Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 51 (23.12.1927)
- Date
- 1927-12-23
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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7. Jahrgang Nummer 51 Beilage 23. Dezember 1927 IMbÄttüLMmg Arbeitslosen-Anruhen in Palästina In Petachtikwah, wo gegenwärtig die Arbeiter in den Orangen-Plantagen streiken, kam es zu einem Zusammenstoß zwischen Polizei und den Streikenden. Jüdische Streikposten wollten arabischen Streikbrechern den Zugang zu den Planlagen verwehren. Heranrückende Polizei grisf die jüdischen Streikposten an und zerstreute sie. Zwanzig Streikende wurden verhaftet. Bei dem Zusammenstoß wurden mehrere jüdische Arbeiter verletzt. Ter Zwischenfall in Petachtikwah hat sich als ernster herausgestellt, als ursprünglich angenommen wurde. Ms die jüdischen Streikposten durch Polizei angegriffen und zerstreut wurden, wobei 14 Arbeiter, unter ihnen 3 Mädchen, verletzt worden sind, bemächtigte sich der jüdischen streikenden Arbeiterschaft und der Arbeitslosen eine starke Erregung. Sie besetzten das Rathaus von Petachtikwah. Ter Gouverneur des Süddistrikts, Major Campbell, der mit einem Trupp Gendarmen in der Kolonie erschien, erzwang die Räumung des Rathauses, löste den Gemeinderat der Kolonie auf und ernannte einen Kommissar zur Führung der Angelegenheiten der Kolonie. Er verbot jede Versammlung in Petachtikwah. 17 jüdische Arbeiter werden in Haft behalten. Das Präsidium der Förderation jüdischer Arbeiter Palästinas (Histadruth^ sandle ein längeres Telegramm an die britische Arbeiterpartei, in welchem gegen das rücksichtslose und ungerechtfertigte Vorgehen der Polizeibehörden Beschwerde geführt wird. Ter Gemeinderat von Petachtikwah unterhandelt mit den Besitzern der Orangen-Plantagen und hofft, daß es möglich sein wird, alle 600 jüdischen Arbeitslosen in den Plantagen zu beschäftigen. Gründung einer jüdischen Kreditgenossenschaft in Berlin In diesen Tagen wurde in Berlin unter der Firma „Jüdischer Kreditverein für Handel und Gewerbe E. G. m. b. H." eine Bank auf genossenschaftlicher Grundlage gegründet, die die erste jüdische Kreditgenossenschaft in Deutschland darstellt. Ziel der Genossenschaft ist, das Kreditinstitut des Berliner jüdischen Mittelstandes zu werden; sie wird Wechsel diskontieren und Kredite gewähren, sich aber auch in den durch den genossenschaftlichen Charakter gezogenen Rahmen als Mittelstandsbank im Depositengeschäst, Scheckverkehr, Inkasso-Ausführungen betätigen. Sie wird auch als Sparkasse fungieren und ihr Augenmerk daraus richten, die Spartätigkeit des kleinen Mittelstandes anzuregen. Der einzelne Genossenschaftsanteil ist auf Mk. 250,— festgesetzt. An der Spitze des Aufsichtsrates steht Direktor Wilhelm Kleemann von der Dresdener Bank, Mitglied des Vorstandes der Berliner Jüdischen Gemeinde. Sonstige Mitglieder des Vorstandes sind: der Vorsitzende des Vereins jüdischer Handwerker Wilhelm Marcus, Direktor Ruthenwieser, Eugen Caspary, Rechtsanwalt Dr. Kollenscher, Louis Wolfs, Ad. Schoyer, Gustav Zamori. Geschäftsführendes Borstandsmitglied ist Herr M. James Goldschmidt. scher Gemeinden aus Oesterreich, aus den Nachfolgestaaten und aus dem Deutschen Reiche, Abordnungen jüdischer Centralorganisationen aus zahlreichen Ländern, viele Universitätsprofessoren