Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 48 (2.12.1927)
- Date
- 1927-12-02
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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7. Jahrgang Nummer 48 Friedrich Hebbel und die Juden Von Etta Federn-Kohlhaas. Friedrich Hebbel setzte einen besonderen Stolz in seine Dithmarscher Abstammung. Es freute den Wesselburener Bauernsohn, ein Nachkomme jenes alten Geschlechtes zu sein, das sich einige Jahrhunderte lang seine Unabhängigkeit sowohl dem deutschen Reich wie dem dänischen Königtum gegenüber gewahrt hatte. Seine Wesselburener Heimat war erfüllt von Nach klängen an jene stolzen Zeiten der Bauernrepublik, und es ist kein Wunder, daß eine der ersten Jugenddichtungen Hebbels sich mit der „Schlacht von Hemmingstedt" beschäftigte, in der eine Handvoll Bauen: mit Hilfe der Elemente ein ganzes Ritterheer besiegte. Hebbel stammte, wie allgemein bekannt, von ganz armen einfachen Leuten. Seine Kindheit kann ihn höchstens mit jenen Juden in Berührung gebracht haben, die als herumziehende Hausierer auch in den Gesichtskreis des armen Proletarierkindes traten. Es ist aber nichts darüber bekannt, während wir von Andersen, dem dänischen Märchendichter, zum Beispiel wissen, aus welche Kindheitseindrücke in der Judenschule, die er besuchte, sein großer Philosemitismus zurückzuführen ist. Auch aus der Zeit, als Hebbel Schreiber beim Kirchspielvogt Mohr in Wesselburcn war und grausam ausgenützt und erniedrigt wurde, sind keine Begegnungen mit Juden überliefert worden, die einen tieferen Eindruck aus ihn gemacht hätten. Und aus der Hamburger Zeit, in der Hebbel den Druck der Abhängigkeit, die Qual, Wohltaten empfangen zu müssen, gründlich kennen lernte, wissen wir auch nichts von Beziehungen zu Juden. Und trotzdem möchte ich Hebbels nahe und innige Freundschaft mit Juden, die er erst viel später kennen lernte, auf diese Zeit znrücksühren. Nach dem Aufenthalt in München, nach der Epoche bitteren Hungers, Vereinsamung urü) Not, die ihm aus seiner Armut erwuchsen, hat Hebbel ein Gedicht geschrieben: „Der Jude an den Christen". In diesem Gedicht, das den Juden redend einführt, das ihn darstellt, wie er zum Christen aufblickt, um von ihm Hilfe in seinen Leiden zu erlangen, während er ihm diese Leiden eben zum Vorwurf anrechnet, heißt es am Schluß: „Was war in Eurer Mätt'rer Leib zu lesen, wenn man zerfetzt hervor sie stieß aus Licht? Doch nur, wie hart die Folterbank gewesen — für Sünden hielt man ihre Wunden nicht." Aus diesen- Zeilen geht hervor, daß Hebbel die unangenehmen Eigenschaften der Juden, die man ihnen gewöhnlich berechtigt oder unberechtigt zum Vorwurf zu machen beliebt, historisch aus ihrer Geschichte, aus der Unterdrückung, die sie erleiden mußten, ableitete, und somit nicht sie, nicht die J:ck>en für diese sogenannten Fehler verantwortlich machte, — in jener Zeit sprach man wohl noch nicht von höherer oder niederer Rasse —, sondern die „Folterbank, die Verhältnisse also, unter denen sie gelebt hatten. Hebbel war also frei von diesem Rassedünkel, den man in unserer Zeit gerne in den Reihen der Halbgebildeten findet. Im Gegenteil, er sah im Juden unbewußt einen Leidensgefährten. Auch er stand unter dem schwersten Druck, seiner Lcbensverhältnisse, seiner Not mrd Armut, seines Außenstehens, außerhalb der Kreise Lebens, die ihn eigentlich anzogen, zu denen er sich rechnete: den Kreisen höchster geistiger Kultur. Der Jude war ein „Outcast" so wie er, er war außerhalb der Gesellschaftsordnung wie der Jude. Trat ihm dann ein geistig hochstehender Jude entgegen, wie bei seinem Pariser Aufenthalt Heinrich Heine, dann waren die Vorbedingungen für einen geistigen Austausch, ja sür eine Freundschaft gegeben. Daß es in diesem Falle nicht dazu