Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 48 (2.12.1927)
- Date
- 1927-12-02
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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BUCHEßSCHAÜ Arnold Zweig: Der Streit um den Sergeanten Grischa. 552 8. Verlag Kiepen heuer, Potsdam. Es gibt Kriegsliteratur, die man verbrennen und solche, die man von Hand zu Hand weiterreichen sollte, weil sie wie ein Aufschrei wirkt, wie ein Sturmruf an alle: macht Frieden! Zweigs Buch gehört zur zweiten Art. Es schildert Leben, Lieben, Leiden und Sterben des Russen Orischa, der aus deutscher Kriegsgefangenschaft wegläuft und nach langem Hin und Her von den Deutschen verurteilt und erschossen wird. Aber hinter diesem Russen stehen Millionen Einzelschicksale, Millionen Liebender, Leidender, Sterbender, die unbarmherzig von der Kriegsmaschine zertrampelt werden — „nichts von Belang“, wie man an „höchster Stelle“ nach der Erschießung des Russen sagte. „An 5, 6 Punkten bewegt man mit Hebeln eine widerstandslose Menschenwelt, deren Verzweiflung man entweder schlau überhört oder kühl besieht“ Und doch ist Grischa „die leidenschaftlichste Seele“, „der große junge", der voll Güte einmal bekennt: „Es ist so viel Verzweiflung in der Welt, daß alle Menschen davon abkriegen können, die Deutschen auch“, Orischa, der kurz vor seinem Ende an Weib und Kind, das ungeborene, so rührend denkt: „Ich habe kein Bild von mir,“ — meine Frau weiß bestimmt nicht mehr, wie ich aussehe, und mein Kind kann sich gar nichts denken, wenn es „Väterchen“ sagt“, Grischa, von dem einer im Buch sagt: „Diese einfachen Leute . . wenn die Gesellschaft sie ins Quellen kommen ließe, was für großartige Gebilde könnten auf Erden nicht entstehen.“ Und dieser Grischa, von Sehnsucht nach der Heimat getrieben, wird wie ein Tier gehetzt. „Ueber den Zaun kletterte da ein Mensch, . . gräßliche Angst im Blick, aber mit den lautlosen Bewegungen eines Gespenstes . „Die Jagerei, das Hin und Her, das ist mir jetzt zu viel . . Genug gehetzt, genug gestachelt, genug gehofft und geängstigt, genug airfgeregt und geflohen, wieder eingefangen, genug verurteilt, wieder vertröstet, nochmal verurteilt . Aber freilich, in dieser Menschenjagd spiegelt sich ja mir der ganze Kriegswahnsinn, der „Riß der Epoche“, in der Menschentum mit „wildem Qraun“ beständig ringt, einer Epoche, in der sich Menschen zu Herren über Tausende machen, schwache, irrende, vom Standesgefühl verwirrte zu Herren über Millionen. Man. lese das „Herrenfest“, das Zweig schildert und das ganze Verbrecherische eines solchen Treibens wird klar. „An seiner (des Oberbefehlshabers) Stelle stehen, hieß kein zufälliges Einzelding mehr sein. Die richtigen Entscheidungen . . seines . . Schädels wurden in Jahrhunderten noch mitgetan von Geschlechtern.“ So urteilt der gewaltige Schieffenzahn. Aber triffst du auch die „richtigen“ Entscheidungen, fragt er nicht, wenn er Grischa preisgibt, sondern nur: rettest du die Disziplin? Und: rettest du die Ehre deines „Ressorts“? Aber sind sie vielleicht gar nicht so schuldig, diese Schieffenzahns, stehen andere Mächte vielleicht hinter ihnen, der „ökonomische Zwang“, die „Mehrwertfresser“, die „Waffenproletarier“ zu Heeren formen, die „Disziplin“ anwenden müssen, Unschuldige erschießen müssen, damit ihre Geschäfte gewinnbringend werden? Fürchterlich, wenn dieser Gedanke zuträfe, und alles, was in dem Buche gegen Gott und Religion gesagt wird, wäre dreimal wahr. Es ist Babke, deren Liebe sich Grischa errungen, die Gott ablehnt, „weil er längst nichts mehr zu sagen hat — weil der Teufel ihn in den Ziegenstall gesperrt hat mitsamt dem Sohn und der Heilige Geist im Taubenschlag girrt und auf ihren roten Polsterstühlen im Himmelssaal der Teufel seine dreckigen Soldatenstiefel hinlümmelt“. „Durchgeführt hat er sie nicht, diese Himmels- und Erdmacherei. Kannst mirs glauben, daß ihtn einer dazwischengepfuscht hat.