und mehrere Chassidim-Rabbis ein. Der Rektor des Rabbiner-Seminars, Professor Schwarz, hielt im Tempel eine tiefempfundene Gedenkrede, in der er die große Persönlichkeit des Verblichenen würdigte und eine Uebersicht über sein gelehrtes Schaffen gab. Am offenen Grabe wurden fünfzehn Trauerreden von Vertretern der Wiener und der ausländischen Judenheit gehalten. Dr. Leo Motzkin sprach im Namen der Zionistischen Exekutive und des Aktions-Komitees. Oberrabbiner Chajes erhielt ein Ehrengrab in der Nähe des Grabes des jüdischen Freiheitskämpfers vom Jahre 1843, Fischhof. Der Bundeskanzler Dr. Seipel sandte an die Israelitische Kultusgemeinde Wien ein Beileidstelegramm, in welchem er seiner Trauer Ausdruck gibt und schreibt, er sei durch den Vertust eines so bedeutenden Mannes tief gebeugt. In den letzten Monaten hat eine immer steigende.Zahl von Marranen den Anschluß an das Judentum vollzogen, unter ihnen zwei Mediziner, die eine Quaufikatton als Mohelim erhalten haben und als solche fungieren. Ter Präsident der jüdischen Gemeinde in Oporto, Kapitän Baruß Bast», hat auf Einladungen hin verschiedene Siedlungen der Marranen besucht und wurde mit großen Ehren empfangen. Er begründete eine jüdische Gemeinde in Braganca, wo etwa 800 Marranen leben. In dem Torfe Bllarinho, das vo« etwa 500 Marranen bewohnt ist, wurde ein Gottesditzrift abgehalten. Das Londoner Marranen-Komitee, das auf Anregung der Londoner span'sch-portugiesischen Judengemeinde, der Anglo Jewisb Association und der Alliance Israelite entstan den ist, hat die Errichtung der jüdischen Gemeinde in Portugal! finanziell unterstützt und Thora-Rollen gestiftet. (Jtal - ★ :: Aus der Bewegung *: Der Oberrabbiner von Men gestorben Am Dienstag, den 13. Dezember, ist der Oberrabbiner von Wien, Zwi Perez Chajes, im Alter von 51 Jahren einem Herzschlag erlegen. Bis zu seiner letzten Lebensstunde stand Dr. Chajes im Dienste des Judentums. Noch am Abend vorher wohnte er einer Tagung des Gesamtvorstandes der jüdischen Studentenschaft Oesterreichs bei und gab dem in dieser Sitzung beschlossenen Proteste gegen die Verfolgung der jüdischen Studenten in Rumänien und Ungarn durch seine Gegenwart Gewicht. Zwi Perez Chajes wurde im Fahre 1876 in Brody, Galizien, geboren, studierte in Wien und wurde 1901 Sekretär am Wiener Orientalischen Institut. Schon in seiner Jugendzeit galt er als einer der hervorragendsten Orientologen. 1902 wurde er als Professor an die Universität Florenz berufen, wo er auch am dortigen Rabbinerseminar lehrte. 1912 wurde er zum Rabbiner von Triest gewählt. 1918 wurde er als Nachfolger von Güdemann zum Oberrabbiner von Wien gewählt und setzte so die Reihe der bedeutenden Gelehrten und Kanzelredner, die in der Wiener Kultusgemeinde gewirkt haben, fort. Dr. Chajes gehörte zu den führenden Persönlichkeiten der zionistischen Bewegung. In den Jahren 1921 bis 1925 war er Präsident des Zionistischen Aktionskomitees. Er hat sich auch sehr viel um die Gründung und Organisation der Hebräischen Universität zu Jerusalem bemüht und war bis zuletzt Mitglied des Kuratoriums der Universität. Es war sein sehnlichster Wunsch, als Lehrer an dieser Universität ständig zu wirken, allein mannigfache Hindernisse stellten sich seinem Wunsche in den Weg. In der jüdischen Kriegs- und Nachkriegsfürsorge betätigte