kam, lag an den besonderen Eigenschaften der beiden so grniüwerschiedenen Persönlichkeiten, darum mußte es nur bei der anregenden Bekanntschaft bleiben. Aber mit Felix Bamberg, den Hebbel auch in Paris kennen lernte, verband ihn bald eine warme geistige und persönliche Freundschaft. Tr. Bamberg zeigte ihm Paris, er stand ihm bei, als Hebbel nach dem Tod seines unehelichen Söhnchens Max, dem ersten Kinde, das er mit Elise Lensing gezeugt hatte, sich wahren Paroxysmen des Schmerzes hingab. Bamberg verstand alte Gereiztheiten und Empfindlichkeiten Hebbels mit Takt und Verständnis zu überbrücken, denn Hebbel litt damals wie noch lange nachher an dem krankhaft gesteigerten Mißtrauen des Proletariers, das aus mangelnder Selbstsicherheit stammt. Es gab wohl einmal Spannungen und Gereiztheiten zwischen ihnen, es gab späterhin auch gelegentliche Pausen in der Korrespondenz, — aber Bamberg kannte als Jude diese Leiden des Unterdrückten, er hatte angeborenes Verständnis sür sie, und so half er auch Hebbel über sie hinweg. Von Bamberg erhielt Hebbel bei seiner Abreise von Paris eine Adlerfeder, um mit ihr den „Moloch" zu schreiben, und dieses Geschenk hat einen starken Eindruck auf ihn gemacht. An Bamberg richtete er ein paar entscheidende Briefe, als er sich in Wien entschloß, das seit langem äußerlich unhaltbar gewordene Verhältnis zu Elise Lensing zu lösen, das innerlich ja von jeher durch ihre Liebe und Liebessehnsucht, die Hebbel nicht teilen konnte, auf eine falsche Basis gestellt worden war. Bamberg wurde auch später von ihm testamentarisch zum Herausgeber von Hebbels Briefen und Tagebüchern bestimmt. Leider hat er hierbei einige wichtige Briefe an Elise aus dieser Konfliktzeit vernichtet, aus einer mißverstandenen Pietät, oder aus einer zu weit getriebenen Rücksicht gegen die Witwe des Dichters. Er hielt sich eben nicht vor Augen, daß nach einer gewissen Reihe von Jahren, auch einer „Schutzfrist", wenn man es so nennen will, alles, was von einem Genie ausgeht, Eigentum der Allgemeinheit, der Menschheit werden müßte. Nicht so nah wie seine Freundschaft zu Bamberg, aber auch sehr nah und herzlich waren Hebbels Beziehungen zu dem Wiener Journalisten Siegmund Engländer. Dieser hatte sich ihm mit einer geradezu schwärmerischen und glühenden Verehrung genähert, und seine Freundschaft hatte die schwere Probe der Eitelkeit bestehen müssen. Denn er hatte Hebbel einen Roman im Manuskript zu lesen gegeben und hatte um ein ehrliches Urteil gebeten. Hebbel hatte das Werk verworfen und Engländer hat nie mehr dichterisch zu schaffen versucht, sondern sich ausschließlich dem Journalismus gewidmet. In dem „tollen" Jahr von 48 wurden die beiden auseinander gerissen, als Engländer fliehen mußte, und erst viel später, in den 60 er Jahren, trafen sie sich wieder. Für die Art ihrer Freundschaft, für die geistige Nähe, in der sie zu einander verharrten, ist ein Brief bezeichnend, den JSWchilbttllleZMlng j'*'j'" ^CTfammttinggfal^ber''' | *| Aachen. Am 14. Dezember beginnt Herr Rabbiner Dr. LchSvberger seinen Vortragszyklus über „Wachsen «nb Werden des Judentums". Saal wird noch bekannt gegeben. Berlin-Karlshorst. Am Dienstag, den 6. Dezember, abends 8 Uhr, findet in der Konditorei Schröter, Karlshorst, Auguste Bicloriastraße 44, ein Vortrag des Herrn Rechtsanwalt Dr. Mar Mayer über „Das unbekannte Heiligtum" statt. Gäste find herzlich willkommen. Berlin-Norden. Liberale Synagoge Norden lim Auerbachschrn Waisenhaus, Schönhauser Allee 162): Freitag, den 2. Dezember, abends 7.15 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Rabbiner Dr. Satomonsli. Sonnabend, den 3. Dezember, vormittags 10 Uhr, Gottesdienst. Breslau. Jüdisch-liberaler Jugendverein „Abraham Geiger". Vorsitzender: Rabbiner Dr. Halpersohn, Breslau 