Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 52 (30.12.1927)
- Date
- 1927-12-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Menschen sprechen, im Gegenteil, er darf ala im Allgemeinen wohlwollender und bescheidener Mensch angesehen werden. Dabei war er aber von sehr schwachem Willen, und, wie die meisten Willensschwächen Menschen, sehr eigensinnig und sehr darum besorgt, durchaus selbständig zu erscheinen, nicht den Eindruck aufkommen zu lassen, daß er etwa unter dem Einfluß von irgend jemand stehe. Diese Eigenschaft, die noch durch den Einfluß seiner Frau, der Zarin Alexandra Feodo rowna (der früheren hessischen Prinzessin Alice), welche aus ihm durchaus einen starten, richtigen „Selbstherrscher" machen wollte, immer gestärkt wurde, machte ihn zu einem mißtrauischen und argwöhnischen Menschen, der seinen nächsten Mitarbeitern, den Ministern, nie traute, immer sozusagen auf seiner Hut vor ihnen war und auch sie ihrerseits immer zwang, auf allerlei Ueberraschungen von feiner Seite gefaßt zu sein. So sind z. B. Fälle vorgetommen, daß Minister, die bei ihrem üblichen Jmmediatbericht äußerst gnädig empfangen wurden und nichts Böses ahnen konnten, bei der Rückkehr nach Hause Entlassungsukase vorgefundcn haben. Wie stets bei derartigen Menschen, war diese psychische Beran lagung die Ursache, daß der Zar gerade von denjenigen immer beeinflußt wurde, die es richtig verstanden haben, ihren Ein fluß nicht merken zu lassen. Unter den Gedanken, die ihm auf diese Weise von Leuten beigebracht wurden, denen an der russischen Katastrophe und auch an der furchtbaren Tragödie der Zarenfamilie selbst eine sehr große Schuld^ zuzu schreiben ist, war auch der, daß die Revolution hauptsächlich von den Juden gemacht wurde. Daraus ergab sich bei ihm eine unentwegt ablehnende Haltung den Juden gegenüber, ein Widerstand gegen jede Verbesserung ihrer Rechtslage in Rußland. Die im entgegengesetzten Sinne mehrfach geäußerten Ratschläge der Minister, die eine Besserung der Lage für notwendig hielten, fanden gewöhnlich bei ihm kein Gehör. Diese Ansicht, daß es vor allem die Juden finb, die für die Revolution verantwortlich zu machen seien, äußert sich auch in seinen jetzt veröffentlichten Briefen an seine Mutter. Z. B. in einem Brief, der einige Tage nach dem Erlas; des sogenannten Oktober manifestes, d. h. des Manifestes vom 17./30. Oktober 1905, welches die Schaffung einer Verfassung und die Gewährleistung bürgerlicher Rechte versprach. Be kanntlich war die Veröffentlichung dieses Manifestes ein Signal zu einer fürchterlichen Pogrvmwelle in Rußland, es farüien in zahlreichen Städten nicht nur des jüdischen „Ansiedlungsrayons", sondern außerhalb derselben, in der Woche, die auf das Manifest folgte, einige Hunderte Judenpogrome statt, bei denen die Behörden meistens eine sehr zweideutige Rolle spielten, den Juden fast nirgends Schutz gewährten, ost sogar den Pöbel zu Mord und Plünderung aufstachelten. In vieler: Orten konnte man direkt von den Behörden als den Anstiftern der Pogrome sprechen, fast überall aber haben sie sich äußerst passiv verhalten, so daß der Pöbel den Eindruck gewinnen mußte, er dürfe straflos alles mit den Juden machen, es werde ihm nichts geschehen. Diese Pogrome deutet nun der Zar in feinem Briefe als die berechtigte Reaktion des wohlgesinnten Teiles des Volkes, welches von der Revolution nichts wissen will, gegen die