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Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-12-02 · 48 (2.12.1927) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
48 (2.12.1927)
Date
1927-12-02
Page
– (sequence 3)
Language
German
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angenommen, wenn er seine eigene Geistesrichtnng nicht mit der der ihn wählenden Gemeinde in Uebereinstirnmung gewußt hätte. — Heute dagegen hört man immer nur von der Führer-, nie von der Dienerrolle des Rabbiners reden; was die Gemeinde denkt, welcher Geist feit Generationen in ihr gepflegt wurde und nun in ihr lebt, wie ihre Institutionen eingerichtet sind — das alles ist gleichgültig; jede Studierstubenverrücktheit muß in die Tat umgesetzt werden, wenn diese jungen „Führer" es befehlen, und schrankenlos wollen sie ihre zionistische Modetorheit austoben, auch wenn ihre Gemeinden das nicht wollen. Es scheint fast, als wären alle „Laien", auch die lebenserfahrenen, auch,die jndentumskundigen, nur rückständige Geistesasthmatiker, bestenfalls für Statistenrollen in Gemeindevorstand und Repräsentanz brauchbar, die man wie Lakaien oder arme Irre behandeln muß; es scheint fast, als wären alle „Fachtheologen" auf Grund ihrer bloßen wissenschaftlichen Kenntnisse, durch Rabbinerdiplom und Tatar schon, so ohne weiteres „Führer". — Aus mehr als nur einer Gemeinde kam uns Kunde von unheilvoller Verwirrung und Zwietracht, zu denen diese Zustände und Anschauungen geführt haben. Man kann darüber in Zeitungen nicht schreiben, denn es ist nicht möglich, personelle nni> gemeindliche Interna vor die Oeffentlichkeit zu bringen. Aber das Prinzipielle und Allgemeine davon gehört in die Oeffentlichkeit: das Bewußtsein davon, daß eine Führerrolle nicht durch wissenschaftliche Lamina und nicht durch Antritt eines Amtes, sondern allein durch Leistung erworben werden kann. Und ferner das Bewußtsein und die Anerkennung der Tatsache, daß die Gemeinde ein Recht darauf hat, den in ihr waltenden und ihr heiligen Geist durch ihren von ihr gewählten ersten Diener nicht nur respektiert, sondern gehütet und weitergepflegt zu sehen! Wenn unsere jungen Rabbiner, wie die Vorgänge in manchen Gemeinden beweisen, zu dieser Erkenntnis noch zu jung sind, so sind sie auch für das Rabbineramt noch zu jung; man sollte sie erst älter werden lassen, bevor man sie Rabbiner werden läßt. Die alten Rabbiner aber werden erkennen, daß die jetzigen Zustände das Ansehen des gesamten Rabbinerstandes untergraben, daß es das Ende des Rabbinerstandes bedeutet, wenn die Gerneinderab'binate von jungen Menschen besetzt sind, die zwar durchaus schätzenswerte Charaktere fein mögen, deren Jugendlichkeit sie aber zur Seelsorge ungeeignet macht und sie überdies verleitet, chre eigene Meinung als die allein maßgebliche in ihrer Gemeinde zu betrachten. Es wäre falsch verstandene Kollegialität, wollte unsere ältere Rabbinergeneration einseitig für die Ansprüche der jungen Kollegen eintreteu; und unsere im Dienste ihrer Gemeinden herangereiften Geistlichen wissen, daß das wahre Interesse des Rabbinerstandes mit dem der Gemeinden und mit dem aller Glaubensgenossen zusammeufällt. In der Tat sieht eine ganze Anzahl unserer geistlichen Freunde voll Kummer und schwerer Sorge ans die Unzulänglichkeiten und Unzuträglichkeiten, von denen man, von