Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 50 (16.12.1927)
- Date
- 1927-12-16
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft jüdisch- * liberaler Zugendvereine Deutschlands Monatliche Beilage zur Jüdisch-liberalen Zeitung Verantwortlicher Schriftleiter: Hilde Hamburger Verlin-Dahlem. Sachsallee S Zugend und Pazifismus Bon Walter Simon. Man darf an die Idee des Pazifismus, der den Krieg als menschenunwürdig verurteilt und bekämpft, nicht Herangehen mit der Frage nach dem Erfolg, sondern mit der Erkenntnis seiner Notwendigkeit. Diese Erkenntnis müßte einem jeden nach den Erlebnissen des Weltkrieges und der Nachkriegszeit gekommen sein; daß das nicht der Fall ist. Liegt an besonderen Eigenarten der menschlichen Natur. Wir haben uns zu sehr an gewisse Tatsachen und Zustände gewöhnt,, als daß wir daran dächten, sie kritisch zu betrachten und zu bekämpfen. Eine solche Tatsache ist der Krieg, wie wir ihn kennen gelernt haben. Wir sollten trotzdem aus zwei Gründen heraus immer wieder nachdenklich werden: einmal durch den Gedanken, daß das Prinzip der Weltgeschichte, die Entwicklung der Gemeinschaft in unserer Zeit gigantische Formen annimmt —, und dann durch den Umstand, daß die Technik in noch stärkerem Maße sich in einer Äufwärtsbewegung befindet, deren Ende gar nicht abzusehen ist. Im vorigen Jahrhundert kämpfte man in Deutschland um den Nationalstaat, heute beginnen wir, in unserem Denken Kontinente zu umfassen, nicht zuletzt unter dem Einfluß der Technik, die den Raum überbrückt. Mit dem Wachsen der Gemeinschaften wird aber der Krieg, als das Mittel, Meinungsverschiedenheiten zu entscheiden, immer größere Dimensionen annehmen. Und zwar werden sie nicht gleichmäßig wachsen, sondern dank der Technik, deren Entwicklung von vornherein noch bedeutend schneller ist als die der Gemeinschaft, und die ebenso für wie gegen diese wirken kann, wird der Krieg in Zukunft Dimensionen annehmen, die schlechthin unabsehbar sind. Es gibt genug Menschen, oenen dieser Entwicklungsgang durchaus klar ist, die sich aber doch nicht entscheiden können, daraus die Konsequenzen zu ziehen. Denn, sagen sie, der Krieg ist Naturgesetz; der Kampf ums Dasein muß immer ausgesuchten werden. Hierin liegt ein fundamentaler Einwand gegen den Pazifismus. Folgendes ist dagegen zu erwidern: Der moderne Krieg kennt kaum noch Sieg und Niederlage, sondern beiderseitige Vernichtung. In etwaigen Kriegen der Zukunft wird diese Tatsache noch viel deutlicher werden. trotzdem wir sie beim Ausgang des Weltkrieges schon klar erkennen konnten. Tenn vor zehn Jahren hat weder Deutschland auf der einen, noch Frankreich oder England oder Rußland auf der anderen Seite triumphiert, sondern Amerika, das, abgesehen von dem „Ausflug über den großen Teich", der nur das Ende etwas schneller herbeiführen sollte, neutral war. Ein Prinzip aber, das zur Vernichtung führt, kann nicht durch die Natur als Inbegriff alles Lebens sanktioniert sein. Und es wäre auch zu seltsam, daß der „Kampf ums Dasein" nur etwa alle Menschenalter einmal entbrenne! Sa ist es falsch die Begrifft „Kriegs und „Kampf ums Dasein" zu identifizieren. Früher kann das möglicherweise berechtigt gewesen sein; heute können wir höchstens sagen, daß der Krieg