Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 1 (6.1.1928)
- Date
- 1928-01-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Jahrgang Tagungen Tagung des Südwestdeutschen Rabbinerverbandes In Mannheim trat am 27. 12. v. I. der im letzten Jahre als Teil des Allgemeinen Rabbinerverbandes gegründete „Südwestdeutsche Rabbinerverband" zu seiner 2. Jahresversammlung zusammen. Nach kurzen Erdsfnungsworten des Vorsitzenden Selig mann, Frankfurt, folgten warme Begrüßungsansprachen durch den Vertreter des Badischen Oberrats, Rechtsanwalt Pfälzer, Weinheim., sowie durch Herrn Dr. Moses, im Namen des Synagogenrates und der Gemeindevertretung Mannheim, auf welche der Vorsitzende mit dem Danke für die herzliche Aufnahme erwiderte. In allen Reden klang vor allem der Gedanke der Einheit und der Wille zur Geschlossenheit innerhalb des deutschen Judentums wieder. Das erste Referat, gehalten von Grünewald, Mannheim, behandelte das Thema „Religion und Recht in den Keilschriften". Der Referent ging von dem Unterschied zwischen offenbartem und gesetzten Recht aus. Im ersten Teil untersuchte er das Rechtsleben vor allem in Babylonien nach seinen Berührungen mit religiösen Institutionen und Vorstellungen. U. a. wurde geprüft, inwieweit die Rechtsprechung an den Tempel gebunden, welche religiösen Anschauungen — sei es formal, sei es inhaltlich - bei der Vertragsschließung und in ihren Formeln nach wirken. In diesen' Zusammenhänge wL'.be r>r .eligiösr Machterweiterung des Königtums durch Hammurabbi besprochen und das Verhältnis der Einleitung und des Schlusses der Coden zum Codex selbst einer Kritik unterzogen. Im zweiten Teil seines Vortrags zog der Referent einen Vergleich biblischer Gesetze zu den Parallelen im Rechte der Altassyrer, Chetitec und Babylonier. Abgesehen von den inhaltlichen Abweichungen glaubte er die Eigenart des biblischen (religiösen) Rechts u. a. in zwei Merkmalen sehen zu müssen: das religiöse Recht will nicht nur diktieren, sondern überzeugen. Es allein gibt also zu Rechtssätzen Begründungen, die z. T. einen rechtspsychologischen, z. T. pädagogischen Charakter haben. Ferner gehört es zum Wesen des religiösen Rechts, daß es den sogenannten moralischen Geboten in der Art ihrer Stilisierung den Charakter und die Geltung von Rechtsgeboten verleiht. Das religiöse Recht ist demnach das einzige, in dem der Konflikt zwischen den beiden Geltungen Recht und Moral prinzipiell gelöst ist. Sodann referierte Lazarus, Wiesbaden, über „Die Ergebnisse der psycho-analytischen Forschung und ihre Verwendung für unsere praktische S e e l s o r g e". Er sprach in der Einleitung über den Begriff der Seelsorge im Judentum, berührte dann die Wandlung des medizinischen Bewußtseins der Zeit, in der der Arzt — gestern noch ein materialistisch gesonnener reiner Wissenschaftler — zum Seelenfreund, zum Seelsorger wird. Zu den meistgenannten Erscheinungen, die diesen Gedanken rechtfertigen, gehört die Lehre Freuds und seiner Schüler. Referent hebt aus dem Gedankengebäude Freuds, dessen Lehren er im allgemeinen als bekannt voraussetzt, nur die Grundzüge heraus, so wie sie für die praktische Seelsorge in Frage kommen, nämlich die Anerkennung des unbewußten Seelenlebens, die Verdrängungstheorie und die Sexualtheorie. Im Anschluß daran werden die Lehren von Alfred Adler und Jung gestreift. Referent gelangt hierauf z"ur Behandlung der praktischen Auswirkungen der Psycho-Analyse. Die verschiedenen Gebiete werden gestreift, auf denen die Ergebnisse der psychoanalytischen Forschung in der rabbinischen Praxis verwertet werden können: Erziehung und Unterricht werden behandelt, und es wird hier auch auf die Gefahr hingewiesen, die zuweilen die psycho-analytische Behandlung im Gefolge haben kann' sodann berührt Referent die