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Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-12-23 · 51 (23.12.1927) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
51 (23.12.1927)
Date
1927-12-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
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IMchNerakZeitW Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. Bezugspreis durch die Geschäftsstelle '/«jährllch IR. 2.50 Ekyrluummer 0J20. 3ti freier Zusendung l Inland 0.25 jftt die LMglied« der Vereiaiguug Ist der Bezugspreis i« MigNedsbettrage enthalten. Versulwsrtl. Redakteur: Bruue Vsydu. Die «Jüdisch-liberale Zeltuag" erschein« jeden Freitag. Redaktion «nd Seschüstssteüe: verlin SW 48, Wilhelms»-. 147 Fernruf: Bergmann 3358, 3350 Zostscheckkouto: Berlin 11X5 7. 137069 i Vereinigung für das liberale ZadenMmj Nachdruck sämtlicher Original-Beiträge uur mit vorheriger Genehmigung der Redaktion gestattet. Anzeigenpreise: Die 12gespaltene Ronparaillezette 0.45 Goldmark. die Reklamezeile 3.00 Goldmark, bei Wiederholungen Rabatt. Anzeigenannahme: jüdisch.liberale Zeitung" Inseratenabteilung: Berlin SW 46. Wilhelmstrage 147 (Bergmann: 6358-50), sowie sämtl. Annoacen-Expeditio». Nr. 51 Berlin. 23. Dezember 1927 7. Jahrgang Die Ausschreitungen in Rumänien Ein deutscher Publizist von Weltgeltung Bon Doris Wittner. Als die klassischen Länder des Journalismus müssen auf dem europäischen Kontinent Frankreich mrd Oesterreich betrachtet werden. Jenseits der Vogesen ebenso wie innerhalb der ehemaligen Donaumonarchie waren künstlerische Erziehung und die Pflege der Form von altersher ein traditioneller Kulturbesitz, der liebevoll gehegt und gehütet ward. Nur in Frankreich konnte das Wort geboren werden: „Le style: c'est l'homme." Paris ist die Heimat des politischen Leitartikels, der Minister und Staatsmänner „seligsprechen oder verdammen kann", und der — einem geistigen Fieberthermometer gleich — den Puls des öffentkchen Lebens mißt und reguliert. In Wien, der vorgetobensten Bastion des Okzidents gegenüber dem Orient, in ien, dem großen Staubecken germanischer, romanischer und slawischer Flüsse und Einflüsse, erreichte das Feuilleton, will sagen: das in Worte gekleidete Weltbild en miniature, seinen eifrigsten Kultus und seine höchste Kultur. In der demokratischen Republik des Westens ist die Feder ein Schwert; trägt jeder politische Journalist den Marschallstab des künftigen Volksvertreters und dereinstigen Staatslenkers im Tornister. In Wien hingegen, wo Jahrhunderte hindurch der reaktionäre Ungeist einer absolutistischen Dynastie »nd eines nur durch die Interessen der Hausmacht mühselig zusammengehaltenen Nationalitätenstaates gespenstisch »mging, wurde der genialste Feuilletonist — von Kürnberger und Daniel Spitzer bis auf Karl Kraus und Alfred Polgar höchstens zum populären Kaffeehaushelden. Metternich, der Don Quixote der Legitimität, ist ein ewiger Revenant in Wien, und irgendwo vermeint man — selbst nach dem Zusammenbruch der habsburgischen Monarchie — in der alten Donaustadt immer noch etwas von den modrigen Odeurs eines unsterblichen „Vormärzes" zu riechen. Even um dieser stagnierenden Atmosphäre willen sind viele der begabtesten österreichischen Publizisten — nicht ohne stetig brennende Sehnsucht nach der verlassenen Heimat, dem betörenden Capua aller künstlerisch empfänglichen Hirne und Herzen —- ausgewandert in das Reich, auf den zielstrebigen Boden zielstrebiger Bürger. Deutschlaird — das wilhelminische Deutschland zumal --- durfte sich nicht gleich seinen Nachbarländern einer großen und ehrenvollen journalistischen Aeberlieferung rühmen. Wo die Militärkaste bedingungslos prädominierte, unb wo es „erstklassige Menschen" nur im „bunten