“ „Liebet eure Feinde und dann Maschinengewehre und Flammenwerfer und Haubitzgran aiten, das paßt nicht“, sagt ein Soldat. „Man kann nicht 5 Bücher Moses und Bergpredigt zjusammenmischen mit Kriegsfreude, wie man Rotwein und Champagner mischen kann“, erkennt der jüdische Rechtsanwalt. Und auch Täwje, der einfache Talmudjtude, für den Gott nichts „ohne Sinn“ geschaffen hat, stellt fest: „Geschrieben stand: „Töte nicht“ und vorher schon: „Wer Menschenbild vergießt, dessen Blut soll durch Menschen vergossen werden.“ — Und es galt als Aufgabe der Weisen, die Uebereinstimmung aufzudecken /wischen beiden.“ Es verleiht dem Buch Zweigs seinen tiefsten Wert, daß es an die Frage: Religion und Krieg entscheftlend rührt. Es kann nicht genug Menschen und Schriften geben, die — höhnend oder flehend — die Religionen an ihren Sinn erinnern und ihre heilige, ach ihre „dreimal heilige“ Aufgabe! Wie beschämt steht die Religion auch in diesem Buch da vor allen Stimmen reinster Menschlichkeit. Ob sie mit Grischa fühlen oder mit dem Vaterland oder mit dem Staat oder mit jedem einzelnen „unbekannten Soldaten“. Da ist Babke, die in ihrer Liebe so gar nichts scheut, um Grischa zu retten, sie, die mit 24 Jahren freilich schon weiß und grau ist, weil man ihr den Vater und 2 Brüder wegen „Waffenverbergens“ erschossen — da ist der Telephonist, der mit einem „Gerettet Mädel“, das der scheinbaren Rettung Grischas gilt, seine Liebe umjubelt. Da ist der Oberst Lychow, der auf die Bemerkung Schieffenzahns: „Der Staat schafft das Recht. Der Einzelne ist eine Laus“ erwidert: „Schafft der Staat das Recht? Nee, aber Rechttun erhält die Staaten . . Wo sie nicht mehr dem Geiste Gottes dienen, krachen sie zusammen wie Kartenhäuser, wenn der Wind der Vorsehung sic anbläst.“ (Nur, daß freilich auch Lychow hinterher „zusammenkracht“, als ihm Schieffenzahn die Folgen seiner Worte vor führt und „der Wind der Vorsehung“ ihn durch die Erkenntnis „anbläst“: „Ich bin ein preußischer General.“) Da ist der Gefreite Sacht, der gegen seinen Willen Grischa an der Flucht hindern muß und gesteht: „Gott verzeih’s denen, die uns anständige Kerle in der Presse stampfen.“ Da ist Winfried (den Zweig in den Mittelpunkt eines neuen Romans stellen will), der bekennt: „Um Deutschland geht es uns. Daß dies geliebte Land nicht verkomme, während es zu steigen glaubt.“ Und da ist wieder der jüdische Rechtsanwalt Posnenski, der behauptet: „Rechtsgesetze aus andern als ethischen Gründen sind unsittlich. Es ist dir gesagt, o Mensch, was gut ist und was dein Gott von dir fordert.“ Und da ist wieder Täwje, der in prophetischer Vision den Untergang Grischas mit dem Untergang Deutschlands, des „großen Sodoms mit seinen Kaisern und Fürsten und Generalen“ in Verknüpfung bringt. (Wie er freilich auch die Uebcrtragung Palästinas an England als Strafe für Deutschland ansieht und sich den Tod Grischas nur noch dadurch erklären kann, daß dessen Seele in „früheren Verkörperungen“ „sehr viel Böses“ getan.) Zweig versteht es, durch Gegensätzlichkeiten zu wirken. So, wenn der Untergang Grischas am Tage der Reformationsfeier bekannt wird und einer ausruft: „Wir sind entehrt, das ist unser Untergang . . Als moralische Existenz, meint er, als sittliches Gemeinwesen, christliches, wie sie es sagt. (Seine Liebe.) — Und so wirkt er auch außerordentlich, wenn er mit einer kleinen Episode schließt: ein Urlauber kommt gerade auf dem Bahnhof an, als der Zug abfährt. Es ist ihm verboten zu halten. Aber er tut es. „Wa, Mensch? Wird man sich woll noch leisten dürfen. Kostet 70 Mark Heizen und 2 Minuten Verspätung. Mit jeder Granate werden ein paar hundert Mark in die Lint gesprengt.