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Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-12-16 · 50 (16.12.1927) · page 10

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
50 (16.12.1927)
Date
1927-12-16
Page
– (sequence 10)
Language
German
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» i i i!! t! i I t \ und andere Kunstgenüsse entbchiren mußten, einen Ersatz zu ^enteil in der Institution der von Franziska Mann ins Leben gerufenen „Lichten Sonntage". Auf den immer wisdei. an sie gerichteten Ruf Franziska Manns hin fanden sich Künstler von Rang imfr Namen bereit, an diesen „Lichten Sonntagen" den geistig und seelisch Darbenden uneigennützig das Manna großer und edler Kunst zu spenden. Ter Wirkungskreis der „Lichten Sonntage" ist, dank Franziska Manns rastloser Propaganda, von Jahr zu Jahr expansiver geworden. Tie beinahe 70jährige Frau mit dem jungen Herzen, durch das „ein brennendes Recht floß", wie Gerhart Hauptmann von seinem „Florian Geyer" sagt, hätte dem Leben und der Kunst wohl noch vieles zu geben gehabt. Tas vorzeitig vollendete Dasein der Franziska Mann aber, für das ihre Freunde, ihre Leser und die Schützlinge chres „singenden Herzens" ihr Tank schulden, läßt sich wohl am chesten kennzeichnen mit dem Grimm'fchen Wort: „Tas Leben, in Reinheit gefaßt und getragen vom Zauber der Sprache." Unsere Leser haben Franziska Mann gekannt und ge'iebt, weil sie eine der Unseren war. Darum werden sie tief und ehrlich mit uns trauern als um eine jener Frauen, die mit Fug zu den besten gezählt werden dürfen, obwohl, oder weil man nur selten von ihnen sprach. Eine Chanukahgeschichte Von Auguste Roscnthal-Budwig, Berlin. „Also, wie gesagt, verehrter Herr Dr., es sind diese rein inneren Gründe, die mich zum Austritt aus der Gemeinde bewegen; ich will nicht etwa den Steuern entgehen — ich werde eine gleiche Summe alljährlich irgend einer Wohltätigkeitsanstalt überweisen —; es ist lediglich ein Gefühl der moralischen Sauberkeit, das mich veranlaßt, eine Gemeinschaft zu verlassen, die mir nichts zu bieten vermag.“ Diese Worte wurden etwas nervös hervorgebracht; sie erschienen vorbereitet, fast auswendig gelernt, und es machte den Eindruck, als wolle der stattliche junge Mann, der da im behaglich durchwärmten Studierzimmer dem Seelsorger seines. Gemeindebezirks gegenüber saß, eine ihm wenig sympathische Unterredung damit beenden. Doch eine leichte Handbewegung des Rabbiners hielt ihn zurück. „Sie haben mir allerdings Ihre Gründe sehr klar auseinandergesetzt, werter Herr L“, hörte er nun die ruhige Stimme des Geistlichen, „aber dennoch möchte ich ein paar Fragen noch an Sie richten.“ — „Bitte sehr.“ Haus L. lehnte sich zurück; und in seinen Mienen konnte man lesen: Frage du nur! Ich lasse mich doch nicht umstimmen! Aber schon die ersten Worte ließen ihn aufhorchen: „Der kürzlich verstorbene Amtskollege L. aus N... bürg war doch ein Verwandter von Ihnen?“ Das war keine Frage, das war eine mit solcher Ruhe festgestellte Tatsache, daß an ein Ableugnen gar nicht zu denken war. „Ja, allerdings, Herr Dr., es war mein Großvater.“ — „Und da wollen Sie behaupten, in Ihrer Jugend keine religiösen Eindrücke empfangen zu haben?