Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 50 (16.12.1927)
- Date
- 1927-12-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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IMch ÄerakZeilMg Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. D. D«)«g,prei» durch die Geschäftsstelle '/.jährüch M. 2.50 Einzelnummer 0.20. Bel freier Zusendung i. Inland 0^5 Für die Mitglieder der Bereinigung ist der Dezug-preil« Mitgliedsbeitroge enthalten. Vevaatwortl. Redakteur: Vrnno Voyda. Die „Jüdisch-liberale Zeitung" erscheint jeden Freitag. «edaMoa und Geschäsisslelle: verlin SW 48, Wilhelms»-. 14? Aernrnf: Bergmann 3358, 3359 Postscheckkonto: Berlin NW 7. 137 0SS (Vereinigung für da» liberale Judentum) Rachdruck sämtlicher original-Veiträge nur mit vorheriger Genehmigung der Redaktion gestattet. Anzeigenpreise: Die 12gespalte«e AonparaillezeU« 0.45 Goldmart, die Reklamezeile 3.00 SoldmarL bet Diederholvagen Rabatt. Anzeigenannahme: .Jüdisch-liberale Zettnug- Inseratenabteiluug: Berlin SW 4S. Mthelmstratze 147 (Bergmann: 3350-59), sowie sämtl. Annoncen-Expeditiou. Nr. 50 Berlin. 16. Dezember 1S27 7. Jahrgang Chanukah Der Krieg fürs Heiligtum Bon S. Weisels. Die ruhmvollen Schlachten, die die kleine Heldenschar der Makkabäer lieferte, standen im Zeichen des Krieges fürs Heiligtum. Gott zog an ihrer Spitze, wie es in ähnlichen Füllen biblisch-bildlich heißt; die Idee des Göttlichen und Heiligen war es, was den Wenigen den Mut gab, gegen die Bielen zu kämpfen, und den Schwachen die Kraft, die Starken zu besiegen. Der von den Makkabäern geführte Krieg fürs Heiligtum paßt nicht in die durchgängige Form des heiligen Krieges, wpe er sich uns in der Geschichte darstellt. Der Krieg fürs Heiligtum ist von dem heiligen Krieg nicht allein dadurch verschieden, daß die Beweggründe des einen denen des andern entgegengesetzt sind, daß der Krieg fürs Heiligtum mehr der Liebe zur eigenen Sache, der heilige Krieg mehr dem Haß gegen die andern entspringt; auch in der Zweckbestimmung und in der Wahl der zweckdienlichen Mittel gehen diese beiden Kriegsarten vielfach auseinander. Der eine verfolgt nur den heiligen Zweck, der andere bedient sich geheiligter Mittel. Wenn man der Makkabäer Krieg fürs Heiligtum mit den heiligen Kriegen in der Geschichte vergleicht, so wird es offenbar, daß dort der Kampf um eine heilige Sache, hier aber geheiligte Sachen um des Kampfes willen geführt wurden. Geführt — im buchstäblichen Sinne, als nach außen hin sichtbare Zeichen, dem gläubigen Volke eine Augenweide, den Kriegern eine zündende Fackel. Und die Fackel zündete und äscherte Städte und Länder ein... Das Judentum besitzt kein äußerlich sichtbares Zeichen, das den inneren Gehalt seiner Religion symbolisierte. Das Judentum als Religion kennt nur die Tat und das Werk und die symbolische Handlung, aber es kennt nicht das religiöse Signum. Nur die lebendige Idee gibt dem Judentum Kraft und Dauer und birgt in sich das Geheimnis seiner Lebenszähigkeit. Im Altertum hatte das Judentum neben der Idee auch etwas, das diese Idee sozusagen objektivierte: das Heiligtum. In den Zeiten der Makkabäer besaßen die Juden noch ihr Jerusalem und den Tempel auf dem Zionsberg. Das war das religiöse Zentrum, worauf aller Augen gerichtet waren und woraus sich alle Fäden des religiösen Lebens bis in die entferntesten Gegenden, in denen die Kinder Israel wohnten, »hne Unterlaß sortspannen. Damals trugen sie neben der Idee auch das Bild des Heiligtums in ihren Herzen. Es war der Born ihres höheren Lebens, deshalb ihres Lebens überhaupt. Sie waren mit dem