zwei erfreulichen Ausnahmen abgesehen, aus jeder einzelnen Gemeinde hört, die sich einen dieser eben dem Seminar entwachsenen Herren zum Rabbiner gewählt hat, anstatt Kräfte mit mehrjähriger Amts- und entsprechender Lebenserfahrung zu berufen. Noch ein Letztes ist zu bemerken. Wir kämpfen um Gleichachtung unserer Religionsgemeinschaft neben den beiden christlichen Kirchen. Nun muß man sich einmal vorstellen, wie abträglich es dem Ansehen des Judentums und der jüdischen Gemeinden ist, wenn — sei es bei öffentlichen Akten, Empfängen, Gedenkfeiern; sei es bei internen Verhandlungen vor staatlichen Behörden -- neben dem ergrauten Hauptpastor und dem gereisten katholischen Oberhirten des Ortes sich ein Jüngling als Rabbiner vorstellt. Wir sind weit entfernt davon, den Jüngling wegen seiner Jugend zu schmähen; wir übersehen auch keineswegs, daß die meisten dieser Jünglinge von einem schönen Idealismus beseelt sind. Aber wir wissen, daß gerade von Jngendlichen oft nur der I d e a - lismus als solcher gewertet, das ihm als Ziel vorschwebende Ideal indessen auf Wert und Berechtigung hin nicht oder nicht genügend nachgeprüst wird — und mir chen, daß er gleich ihm den einfachen Sinn des Bibelwortes durch die einfachste Wortübersetzung zu erschließen bestrebt war. Deshalb war die Wirkung seines Werkes so gewaltig. Nicht weniger als vierzehn deutsche Vollbibeln gab es vor Luther; keine hat sich durchgesetzt. Luthers Bibelübersetzung ward zum Volksbuch, weil sie allen verständlich, jedermann zugänglich, ich möchte sagen, weil Luthers Stil demütig war. Eine hochmütige Bibelübersetzung, die den Uebersetzer als Wortkünstler legitimieren soll, wird nie und nimmer Bestand haben; sie leuchtet eine Weile und rasch ist ihre Spur verloren. Das gleiche gilt auch von jedem Bibelkommentar. In all den Jahrhunderten seit Raschi sind unzählige Kommentare zur Bibel geschrieben worden, kein einziger hat dem Raschi-Kommentar den Rang ablaufen können. Der Zauber des Raschi-Kommentars liegt in seiner Natürlichkeit; er ist in Demut geschrieben. Die Demut, die Raschi auszeichnet, verleiht seiner Ge statt und seinem Werke etwas Hoheitsvolles. Die Art, wie Raschi seinen Leser (oder richtiger: seinen „Lerner") unterrichtet, ist von einer Demut, die einen gefangen nimmt. Michel de Montaigne» berühmtes Wort „Que sais-je?" klingt hochmütig gegenüber Raschis oft wiederkehrender schlichter Wendung: „Das weiß ich nicht", oder: „Der Sinn dieses Wortes hat sich mir nicht erschlossen." Raschi verwendet in seinem Bibelkomrnentar haggadische Deutungen neben einfachen Worlerklärungen; hat er einmal der rabbinisch-haggadisch-hyperbolischen Auslegung zu viel getan, so verfehlt er nie hinzuzufugen: „Unsere Rabbinen deuteten, wie sie deudeten, aber der einfache Sinn des Schriftverses bleibt zu Recht bestehen." Im Talmudkommentar macht er einmal zu einer seiner Erklärungen die Bemerkung: „Mir scheint hier etwas ausgelassen; ist jedoch die Lesart richtig, so ist es auch meine Erklärung." Diese Vorsicht bei der Wahl des Ausdrucks, diese Behutsamkeit im Erklären macht den Raschi-Kommentar zu einem Buch, bei dessen Lektüre man die Mittelbarkeit des schriftlichen Unterrichts nicht merkt. Der Einfluß Raschis auf die Entwicklung des rabbinischen Judentums ist unwägbar und unschätzbar. Aus den mit der altjüdischen Kultur verwurzelten