Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 50 (16.12.1927)
- Date
- 1927-12-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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die Studenten und begannen auf ein Signal hin den Sturm. Im Nu waren alle Fensterscheiben eingeschlagen. Das Tor wurde erbrochen und das Innere des Tempels verwüstet. Tie, Studenten bemächtigten sich der Thora-Rollen, brachten sieArf den Platz vor dem Tempel und verbrannten sie. Siloer- Leuchter und Thora-Behänge wurden gestohlen. Hierauf ging es gegen dre Speisesale und Kaffeehäuser, dann gegen andere Geschäfte, deren Firmentaseln auf ungarische oder jüdische Eigentümer schließen ließen. Zum Schluß wandten sich die Studenten gegen zwei kleinere Synagogen, die verwüstet wurden. Tie Ausschreitungen hatten ununterbrochen drei Stunden gedauert. Sie waren von langer Hand vorbereitet, denn wenige Stunden vorher waren alle Häuser, in denen Jrcken oder Ungarn wohnen, mit einem weißen Kreuze gekennzeichnet worden. Tie ZaMHer Verletzten ist schr groß, aber noch nicht genau bekgniA *Ter Sach.schaden in Mausenburg wird auf über 100 MÄidytzu Lei geschätzt. Proteste w Kammer und SäiA / Tie rumänische Kammer beschäftigte sich ausschließlich mit den Stüdenten-Unruhen. Ter Präsident der Union rumänischer Juden, Abg. Tr. Fildermann, hielt eine Anklagerede und beschuldigte die Behörden, daß sie keinerlei vorbeugende Maßnahmen getroffen habe. In bewegten Worten schilderte er die von den Studenten begangenen Untaten. Der Sprecher, der Nationalen Bauernpartei, Madgearu, beschul-.,, digl^die Regierung, die Studenten-Unruhen begünstigt zu haben, um dadurch eine Entspannung der innerpolitischeu Lagt rMbpzufüh ren. Innenminister Tuca brandmarkte in seiner Erwiderung die WHchreitungen der Studenten und versicherte, die Schul-' digen würden streng bestraft werden. Etz seien alle VorkchruWyt getroffen worden, um eine Wiederholung der ZwischensMw kmmoglich. zu machen. Tr. Fildermann stellte in seiner Rede fest.' er habe den Jnnemninister einige Zeit vor dem Studentenkvngreß auf die Möglichkeit von Ausschreitungen aufmerffMl^ gttnacht. Am Kongreß haben ein ehemaliger Minister' ttttb ein Präfett teilMpMMn. Zum Schluß wandte sich Fildermann gegen dieMMrsche Regierung, der er das Recht absprach, in solchen Fragen das Wort zu führen, solange Ungarn den Numerus äausus beschatte. In der Senatssitzung interpellierte Oberrabbiner Tr. Niemirover wegen der Studentenexzesse in Großwardein und, .Mausenburg. Er gab eine Schilderung der bestialischen Taten der studentischen Jugend, die vor den Andachtsstätten nicht Halt machte, ja gerade an chnen ihr Mütchen kühlte. Innenminister Tuca drückte das Bedauern der Regierung über die Taten der Studenten aus, die geeignet sind,? Rumänien vor der Außenwelt zu kompromittieren. Auch wenn die Studenten tatsächlich provoziert worden seien, hätten sik" stzdhe Exzesse nicht verüben dürfen. Tie Regierung werde darauf sehen, daß alle Schuldigen bestraft werden. Die Regierung werde sofort alle Schäden, die an den Synagogen und an Privatwohnungen angerichtet wurden, gutmachen. Unterrichtsminister Lapedatu sprach gleichfalls sein Bedauern über