“ So der Heizer. Und wenn es nun an einer Stelle des Buches heißt: „Großer Gott, wie glücklich könnte die Menschheit mit so viel Technik werden“, dann ist dieser glückliche Urlauber nur die Verkörperung der Millionen und Millionen, die von der „Umstellung“ der Technik auf Friedensgeräte ihr persönliches Glück und damit das Glück der Menschheit ernoffen, ist er der Aufschrei der Sehnsucht des Herzens, das sich den Glauben nicht nehmen läßt: .„Adonaj schalom — Gott ist der Friede.“ Des herzlichen Dankes aller dieser Gläubigen fiir sein Werk kann Zweig sicher sein. Rabb. Dr. Gottschalk, Frankfurt a. M Die Sagen der Juden. Gesammelt von Micha Josef bin Gorion. (Verlag Rfitten & Loening, Frankfurt a. M.) Es ist gewöhnlich so, daß die Menschen in der Geschichte und in den Sagen anderer Völker besser Bescheid wissen als in den ihrigen. Hier begnügen sie sich mit Schulweisheit und dem wenigen, das sie hinzugetragen. Sie ahnen nicht, welch kostbarer Schatz ihnen dadurch verloren gegangen ist. Gerade in dem Mythos, in den Sagen und Legenden findet ein Volk jene Kraft, die zur Wiederbelebung seiner Wesensart beiträgt. Er ist ein Quell der Verjüngung und ein Born der Freude. Nicht nur daß sich die Vergangenheit erhellt, die Gestalten deutlicher hervortreten — man faßt aus Vergangenem Mut zur Gegenwart, neue Lust zum Leben, nimmt sich die als Vorbild, die durch ihre Tugenden hervortreten. Mit dem Band „Juda und Israel“ findet die Sammlung „Die Sagen der Jaden“ ihren Abschluß. Ueberschaut man [ die fünf Bände, muß man die Fülle des gesammelten Materials bestaunen: Die Urzeit — Die Erzväter — Die zwölf Stämme — Moses — Juda und Israel. Die Geburt eines Volkes und sein Ruhmesgang erheben sich mächtig, dazu die großen Männer seiner Geschichte: Feldherren und Märtyrer, kleine und große Propheten, Könige und Priester, Gläubige und Verräter, Gesetzgeber und Richter. Erzen thront die Gestalt Mose, der Befreier aus Aegyptens Joch, der große Diener seines Volkes. Um sein Leben winden sich, von seiner Geburt bis zu seinem sagenhaften Tod, eine unzählige Zahl Legenden. In dem Buch „Juda und Israel“ sind es die Könige, denen unsere Bewunderung gilt. Aber alle überragt Jahwe, der Herrscher, der höchste aller Könige, der nach unergründlichen Gesetzen regiert, Leben sät und vernichtet, und durch den Mund seiner Propheten sein Wort verkünden läßt. An den Sagen Israels kann man die Größe und alle Eigenschaften Jahwes erkennen Die Abfassung der Bücher ist allgemein verständlich, volkstümlich gehalten, daß sich keinem das helle Reich ver. schließt. Man sollte diese Bücher weit verbreiten, sie der Jugend in die Hand geben, damit sie den Heroismus der verflossenen Zeit achten lernt, sich an ihm aufrichtet, an ihm ihren Lebenswillen stählt und sich aufs Neue mit der Geschichte verknüpft. Das ist gerade, was unserer Zeit fehlt, wir haben die Bindung mit der Vergangenheit verloren, deshalb treiben wir wie Wrack auf offenem Meer. Laßt uns nach den wahren Quellen wandern, um aus ihnen Kraft zu schöpfen, die wir für unseren Daseinskampf benötigen.