Revolution und ihre jüdischen Führer. Der Zar gebraucht übrigens stets nicht das Wort für Juden ,^Jewrei", wie Jude in Rußland heißt, sondern das dem Polnischen entlehnte Wort „Shid", das im Russischen einen verächtlichen Beigeschmack hat und von den russischen Juden stets als Schimpfwort aufgefaßt wird. ,Hn den ersten Tagen nach dem Manifest schreibt Nikolaus am 27. Oktober 1905 an seine Mutter haben die schlechten Elemente ihr Haupt stark erhoben, daraus setzte aber eine heftige Reaktion ein und die ganze Masse der treuen Menschen erhob sich. Es wurde dadurch das verständliche und bei uns übliche Resultat erhalten: das Volk wurde durch die Frechheit und Unverschämtheit der Revolutionäre und Sozialisten empört und da 9/io von ihnen Juden sind, so stürzte sich die ganze Wut auf sie, daraus entstanden die jüdischen Pogrome. Es ist auffallend, mit welcher Einmütigkeit urrd wie zur selben Zeit dies in allen Städten Rußlands und Sibiriens vorgekommen ist. In England schreibt man selbstverständlich, daß diese Unruhen von der Polizei organisiert worden sind, wie immer, - die alte bekannte Fabel! Aber nicht nur dm Juden allein erging es schlecht, auch die russischen Agitatoren, Ingenieure, Rechtsanwälte und sonstige andere scheußliche Menschen erhielten ihr Teil. Die Vorgänge in Tomsk. Sinferopol, Trverj und Odessa haben deutlich gezeigt, wozu eine empörte Menge gelangenkann, denn die Häuser, in denen sich die Revolutionäre eingeschlossen hatten, wurden angezündet und jeder, der herauskam, wurde getötet." Der Zar lehnt also entschiedm jeden Gedanken ab, daß an der Einmütigkeit der Pogrome, welche auf einmal überall stattgeftmden haben, der Polizei eine Schuld beizumessen ist, es kommt ihm gar nicht in den Sinn, daß diese Einmütigkeit durch die Haltung der Regierungsorgane hervorgerufen sein kann! Einige Monate später, am 12. Januar 1906, schreibt der Zar an seine Mutier über den früheren Finanzminister Witte, der in diesem Augenblick Premierminister war. Graf Witte war bei seinen Ministerkollegen wenig beliebt, weil er ihnen immer seine Ueberlegenheit deutlich zu spüren gab. Eben deswegen konnte auch Nikolaus II. Witte nie leiden, er wurde dabei übrigens auch von feiner Frau sehr beeiltslußt, die. schm: bald nach der Thronbesteigung für den Zaren eine Karikatur malte, auf welcher Nikolaus II. als kleines Hündchen an der Leine von Witte geführt wird. Namentlich aber haßte er ihil seit dem 17. Oktober 1905, als Witte ihn dazu veranlaßt hat, das Verfassungsmanifkst zu unterschreiben, diesen, wie er sich in einem Brief an seine Mutter ausdrückt, „furchtbaren Entschluß" zu fassen. In diesem Brief schreibt er an seine Mutter über Witte: „Ich habe niemals ein solches Ehamäleon und einen Menschen gesehen, der so seine Ansichten wechselt wie er. Infolge dieser seiner Charaktereigenschaft glaubt ihm schon fast niemand mehr, er har sich schon in den Augen aller ertrankt, man kann sagen, mit Ausnahme der ausländischen Juden." Unter diesen „ausländischen Juden" versteht der Zar die ausländischen Bankiers, mit denen Witte damals gerade in Verhandlungen über eine sehr bedeutende auswärtige Anleihe stand und bei denen Witte stets hohes Ansehen genoß, da sie ihn für ben befähigsteil Staatsmann Rußlands in dieser Periode hielten. Das war er auch in der Tat, obwohl die gewöhnliche Vorstellung von Witte als einem liberalen Staatsmann gar nicht zutrifft, im