sich Dr. Chajes führend. Neben Leo Motzkin bemühte er sich um das Zustandekommen der jüdischen Welthilfskonserenz und des Komitees der jüdischen Delegationen. Er war Vorsitzender der jüdischen Völkerbundliga in Oesterreich. Die wissenschaftlichen Studien von Zwi Perez Chajes waren sehr mannigfaltig. Hervorzuheben sind seine wissenschaftlichen Kommentare zu den Psalmen und zu Amos. Er betätigte sich auch als Forscher auf dem Gebiete der jüdischen Geschichte. Er veröffentlichte zahlreiche Abhandlungen in verschiedenen wissenschaftlichen Zeitschriften und gab Werke älterer Autoren heraus. Er stand an der Spitze des Wiener Jüdischen Pädagogiums. (Jta.) * Wien, 16. Dezember. (I.T.A.) Heute Nachmittag wurde unter ungeheurer Beteiligung der Wiener Judenheit und ausländischer jüdischer Delegationen der verstorbene Oberrabbiner von Wien und hervorragende jüdische Führer Zwi Perez Chajes zu Grabe getragen. Die irdische Hülle des verblichenen geistlichen Oberhauptes der Wiener Judenheit wurde im Haupttempel der Wiener Kultusgemeinde in der Seitenstädtengasse aufgebahrt. Dort fanden sich der Präsident der österreichischen Bundesrepublik Dr. Hainisch, der Polizeipräsident von Wien Dr. Schober, der Minister Schmitz, der Vizebürgermeister von Wien Dr. Emmerling, zahlreiche Vertreter der Behörden, Vertreter des Bundeskanzler Seipel, mehrerer Ministerien, sowie der altkatholischen Kirchengemeinde, Abordnungen jüdi- Vom Wohlfahrtsausschuß des Preußischen Landesverbandes Amtlich. Am 11. Dezember d. Js. fand unter dem Borsitz des Herrn Prof. Dr. Türk-Bcrlin die Wmtertagung des Wohlfahrts-Ausschusses des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden statt. Als Punkt 1 der Tagesordnung wurde das Siedlungsunternehmen des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten eingehend besprochen. Aus Einladung des Ausschusses war das Mitglied der Landesversammlung, Herr Rechtsanwalt Tr. Elkeles vom Siedlungsausschuß des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten anwesend, um das Gesuch wegen Beteiligung des Landesverbandes an dem Siedlungswerk des R. j. F. persönlich ausführlich zu begründen. Tie Pläne des Reichsbundes, einen jüdischen landwirtschaftlichen Siedlerstand in Teutschland und damit ein Gegengewicht gegen die einseitige Berufsschichtung der Juden zu schaffen, fanden — wie überall — das volle Verständnis der Mitglieder des Wohlfahrtsausschusses. Man verkannte freilich die großen Schwierigkeiten der Sache nicht. So wurde daraus hingewiesen, daß es zwar in Teutschland nur noch eine sehr kleine Anzahl jüdischer Bauern gäbe; die meisten in der Landwirtschaft tätigen Juden seien in gleichem Maße auch Viehhändler, weil sie sich von ihrem landwirtschaftlichen Besitz allein nicht ernähren könnten. Tie Landflucht in jüdischen Kreisen sei größer als in irgnckwelchen anderen Schichten, da das kulturelle und wirtschaftliche Vorwärtskommen den Juden auf dem Lande außerordentlich erschwert sei, und viele schon deshalb in die Städte zögen, um ihren Kindern eine bessere Bildung angedechen zu lassen. Ein jillüsches Gemeinschaftsleben könne sich auf dem Lande wegen der nur vereinzelt wohnenden Glaubensgenossen schwer entwickeln. Zum jüdischen Bauern gehöre auch die jüdische Bäuerin; solange es die nicht gäbe, könne mit der Siedlung nicht begonnen