die Vorgänge aus, erklärte aber, er sei überzeugt, daß Lockspitzel die Studenten herausgefordert hatten. Das Kultusministerium werde alle seine Fonds zur Wiederherstellung der an den Synagogen angettchteten Schäden zur Verfügung stellen. * Die Bestialität«» der Stndeateu. Tie vom Kongreß in Großwardein heimkehrenden Stttt deckten haben sich an der Eisenbahnstation Predml fünf halbwüchsiger jüdischer Mädchen bemächtigt, sie in die Eisenbahn-- waggons geschleppt und dort mit Attohol betrunfen gemacht wachen. Tie Mädchen wurden von der ganzen Masse der Strchenten vergewaltigt und sind jetzt geschlechtskrank. In Klausenburg haben die Studenten zwei fünfjährige Mische KüÄrr in den Waggon gebracht, dort mit Alkohol betrunken gemacht und unsagbar gepeinigt. Die Kind« wurden bis Bukarest verschleppt und dort ihrem Schicksal überlassen. An einer der Strecken wuchen drei Juden mit Striaen an den Zug gebunden, der bald ins Rollen kam unb rbie Unglücklichen eine Strecke weit mitschleiste. Schließlich rissen die Stricke, die drei Jrcken blieben mit lebensgefährlichen Verletzungen und furchtbar' zerschunden auf per Strecke liegen. Im Tömöser Passe wurde an den Studentensonderzug ein Wagen mü Gendarmen angehängt, die auf die Studenten aufpassen sollten. Dennoch wurden zivei jüdische Kausleute blutig geschlafen. Als sie spater in ein Haus flüchteten, wurde dieses über ihren Köpfen in Brand gesteckt. * . Tie zur Feststellung der Schäden eingesetzte Kommission hat allem in Klausenburg einen Schaden von 60 Millionen Lei festgestellt. Ter Schaden in Großwardein soll diese Summe noch 'übersteigen. In Klausenburg hat die im Zerrtrum der Stadt gelegene Königin-Maria-Straße besonders gelitten. Das Cafe Metropol wurde vollkommen zerstört. Demoliert wurde auch die Filiale der Banca Marmorosch, Blank & Co. Bon den größeren Geschäften erlitten die Seidenwarenhandlungen Eugen Szabo, die Firma David Schwarz unb die Sporthandlung Teutsch die größten Schäden. In der König-Fevdinand-Straße blieb kein einziges jüdisches Geschäft unversehrt. T«r große Tempel bietet ein Blld der Zerstörung. In der Mühlgasse wurden die beiden jüdischen Gotteshäuser sowie mehrere jüdische Privatwohnungen zerstört. Im gesamten von Juden bewohnten Viertel hausten die Studenten wie Vandalen. Zum Schluß wurde noch die Synagoge in der K.elemen-Mites-Straße gestürmt. In allen Synagogen wurden die Tempelgeräte auf die Straße geschleudert und angezündet. Einer der jungen Studenten zündete eine Thora-Rolle auf langer Stange an uno trug sie als eine Art Fackel bis zum Gebäude des jüdischen Lyzeums, das das letzte Ziel der Zerstörungswut war. Erst gegen 9 Uhr abends trat allmählich Ruhe ein. Ueber Großwardein liegen detaillierte Meldungen über die Schäden noch nicht vor. Tie Zeitung „Dreptatea" beziffert den Schaden mit 500 Millionen Lei. Tie Zeitungen erscheinen unter Zensur. Tie Bukarester Presse darf nichts über die Studentenunruheu schreiben. Nur die Regierungsblätter und die parteilosen Zeitungen begleiten die Nachrichten über die Exzesse mit bedauernden Bemerkungen, daß die Universitätsjugend unter den Einfluß von Elementen geriet, die die Ottmung stören. „Pester Lloyd" veröffentlicht