Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 52 (30.12.1927)
- Date
- 1927-12-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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MM KberaKZeikU Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. D. •qngtjKefs durch die «eschSfisstelle '/«jährlich rn. 2.50 «azelnummrr 0.20. Bel frei« Zusendung i. Inland 0.25 Für die MitgNeder der Vereinigung ist der Btzug-preis im MUgNedsbettrage enthalten. Werautrvortl. Redakteur: Bruno woyda. Die jüdisch-liberale Zeitungerscheint jeden Freitag. Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin SW 48, Wilhelmstr. 147 Fernruf: Bergmann 3258» 3339 Postscheckkonto' Berlin JIW 7, 1370öS (Bereinigung für das liberale Judentum) Rachdruck sämtlicher Original-Beiträge nur mit vorheriger Genehmigung der Redaktion gestattet. Anzeigenpreise: Die 12gespaltene Aoaparaiüezchie 0.45 Gotdmark, di« Reklamezeile 3.00 Lotdmark. HÄ Wiederholungen Rabatt. Anzeigeuanuahme: .Jüdisch-liberale Zeitung' Jaseratenabteilung: Berlin SW 4L. Mlhelmstrage 147 (Bergmann: 335S-SS), sowie sämtl. Äuuoncen-ExpeoikK». Nr. 52 Berlin. 30. Dezember 1927 7. Jahrgang wann kommt dos Gemeindeaesetz? Sabotage des Iudengesehes Von Rechtsanwalt Dr. Breslauer- Berlin. Die Beratungen über ein Gesetz für die jüdischen Gemeinden Preußens sind für die Kölner Jüdische Gemeinde wegen der beabsichtigten Einführung des Frauenwahlrechtes von besonderer Bedeutung. Wre unsere Leser wissen, konnte der Wunsch der Liberalen, den Frauen als Hütern des religiösen Lebens und Erziehern der Kinder das Wahlrecht zu den Organen der Religionsgemeinde zu gewähren, infolge der veralteten Bestimmungen des Gesetzes von 1847 bisher nicht erfüllt werden. Der nachstehende Aufsatz, der nns aus Kreisen der liberalen Fraktion des Preußischen Landesverbandes zur Verfügung gestellt wird, zeigt, daß bedauerlicherweise die Arbeiten des Preußischen Landesverbandes auf diesem Gebiet nur langsam fortschreiten. Im Frühjahr dieses Jahres ist der Entwurf eines neuen preußischen Judengesetzes vom Verbandstag des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden verabschiedet worden. Noch vor den Sommerferien ist der Rat des Landesverbandes den Beschlüssen der Tagung in allen Punkten beigetreten. Es Aieb lediglich vorbehaltm, vor Einreichung des Entwurfes Hei der Preußischen Staatsregierung mit dem Verband der separatistischen Orthodoxie Fühlung zu nchmen mit Mcksicht »«rauf, daß dieser Verband ebenfalls einen (in oen wesentlichsten Punkten übereinstimmenden) Entwurf gefertigt und gur Einreichung bei der Staatsregierung verabschiedet hat Seither ist die Angelegenheit durch unglückliche Umstände, gum Teil durch bewußte Sabotage, nicht voran gekommen. Die beiden liberalen Mitglieder des engeren Rates, die «rt der Vorbereitung des Gesetzes in erster Reihe befaßt waren, Herr Justizrat Makower und Herr Justizrat Lrlienthal, find leider im Laufe des Sommers ausgeschieden; der eine, weil er sich aus Gründen privater Natur veranlaßt gesehen hat, km Amt niederzulegen, der andere durch sein allerseits benagtes zu frühes Ableben. In den Kreis der Dezernenten des engeren Rates, der eigentlichen Bearbeiter der Verbandsgeschäfte ist hierdurch eine «npfindliche Lücke gerissen worden. Insbesondere gehören «ur noch wenige der verbliebenen Herren der liberalen Richtung an, und diese sind derart mit Arbeit überhäuft, daß Liren die Uebernahme eines so wichtigen und zeitraubenden Dezernats, wie des des Judengesetzes, neben ihrer sonstigen Arbeit unmöglich angesonnen werden kann. Es war daher von vornherein die Notwendigkeit gegeben, ttr