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Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-12-16 · 50 (16.12.1927) · page 9

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
50 (16.12.1927)
Date
1927-12-16
Page
– (sequence 9)
Language
German
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7. Jahrgang Nummer 50 MWibemleWim 2. Beilage 1b. Dezember 1927 Die Frau mit dem singenden Herzen . ii i n N a >ch r u f auf Franzista Man n. Von Tons Mittlrer. Am Freitag, den 9. Tezember, ist Franzisla Mann im 68. Jahre eines arbeitsreichen LevenS jliU und geräuschlos dahmgesHieoen. So still und geräuschlos, wie eben nur Franziska lutenm zu leben und_^u steroen vermochte. Tie Junst tat die SchriftstellerNl uuv Tichtenn Franzisra Mann an ihrer Bahre gegrüßt und geehrt. Darüber hinaus aber sollten Menschen Kunde davon tun, wer und was der Mensch Franziska Mann ihnen war und bedeutete. Tenn hier in diesem felteneu Falle, wo die Kontinuität zwischen Künstlerschaft und Persönlichkeit in einem nahezu ergreifenden Grade gewährt wurde, ist es wesentlicher, Seelisches aufzudecken als Literarisches festzustellen. Taten für den „Kürschner" oder für die neueste Literaturgeschichte — Meilensteine des Nachruhmes — sind gut, aber ein gezeichnet Steh en in der h eiligen Schrift jener Menschlichkeit, die man mit Fug Gottes nähe heißen könnte, ist besser. Und in dem Buche des Lebens, das man Nächstenliebe nennt, gebühren Franziska Mann zwei große leuchtende Sterne. Franziska Mann hat einmal eine rührende kleine Erzählung geschrieben von dem „Mädchen mit dem singenden Herzen". Tiefes singende, klingende, schwingende Herz, das nur die eine Melodie von der großen, erbarmenden, hilfsfreudigen Menschengüte kennt, aber diese Melodie in vieltausend Varianten ertönen läßt; das war Franziska Mann — „Tie . Einzige und ihr Eigentum". Jedes gütige, feinsinnige Wort der Poesie, das ihr gelang, ließ, sich! ersetzen und decken durch eine gute Tat, die sie in der stillen Bescheidenst prosaischen Alltags vollbrachte. Bei ihr gab es keine Tiskrepanz zwischen künstlerischem Schaffen und menschlichem Wirken. Franziska Mann war voll der „schenkenden Tugend", die das Leben reicher, wärmer, froher macht. Unablässig und unermüdlich! hat sie das Licht ihrer Seele hineingetragen in jede scheinbar irnauszuhellende Finsternis dec Entrechteten und Geknechteten. Jede Hilflosigkeit und Verlassenheit übte auf Franziska Mann eine magische Anziehungskraft aus. Kinder, alternde Mädchen, Proletarier: ichinen allen brachte Franziska Mann Herz und Hirn und Hand entgegen. Franziska Mann war niemals Frauenrechtlerin, vermutliche auchweder vor, noch, nach dem 9. November 1918 Sozialdemokratin. Ihre selbstverständlich^ edle Menschlichkeit brauchte, ja vertrug wahrscheinlich gar keine Organisation. Ihr war die Botschaft von der Freiheit. Gleichftieit, Brüderlichkeit eine eingeborene und darum unveräußerliche Heilswahrheit. Ter Geist biblischer Nächstenliebe lebte in ihr, und sie hätte Verrat üken müssen an sich selbst, wenn sie Verrat hätte üben sollen an eben diesem Geiste der Liebe, der Verzeihung und Duldsamkeit. Wer die schmale, strenglinige Frau mit dem tlugen, hartgemeißelten, nahezu männlichen Antlitz sah, der war eigentlich überrascht, just hinter dieser herben