die Schilderung eines Augenzeugen der Zerstörungen in Großwardem. Er berichtet u. a.: Das traurigste und empörendste Bild der rohen Vernichtungswut stellen die drei Synagogen dar: der sogenannte Zion-Tempel, der Tempel der orthodoxen Gemeinde und die neue Synagoge auf der Teleki-Straße. Diese drei Gotteshäuser weisen nur noch die nackten Mauern auf. Man warf die Bänke auf die Straße, zerriß die Thora-Rollen, warf sie auf die Straße und beschmutzte in der gemeinsten Art die Gotteshäuser. Ten Gipfel des Vandalismus erreichten einige hundert Studenten, die s ich mit einer Anzahl geradezu wildgewordener Studentinnen auf dem Bern-Platze versammelten, dort die Thora-Rollen aufhäuften und anzündeten, worauf dann die Studenten und Studentinnen einen Tanz um das Feuer begannen. Einzelne hüllten sich in geraubte Gebettücher, und die jungen Mädchen setzten sich die Kronen per Thora-Rollen auf ihre Köpfe. Wer diesem entmenschten Treiben zugefehen hat. wird es Zeit seines Lebens nicht veraessen und immer als eine der grauenhaftesten Entartungen der menschlichen Leidenschaften in der Erinnerung bewahren. Tie Behörden versuchen, die Sache soweit wie möglich zu . vertuschen. Tie Bevölkerung wird durch Terror eingeschüchtert. Es wagt sich auch kein Bürger auf die Straße, und es ist ftaglick> ob die Mitglieder der jüdischen Gemeinde, die chren raigiöftn. Bräuchen Folge leistend, jetzt wegen der Entheiligung ihrer Gotteshäuser trauern, die vorgeschttebenen Bearäbmsfeiettichkeitrn für die profanierten Thorarollen, dir in Aussicht genominen wurden, auch durchführen werden. Auch aus Jassy liegen Berufe über schwere Ausschreitungen vor. Hier hatte sich eine Anzahl von Studenten »«c dem Studentenheim angesammelt, um von dort durch, die Hauptstraße zu ziehen. Jüdische Passanten wurden mißhandelt und die Läden jüdischer Kaufleute geplündert. Sodann stürmten die Studenten die Synagoge, beschädigten die Einriß tung und mißhandelten die zum Gottesdienst versammelten Gläubigen. Tie Ruhe konnte erst durch die Gendarmerie wieder hergestellt werden. Später rotteten sich die Studenten wieder zusammen, und die Angriffe gegen die Geschäfte jüdischer Kaufleute wurden fottgesetzt. Eine andere Gruppe randalierender Studenten wurde in der Jnfanteriekaserne interniert. Das Blatt Lupta" erklärt, daß die Studentenunruhen in Jassy mü Wissen und Zustimmung des Präfekten organisiert seien, der nichts unternommen habe, um die Krawalle zu verhindern. * Abermals Synagogen geschändet. Aus mehreren Städten, wie aus Banffy, Hunyad mck Tees, kommen Berichte über neuerliche Ausschreitungen der Studenten, die diesmal ein aus Temesvar entsagtes Studententerrordetachement verübt hat. In beiden Orten wurden die jüdischen Gotteshäuser beschädigt und zahlreiche Personen auf offener Straße mißhandelt, ohne daß die in der Nähe befindlichen behördlichen Organe eingeschrüten wäre». In Siebenbürgen wurde verfügt, daß eiugeschlagene Fenster wieder hergestellt und daß die Straßen gesäubert werden müssen, um jede Spur der Zerstörung zu verwischen. Während das Gros der Studenten nach der Verwüstung von Großwardein und Klausenburg nach Bukarest und Jassy zurückgekehrt war, haben sechs