im Namen der Münchener Logen U.O.B.B. der Vchrerschaft zu, nicht an der Unruhe der Zeit zu verzagen, sondern zu glauben an di« eminent schöpferische Kraft dieser unruhigen Zeit. Dankesworte des Vorsitzenden und ein Schlußchor des Jüdischen Gesangvereins: Ps. 150 von Prof. Kirschner-München, schließen den Regrüßungsabend in dem prächtigen Konzertsaal des „Bayerischen Hofes", den zahlreiche angesehene Mitglieder der Münchener Gemeinde, Herren und Damen, durch ihre Anwesenheit den Charakter einer Familienfeier verliehen hatten. 1. öffentliche Hauptversammlung (27. 12.). Der Vorsitzende Stern begrüßt den Vertreter des Kultusministers, Herrn Oberregierungsrat Metzger, der die Angelegenheiten des jüdischen Religionsunterrichts und der jüdischen Lehrer stets wohlwollend gefördert habe, und den Stadtschulrat Reiche, bm Vertreter des Magistrats, dem er bei dieser Gelegenheit den Dank des Reichsverbandes für die Ueberlassung des Berhandlungslaales abstattc. Ferner begrüßt er den Vertreter des befreundeten Allgemeinen deutschen Kantorenverbandes wie auch denjenigen des Centralvereins deutscher Staatsbürgie r. i Darauf nimmt Oberregierungsrat Metzger das Wort zu freundlichen Begrüßungsworten. Die Tagung fällt in gärende Zeit. Stürmischer als je verlangt die Jugendbewegung Berücksichtigung. Das Reichsschulgesetz spiegelt den Kamps um die Weltanschauung wider. Beide Fragen stehen heute zur Verhandlung und sollen erörtert werden auf dem Boden einer bestimmten Religionsgemeinschaft. Was aber ist das Ziel jeder Religionsgemeinschaft? ."»er Geist bewutzter Zusammenarbeit zum Wohle des Ganzen. Dieser Geist wird sich sicher auch in den beginnenden Verhandlungen offenbaren. Stadtschulrat Reiche wünscht in seinem eigenen Namen und dem des Oberstadtschulrats Beyer, der sehr bedauert, «m Erscheinen verhindert zu sein (und der auch ein Telegramm gesandt), den Arbeiten der Tagung besten Erfolg, i Herr Schwarzschild-Frankfurt a. M. überbringt die lebhaftesten Grüße des Verbandes der jüdischen Jugend- Uerein« und Herr Lehrer Rosenthal-St. Gallen die schönsten Brudergrüße des Benjamin unter den Lehrervereinen, des Vereins israelitischer Lehrer und Kantoren in der Schweiz, anknüpfend an das Bibelwort: Ein Fremdling und Beisaß bin ich bei euch. Die meisten Lehrer der Schweiz haben mit den Mitgliedern des Verbandes gemeinsam dieselbe Ausbildungsstätte, die Zeichen Freuden und Leiden, die nämlichen Bestrebungen. Der Vorsitzende weist darauf hin, daß wir in der Stadt Georg Kerschensteiners, unseres Lehrers und Meisters, tagen und schlägt yor, ihm ein Begrüßungstelegramm zu senden. Der Vorschlag wird freudig angenommen. Nunmchr wird an das Thema des Tages: „Die jüdische Schule in ihrer Bedeutung für das jüdische Gebet in Deutschland" herangetreten. Bevor der Vorschende dem ersten Referenten, Oberstud iendirektorDr. Driesen, Frankfurt a. M., das Wort erteilt, schickte er voraus: Das Thema ist ein altes Thema, ein kontroverses Thema, nur unter neuen Gesichtswinkel gestellt. Wenn also die Ansichten und Meinungen auch auseinander gehen dürsten, so wollen wir doch versuchen, sie ruhig und sachliche zu klären. Direktor Dr. Driesen führt in einstündigem Bortrag aus: Seine Darlegungen gründen sich aus Tatsachen. Sie berücksichtigen a) die Rechtslage, b) die Wirtschaftslage, e) die Kulturlage. a) Die Rechtslage gibt die Möglichkeit der Einhaltung und Einrichtung von' Konfessionsschulen. Als Normalschule betrachten wir die Gemeinschaftsschule. Das Eintreten für die jüdische Schule bedeutet nicht eine Stellungnahme gegen die Gemeinschaftsschule. ' b) Tie Zahl der jüdischen Schulen ist in letzter Zeit beängstigend zurückgegangen. Das Problem ist noch nicht ganz durchdacht. Wenn eine jüdische Schule — in den