Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-12-16 · 50 (16.12.1927) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
50 (16.12.1927)
Date
1927-12-16
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2613366-2613895-2613944--2529-2620011
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

«erchbünde und -Gruppen in aller Well der pazifistische Gedanke hineingetragen wurde. Das war vor etwa drei Jahren. Man nahm miteinander Fühlung, und auf diese Weise entstand der Plan, die Jugend aller Länder und aller Richtungen -n einem Weltbünde der Jugend gegen den Krieg zusammenguschiließen. Wir stehen heute mitten in der Bewegung sodaß es schwer ist, ein vollständiges Bild zu geben; ich will (versuchen, ihren Entwicklungsgang so zu schildern, wie ich ihn -erlebt habe, — schon aus dem Grunde, weil er typisch ist für die Ausbreitung des Gedankens. Meine ersten Eindrücke gewann ich im Ausland, in England, wo?ine Gesellschaft, die Holiday Fellowship, die :<m und für sllh nichts direkt mit Jugend und Pazifismus zu tun hat, sich für diese Gedanken einsetzte. Sie begann, von sich aus Jugendfahrten in Deutschland zu organisieren, weil sie glaubte, daß das Kennmlernen des fremden Volkes, das Eindringen ins eine Sprache, seine Sitten und seine Kultur am ehesten imstande ist, die alten Vorurteile, die euren Krieg begünstigen, zu beseitigen. Einzelne Menschen in Deutsch,- tand, wenn rch nicht irre, Marburger Studenten, warben bei uns dafür. Tie Holiday Fellowship unterstützte die Bewegung daneben auch in anderer Weise; sie nahm reges Interesse an den ersten Tagungen der pazifistischen Jugend aller Welt, aus «cklen Lagern, die damals in Bierville in Frankreich veranyallet wurden. Hier wurden zum ersten Mal die Fragen beraten, wie die Jugend für den Frieden arbeiten könne. Und die Vertreter der Jugend aus Amerika, Europa, aus dem fernen Osten und Indien sahm, daß hier eine Aufgabe ihrer harrte. Ich habe, um,es noch einmal zu betonen, die Einstellung der Holiday Fellowship als einer nicht eigentlich pazifistischen Omayisation zur Weltbundidee deshalb hervorgehoben, um ein Beispiel für die Träger dieser Idee zu geben.. Genau so wie sie begannen andere Gemeinschaften, die allerdings der Jugend bedeutend näher standen, zu arbeiten. Sie alle gingen demselben Weg, den ich vorhin schon kurz skizziert habe, nm jcht etwas naher darauf einzugehen. Sein Leitmotiv war der Gedanke, daß gerade die Verständnislosigkeit für die fremde Bolksart und vollkommene Unkenntnis seiner Lebensbedingungen viel zur Entstehung von Kriegen beigetragen hat. Darum wurde besonders darauf hingerarbeitet, diesem Mißstand abzuhelfen. Als das beste Mittel scheuch die schon'früher erwähnten Weltjugendfahrten «n, deren Idee von der Holiday Fellowship stammt. Einige von uns aus dem Berliuer Jli haben schon Gelegenheit gehabt, eine solche Wanderung mitzumachen. Wir haben dabei mit Menschen eines anderen Volkes gelebt und erlebt, wir haben ihnen unser Land gezeigt und unser Leben, msd wir haben alle dabei gelernt, daß man seine Heimat und ihre Menschen sehr lieben kann, ohne blind zu sein gegen die Vorzüge anderer Völker. Unsere Gäste aber haben gesehen, daß sie bei uns Gesinnungsgenossen haben, daß unser Land, in diesem Falle Deutschland, nicht so kriegslustig ist, wie man etwa an dem Auftreten bestimmter Organisationen, oder beeinflußt durch irgendwelche Meinungen, glauben mochte. Dieses Bewußtsein aber, nicht allein zu stehen im Kampfe gegen den Krieg, ist von größter Wichtigkeit. Es haben sich Freundschaften gebildet während solcher Wanderzeit, die vielleicht fester sind als gewöhnlich, weil sich, die Einzelnen genügend kennen Lernen konnten. So sind, ohne die wertvollen .Eigenarten eines jeden Volkes zu verkennen, Fäden gezogen Von einem Laiü> zum andern, um zu verhindern, daß sich die