landläuflgen Sinne des Wortes war Graf Witte durchaus nicht liberal. In einem Brief vom 2. November 1906 an feine Mutter erwähnt der Zar wieder Witte im Zusammenhang mit Juden. Witte war schon damals nicht mehr Minister, den Posten eines Premiers nahm damals Stolypiu ein, welcher die erste Duma auseinanderjagtc und sich energisch au die gewaltsame Unterdrückung der revolutionären Bewegung machte. Witte, der sich eine Zeitlang im Ausland zur Erholung aufhielt, kehrte nach Petersburg zurück. Und da schreibt der Zar an seine Mutter am 2. November 1906: „Vor einigen Tagen kehrte hierher leider Graf Witte zurück. Es wäre gescheiter und bequemer für ihn, im Anslande zu leben, da hier um ihil herum sofort eine Atmosphäre aller möglichen Gerüchte, Klatsch und Insinuationen entsteht. Tie schlechten Zeitungen beginnen schon zu predigen, daß er zur Regierung zurlickkehreu wird nick) daß nur er allein imstande ist, Rußland zu retten. Offenbar beginnt die Judenclique wieder zu arbeiten, um Unruhe zu säen, welche mit Mühe zu dämpfen mir und Stolypin gelungen ist. Nein, niemals, so lange ich lebe, werde ich diesem Menschen den geringsten Auftrag erteilen." An dieser Verblendung, daß die Juden an der Revolution und allem Unglück in Rußland die Schuld tragen, hielt der unglückliche Zar bis an sein tragisches Lebenselldc fest. ' I. L | Rabbiner Dr. Straßburger Ulm | Ein Nachruf Von Rabbiner Dr. H a l p e r s o h n , Breslau. „Leid ist es mir um Dich, mein Bruder." (I. Buch Samuel, 1,26.) An: Eingangsabend des Ehanukahsestes ist Tr. Ferdinand Straßburger, Rabbiner in Ulm, plötzlich und unerwartet verschieden. Er hatte noch den Jugendgottesdienst in seiner Synagoge gehalten, da kain der unerbittliche Tod und entriß ihn „in der Hälfte seiner Tage" mitten aus einem reichtzksegneten Wirken und Walten den Seinell, den vielen Freunden, die an ihm hinten mit allen Fasern, und rncht zuletzt seinerr Gemeinden, der Hauptgemeinde und den Gemeinden seines Bezirks. Nach dem jähen Heimgange des Wiener Oberrabbiners Professor Chajes und dem ebenso raschen Mieden des Kölner Rabbiners und Seminardirektors Dr. Carlebach ist es binnen wmiger Wochen der dritte geistige Leiter einer deutschen Gemeinde in Israel, an dessen Bahre wir trauernden Herzens stehen. „Drei sinds, die mir entrückt sind", möchte man, ein Wort aus den Äeisheckssprüchell wandelnd, jage» und klagen. Aber „acharon acharon chowiw", der letzte ftanb uns am nächsten - so müssen wir, seine Brüder und Freunde, die mit ihm für die gleichen Ideale und Ziele des religiös-liberalen Judeltlums gekämpft, bekümmert ausrusen. Der Heimgegangene gehörte, seines lebhaften Temperaments ungeachtet, mehr zu den „Stillen im Lande", wie der Psalmist sie nellltt. Er liebte eS nicht, sich in den Vordergrund zu rücken. Wer ihn aber kannte, der wußte ihn zu schätzen: wer ihn kennen lernte, es dauerte nicht lange, und er lernte ihn lieb gewinnen. Denn eine wahrhaft gewinnende Art eignete ihm, der sich kaum jemand entziehen konnte, der in ihreil Bann trat. Sie kam aus den Tiefen seines warm empfindenden Herzens und drang darum auch zu Herzen. So ward er dank dieser Innigkeit seines Gefühls zum Seelsorger seiner Gemeinden in des Wortes lauterem Sinne; und ob er auch wiederholt in Verbänden und auf Versammlungen, im Reiche wie in seinem engeren Heimatlande, zumal iu Stanoes und Organisationsfragen, laut uild vernehmlich unb Achtung