Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 48 (2.12.1927)
- Date
- 1927-12-02
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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sich eint Vorstellung davon macht, wie dieses Buch eigentlich auSschen soll, und eS stellt sich jcker Einzelne etwas anderes darunter vor. Es ist nötig, zunächst einmal die Ursache bidet allgemeinen Unklarheit aufzusuchen; man wird dann bald zu überraschenden Erkenntnissen kommen. Am besten verfahren wir dabei so, daß wir uns fragen: wann unb von wem und aus wckchen Motiven heraus wurde der Plan zur Schaffung eines liberalen Einheüsgckeckuches gefaßt; wann» von wem und aus Elchen Motiven wurde er spater wieder aufgegriffen und propagiert? Sofort erkennen wir zwei untereinander ganz verschiedene Gruppen. Alp in den Jahren nach der Emanzipation die Juden mit europäischer Kultur in Berührung gekommen waren, vollzpg sich die Umwandlung ihrer privaten und beruflichen ÄwenLfÜhrung mehr oder minder von selbst. Zwar leisteten die sogengmüen Ältfrommen Widerstand; da sie aber keine PoLizergewalt über chre liberal lebenden Glaubensgenossen hatten, taten diese, was Zeit und Kultur ihnen gebot, taten dgs, ohne daß sie dazu Programme aufstellen oder Organisationen zu gründen brauchten. Anders in demjenigen Teil thxes Lebens, der nach dem Aufhören chrer Lebensgemeinschaft im Ghetto ihnen als einziger Betätigungsort jüdischen Gemeinschaftslebens blick: in der Synagoge. Auch hier wollten sie auf Grund ihrer bewußten und gewollten Assimilation an europäischen Kulturgeschmack grundlegende Reformen durchführen, fanden aber hier, wo nicht jcker seinen eigenen Weg gehen konnte, heftigsten Widerstand durch die Orthodoxie. Smt den Tagen der um mehr als hundert Jahre zurückliegenden ersten Reformversuche in Berlin und in Hammtrjj bis in die allerneueste Zeit hörten wir immer wieder von Gottesdienstreform-Versuchen, von neuen Gebetbüchern und von Gegenkampf der Orthodoxie. Jedesmal, wenn in Hamburg» Berlin, Braunschweig, Baden, Westfalen oder in Frankfurt a. M. ein neuer Gottesdienst eingerichtet oder ein neues Gebetbuch herausgegcken wurde, erschien die Orthodoxie aus dem Plan und veröffentlichte eine „das Gebetbuch, verketzerte Gutachtensammlung, der der angegriffene Verband eine dem Gebetbuch günstige Gutachtensammlung entgegenstellte-)". — Aus diesem länger als ein Jahrhundert dauernden Kultusstreit erwuchs bei den Liberalen der Wunsch, daß all die einzelnen Reformversuche, die bisher zur Zersplitterung und Kräftevergeudung geführt hatten, zusammengefaßt würden durch die Herausgabe eines einheitlichen Gebetbuches für alle liberalen Synagogen (als „liberal" betrachtete man unausgesprochen alle Orge'lsynagogen), das dann auch — da es von einer großen Anzahl deutscher Gemeinden angenommen werden sollte und da alle liberalen Rabbiner es sanktionieren würden — einen unbestreitbaren autoritativen Charakter haüeu würde. Ties selbstverständliche Anforderung, die man an dieses Einheitsgebetbuch stellte, war, daß es liberale Prinzipien erfüllen sollte. Man wollte den einheitlichen, autoritativen liberalen Gottesdienst in einem Gebetbuch fixieren, damit man sich selbst und den andern zeigen könnte: d a s ist jüdisch-liberaler Gottesdienst. Tie grundlegenden Prinzipien dieses liberalen Einheitsgottesdienstes sind in den 1912 von der „Bereinigung der liberalen Rabbiner Deutschlands" herausgvgebenen „Richtlinien zu einem Programm für das Liberale Judentum" nickergelegt worden und nehmen darin einen breiten Raum ein (XI. 1—8). Tie von den liberalen Rabbinern ausgearbeiteten Richtlinien sind bekanntlich von der „Vereinigung für das liberale Judentum" nicht angenommen worden, weil sie manchen Liberalen (bewußt Liberalen; von den sich zu Unrecht „liberal" nennenden Indifferenten sprechen wir hier nicht!) zu radikal und manchen zu konservativ waren. Analog stellte sich auch die Annahme, man brauche den liberalen Einheitsritus nur erst schwarz auf weiß zu besitzen, und könnte ihn dann getrost nach Hause tragen, sehr bald als fundamentaler Irrtum heraus. Für den Liberalismus kann es kein autoritatives Gebetbuch geben, weil das Autoritätsprinzip mü der Ueberzeugung von der „Wandelbarkeit der geschichtlich bckingten Erscheinungsformen" (Richllinien V.) in unauflöslichem Widerspruch steht. Aber es kann auch kein einheitliches Gebetbuch für den Liberalismus geben, weil auch das Prinzip der Einheülichkeit dem Prinzip des Liberalismus widerspricht. Im Liberalismus muß Platz für außerordentlichgroßeVer schied enheit und Mannigfaltigkeit der religiösen Äusdrucksform e n s e i n. -) Seligmann: „Geschichte der jüdischen Reformbcwegung" p. 150. Und ist es tatsächlich auch Man soll doch nicht vergessen, daß der eigentliche Gegensatz zu ,flibenü" nicht „konservativ" ist, sondern „orthodox". Nicht das „Was" und „Wieviel" der gehaltenen Formen unterscheidet den Liberalm vom Orthodoxen, sondern das „Wie" und „Aus welcher religiösen Anschauung heraus". Daraus folgt, daß ich als Liberaler ganz radikal, aber auch ganz konservativ sein kann. Ich kann alle Bräuche halten wie ein Orthodoxer und bin doch nicht orthodox, wmn ich es nicht auf Grund dogmatischer Gckundenheit tue. In der Tat: für das liberale Judentum kann es keinen einheillichrn Ritus gckm-: wie es für das Gesamtjudentum keinen Emheüsritus gckm kann und seit den Tagen des allisraelitischen Staates nicht gegeben hat, well das Judentum seinem Gesamtcharakter nach liberal ist. Das zeigt sich gerade jetzt wicker sehr deutlich, weil innerhalb der jüdisch-liberalln Kreise Deutschlands die Stimmen sich mehren, die eine Art Rückwärtsreformierung fockern, die in früherer Zeit Abgeschafftes wicker Herstellen wollen. Sowell sie sich darauf berufen, daß. die erstm Jahrzehnte jüdischer Reformbewegung allzu sehr im Zeichen des gesamteuropäischen Rationalismus gestanden haben, könnm wir sie hier außer Betracht lassen. Soweit sie aber sich auf die ,Mnheitlichkeit des jüd-- schm Gottesdienstes in der gesamten Welt" berufen, muß man ihnm entgegenhalten, daß es erstens schon seü Jahrhunderten außerordentlich divergierende Rüen (Minhagim) gab, und daß außeckem für uns Liberale doch auch die Berliner Resormgemeinde sowie das englische mü> amerikanische Reformjudentum mit dazugehören. Es kann für den Liberalismus die schwerwiegende Frage gestellt werdm, nach, welcher Seite er sich unter der Parole „Einheülichkeit" orientierm will: ob nach Warschau, nach Mailand, nach London oder nach New Dort? Auf der Londoner Wellkvnferenz des liberalen. Judentums haben unsere deutschen liberalen Rabbiner das Fehlen einer Einheülichkeü mit dm englischen und amerikanischen Liberalen schmerzlich vermißt, und zwar nach einer ganz andern Richtung hin als diejenigen, die heute in den deutschen Orgelsynagogm unter der Parole Einheitlichkeit Rückwärtsreformen anstreben. Zusammenfassend darf also gesagt werden, daß der Plan, ein autoritatives liberales Einheitsgebetbuch zu schassen, in sich unmöglich ist. Diese Tatsache wird noch deutlicher, wenn wir einen Blick werfen auf die zweite Gruppe derer, die das Einheitsgebetbuch verlangen. Währmd des Krieges war in einer ganzen Reihe deutscher Klein-, Mittel- und Großgemeinden, die bis dahin chre eigmen Gebetbücher gehabt hatten, der Vorrat an Gcketbuchexemplaren ausgegangen. Tie Papiernot im blockierten Deutschland war grenzenlos, dazu war der Papierverbrauch kontingentiert; die Herstellungskosten und damit auch der Verkaufspreis für Bücher wuchsen ins Phantastische. Ta besann man such darauf, daß die Liberale Bereinigung seit langem ein Einheitsgebetbuch herausgeben wollte. Icke Gemeine hatte zwar gern an chrem Ritus, an dm bei ihr eingeführtm Piutim und deutschen Liedern festgehalten, aber