werden. Demgegenüber wurde aber auch betont, daß trotz aller bestehenden Hemmnisse das große Werk doch aussichtsreich genug erscheine. Zwar denke niemand an eine „Berufsumschichtung" in der Weise, daß plötzlich aus einem großstädtischen Handlungsgehilfen ein Landwirt gemacht werden solle. Wohl aber könne das Interesse der Jugend schon früh für diese Tinge geweckt werden. Wmn es gelinge, die ÄnsiedluPg auf genossenschaftlicher Grundlage zu schaffen, so sei der Gefahr der Vereinzelung vorgebeugt. Voraussetzung aber für die Durchführung sei die genügende finanzielle Sicherung. Solange diese nicht seststehe, dürfe nicht begonnen werden. Ms Ergebnis der Aussprache wurde einstimmig der Beschluß gefaßt, den Rat zu ersuchen, in den Haushaltsplan 1928 des Landesverbandes einen erheblichen Betrag für die Propaganda des Siedlungswerks einzusetzen. Es wurde ein besonderer Unterausschuß gebildet, der mit dem Siedlungsausschuß des R. j. F. in ständiger Fühlung bleiben wird. Frau Siddy Wronsky-Berlin berichtete sodann über die Arbeiten des bevölkerungspolitischen Ausschusses. Sehr eingehend wurde dann die Angelegenheit eines Psychopathenheims in Marburg behandelt. Es wurde für durchaus wünschenswert erachtet, daß ein derartiges Heim baldigst eröffnet werden solle. Falls es in Marburg zur Ausführung des Planes kommen würde, werde sich der Landesverband an den Kosten der Gründung beteiligen. Besprochen wurde serner die Frage der Bereitstellung eines Fonds zur Unterstützung von Gelehrten jüdischen Glaubens aller Fakultäten. Zuletzt hatte sich der Ausschuß mit einer größeren Anzahl von Gesuchen zu befassen, die einer eingehenden Prüfung unterzogen wurden. U. a. wurden für folgende Einrichtungen und Anstalten Zuschüsse bewilligt: ZentralwoUfahrts stelle der deutschen Juden, Hauptstelle für Wanderfürsorge, Arbeitcrfiirsorgeamt, Jüdischer Frauenbund, Tuberkulosenfürsorge, Gesangenenfürsorge, Hilfsverein der deutschen Judm usw. Erst abends um 51/2 Uhr konnte der Vorsitzende mit einem Tank an die Erschienenen die arbeitsreiche Sitzung schließen. Marranen-Rückkehr zum Judentum Das Londoner Portuguese Marranos Comittee, das vor einigen Jahren zu dem Zwecke begründet wurde, die unter den portugiesischen Marranen elementar vor sich gehende Bewegung, zum Judentum zurückzukehren, zu unterstützen, gibt soeben einen Bericht über seine Tätigkeit heraus, dem zu entnehmen ist: Ter Anregung von Lucien Wolf, der im Jahre 1925 Portugal besucht hat, folgend, hat sich das Komitee finanziell an der Begründung einer jüdischen Gemeinde in Oporto beteiligt. Oporto ist von den Marranensicdlungen in Nordportugal am leichtesten zu erreichen. Am 1. Juli d. Js. wurde in Oporto die Synagoge „Mekor Chaim" in Anwesenhell des Präsidenten der Lissaboner Gemeinde Moses Bensabath Amzalak eingeweiht. Kurz danach wurde die Synagoge von dem früheren Oberrabiner von Jerusalem, Naham Nissim Tamon, besucht. Die Synagoge wird nicht allein von den jüdischen Einwohnern von Oporto, sondern auch von sehr zahlreichen Marranen aus allen Tellen des Landes besucht, die sich in diesem Gotteshaus über das Judentum belehren lassen wollen. Unsere Ortsgruppe der Liberalen Vereinigung brachte als Austakt ihrer rcorganijatorischcn Tätigkeit einen Vortrag von Prof. Tr. Elbogen, Berlin. Herr Prof. Elbogen, der auf eine