Studentenkolonnen eine Rundfahrt durch Siebenbürgen unternommen, wo sie auch noch, in den letzten Tagen ihr blutiges Treiben fortfetzten. In Trmesvar requirierten einige hundert Studenten einen Eisenbahnzug, aus dem^ sie in das Innere Siebenbürgens fuhren, w» sie in den Städten und Dörfern ähnlichhausten, wie in Großwardein und Klauseubur^. In Temesvar selbst wurden die jüdischen Geschäfte von Studenten angegriffen. Sie versammelten sich auf dem Friedhof zu einem Älgemeinen Sturm, doch wurdm sie rechtzeitig vom Militär in eine Kaserne gedingt. In Apahyda wurde die Synagoge demolrert und die Bevölkerung brutal mißhandelt. Auf dem Bahnhof von Ujszentana wurden einige Juden in Gegenwart von General Mardarescu blutig geschlagen, ohne daß der General Anstalten traf, die Mißhandelten zu schützen Jta. * Aus den Gemeinden * Berlin. (I c a.) Rechtsanwalt Dr. Alfred Klee ist von der Berliner Jüdischen Gemeinde in den Berrvaltnngsrat der Jetoifh Colonial Association (Jca) entsandt worden. Es ist dies der erste Fall, daß ein Zionist in die Jca cintritt. Bisher gehörte der Jca von der Berliner Gemeinde Gehcimrat Stern an. Berlin. (Ausstellung M a r e c S z w a r c.) Die Kunsthandlung Fritz Gurlitt (Potsdamer Straße 115) veranstaltete eine Kollektiv-Ausstellung der Reliefs des begabten, gegenwärtig in Paris lebenden, jungen jüdischen Künstlers Marec Szwarc. Es sind 28 seiner schönsten Plastiken zu sehen, unter ihnen Schöpfungen nach biblischen und spätjüdischen Motiven wie Samson und Dalilä, Segnung, Boas und Ruth, Joseph, Grciscnhaupt, Hggar, der gute Hirte, Kampf, Rebekka, Hagadah, aus Ruth, Prophet u. a. m. Zu der Eröffnung am vergangenen Sonntag fanden sich zahlreiche Krittler und Kunstkenner Berlins ein, die sich vom Schassen des jüdischen Plastikers stark beeindruckt zeigten. Bochum. (Todesfall.) Nach kurzer Krankheit entschlief hier im 83. Lebensjahre der Vorsitzende des Verwaltungsausschusses des Verbundes der Synagogen-Gemeinden Westfalens, Herr Moritz Lieben seid. Er hat sich um das jüdische Leben große Verdienste erworben, die seinem Namen ein ehrendes Andenken sichern tvcrden. Osstp Dymow: Droux-Lxpretz Zur deutschen Araufführrmg in dm Hammerspiekn, Berlin Ein jiddisches Bollsslück in Gestalt eines Traumspiels. Ein Bolksstück, das in New-Aork mehrere hundert Aufführungen ' erlebte, das die Zuschauer dort zum Mülachen und Mitweinen brachte, in dessen Dienst sich dort der bei uns unvergessene Schildckraut stellte. Woran liegt es, daß das Spiel an uns vorüberz icht, ohne einen Eindruck zu hinter!affen? Seine Problematik ist uns fremd, ja sie tangiert uns nicht einmal. Dieses Stück handelt von den anderhalb MUlionen Proletärierjuden New- Iorts, für sie ist es geschrieben. Zu uns aber spricht es nicht. Unsere'Religion ist nicht Zeremonialreligion, wir wollen nicht den Geist des Ghetto tonservieren, brauchen nicht den Ungeist des Broadway uns zu eigen machen. Ter Glaube an die Religion unserer Väter ist un§ nicht unvereinbar mit den Notwendigkeiten des Lebens der Gegenwart. Mastel, der Knopfmacher, ist nun schon 25 Jahre in der New-Yorker Fabrik tätig. Und noch immer kennt er nicht New-Yort, lebt er, abgesehen von seiner Fabriktätigkeit