Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 51 (23.12.1927)
- Date
- 1927-12-23
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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der Abwehr des Antisemitismus, dieser spezisisch deutschen Bolkskrankheit, die nach dem Kriege allenthalben endemische und epidemische Formen annahm, hat Theodor Wolfs seinen Stammesgenossen unschätzbare Verdien st e errungen. Mit jenem eingeborenen, in Frankreich aber noch eigens geschulten Sinn für die tätliche Wirkung der Lächerlichkeit, hat Theodor Wolfs allen Exzessen der Rassenschnüsfler und niedrigen Demagogen wider Andersgläubige stets das befreiende Lachen oder zuweilen aüch die überlegene Ironie eines abgeklärten Geistes entgegen zu setzen gewußt, dessen Weltanschauung nichts von Enghirnigkeit und Engstirnigkeit weiß, sondern dessen letzte und höchste Erkenntnis Duldsamkeit heißt. Unduldsam ist Theodor Wolfs von 'eher nur gegen dünkelhafte Dummheit, scheinheilige Intoleranz, Obskurantentmn der Herzen wie des Geistes gewesen. Dem hart umdrängten Judentum (beiläufig nicht nur Deutschlands; denn man denke beispielsweise nur der siegreichen Wortschlachtcn, womit er die französische Dreyfuß campagne begleitet hat) ist in Theodor Wolfs jederzeit ein unerschrockener Verteidiger erstanden, der auch gelegentlich vor einem kühnen Ausfall, einer heftige:: Offensive gegen den „Sozialismus der Dummen" und feiere Folgeerscheinungen der Rassenvcrhchnng und des Bruder zwistes nicht zurückscheute. Selbstverständlich haben Theodor Wolfs gerade aus den Kriegszellen der Teutobolde oder, wie man neuerdings sagt, der „Völkischen" und ihrer nationalen „Belange", die vergiftetsten Pfeile getroffen. Aber vergeblich. Jemand, der wie Theodor Wolfs das „integer vitae" im Blute, statt, wie manche der rafsenschützlerischen, kreuzfahrenden Mannen, nur im Wappenschild trägt, ist untrer tv u n d b a r schlechthin. Gerade wir danken Theodor Wolffs nie versagender Gerechtigkeit und der Unbestechlichkeit seiner Gesinnung, ebenso wie seiner jüngtinghaften Angriffslust manche gewonnene Bataille. Eben darum lesen wir aber auch das „Pariser Tagebuch" mit „einem heitern, einem nassen^ Auge", dieweil wir erkennen, daß für deri Freund und ^ischgefährten eines Anatole France, eines Ele menceau, eines Bourgci, oder anch den bohömel>aften Käme raden der jungen Wcdekind, Strindbcrg und anderer ,,Pri!i zen aus Genieland" eine stattliche Wegstrecke der Resignation nnd Entsagung zurnckzulegen war zwischen der ersten Aus gabe^jener Pariser Blätter und ihrer heutigen Reuauflage. In Frankreich hätte Theodor Wolfs wahrscheinlich schon ein halb Dutzendmal den kurulischen Sessel eines Ministers oder Ministerpräsidenten erreicht; in der königlich preußischen Re publik hingegen muß er sich damit begnügen, als der von seinen Mitbürgern meißgehaßte, nur von 'dem Verständnis volleren Ausland als Deutschlands repräsentativster „Held der Fedeü) gewürdigt zu werden. Ein Teil des Glorienscheines, der Theodor Wolfs s Haupt draußen in der großer: Welt umgibt, fällt auch auf das Judentum zurück, den: er vielleicht manche seiner hervorragenden Eigenschaften - Geschmeidigkeit des Wortes, Einfühlungsvermögen in die Seelen fremder Nationen, Lauterkeit des Charakters und nicht zu vergessen jene Desensivkraft des Geistes dankt, die in der Devise gipfelt: „In Bereitschaft sein ist alles." »Die Nähe Gottes" Cpf. 73) Von Rabbiner Dr. G