Heiligtum unzertrennlich verwachsen. In den Makkabäerbüchern können wir es lesen, daß alle Taten der makkabäischen Heldenscharen nur mit Beziehung auf das Heiligtum getan wurden. Immer wieder hören wir der Makkabäer Losung: Für das Volk und für das Heiligtum! Das Heiligtum war Anfang und Endziel ihres Trachtens und Handelns. Der Feind kannte den Zentralpunkt, von dem aus man das Judentum heillos verwunden konnte. Aus diesen Punkt richtete er denn auch seine verheerenden Waffen. Er zerstörte die heilige Stadt und entweihte den Tempel Gottes. Er zwang die Juden, den Sabbat zu entweihen und der Heiden Feiertage zu feiern. Wenn man des Bacchus Fest beging, mußten die Juden in Kränzen von Efeu dem Bacchus zu Ehren einhergehen. Und cs war großer Jammer in Israel. Da gürteten die Makkabäer das Schwert um ihre Lenden und zogen in den Krieg für Heiligtum. - Der Makkabäer Krieg fürs Heiligtum war ein Kampf für Gott. Dagegen ist es eine Eigentümlichkeit des heiligen Krieges, daß er vorwiegend ein Kampf gegen die Feinde Gottes ist. Das Judentum überließ die Feinde Gottes am liebsten dem Himmel, auf daß er mit ihnen fertig werde. Es kannte keine Rajahs und keine Giaurs, die es mit seinem Haß verfolgt hätte; es trug nie Verlangen danach, die Heiden und Ungläubigen zu tilgen unter der Sonne. Auch die Makkabäer hätten gern mit ihren heidnischen Nachbarn in Frieden gelebt, wie sie denn auch mit mehreren heidnischen Völkern Friedensbündnisse schlossen. Allein es waren böse Nachbarn, die Israel nicht in Frieden leben ließen. Sie bedrängten das jüdische Volk, demütigten es, zwangen es zum Abfall von der Väter Gesetz, und übten Greueltaten sonder Zahl. Sie verwüsteten die heilige Stadt und stellten Götzenbilder auf im Tempel des Einig-Einzigen. Als das Volk alle diese Schmach sah, zerriß es seine Kleider, streute Asche aufs Haupt und wehklagte und betete. Juda Makkabi aber wußte, daß man mit Beten und Wehklagen allein keine Schlachten schlagen, keine Feinde besiegen kann. Sein Weckruf erging daher an die Getreuen, sich zum Kampfe zu rüsten. Er stellte sich als Führer an die Spitze und die Getreuen schlossen sich ihm mit Begeisterung an. Da folgte Heldentat auf Heldentat, Sieg aus Sieg. Die Makkabäer befreiten das Volk vom Joche der Heiden. Und die schönste Frucht ihrer Siege war die Wiedcreinweihung des Heiligtums. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen, lauter ein inhaltschwerer Spruch. Kriegführende Völker erkennt man an dem, wie sie die Früchte ihrer Siege genießen. Die Makkabäer wurden nicht durch ihre Siege bis zur Wildheit trunken, sie hausten nicht wie Wilde in eroberterr Städten, sie gingen nicht auf Beute aus. War erst der Feind besiegt, so war das Werk vollbracht. Siegesfreudig und dankerfüllt zogen sie dann, wie die Bücher der Makkabäer es schlicht und ergreifend erzählen, gen Jerusalem. Und bauten das Heiligtum wieder und das Inwendige des Hauses und weiheten die Borhöfe. Und ließen neue heilige Gefäße machen, den güldenen Leuchter, den Rauchaltar und den Tisch; und Beachtet das Bücherangebot in der heutige« Nummer Durch ein Sonderabkommen mit dem vertag Benjamin Harz ist es uns möglich, jüdische Bücher der verschiedenen jüdischen Richtungen unseren Lesern zu einem beträchtlich ermäßigten Preise zu vermitteln. Wir hoffen, daß unsere Leser von dieser seltenen Möglichkeit zur Bereicherung ihrer Bibliothek regen Gebrauch machen werden. D e r B e r! a g. brachten es wieder in den Tempel. Und trugen Maien und grüne Zweige und Palmen herbei und schmückten das Haus des Ewigen. Und zündeten die Lampen auf