13, Moritzstrahe 50. Montag, den 5. Dezember, abends 8.15 Uhr, im vereinstokal, Saal der Loge „Gerhart Hauptmann", Schweidnitzer Stadtgraben 9. Herr Religionslehrer Daoidsohn spricht über das Thema: Aus jüdischer Geschichte. Rege Beteiligung und Einführung von Kästen erbeten. Jli-Frankfurt a. M. Dienstag, den 6. Dezember, abends 8.45 Uhr, Sitzungszimmer Synagoge Königsteinec Sttatze, Heimabend. Zum Jli-Ball am 11. Dezember 1927, abends 7 Uhr, in den Räumen der Frankfurt-Loge, hat der Kartenverlauf bereits lebhaft eingesetzt; kein Wunder, denn bei der Beliebtheit der Jii-Bälle wird auch dieses Mal jeder auf seine Kosten kommen. Tanzkapelle: Steiner. Kabarett im kleinen Saal und Ueberraschungen werden das Ihre tun, sür die richtige Stimmung zu sorgen. Karten im Lorverkauf zu Ml. 2,— incl. Steuer an der Theaterkasse der Wronker A.-E., bei Olga vom Hagen, Lina Schott und bei Bereinsmitgliedern. Karlen an der Abendkasse kosten Mk. 3,—. Es empfiehlt sich daher, die Karten rechtzeitig zu besorgen. Königsberg. Bereinigung jür das liberale Judentum. Versammlung am Sonnabend, den 10. Dezember, abends 8 Uhr, in der Aula der Hindenburgschule, Wallring. Bortrag von Bruno Woyda-Brrlin: Lerlaus und Lehren des letzten Zionisteniongresses. Freie Aussprache. Sämtliche Mitglieder der Synagoqengemejnde sind eingeladen. Liegnitz. Liberaler Verein der Synagogen-Eemeinde. Der nächste Vortragsabend findet am Montag, den 5. Dezember, 20.15 Uhr, statt. (Silefialoge.) Redner: Herr Rabbiner Dr. Krün, Frankfurt a. Oder. Thema: Das Judentum als Entwicklungs-Religion. Gäste willkommen. Stettin. Donnerstag, 3. Dezember, abends 8.30 Uhr pünktlich, im großen polytechnischen Saal des Konzerthanfes öffentliche Versammlung für alle Gemeindemi.'glieder. Thema: „Jdeengemeinschaft oder Stammesgemeinschaft (Abgrenzung des liberalen Judentums gegen Ratioüaljudentum und Zionismus)". Referent: George Koetz (Berlin), Generalsekretär der Bereinigung für das liberale Judentum e. V. — Anschließend Diskussion. Hebbel im Jahr 62 über seine „Nibelungen-Trilogie" an Engländer richtete. Auch der Dichter Ludwig August Frankl in Wien, dem das jüdische Blindeninstitut auf der Hohen Warte bei Wien seinen Ursprung verdankt, trat Hebbel menschlich sehr nahe, am nächsten aber doch sein späterer Biograph, Emil Kuh, der eine wahre Jüngerrolle bei Hebbel lange Zeit bekleidete. Anbetend und verehrend, mit einer Hingebung, die auf einen weichen und nicht sehr männlichen Charakter schließen Jäßt, hatte er sich Hebbel genähert, war mit mehreren anderen jungen Leuten zusammen ständiger Abendgast im Hebbelschen Familienkreis und mußte sich schließlich von dem Meister lösen, so wie der Sohn sich in einer gewissen Epocbe des Reifens vom Vater lösen muß, um seine Selbständigkeit, sein eigenes Ich zu wahren oder zu erwerben. Wie die Nähe einen übersteigerten, leidenschaftlichen Charakter gehabt hatte, der uns ungesund erscheint, so war auch der Bruch übersteigert und schroff und Hebbel hat namenlos darunter gelitten. Erst auf dem Totenbett haben sich die beiden versöhnt. Bei dieser Trennung mag auch ein weiblicher Einfluß sich geltend gemacht haben. Kuh war mit Adele Ferrari verlobt, und es ist begreiflich, daß die Frau und Geliebte die nahe Beziehung zu dem väterlichen Freund, zu dem Meister, zu dem angebeten Dichter nicht gut ertragen konnte, weil diese eben einen so glänzenden, ja sich selbst tiefgebenden Charakter angenommen hatte. Aus Anlaß dieser Verlobung und ihrer Folgen sür Emil Kuh im Kreise seiner eigenen elterlichen Familie schrieb Hebbel 'einen sür seine Stellung zum Judentum besonders charakteristischen Brief, in dem es heißt: „Zn der Herausgabe Ihrer Gedichte gratuliere ich, dagegen verlangen Sie wohl nicht von mir, daß ich Ihre Ansichten über die Juden unterschreibe (Kuh war offenbar ein wenig Antisemit geworden, wie das bei jungen sich emanzipierenden Juden gelegentlich Vorkommen soll!), da Sie wissen, daß ich mich vor vielen Jahren schon mit einem christlichen Freunde auf lange entzweite, als er ähnliche aussprach, und da Ihnen früher mein Wort: Der Jude ist gerade so schlecht wie der Mensch! recht wohlgefiel. Der Jude ist freilich ein Auserwählter wie jeder Aristokrat, zu Anmaßung und Undankbarkeit geneigt, und da seine Ansprüche aus historischen Gründen immer derber abgewiesen und stärker darniedergehalten wurden wie die der übrigen Adelskasten, so hat sich auf der einen Seite das in ihm ausgebildet, was ich die kleine Courage nennen möchte und was leichter zur Unverschämtheit im Hause als zur Tapferkeit auf der Straße führt, und auf der anderen Seite hat er sich eine Dialektik angeeignet, die alle ursprünglichen Verhältnisse zu verschieben sucht, um leichter mit ihnen fertig zu »verden, und aus der schon der Talmud hervorging. Aber diese Eigenschaften können Beilage 2. De;ember1927 MmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmammmmBiKmmmmmmmmMsmma sich zunächst nie gegen Sie kehren, da Sie ja selbst zu den Auserwähltm gehören, und dann denke ich viel zu groß von dem Menschen, obgleich ich ihn wahrlich nicht überschätze, um nicht au dem Glauben sestzuhalten, daß er die kleinen Hindernisse, welche die Rasse ihm allenfalls in den Weg legen mag, durch die kleinste sittliche Anstrengung überwinden kann. Erwägen Sie diese Gedanken in ihrer ganzen Tiefe und söhnen Sie sich mit Ihrer Nation wieder aus, es tut nicht gut, sich von dem Boden loszutrennen, dem man angehört, und ich sehe Sie nicht gern auf diesem Wege. Ihrer Familie nehme ich nichts übel, sie hat nie Verpflichtungen gegen Mich gehabt, und ich fiube es natürlich, wenn sie jetzt gegen alles Christliche etwas eingenommen ist." Das betraf die persönliche Stellungnahme zum Judentum. Wie er über die Stellung der Juden als eingesprengte Glieder des Bolksganzen dachte, dafür mögen die Worte bezeichnend sein, die er in der „Agnes Bernauer" dem Herzog Ernst in den Muiw legt. Der Kanzler bittet um besondere Bestimmungen gegen den Wucher der Juden und der Herzog antwottet: „Man soll sich so einrichten, daß man die Juden nicht braucht! Wer nicht von ihnen borgt, wird nicht arm durch sie, und ob sie Fünfzig von Hundert nehmen!" Darauf meint der Kanzler, es sei nm der Juden selbst willen, da man sie an verschiedenen Orten bereits totschlage, und wieder sagt der Herzog: „Meine Inden sollen.'s so treiben, daß sie das Totschlägen nicht verdienen, dann wird's wohl unterbleibend" Was Hebbel also hier durch den Herzog fordert, das sind äußerlich alle bürgerlichen Freiheiten, innerlich die „Sittliche Anstrengung", von der er auch im Brief an Kuh gesprochen hat. „Pogrome", wie unsere Zeit sie kennt, kamen für ihn nicht in Betracht und ihm galten die Juden als Glieder des Volksganzen und-nicht als die Schlechtesten. Das war gewiß nicht nnr Dankbarkeit dafür, daß Juden es waren, die sich zuerst für ihn einsetzten, die seine Bedeutung zuerst würdigten. Felix Bamberg schrieb schon früh eine Würdigung von Hebbels Werk, die diese schwere und daher nicht leicht zugängliche Dichtung einem größeren Kreise vettraut machen wollte. Kuh ließ schon zu Hebbels Lebzeiten in der ersten Blüte ihrer Freundschaft seine „Charakteristik Friedrich Hebbels" erscheinen. Aber das war es nicht, was Hebbel mit den Juden verband. Es waren die Eigenschaften eines Gerechtigkeitssinnes, einer Fähigkeit, sich in Anderer Empfindungen einzuleben, einer angeborenen Sympathie für den Unterdrückten auf Hebbels Seite, und aus Seiten der Juden die Neigung zu allem Denkerischen, die Vorliebe sür das Neue in geistiger