ein Mittel ist, um den Kampf ums Dasein zu entscheiden. Damit ist er dem Begriff „Kampf ums Dasein" untergeordnet, wodurch, das Argument seiner Naturbedingtheit fortgefallen ist, das weiter Erörterungen unmöglichgemacht hatte. Dafür besteht jetzt die Verpflichtung, zu untersuchen, wie weit der Krieg ein geeignetes Mittel ist, um das Naturprinzip des „Kampfes ums Dasein" zu erfüllen. Gleich, im Anfang muß ftstgestellt werden, daß wir Menschen auch heute noch oder, vorsichtiger gesagt, vor fünfzehn Jahren, dieses Mittel verherrlicht haben. Wir haben den organisierten Massenmord, — um dieses Schlagwort, das den Vorzug der Richtigkeit hat, zu gebrauchen, — in Verbindung gebracht mit unserer religiösen Ueberzeugung und unseren höchsten Idealen und Tugenden, Ehre, Todesverachtung, Selbstaufopferung. Diese Anschauung ist falsch, weil sie auf falschen Vorausschungen beruht. Im Krieg wollten wir die Ehre unseres Vaterlandes verteidigen gegen den Ansturm neidischer Nachbarvölker. Aber man frage Engländer, Franzosen. Sie werden dasselbe sagen, und man versteht dieses Phänomen, wenn man sich die psychologische Einstellung der Völker in polllisch erregter Zeit klar mach; ich will es an einem Beispiel versuchen. Zwei friedliche Bürger, die zum Schutz gegen Angreifer in unruhiger Zeit jeder den Revolver in der Tasche haben, begegnen einander, Hallen sich gegensellig für den Angreiftr und errscheßen einer den anderen. Ter Beweggrund war Notwehr, aber sie wehrten sich nicht gegen einen sichtbaren, sondern einen unsichtbaren Feind, ihre eigene Einbildung, angegriffen zu sein. Erinnern wir uns an die Entstehung eines modernen Krieges, an das wachsende Mißtrauen, das Wettrüsten, ohne daß die große Masse überhaupt einen Krieg wünsch, das nur des Schutzes wegen inszeniert wird, die dadurch reizbare geladene Stimmung, die schließlich durch den lleinsten Anlaß zur Explosion gebracht wird. Es ist schon viel Unglück durch die Auffassung: „Si vis pacem, para bellum!" („Wenn Du den Frieden willst, rüste zum Krieg") verursacht worden. Man schützt nicht die Wahrhell durch. Lügen, und den Frieden durch Krieg! Wir müssen uns notwerchigerweift damit vertraut machen, daß es ebenso wenig, wie Sieger und Besieger im modernen Krieg Angreifer und Uebersallene gibt. Mll dieser Tatsache fällt der Gedankenkomplex vom Kriegsheldentum, Verteidigung des Vaterlandes, Ehre und Heldentod. Wir nennen Helden Menschen, die ihr Privates Interesse dem allgemeinen opfern (Coudenhove-Kalerghi), Httdentum den Kampf um dieses allgemeine Interesse. Die zehn Millionen, die ans den Schlachtfeldern des Weltkriegs, aus den Feldern der deutschen, französischen, englischen Ehre schlafen, waren Helden; chr Heldentum war ein Jdvk. Das ist die Tragik des Kriegers unserer Zell. Tamll sind wir an ein anderes Argument gekommen, das die Verherrlichung des Krieges rechtfertigen soll: Ter Krieg ftbafft die Auslese; er ist das Stahlbao der Zeit. Gustav Whneken wünschte damals im Weltkrieg, daß er noch möglichst lange dauere, damit all das Gute, das er hervor gebracht, auch recht zur Entwicklung gelange. — Seine Methoden, die etwa charakterisiert werden durch einen Sturmangriff, vor dem die Männer vorher durch Schnaps unempfindlich gemacht