großen Städten — neu errichtet wird, so ist es nicht nur eine Zufallserscheinung. c) Mit dem dritten Punkt kam man nun zum Hauptt-eil, zur Erörterung des soziologischen Charakters. Was ist jüdisches Lebm in Deutschland. Die Juden betragen in Deutschland wie die Juden im Verhältnis zur Gesamtheit — nur 1 Prozent der Bevölkerung. Sie sind also nur eine winzige Minorität. Darin ist die Wurzel aller Unterlegenheit zu suchen. Die Jltden sind eine rÜigiHe Minorität, eine Stammesminorität, eine gesellschaftiich-ivrrtschastliche Minorität. Für die anderen gilt uns gegmüber die Gleichung: Minderheit gleich Minderwertigkeit, und dies seit 1600 Jahren, seit Erhebung des Christentums zur Staatsreligion im römischen Reiche. Diese Gleichung bedroht Las jüdische Leben in der ganzen Welt. Diese Gleichung ist die Gewissensberuhigung für die Verfolgungen. Airücksetzungen, welche die Juden erfahren, für die antipathische Einstellung, die man gegen sie angenommen hat. Sie ist eine Gefahr für die Existenz des Judentums, mindestens eme außerordentliche Erschwerung für den Aufstieg der Juden. Aus dieser Erscheinung erklärt sich der Gegendruck des Judentums gegen die Last von außen. Wir süld aber aufs äußerste gehemmt dadurch, daß wir nicht zu Wort kommen, uns Gehör verschaffen können, während den arideren die Universitäten und ihre Gelehrten zur Verfügung stehen. Wir haben noch nirgends in Deutschland eine theologische Fakultät. Auch die Frankfurter Universität ist kein vollwertiger Aus- Aeich dieses Mangels, da an chr nur ein Lektorat im Nebenamt besteht. Das Judmtum hat einen krankhaften soziologischen Zustand überwinden müssen. Es hatte eine merkwürdige, nicht normale Entwicklung. Es schritt direkt von der Scholastik zur Aufllärung, ohne die Periode der Renaissance durchgemacht zu haben. Die Aufllärung hat alles von der Vernunft erwartet und war blind gegen das geschichtlich Gewordene. Das Judentum hat nun die Renaiflance nachzuhvlen. Hie Wiedergeburt ist der Inhalt urü» die Aufgabe der Gegenwart. Die Uebergangszeiten, die Bruchzeiten, das sind eben die großen Zeiten. In einer solchen leben wir, dessen müssen wir uns bewußt sein. Auch dessen, daß in Wahrheit die Lchrer die Führer der Juden sind. Die jüdisch« Schule des 20. Jahchundetts muß durchglüht sein von der Bedeutung der Gegenwart. Die oben gekennzeichnete Gleichung muß schwinden aus dem Bewußtstiu der andern wie unserer eigenen. Wir glauben als Juden an den Aufstieg der Menschheit, nichts kann uns darin erschüttern. Das Judentum leidet für die Erlösung der Menschhett, die in der Zukunft liegt. Dafür trägt es die Dornenkrone, dafür ist es schon oft ans.Kreuz geschlagen worden. Wir behaupten nicht unsere Ueberwertigrett, wollen aber auf keinen Fall zugeben, minderwertig zu sein. Wir müssen eine Schule haben, die die Heranwachsenden Geschlechter mtt solcher Auffassung, s olchem Geiste erfüllt. Wir brauchen die jüdische Schule. Diese hat aber die Aufgabe, das Wesentliche des Judentums herauszuarbeiten, daß es nicht so weüerg che wie bis jetzt zumeist: daß man den Wald nicht vor Bäumen sehe. Das Judentum muß gelehrt werden als das unmittelbare Verhältnis zwischen den Emzelnen und Gott, als die Religion, welche die Liebe zur Heimat fordert und fördert, als die Religion der Tat. Die Juden haben für die Allgemeinheit Großes geleistet. Wie sicht aber das Judentum in dm Augen anderer aus? Auch das müssen die Schüler erfahren und zugleich lernen, die falschen Anschauungen zu entkräften und zu widerlegen. Um all das zu leisten, muß die nötige Zeü vorhanden sein. Diese aber gewährt uns die jüdische Schule, die Mische Schule mit der besten Methode, besten Lehren, reichhaltigsten Bibliotheken. Die drei Ideale müssen chr leuchten: Heimat, Glauben, Menschheit. Das Tichterwort an die Künstler ist sinngemäß auch an die Lehrer gerichtet: Der Judm Würde ist in eure Hand gegeben. Annahme von Bestellungen auf die Jüdisch-liberale Zeitung bei allen Postämtern Deutschlands IttUMtMMMMMtUtUMlMMMUUMiUUMtMUNtllUlUMUUMtttMMMMMlll! Möge das alte Wort Hillels als ernstester Mahnruf an alle in bezug auf die jüdische Schule in alle Herzen dringen: Wenn ich nicht für mich, wer ist für mich? Wenn ich nur für mich bin, was bin ich? Und wenn nicht jetzt, wann dmn? Lebhafter Beifall folgte diesen, großen Teiles aus dem Moment geborenen Ausführungen, deren starkem Temperament man es nicht anmerkte, daß der Redner unmittelbar aus dem Krankenhause kam, das er infolge eines plötzlich auftretenden, schmerzvollen Coschus hatte aufsuchen müssen. * Der zweite Referent Hauptlehrer Dr. Bamberg e r, Nürnberg, gab zunächst einm historischen Rückblick, der zeigm sollte, welche überragende Bedeutung das Judentum stets der Erziehung und Belchrung der Jugend bägemessen hat. Auch trotz der vielfachen starken ftnanziellen Belastung durch Stmern und allerlei Abgaben hat auch im Mtttelatter die Geistesbildung keine Einschränkung erfahren. Für die rechte Erfassung der Mischna und des Talmuds war allgemeines Wissen notwendig. So standen die Juden immer im Kontatt mtt dem allgemeinen Wissen, der allgemeinm Kultur, und als die Tore des Ghettos geöffnet wurden, waren die Juden fähig, in die neue Kultur ernzutreten. Die Schul« an der Wende des 19. Jahrhunderts wollte das Problem Judentum und Umwelt meistern. Am stärksten wirkte der Ruf: Thora in devech er«, doch wurde die Forderung nicht verwirklicht. Es trat eine Verflachung des jüdischen Menschen ein. In der Neuzett bekämpft man die jüdische Schube, well man glaubt und fürchtet, daß sie ins Ghetto zurückführe. In der letzten Zett ist das Problem schärfer heraus-- oearl^ttet worden. Wtt befinden uns in einer Zeit der Verinnerlichung. Bon der Jugend geht der Ruf aus: Gebt uns mehr Religion! Ein wesentlicher Faktor ist die jüdische Schule. Bietet die christliche schule, auch die „Simultanschule" das, was die jüdischen Kinder nötig haben? Wie in dieser Christentum uitt» Deutschtum gepflegt werden, so ist für unsere Kinder die Pflege von Judentum und Deutschtum notwendig. Die Schulklassen sind nicht nur eine Arbeitsgemeinschaft, sondern auch eine Schicksalsgemeinschaft. Und wie Müller- Claudius im „Morgen" darlegt, ist das „seelische Anderssein" der jüdischen Kinder - nicht durch ihre Schuld — nicht zu leugnen. In der jüdischen Schule wecken sich natürlich auch Ge gensätze zwischen den einzelnen Schulen zeigen, aber diese können leichter überbrückt werden. In ihr kann der Rhyth mus des jüdischen Lebens pulsieren. Der isolierte jüdische Religionsunterricht kann bei weitem nicht das leisten, was zu fordern ist und was die jüdische Schule gewähren kann In chr ist die Möglichkeit gegeben, zu der Quelle zurückzukehren durch intensive Pflege der hebräischen Sprache. Daß die Pflege des deutschen Sprachgutes, die Liebe zu Land und Leuten dabei nicht zu leiden braucht, braucht nicht eingehend dargelegt zu werden. Abweichungen, andere Auffassungen sind nicht ausgeschlossen. So fließt von selbst aus dem jüdischen Ethos eine andere Einstellung zum Begriff des Helden, das ist aber kein Abbruch am Deutschtum. In der jüdischen Schule kann zu gewissen geschichtlichen Vorgängen fteier Stellung genommen werden, Aufsatzthemen sind möglich, die das Berquicktsein, das Nehmen und Geben, das Jneinandergreifen von Juden und Umgebung behandeln und dartun. Das Wort Achad Haams zur Charakterisierung der Lage der Juden in Deutschland und in entsprechenden Verhältnissen: „äußere Freiheit und innere Knechtschaft" muß schwinden. Noch