Judenkreisen, insbesondere aus der im Ghetto eingeschlossenen Geistessphäre, läßt sich Raschi überhaupt nicht wegdenken. Der einzige geistige Nährboden dieser Menschen war Bibel und Talmud, uitfc da war ihnen Raschi das Licht, das die Dunkelheiten des Talmud erhellte, da war ihnen Raschi der Pförtner, der die Gebeirnkammern der Schrift auffchloß. Ohne Ra ä>i, wissen überhaupt, daß zur Führung des Rabbineramtes mehr gehört als der an sich unentbehrliche Idealismus. Am alten Israel durste niemand ein rabbinisches Amt bekleiden, der nicht das dreißigste Lebensjahr überschritten hatte. Das war eine weise Bestimmung, die wir mrt den sich aus den neuzeitlichen Verhältnissen ergebenden Notwendigkeiten und Abwandlungen wieder eingeführt wissen wollen. Wir fordern eine Referendarzeit und eine Assessorenzeit für die angehenden Rabbiner, fordern, daß der jüdische Theologe, bevor er die Qualifikation zur Uebernahme eines selbständigen Gemeinderabbinats erhält, vorher mehrere Jahre als Adjunkt einem älteren Gemeinderabbiner beigeordnet wird. Wir fordern eine staatliche Bestimmung darüber, daß die Gemeinden keine Rabbiner anstellen dürfen, die nicht neben ihren Examensausweisen auch Ausweise über eine behördlich festgesetzte Zahl von Jahren solcher Referendar- oder Adjunkten-Tätigkeit besitzen. — Und in Konsequenz aller dieser Forderungen fordern wir weiter: gesetzlichen Schutz des Rabbiner- Titels. Denn natürlich können alle hier erhobenen Forderungen nur verwirklicht werden, wenn eine Handhabe zu ihrer Durchführung und Jnnehaltung geschaffen wird. Wie in allem, so ist auch in diesem Punkte der jetzige Zustand unwürdig und unerträglich. Es herrscht völlige Willkür: Gemeinden können zum Rabbiner ernennen, wen sie wollen; Rabbiner können Freunde oder Schüler zu Kollegen erheben, und schließlich kann jeder, der die nötige Anmaßung besitzt, sich selber den Rabbinertitel beilegen. Wehe dem, der in Deutschland den Pfarrertitel führt, ohne ihn erworben zu haben; aber der Mb-> binertitel ist schutzlos, ist vogelsrei. Einem Münchmeyer konnte die Behörde wegen amtsunwürdigen Verhaltens die Berechtigung zur Führung des Pfarrertitels aberkennen; wer aber bei uns wegen unsittlichen Lebenswandels von seiner Gemeinde entlassen ist oder wegen verbotener Warenschiebungen eine mehrjährige Gefängnisstrafe abgebüßt hat, nennt sich unbehelligt weiterhin Rabbiner. Ja, ich glaube sogar, daß ein getaufter, jetzt bei der Mission angestellter ehemaliger Rabbiner, da er sein dunkles Gewerbe doch unter Juden ausübt, sich heute noch seines Rabbinertitels bedient! — Auch unsere Gcmeindevorstände sind an diesen Verhältnissen nicht unschuldig. Die Gemeinde einer östlichen Großstadt beschäftigt seit Jahren einen ursprünglich nur als Rabbinatsvertreter angestellten Herrn in voller Rabbinerfunktion, und da sich der Vorstand vor der Oeffentlichkeit geniert, einen Nichtrabbiner als Rabbiner zu haben, bezeichnet er ihn in allen Briefen, Akten, Schriftstücken und Presseveröffentlichungen als Rabbiner. Eine große und bekannte Berliner Privatgemeinde engagiert sich vom Seminar weg einen Kandidaten ohne Examen, und schon wird er der Oeffentlichkeit als Rabbiner vorgestellt. — Diese hahnebüchenen. Zustände müssen aushören; sie beflecken den Rabbinerstand, sie beflecken das Judentum. Deshalb fordern wir zu allem hinzu, was