werden, um dann ins ftindliche Sperrfeuer geschickt zu werden — oder durch einen Nahkampf mit Minen und Flammenwerfern: sie scheinen mir persönlich nicht geeignet/ me menschlichen Qualitäten zu steigern. Das Ai-Programm Breslau. Jüdisch-lideraler Jogeudoereiu „Abraham Geiger". Lorkiheader: Rabb. Dr. Haipersohn, Breslan 13, Morihstrahe 50. Btreinslokal: Loge „Gerharl Hauptman«", Schweiduitzer Stadtgraben 9. Montag, den 18. Dezember, abends 8.15 Uhr, Herr ReNgionrlehrer Davidsohn spricht über bar Thema: „Aar jüdischer Geschichte". Sonntag, de» 25. Dezember, abends 7 Uhr, Chanuktah-Fest. Unsere« Mitgliedern geht besondere Eintadnng mit ausführlichem Programm za. Rege Beteiligung erdeten und Einführung von Gasten erwünscht. Jli-Berlin. »gemeinsame Veranstaltungen. Dienstag, 27. Dizember: Ausflug. Treffen mit Fahrkarte nach Birkenwerder nm S Uhr (pünktlich!) am Stettiner Borortbahnhof. Rückkehr gegen 5 Uhr. Führerch Betty Marens, Hermsdorf, Aldrechtstratze 10 und Walter Simon, Charlotte «bürg 0, Tannendergallee 8-12. Donnerstag, 20. Januar: Gemeinsamer Abend. Ort und Thema worden noch bekauntgegede». Mitteilungen» für die nächste Rümmer unserer Zeitung sind dis zum 10. Januar 1928 einseitig beschrieben an Hilde Hamburger, Berlin-Dahlem, Sachs-Allee 6, zu senden. „In dem Wirbel des Krieges", sagt ungefähr Leonhard Frank, „gibt es ein Hilssmlltel, um die entschlichen seelischen Erschütterungen des großen Mordens ertragen zu können: die Gewohnhell. Tie oberflächlichen Durchschnlltsmenschen setzen sie an Stelle der Seele: ssie verstnmpfen. Es gibt ein zweites Mlltel: den Wahnsinn. Wertvolle Menschen, die sich nicht der Gewohnhell ergeben, werden chm verfallen. Was aber sollen die Auserlesenen tun, die seelisch ssv stark sind, daß sie Gewohnhell und Wahnsllm überstehen?" — Tie Antwort auf diese Frage ist entscheidend: lautet sie dahin, diesen Männern bleibe nur ein Ausweg, der Tod, so heißt das, daß die Wertvollsten eines jÄen Volkes am sichersten verloren sind. Und mir scheint, als ob nur diese Antwort übrig bleübt. Es käme nur noch eine in Betracht: der Idealismus, der solchen Menschen helfen könnte, die Erlebnisse eines Krieges zu ertragen. Aber um so höher das Ziel, um so weniger sind so tiefstthende Mlltel geeignet, ihm nahe zu kommen. Das Mlltel kann auch den Zweck entheiligen. Damll ist das Hilssmlltel des Idealismus unbrauchbar. Es bleibt allein das des Todes; eine Auslese bringt der Krieg nicht. Hier wallet der folgenreiche Irrtum von der Gleichhell von Kampf und Krieg. Kampf ist das Mlltel der Auslese, Krieg das der Vernichtung, beginnend mll der der Auslese. Und hat der moderne Krieg uns hier und da vielleicht einen Fortschritt gebracht, so wiegt das kleine Plus doch nicht im geringsten alle seine sonstigen Begleiterscheinungen auf, moralische und sexuelle Verwilderung, die deutlich erkennbar ist aus dem Ansteigen der Kriminalistik -im und n-ach einem Kriege, die riesigen Verluste an Volks kraft, Bolksgesundhell, VoWreichtum, die draußen in den Schützengraben vergeudet worden sind. * Es bleibt nicht viel von dem Nimbus einer geistigen, menschlichen Erneuerungs kraft durch den Krieg. Wieviel Berechtigung ist an dem Glorienschein, den die Religionen ihm geben? Das ist eine Fragen