o t t f ch a l k, Frankfurt a. M. Zu den mannigfachsten Gaben, die dem Menschen verliehen find, und die ihm bald zum Segen, bald zum Un segeu gereichen, gehört die Gabe des Vergessens. Wer hätte mit vorrückendem Alter noch nicht die ‘ Qua! empfunden, von seinem Gedächtnis verlassen zu werden und unter dem Vergessen leiderp zu müssen? Aber wer hätte es auch noch nicht erlebt, daß uns Vergessen zur seelischen Qual wird, wenn es uns als Undank, als Hochmut, als Trotz entgegentritt. Und doch, cs gibt ein anderes Vergessen, das uirs zum wahrhaften Segen gereicht, das uns ein wahrhaftes Glück bedeutet, ja sogar lebcnsnotwerrdig ist. Um es zu verstehen, stellen wir ihm noch das Vergessen gegenüber, das so häufig als Qual betrachtet wird: wenn die Welt uns vergißt, das Glück nicht an uns denkt, die Menschen uns fremd sind und wenn wir allein stehen, wenn nur Kamps unser Los, nur Leid unser Schicksal. Das ist so furchtbar u»rd benimmt uns den Atem, den Atemder Seele, den Frieden des Lebens. Und doch und doch — aus dieser Nacht klingt jenes Psalmwort fo herrlich herauf: „Wen habe ich im Himmel? Und außer dir begehr ich nichts auf Erden, die Nähe Gottes - das ist mein Glück!" Und klingt wie ein Text zu Tizians Gemälde „Bon der himmlischen und der irdischen Liebe". Ja, wir müssen auf irdische Liebe verzichten, die Liebe zum Irdischen verlieren können, wollen wir die himmlische Liebe gewinnen - wollen wir dem Ewigen uns erschließen, dem Zeitlosen, Unirdischen, dem Idealen , Gott. Und dieser Gott, der Urideale, der vergißt uns l nie, wenn wir nur wollen. Wenn chir nur wollen. Etwa so, wie Spinoza es wollte, als er. ein Brillenschleifcr geblieben, stolz seine Professur ablehntc und dafür das fromme Wort hinschrieb: „Der Weise, sofern er als Weiser betrachtet wird, wird in der Seele kaum beunruhigt: sondern, seiner selbst, Gottes und der Dinge mit einer gewissen ewigen Notwendigkeit bewußt, hört er niemals ans zu sein und ist immer im Besitze der wahrer: Befriedigung der Seele." Wenn wir nur wollen, etwa so, wie cs Dante gewollt, dessen „Göttliche Komödie" in der Verbannung entstand un» doch die unsterblichen Worte enthält: „Was je mir klar ward, mußte Liebe geben, das Sein der Gotteswelt, mein eigen Sei::." Wenn wir nur wollen etwa wie Moses Mendelssohn, der es ruhig hinnahm, daß ihn der König von der Vorschlagsliste für die Akademie strich und die denkwürdige« Worte sprach: „Besser die Akademie hat mich vorgcschlagen und der König mich gestrichen als umgekehrt." Aber nicht jeder ist Spinoza, nicht jeder Danre, nicht jeder Moses Mendelssohn. Aber jeder kann dennoch, wenn er nur will, die irdische Liebe so vergessen, daß ihm die himmlische dafür zuteil wird. Wenn wir vergeben und wenn wir verzeihen, wenn wir vergessen, was man uns getan, verschenken wir daun nicht himmlische Liebe; entsagen wir da-nn nicht der irdischen? Wenrr wir den Tod sogar über winden, die Furchtbarkeit des ersten Erlebens, wiwesten Schmerz allmählich vergessen und ihn zur milden Wehmut verklären, ihn übertönen lassen vor: der Melodie, die da singt vom Schönen, das immer besieht, hinnehmen als eine» Trank aus dem Becher, aus dem rncrri nicht Herbheit allein nnd Bitternis, sorrderrr auch Lebensweisheit schlürft heißt das nicht vergessen und glücklich sein, ja unter Tranen noch glücklich sein? Um freilich solch ein Glück zu erwerben, gilt es zu über: und gilt es zu lernen, gilt es zu arbeiten an sich selbst