Spezialsoelsorge: Predigt, religiöse und sittliche Schäden (wie Aberglauben usw.), Ehezerwürfnisse. Selbstmorde, Krankenseelsorge, Gefängnisseelsorge. Gefährd etenfürforge. Uebeall dienen zahlreiche Beispiele aus der seelsorgerischen Praxis zur Erläuterung. Referent kommt zu dem'Ergebnis, daß die reguläre psycho-analytische Praxis, wie O. Pfister in Zürich es verlangt, für den Rabbiner nicht in Frage kommt, fordert aber unter allen Umständen — gerade in einer Zcit, die mannigfache Zersetzungserscheinungen des deutschen Judentums deutlich erkennen läßt und in der überall auch um ein neues Sexualethos gerungen wird (Elgersburger Konferenz 1926!) — ein völliges Vertrautsein des Rabbiners, der bisher allzu weltfremd den Nöten der Gegenwart, vor allem der Sexualnot, gegenüberstand, mit den Lehren Freuds, Adlers und Jungs, sowie auch gewisse psycho-analytische Handgriffe, wie Beachtung von Fehlleistungen, Träumen usw. Auch auf den Wert von psycho-analytischen Kenntnissen zur Erklärung von religionsgeschichtlichen Tatsachen (jüdisches Speiseritual, DMDMat, Versöhnungstag usw.) wird hingewiesen. Mit einer Uebersicht über die wichtigste Literatur zum Studium der Psycho-Analyse und ihrer praktischen Verwertung schließt das Referat, das zum ersten Male auf einer Rabbinerkonferenz ein von Haß und Gunst umstrittenes Gebiet, wie es die Psycho- Analyse darstellt, behandelt hat. Das dritte Referat hielt May, Frankfurt, über „R e - ligionspädagogische Forderungen der Gegenwar t". Der Referent verweist kurz auf neue religiöse Strömungen unserer Tage, die, von der rein transzendenten Auf fassung der Religion und des Religiösen abgehend, die Beziehungen zum Leben suchen. Was mag die soziale Frage, die das Denken unserer Zeit fast ganz absorbiert, mit beeinflussen? Der Referent glaubt aber, eben in diesen Sozialtheorien eine Gefahr für unsere Jugend zu erkennen, die viel größer ist als die, die von einer kritischen vesp. naturalistischen Strömung ausgeht. Auf christlicher Seite hat man ein deutliches Gefühl dafür, es ist so stark, daß man oft „gegen seinen Willen" immer wieder auf das sogenannte „Alte Testament" und seine Bearbeitung für die Schule hinge drängt wird. Um so intensiver müßte auf jüdischer Seite die Arbeit geleistet werden. Noch fehlt uns eine für die Heranwachsenden Schüler und Schülerinnen brauchbare Darstellung der großen Prophetengestalten im Rahmen einer Geschichte des biblischen Zeitalters, wie sie dem Denken und Fühlen der heutigen Jugend konform ist. Stets las jede Zeit „ihre" Thora, die Thora, die Gott uns „heute" gebietet. Warum nicht auch wir? Mir Wärme, ja Enthusiasmus muß geschildert und Belegstellen, Kapitel chronologisch geordnet, müssen ausgewählt, formvollendet übersetzt und den Darstellungen angefügt werden. Wer behauptet, man könne mit der Jugend der Schule die Propheten so lesen, wie sie dastehen, kennt weder die Jugend, noch die Schule. Erreicht werden soll, daß die Jugend das Leben, und das ist die Geschichte, als von Gott geleitet anerkennt und ihm gegenüber sich sittlich verantwortlich fühlt. Das fehlende Werk zu schaffen, ist Aufgabe des Rabbinerverbandes; ob dies allein, ob noch andere, die etwa wie Koheleth, Hiob und die Psalmen die Problematik des Lebens behandeln, ob auch solche, die in den Geist der Mischnah und des Talmud wirklich einführen, und ähnliche Fragen haben wir zu erörtern und eine pädagogische Kommission dafür einzusetzen. Diese aber muß viel und schnell arbeiten! An die eindrucksvollen Reden schließt sich eine lebhafte und eingehende Aussprache, in der allgemein neben dem Danke an die Referenten der Wunsch zum Ausdruck gebracht wird, die Referate durch Druck einer größeren Oeffentlichkeit zugänglich zu machen. Nachdem noch die vorgelegten Statuten mit einer kleinen