Hiule so rührender Weichheit und Wärme zu begegnen. Aber puritanische Schlichtheit und Selbj'tbeschxidmheit sind wohl untrennbar oon dem ständigen Opscrbienst für — Nächste und Fernste. An der Bahre von Franziska Mann werden viele verhutzelte alte Weiblein und viele in der ersten Jugend begriffene '.'Menschenkinder getrauert haben, denen sie materiell und ideell zu geben und immer wieder zu geben wußte. Franziska Mann bedurfte keiner großen und üppigen Hilfsfonds, um Menschen körperlich und geistig zu preism, zu nähren, zu kleiden und zu erfreuen. Und sie, die für sich selbst ohne jeglichen Anstrich war und durch ein hartes Leben schritt: sie hat keine noch so werten Wege, kerne rrvch so hohen Treppen, keine nach so häufigen Briefe gescheut, um besitzende Mensche,: aus der Trägheit des Herzens auszuscheuchen und ihnen ihre höchste Pflicht, die Pflicht dev Nächstenliebe, wohlvefttünden der werktätigen Nächstenliebe, in die Seelen zu hämmern. Um den, maskulinen Kopf dieser unscheinbaren, von der Natur wenig begnadeten Frau, deren ganzes Wesen die Bestimmung auszudrücken schien: „Und Tulden ist das Erbteil ihres Stammes"; um diesen Kopf wob eigentlich immer ein heimlicher Heiligenschein. Und wer mit ihr sprach- oder wer auch nur ihre Briefe las, der konnte allzeit ihr großes gütiges Herz singen hären. Franziska Mann wurde im Jahre 1859 in Kolberg als Tochter des dortigen sehr angesehenen Arztes D r. H. e r m a n n Hirfchfeld geboren. Tr. Hirschfeld - auch! er schon ein Helfer von Berus und Neigung — hat sich große Verdienst« um die Gründung des Bades Kolberg erworben und war wegen seiner Menschenfreundlichkeit so geschätzt, daß ihm von der dankbaren Bevölkerung seiner Heimat ein Denkmal gesetzt worden ist. Es scheint mithin, daß die Liebe zur Meufichheit sich hier im Blute vererbt hat. Ihre schriftstellerische Laufbahn begann Franziska Mann erst auf der Höhe des Lebens, als vollgereifte Frau von etwa vierzig Jahren. Sie trat zuvörderst mit epischen Arbeiten kleineren Umfanges, die aber, gleich allen Schöpfungen Franziska Manns, lyrischen Charakters waren, in die Oeffentlichkeit. Ihr erssi's größeres Buch 'hieß. „Könige ohne Land", ihr nächstes, Aufmerksamkeit erregendes Werk war das schon erwähnte „Mädche,'. mit dem singenden Herzen". Novelkenbändc wie „Alte Mädchen", „Kinder", „Bon Kindern", das kleine Heft der Lebensweiskeit „Wege hinauf", sowie die zarte und zärtliche Geschichte von „Frau Sophie und ihren Kindern" folgten. Und immer waren neben der vornehmen Anmut eines gepflegten Stiles die tiefe Jnnigteit und Innerlichkeit eines — frei; alle: Vertrautheit mit dem Leben gläubigen und vertrauenden Menschen charatkeristisch für das künitlerifche Erlebnis, das Franzisia Manns Bücher vermittelten. Etwas Lauteres, Que.lfcisches ging von diesen Büchern aus. Es war einem stets, wenn man ein neues Werk der Franziska Mann aus der Hand legte, als hätte man einen besonders reinen, guten und erquiaenden Trunk getan. Sje hat Werre geschrieben, die es verdienen, noch in vielen Auflagen des Mrschnerschen Literaturläterrders Erwähnung zu finden. Ihre eigentlichen Werte, die sie unsterblich machen, aber waren ihre Taten am lebenden Menschen. Sie war keine jener Philantropinnen, deren Name, geschweige denn deren Spenden für und für in