wie im Ghetto Osteuropas. Morgens saust er in der Untergrundbahn, dein Bronx-Expreß,, von der Wohnung unter dem Broadway entlang zur Fabrik, abends im Bronx-Exprch von der Fabttt in die Wohnung. Vor der Arbeit, nach; der Arbeit das Familienleben ves Ghetto. - T« trifft er in der Untergrundbahn seinen Freund Ja ntel. I M kennt den Broadway, weiß, daß dieser Millionen und ElÄe des Lebens der Armut bedeutet. Ei ne Idee, und sei sie auch Bluff, und du nimmst teil «ft. deu Geschäften der Millionäre. ... Chästel schläft ein. Er träumt, inmitten der lebe.weg gewordenen Reklameplakate, seine Idee. ^Verlauft den Jom Kippur. Alle Juden der Welt müssen an diesem Tag arbeiten; Millionen werden dadurch der Wirtschaft verdient. Er wird Millionär. Toch Reichtum ist.Fluchmeint Dymow, und Armut ist Segen - . So ist es schließlich ein Glück, daßalles nur ein. Txaum ist; der gute Ehaskel wird weiter seine Ghettv-Häuslichkeit behalten, wird sich weiter im überfüllten BronI-Exprkß herumdrücken, und wird nun glücklich sein darüber, düß er nicht i Ju'Üben Broabwav-Millionären gehört.; Wie einfach ist also das Leben! Nur hat' Tymow sich ‘ilÄrc Theorie (auf Deutsch: Schuster Attb' Leisten) M unser Empfinden z" leicht gemacht. Wir, M tvir das Leben nicht aus der. Perspektive des/ OWo^fVndchtt mri Glück ein ganz wenig auch aus der des Bryaöway kÄrächben können, wissen, daß 'Geld allein auch! noch nicht unglücklich macht. Ghetto und Broadway (wie ihn Tymow sicht) mögen unvereinbar sein. Sollen wir deshalb das Ghetto bejahen? Tymow hät eilte gute Theateridee gehabt. Mag er an ihr so viel verdienen, daß er einmal die Tinge vom Broadway aus betrachten kann. So viel über das Stück. Ist es nicht eine Unmöglichkeit, es in deu Berliner Kammerspielen, dem Theaterpublikum des guten leider nur Berliner-Broadway aufzuführen? Schade. Schade um die ausgezeichnete Regie von Heinz Hilpert, die das Gemisch von Ghetto und U. S. A. vorzüglich trifft. Und schade um die Schauspieler, die sich vergeblich bemühen, uns dieses Wert nahezubringen. Albert Steinrück gibt den Chaskel. Ihm fchlt das Urjüdische des Schildkrant. Tie Grüning verkörpert das jüdische Mutterherz. Ihr glaubt man. Prager zeichnet den sich sorglos - Broadway hin, Broadway her — durchifutternden Rebbe. Sie alle aber treten in deu Hintergrund; denn Curt Bois beherrscht das Terrain. Schnorrer mit galizianifcher Beredsamkeit,- Bluffer mit schnoddriger Unve^chämtheit; Prediger in der Brpadway- Wüste mit heuchlerischen Können. Dennoch: ein Traumspiel, das wir nicht träumen können. Walter L o e w e n st e i n. Die volkstümliche jüdisch-deuksche Likerakur des Mittelalters und der beginnenden Neuzeit. Bon Herbett Loewenstein, Danzig. (Schluß.) Gegenüber diesen belehrenden Werten steht die große Reihe derer, die rein unterhaltenden Charakter tragen. Ta darf dann auch die Sage nicht fchlen. Rein jüdische Stoffe sind dort wenig vertrtten; Berbreüung hat nur die Sage von Moses Tod geftmden, von der wir eine Prosabearbeüung aus dem' Ende des 16. Jahrhundetts, und eine gereimte von 1693 b'esitzin. Weit größer scheint das Interesse der mütelalterlichett' Juden für die deutschen Sagenkreise gewesen zu sein. Schon 