Rock" gab, war das Wort nicht frei oder wenigstens nicht frei genug, um einen Anspruch aus Mitwirkung an der „res publika" mit Fug anmelden zu dürfen. Und das Feuilleton — selbst in seiner höchsten künstlerischen Vollendung — erschien dem nüchternen Norddeutschen wieder zu sehr als charmante Ueberflüssigkeit, als bestenfalls reizende Arabeske des Lebens, immerhin aber als „quantite negligeable", um von ihm als „Ding an sich", als Selbstzweck des Daseins gewürdigt werden zu können. Dank der staatlichen und politischen Struktur des deutschen Reiches gab es demnach im wilhelminischen Deutschland keinen hochentwickelten Journalismus als Beruf, sondern nur vereinzelte, ungewöhnliche talentvolle Journalisten als professionelle „Berufsverfehler", deren Aktionsradius aber auch nur selten über die eigene Redaktionsstube hinaus, und womöglich in die politische und kosmopolitische Hexenküche ber großen Welt hinein langte. Es gereicht dem Judentum zur Ehre, daß von den wenigen, sehr wenigen publizistischen Führern, die auch jenseits der deutschen Grenzen gekannt und genannt wurden nnd einen mehr oder minder offiziösen Einfluß auf Politik und Presse der uns fremden und nicht immer freundlich gesinnten Großmächte übten, die meisten — nnd jedenfalls die wesentlichsten — Enkel und Erben des auch in unfern Adern rinnenden tausendjährigen Blutes waren. Typische Repräsentanten eines genialen Tagesschriftbums waren zu Beginn des 19. Jahrhunderts die zwei schier überlebensgroßen Polemiker Heine und Börne, die beide nach der französischen Hauptstadt übersiedelten, Heimat and Glaube zwangsläufig aufgebend, um neben der Teilnahme an den journalieren Ereignissen ihrer Epoche auch »och — wie Heine selbst es bezeichnete — ihr „versifiziertes Herzblut" zu vergießen. Sie wurden in Paris mit offenen Armen ausgenommen, während ihnen im Bereich der deutschen Kleinstaaterei immer neue Verfolgung und schmachvollere Blamagen drohten. Die Welt ist unterdessen beinahe ein Jahrhundert vorwärtsgeschritten; d. h., nur scheinbar, denn tatsächlich hat bas letzte Jahrzehnt für die menschliche Entwicklung eine kulturelle Rückläufigkeit von etlichen Jahrhunderten bedeutet. Krieg und Wirtschaftskrisen sind „Parties honteuses" des Pogromdebatte in der rumänischen Kammer Das „Berliner Tageblatt" veröffentlicht folgenden Bericht seines Korrespondenten: Bukarest, 20. Dezember. In der Kammer brachte der Abgeordnete Madgearu von der nationalen Bauernpartei die Ausschreitungen der Studenten in Siebenbürgen neuerlich zur Sprache. Er erhob gegen die Regierung schwere Beschuldigungen, indem er sagte, ein Mitglied der Regierung sei in Klausenburg gewesen und habe dort die Atmosphäre des Kongresses geschaffen. Ein anderes Regierungmitglied habe Gelder an die Kongreßteilnehmer verteilt, während ein führendes Mitglied der Regierungspartei dem Kongreß beigewohnt und eine Rede gehalten habe. Tie Regierung habe ferner den Kongreßteilnehmern Freikarten und Sonderwägen auf den Eisenbahnen zur Verfügung gestellt. Der Redner fragte die Regierung, wie es möglich gewesen sei, daß, trotzdem in Großwardein und Klausenburg starke Garnisonen und starke Gendarmerieabteilungen vorhanden sind, die Ausschreitungen nicht schon in den Anfängen unterdrückt wurden, sondern größeren Umfang angenommen haben. Ter Innenminister Duca antwortete namens der Regierung, die Haltung des Kabinetts in dieser Frage sei vollkommen klar. Kein vernünftiger Mensch könne glauben, daß die Regierung eine derartige Infamie in Szene setzen o-der duideu werde. Die Geschädigten würden' entschädigt. Im übrigen werde die Regierung Fragen über diese Angelegenheit nicht mehr beantworten. Was man zu sagen habe, sei bereits gesagt. Ter Abgeordnete Madgearu replizierte, daß er die