und Beachtung findend das Wort ergriff und oft genug das Wort zur Tat verdichtete das Beste seines Woliens und Wirkens gehörte den Beladenen und Bedrängten in seiner Nähe gemäß dem talmudischen Grundsätze, der wohl auch aus die seelisch Dürftigen anwendbar ist, daß die Armen des Ortes den Vorzug verdienen vor den Fernen und Fremden. Einer seltenen Beliebtheit erfreute sich deshalb Ferdinand Straßburger in all dm Gemeinden unß Bezirken, betten er mit seinem ganzen Können diente, in dem badischen Lande sowohl, wo er als Raboinatsverweser in den Jahren seiner Jugend überaus erfolgreich tätig war. wie auch in Hoppstädten-Birkenseld, wo er das Amt des Landrabbiners einige Jahre lang bekleidete, und vor allem in seinem .Heimatlande, in seiner Heimatgememde Buchau, die ihil nach dem Tode seines Lehrers mit der Nachfolge im Bezirksrabbinat betraute, imb schließlich iu seiner zweiten Hkiniatgemeinde Ulm, die in dankbar pietätvollem Erinnern an de,' letzten Vorgänger, seinen gleichfalls jählings an einem Herzschlag verschiedenen Bruder Jesaja, dem nunmehr Dahingegangcnen dqS Amt deS geistigen Leiters übertrug. In dieser Stelle und Stellung entfaltete er ium den ganzen Zauber seiner Gaben, der reicheil Herzensivie der gediegenen Geistesgaben. Ter Schuljugend war er nicht nur ein hervorragender Lehrer mld Erzieher, ein Erbe seines als jüdischen Pädagogen und pädagogischen Schriftstellers rühmlich bekannten Vaters, solidem auch ein väterlicher Freund und Förderer, der über ihre Schuljahre hinaus all ihrem Wohl und ihrem Web hingebungsvollen Anteil nahm, d. h. er gab ihnen in Wirklich keilt, und nicf)t bloß von sich, sondern sich säbst, ähnlich wie es in der Schrift beim Opfer des Armen heißt, daß er seine Seele bringt. Der erwachsmen und schulerwachsenen Jugend war der Verblichene ein für alle rhr SiM6f und Sorgen empfänglicher und aufgeschlossener Führer, der gern nlit den Jllngen jung war und sie gleichwohl in allen Lagen des Lebens fürsorglich betrenre. Der Gemeinde und darüber hinaus den Bewohnern der Stadt und des Bezirkes war er eilt gütiger Mensch, der willig ihnen das Heiligtum seines Inneren eröffnete, llm sie teilhrben zu lassen an den Gütern seines Geistes und Gemütes. So hielt er in den mannigfachen Vereinen und Verbällden seines Wohn- und Wirkungsortes belehreilde und auskläreude Vorträge über Judentum und Judenheck, die bei den Hörern, den jüdischen und nichtjüdischen, Eindruck machten uttd, was mehr ist, nachhaltigen Eindruck hinterließen lind manche falsche Meinung zerstörten und richtiger Auffassung und besserer Erkenntnis die Bahn wiesen. Auch in dieseit Blättern hat er wiederholt als Strecker für unser liberales Judentum seinen Mann ge* standen, treu und fest und furchtlos, und stets seinell Standlpunkt, den er sich durch jahrelaitges Ringelt erkämpft hatte, entschiedm und zielbewußt verfochten. Utld wenn lnir noch ein Wort persönlicher Erinnecullg verstattet ist, das eigentlich an feiner Bahre gesprochen werden Die Freundschaft zweier Dichterinnen Selma Lagerlös und Sophie Elkan. Von S. M eisels. In der Geschichte berühmter Freundschaften werden nur wenige Frenndschastsbülldnisse zwischen Männern und Frauen erwähnt. Vielleicht ist überhaupt Freundschaft (im ureigensten Sinne) zwischen beiden Geschlechtern nur in vereinzelten Fällen möglich. Der Gegensatz in Temperament und Cha rakter bei Mann und Frau, die Verschiedenheit in