wir oben über praktische Ausbildungszeit der Theologen gefordert haben, eine staatliche Verordnung, die den Gemeinden zur Pflicht macht, nur solche Personen als selbständige Gemeinderabbiner anzustelleu, die sich über die vorgeschriebene theoretische Vorbildung sowie über die in diesen Zeilen verlangte praktische Ausbildung auszuweisen vermögen. Was schließlich den Ruf nach gesetzlichem Schutz des Rabbinertitels betrifft, so soll daran erinnert sein, daß 1847 die reaktionäre preußische Regierung ihre guten Gründe hatte, im damaligen Judengesetz die Rabbiner völlig zu ignorieren. Man erwies uns nicht nur Uuehre, man schwächte uns auch im öffentlichen Ansehen und in unserer Stoßkraft bei der Vertretung unserer Interessen. Es gilt, altes, uns angetanes Unrecht wieder gut zu machen; deshalb fordern wir heute dieses alles, fordern es um unserer Selbstachtung und um der Ehre des Rabbinerstandes willen, und wir fordern alle berufenen Männer und Organisationen, die Gemeindevorstände, die Landesverbände und nicht zuletzt auch die Rabbiner selber und die Rabbinerseminare auf, an der Durchführung dieser Forderungen mitzuarbeiten. Der Rechtsausschuß des Preußische» Landesverbandes jüdischer Gemeinden aber sott hiermit gebeten sein, so rasch als möglich die zur Durchführung dieser Ziele nötigen Bestimmungen zu formulieren und für ihre Verankerung im Judengesetz zu sorgen, ehe es zu spät ist. Das liberale Einheitsgebelbuch Eine prinzipielle Untersuchung Von Leopold Nathanson. Vom liberalen Einheilsgebetbuch haben wir in der letzte« Zeit wieder besonders viel gelesen und gehört. Tie Frankfurter Hauptversammlung der Vereinigung für das libepale Judentum hat sich mit der Frage seiner beschleunigten Herausgabe beschäftigt, und jüngst veröffentlichte der Liberale Kultusausschuß des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden einen Bericht über seine Sitzung vom 31. Oktober d. Js., aus dem hervorgeht, daß der hebräische Teil des ersten Bandes bereits ferliggestellt ist; der deutsche Teil ist in Angriff genommen worden, und Herr Rabbiner Dr. Seliamann hat die Versicherung abgegeben, daß der erste Band, also derjenige mit den Gebeten für Werktage, Sabbath und Wallfahrtsfeste, bis zum Frühjahr 1928, d. h. also bis zuut nächsten Peßachfest, im Buchhandel bereits erhältlich sein wird. Ebenso soll der zweite Band mit den Gebeten für die Hohen Feiertage bis zum nächsten Neujahrs- und Dersöhnungsfest fertig vorliegen. Es bleibe dahingestellt, ob nicht, wie schon in früheren Jahren, auch jetzt wiederum äußerliche Anlässe die Fertigstellung Hinauszügern werden; Zweck dieser Ausführungen ist, einmal daraus hinzuweisen, daß noch niemals die Frage des Einheitsgebetbuches nach ihrer prinzipiellen Seite hin untersucht worden ist. Ueber das Buch selber, über den aufzunehmenden Stofs, seine Einteilung und Anordnung, über das Wann und Wieviel der deutschen Gebetstücke, über Druck, Umfang, Ausstattung und Preislage hat man im Laufe der Jahre in endlosen Beratungen und Korrespondenzen verhandelt. Noch niemals aber ift die Frage erhoben worden nach dem Bedürfnis und nach der Einführungsmöglichkeit für das Gebetbuch Wenn hier zunächst das Bestehen eines Bedürfnisses geleugnet wird, so ist sich der Verfasser durchaus bewußt, daß er damit auf heftigen Widerspruch stoßen und daß man ihm von