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Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-12-02 · 48 (2.12.1927) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
48 (2.12.1927)
Date
1927-12-02
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Rabbiner-Ausbildung und Rabbiner-Titel Bon George Goetz. Kürzlich ging durch die jüdischen Blätter die Nachricht, daß der Liberale Kultnsausschuß des „Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden" am 31. März eine Sitzung abgehalten und dabei als ersten Punkt der Tagesordnung die Frage des Vikariatsjahres der zu entlassendenRabbiner behandelt habe. In dem von dem Liberalen Kultusausschuß herausgegebenen Bericht heißt es: „Alle Anwesenden sprachen sich dafür aus, daß es für die Ausbildung des Rabbiners unbedingt notweMg sei, vor dem Antritt des Amtes unter Anleitung eines erfahrenen Kollegen ein Jahr lang in das Amt eingeführt und zu Rabbinatshandlungen zugezogen zu werden." Wenn auch der Bericht über einen förmlich gefaßten Beschluß nichts meldet, so ist doch, anzunehmen, daß auf Grund des hier wiedergegebenen Beratungsergebnisfes jetzt der Liberale Kultusausschuß an den Rat des Landesverbandes herantreten wird; der Rat wird sich, voraussichtlich an den Konservativen Kultusausschuß wenden, damit dieser eine ähnliche Stellungnahme herbeiführe, und alsdann wird der Rat mit den liberalen und orthodoxen Rabümer- Bildungsanstalten einerseüs und mit den Gemeinden Berlin und Breslau andrerseits in Verbindung treten. Tie Gemeinden wiederum werden mit ihren Rabbinern verhandeln müssen, damit diese die von den Bildungsanstalten namhaft gemachten Kandidaten „in das Amt einführen und zu Rabbinatshandllmgen zuziehen". Ties der etwas komplizierte Weg zur Herbeiführung einer Maßnahme, gegen die sich zwar an und für sich nichts einwenden läßt, von der aber gesagt werden muß, daß sie weder eine Neuerung darstM noch auch den in Bezug auf die Rabbiner-Ausbildung zu erhebenden Anforderungen gerecht wird. Bekanntlich, gibt es in Deutschland nur drei Rabbiner- Bildungsanstalten, davon zwei, und zwar eine liberale und eine orthodoxe, in Berlin und eine in Breslau. Ob m Breslau die Einrichtung besteht, die am Jüdisch-theologischen Seminar Studierenden zu Rabbinatshandlungen hinzuzuziehen, weiß ich nicht; in Berlin dagegen wird sich jeder Synagogenbeiuclrer erinnern, Rabbinatskandidaten auf der Kanzel gesehen zu haben. Besonders während der Sommerferien, wenn viele Rabbiner verreist sind, aber auch sonst gelegentlich einmal fordert di« Gemeinde von den hiesigen Rabbiner-Bildungsanstalten Studierende an, damit dieF im Gottesdienst amtieren und die Liturgie sprechen. Es wird sogar erzählt, daß die Gemeinde solche Amtshandlungen gut honoriert, obwohl doch die angehenden Theologen solche Heranziehung zu aushilfsweisem Fungieren sicherlich als willkommene Gelegenheit zur Betätigung und zugleich als hohe Auszeichnung und Ehrung empfinden. Sei dem aber, wie ihm wolle, in Berlin besteht die vom Liberalen Kultusausschuß geplante Einrichtung bereits, und es kann sich also bestenfalls darum handeln, sie noch weiter auszubauen, sie vielleicht auch auf Trauungen, Scheidungen, Beerdigungen und andere rabbi nische Akte auszudehnen (obwohl hiergegen mancherlei schwerwiegende Bedenken geltend gemacht werden können). Es soll nun im folgenden untersucht werden, welcher Art der Nutzen dieser geplanten Maßnahme sein