die uns hier besonders angcht. Ich möchte wieder an einigen Zitaten zeigen, wie auch hier die Verbindungen Krieg — Kampf und Krieg — Natur, die ja miteinander in Verbindung stehen, zu etwas merkwürdigen Anschauungen führen. „Ter Krieg ist ein Element der von Gott eingesetzten Weltordnung", sagte Moltke. (Er behauptete auch, daß sich die edelsten Tugend m des Menschen im Kriege entfalteten.) Ist dieser Ausspruch berechtigt, so müßten wll wiederum von einer Diskussion über den Pazifismus absehen; sie wäre überflüssig. Man kann schließlich jede Tatsache chrer Existenz wegen als göttlich hinstelleu, da Go-tt ja alles geschaffen hat. Bismarck hat gegenüber dem Sozialismus dasselbe Argument gebraucht: „Eine Lösung der Arbeiterfrage, wie sie die Sozialdemokratie erstrebt, läuft der menschlichen Natur ebenso zuwider, wie den Bestimmungen der göttlichen Vorschung". Da wir uns klar sind, daß Gott uns wohl seine eigene Meinung vorläufig nicht verkünden wird, dürfen wir uns nicht durch eine derartig bequeme Einstellung mll allem Bestehenden einverstanden erklären, ohne seinen Wert zu prüfen. Tie Tatsache des Krieges hat nichts mll Gott zu ckun, oder es wäre eine Entwürdigung des höchsten Wesens. Wären wir uns dessen bewußt, so würden wir nicht alle jene Einrichtungen für selbstverständlich halten, die Krieg und Religion gemeinsam geschaffen haben: Weihe der Waffen (damll sie möglichst viel Kinder desselben Gottes töten), Bitte um Sieg (well jedes Volk des einzigen Gottes Sache vertritt, indem es andere Völker bekriegt), Dankgottesdienst (well Gottes Gnade sichtbar über den Treffern der 42-Zentimeter-Granate schwebte). Wenn man sich recht die Bedeutung dieser Anschauungsweise klarmacht, muß sie doch wie ein Hohn auf das sechste Gebot wirken! Noch schlimmer erscheint der Zwiespalt durch die Auslegungen der Kriegstheolog-en, besonders die der christlichen Konfessionen. Ich will damit keineswegs unsere jüdischen Feldgeistlichen ausnehmen; wir waren all« in dem Wahn befangen, mittels Giftgas, Großkampfflugzeug und U- Boot für die höchsten Güter der Welt zu kämpfen unter göttlicher Einwilligung und eventueller Hilfe, — aber dieser Irrtum konnte nirgends so kraß empfunkit werden wie bei der Religion, die die Liebe zu den Mitmenschen in so Her vorragender- Weise predigt. „Der Krieg", verkündete der Feldprediger Schettler, „ist das Operotionsmesftr, mll dem der große Arzt der Völker die Ellerbeulen herausschneidet". Und der General von Quast schreibt in der Wechnachtsnummer 1914 des Hamburger Fremdenblattes: „Für den deutschen Soldaten kann es im Grunde kein schöneres Weihnachtsfefi geben, als nach ruhmreichen Kämpfen, im unerschütterlichen Vertrauen, daß Gott unserer gerechten Sache den endgültigen Sieg verleiht, in Seiner heiligen Christnacht in Fe'ndes land zu stehen..." Es gibt eben verschiedene Auffassungen vom Fest der „Liebe". Das ernste aber an dieser Auffassung ist, daß dadurch das Fundament des Atheismus gebaut wird. Tenn er sagt: „Ihr behauptet, daß Gott den Menschen nach seinem Ebenbilde geschaffen hat. Besftr wäre es für Euch, zu sagen, daß Ihr Gott geschaffen habt nach Eurem Ebenbilde, denn Ihr legt seine Lehren, die er Tuch gegeben haben soll, nicht in seinem, sondern in Eurem