mancherlei Seiten mancherlei Tatsachen als Einwände entgegenhalten wird. Auf der bereits erwähnten Frankfurter Tagung ist der Ruf nach dem Liberalen Einheitsgebetbuch sehr laut und unüberhörbar geäußert worden; desgleichen in einer Vorstandssitzung des Liberalen Rabbiner- Vereins; mehrere süddeutsche Gemeinden haben erklärt, ihre bisherigen Gebetbücher seien vergriffen und sie warteten daher sehnlichft aus die Herausgabe des Einheitsgebetbuches. Als Kuriosum mag noch erwähnt werden, daß von einer Seite sogar eine Art Ultimatum gestellt worden ist: die westfälischen Synagogen-Gemeinden, deren bisher in Gebrauch befindliches Vogelsteinsches Gebetbuch ft vergriffen ist, haben dem Liberaler Kultusausschuß des Landesverbandes mitgeteilt, wenn nicht bis zum kommenden Peßachfest der erst«, und bis zum Neujahrsfest der zweite Band des Einheitsgebetbuches fertig wäre, würden sie auf eigene Faust Vorgehen und iÄbständig ein neues Westfälisches Gebetbuch herausgeben. Wie aus dem eingangs zitierten Sitzungsbericht des liberalen Kultusausschusses hervorgeht, hat dieser das Ultimatum angenommen; ein Gebetbuchkrieg mit seinen verheerenden Schrecknissen wird unserm untergehenden Abendland also für diesmal noch erspart bleiben. Wenn nun trotz dieser Notrufe das Bestehen eines Bedürfnisses nach dem liberalen Einheitsgebetbuch in Abrede gestellt wird, so geschieht es auf Grund der Beobachtung» daß von allen denen, die das Buch fordern, kein einzig«! l) So genannt nach dem Namen des Verfassers Rabbiner Dr. Heinemann Vogclstein aus Stettin (gestorben 1909), dem Vater des jetzigen Breslauer Gemeindcrabbiners. das fühlten sie, wäre ihnen der Talmud siebenfach versiegelt geblieben, ohne ihn hätten sie das Gotteswort nicht in seiner Klarheit erfaßt. Ein Sprachgebrauch, der allenfalls als Zeichen der Popularität gewertet werden darf, verdient Erwähnung. Es handelt sich um einen sonderbaren Sprachgebrauch, der um so rätselhafter wirkt, als er sich aus zwei grundverschiedene Persönlichkeiten, auf einen Gelehrten und einen Philosophen bezieht; nämlich: auf Raschi und Aristoteles. Bei Raschi und Aristoteles vollzog man im Ghetto eine Geschlechtsumwandlung; man sagte „die" Raschi und „die" Aristoteles. Unter „die Aristoteles" verstand man wirklich den griechischen Philosophen, gebrauchte aber diesen Namen in stehender Redensart nur inbezug auf eine Frau, nie auf einen Mann. „Die Aristoteles" nannte man im Ghetto jede Frau, die klug war, und über eine, die sich klug dünkte, spottete man: „Sie bildet sich ein, eine Aristoteles zu sein." Unter „die Raschi" verstand man den Raschi-Kommentar, wobei vermerkt zu werden verdient, daß das Wort Kommentar sowohl im Hebräischen wie im Jiddischen „der Perusch" heißt, mithin männlich ist. Wenn aber zwei Lernende über eine schwierige Talmudstelle oder über die Bedeutung eines Schristwortes lange genug herumgestritten hatten, so sagten sie zu guterletzt: „Laßt uns sehen, was „die" Raschi sagt." Ich registriere diese Tatsache mit dem raschimäßigen Vermerk: Der Sinn dieser grammatischen Geschlechtsverwechslung hat sich mir nicht erschlossen. Es ist aber auch ganz gleichgültig, ob man der, die oder das Raschi sagt; man meint immer dasselbe. Denn in Wirklichkeit: wer ist Raschi? Raschi ist ein Kommentar, der “biefe Bezeichnung trägt. Raschi selber, das heißt Rabbi Schelomo