sünfundzwanzigjährige segensreiche Tätigkeit im Dienste des Judentums zurückblickt, und dem aus berufener Feder im Gemcindeblatt bereits der Dank für sein Wirke», zur Erhaltung des Judentums und seines Erforschens ausgesproche» >var, ward nochmals Gegenstand einer begeisterten Ovation. Der Redner, der es sich zur Ausgabe gemacht hatte, „über die Bedeutung des Kaufmanns für die Ausbreitung des Judentums" zu sprechen, erzählte in fesselnder Darstellung, wie im babylonischen Exil der jüdische Mensch sonst gewohnt, Viehzucht zu treiben, Sense und Pflug zu führen, dem Beispiel des babylonischen Kaufmanns folgte und dem Handel zuneigte; daß dort im Exil in erfreulicherweise rin freiwilliger Zusammenschluß der Exilanten erfolgte; dieser Gemeinschaftssinn bildete jüdische Zentren, die ohne Hilfe des Staates sich erhielten und fortentwickclten. Solch ein indischer Großkansmann wurde nun unbewußt freiwilliger Missionsträgcr der jüdischen Lehre. Diese Tendenz, Propaganda zu machen, sich mit der heidnischen Umwelt auseinanderzusetzen, Kritik am Glauben der Fremden zu üben, finden wir schon bei den Propheten. Der jüdische Kaufmann cxpornerle .neben seinen Wirtschaftscrzeugnissen auch geistige Saat, seine religiöse Idee, so daß ein Religionshistorikcr mit Recht von der damalige» Epoche jagt: „Jeder Jude trug unter seinen Sohlen das ganze Judentum." Das hellenistische Zeitalter ist mit ein Höhepunkt in der Propagandatätigkeit des jüdischen Kaufmanns. Mit der Bibel, die nur ins Griechische übersetzt war, reist er und erläutert sie. Zahlreiche Proselyten bis zu den höchsten Kreisen hatte damals das Judentum für sich zu buchen. Die Tochterrcligion des Judentums, das Christentum, ging den gleichen Propagandaweg mit bestem Erfolge. Und als das Christentum Staatsreligion wurde, haben Kirchenväter und Fürsten, die Macht der Propaganda erkennend, ihren Gläubigen verboten, sich in Religionsgespräche mit den Juden einzulassen. --- Der Islam, der manche jüdische Anschauung enthält, empfing die zahlreichen Dibelerzählungen und talmudischen Legenden durch die Propagandaaussaat des jüdischen Kaufmanns. Selbst bis an die Ufer der Wolga reichte der Einfluß des jüdischen Kaufmanns, wo sich der Chazarenfürst und sein Volk zum jüdischen Glauben bekehrt hatten. Durch das ganze Mittelalter hindurch zieht der hrndelstreibende Jude mit der Bibel durch Spanien, Frankreich und Deutschland, gewinnt manchen Glaubensztveifler für seine Sache. Als die Kirche die Inquisition einführte, war eine Hauptfrage bei den Gerichtsverhandlungen, ob der Gefangene seinen Glauben bei Christen unerlaubt gefördert hätte. In der Resormationscpoche ward in lutherischen Staaten jegliches Pro-- pagandatreiben verboten, und doch hatten zwei jüdische Kausleute die Kühnheit, in Worms mit Luther zu disputieren. Bis tief in Polen und Siebenbürgen, in Rußland und Litauen lassen sich jüdische Einflüsse beweisen, die zeitweilig eine Macht bedeuteten. Mit der Neuzeit tritt die Missions- und Propagandatätigkeit des jüdischen Kaufmanns zurück, war es doch seit Moses Mendelssohn Anschauung geworden, daß dies keine Aufgabe des Judentums sei. Im Schlußwort sprach Prof. Elbogen den Wunsch aus, vaß der jüdische Kaufmann die glückliche Synthese wieder vereinen möge, Eiferer zu sein für seinen Berus im Zusammensein mit