Antwort des Innenministers nicht zur Kenntnis nehme. Tie Frage sei nicht abgeschlossen. Die Ordnung sei noch nicht wieder hergestellt, der Schaden, den das Ansehen des Landes erlitten, noch nicht als gutgemacht anzusehen. Unter dem Beifall der Opposition erttärte Madgearu, die Regierung sei jedenfalls verantwortliche Entweder habe sie diesen Kongreß organisiert, oder es habe sich trotz des Belagerungszustandes die Armee, die Gendarmerie und die Polizei als unfähig erwiesen, die Ordnung aufrechtzuerhalten. Wenn alle diese Behörden nicht mehr in der Hand der Regierung seien, was suche sie dann auf der Regierungsbank? Ter Innenminister Tuca antwortete mit der Stellung der Vertrauensfrage, was die Opposition mit Lachen aufnahm. Ter „Adeverul" berichtet aus Klausenburg, das dortige Rabbinat habe den zuständigen Behörden mitgetellt, daß sich das geraubte gottesdienstliche Gerät im Besitze eines Mittelschülers befinde. Tie Behörden hatten diesen Schüler vernehmen lassen und die Gegenstände dem Rabbinat zurückgesandt. Daraufhin sei der Schüler aus kurze Zeit verschwunden, was zu unglaublicher Agitation geführt habe. Unter anderem hätte das in Klausenburg erscheinende Blatt der liberalen Partei an den Rabbiner offen die Frage gerichtet. Menschengeschlechtes gewesen, die nur durch eine zähe, vor nichts zurückscheuende Zusammenarbeit aller Völker im langsamen Wandel der Zeit vielleicht ausgeglichen und geheilt werden können. An der Spitze der neuen, weil ewig alten, Menschheitsaufgaben stehen Völkerversöhnung und der süße Traum vom „ewigen Frieden". Und in dem Dienst eben dieser unsterblichen Menschheitssendungen sehen wir auch heute wiederum Persönlichkeiten von jenem ältesten Menschheitsadel, zu dem auch wir uns mit freudigem Stolze bekennen. Wir sehen sie emsig den Webstuhl der Zeit bedienen, gewahren, daß sie ständig das Ohr an den irritierten Puls unserer aus den Fugen geratenen Welt halten, dem Arzte gleich, der, um Genesung bringen zu können, Quelle und Ursprung des erkrankten Wcltorganismus beobachten mnß. Zu jenen Menschheilsärzten, denen die Wiederherstellung einer siechen und verrotteten Zeit eine inbrünstige Lebensmission bedeutet, und die mit reinen Herzen und reinen Händen ihres Amtes walten, ohne darob gelegentlich chirurgische Eingriffe zu scheuen, gehören wiederum Männer der Oeffentlichkeit, deren Worte und Urteile hüben wie drüben gewogen und nicht zu leicht befunden werden. Immer noch sind es — selbst innerhalb des neuen Deutschlands — nur wenige, allzuwenige Vertreter der Siebenten Großmacht, die an der Rekonvaleszenz der Menschheit Mitarbeiten dürfen. Und selbst unter diesen wenigen hat der große Schnitter Tod in den letzten Dezennien noch eine engere Auslese getroffen. Bon denen, die das Ausland aller Zungen bedingungslos anerkannte, siel ein Walther Rathmau von meuchelmörderischer Hand, starb Maximilian Harden in der Einsamkeit des großen Pans. Nme Männer sind erstanden. Neue Namm ringen um Autorität diesseits und jenseits der Grmzm. Möglich, wahrscheinlich, sicher tvas mit dem Schüler geschehen sei. Es sei ein Glück, sagt der „Adeverul", daß dieser Schüler bald wieder auftauchte, sonst wären die Folgen unberechenbar gewesen. Das Blatt fragt, was die Regierung getan habe, um eine derartige Agitation im Keime zu ersticken, und was sie zu tun gedenke, um dm Vorwurf der Zweideutigkeit zu vermeiden, die darin bestehe, daß die Regierung in Bukarest die Agitationen verurteile, während die Provinzpresse ihr verbrecherisches Agitationswerk fortsetze. Endlich Regierungsmahnahmen? Ein kürzlich abgehaltener Ministerrat befaßte sich ausschließlich mit den Vorgängen in Großwardein und Klausenburg, über die wir in unserer vorwöchigen Zeitung berichteten. Im Anschluß