Jizchaki, hat sich in den Hintergrund zurückgezogen. Raschi verschwindet ganz hinter seinem Werk. Es steht so g '-nz für sich, als bestünde gar kein Abhängigkeitsverhältnis zwischen ihm und seinem Verfasser. Raschi stellt das Werk aus sich heraus, groß und eigenständig, daß man vor lauter Raschi den Rabbi Schelomo Jizchaki nicht sieht. Wenn einer spricht: „Raschi sagt", so denkt er nie an Rahbt Schelomo Jizchan, immer nur an Raschi, an den Kommentar, der diese Bezeichnung führt, an jene in pittoresker Rotschi- Schrift den Talmud- und Bibelausgaben beigedruckten Erklärungen, von denen mon nicht recht weiß, wer sie eigentlich hingesetzt hat und wann sie hingesetzt worden -sind Und ob sie nicht am Ende gut eine Ewigkeit, seit die Thora am Sinai gegeben wurde, an dieser Stelle stehen. In früheren Zeiten hat es in jeder größeren oder kleineren jüdischen Gemeinde in den östlichen Ländern, und wohl auch in mancher Gemeinde des Westens, einen Rqschi- Verein gegeben. Diese Vereine unterschieden sich ganz wesentlich von allen andern Vereinen und Gesellschaften, die an den Namen irgend eines Geistesgrößen geknüpft sind. Der Zweck der Raschi-Vereine war nicht, zu erforschen, wann Raschi geheiratet hat, ob er ein tüchtiger Weinhändler gewesen ist, und ob er an dieser oder jener Stelle vor oder hinter das Und ein Komma gesetzt hat; der Zweck der Raschi- Vereine war, „Raschi" zu lernen. Die Mitglieder waren keine Gelehrten, keine Talmudisten, keine Raschikenner, sondern Kanfleute, Händler, Kleingewerbetreibende, Handwerker — gemeines Volk. Die ganze Woche hindurch ging ein jeder von ihnen seinem Erwerb nach, aber jeden Sabbatnachmittag kamen sie alle in der Lehrstube zusammen und saßen auf langen Holzbänken an langen Holztischen und ei» besoldeter oder auch unbesoldeter Lehrer saß unter ihnen, und der Lehrer und der Schuster und der Kaufmann und der Schneider lernten mitsammen Raschi. Und zur selben Stunde, als diese Männer Raschi lernten, saßen ihre Frauen z» Hause und lasen das Frauenbuch „Zeena Ureena", das ihnen ebenfalls im sogenannten Weiberdeutsch erzählte, was „Raschi sagt". Nur für die fünf- und sechsjährigen Jungen, die die ganze Woche hindurch Raschi gelernt hatten, war der Sabbat ein raschisreier Tag. Raschi war auch liturgischer Dichter; er verfaßte Büßlieder und Gebetstücke. Außerdem besitzen wir von ihm Responsen und eine Gebetordnung. Um die Persönlichkeit Raschis hat die Bolksphantasie einen ganzen Sagenkreis geschlungen. Auch im jüdischen Sprichwort begegnet man feinem Namen: Aber alles das von und über Raschi war stets nur einem engen Kreis bekannt. Einzig als Kommentator hat Raschi vielen Geschlechtern geleuchtet. Der Stern Raschi ist heute im Osten im Berblqssen und irn Westen unterqegangen. Wie wenige find es heute, die wissen, wer Raschi war. Manche wissen freilich, daß die Stadt Worms als Sehenswürdigkeit eine Raschikapelle mit Raschistuhl besitzt. Sonst weiß man heutzutage nichts mehr von Raschi. Und doch war der Rabbi von frohes jahrhundertelang im Judentum berühmt. Jahrhundertelang war sein Name im jüdischen Volke lebendig/ Den fr, man daran, so zieht eine leise Wehmut ins Herz: EirpJjeben- oder achthundertjähriger Ruhm schwindet dahin, und sticht einmal die ^Geschichte eines Ruhmes" wird ü^rizbleibem

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