wird. Es wird sich zeigen, daß sie bestehende schwere Notstände nicht nur nicht bessert, sondern, sogar unberücksichtigt läßt. Da, wie gesagt, nur in Berlin und Breslau Rabbinerlehranstalten existieren, so können naturgemäß die Theologie- Studierenden lediglich in diesen beioen Städten zu Amtshandlungen herangezogen werden. Tatsächlich ist im Kultusausschuß auch nur von den Gemeinden Berlin und Breslau die Rede gewesen, an die der Rat des Landesverbandes zwecks Durchführung der geplanteir Maßnahme herantceten müsse. Es ist dabei auch von dem in Berlin tief fühlbaren Mangel an Rabbinern gesprochen worden, der zwangsläufig eine weitgehende Arbeitsüberlastung der hiesigen Gemeinderabbiner in sich schließt —: Zustände, die sich in der Berliner Gemeinde- Seelsorge und in unserm jüdischen Leben auf das Schmerzlichste auswirken und denen unbedingt abgeholfen werden muß. Wird nun Las Bikariatsjahr der von den Rabbinerseminaren zu entlassenden Rabbiner als ständige Einrichtung eingeführt, so kann nicht zweifelhaft sein, daß die Berliner Gemeinderabbiner erheblich entlastet und damit hoffentlich auch unsere hiesigen Zustände um Einiges gebessert werden. Aehnlich wird es auch irü Breslau gehen, und man kann solche Entwicklung also durchaus begrüßen. - Dennoch aber weichen unsere verantwortlichen Kreise daran denken müssen, daß es außer in Berlin und Breslau auch sonstwo jüdische Gemeinden gibt und daß auch diesen geholfen werde,: muß. Sie werden daran denken müssen, daß das „Bikariatsjahr der aus den Rabbinerseminaren zu entlassenden Rabbiner" (dies die vom Liberalen Kultusausschuß gewählte Bezeichnung) von den jungen Theologen während der Studienzeit zu absolvieren ist und also noch in die Studienzeit fällt. Nimmt man nun in Betracht, daß die Rabbinatshandlungen, zu denen der Kandidat hinzugezogen wird, sich weder der Zahl noch der A r t nach vorherbestimmen oder gar im Lehrplan festsetzen lassen, so wird man zugeben müssen, daß diese Einrichtung zwar die Gemeinderabbiner entlasten kann ----- ein Gewinn, der gewiß nicht unterschätzt wird —, daß aber die eigentliche Absicht: praktische Ausbildung der angehenden Rabbiner, in keiner Weise erreicht wird. Auch die Wohlwollendsten und die Autoritätsgläubigen, die alles, was mit Theologie zusammenhängt, kritiklos bewundern, werden sagen müssen: die praktischen Erfahrungen, die der einzelne Rabbinatskandidat in Berlin oder Breslau während seines Vikariatsjahres zu sammeln vermag, werden nicht allzu groß sein. Oder, anders ausgedrückt: eine wesentliche Bereicherung des Ausbildungspensums für angehende Rabbiner wird durch Einführung des Bikariatsjahres nicht erzielt, und es werden nach wie vor die gleichen wissenschaftlich gut durchgebildeten, an praktischer Erfahrung aber ganz armen jungen Leute die Rabbiner-Seminare verlassen. Spricht man eine Kränkung aus, wenn man hinzusügt, daß kein Seminar seinen Teilnehmern Lebenspraxis vermitteln kann, daß diese überhaupt niemals aus dem Wege des Unterrichts, sondern stets nur durch das Leben selber gewonnen werden kann? Das ist eigentlich so selbstverständlich, daß wir uns über die Notwendigkeit dieser Feststellung schämen müßten. Die Kapitünspatente, die die Navigationsschulen erteilen, werden auf See und nicht im Hörsaal erworben. Und läßt man denn einen Juristen so frischweg von der Universität aus Richter werden? Vielmehr muß er, nicht innerhalb, sondern nach Beendigung