Sinne aus und glaubt, daß das dasselbe sei. Ihr sprecht von dem Vater aller Menschen und verlangt, daß er Euch nicht nur erlaube, sondern sogar helft. Eure Mitmenschen zu löten. Und obendrein behauptet Ihr, daß das alles nur zu seiner Ehre geschehe. Wenn es einen Gott im Himmel gäbe, der hörte» was in seinem Namen für Verbrechen geschähen — er wäre schon längst auf die Erde gekommen, um der Wahrhell freie Bahn zu schaffen. Aber es ist soviel Elend und UnreM in seinem Namen geschehen, ohne daß sich die göttliche Macht offenbatt hat. Darum glauben wir nicht, daß sie existiert." So ungefähr sagt der Atheist. Ein Christ äußerte mir folgendes: es stände im Alten Testament soviel vom Kriege, daß man ihn als etwas Gottgewolltes hinnehmen und nicht gegen ihn kämpfen solle. Mir scheint, als ob der Atheist einen höheren, Gott näheren Standpunkt einnimmt als der Deist. Und das ist der Gedanke, der aus dieser ganzen Entwicklung hervorgeht: Fort mll dem Nimbus des Krieges, mit dm falschen Idealen und religiösen Bettrrungen, die mit ihm verknüpft sind. Das Mittel encheiligt dm Zweck. Darum dürsm wir den Krieg als das brutalste Mllttt, den Kmnch ums Dasein zu führen, nicht in Verbindung bringen mit unseren Idealen, denn dadurch ziehen wir sie herab, — wir dürsm nicht Gott nm seinetwillen anrufen^ denn dadurch entchren wir seinm Namm; der Krieg muß allein für sich stehen, beraubt seines Glanzes, nackt. Tann bleibt noch übrig, zu untersuchen, wie well der Krieg überhaupt seine Aufgabe im Rahmen des Kampfes ums Dasein erfüllt. Es ist eine viclverbreitete Meinung, daß der Krieg eine unumgängliche Maßnahme fti, um Uebervölkerung zu verhüten. Zur Not könne zwar eine Seuche genügen, aber dank der Errungenschaften der Zivllisation käme dieses Hllfsmittel nur noch säten in Bttracht. Abgesehen von der Grausamkeit dieser These, die die im Felde Gefallenen, die doch nicht die Schlechtesten eines Volkes sind, gleichsam als überzählig hinsteltt, muß festgestellt werden, daß sie dieser Ausgabe keineswegs gerecht wird. * Hat uns der Weltkrieg vielleicht von zehn Millionen Mensc^n befreit, so haben es die durch ihn umgestalteten Verhältnisse bewirkt, daß weitere zwanzig Millionen der erlösten Menschheit brotlos gemacht und verarmt sind. Um einer Uebervölkerung vorzubeugen, gibt es well bessere Mlltel; man brauchte nur gewisse Paragraphen aufzuheben, wie dies in Rußland vor einiger Zell geschehen ist. Ter Krieg als Mittel, wirtschaftliche Fragen zu entscheiden: ist es eine natüttiche Lösung der Wittschaftsfragen vor dem Kriege, wenn das große britische Imperium, mll seinen dünnbevölkerten Kolonialgä neben, die noch große Entwicklungsmöglichkeiten haben, sich immer wellere große Territorien angliedett, während das dicht bevölkerte Deutschland aus einen möglichst klemm Raum beschränkt wird? Ich rede hier nicht einer neuen deutschen Kolonisation das Wott, aber ich. fürchte, daß Lösungen solcher schwerwiegmdm Frage» durch Krieg zu gewaltsamer Explosion und damll zu neuen Kriegen führen können, und, nach bisherigen Erfahrungen, auch müssen. Jeder Krieg, der in alter Weise gefühtt wird, tragt dm Kern zu neuen Kriegen in sich. — Und doch ein Umstand muß beachtet werden: daß heute die Stärke eines Laiches nicht mehr