eins, was aber besonders wichtig ist: m der jüdischen Schule kann intensiv und wirku -gsvoll Einfluß gewonnen werden auf die Berufswahl der Jugend. Doch das sei gesagt: bei allem, was für die jüdische Schule spricht, darf doch keine überspannte Erwartung an sie geknüpft werden. Sie ist nur e i n Faktor, wenn auch ein sehr bedeutungsvoller. Man muß versuchen, von der Schule aus das HauA zu erobern. Und das talmudische Wort sagt: Wmn keine Zicklein vorhanden sind, kann man keine Böcke erwarten. Reicher Beifall lohnte diese wohlüberlegten, in ihrer ruhigen Sachlichkeit und müder Formulierung wohltuend be rührenden Ausführungen. Der Vorsitzende rühmte von beiden Referaten, daß sie das Problem in das Ganze ihrer vielseiti gen Verknüpfung gestellt haben. Aus der Diskussion sei an abweichenden Aeußerun gen Hervorgehaben: Meyer-Lünen: Das jüdische Kind hat zunächst keine jüdische Seele. Die nichtMische Schule braucht nicht vergiftend, ja, sie kann im Gegenteil auSgleichend wirken. T urlach er-Heid elberg ist als Badenser aufS ort» schiedenst« für die Gemeinschaftsschule und gegen die jüdische Schule. Stern-Berlin: ES gibt keine 100 prozattije jüdische Seele. Die Seele des jüdischen Kindes ist an fick nicht anders, ist nur so, wie sie ist unter den gegenwärtige» Verhältnissen geworden. 2. öffentkiche Hauptversammlung (28. 12.) Gleich nach Eröffnung der Versammlung nimmt Lchvar Neuhaus-Fritzlar das Wort zu seinem Referat über das Thema: „Die jüdische Jugendbewegung unb die jüdische Lehrerschaft". Aus der jüdischen Jugendbewegung spricht die Sch»- ucht nach dem neuen jüdischen Menschen, und solcher Gleißt pricht auch aus der jüdischen Lehrerschaft. Für die jüdische Jugendbewegung ist die allgemeine Jugendbewegung die Voraussetzung. In dieser wird der Mensch der Zukunft de» rüheren Menschen entgegengestellt, aber nur dunkel geahnt. Man will aus der Großstadt hinaus, ins Freie, rn die Natur. Aus der schöpferischen Natur soll schöpferische Kraft gewonnen werden, um die Kultur neu zu gestalten. Die Kluft, der Gegensatz, der auch sonst schon bestanden, wirb jetzt besonders deullich empfanden, derjenige zwischen Elter» unb Kindern, zwischen Vätern und Söhnen, Müttern n«b Töchtern. Nur das eigme Ich wird als Gesetzgeber anerkannt, gebunden an Verantwortlichkeit. Krttik ist die Voraussetzu»D des Neuen, das schöpferisch Neue. Notwendig ist der schöpferische Mensch. Das Werk vom Hohen Meißner, auf dem diese Ideen verkündet wurden, ist am Leben selber geschettert. Es kam der Krieg. Alle Kraft, alle Impulse flössen in dem Streben z»- sammen, die Not der Gegenwart zu lindern. Nun, da die Nachwchen des Krieges einigermaßen verwunden sind, will ein neues Geschlecht werden. Man wlll an der Nmgestattunß der Welt arbeiten, aber nicht, indem man die Welt übersieht, sondern indem man mtt der Wett rechnet, wie sie ist. Man wlll nicht bei dem „Ja" stchen bleiben, sondem zur Tat schreiten. Jedoch keine Romantik, keine Flucht aus der Wirklichkeit, keine Utopie. Man will m i t dem Strom schwimmen, allerdings auch, wenn es notwendig ist, gegen ihn. Man hat eingesehen: Die Jugend ist eine wichtige Stufe, ab« nicht die einzige und wichtigste, nur eine Durchgangsu»b Uebergangsstufe. Man hat erkannt: Die neum Ideale s«b nur Pfropfreiser am altm Stamm, aus dem die Kraft kommt. Tie Zett der Gärung ist nicht umsonst gewesen. Tie jüdische Jugend: fühlt auch sie die Kraft der Kultur? — Sie ist in einer besonderen Situation. Die allgemeine Jugendbewegung stammt zumeist aus der Großstadt. Bei der jüdischm Großstadtbewegung besteht der Gegensatz zur Großstadt nicht in gleichem Maße. Sie übersieht nichst die Vorteile derselben. An dem reichen Geistesleben der Großstadt wird der eigme Geist genährt. Doch Witt» die