“ — Hans hatte sich aufgerichtet. „Gewiß, wir Kinder kannten den Großvater nur wenig. Er war einer jener Männer vom alten Schlage, bei denen die geringste Abweichung vom Althergebrachten als kaum gutzumachende Sünde galt. Und als er meinen Vater, der im harten Lebenskämpfe stand, vor die Wahl stellte: „Alles oder Nichts!“, da entschied sich dieser für das Nichts, — und da war eben der Bruch fertig. — Ein paar Ferientage, die ich beim Großvater zubrachte, sind mir noch "heute in Erinnerung; ich litt Qualen unter dem steten Zwang, der ewigen Rücksichtnahme. Aber doch“, hier wurde der Sprecher lebhafter, „ein Abend war wunderschön gewesen und entschädigte für vieles. Es war in den Weihnachtsferien, da stand auf dem Tische ein Leuchter, eigenartig schön; eigentlich war es gar kein Leuchter; es waren 8 Stühlchen aus feinstem Silberfiligran, nebeneinander gereiht auf einer silbernen Platte; jedes Stühlchen trug eine kleine Oellampe, und ihr Schein spiegelte sich an der Rückwand der Platte wieder, wo sich an einem kunstvoll ziselierten Arm ein neuntes Lämpchen befand. An jenem Abend wurde gesungen — leider verstand ich kein Wort davon —, es wurde ein eigenartiges Kreiselspiel gespielt um Nüsse und Pfefferkuchen. Der Großvater war nachsichtiger und heiterer als sonst; er sprach von den Makkabäern, und jedesmal, wenn diese Gestalten mir in der Literatur begegnen, taucht die Erinnerung an jenen Abend in mir auf.“ Hans war bei seiner Schilderung in Eifer geraten; nun begegnete er dem lächelnden Blick des Rabbiners. „Also keinerlei religiöse Jugendeindrücke?! Der, von dem Sie da erzählen, scheint doch aber recht stark gewesen zu sein?!“ — „Nun ja, Herr Dr.“, meinte Hans etwas verlegen, „aber mein Innenleben konnte doch dadurch nicht beeintlußt werden; und jetzt, wo ich es mir unabhängig gestalten könnte...wo gibt es denn noch unserm modernen Empfinden entsprechende Anregungen und Erlebnisse?!“ — „Sollten Sie diese denn nicht im Hause Ihrer Braut empfangen können?“ — „Meiner Braut!“ Hans war aufgesprungen und starrte den Sprecher entgeistert an. „Ja.., aber, was wissen Sie?.. Woher wissen Sie denn..?“ stammelte er. „Es ist doch noch nichts öffentlich..?“ Seine Verwirrung wirkte so drollig, daß der Rabbiner laut auflachte. „Von wem ich das Geheimnis weiß? Nun, von der Hauptbeteiligten, von unserer lieben Fränze selber. Sie wissen doch wohl, daß wir mit ihr, einer meiner Lieblingsschülerinnen, noch immer im angeregtesten Verkehr stehen. Hat sie Ihnen denn nie etwas davon gesagt?“ — „Das schon; aber ich habe es vermieden, mit Fränze über religiöse Fragen zu sprechen; ich befürchtete instinktiv eine Verschiedenheit, und wir haben sonst so viele gemeinsame Interessen...“ Herr Dr. C. war wieder ernst geworden: „So weiß Fränze also auch nichts von Ihrer Austrittserklärung? Ich fürchte, Sie werden ihr damit einen sehr roßen Kummer bereiten, denn in ihrem Elternhause errscht wohl ein liberaler Geist, aber trotzdem oder er ade deswegen ein reges jüdisches Leben. Haben ie denn noch keinen Freitag-Abend dort verlebt?“ — „Offengestanden, nein, Herr Dr.; ich habe am Freitag meist Sitzung in meinem Fachverein; ich hätte mich wohl schon frei machen können, aber..." — „Ader mir lag eben nichts daran", vollendete der Rabbiner. Er erhob sieh: „Nun hören Sie, bitte, mal zu, mein lieber junger Freund — den Mann, den unsere liebe Fränze erwählt hat, darf ich doch wohl so nennen —; ich will jetzt keine Entscheidung von Ihnen; ich denke aber, es wird Ihnen recht sein, wenn ich den Gemeindevorstand ersuche, die Veröffentlichung Ihres Austritts noch aufzuschieben.