beiderseitigen Vorzüge im Kriege gegenseitig vern'chten, statt vereint zu wirken. Daß die Hoffnung auf Entstehung eines festen Bandes zwischen den Völkern nicht unberechtigt ist, zergt die schnelle Entwicklung dieser Idee. 1925 veranstallete die H. F. 4 Wanderungen mü 39 Teilnehmern, 1926 8 mit 95 Teilnehmern; im letzten Sommer übernahm die British Federation of Houth die Vorbereitungen in Verbindung mit deutscher Jugend, und wir hatten 20 Wanderungen mit 300 Teilnehmern. Das scheint wenig im Vergleich zu den großen Massen der Völker, es bedeutet viel, wenn man an das kurze Alter dieser Wanderungen und an die Ausbreitungsmöglichleiten ihrer- Idem denkt. Es wird darauf hing-varbeitet, auf diese Art möglichst mit vielen Völkern in Berührung zu kommen; daß Deutschland hier den Anfang macht, liegt daran, daß bei uns der Gedanke des Jugerchwanderns seinen Ursprung hat und am meisten gepflegt wurde. Was die Weltjugendwanderungen für Vertiefung der pazifistischen Idee bedeuten, bleuten die Tagungen und Lager für ihre Zielsetzung. Sie fanden bis jcht in Frankreich, in Biervllle und in Deutschland auf der Jugendburg Freusburg im Sauerland statt, schließlich in Dänemark, und zukünftig in Holland. Gerade die Tagung dieses Sommers auf der Freusburg war von ziemlicher Bedeutung, well hier über die Grundlagen und Voraussetzungen des zukünstigm Weltbundes der Jugend gegm dm Krieg beraten wurde. Diese Beratungen wurden in einzelnen Arbeitsgemeinschaften geführt, aus denen, für uns wichtig die polllische, und danebm die pädagogische, anzuführen wäre. Interessant ist, und ich möchte «s gerade in diesem Kreise betonen, daß die einzige Arbeitsgemeinschaft, die ihre Tätigkeit einstellte, weil man keinen Weg zu irgendeiner Lösung finden konnte, die religiös-weltanschauliche war. Um das politische Fundament der Weltjuyendidee klarzumachen, gebe ich kurz die Thesen der polllrschen Arbeitsgemeinschaft wieder. Sie setzt zur Ueberwindung des Imperialismus eine ausbmtungsfreie, nichtkapitalistische Wirtschaft voraus. (Tie Interessen der Unternehmer fiitb Kriegsursachen, z. B. stampf um Petroleumquellen.) Sie ist gegen das alte und noch existierende Kolonialsystem, einmal, well es Ursache' zu immer neuen Blutvergießen ist, dann, weil die weiße Rasse keine irgendwie begründete Be- 'rechtigung zur Unterdrückung der anderen Rassen hat.- Ter Kampf der nationalen Minderhellen erfordert volle Kulturautononne. Ter Völkerbund ist in seiner gegenwärtigen Gestalt nur mit größter Zurückhaltung als pazifistischer Faktor , anzusehen, weil er zu sehr den Interessen kapitalistischer, im- ° perialistischer und nationalistischer Staaten dient. Ich. vermute, daß von diesen Thesen vielleicht di« erste, die gegen den Kapitalismus gerichtet ist, manche überraschen . kann. Ich möchte aber betonen, daß damit durchaus nicht gesagt ist, welch« Wirtschaftsform an ihre Stelle treten soll, z. B. die sozialistische (obwohl diese vielleicht durchaus den Bazfsißmus begünstigt) oder eine andere. Es wird nur der. Kapitalismus abgelehnt, was man bei näherer Prüfung der Tatsachen als berechtigt anerkennen muß. Auf diesen Grurcksätzen soll der Weltbund der'Jugend errichtet werden, dessen Gründung im August 1928 m Höllmü» stattfinden wird. Zu betonen ist, daß an. dex Schasstrug dieser Thesen Metzretex der gesamten deutschen Jugend, von der proletarischen bis zur jungnationalen, mitgearbellet haben, gemeinsam mitgearbellet haben, zusammen mll Franzosen, Engländern, Holländern, Indern, Dänen, Amerikanern, Chinesen u. a. Von jüdischer Jugend war, abgesehen von Zionisten, die aus Palästina kamen, nur der neutrale Verband vertreten. Tie folgenreiche und bedeutungsvolle Arbell, die auf diesen Tagungen unfc, in gewisser Weise, auch auf den Fahrten geleistet wird, wäre umsonst, wenn sie nicht durch Kleinarbeit in allen