die beiden ausgeschiedenen Herren so schnell wie möglich Ersatz zu schaffen. Hierzu standen zwei Wege offen. Entweder der große Rat wählt aus dem Kreise seiner Mitglieder, für die Tauer oder provisorisch, zwei neue Persönlichkeiten «n Stelle der beiden ausgeschiedenen Herren, oder aber die Berliner Gemeinde, als deren Vertreter beide Herren im Nat saßen, wählt unverzüglich zwei neue Persönlichkeiten, hie alsdann der große Rat in den engeren Rat und in die Dezernentenstellen entsenden müßte. Beide Wege sind von her von der jüdischen Bolkspartei, aber auch von gewissen greifen der anderen nichtliberalen Parteien gefühtten Opposition absichtlich verbaut worden. Die Wahl von Ersatzleuten ist bei der Herbfttagung des «roßen Rates entgegen dem Willen der Liberalen unterblie- »en. Die jüdische Gemeinde hat bis heute Ersatzwahlen nicht vorgenommen. Dagegen hat der Vorstand der jüdischen Gemeinde, in dem bekanntlich Volkspartei, Konservative und Mtttelpartei die Mehrheit haben, kürzlich einen Beschluß angenommen, dahingchend, daß auf di« freien Posten nur Per- «ulichketten entsandt Werdens ollen, die dem Vorstand oder her Repräsentanz der Berliner Gemeinde angehören. Die Gründe dieses Beschlusses sind durchsichtig genug. Man weiß, daß mindestens einer der vakanten Posten wieder von einem Liberalen besetzt werden muß. Wollte der Block her Rechten in der Berliner Gemeinde mit Hilfe seiner Mehrheit von nur einer Stimme im Vorstand und in der Repräsentanten-Versammlung beide Liberalen durch Angehörige anderer Parteien ersetzen, so würde eine solche Vergewaltigung allgemein den übelsten Eindruck machen. Man kann auch nicht gut den Liberalen direkt vorschreiben, wen sie präsentieren dürfen und wen nicht. Aber man weiß, daß die Liberalen sich bemüht haben, den bisherigen bewährten Dezernenten Herrn J.-R. Makower zur Wiederüdernahm« des Amtes zu bewegen, und man weiß, daß die Liberalen außerdem eine Persönlichkeit in Bereitschaft haben, die die allerbesten Qualitäten dafür hat, den Landesverband und dessen Beschlüsse zum Judengesetz gegenüber den Behörden und politischen Parteien zu vertreten. Diese geeigneten Persönlichkeiten will man durch einen derartig«! Ae Krise in der Berliner Gemeinde In der vergangenen Woche kam cs rm Vorstand und in der Repräscntantenversammlung der Berliner jüdischen Gemeinde erneut zu heftigen Auseinandersetzungen. Tie Sitzung des Gemeindevorstandes vom 20. veranlagte den liberalen Gemeindevorsteher Fuchs zur Niederlegung seines Mandates. Anläße hierzu waren die zahlreichen Uebergriff« der Zionisten in der letzten Zeit, insbesondere auch die Vergewaltigung der Liberalen durch den mittelparteilich-konservcrüv-zioniftischen Block bei der Verteilung der Tezernale im Gemeindevorstand. Hierbei wurde das Waisenhausdezernat, das bisher in den Händen von Herrn Fuchs gelegen hatte, unter hämischen und persönlich verletzenden Vorwänden Herrn Fuchs entzogen. In der Repräsentanten Versammlung am Mittwoch, den 21. Dezember, kam es ebenfalls zu heftigen Zusammenstößen und zwar bei der Bnntuirg wegen Uebernckhme einer Privatsynagoge durch die Gemeinde. Hierbei spielte insbesondere auch die Persönlichkeit des jetzt an diesem Privat tempel wirkenden Herrn eine Rolle. Tie Liberalen stimmten dem Kauf der Synagoge zu, jedoch! dürfe der genannte Funktionär von der Gemeinde nicht mit übernommen werden. Tiefer Wunsch wurde an Hand eines umfangreichen Akten - Materials begründet, aus dem hervorging, daß dieser Herr für ein verantwortungsvolles Amt in der Brliner Jüdischen Gemeinde nicht geeignet ist, weil ihm die sittliche Reife für eine solche