und sich rechtzeitig dazu durchzuringen. Ist denn das Leben überhaupt erträglich, wenn man nicht allnrählich vergessen gelernt nicht ans Undankbarkeit und Zufriedenheit, nicht aus widerlicher Blasiertheit, nein, vergessen in dem lebens notwendigen Sinn, welcher uns einzig zum Glücke gereicht. Was nützt es denn, die Arme zu breiten nach Dingen, die unwiderbringlich dahin, was nützt eS denn, über Fehler zu klagen, die unser Leben ins Unglück geführt, zu jammern über Dinge, die uns versagt, sich über Häßliches immer nur zu entsetzen, roas nützt cs zu stöhnen mir dem Worte der Großen: „Ich besaß es doch einmal, was so köstlich ist, daß man doch zu seiner Qual nimmer es vergißt." Ach derselbe Große hat auch gesagt: „Wir leben alte vom Vor gaugcircn und gehen am Vergangenen zu Grunde." In der Tat, er hat recht. Vergesset ihr niemals, so vergißt die Welt euch. Zukunft, Zukunft und noch einmal Zukunft, das muß das Losungswort sein für alle die, die in der Welt rroch gelten wollen. Auch das heißt der irdischen Liebe entsagen, damit man die himmlische dafür erwerbe. Im Mit telaller lehrte ein jüdischer Frommer: „Wer noch ein Neu ling in der Gottesfurcht, sollte täglich, wenn er aufsteht, sprechen: Heute will ich ein treuer Diener des Allmächtigen sein, will mich hüten vor Zorn, Lüge, Haß, Zank, Neid und will denen vergeben, die mich kränken. Wer vergibt, dem wird vergeben. Hartnäckigkeit aber und Unversöhnlichkeit find eine schwere Sünde, eines Israeliten unwürdig." Also im jüdischen Mittelalter! Und in der Neuzett ruft Steiurhal aus: „Der Blasierte ist am allerwenigsten ruhig, klar, heiter. .Heiter ist die Kunst und heiter das sittliche Bewußtsein, Gesichtskreis seiner deutschen Kompatrioten fügen (vielleicht aus der instinktiven Angst: „wann werde ich herankommen, wann wird dieser unerbittliche Kritiker und Analytiker, meine Achillesferse der Welt entblößen?), sondern auch als den aufrechten Republikaner und unbestechlichen Charakter, als den ers ich bei jeder polüischen und privaten Gelenheit beweist. Theodor Wolffs demokratische und republikanische Gesinnung stammt nicht erst aus den Oktober- und Novembertagen des Jahres 1318, allda die „Königlich-Preußische Zeitung", die sogenannte „Kreuz-Zeitung", ihre traditionelle Devise „Mit Gott für König urrd Vaterland" geräuschlos in eine Versenkung geraten ließ; des Kaisers Schwager, der Prinz Friedrich Leopold von Preußen (ältere Linie), um Gut und Blut zu schützen, aus seinem Palais irr Klein- Glienicke statt des schwarz-weiß-roten Banners oder der Hohenzollernschen Hausstandarte die rote Fahne der Weltrevolution hißte, Proteus Lndendorsf in schmählicher Zivil klust und blauer Brille gerr Schweden entwich, während die „dii minorum gentium" mit mehr oder minder unrühmlicher Elastizität auf den damals so beliebten Boden der Tatsache:! rutschten. Ganz im Gegenteil, während der als Philosranzosc verschriene und geächtete Publizist im Herzen vielleicht rn der Tat manche Enttäuschung verratener Liebe verwinden mußte, sprang doch plötzlich der echte deutsche, seinem Vaterland treu anhängende Patriot aus dem langjährigen Freunde und Tischgenossen französischer Künstler, Politiker und Mini ster und focht mit scharfem Degen für die eigene Heimat und wider das Land seiner Jugendliebe. Vielleicht konnte nur ein gekränktes, tödlich verwundetes Herz so überströmen von Groll und Gram wider den als Freund geachteten und geliebten