Kreisen der Jugend, in allen Ländern vervollkommnet und vertieft wird. Darum ist man gerade jcht dabei, in Deutschland in alle Kreise diese Gedanken hineinzutragen; in Berlin entstand eine Gruppe, die sich scheinbar gut entwickelt und die versucht, in pazifistischem Sinne auf alle Bünde zu wirken und mit ihnen zu arbeiten. Ichhabe mich zuerst dieser Gruppe gegenüber skeptisch verhalten, well man feste Ideen, wie Lebensreform, in sie hineinbrachte, was der Vielseitigkeit der Bewegung schadete. Man ist davon abgekommen und hat es, glaube ich, nicht bereut. Es arbeiten jcht schon eine ganze Reihe von Bünden auf pazifistischer Basis hier zusammen, und auch, der Jli-Berlin hat sich, vorerst mll Recht noch zurückhaltend, zur Mllarbeit berellecklärt. Damit bin ich an dem Punkte angelangt, von dem manche unter uns vielleicht erwarteten, daß ich ihn in den Mittelpunkt meiner Erörterungen stellen würde. Ich denke an das Thema: Wie sollen wir uns als jüdische Jugend zum Pazifismus verhalten, und welche Wege sollen wir dabei gehen? Ich lasse dieses Thema offen, aber ich glaube, daß es in seinen Grundlagen nicht schwer zu behandeln ist. Wir haben als Menschen die Pflicht, den Krieg in seiner heutigen Gestalt als etwas Menschenunwürdiges zu bekämpfen; wir haben sie als religiös bewußte Menschen in erhöhtem Maße. Wir dürfen doch nicht immer bei unserer Arbell denken, daß Religion Selbstzweck ist! Ich denke an einen Aufsatz von Betty Markus in einer der letzten Nummern unseres Blattes, in der sie über die Gefahren unserer Einselligkell spricht. Tie Ursache dieser Einseitigkeit liegt in dieser Auffassung, daß wir in einem religiösen Verein nur über religiöse Tinge sprechen müssen. Wir sollten vielmchr von der Basis unserer jüdischen Anschauungsart an alle Probleme unserer Zeit Herangehen, wie wir das ja auch, wenigstens im Berliner Jli, tun, wir sollten mll Menschen, die sich dm gleichen Fragen beschäftigen, aber aus anderen Wegm^berangekommen sind, Zusammenarbeiten — dann werden wm die Gefahr der Einseitigkeit beseitigen. Und in diesem Sinne glaub- '% daß wir, wenn wir z. B. pazifistisch, zusammen irr' .jeret Jugend, arbeiten, damit sowohl im Sinne unsere, ueberzeugung als auch für die Gemeinschaft Wertvolles leisten können. Und der Erfolg solcher Arbell, der Erfolg des Pazifismus? R. N. Coudenhove-Kalerghi hat darauf die Antwort gegeben: ,Hedes historische Geschehen begann als Utopie und endete als Realität!" :: Aus der Ili-Arbeil :: ★ Jli-Berlin. Am 8. Dezember hielt Walter Simon auf einer gemeinsamen Veranstaltung einen Vortrag über dasselbe Thema, das sein heutiger Aufsatz behandelt: Jugend und Pazifismus. Anschließend daran ergab sich eine lebhafte Diskussion. In der Idee stimmte man selbstverständlich überein, man gab auch zu, daß der Weg über die Erziehung und Verständigung wesentlich und notwendigsei; es entstand aber eine eifrige Diskussion als eine Gruppe für peu Acrteidigrmgs- und vor allem für den Befreiungskrieg die Ablehnung des Krieges — trotz seiner Entsetzlichkeit — nicht unbedingt zugeben wollte. Man betonte, daß man von Hcrzenn gern den rein idealen Weg gehen ivürde, fürchtete aber, daß dabei — man dachte an die Lage unterdrückter Kolonialvölkeir — zu viel Kraft verloren ginge. Dagegen wurde eingewandt, daß es für den wirtlichen Pazifisten nur eine Stellung zum Kriege — gleichgültig ob Angriffs- oder Verteidigungskrieg — geben könne — nämlich die konsequente Ablehnung. Eine solche einheitliche Stellungnahme wurde doch recht erschwert, als von der andern Seite die Notwehrfragc aufgeworfen wurde; eine konsequente Ablehnung — so meinte man — müßte also auch die Verweigerung der Notwehr einschlirßen. Gäbe man aber die Notwehr zu, dann ließe sich auf der andern Seite die Kriegsdienstverweigerung bei einem Verteidigungs- oder Befreiungskriege wohl