auf der Schwäche des anderen beruht, well der Zusammenhang zwischen den Völkern viel zu eng geworden ist, eine Folgeerscheinung des Gemeinschafts Prinzips der Weltgeschichte, das von der Technik in weitestem Maße unterstützt wird. Genau so wenig, wie ein Volk Sieger ist, weil der Gegner unterlegen, ist es gestärkt durch die Schwäche des arckeren. Es gibt kaum einen besseren Beweis als die gegenwärtig« Wirtschaftslage. Ich maße mir nicht an, ein abschließendes Urteil über die Rolle des Krieges im Wirtschaftsleben der Völker geben zu können, aber ich glaube, daß die angegebenen Gründe aus reichen, um chm hinreichend skeptisch gegenüberznstehen. Es ist doch kein Zufall, daß. heute mehr denn je nach Möglich keitm gesucht wird, um solchen rein gewaltftunen Entscheidungen aus dem Wege zu gehen. Ich möchte noch auf eine Tendenz aufmerksam machm. die der Kriegsidee das Todesurteil spttcht: das ist die Tatsache, daß bei irgendwelchem Kriegsalarm immer mehr bestimmte private Interessen einer Gruppe mitspieltm, wie etwa in der Jrakfrage zwischen England und der Türkei, wo das Petroleum der treibende Faktor war; es hat sich allerdings inzwischen heraus ge stellt, daß es — gamicht Vorhand m war, und seitdem gibt es keine Irak-Frage mehr. Hier liegt jedenfalls der Fall vor, daß um des Interesses einer kleinen Gruppe wegen die Allgemeinheit fast in einen Krieg gehetzt wird. Unb nun das Fazit dieser ganzen Untersuchung^ Wir haben gesehen, daß der Krieg nicht naturbedingt ist, daß er nichts mll Idealen und Religion zu tun hat, daß er die Aufgaben, die ihm Wirtschaft, Politik und Natur stellen, nicht lösen kann, — wir müssen uns, wenn wir das eingestehen, — zu der Konsequenz bequemen, ihn nicht nur abzu-- l eh neu — das würde wenig machen — sondern ihn zu bekämpfen. Unter dem „Wir" denke ich besonders an eine Gruppe der Menschen, der wir angehören, an die Jagend. Tie alte Generation, die den Krieg mitgemacht hat, wird nicht mehr herausziehen. Tie junge dagegen, die kaum draußen war, ist die erste, die einem zukünftigen Kriege zum Opfer fallen wird — wenn sie sich nicht dagegen wehtt. Außerdem aber hat sie die Verpflichtung, den folgenden Generationen, die den Krieg nicht aus eigener Anschauung kennen, Aufklärung über ihn zu geben. Tie Jugend beginnt, diese ihre Aufgabe zu erfassen. Sie weiß, daß sie damit nicht egoistische Bestrebungen vertritt, fordern einer Menschheitspfluht genügt. Wenn die Jugend von heut« die Weltfront gegen den Krieg organisiert, werden die Staatsmänner von morgen ihn aus dem Bereich ihrer Aktionsmlltel verbannen können. 1000 Kriegsdienstverweigerer kann man ins Gefängnis werfm oder an die Wand stellen; 10000 haben das nicht mehr zu befürchten; und eine- Million Kriegsgegner machen in einem Lande einen Krieg, unmöglich. Der Weg der Friedensbewegung der Jrwend ist damit klar; sie ist fett etwa drei Jahren auf dem Marsch^ Bis zu dieser Zeit gab es in den verschiedenen Ländern Seme Gruppen, die für den Pazifismus kämpften, in Deutschland proletarische und pazifistische Organisationen und die Katholische Weltjugendliga, — aber von einer Bewegung konnte man nicht sprechen. Tie Friedensbewegung der Weujngend existiert« in dem Augenblick, in dem alle irgendwie geeigneten Ju-