Staat, der nunmehr als Todfeind in klirrender Rüstung vor einem stand undweit über die militärischen Notwendrgketten hinaus , alles dazu tat, die zivilen Bande zwischen den Völkern zu zerschneiden. Vielleicht gerade, um des Herzens heimlichste Stimme gewaltsam zu übertönen, ist Theodor- Wolfs während des Krieges und nach dem Frieden vor: Versailles einer der erbarmungslosesten Gegner und Bekämpser der „Nouvelle France", der unversöhnlichen, die militärische Welthegemonie anstrebenven französischen Repu blik geworden. Nur in Haß verkehrte Liebe vermag so leidenschaftlich zu eisern und geifern. Seit jenem großen Bruch in Leben und Liebe Theodor Wolffs stahl sich auch jener unverkennbare Zug von Er- und Verbitterung, von scharfzüngiger Polemik in Theodor Wolffs Leitartikel. Man vermag diese Entwicklung, den Gegensatz zwischen Einst und Jetzt, besonders charakteristisch zu erkennen, wenn mau das von Fischer soeben neu aufgelegte, seiner Entstehung nach ungefähr zwanzig Jahre zurückdatiereude „P a r i s e r T a g e b u ch" Theodor Wolffs mit seinen späteren Schriften vergleicht. Ge wiß: „Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung" werden von dem Virtuosen der Feder nach wie vor gemeistert. Aber, während das „Pariser Tagebuch", gleichviel, ob es über alltägliche Begebenheiten oder ungervöhnliche Ereignisse berichtet, niemals Grazie, Esprit, Charme und serene Heiterkeit; eben das eigentümliche Pariser Klima, verleugnet, zeigt die „zwanzig Jahre nachher" geübte Tätigkeit Theodor Wolf zwar immer noch als unvergleichlichen Führer der deutschen Publizistik, aber sie verrät zugleich einen cholerischen, ver bitterten Einschlag, der leicht zu agressiver Offensive verleitet. Zugegeben: es ist allerdings auch leichter und reizvoller, über die Pariser „Schwalben" oder über eine Sitzung der Akademie zu berichten, oder Charakterportraits von Georges Clemenceau und Anatole France zu entwerfen, als sich in der Berlinischen Atmosphäre, wo jeder jedes Feind ift oder sich wenigstens dünkt, sich mit einem Herrn von Keudell auseinanderzusetzen. Aber, selbst wenn wir diese schicksalhafte Metamorphose unseres größten, heute auch wieder vom gesamten Auslande als geistigen Führer der Oefsentlichen Meinung Deutschlands bedingungslos anerkannten Publizisten vom menschlichen Starrdpuntt aus bedauern mögen, so können wir doch nicht umhin, uns dieses Führers als eines Mannes von exklusiver und exanisiter Qualität zu freuen und zu rühmen. Wir Inden insbesondere sind Theodor Wolfs zu besonderem Dank verpflichtet und nehmen die Gelegenheit gerne wahr, ihr:: unsere Erkenntlichkeit zu bezeigen, obzwar wir wissen, daß er immer nur von sachlichen, nie von persönlichen Motiven geleitet wird. In mmmmmmmmmtmmmmmmmmmmmmmmmaammammmasmmmmmmam Alfred kerr Von Bernhard Alt, Danzig. Davon wird gewiß mancher überrascht sein, daß Alfred Kerr, der dichtende Kritiker von Weltgeltung, am 25. De zember schon <50 Jahre alt wird. Denn diesen spitzwafsigen Fechter, diesen ganz Diesseitigen, diesen Künder von Korn mendem, kann man sich anders nicht als jung, ganz jung vorstellen. Und dennoch befindet er sich, gilt die Zahl der Jahre, aus der sich senkenden Seite der Wippe, die wir Leben nennen. Man ist so alt, wie man sich fühlt , sei's alt, sei's jung: auch das Judentum hat Anlaß, dieses Mannes zu gedenken, und wäre es nur darum, daß Kerr wiederum einer vor: den Vielen ist, dessen Ahnen durch die Wüste gewandert