nicht halten. Die konsequenten Pazifisten glaubten ein solches Resultat nicht zugrben zu müssen, da sie einen prinzipiellen Unterschied zwischen Notwehr auf der einen Seite und Verteidigungskrieg und Revolution auf der andern machten. Die Notwehr sei eine plötzliche, unvorbedachte Handlung eines Einzelnen, während ihnen der Verteidigungskrieg und auch die Revolution als planmäßiger vorbereiteter Krieg erschien. Gerade dieser Unterschied konnte die Gegner nicht zufrieden stellen, da sie z. B. in der Revolution die Notwehr einer Gemeinschaft, also einer Summe von Einzelnen sahen. In dieser entscheidenden Frage konnte man nicht recht zu einem Resultat gelangen, und. so blieb als vorläufiges Ergebnis der Diskussion übrig, daß wohl zunächst der Einzelne nur in sich eine Lösung finden kann. Paul Heinrichsdorfs. (Siehe auch im heutigen Hauptblatt.) Jli „Abraham Geiger", Breslau. Am 2. Bereiusabeud, Montag, den 31. Oktober, sprach Herr Religionslehrer Davidsohn über das Thema: Aus welchem Grunde und zu welchem Zweck treiben wir jüdische Geschichte und Literatur? Der Herr Referent knüpft an den Bortrag unseres Herrn Vorsitzenden Rabbiner Dr. Halpersohn bei der Eröfsnungsversammlung: Warum jüdisch und liberal? an. In der Aussprache über diesen Vortrag haben sich drei Fragen heranskristallisiert, die an diesem Abend nicht genügend besprochen und darum noch einer besonderen Erörterung in diesem Kreise bedürfen. 1. Wie erziehe ich die Jugend zum liiberalcn Judentum? 2. Wie beseitige ich die Gleichgültigkeit der Jugend gegen den jüdischen Religionsunterricht? 3. Das Problem der Offenbarung. Während diese beiden ersten Fragen in besonderen Ausspracheabenden behandelt werden müssen, hält es der Herr Referent für seine erste Aufgabe, auf das Problem der Offenbarung zuriickzukommen, weil damit gleichzeitig seine Stellung zum Thema des heutigen Abends gekennzeichnet wird: „die Idee der jüdischen Geschichte", oder „aus welchem Grunde und zu welchem Zweck treiben wir jüdische Geschichte und Literatur"? Nach Erörterung des Vortragenden, daß über den Wert und die Wirkung der Offenbarung kein Streit oder Zweifel obivaltet, referiert er über die Anschauung . der einmaligen übernatürlichen Offenbarung. Er wies durch Anführung biblischer Beispiele nach, daß diejenigen, die an die Bibel den Maßstab pedantischer Buchstäblichkeit legen, nicht unterscheiden zwischen. Poesie und Prosa biblischer Darstellungsweise, und daß im Gegensatz zur Anschauung der übernatürlichen Offenbarung die ganze , in der Schrift vorangehende Schilderung nur dazu dient, diese einzigartige , und ewige Bedeutung des Zehnwortes eindrucksvoll zu gestalten. Demgegenüber schilderte der Herr Referent die Offenbarung Gottes hauptsächlich nach drei Gesichtspunkten hin: 1. die Offenbarung 'Gottes in der Natur, 2. im Menschengeist und 3. in der Geschichte. Er bewies, daß die Gesetzmäßigkeit in der Natur mehr als alles andßre Gottes Allmacht, Liebe und Güte erkennen läßt, und .. darum der Mensch sich beugen muß vor dem scheinbar unerbittlichen Naturgesetz, welches sich doch im Allgemeinen und letzten Grundes für die Erkenntnis und die Sicherheit unseres Daseins als Segen erweist. — Als unmittelbarste Offenbarung sieht er dann den Meuschengeist selber an, wie er sich kundgibt in dem „gottbegnadeteu Menschen", der über den Durchschnitt und die Alltäglichkeit hinausragt und das Kennzeichen wahrer Größe trägt, ohne es selbst zu wissen. Endlich weist er nach, daß trotz alles zeitweiligen scheinbaren Stillstandes oder Rückschrittes in der Entwicklung der Geschichte in dieser doch stets der Fortschritt vorhanden und darum eine Offenbarung Gottes zu spüren ist, daß schließlich das Ziel der Geschichte d i e Zeit ist, da nicht der Krieg, sondern der Friede, nacht der Haß, sondern die Liebe, nicht der Aberglaube, sondern dir