“ Auch Hans hatte sich erhoben; der Geistliche reichte ihm verabschiedend die Hand: „Ich danke Ihnen also für Ihr Kommen, Herr L“ — „Ich glaube, ich habe Ihnen zu danken, werter Herr Dr.!“ Ein Händedruck, und Hans stand draußen, allein mit einer Fülle auf ihn einstürmender, widerstrebender Gedanken. Oben aber wurde die kleine Rabbinersfrau von ihrem Gatten zu einer wichtigen Besprechung herangeholt, deren Ergebnis ein Telefongespräch und anschließend ein längerer Besuch Fränzes bildeten. Wenn Hans L. in den nächsten Tagen mit seiner Braut zusammen war, betrachtete er sie mit einer gewissen Scheu, und immer fürchtete er, sie würde das Gespräch auf das gefährliche religiöse Thema bringen; aber nichts dergleichen geschah. Nur als sie ihr nächstes Zusammensein verabredeten, und Hans schüchtern meinte, er könne sich diesmal vielleicht — (er sagte sehr vorsichtig „vielleicht“) von seiner Sitzung drücken und den Freitag-Abend bei ihnen verbringen, kam es ihm vor, als lächle Fränze spitzbübisch, als sie mit anscheinend lebhaftem Bedauern sagte: „Ach, wie schade! Gerade diesen Freitag sind wir bei einem Geschäftsfreund meines Vaters eingeladen, und da können wir Dich nicht unangemeldet mitbringen.“ Fränze hielt diese kleine Schwindelei für erlaubt, sogar für notwendig, denn die Worte ihres verehrten Lehrers klangen ihr im Ohr: „Nicht erst lange vorbereiten und drum rum reden; gleich das schwere Geschütz auffahren und ihn im Sturm gewinnen!“ Doch als sic s in enttäuschtes Gesicht sah — er war jetzt wirklich enttäuscht, daß ihm die Freitagabendfeier entgehen sollte —, fügte sie liebevoll hinzu: „Nächsten Freitag, hoffe ich, wird's bestimmt gehen; aber vorher sehen wir uns doch am Sonntag Nachmittag, und, bitte, Liebster, sei so pünktlich, wie es Dir nur irgend möglich ist!“ Am Sonntag Nachmittag erschien Hans, leidlich pünktlich, blumenbewaffnet und so glücklich, sein Bräutchen nach 3 tägiger Pause wiederzusehen, daß ihm ihre nur mühsam niedergehaltene Erregung völlig entging. Sie zog ihn hastig ins Zimmer. Die übrige Familie war bereits versammelt; alle standen um den großen Eßtisch herum; man nickte ihm freundlich zu, und ehe er noch näher treten konnte, begann der Vater mit wohllautender Stimme hebräische Segenssprüche zu rezitieren, auf die alle mit „Omen“ antworteten. Lichtschein flammte auf, da aber Fränze neben ihm an der Tür stehen geblieben war, konnte er nichts weiter erkennen. Dann erklangen ein paar gesprochene hebräische Worte: „haneraus halolu“ und Lottchen, das Nesthäkchen, stellte sich in Positur und deklamierte: „Diese Lichtlein zünden wir an Für die Wunder, die Gott unsern Vätern getan, Als ihnen Hilfe und Rettung war Durch seine heilige Priesterschar. Und alle 8 Tage Chanukah Stehen die Lichtlein als heilig da; Nicht sollen sie uns zum Leuchten dienen, Wir soll'n sie nur anschaun mit frohen Mienen. Und Dank sei dem Namen des Höchsten zu Teil Für seine Hilfe, die Rettung, das Heil.