*) M. Sp. *) Ein vortreffliches Inhaltsverzeichnis macht jedes Werk angenehm zum Gebrauch. Der Heinebund: Aim6 PaRföre: Das unbekannte Heiligtum, Berlin 1927. „.so werde ich gedenken meines Bundes, der zwischen mir und Euch und allen Leben-Atmenden.“ So heißt es im 15. Vers des 9. Kapitels des Genesisbuches. Gott schließt mit Noah einen Bund, der nicht einen Teil der Menschheit, nicht eine Rasse, nicht eine Nation, sondern das ganze Menschengeschlecht, alle Völker umfaßt. Dieser Noachidische Bund wird zum Problem, richtiger: wird zur Lösung des Problems im neuen Buch des Heinebunds: Das unbekannte Heiligtum. Ein Bekenntnis ist es, doch nicht das eines Juden, es ist das einer gläubigen christlichen Seele, eines Katholiken, der sich mit allen Fasern seines Herzens zum Judentum hingezogen fühlt. Ein Erlebnis seiner Jugend läßt den schon zum Priester Bestimmten den begonnenen Weg ändern. Das Ergreifende des Jaumkippurgottesdienstes, dem er durch Zufall beiwohnt, verläßt ihn nicht, er will mehr um das Volk Israel und seine Religion wissen, um das, was ihm nur aus Bildern der Dorischen Bibel bekannt ist. Mit eisernem Eifer studiert er hebräische Lehrbücher, dringt er in die Gebetssprache ein, lernt er Sitten und Gebräuche. Zweifel steigen in ihm auf, er ringt mit sich., mit dem Gedanken, seiner Familie, seiner geliebten Mutter durch einen Uebertritt Kummer zu bereiten, stammt er doch aus einem Hause, in dem die Religion den Ehrenplatz einnahm, die Religion, der er bis heute Liebe und Ehrfurcht bewahrt hat. Ereignisse treten an ihn heran, die seine religiösen Schwankungen, seine Zweifel noch stärker gestalten. Er wohnt Vorträgen der Salutisten, der Heilsarmee, bei, fühlt sich hingezogen und wieder abgestoßen. Nirgends ein ruhender Pol, nirgends gewahrt er einen Hoffnungsanker in diesem Ringen. Er versucht vollkommene Rückkehr, da stößt ihn das kalte Wort eines Karthäuser Mönches erneut in die Wirren, eines Mannes, der in der Beichte des Kämpfenden nichts sieht als „eine Folge unfaßbarer Widersprüche und zusammenhangloser Glaubensschwankungen“. Wieder und wieder fesseln ihn die gottesdienstlichen Handlungen, fühlt er sich beim Anhören der allhebräischen Worte und Melodien eins mit dem Judentum. Endlich aber findet er den Kranz für sein Ringen, findet er den Mann, der ihm zum Wegweiser wird. Er lernt Elia Benamozegh, den 1900 verstorbenen Rabbiner von Livorno, kennen, der sich seiner mit fühlbarer Wärme annimmt. Benamozegh lehrt ihn, die mosaische Religion als ein Priestertum auf fassen, als eine besondere Satzung, die Juden als die Priester, als die Bewahrer. Menschheitsreligion aber ist der Noachismus, der auf den Bund Gottes mit der Menschheit zurückgeht. „Israels uralte Tradition“, so heißt es an einer Stelle des Buches, „zeigt ganz ausgesprochen universalistische Bestrebungen, die aber aller Hintergedanken, die Völker dem Mosaismus zu unterjochen, entbehren.“ Benamozegh gelingt es, Palliare zu überzeugen, daß er selbst als Christ sich Noachide nennen darf. So bleibt der Verfasser des Bekenntnisses Christ, er ist „Proselyt am Tore“. Seine Bekanntschaft mit dem aufrechten und ehrlichen Pater Hyarinthe bestärkt ihn noch mehr in der gewonnenen UebErzeugung durch das Wort, daß Israel der Ruhm verbleibe, der Menschlichkeit den von ihr verkannten Schatz bewahrt und übergeben zu haben: Gott, das Sittengesetz und das künftige Reich der Gerechtigkeit. Aim6 PaUieres Buch mit dem wundervollen Vorwort Dr. L. Baeeks ist vielleicht von einer Bedeutung, die noch nicht zu übersehen ist Dem „Proselyten am Tore“ ist mehr Beeinflussung und Ueberzeugungskraft gegeben als dem zum Judentum Uebergetretenen. Es gibt dem ehrlichen Christen zu denken, es