dem Leuchter an, daß sie im Tempel leuchteten. Und hielten das Fest der Weihe acht Tage mit Gesang und mit Pfeifen, Harfen und Zimbeln. Und lobten Gott, daß er ihnen Sieg und Frieden gegeben, auf daß sie das Heiligtum wieder weihen können. Wahrlich, schön war -er Makkabäer Krieg fürs Heiligtum und des Sieges würdig! Weihnachten oder Chanukah? Von Rabbiner Tr. Schönberger, Aachen. Weihnachten oder Chanukah? Gewiß für eine jüdische Zeitung eine eigenartige Fragestellung. Was haben wir Juden denn mit Weihnachten zu tun?! Und dennoch ist es notwelndig, einmal mit voller Offenheit und Entschiedenheit auf die Tatsache hinzuwrisen. daß eine ganze Reihe jüdischer Familien nicht das Chanukahlicht entzünden, sondern die Weihnachtskecze. Hier kommt es uns kerneswegs darauf an, gegen die Tochterreligion zu polemisieren, sondern nur darauf, uns zu der Klarheit eines stolzen jüdischen Bewußtst ins zu verhelfen, das nicht nötig hat, einer fremden Religion ihren Schmuck zu rauben, der im christlichen Diadem ein Kleinod, in der jüdischen Krone eine schlechte Imitation eine unechte Nachahmung rst. Tie Gründe für diesen Raub am Christentum, der zugleich ein Raub am Judentum ist ,sind mannigfaltig. Vorerst sagen die jüdischen Vertreter des Weihnachtsfestes: „Das Weihnachtsfest ist so wundervoll, daß wir unseren Kindern es nicht vorenthalten können". — Tatsache ist, daß Weihnachten in der Poesie seiner christlichen Familienseierlichkeit, mit der Geschäftigkeit, sich gegenseitig zu erfreuen, mit Tannengrün, mü Lichterglanz und Lied, im tiefsten Sinne geeignet ist. auf Kindergemüter zu wirken. Man könnte beinahe paradox sagen, hier haben die Christen ein Fest, wie es sonst bei uns Juden üblich ist. Tenn wahrend Weihnachten das einzige christliche Fest ist, das in solcher Konzentration znm Familienfest gestaltet ist, trägt bei uns Juden eigentlich jedes Fest, jeder Freitagabend sogar, Lichterglanz und Lied in der Familie, diese um den Altar des häuslichen Tisches vereinerch. — Jede Symbolik ist zu verwerfen, die nicht Träger einer Idee sein kann. Dieser Grundsatz wird gerade von den Freidenkern unter uns immer wieder aufs Neue betont. Angewandt auf die Symbolik des Weihnachtsfestes wird uns dessen Idee ganz einseitig zum Bewußtsein geführt: „Christ ist erstanden." Das W e i h n a ch t s f e st, das die Geburt des „Gottessohnes" feiert, rührt also mü zartem, aber unbedingt wahrem Griff an jenen Unterschied der Konfession, der dem Christentum sein Besonderes gibt und auch das Judentum in seiner Trennung vom Christentum erweist. Wollt Ihr Euren Kindern Wechnachten geben, müßt Ihr Ihnen zug^ich die Symbolik dieses Festes geben, d. h. also, Ihr erzieht Eure Kinder bewußt zum Christentum und lehrt chnen die Abkehr vom reinen Monotheismus. — Darauf wird erwidert: „Weihnachten, der Tanuendaum mit seinem Schmuck ufw. ist eine altgermanische Sitte, die wir als freudige Deutsche mitseiern". — Ich weiß nicht, ob diese philologische Gelehrsamkeit so ganz richtig ist. Aber es kommt nicht darauf an, was gewesen, sondern was aus dem Gewesenen sich entwickelt, und das Lied des Weihnachtsabends ist: „Freue dich du Christenheit!" So bleibt hier nichts übrig, was nicht wie ein räuberisches Eindringen in eine wesensfremde Religionsgemeinschaft aussieht, ganz abgesehen von dem Zwiespalt, in den das jüdische Kind durch solche Feiern gestürzt wird, ganz abgesehen von dem Raub an jüdischem Empfinden, der hier begangen wird. Und wie einfach, wie entsprechend und verheißungsvoll ist es, statt des unechten Steines dem jüdischen Dradem einen