Aenderung genehmigt werden, wird P i n k u s, Heidelberg, zum Vorsitzenden, S e l i g m a n n, Frankfurt, zum Stellvertreter gewählt. Das '-chriftführeramt verbleibt bei Friedmann, Frankfurt. Die nächste Versammlung soll voraussichtlich in Mainz stattsinden. Nach Schluß der Sitzung folgt noch ein langes gemütliches Beisammensein. Vom 9. Verbandslage der jüdischen Lehrervereine in München Von Lehrer M. Abraham, Berlin. Zum ersten Male seit seinem 31jährigen Bestehen hat der Reichsverband, der bisher den Namen Verband der jüdischen Lehrervereine im Deutschen Reiche geführt hat, seine Tagung in Süddeutschland abgehalten. Es darf gesagt werden, daß diese Tagung sich nach äußerem Verlauf und innerem Gehalt der besten ihrer Vorgängerinnen an die Seite stellen darf. Der Begrüßungsa-end. Es war geplant und kundgegeben worden, diesmal den Begrüßungsabend anders als fönst zu gestalten, und zwar nach kurzen Begrüßungsworten durch einen Vortrag über das eine der beiden Hauptthemen sogleich zur Sache zu schreiten. Lokalkomitee und Verbandsleitung hatten jedoch die Rechnung ohne den Wirt — aber auch ohne die Gäste — gemacht. Tenn die gastgebenden Organisationen: der Verband bayerischer israelitischer Gemeinden, die Israelitische Kultusgemeinde in München und der Israelitische Lehrerverein für Bayern wollten uns nicht mit ein paar Sätzen abspeisen, sondern gaben chrer ersichtlich aufrichtigen und herzlichen Freude, die Vertreter der Lehrerschaft von ganz Deutschland bei sich zu sehen, eingehenden Ausdruck. Und in gleichem Sinne und in gleicher Art entboten noch manche andere Organisationen durch chre Repräsentanten ihr Willkommen und ihre Sympathie, so daß für den Bortrag kein Raum mehr blieb und sogar einige Ansprachen noch auf den nächsten Tag verlegt JHOfcti.mufiien. Eingclciiet wurde der Abend durch die Wiedergabe des letzten Teiles des 90 Psalms (Unsere Tage recht zählen ...) in der Bearbeitung von LelvandoivSki durch den Jüdischen Gesangverein von München unter seincnr- Dirigenten Ziegler. Den Reigen der Redner eröffnete Oberlehrer Dingfelder- M ü n ch e n, der hervorragend bewährte Führer der jüdischen Lehrerschaft in Bayern, der treue Freund und Wegbereiter des ReichsverbanoeS in seinem heimatlichen Landesverein. Drei Gaben seien jedem Amvescnden auf den Platz gelegt, eine jede von symbolischer Bedeutung: die der Tagung gewidmete reichhaltige Sondernummer der Bayerischen Israelitischen Gcmcindezeitung, die 1. Nummer der neuesten-Zeitschrift für die jüdische Jugend: Das Zelt und daS Chanukah- Jn der Sondernummer zeige insbesondere der Artikel (Verband und^memdebeamte) von Rechtsan^lt Oberlandesgerichtsrat Dr. Verhältnisse der jüdischen Kultusbeamten geordnet seWr^HWWNWDUM 7 Jahre seiner Wirksamkeit konnten mit den 7 fruchtbaren JahM^UA> verglichen werden, von denen der am letzten Sabbat verlesene Thoraabschnitt spricht. Es darf erwartet werden, daß ihnen keine 7 mageren Jahre folgen iverden, da ihnen 7 mal 7 Jahre der ärgsten Dürre vorangegangen sind, vielmehr dürfe man die Hoffnung hegen, daß das Saatgut des Rechts, wie es Neumeyer in seinem Verwaltungsbezirk ausgestreut habe, exportiert und fruchtbringend hinausgetragen werden werde weit über seine Grenzen. Das „Zelt" möge sich als ein wahres Ohel moer, ein Zelt der Sa...,»llu:g erweisen. Außer den 4 Baumeistern mußten wie bei oem Stiftszelt der Mustre all und jeder freiwillige Gaben spenden, um das Zelt schön und wohnlich zu machen zum Heile der Jugend. Die 3. Gabe sei den Müttern in Israel gewidmet. Möge das darin Erzählte kein Traum bleiben, sondern zur schönen Wirklichkeit werden. Eine Wiedergeburt jüdisch-religiösen Wissens und Empfindens müsse erstrebt werden und erfolgen, daß es stark und lebendig sei wie „in jenen Tagen", bajjomim hoh.er. Möge