“ Dann war Fränze plötzlich von seiner Seite verschwunden; sie saß am Klavier und „Schirm und Schutz in Sturm und Gräus“ erklang aus allen Kehlen. Beim zweiten Vers mischte sich auch Rudis, des Tertianers, Geige zaghaft hinein, und besonders bei den hohen Tönen, bei denen fast alle streikten, war sein Spiel recht angebracht, was mit heiterem Lachen festgestellt wurde. Die ganze Familie war um das Klavier versammelt, und Hans, um den sich niemand zu kümmern schien, trat näher an den Tisch heran. Plötzlich fuhr er zusammen; seine Augen weiteten sich; er strich mit der Hand über die Stirne. Träumte er denn? Aut einer Silberplatte, deren Rückwand an einem fein ziselierten Arm ein silbernes Lämpchen trug, sah er, nebeneinander aufgereiht, 8 silberne Stühlchen aus kunstvollster Filigranarbeit, in denen hell und ruhig die kleinen Kerzen brannten. Noch dichter trat er heran, behutsam hob er eines der Stühlchen an seine Augen: Kein Zweifel, es war dieselbe Lampe, die ihn als Knaben so entzückt hatte! Die Gestalt des Großvaters stieg vor ihm auf. Aber wie nur kam dieser Chanukkahleuchter in Fränzes Elternhaus?! Ein weicher Arm hielt ihn plötzlich umschlungen, eine heiße Wange lehnte sich an die seine, und eine leise Stimme fragte: „Nun?!“ Die andern standen still beobachtend im Hintergründe und weideten sich an seiner Ueberraschung. „Wie kommt Ihr zu diesem Leuchter?“, fragte Hans mit vor Erregung heiserer Stimme. „Unser lieber Herr Rabbiner hat ihn aus dem Nachlaß Deines Großvaters, den er zu ordnen hatte, für sich erworben; er hat ihn mir für heute geliehen — (unser guter alter Leuchter hat schon 7 Tage lang bei uns seine Dienste versehen)“. — „Und“, fiel das vorlaute Lottchen ein, „wenn er Dir, lieber Hans, gefällt, sollt ihr ihn als Hochzeitsgeschenk behalten.“ — „Bitte, zum Kaffee!“, unterbrach die Mutter die Unterhaltung, und danach begann man zu spielen. „Heute sind wir wieder Kinder“, sagte der Vater lächelnd, wenn er sich über Gewinn und Verlust von ein paar Nüssen ereiferte. Etwas beschämt war Hans allerdings, als er sich erst von den Kindern die Bedeutung der hebräischen Buchstaben auf den 4 Seiten des Trendelchens erklären lassen mußte. Und als die Lichtlein eins nach dem andern erloschen waren, führte Fränze ihren Verlobten ins Nebenzimmer. „Wir andern haben schon unsere Geschenke bekommen; hier haben wir alle zusammen für Dich noch eine Kleinigkeit besorgt.“ Eine Szhreibmappe, Füllfederhalter und Briefpapier, alles mit seinem Namen versehen, lag vor ihm. Fränze schlug die Mappe auf, öffnete den Federhalter, gab einen Brieftogen heraus und obenauf legte sie einen Umschlag, adressiert „An den Vorstand der jüdischen Gemeinde“. — „So, bitte, zur gefälligen Benutzung!“ Ein Kuß, und sie huschte hinaus! Und ohne langes Besinnen probierte Hans seine Geschenke aus mit der Mitteilung, daß er sein Austrittsgesuch zurückziehe. Da läutete das Telefon; der getreue Freund, vielmehr sein Frauchen, hatte keine Ruhe mehr; sie mußten erfahren, ob die Ueberrumpelung gelungen war. Und die sich überstürzenden, glückdurchfluteten Stimmen des jungen Paares sagten ihnen genug. Die Stubenfenbebafte im Preußischen Landtag Im Preußischen Landtag hat die lang erwartete und mehrfach hinausgeschobene Debatte über das neue Stubentenrecht vor vollbesetzten Banken stattgesnnden. Mg. Oelze (deutschnatronal) begründete die deutschnationale Interpellation gegen den Student enrechts-Entwurf des Kultusmrrnsttrs und führte aus, die Studentenschaft habe nichts weiter verlangt, als eine Sicherung gegen die