Tiefe und Stärke ihres innern Gefühlslebens bedeutet für die Entwicklung eines rein geistig ell Bundes ein schwer überwindbares Hemmnis. So selten man aber auch Freundschaften zwischen Mann und Frau begegnen mag, im Buche der Freundschaft findet man dennoch ihrer etwelche verzeichnet. Dagegen meldet kein Buch, keine Sage und keines Dichters Lied von einer Freund ichaft unter Frauen selbst. Frauenfreundschaften sind nahezu so seltm wie Kinderfreundschaften. Moritz Lazarus in seinem .Leben der Seele" weist darauf hin, daß Freundschaft bei Kindern deshalb nicht vorkommt, weil in ihnen der Charakter der Persölllichkeck noch nicht zur Reife gediehen ist oder wenigstms erst in der Reifung begriffen ist. Wahre Freundschaft setzt starke Individualität und gereifte Persönlichkeit voraus. Nun eignet ja auch der Frau der „charakteristische Adel der Persönlichkeit", aber, wie es scheint, nicht in dieser Bollkommmheit, wie sie zur starken, wahren und ausdauernden Freundschaft notwendig ist. Es wirkt daher wie eine reizvolle und herzerhebende Überraschung, in der soeben bei Allrert Langen in München erschienenen, vom Hamburger Professor Walter A. Berendsohn verfaßten Lagerlöf-Biographie von zwei Frauen zu lesen, zwei großen Dichterinnen, die einen Freundschaftsbund fürs Leben schlossen. In einem „Freundschaft" überschriedenen Kapitel schildert Berendsohn das innige Berhältilis, das Selma Lagerlöf mit Sophie Elkan verband. Diese beiden Frauen hatten, nachdem sie einander gefunden, das zarte Band der Freundschaft auf Lebenszeit geknüpft. Es war dies eines jener seltenen „durch Harmonie im Großen und Edlen" gekennzeichneten Freundschaftsverhältnisse, wie sie nur gleichtönende Seelen miteinander schließen können. Selma Lagerlöf und Sophie Elkan dürfm mck gutem Fug in die Schar der edelsten Freunde eingereiht werden, die vereint, verschwistert und unzertrennlich durchs Leben gingen. Diese beiden Freundinnen verband eine echte geistige Wahlverwandtschaft, wodurch eine der anderit eine Stütze, eine Kameradin auf der gleichen Waitderschast, eine Mitstrebende nach dem gleichen Ziele fiirden konnte. Wie es Liebe auf ben erstell Blick, so muß es auch eine Freundschaft gleich bei der ersten Begegnung geben; wenigstens war dies bei Selma Lagerlöf und Sophie Elkan der Fall. Anfang 1894, wenige Jahre nach dem Erscheinen von „Gösta Berling", traf Selma Lagerlöf Sophie Elkan zum ersten Male in Stockholm; und gleich war auch scholl der Freundschastsbund zwischell beiden geschlossen. Kurz nach dieser ersten Begegnung, um Ostern desselben Jahres, besuchte Selma Lagerlös die Freundin in ihrem Heim in Göteborg. Merkwürdig genug war die Sympathieerklärung (um nicht zu sagen Liebeserklärung), die Sophie Elkan der Selma Lagerlöf machte, als sie mit ihr zum erstenmal in Stockholm zusammentraf; sie sagte: „Die Verfasserin des vielgenannten „Gösta Berling" gefällt mir besser als ihr Buch." Man weiß, wie sehr die Dichter hinsichtlich ihrer GeisteSkinder empfindlich find, zumal wenn das Geisteskind ein Erstling und besonders wenn dieser Erstling ein „Gösta Berling" ist. Und doch hat hier das aufrichttg kritische Urteil Sophie Elkans den Keim zur wahren, dauernden Frellndschaft gelegt. Zu der Aeußerung der Elkan bemerkt Berendsohn sehr richtig: „Das war ja eine herbe Krittk; aber Selma Lagerlöf war nicht der Mensch, der einer scharfen Kritik auslvich. Gerade der Freimut