die Lehrerschaft Deutschlands aus München außer diesen Gaben und außer andern erfreulichen Eindrücken des Ortes und der Tagung die Ueberzeugung mitnehmen, daß, wie der Redner in der heutigen Stunde die Erfüllung einer 30 jährigen Hoffnung sehe, so die Bayern in allen Fragen des Lehrerstandes allezeit treu zu den im Rcichsverbande vereinten Kollegen stehen. Darauf sprach der Vorsitzende des Reichsverbandes, Mittelschullehrer Stern-Berlin. Diese Tagung hat ihre Bedeutung schon darin, daß sie die erste südlich des Mains nach Ueberwindung der bis dahin entgegenstehenden Hemmungen sei. Sie finde außerdem in dem schönen München statt, dieser Sehnsucht der Norddeutschen, in München, das in seiner Mischung des Materiellen und Romantischen einem jeden etwas gebe. Der Redner dankt im Namen des Reichsverbandes den Organisationen, die ihre Anteilnahme an der Tagung durch Entsendung von Vertretern und ihre werktätige Hilfe bekundet haben. Ec hebt besonders die Anwesenheit des Führers der bayerischen Gesamtlehrerschaft, Oberlehrer Winkler-Augsburg, hervor. Er erblickt in dem Erscheinen dieses Vertreters der Lehrerschaft die Anerkennung dafür, daß der besondere, israelitische Lehrerverein infolge seiner speziellen Ausgaben und Sorgen seine Berechtigung hat und keine Absplitte-! rung von der allgemeinen deutschen Lehrerschaft bedeutet. | Er begrüßt sodann den endlich ersolgten Anschluß Bayerns und s der hessischen Konferenz an den Verband und die Wiederkehr des Vereins in den Rabbinatsbezirken Emden-Oldenburg-Vremen. Jetzt, nachdem die Behandlung der wirtschaftlichen Fragen zum größten Teile in die Landesverbände verlegt sind, könne sich der Lehrerverband noch mehr als bisher den ideellen Fragen zuwenden. Und das sei dringend notwendig. Es handelt sich um Sein oder ( Nichtsein der jüdischen, des jüdischen Lehrerstandes, des deutschen Judentums, welche alle drei auf Gedeih und Verderb miteinander verbunden seien. Daher das eine Hauptthema der Tagung. Der Gesichtskreis des Lehrers dürfe nicht von den Wänden der Schule begrenzt sein. Er müsse auf das Leben ringsum schauen, er müsse die werdende Zukunft beachten und gestalten helfen. Darum das 2. Hauptthema, die Frage der Jugendbewegung. Wir wissen: diese und andere hohe Ziele werden nicht auf Tagungen erreicht, im engen Kreise der Führer, sondern nur durch die treue, unablässige, kraftvolle Mitarbeit jedes Einzelnen. In längerer, von hoher Wertschätzung des Lehrerstandes zeugender Rede legt nun Obcrlandesgerichtsrat Dr. Ncu - meyer an 3 Erlebnissen dar, wie er selbst vor vielen Jahren von! außen, von nichtjüdischer Seite, auf die beschämende Lage der jüdischen Beamten aufmerksam gemacht wurde und daraus den Entschluß! gezogen habe, nach allen Kräften zu bessern. Der Lehrer habe nach Pestalozzi eine hohe, aber schwere Ausgabe: den „ruhigen" I Menschen zu bilden, den in sich ruhigen, ausgeglichenen, den Menschen in seiner Ganzheit. Darum müsse er durch Sicherung seiner j materiellen Lage in den Stand gesetzt werden, sich dieser Aufgabe hingeben zu können. Möge auch der Zusammenschluß der deutschen jüdischen Lehrerschaft als Vorbild wirken für einen zu gründenden, für den so notwendigen Reichsverband der jüdischen Gemeinden. Was er selbst dazu tun könne, um diesen Wunsch in die Tat umzusetzen, soll geschehen. Rabbiner Dr. Ba er wald-München, im Namen des allgemeinen deutschen Rabbinerverbandes und des Rabbinats zu München, begrüßt besonders die Absicht der Lehrerschaft, einen sozialen Ausschuß innerhalb der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden zu bilden, , wie ihn der Rabbinerverband bereits mit gutem Nutzen geschaffen habe. j Oberlehrer Winkler-Augsburg erklärt, daß es ihm ■namunliifct MM ftffflrfyn ufaimÜfuin iiiffihftfimrimnffgftritrn i Itnrfi