Vernunft die Oberhand gewinnen soll, dann, wenn nach dem Bilde des Propheten die Erde voll sein wird von Gotteserkenntnis. — Zum Thema des Abends erklärt er, daß nicht die Fülle dec Geschehnisse schon Geschichte bedeutet, sondern daß man die leitenden Ideen erkennen muh, die in allen geschichtlichen Tatsachen enthalten sind; nur* dann kann die Geschichte zur Lehrerin der Gegenwart werden; nur dann erfüllt die Beschästigung mit der Geschichte ihren Zweck, der darin besteht, daß wir an den vergänglichen Ersähet- Znungen die ewigen sittlichen Ideen erkennen sollen. Darum empsinden wir mehr Interesse für den Teil der Geschichte, in dem sich eine geistige und sittliche Macht offenbart als für denjenigen, in dem physische Kräfte, seien sie auch noch so gewaltig, ins Vordertrefsen gerückt werden. Auch hier erweist sich die Wahrheit des Prophctenwortcs: Nicht durch Heere und nicht durch Kraft, sondern durch meinen Geist. Nur wenn der Geist die Hauptrolle spielt, wenn der Fortschritt der Menschheit dabei in Frage steht, können wir in Wirklichkeit von Geschichte sprechen. Und wenn dann dazu noch kommt, daß solche Geschichte Geschehnisse aufweist, die uns lieb und wert sind, weil» sie aus der Mitte unserer Vorfahren herausgewachseu sind und darum uns selbst betreffen, unser Fühlen, Wollen und Denken bestimmen, so wirkt die Beschästigung mit einer solchen Geschichte auf uns belebend und warnend, und gibt uns die sittliche Kraft, uns auf uns selbst zu besinnen, Stürme und Schicksale zu übcrstchen. Die Geschichte Israels und Judas bietet für alles Angeführte düs beste Beispiel. Als Träger erhabener sittlicher Ideen wird seine Geschichte zur Offenbarung der Gottheit; und nicht nur, wenn wir es zusammcnfafsend betrachten, sondern jedes Ereignis, zumal unter denen, tvelche tiefer eingeschnitten haben in das Leben von Juden und Judentum, scheint gewissermaßen uns ein Beispiel zu sein, zu einer allgemeinen sittlichen Regel zu werden und die Nutzanwendung für die Volksseele wie für die Seele des Einzelnen tritt mit frappanter Anschaulichkeit zu Tage. So erkennt der Referent durch die Beschäftigung mit der jüdischen Geschichte, daß jedem Juden eine schwere Verantwortung für die Zukunft der Menschheit auferlegt ist; sie sagt ihm, welchen hohen Wert das Judentum der freien ungehemmten Entfaltung der menschlichen Kräfte beimißt, wie die Religion des Judentums diese Freiheit so notwendig für die Seele erachtet wie für den Körper die Luft. Starker anhaltender Beifall dankt unserem treuen geistigen Führer Herrn Davidsohn für seine erschöpfenden Ausführungen. In der Aussprache ergab sich die Erörterung der Frage, wie sich das Judeivtum theoretisch zur Friedensidee, zur Völkerversöhnung stellt, und warum es sich praktisch nicht tatkräftig für dieses Ziel einsetzt. Hervorgehoben tvurde ferner, daß immer im christlichen Religionsunterricht die Jcsusgeschichte den Kindern unter geschichtlich gefärbten Gesichtspunkten dargestellt werde, was natürlich ein falsches Bild der ganzen damaligen Zeit ergebe. Hierbei wurde über die verschiedenartigen Gesichtspunkte diskutiert, unter denen man Geschichte und geschichtliche Geschehnisse betrachten kann. Angeregt wurde schließlich der Gedanke, im Rundfunk neben der katholischen und evangelischen auch jüdische Morgenfeiern zu veranstalten. Im Schlußwort hob der Herr Referent namentlich die Notwendigkeit dec eigenen Geschichtskenntnis hervor, die für die Entwicklung des Judentums unbedingt erforderlich ist. Zli-JugendgMppr, Frankfurt a. Mat«. Am Sonntag, den 6. November 1927, fand ein gemütlicher Nachmittag in größerem Rahmen in den uns von der Familie L. Niedermann in liebenswürdiger Weise zur Verfügung gestellte« Räumen statt. Durch das Mitwirken eines jeden einzelnen hat sich dieser Nachmittag zu einem gemütlichen Beisammensein gestaltet, der