dieser Aeußerung führte die beiden Frauen schnell zusammen und sie wurden Freundinnen auf Lebenszeit." Nahezu drei Jahrzehnte —- bis zum Tode Sophie Elkans - wahrte dieser Freundschaftsbund. Während dieser langen Zeck verging kein Jahr, in welchem die beiden Freundinnen nicht zusammengekommen wären; entweder besuchten sie sich wechselseitig oder sie verbrachten gemeinsam die Sommerzeit in irgend einer Sommerfrische am Meevesstrand. Auch die großen Reisen nach Italien und dem Orient, deren Eindrücke die Dichterin in den Werken „Die Wunder des Antichrist" und Jerusalem" geschildert hat, machte Selma Lagerlöf gemeinsam mit ihrer Freundin. Es ist derzeit noch nicht ganz festzustellen, wie groß der seelische Ertrag dieser Dichterinnen- Freundsthast war und welche Geisttsfrncht sie zeitigte. Sicher ist, daß die beiden Freundinnen in ihrem geistigen Streben einander stützten und förderten, daß sie gaben und nahmen, ohne das Bewußtsein des Gebens und des Nehmens. Den großen Gewinn aus dieser Freundschaft hat die Dichterin vielleicht am eindringlichsten in der kurzen handschriftliche» Widmung ausgedrückt, auf die Berendsohn in seinem Buche zum erstenmal hinweist. Diese Widmung für Sophie Elkan lautet: „Der kleinen Hand, die mich ins Wunderland führte, ulld dem großen Herzen, das mich es lieben lehrte." (Die .ÄHl. Bibliothek tu Stockholm besitzt Werke Selma Lagerlöfs mck handschriftlichen 'Widmungen für Sophie Elkan.) Den Dank für alles, was ihr die Freulldin bot, faßte Selma Lagerlöf in der Rede zusammeli, die sie an dem Grabe Sophie Elkans im Jahre 1921 hielt. Es ist eine meisterliche Grabrede, den nekrologischen Meisterstücken der Weltliteratur wie Böriles Gedenkrede auf Jean Paul, Doftv-- lewstis Gedächtnisrede aus Puschkin vergleichbar nur mit dem Unterschiede, daß dort der Schriftsteller dem Schriftsteller, der Dichter dem Dichter Worte des Gedenkens widmete, hier aber die Freundin der Freundin Worte der Liebe nachrief. Aus dieser Rede sei hier nur einiges wiedergegeben. „Wir lasen einmal, Sophie Elkan", so sprach Selma Lagerlöf, „du und ich zusammen von einem Land, wo es Brauch war, daß sich um das Lager eines Sterbenden Verwandte sammelten und Freunde, um mit lauter Stimme zu sprechen von allen seinen guten Taten, von seiner Tapferkeit und Tugend, von den Freuden, die das Leben ihm geboten hatte, um auf diese Weise, soviel sie vermochten, seine letzten Stunden reich zu machen an Glück und Licht. Ich weiß noch, wie sehr dir dies gefiel, und ich für mein Teil, ich dachte, daß, wenn ich es sein würde, die bei dir säße in deiner letzten Stunde, ich daran denken würde. Ich würde mich zu dir neigen und in dein Ohr flüstern von deines Lebens Herrlichkeit. Und wir wären gereist, Sophie Elkan, wir hätten der Erde schönste Gegenden noch einmal gesehen, wir hätten vor den edelsten Werken gestanden, die es in der Kunst gibt, wir hätten uns eingelebt in alte und neue Geschichte. Wir wären den Ml hinabgeglitten, wir wären im Mondschein über den Berg Libanon gefahren. Und wir hätten Bücher geschrieben. Du hättest aus deinen Bibliotheken gesessen und hättest geforscht und dann wärest du zu mir gekommen und hättest mir deine Funde gezeigt. Wir hätten auch friedliche, stille, erholunpsreiche Ruhetage verlebt in unseren Wohnungen oder vielleicht am liebsten am Meeresstrand. Wir hätten aus den großen Werken der Dichtung gelesen und sie genossen, oder wir