Ueberflutüng durch volksftemde' Elemente. Ohne die völkische Frage war die deutsche Frage nicht zu lösen. In sehr bedeutsamen Ausführungen trat der Kultusminister Tr. Becker den Ausführungen des deutschnationalvölkischen Redners entgegen. Er sagte n. a.: Und dann, die Bedrohung des großdeutschen Gwankens. Einer der lebendigsten und erfolgreichsten Borkämpfer des grvßdeutschen Gedankens und als solcher in Oesterreich anerkannt ist der Reichstagspräsident Lobe. Ihm und seinen Gesinnungsgenossen wäre es aber, wenn sie Studenten wären, unmöglich:, in Wien der dortigen „Deutschen Studentenschaft" beizutreten, weil sie sich dadurch zum grundsätzlichen Antisemitismus und zum Arierprinzip bekennen müßten. Es hat wohl kaum je eine groteskere Irreführung der öffentlichen Meinung gegeben, als in diesem Kamps um das Studentenrecht. Privatrechttich können sich antisemitische Ariervereine znsammenschließen, wie sie wollen. Tie preußischen Einzelstudentenschaften waren aber keine privaten Vereine, sondern auf ihren Antrag und mit chrem Willen Organe öffentlich-rechtlicher Körperschaften, chre Vertreter sprachen im Namen der gesamten Studentenschaft, sie erhoben Zwangsbeiträge, die staatliche Stellen für sie eintrieben. Tie Verfassung scheidet nicht zwischen Ariern und Nichtariern, sie kennt nur Deutsche. Ter M-nister wandte sich scharf gegen die von den Alt- Akademikern draußen im Lande betriebene Hetzpropaganda unter der Studentenschaft und führte dann aus: Man müsse wissen, daß die meisten groß m Verbände ausgesprochen oder unausgesprochen das antisemitische Prinzip haben. Diese Sachlage hätten die österreichischen Ariergruppen mit Erfolg ausgenntzt. Dort sei der Antisemitismus derart fanatisch, daß bei Verhandlungen die arischen Studentengruppen Oesterreichs es geradezu für ihre Mission erklärt hätten, Deutschland zum Antisemüismus aufzuputschen. Ter Minister verurteilte auch scharf den Gesinnungsterror innerhalb der Studentenverbände, dem allein das Resultat der letzten Abstimmung zuzuschreiben ist. Tie Interpellation der Deutschnationalen beantwortete der Minister dahin, daß. die Staatsregierung nicht bereit sei, ihre Verordnung betreffend Neuregelung des Studentenrechts zurückzuziehen. Abg. Frau Tr. Wegscheider (Soz.) führte aus: Die Abstimmung vom vorigen Sonntag, in der die Studentenschaften den Entwurf des Ministers abgelehnt haben, ist doch, erschütternd, wenn man an die Zukunft der deutschen Republik denkt. Tas s ind also unsere künftigen Richter, unsere künftigen Lehrer! * Ter Preußische Pressedienst teilt amtlich mit: „Nachdem die Studenten der preußischen Hochschulen in den Wftimmungen erklärt haben, daß sie eine „Studentenschaft" nicht bilden wollm, hat Kultusminister Dr. Becker den Hochschulen nritgeteilt, daß «ine als Gesamtvertretung aller Studenten und als Glied der Hochschule staatlich anerkannte Studentenschaft danach nicht mehr bestehe... Tie Hochschulbehörden werden im Einvernehmen mit dem vorläufigen Bermögensbeirat und dem geschäftsfühvenden Vorstand der früheren „Studentenschaft" für baldige Liquidation der früheren studentenschaftlichen Einrichtungen sorgen." Vom Jü-Verlin Am 10. November sprach Heinz Kellermann auf einer gemeinsamen Veranstaltung über „Die Frage nach der göttlichen Gerechtigkeit". Die Beteiligung an der folgenden Diskussion