Wachsamkeit gegenüber der Schule der Großstadt nicht vernachlässigt. Die jüdische wollte gern gemeinsam marschierm mtt der allgemeinen auf dem Boden der Berantwortlichkett, innerer Wahrhaftigkett und Frechett. Doch wie lautet die Antwort auf die Frage: Wächter, was ist verflossen von der Nacht? Enttäuschung! Die Mauern des Vorurteils falle» nicht, sondern wachsen durch die Völkischen. Die jüdische Jugend strömt darum aus den allgemeinm Bünden zurück in die jüdischen Vereinigungen. Doch sie ist bewahrt vor dem reinm Radikalismus. Es ist in ihr deullich die Hinneigung zum Positiven in der Geisteswelt; sie sucht de» Weg zum Irrationalen. Der Wille zum Judmtum ist erstarkt — hier in niederem, dort in höherem Grade. Die Äter« Generation, im Banne der jüdischen Emanzipation stehend, vom Gedanken des Liberalismus ausgehmd, erstrebte A»- näherung, Angleichung, Aufgchm in der nichtjüdischm Umgebung. Jetzt erfolgt eine Umgruppierung der Kräfte: die Jugend wick der Träger des erhaltmidm Prinzips. Doch ist alles Werdm, Fließen, Hinaufschretten. Nicht das Sei» ist das bcherrschende Kriterium, sonoern das Werdm (wie beD dm Prophetm); es fällt uns nicht als Gnadengeschenk anheim, sondern durch eigme Arbeit. Das Ziel bleibt in ewig« Ferne. — Tie Wett sieht das Judentum anders; sie sicht es erstarrt. Das Judentum aber ist keine Mumie, die beim Hinzutrttt frischer Lust in Staub zerfällt; das Judmtum stcht dauerrck und lebendig in Kampf und Sturm. Die jüdische Jugendbewegung hat uns auf eine Stufe höheren Denkens gestellt. Tie neue Generation fühlt mtt aller Macht, daß sie im Judentum dm festen Anker ihre« Kraft hat. Wie ist und soll nun das Verhältnis des jüdischm Lehrers zur jüdischm Jugendbewegung sein? — Eine Zeillana hatte die Jugendbewegung die Anteilnahme des Lehrers als Lchrer attgelehnt. Sie wollte nur Führer haben. Ihre Anschauu»-, hat sich gewandelt. Und der Lchrer darf und soll Füh er u«d Lehrer sein; er muß verstehen, es zu sein. Die jüdische Lehrerschaft als Ganzes hat es mtt dem Ganzen der Jugendbewegung zu tun. Der Lehrer hat nicht dem Einzllne», sondern dem Lebm des Judentums zu dienm. Dieses wird nach Mattin Buber von drei Idem getragen, von der Idee der Einhett, der Tat und der Zukunft. Die Einheit des ganzen Menschengeschlechts ist der leitende Gedanke der Bidet. Die Verwurzelung mit diesen Gedanken birgt die Gefahr der Beeinträchtigung des Spezifisch-Jüdischen in sich, andererseits finden wir nur im Judentum das allgemein Menschliche am deutlichsten und vollkommensten ausgedrückt. Das wachgerufene Bewußtsein unserer Jugend muß den Weg zu unserm Schrifttum finden. Aus dem Wissen muß die erlösmde Tat kommen, die Erneuerung des Judentums. Aber es heißt hinauszutrttm über die Zone der Idem, es gilt der Erhaltung der Judm heit, Erhaltung der physischen Existenz. Wohl ist das Blätterdach über dem Baum der Juomheü noch belaubt, aber am Grunde seiner Wurzeln nagen Bersallserscheinungen aller Art, mitbewirkt durch die Zusammenballung der jüdischm Masse in der Großstadt. Das deutsche Volk hat einm gesunden Ausgleich zwischen Stadt und Land, nicht so die jüdische Gemeinschaft. Von den Juden wohnen zwei Dritte! in der Großstadt, vielleicht nur nur ein Viertel in der Kleinstadt und auf dem flachen Lande. Daher erschallt mit Rechr der Ruf: Zurück zur Schotte! Alles was geschieht und geschehen muß, darf nicht Sache des ungehemmten Individualismus, sondem der Gesamtheü sein. Von der Gesamtheit muß das Werk getragen werden. Unb diese muß — in der Umkehrung des bekannten Wortes —■ die Zukunft im Auge behalten, au der Zukunft bauen, denn nur wer die Zukunft hat, hat die Jugend. Nachdem die Versammlung ihren Dank und chre Zustimmung zu der in formvollendeter Diktion dargelegten Ge-