allen Teilnehmern lange in freudiger Erinnerung bleiben wird. Bor allem gebührt unserer sehr verehrten Familie Niedrrmann unser herzlichster Dank, deren aufopfernde Bereitwilligkeit allein wir all das Schöne und Gute zu verdanken haben. Sämtliche Teilnehmer äußerten den Wunsch, einem solchen Nachmittag rocht bald wieder beiwohnen zu können. I. M. In ähnlichem Rahmen wie im vorigen Jahr den Gabriel Rießer- Abend und die Moses Mendelsohn-Feier veranstaltete der Frankfurter Jlr einen Abend „Aus jüdischer Dichtung". Während die üblichen Heimabende Probleme ausrollen, die im Anschluß an die Referate in der Diskussion umkämpft und von den verschiedensten Seiten beleuchtet werden, sind diese Feierstunden der Vertiefung und dem Kennenlerneu jüdischen Wissens und Empfindens gewidmet. „Was bedeutet uns lebendiges Judentum" hatten wir als Untertitel unserer diesjährigen Winterarbeit gewählt und dieser Abend brachte tatsächlich „lebendiges Judentum". Zwar nicht in dem Sinne, wie wir unser Judentum leben, oder leben wollen, aber doch lebendiges Judentum, indem uns Gestaltenaus jüdischer Vergangenheit, jüdische Typen, jüdisches Leben bewegt gestaltet vor Augen geführt wurden. Frau Selma Eisemann, die sich uns für diesen Abend zur Verfügung gestellt hatte, hatte eine vortreffliche Auswahl aus den verschiedensten Gebieten jüdischer Dichtung zusammengestellt; was sie vortrug ging uns zu Herzen und die Art, wie sie es vortrug, mit ihrem wunderbaren Organ, ihrem inneren Erleben, das sie auf uns zu übertragen verstand, brachte sie eine innere Verbundenheit mit diesem wunderbaren Milieu jüdischen Lebens zustande. Es war ein Abend der tiefsten Empfindungen, für den wir der Sprecherin herzlichst zu danken haben- Der Abend wurde durch einleitende Worte von Dr. Erwin Seligmann, in welchen er uns mit dem Wesen jüdischer Dichtung, in erster Linie ostjüdischer Dichtung, vertraut machte und von Harmoniumspiel (Frl. Hermann) umrahmt und war für uns alle ein innerstes Erleben. A. Jakobsohn. Einen ivertvollen Abend gab uns das Referat des Herm Rabbiners Dr. Gottschalk über die „Grundgedanken des Judentums". Religiöser Jude ist jeder, so hörten wir, der einen Willen, ein Sehnen nach Religion hat. Denn nichts anderes verlangt die Religion, vorausgesetzt, daß ihre ethischen Forderungen auch in der Praxis erfüllt werden. Die nun folgende Diskussion beschäftigt sich lange mit diesem Problem, besonders mit der Frage, was uns zu Juden macht. Herr Dr. Rothbarth gab uns an einem anderen Abend in seinem Referat „Betrachtungen zum jüdischen Liberalismus" eine reiche Ergänzung zu dem ersten Thema. Daß die Diskussion, die sich mü den Fragen „Gefühl oder Verstand", „Gemeinschaft oder Einzelner" befaßte, besonders interessant war, geht aus der regen Teilnahme auch neuer Mitglieder hervor. Dem Vorwurf, der uns so gern von anderer Seite gemacht wird, wir seien zu einseitig eingestellt und berücksichtigten nicht die weiten Teile des Judentums, die sich aus Ostjuden und Chassidim zusammensetzten, begegnete wirkungsvoll ein Abend, der ein Erlebnis genannt zu werden verdient. Frau Dr. Eisemann sprach „Jüdisch« Dichtungen", und sie sprach sie so, daß eine Welt vor uns lebendig erstand. Ob es die erschütternde Gestalt der Berucia, ob es die rührend schlichte eines Bonze Schweig, oder die heitere eines fröhlichen, jungen Menschen war, immer traf die Sprecherin mit echtem, von Herzen kommenden, zu Herzen gehenden Ton die rechte Weise, so daß wir mitgerissen wurden, ja miterlebten. Ein wundervoller Abend! Ucber unseren Gottesdienst an anderer Stelle Bericht, über die Diskussionsabende mit anderen Vereinen das nächste Mal. Der Dezember wird im Zeichen des Ehanukah stehen,, über das wir in der nächsten' „Jli-Beilage" beritten werden. MaxGundersheim.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.