glanzschimmernden, köstlichen, echten Stein einzufügen durch die Feier des Weihefestes Chanukah. — Auch Chanukah hat seinen Lichterglanz, der in die kindliche Seele hineinleuchtet, auch Chanukah hat seine Melodien, die unser Herz umfangen halten, und nichts hindert uns, unsere Wohnungen mit dem Grün der Natur zu schmücken, nichts steht im Wege, uns gegenseitig an diesem Freudenfeste durch Geschenke Liebe zu erweisen. Aber dazu kommt: das Chanukahsest gehört uns Juden! Es gehört uns mit der Kraft seiner Gottesgewißheit, gehört uns mit der Innigkeit seiner Rückerinnerunge«, gehört uns mit dem Stolze des Makkabäergeschlechtes, mit dem bluthasten Steigen und Siegen seiner Gedanken. Hier empfängt das jüdische Kind den jüdischen Stolz unserer Geschichte und die demutvolle Bescheidenheit vor unserem Gotte. Kein Zwiespalt und keine Disharmonie, und dennoch alle Innigkeit, alle Weihe, alles Krast- und Familienbewußtsein, das Ihr ersehnt. — Jüdische Eltern, werdet Euch der Unehrlichkeit bewußt, die in der Feier des Christfestes für Euch liegt, seid eingedenk der herrlichen Taten der Väter und feiert Tempelweihesest Chanukah! Die Judenpogrome in Rumänien Allmählich kommt die Wahcheit über die Vorgänge in Großwacdein, Klausenburg und in anderen Städten, wo die Teilnehmer am rumänischen Studeuten-Kongreß wie die Wilden hausten, ans Licht. Tie Bukarester Zeitungen beginnen mü der Wiedergabe von Einzelheiten, die grauenerregend sind. Das erschienene offizielle Kommunique gibt zu, daß in Großwardem und Klausenburg schwere Sachschäden zu verzeichnen, daß Hunderte Geschäfte und Privatwohnungen zerstört und geplündert worden sind. Es wird angekündigt, daß der Schaden vergütet werden wird und daß schon die Stadtbehärden der erwähnten heimgesuchten Städte mit den Steuerbehörden und den Banken wegen eines Moratoriums für die geplünderten Kaufleute verhandeln. Das Kommunique spricht auch von zerstörten Synagogen, die auf Kosten der Regierung wieder hergestellt werden würden. Ein weüeres Kommunique besagt: Eine Militärkolonne umzingelte den Bahnhof von Bukarest und nahm die mü einem Sonderzug aus Großwardem zurückgekehrten Studenten in Empfang. Die Studenten wurden in die Kaserne gebracht und dort interniert. Es wurde eine Untersuchung angestellt, woraufhin 24 Studenten, die sich als die Rädelsführer herausstellten, für verhaftet erklärt wurden. 16 von ihnen werden vor ein Kriegsgericht gestellt werden. Tie Budapester Zeitungen bringen weitere Einzelheiten über die Pogrome in Großwardein und Klausenüurg. Tie Studenten zogen in Gruppen von 50 und 100 durch die Straßen. Wer chnen in die Hände siel, und sich nicht als Rumäne und Christ ausweisen konnte, wurde grausam mißhandelt. Tie tobercke Menge drang darauf in die Grvßwardeiner Synagogen ein, die vollständig vernichtet und in abscheulicher Weise beschmutzt wurden. Tie Thora-Rollen und Gebetbücher würben auf die Straßen verstreut, während die SÜberanfsätze der Thora-Rollen und die sonstigen Wertstücke mitgenommen wurden. Alle Geschäfte von Großwardem sind verwüstet, die Warenvorräte vernichtet, sodaß in der Stadt der Geschäftsverkehr auch heute noch lahm liegt. Nachmittags traf der Zug mit den Studenten in Klausenburg ein. Ein am Bahnhof aufgestellter Militär- und Polizeikordon wurde durchbrochen. In der Stadt wiederhotten sich die Szenen von Großwardein. Tie Geschäfts, wurden verwüstet. Tie jüdischen Passanten wurden blutig geschlagen. Auf der Lokomotive hißten die Studenten, rtts Fahne einen in. Großwardein geraubten jüdischen Gebetsmantel. Bor dem großen jüdischen Tempel versammelten sich