1279 hatte man das Buch von der Zerstörung der Tafelrunde des Königs Artus ins Hebräische überscht. In jüdisch-deutscher Sprache sind mehrere Bearbeitungen auf uns gekommen, so von 1660 und 1781. Am bekanntesten war die Nachdichtung von Josel Witzenhausen, die in Amstettuun 1650 erschien. Bon weiteren deutschen Sagenstoffen sinden wsi in jüdischen Bearbeünngen wieder: Wigalois,. Flotts -und Bianchefloo,'. Fottunatus und Kaiser Oktavianus. In weit höherem Maße noch prägt sich der Charakter der Unterhckltuützslektüre aus in den sogenannten „M a'a s s e - Büchern", Kurzerzählungen von schwankhafter Art. Die Ma'asse-Lüeratur stellt den umfangreichsten Zweig der jüdischdeutschen Dichtung überhaupt dar. Ihre Stoffe werden meist aus hebräischen Quellen geschöpft, aus einzelnen, haggadischen Talmud-Traktaten, dem Sefer Ha-Mufar (1536/37) des Jehuda Calaz oder aus dem Buche Schalscheleth Ha-Kabbala (1587); jedoch werden daneben auch gern aus der deutschen Literatur Stoffe genommen, so der „Tül Eulenspiegel". Tie aus dem Jahre 1600 stammende jüdische Urnschrift beginnt mit dem Kapitel „Wie Til Eulenspiegel geboren und zu drei malen geschmad ward". Vielfach wollte man die Ma'asses als Bttspielerzählungen für eine Morallehre aufgefaßt wissen, wie es das große Ma'asse-Buch aus Basel 1602 ausspricht: „Zu Zeiten wird sich Mancher an einem Ma'asse stoßen. Seine böse Machschowos (Gedanken) nn böse Werk ablossen, Tenn manches Moschol (Gleichnis) und Ma'asse tut Manchen vil Guts leren. Erhält Manchen bei Gut un btt Eren." Was null die kleinen Ma'asses erzählen, entstammt den verschiedensten Stoffgebieten; wir hören da „War ein Ma'asse R. Akiba hat ein schön Perlin zu verkaufen", oder „Tijes Büchlein sagt von der srommerr Judith, die Gott all ihr Tag gefürchtet hat", oder „Von einem Talmid Chochom, der hat Tag und Nacht nischt andres gethuil als gelernt". Ein jüdisches Ottginal scheint die Ma'asse Betta zu sein, deren Jnhatt uns die ganze Ma'asse-Literatur charakterisieren soll: Simra ist ein angesehener Richter und Gelehtter in Jerusalem; seine Weishttt bewähtt er vor dem Könige durch ein scharfsinniges Urtttl über einen Mann mit zwei Köpfen, der doppelt erben will. Auf einem Feste verliebt Simm sich in Beria, die Tochter des Hohepriesters, und wich von ihr wiedergeliebt. Ter Vater will sie aber keinem Manne niederen Standes zur Frau geben und glaubt Simra durch ttnen schwierigen Auftrag für immer entfernen zu können: Er soll einen judenfeindlichrn Papst zum Widerruf seiner unetträglichen Verbote bestimmen. Ties gelingt Simra wider Erwatten, aber seine Bewerbung wird doch abgewiesen. Ta kommen die Liebenden noch einmal zusammen, am Morgen, wenn Beria das Fenster öffnet, um das Borchu zu hören. Zum Abschied küffen sie sich, und Beria stirbt nach der Trennung vor Herzeleid. — Simra gelangt zu hohen <Hven; eines Tages enffühtt ihn ein wildes Pferd in das Reich der Toten. Tort sindet er die Geliebte wieder, die in einem ff einen Häuschen ihre einzige Sünde, daß sie sich hatte küssen lassen, abbüßt. Simra liebkost sie und betet für Beria, die erlöst wird und in den Gan Eden kommt. *— .Simm kchrt an die Oberwelt zurück, stirbt aber nach drei »Tagen,