zeigte, daß das Thema durchaus im Interesse der Annwesenden stand. Es ist nicht verwunderlich, wenn die alte Frage nach der göttlichen Gerechtigkeit gerade in unserer Zeit aus der Anschauung großer sozialer Gegensätze in uns wieder gestellt wird. Der philosophische Versuch, den Glauben an die Vorsehung und an das gerechte Walten Gottes mit dem bestehenden' wirklichen Nebel in Einklang zu bringen, ist von Philosophen des Altertums bereits gemacht worden und Augustinus und Thomas von Aquino haben versucht, eine Erklärung für das scheinbar Gegensätzliche zu geben. Es ist das Problem, das dem klassischen Beispiel des Theodicee, dem Buche Hiob, zugrunde liegt. „Das Leiden der Gerechten und das Wohlergehen der Frevler", das Kohelet anklingen läßt in den Worten: „Der Gerechte geht zugrunde in seiner Gerechtigkeit und der Frevler lebt lang in seiner Bosheit." I. Heinz Kellermann ging in seinem Referate, das er an einem Gruppenabend des Jli hielt, vom Buche Hiob aus. Nach kurzen Angaben über Entstehung und Form des Buches führte er uns, vielfach Stellen zitierend, in das Problem ein. In diesem, vielleicht ersten religionsphilosophischcm Werke der Weltliteratur, ist das Problem der göitlichenn Gerechtigkeit als Menschheitssrage ausgestellt. Wenn Heinz K. trotzdem die Frage im Christentum als ausgeschaltet bezeichnet durch den Glauben an die gerecht aussöhnende Vergeltung im Jenseits, so hat er übersehen, daß, zumindestens in den Anfängen des Judentums, ebensalls diese Vorstellung vorhanden war, die mit dem Problem von Lohn und Strafe eng zusammcnhängt und die auch im Judentum erst allmählich dem sittlichen Bewußtsein weichen mußte, daß der Lohn der guten Tat, die Tat und die Strafe für das Vergehen, das Vergehen ist. Warum ober leidet Hiob? Warum verliert er sxine Habe, selbst seine Kinder? Haben seine Freunde Recht, die ihn, der sich keines Vergehens bewußt wird, der Sünnde zeihtrn? Heinz Kellermann antwortet: 1. Wie kann der Mensch, der in seiner Ohnmacht die rein physische Macht Gottes nicht einmal erfaßt, sein ethisches Walten begreifen? 2. Hiobs Leiden ist nur äußerlich, in Wahrheit ist er belohnt durch das sieghafte Bewußtsein des in ihm wohnenden Menschentums, aus dem ihm als höchster Lohn die Kraft erwachst, gestützt auf dieses Göttliche, das er in sich trägt, dem Gotte seines Gewissens gegenübertreten zu können. II. Wir .sehr wir alle in der Beantwortung der Frage stecken geblieben sind, zeigte die lebhafte, wie ich glaube, auch fruchtbare Aussprache. Rur zu leicht wird der Fehler gemacht, aus der Perspektive des Gegenwärtigen Vergangenes zu beurteilen. Hiob ist nicht schlechthin Mensch in unserem Sinne. Wir sehen es aus der Lösung des Problems, di« das Buch Hiob für Hiob — und nur für ihn — gibt. Hiob war Gott nahe, Gott sprach zu ihm, Gott ließ ihn sehen. Der Hwd vor dem Gotteserlebnis mußte ein anderer sein als nach ihm. Er bekennt selbst: „Nach Gehörtem wußte ich von Dir; doch nun hat mein Auge Dich gesehen." Nicht nur Anerkennung der Macht Gottes, der eigenen Ohnmacht, sie würde das Problem nur verschieben, nicht lösen, sondern das plötzliche Erkennen des geheimen Waltens, des Sichbrkennen zu dem Unfaßbaren, wie Gott selbst, so auch sein Walten, schafft für Hiob wirkliche Lösung. Werner van der Ayl.

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