Beziehung und auch das eingeborene Verständnis für den Kämpfer, für den, der sich vom Druck befreien und emporringen will. Und dann — in der Geschichte der deutschen Literatur haben mehr als einmal die Juden die Rolle des Verkünders und Mittlers übernommen, der die Nation auf ihr noch unbekannte geistige Schätze aufmerksam macht, die aus ihrer Mitte hervorgingen. Es darf nicht vergessen werden, was gerade Juden und hauptsächlich Juden schon zu seinen Lebzeiten und seither immer weiter für das Verständnis Goethes getan haben. Es war Gegenseitigkeit in dem. Verhältnis von Hebbel zu seinen jüdischen Aposteln, was bei Goethe nur unbewußt der Fall gewesen ist. Hebbel sah eben in den Juden wie sein geistig Nahverwandter, Ibsen, die älteste Aristokratie der Kulturwelt, und er fühlte sich mit der ganzen Sehnsucht des Proletarier- Abkömmlings zu dieser Aristokratie hingezogen. Anders als die christlichen Aristokratien es ihren Bewunderern in der Geisteswelt gemeinhin lohnten, hat die Aristokratie des Judentums sich ihm für diese Zuneigung dankbar erwiesen. Jüdische Siedluvgsarbett in Rußland Bon der Gesellschaft „Ort". Herr Dr. Henry Moscowitz, Vorsitzender der amerikanischen Gesellschaft „Ort" und Mitglied der Executive des Joint Distribution Committee, ist von einer längeren Reise in Rußland, die ihn durch die neuen jüdischen Kolonien und die Städte führte, in Berlin eingetroffen. Die Gesellschaft „Ott", Abteilung Deutschland, lud die Vertreter der Presse für Mittwoch, den 23. November, in das Hotel Kaiser- Hof zu einem Tee mit Dr. Moscowitz ein. Der Einladung folgten viele Vertreter der jüdischen Presse, der großen deutschen Presse und der ausländischen Presse, sowie Vertreter von Organisationen und eine Anzahl Fachleute. Der Vorsitzende des deutschen „Ott", Herr Wilhelm Graetz, begrüßte die Erschienenen und gab Aufschluß über Ziele und Arbeitsmethoden von „Ott", dessen Wirken der Ausdruck des elementaren Strebens der jüdischen Massen in den Ländern Osteuropas nach wittschastlicher Einschichtung ist. Herr Dr. Henry Moscowitz sprach sodann über die bisherigen Fottschritte und die Zukunstsaussichten der jüdischen Aufbauarbeit in Rußland ans den Gebieten der Landwirtschaft und des Handwerks. Sein jetziger Besuch in Rußland hatte einen doppelten Zweck, erstens wollte er die Fortschritte im jüdischen Aufbauwerk, die seit seinem ersten Besuch in Rußland im Jahre 1925 gewacht worden sind, feststellen; zweitens wollte er die zwischen der Gesellschaft „Ort" und den Bevollmächtigten der russischen Regierung über den Abschluß ftines Vertrages betreffend die begünstigte Einführung von Maschinen und Rohstoffen für die jüdischen Handwerker und Heimarbeiter gepflogenen Verhandlungen zum Abschluß bringen. Dies ist auch geschehen, der Vertrag wird gewiß in einigen Wochen wohl unterzeichnet werden. „Ort" wird' hierdurch die Möglichkeit erhalten, Maschinen, Werkzeugs und Rohstoffe zu günstigen Bedingungen nach Rußland zu bringen und im Kreditwege durch Vermittlung der genossenschaftlichen Darlehnskassen unter die Handwerker, Heimarbeiter und Kleinbauern hü verteilen. Die Anschaffung geschieht durch die Cooperattve Tool Supply Company des Verbandes >,Ort" in Berlin. Diese Operation steht auch im Zusammenhang mit der von „Ott" eingeleiteten sogenannten „Berwandten- Hilfe", die das Ziel verfolgt, die vielen Millionen Dollar, die jährlich von amerikanischen und westeuropäischen Juden an ihre Verwandten in Rußland geschickt werden - und die sich in keiner Weise konstruktiv auswirken, dem Ziele des Aufbaus nutzbar zu machen. Das geschieht i» der Weise, daß der amerikanische oder westeuropäische Verwandte bewogen wtrd> seinem Verwandten in Rußland im Wege von „Ort"' und seiner Organe Maschinen, Rohstoffe und lebendes In-