seinem Glauben. M. St. Lieguitz. (Liberaler Verein der Synagogengegemeindc zu Liegnitz.) Am 5. ds. Mts. hielt bei nns Herr Rabbiner Dr. Iwan G r ü n aus Frankfurt a. Oder einen Vortrag über das Thema: „Das Judentum als Entwicklungsreligion". - Eine kurze Inhaltsangabe wird später an dieser Steile folgen. Die Ausführungen des Herrn Dr. Grün standen inhaltlich und sprachlich auf sehr hohem Niveau und fanden außerordentlichen Beifall der Versammlung, welche unter dem Eindruck des Vortrages von einer tveitcrcn Diskussion Abstand nahm. Der Vorsitzende des Liberalen Vereins der Synagogengemeinde zu Liegnitz, Herr Rechtsanwalt Dr. S che her, hatte die Versammlung eröffnet und begrüßt und konnte am Schlüsse in einem von Herzen kommenden Schlußwort Herrn Dr- Grün persönlich und namens der Versammlung für seinen tiefgründigen Vortrag danken. Stettin. (D r u ck s e h l e r b e r i ch t i g u n g.) In dem Bericht über den Vortrag des Herrn Goctz vom 8. ds. Mts. haben sich leider zwei sinnentstellende Druckfehler cingeschlichen. Es muß am Anfang des Berichtes, dort wo vom Patriotismus der Propheten und dem Universalismns ihrer Lehre die Rede ist, weiter heißen: „Es ist mit den Propheten nicht anders als mit der ganzen Bibel, als Chronik eines Volkes geschrieben ist sie das Buch aller Völker geworden." Gegen Ende des Vortrages muß es dann heißen: „Ter Weg deS Judentums in der Geschichte ist der der Emanzipation, hier im Westen, aber auch in Osteuropa und sogar auch in Palästina." Wiesbaden. Die Ortsgruppe der „Vereinigung für das liberale Judentum" hielt am 12. ds. Mts. vor einem überaus großen Znhoierkrcis eine Mitgliederversammlung ab, zu der Gäste Zutrrtt hatten, lieber das Thema: „Liberalismus und Zionismus" referierten der Vorsitzende und der stellvertretende Vorsitzende der Ortsgruppe, die Herren Dr. Goldstein und Dr. Lazarus. Beide Herren standen naturgemäß voll und ganz aus dem Boden der Resolution der V. f. d. l. I. - Dr. Goldstein führte ungefähr folgendes ans: Liberalismus und Zionismus haben ihre Verkörperung in politischen Organisationen gefunden, die miteinander um die Macht ringen. Das Auftreten des Zionismus in den Gemeinden bedeutet den Versuch, diese ursprünglich nur für religiöse Ausgaben bestimmten Gebilde neu zu organisieren. Liberalismus und Zionismus treten damit in politischen Gegensatz. So das äußere Bild. Entspricht ihm auch ein gedanklicher Gegensatz? Wenn man als methodisches Prinzip des Liberalismus die Idee der Entwicklung ansicht, so bedeutet das nur einen Gegensatz zur Orthodoxie, nicht zum Zionismus. Kern des Liberalismus ist aber sein Univcrsalismus, sein Trieb, absolute Menschheitsveligion zu werben, die als solche sich nicht an die Nationalität klammern kann. Jude ist hiernach, wer sich zu' diesem Juden», tum bekennt, entscheidend nicht die Nation, sondern das religiöse Bekennen. Der Zionismus dagegen, wie er von Herzl gegründet, von Klatzkin und Jabotinsky vertreten wurde, sieht sein Ziel in der Bildung der jüdischen Nation. Hier der Gegensatz! — Aber ist dieser Zionismus noch der heutige? Der nationale Flügel ist zurückgedrängt, herrschend bereits der Kulturzionismus mit seinen vielen Schattierungen. Diese Entwicklung wird weiter gehen, aus ihr beruht die Hoffnung aller derer, die eine Versöhnung der Geister erhoffen.