unter dem Druck der Verhältnisse war man bereit, in diesem Punkt Opfer in Kauf zu nehmen, wenn man nur überhaupt und obendrein noch zu annehmbarem Preise ein Gebetbuch erhielt. Ties sichren dadurch gewährleistet, daß die Liberale Bereinigung, da sie das Gebetbuch für eine große Anzahl Gemeinden anfertigen lassen würde, eine ziffernmäßig sehr bckeutende Auflage hätte in Truck geben können. — Aber natürlich wollte man von weitgehenden Reformen, von der Durchführung programmatischer liberaler Forderungen nun nichts mehr wissen; das Gebetbuch sollte den Gewohnheiten der meistens recht konservativen Orgelgottesdienste mittlerer deutscher Provinzgemeindm gerecht werden. Ein ganz anderes Motiv für das Einheitsgebetbuch also als bei denjenigen, die das autoritative liberale Einheitsgebetbuch wollten. Tie Inflation brachte alle Pläne und Arb eit m zum Stillstand. Aber jetzt, nach Festigung der wirtschaftlichen Verhältnisse, wird der Plan wieder ausgenommen, und beide der früheren Gruppen vereinigm sich heute zu dem Ruf nach dem liberalen Einh-eitsgcketbuch. Auf der einen Seite, unter der Führung des Herrn Rechtsanwalt Heinrich Stern-Berlin, welcher Vorsitzender der Liberalm Vereinigung und deutscher Vizepräsident des Weltverbandes religiös-liberaler Juden ist, eine Gruppe, zu der auch die Reformgemeinde Berlin, die Liberale Synagoge Norden-Berlin, die Synagoge Königsteinerstraße Frankfurt a. M. und Tr. Kauffmann-Köln gehörm; sie wollen das Gebetbuch, welches die programmatischen Forderungen des Liberalismus erfüllt. „Der jüdische Gottesdienst muß in Form und Inhalt so gestaltet werben» daß er mü dem religiösen Empfinden und den geistige» Bedarf» nissm der deutschen Juden» insbesondere der Jugend, in Einklang gebracht wird." Dies ist in Frankfurt als Resolution. beschlossen und der Vorstand der Vereinigung beauflagt worden, „für diese dringlichste Aufgabe... alle Kräfte einzusetzm". Auf der andern Seite stehen die süddeutschen uni westfälischen Gemeinden, von denen im Anfang dieses Auffatzes die Rede war, und fordern das für sie passende Einheüsgebetduch. Alle Beteiligten sind sich darüber klar, daß es unter diesen Umständen konservative Gewohnheüen wird beibehalten müssen, und daß es. feinem Inhalt nach keine Erfüllung der Frankfurter Resolution darstellen wird. Diese und andere Divergenzen wecken dazu führen, daß das Gebetbuch bei »allen Gemeindm auf Schwierigkeiten stoßen wick. Keine der bekannten ausgesprochen liberalen Gemeinden wick es einführen, weil jede an ihrer eigenen Patentlösung des Gcketbuchproblems wick festhaltm wollen: der Hamburger Tempel in seiner in 110 Jahren bewährten Tradition, die Berliner Resormgemeinde an ihrem rein deutschsprachigen Sonntagsgottesdienst, die Gemeinde Bielefeld an der Leistung des von ihr so vcrehrtm Rabbiners Coblenz, Frankfurt a. M. an dem Werke Seligmanns und die Liberale Synagoge Berlin an ihrem freudig geschaffenen neuen Ritus. Auf der Frankfurter Tagung war man sich über dm konservativen Charakter des Einheitsgebetbuches klar und hat daher ausdrücklich festgelegt, daß es „keiner Gemeinde aufoktroyiert werden dürfe". Nichtsdestoweniger enthalt der bereits vorliegende hckräische Teil genügend Nennungen, um allerorten größte Widerstande hervorzurufen. Es bleibt fraglich, ob das Gebetbuch von der Berliner Großgemeinde eingeführt wecken wird. Und sollte der erste Band wirklich bis Peßach im Buchhandel käuflich sein, so ist das Buch damü noch lange nicht bei den westfälischen Gemeinden eingeführt! Diese haben gut ein Ultimatum stellen: wissen sie denn, ob das Buch, wenn es zu Peßach vorliegt, chnm gesallm wird? Vielleicht ist die ganze Arbeit vergeblich; Seligmann arbeitet das Gebetbuch aus, aber an seiner eigenen Synagoge wird es nicht eingesührt werden; wie nun, wenn es mü Hilfe der Landesverbairds-Subventionen in großer Auflage fertig gedruckt und