sind, und der heute zu den Allerersten gehört, die in deutscher Sprache reden?, nein: singen können die Melodie, die in den Ursch ächten der Sprache lagert und nur von den Erwählten heraufbefördert werden kann ans Tageslicht, - so Schönheit bringend denen, die die Sprache nur als vulgäres Verständigungsmittel für den praktischen Tagesbetrieb anwenden können. - Steht man vor der Frage, wie so häufig in ähnlichen Fällen, in welchem Maße und in welcher Art jüdische Abstammung sich ausgewirkt hat in der Gestaltung einer Per sönlichkeit und habe diese noch so wenig direkte Be Ziehungen zum jüdischen Leben - , so ist zu sagen, daß es in allen Fallen natürlich kinderleicht ist, solche Beziehungen mit mehr oder minder sanfter Gewalt zu konstruieren. Es können Ausprägungen, die wir für jüdischen Geistes halten, d a sein, und sie können dennoch aus anderen geistigen Be zirken gekommen sein. Wir wollen darum um Gottes Willen nicht „nachzuweiseu versuchen", daß Kerr alle seine Künstler schaft seinem jüdischen Geblüt verdankt. Aber manche Grundzüge, aus denen sich diese Gesamt-Persönlichkeit: Alfred Kerr zusammensetzt, können mindestens ebenso gut als Ausprägungen jüdischen, wie als solche irgend eines andern Geistes einslusses in Anspruch genommen werden. Diese analytischen Fähigkeiten um zunächst von dem Kritiker Alfred Kerr zu reden —, diese Kunst des Zergliederns, Zerlegens, Neu-Zusammensetzens, wie sie sich in seinem 5-bändigen Hauptwerk „Die Welt im Drama" äußert, ist sie nicht in vollendeter Form ausgeprägt im jüdischen Talmud? Irgend eine feudale Tramengestalt, aus deren Charakter der Name passen würde, benennt Kerr einmal aus Kritikers Gnaden: „.Herr Talmudowski auf Tüftelscld". Ist schließlich nicht der Krittker selbst ein Talmudowski auf Tüftelfeld? Ja, Kerr ist ein Krittker, der allerdings nicht zrtz tüfteln braucht, denn er ist ja doch der „Vetter" der ab gestempelteu Dichter, erfühlt sie, ohne lange zu tüfteln, mit seinem feinen Fingerspitzengefühl, und so ist er eben mehr als ein nur analysierender Betrachter, der Impressionen wiedergibt, sondern selbst ein Gestaltenrnacher, der seine Autoren wandeln läßt, so wie diese ihre Phantasicgestalten wandeln lassen. Dennoch muß gesagt werden, daß auch dieser Erfühler subtilster Feinheiten schließlich nicht aus seiner Haut heraus kann: es scheint, als hätte Kerr für das ganz neue Drama nicht genügend innere Beziehungen, 'womit keineswegs dem Gestammel, das sich bei den Allermodcrnstcn häufig als Kunst breit macht, und der Einseitigkeit, als gäbe es in der Welt nun gar nichts mehr anderes als erotische Abwegigkeiten, das Wort geredet sein soll. Ich glaube nicht, daß Kerr heute auch für einen allerersten Könner noch einmal solche Worte finden könnte, wie er sie für den frühen Gerhart Hauptmann gefunden hat. Himmel, was für Worte! Kerr ist (bei denjenigen, die nichts von ihm gelesen haben als seine Tagesarbeitcn in den Zeitungen) „verschrien" als geistreich. Ja, das ist er gewiß, aber mit dieser Feststellung ift sein Wesen als S p r a ch k ü n st l e r doch nicht erschöpft. Ja, - er versteht, glänzende Witze zu machen -- vielleicht ist auch das etwas Jüdisches? - , er ist der Meister der scharf pointierten Formulierungen, er schlägt der: Gegner oder Nichrköuner knock out, genau auf den Punkt, nicht einen Millimeter daneben. Seine Freude am Abschüßen humoriger Giftpfeile steigett sich mitunter zu einer Ueberheblichkeit, die