Stellung abgcht. Tie Ausführungen des liberalen Fraktionsredners, die von der Gegenseite auch nicht in einem Punkt widerlegt werden konnten, fanden selbst bei Mitgliedern der jetzigen Vlockinehtcheit Zustimmung. Ein liberaler Antrag, den in Frage stehenden Herrn nicht in die Gemeinde zu übernehmen, wurde angenommen. Daraus lehnte die Blockmchrheit gegen die ly liberalen Stimmen den Kauf der Privatsynagoge völlig ab. Damit kam klar zum Ausdruck, daß es sich für die Zionisten, wie einige Liberale schon längst vermutet hatten, weniger um die Uebernahme jenes Gotteshauses durch die Gemeinde handelt als um die Uebernahme des an ihr tvirkenden Angestellten, der Men infolge feiner Tätigkeit als zionistischer Agitator am Herzen liegt. Ter Preis vo» 400000.- Mark scheint uns aber für Uebernahme eines zionistischen Agitators wahrlich! etwas reichlich' hoch. Im weiteren Verlauf der Beratungen glaubte nun der Führer der Jüdischen Bolkspartei, sachliche Argumente durch Schimpfkanonaden ersetzen zu können. Wie er im Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden vor kurzer Zeit ein Mitglied der liberalen Fraktion durch grobe Beschimpfung überzeugen zu können vermeinte, so auch diesmal. Er schämte sich nicht, dem vernichtenden Aktenmaterial des liberalen Fraktionsredners ungehörige und verletzende Ausdrücke entgegenzusetzen und mit unerhörten Schimpfwörtern zu überschütten. Der dem Block angehürende Vorsitzende hielt eK noch nicht einmal für nötig, dem Führer der Jüdischen Volkspartei einen Ordnungsruf zu erteilen. Die Liberalen verließen schließlich geschlossen den Saal. Erwähnt mag noch werden, daß diese unerhörten und unqualifizierbaren Ausfälle des Führers der Jüdischen Volkse Partei sich unter dem Chanukah-Leuchter abspielten, in einer Sitzung, die mit Lichtänzünden, Gebet und Absingen der Chanukah.Hymne begonnen hatte. Daß in den Formen, die von der Jüdischen Voikspattei Berlins in der letzten Zeit in den Mischen Sttemlen angvwandt werden, nicht mehr wett« beraten werden kann, ftcht nunmehr in liberale« Kreisen einstimmig fest. Die liberale Fraktion der Berliner RepräfentantenversammlnnA wird sich im Lause dies« Woche schlüssig werden darüber, welche Matznahmen zu treffen sind, um die Beratungen der jüdischen Gemeinde einer jüdischen Religionsgemeinschaft wieder würdig zu gestatten. Echt das nicht in der jetzigen Gemeinde, so werden die Liberalen ans ihre weitere Mitarbeit in dieser verzichten müssen. An der Fortführung derartiger, des deutsche« Judentums unwürdiger Zustände mitzu wirken, verbietet de« Liberalen Charakter, Selbstachtung und nicht zuletzt ihr Judentum. Beschluß ausschaltru. Sachlich läßt sich der Beschluß mit angeblichem Hinweis auf Sonderinteressen der Berliner Gemeinde um so weniger rechtfertigen, als auch die übrigen Vertreter der Berliner Gemeinde durchaus nicht durchweg Vorstandsmitglieder oder Repräsentanten sind. Auch gehören dem Rat als volksparteiliche Vertreter der Berliner Gemeinde und zwar als Ersatzmänner Ministerialdirektor Tr. Badt und Rechtsanwalt Gronemann an, gegen deren Eignung gewiß nichts eingewendet werden soll, die aber noch niemals als Vorstandsmitglied, Repräsentant oder sonst als Mitglied der Verwaltung oer Berliner Gemeinde tätig gewesen sind. Was chnen recht ist, muß den Persönlichkeiten, die die Liberalen präsentieren, billig sein. Kirchturminteressen, die übrigens, wie der vorgetragene Sachverhalt ergibt, lediglich vorgeschützt sind, dürfen dem nicht im Wege stehen, daß der reichte Mann an die rechte Stelle gestellt wird. Es wird abzuwarten sein, ob die Berliner Gemeindekörperschaften