ruft dem Juden manches ernste Mahnwort zu, alles Ln einer Sprache, die keineswegs die eines Dichters oder Romanschriftstellers, auch nicht die eines Philosophen ist, sondern die eines einfachen Menschen, der sein Eigenstes gibt, weil es ihn dazu drängt, der aber über sich hinauswächst, wenn er der Persönlichkeit gedenkt, von der er alles empfing, Elia Benamozeghs, dem Auffassungen unserer Zeit schon vor mehreren Jahrzehnten zu eigen waren, der, wie es im Vorwort heißt, sein Judentum zu einem „kosmischen Prinzip“ ausbaute. Möge das Buch io weite Kreise dringen, möge es viele zu der Erkenntnis Palliares führen, daß „Israel ein lebendes Wundert* ist. CiJIi Marx. Dreifuß, Dr. Erwin Manuel: Die Familiennamen de» Juden unter besonderer Berücksichtigung der Verhältnisse in Baden zu Anfang des 19. Jamhunderts. J. Kaeiffmann Verlag. Frankfurt a. M. 1927. Der Verfasser gibt eine interessante Untersuchung über die Familien namen der Juden, während die meisten bisherigen Arbeiten auf diesem Gebiete sich mit den jüdischen Vor namen beschäftigen. Wenn auch nur die Juden Badens von ihm behandelt werden, so bietet doch der erste Abschnitt einen sehr lehrreichen, historischen Ueberblick über die Namengebung der Juden im allgemeinen. Mit Recht ist das Buch als „ein Beitrag zur Geschichte der Emanzipation“ bezeichnet und zeigt, daß die Tendenz der Juden sich auch hier in der Richtung bewegt, sich der Umwelt anzugliedern. Die Einleitung in die für solche Untersuchungen gebräuchlichen Klassen von Namen fHerkunfts-, Haus-, Pflanzen-, Berufs-, Eigenschafts-, Auszeichnung^-, Phantasie- Namen usw.) ist überaus klar durchgeführt. Der Ertrag an vielfacher Anregung, den das mit Sorgfalt und großer Materialbeherrschung gearbeitete Werk bietet, ist so reich, daß es angelegentlichst empfohlen werden kann und besonders bei der Juden heit in Baden starke Beachtung finden wird. Rabbiner Dr. Löwenstamm, Spandau. Perusch al Jeschajohu von Salomon Pines in Zürich. Verlag „Menora“ Wien II 1927. 107 Seiten. Dieser hebräisch geschriebene Kommentar zum Propheten Jesaja dient der Tendenz, dem einfachen Wortsinn (P'schat) Rechnung zu tragen und zeigt das Bestreben, der Person des geschichtlichen Jesaja gerecht zu werden. Der gelehrte Verfasser stellt sich abseits von der Auffassung vieler Ausleger, das Buch nach Gutdünken erläutern zu dürfen, es so oder so zurechtzumachen. Er setzt sich auch nicht mit den christlichen Kommentatoren wie Dillmann beziehungsweise Kittel, Orelli, Duhm, Marti, Klostermann usw. auseinander. Andererseits zitiert der Verfasser Dr. M. W. Meyers „Erdbeben und Vulkane“, F. Goll’s „Die Erdbeben Chiles“, Spenglers „Untergang des Abendlandes“, Paulis „Realencyklopädie der klassischen Altertumswissenschaft“ und Otto Seemanns „Mythologie“. Wir machen die jüdischen Gelehrten auf die vorliegende Schrift aufmerksam — andere Leser kommen nicht in Betracht. Dr. Spanier (Magdeburg.) Goethes Faust. Von Etta Federn-Kohlhaas. Verlag Horodiscfr u. Marx. Berlin 1927. Die geistvolle Verfasserin sucht nachzuweisen, daß wir nur dann sicher die Bedeutung der Faust-Dichtung erkennen, wenn wir uns klar machen, daß Goethe selbst in der Faust-Gestalt verkörpert ist, daß sie seine Auffassung von der Welt und dem Leben wiedergibt. Aber Goethes Gedanken und Empfindungen, die sich aus seinen Lebensschicksalen herleiten, finden sich auch bei anderen Personen der Dichtung wieder, so in jeder der drei Erzengel. Die von ihnen ausgesprochene Weltanschauung geben die seine wieder, wie sie sich im Laufe der Jahre ausgebildet hat und schließlich in den reinen und liebenden