snobistisch, unverschämt, für zimperliche Naturen oft unerträglich ist. Er ist von einer ungeheuerlichen Selbsteinschätzung besessen. Man lese im Vorwort zur „Welt im Drama" Sätze wie die folgenden: „Es gibt in Deutschland kein Stück so konzentrierten Schrifttums wie dieses Werk." Oder im Bande „Eintagsfliegen": „Das Verdienst mancher besprochenen Schauspiele war: Anlaß meiner Kritik zu werden." Oder man lese im Band II, wie er in dem Abschnitt: „Shaw und ein Kritiker" einen Zunstgenossen (der uns Juden ebenfalls nahe steht) abferttgt --- —, man schlägt wütend das Buch zu, weil dieser Cynismus, diese beißende Schärfe einem unerträglich werden; aber - - man schlägt es wieder aus, weil so viel Esprit, so viel Dvtschla gelüst, so viel geistvoller Witz, so viel spritzige Laune aus dem Aermel geschüttelt werden, daß einem die Frage selbst zur Nebensache wird und man sich genießerisch der rein formalen Leistung zuwendet. Aber es wurde schon gesagt - wer nicht mehr in seinen Schriften gefunden hat als charmeuse Plauderei, der hat das Beste nicht erfühlt. Kerr hat die deutsche Sprache belauscht bis in ihre tiefsten Winkel hinein; er hat sie gestaltet, entwickelt, in einem nicht für möglich gehaltenen Maße, er ist der Rastelli der Literatur, er jongliert mtt Worten, findet irnmer neue Kombinationen, nimmt die Worte auseinander wie die Kinder den Steinbaukasten und setzt sie zu immer anderen Bildungen wieder neu zusammen mitunter artet das zur Manie aus. (So zeigt sein Spanienbuch, daß auch große Könner nicht davor geschützt sind, sich selbst zu kopieren.) Und dann diese Melodie! Jeder seirwr römischen Zisferabschnitte ist ein Kabinettstück, und wo dann solche Sprachkraft und diese Melodie ssich einen, wenn Kerr mit Begeisterung anerkennt und mttgcht, da entstehen dann solche Kunstwerke wie der Festspruch für Frank Wedekind (H. Sb.) oder jene oben erwähnten Kritiken, die er Gerhart Hauptmann schreibt. Man muß sich das laut vvrlesen ugrd sich von der Melodie nnd der trotzdem knappen Prägnanz dieser Sprache gefangen:: eh men lassen. Es ist kein Zufall, daß Kerr innige Seelmbeziehungen zur Musik hat. Solche Sprachkraft drängte natürlich zur Betätigung auch außerhalb des Soriderbezirks Kritik, und so verdanken wir Kerr herrlich? Reisebücher, vor allem „Tie Welt im Licht", dann „Uankceland", „New Pork und London", einen Band Spielereien, Gedichtchen, launige, nette Sächelchnr, betitelt „Capricchos", und das zuletzt erschienene „Es sei wie es wolle --- cs war doch schön!" (Also doch nicht mehr ganz jung im Innern?) Auch seine Reisebücher sind natürlich leine Neise-- b e s ch r e i b u n g e n , sondern, wie seine Kritiken, nichts als Bekennlnisbücher, Ofsenbarungen seiner klnrftl.rischen Persönlichkeit aus einem Reiseanlaß heraus. In allen fünf Erdteilen ist Kerr zu Hause, und derselbe Mann, der sich der lieblichen Romantik süddeutscher Kleinstädte hingibt, läßt sich von Amerikas vorwärtswuchteirdem „Ja - alp", stark des europäischen „Ja - - aber/', mureißen. Kur.;: Kerr ist eine künstlerische Eiesamtpcrsönlichkeit. die sich einmal zu einer Kritik, ein zweites Mat in einer Reiseschilderung, ein andermal wieder in einem poli.ijchen Spottgedicht ausdrückl. Seine Sprachkraft erkennt Kerr selbst als jüdisches Erbgut an. Ich zitiere aus dem Aussatz „Jeruschalajim" (Tie Welt im Licht, Bd. II): „Sprache dos Felsenlands am Südmeer durch die Well bist du gegangen; gipfelnd in mir.