daran sesthalten werden, die Liberalen an einer Präsentation der von chnen ausgewählten geeigneten Persönlichkeit für den ihnen zustehenden Platz zu verhindern. Was geschieht nun inzwischen seitens des Landesverbandes? Offenbar garnichts. Das durch das Ausscheiden des Herrn Justizrat Makower verwaiste Dezernat hat provisorisch Herr Dr. Freund übernommen. Da Tr. Freund den angenommenen Entwurf in seinen wesentlichsten Punkten entschieden bekämpft hat, dürfte berechtigter Zweifel bestehen, ob er der geeignete Mann ist, chn gegenüber den Behörden und politischen Parteien zu vertreten. Herr Dr. Freund ist aber außerdem soeben bis Ende Januar in Urlaub gegangen. Es ist sein gutes Recht, sich beurlauben zu lassen, wenn er dessen bedürftig ist. Aber das Ergebnis ist, daß nunmehr niemand vorhanden ist, die Verhandlungen mit dem Halberstädter Verband durchzuführen und das Gesetz bei dm Behörden und im Landtage zu betreiben. Es wird schwerlich eine öffentliche Körperschaft geben, bei der die Ausführung der gefaßten Beschlüsse in dieser Weise hintan gehalten wird. Den Persönlichkeiten der liberalen Richtung aber, die an den Geschäften des Rates mitarbetten, und unter den größten Schwierigkeiten aufopferndste Arbett leisten, kann iheraus ein. Vorwurf picht gemacht werden. Es fehlt chnen eben die notwendige Ergänzung, dre von den Gegnern des Judengesetzes durch absichtliche Sabotage verhindert wird. Die jüdische Oessentlichkeit hat ein Recht, über diese Dinge informiert und auf den Stand der Sache hingewiesen zu werden. Zar Nikolaus II. über die Revolution und die Zuden Im letzten Heft der in Moskau erscheinenden historische» Zeitschrift „Krasny Archiv" (Rotes Archiv) ist ein Briefwechsel zwischen dem Zaren Nikolaus II. und seiner Mutter, der Zarin Maria Feodorowna, Witwe Alexanders III., aus den Jahren 1905 und 1906 abgedruckt. Die Zarin Maria Feodorowna war vor ihrer Heirat mit dem späteren Zaren Alexander III. eine dänische Prinzessin Dagmar, die sich oft bei ihren Eltern in Dänemark aufhielt. Auch zur Zeit dieses Briefwechsels, der währeiü» der kritischen Monate d« ersten russischen Revolution der Jahre 1905 und 1906 stattgesunden hat, befarrd sie sich bei ihrem Vater, dem greisen dänischen König Christian IX., auf Schloß Amalienborg in Dänemark. Wesentlich neues historisch-politisches Material enthalten diese Briefe nicht. Der Zar meldet seiner Mutter oft sehr ausführlich, was in Rußland vorgeht, sagt ober im Allgemeinen nichts, was nicht schon durch andere Veröffentlichungen bekannt wäre. Die Briese seiner Mutter an ihn sind ebenfalls politisch ganz belanglos, es sind das die typischen Briese einer Mutter, die um ihren Sohn, den Zaren, ihre sonstigen .Kinder, Enkel usw., sehr besorgt ist und ihre eigene Meinung in politischen Angelegenheiten kaum äußert. Nichtsdestoweniger werden auch in diesem Briefwechsel einigemale die Juden erwähnt, und zwar in einer für das Verhältnis von Nikolaus II. zu den Juden sehr bezeichnenden Weise. Aus den zahllosen Veröffentlichungen, die seit der Revolution 1917 über den Zaren in Rußland und auch außerhalb Rußlands erschienen sind, und zwar von Personest ganz verschiedener politischer Richtungen, die mit ihm zu tun hatten und daher ein Urteil über ihn fällen konnten, kann man sich über die Persönlichkeit des letzten russischen Herrschers aus dem Hause Romanow ein ziemlich klares Bild machen. Er war durchaus nicht der beschränkte Mensch, jftt den man ihn während seiner Regierungszett hielt. Seme geistigen Fähigkeiten waren jedenfalls nicht unter dem Durchschnitt. Auch kann man von chm nicht als einem schlechten