gebunden ist und auch anderwärts nicht eingesührt wird? Tie Herausgeber sollten, bevor sie drucken lassen, erst die Entscheidung der Gemeinden über die Annahme herbeiführen; die Gemeinden aber können nicht entscheiden, bevor nicht das Gebetbuch gedruckt ist... Was bleibt? Es bleibt, daß jede Gemeinde an ihrem Gottesdienst dies und das zu bemängeln findet, und daß alle die, die nach dem Einheitsgebetbuch rufen, im Grunde nur ihren gewohnten Gottesdienst unter Abstellung der von ihnen selbst empfundenen Mängel wollen. Einen Reformgottesdienft, der die jeglichem Gottesdienst Entwachsenen in Scharen zur Synagoge bringt, kann es nicht geben. Diejenigen aber, die in den Tempeln Stärkung und Erhebung suchen, mögen, jeder au seinem Platz, das B e - stehende weiter bilden und veredeln. Religiosität läßt sich nicht uniformieren Liberale Gemeinden können kein EinHeils gebetbuch haben; ein Einheitsgebetbuch kann nicht liberal sein. Man möge aufhören, nach ihm zu verlangen, da im Grunde doch jeder nur sein Gebetbuch will. Und auch die keines wollen, (der Verfasser gehört nicht zu ihnen), muß man ihren Weg zu Gott gehen lassen. Aachen. (Reorganisation der Ortsgruppe.) Nach ernstlichen Erwägungen, die sich leiten ließen von dem Bewußtsein der Notwendigkeit und Wichtigkeit unseres Vereins in unserer Gemeinde, hat der derzeitige Vorstand eine Reorganisation unseres Vereins in die Wege geleitet. Herr Rabb. Dr. Schönberger hat sich bereit erklärt, den Jnterimsvorsitz zu übernehmen. Der Verein will es sich zur Ausgabe machen, weiteste Kreise unserer liberalen Gemeinde für die hohen und edlcu Ziele der liberalen Idee zu interessieren, durch belehrende Vorträge, religiöse Feiern, wissenschasl-- liche Kurse und häufigere Aussprachen seiner Aufgabe zu genügen, um tätigsten Anteil am pulsierenden Leben unserer Gemeinde zu haben. Wir bitten, durch Zahlung des Mitgliedsbeitrags unsere Aufbauarbeit zu fördern. (Siehe die Ankündigungen im Bersammlungskalender!) WWWWWWWWMWWUW>WW>>a>M>WWU»>WavmWW>»WW»aU»WWkSIDW>>mMU ♦♦♦♦ -4-4 ★ W-M- GLEISER das Haus der^töbel ist gleich leistungsfähig in kleineren, mittleren und Luxus-Ausstattungen. 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Wocheugottesdienst: morg. 7.30, abds. 7. Konservativer Ritus: Synagoge am Börneplatz Freitag, d. 2. 12., abds. 4, Bortrag des Herrn Rabb. Donath. Sonnabend, d. 3. 12., Frühgottesdienst 7, morg. 8.15, nachm. 4, Bortrag des Herrn Rabb. Dr. Hoffmann für junge Leute „Die Grundlehren des Judentums im Anschluß an Maimonidcs", Sabb.-Ausg. 5.15. Wochengottesdienst: morg. 7.05, nachm. 4. Synagoge Bockenheim. Freitag, d. 2. 12., abds. 4. Sonnabend, d. 3. 12., morg. 8,45, Vortrag des Herrn Rabb. Dr. May, nachm. 4, Sabb.-Ausg. 5.15. Wochengottesdienst: morg. 7.15. Israel. Krankenhaus Gagernstr. 36. Freitag, d. 2. 12., abds. 4. Sonnabend, d. 3. 12., morg. 8, Nachmittags- und Abendgottesdienst 4. Verein für Feuerbestattung in Berlin von 1874, e. V. Kostenlose Feuerbestattung Annahme W 35, LfltzowstraSe 44, TeKphon: Lützow 960-61 und Charlottenburg, Kantatr. 154 a Eclte FasanenstraCe, Telephon: Steini latz 1835 Staatüch 1 Ulirtschaitlicfie Frauenschule : junge Mädchen aus auf dem Lande Wolfratshansen . Isartal. 580 tu ü. M. (Gründung des Jüd. Frauenbundes Ortsgruppe München.) zu lüchtigenNausf rauen schafft die Grundlage zum Wirtschaftsberuf, zum Soziatberuf und ,zum Lehrberuf. Die Schule wird streng rituell geführt. - Prospekte und Auskünfte durch die Leitung der Schule: Hannah Bodenheimer, Wolfratshausen; Frau Recha Stark, München, Rauchstr. 12/1. Anmeldungen für das kommende Schuljahr schon jetzt erbeten, t l Die Erste MHonlerenz II liberaler Juden fl B Reden, Diskussion, Beschlüsse Gründungsversammlung der World Union for Progressive Judaism London, 10.-12. Juli 1926 W%* r 1 Preis im Buchhandel 1.80M. 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