au den Ministerrat wurde folgendes Communiqiie ausgegeben: „Der Prefekt des Bezirks Großwardein sowie die Polizeiprefekten von Großwardein und Klausenburg sind vom Amte enthoben. Die Untersuchungskommission hat ferner einwandfrei die Schuld von etwa 80 Studenten und 40 sonstigen Personen an dm Ausschreitungen in Großwardein, Klausenburg und in Bukarest sestgestellt und diese in Haft genommen. Sie sollen wegen Aufruhrs und Störung der öffentlichen Ruhe vor ein Kriegsgericht gestellt werden. Jenen Studenten, die staatliche Vergünstigungen, wie Stipeüdien, genießen, sollen diese entzogen werden. Es ist eine Sonderkommission eingesetzt worden, welche die bei den Ausschreitungen angerichteten Schäden feststellen soll." Der Deputierte Dr. Fildermann, Präsident der Union rumänischer Juden, wurde von allen drei Mitgliedern des Regentschaftsrates in einer Audienz empfangen, die mehr als eine Stunde währte. Alle drei Regentschaftsmitglieder ersuchten Dr. Fildermann, der Judenschast das Bedauern über die verdammenswerten Taten der Studenten auszudrücken. Sie sprachen ihre Ueberzeugung aus, daß die Regierung die nötigen Maßnahmen ergreifen werde, damit die Schuldigen der gerechten Strafe zugeführt werden. Der Patriarch von Rumänien, Miron Cristea, fügte noch hinzu, es sei sehr bedauerlich, daß Elemente, die verlangen, daß ihr eigener Glaube respektiert werde, einen anderen Glauben nicht respettieren und sich an seinm Symbolen vergreifen. Kultusminister Lapedatu äußerte sich einem Vertreter der „Dimineatza" gegenüber: Ich habe die zerstörten Synagogen gesehen unb war entsetzt. Die Unruhestifter haben vandalisch gehaust. Ich habe den Vertretern des mosaischen Kultus versprochen, daß ein großer Teil der Kredite, die für die Entschädigung vorgesehen sind, zum Wiederaufbau der zerstörten Synagogen verwendet werden wird. Ich werde im nächsten Ministerrat über das Entsetzliche, das ich gesehen habe, Bericht erstatten. sogar, daß der eine oder andere neue Name sie verdient. Darob aber darf nicht vergessen werden, daß von der alten Kämpsergarde noch einer unter uns weilt, dessen Ansehen im Auslande ebenso unbestreitbar und unbestritten ist, wie es im Jnlande von hämischen Neidlingen und vorurteilsvollen „Rassenschützlern" gerne geschmäht und geschmälert wird. Theodor Wolfs, der Chefredakteur des „Berliner Tageblatts", Deutschlands meist verbreiteter demokratischer Zeitung, ehedem, in dem glückhaften Jahrhundert vor Ausbruch des welterlösenden „Stahlbades" etwa vierzehn Jahre Pariser Korrespondent des gleichen Blattes, ist von Natur ein Kämpfer wider Alles, was dumpf und stumpf, duckmäuserisch und pharisäisch, verlogen und verbogen, dumm oder krumm auf diesem Erdball ist. Und die Lichtstadt Paris, das große brausende Herz der Welt, in dem vor mehr denn ein und einem Viertel Jahrhundert die Menschenrechte ausgerufen wurden, war eine gute Lehrmeisterin für den dazumal noch jugendlichen Streiter für alle Wahrheiten und Freiheiten dieser Welt. Immerhin: heutzutage schon jenseits des sechsten Jahrzehnts, ist Theodor Wolfs nicht müder, noch matter geworden. Er ficht noch immer mit den feinsten und schärfsten Toledaner Klingen; und er sprengt noch immer auf feurigem Zelter in jede offene Arena, in der die Tourniere um die „salus publika" ausgetragen werden. Theodor Wolfs ist wohl der einzige deutsche Publizist, der sich rühmen darf, Weltgeltung zu besitzen. Man schätzt ihn diesseits und jenseits des Ozeans. Und zwar nicht nur als Exponenten deutscher Kultur, enzyklopädistischer Bildung, profunden Wissens und eines eleganten, geistreichen, tänzerischen Stiles, dessen spitze, nur zu leicht verwundende Pointen sich zuweilen nicht eben in den

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