der Oeffentlichkeit erwähnt werden mußten. Aber sie war mehr als das. Sie war Charitas in Person. Sie vermochte es, aus dem Nichts etwas zu schaffen, vermochte die härtesten Gemüter zu erweichen, tvenn cs zu Gunsten verschämter Armer oder heimlicher Schützlinge ging. Und eigentlich war selbst ihre Dichtung nichts als gestaltete Menschenliebe. Täs 'Pfauenrad persönlicher Eitelkeit kannte sie nicht. Sie hielt-sich nur für das bescheidene Glied einer -großen Gemeinschaft. Für diese Gemeinschaft aber warb und wirkte sie. >; Seit Ausbruch des Krieges trat die Schriftstellerin hinter der sozialen Arbeiterin und der Helferin Franziska Mann zurück. Tie willenskräftige und entschlossen Frau rief-ohne großen Apparat, ohne die Werbetrommel einer.geräuschvollen Reklame, ohne besondere bon außen zuströmende Mittel und vor allen Dingen ohne die Motoren der Eitelkeit und des Ehrgeizes, lediglich! dank persönlicher Initiative und Me versagender Energie eine Hilfsstelle für Bekleidung ins Leben, wo drei Kriegsjahre hindurch Tausende Bedürftiger kostenlos Kleidung und Schuhwert erhielten. Aber auch außerhalb dieses Bezirkes sozialer Hilfeleistung setzte sie sich uneigennützig und unverwüstlich mit Wort und Tat für Schwache, Kranke und Notleidende ein. Sie strebte noch unter der Wilhelminischen Aera — weder nach, dem Luisenorden, noch , nach einer Besichtigung ihrer Gründung durch! hohe und allerhöchste Personen, aber sie trocknete in aller Heimlichkeit manche Träne, sah manches Mutter- und Kinderauge von frischem Mute und frischer Hoffnung glänzen. Sic kannte nur eine Freude, und die Meß.: Geben. Und wahrend die apokalyptischen Reiter des Krieges über die arme zermarterte Erde Europas brausten, beschäftigte sich Franziska Mann damit, Mütter zu trösten und Kinder zu streicheln. Wir wollen hoffen, daß weder die Mütter noch die Kinder ihr das vergessen werden. Und nach dem Kriege, als wirtschaftliche Not den kulturtragenden Mittelstand zu' ekrasieren drohte, war wiederum Franziska Mann zur Stelle, um jenen, die plötzlich Theater, Musik Billige Jüdische Bücher-Woche Sonderangebot für die Leser der „Jud. 11b. Zeitung" bis zum Januar 192.6 zu Vorzugspreisen Geschichte und Bewegung. Bloch, Dr. J. S.: Erinnerungen aus meinem Leben. 2 Bde. Br. (7,50) 4,50. -: dto. Geb. (11,-) 6,50. Buber, M.: Die jüdische Bewegung. Gesammelte Aufsätze und Aussprachen. (1900—1920.) 2 Bde. Geb. (5,—) 3,—. -: Vom Geist des Judentums. Reden und Geleitworte. Br. (3,-) 2,-. Burg, M.: Geschichte meines Dienstlebens. Mit Geleitwort von Prof. L. Geiger. Geb. (2,50) 0,75. 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Lag Beomer. 7. Tischah beaw. __ 8. Rosch-Haschanab._■ 9—10. Jm-Kippur, 11. Sukkoth. je (1,50) 0,3st Nadel, A.: Jüdische Volkslieder; 2 Hefte je (1,—) 0,60. Bestellungen sind an die Redaktion der „Jüdisch-liberalen Zeitung“, Berlin SW 48, Willielmstraße 147, zu senden Bestellungen über 5.— M. werden portofrei zugesandt bei vorheriger Ueberweisung des Betrages unter Angabe des Zweckes auf das Post-. Scheckkonto der Vereinigung für das liberale Judentum E. V., Berlin NW 7, Nr. 137069, Lieferungen unter'5.— M. eifolgen durch Nachnahme Um Verzögerung zu vermeiden, bitten wir um genaue Angabe der Adresse 1

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