Theismus ausklingt, den wir in der Bibel in der Erzählung vom Propheten Elias finden, dem im sanften Säuseln eine Gottesoffenbarung wurde. Ein besonderes Verdienst erwirbt sich die Verfasserin dadurch, daß sie mit viel Scharfsinn und Liebe so manche strittigen Punkte im ersten, namentlich aber im zweiten. Teil des „Faust** aufzuklären sich bemüht. Mehrfach weist sie darauf hin, ein wie guter Bibelkenner Goethe von Jugend an war. Um die Bibel ganz erfassen zu können, habe er sich eingehend mit der hebräischen Sprache beschäftigt und auch das Hohe Lied aus dem Urtext übersetzt. Dementsprechend finden wir immer und immer wieder Anklänge an die Bibel im „Faust“. Goethe rühmt sich, daß er das Buch Hiob für seinen Prolog im Himmel verwandt habe, macht im zweiten Teil, um die Unersättlichkeit stärker zu unterstreichen, eine Anspielung auf König Ahab und Naboths Weinberg, macht Chiron zum „ewigen Juden“ der klassischen Walpurgisnacht u. a. mehr. Wir können das von großer Belesenheit und eindringendem Verständnis zeugende Buch einem jeden empfehlen, der einen klaren Einblick gewinnen will in den „Faust“, die größte deutsche Dichtung der letzten Jahrhunderte. Sanitätsrat Dr. Scherbel (Lissa i. P.). Loewinson, Ermanno: Roma israelitica. Wanderungen eines Juden durch die Kunststätten Roms. J. Kauffmann Verlag. Frankfurt a. M. 1927. Ein prachtvolles Buch, das ein ungewöhnlich wertvoller Führer durch die „ewige Roma“ mit ihren einzigartigen Kunstschätzen ist! Die Geschichte dieser für die Weltkultur unvergleichlichen Stadt im Altertum, im Mittelalter und in der Neuzeit unter der Herrschaft der Kaiser, der Päpste und der Könige wird vor uns lebendig durch eine Fülle von Eindrücken, die mit plastischer Gewalt dargeboten werden, und in einer Darstellung, die mit eindringlicher Anschaulichkeit zu schildern weiß. Das Wesen des Werkes aber, die Beziehungen der römischen Kunstschätze in der Malerei, Bildhauerkunst und Architektur zum Judentum, zu seiner Literatur und Geschichte quillt aus seiner so innerlichen, warmen Begeisterung für jüdische Art und Sitte, für jüdisches Schicksal und jüdische Originalität, daß die Lektüre des Buches selbst zu einem Kunstgenuß wird. Wir durchwandern die Stadt uund "sehen das Kleine und das Große mit den Augen des Judentums. Kein selbstbewußter Jude wird in Zukunft eine Romreise unternehmen, ohne sich dieses herrlichen Führers zu bedienen- Ueberdies bietet das Werk durch seine 'äußere Ausstattung und die beigegebenen Bilder eine echte ästhetische Befriedigung. Rabbiner Dr. Löwenstamm, Spandau. C.-V.-Kalender 1928. Herausgegeben vom Landesverband Groß-Berlin des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens E. V. Das C.-V.-Büchlein, das jetzt den Namen eines Kalenders trägt, erscheint in erweiterter Form; der Inhalt ist stark vermehrt, die statistischen Angaben sind einer genauen Prüfung unterzogen, den vorgebrachten Wünschen und Anregungen ist man bereitwilligst entgegengekommen. Allen, die am jüdischen Leben Interesse haben, wird durch die Herausgabe dieses kleinen Nachschlagebüchleins in Kalenderform ein Dienst erwiesen. Wenn auch, genau wie im Vorjahre, vorwiegend die Groß-Berline: Verhältnisse berücksichtigt sind, so wird doch gleich der 1. Auflage auch diese zweite im ganzen Reich Anklang finden, zumal verschiedene der statistischen Angaben willkommene Wegweiser bei den bevorstehenden politischen Wahlkämpfen sein dürften. Ein Frage- und Antwortspiel über Abwehr des Judenhasses wird dem Kalender besondere Beliebtheit bei unseren Glaubensgenossen in Stadt und Land verschaffen. L. N.