seiner Studienzeit noch vier Jahre in Anwaltsbüros und ans Gerichten als Referendar seine Erfahrungen sammeln, und auch dann ist er zunächst nur Assessor, und es dauert noch manches Jahr, bis er als Richter angestellt wird. Im sonstigen Staatsdienst wird auf die gleiche Weise verfahren, und auch die Philologen werden nicht gleich nach Abschluß ihrer Studien Schuldirektoren (mit dem Schuldirektor nämlich, wenn nicht gar mit dem Schulrat, und nicht etwa mit dem einfachen Lehrer, Studienassessor, muß mau den Gemeinderabbiner in Parallele setzen). Die BikariatSzeit der Pastoren schließlich beginnt ebenfalls erst nach Abgang von der Universität; der evangelische Geistliche muß, bevor er seine Pfarre erhält, stets erst einige Zeit als A d j u n k t neben einem älteren Pastor tätig gewesen sein. Bei uns Juden aber wird, ohne jeden Uebergang, ans dem Studiosus ein Gemeinderabbiner; ans den letzten Jahren allein sind Fälle bekannt, daß Gemeinden von 1000 bis zu 3000 Seelen sich Herren im Alter von 24 bis 27 Jahren zu Rabbinern und Seelsorgern gewählt haben. ES muß einmal ausgesprochen werden, daß dieser Zustand nach jeder Richtung dm unerträglich ist: den einzelnen Gemeindemitgliedern und den Gemeinden als solchen, aber auch den jungen Leuten selber, die über Nacht von Studenten zu Gemeinderabbinern wurden, ferner dem Ansehen des Rabbinerstandes und nicht zuletzt auch dem Ansehen unserer gesamten Glaubensgemeinschaft wird damit unabsehbarer Schaden zugesügt. Raschi Von S. Weisels. Mit den Juden wanderte auch ihre Lehre von Land zu Land. Ein jüdisches Kulturzentrum, einen geistigen Mittelpunkt, wo das alte Kulturgut, die heilige Schrift und die mündliche Lehre, in Besitz genommen und weiter vererbt wurde, hat es in der Zerstreuung bald da, bald dort gegeben. War die Quelle der Lehre in einem Lande versiegt, sie tat sich in einem andern wieder auf. Die jüdische Lehre ist im Lause der Jahrhunderte nie obdachlos geworden, sie wechselte bloß ihre Herberge. Palästina hat noch lange nach der Auslösung des jüdischen Reiches den geistigen Besitz bewahrt und gemehrt; in Babylon wurde eine nahezu tausendjährige Arbeit an den Bau der Ueberlieferung gewandt; in Spanien waren tüchtige Männer am Werk, die labyrinthischen Talmudgänge in ein System zu bringen; und in Frankreich, Italien und Deutschland suchten die Schriftgelehrten das in all den Wanderjahren Dunkelgewordene zu erhellen, das Vergessene wieder aufzufrischen und der Ueberlieferung neuen Bestand zu sichern. Bon Frankreich über Deutschland wanderte die Lehre nach den slawischen Ländern und kam überallhin, wo Juden traditionstreu lebten. Im elften Jahrhundert lebte in Frankreich ein Rabbi, der wie vielleicht kein zweiter neben ihm eine „Leuchte des Exils" genannt zu werden verdiente. Dieser Mann erlebte das Gotteswort in seiner Klarheit und die Ueberlieferung in ihrer Ursprünglichkeit, und klar und ursprünglich, wie er sie erlebte, gab er Schriftwort und Ueberlieferung weiter. Er suchte nicht, de» Gesamtinhalt der Tradition in ein System zu bringen oder in das Wort der Schrift philosophische Gedanken zu pressen, er wollte lediglich das Verständnis für das geschriebene und das überlieferte Wort fördern; und so schrieb er denn einen Bibel- und einen Talryuvkommentar. Und es begab sich, daß der Mann durch diesen Kommentar' zum Lehrer seines Volkes wurde. . Dieser Volkslehrer hieß Rabbi Schelomo Jizchaki, nach? den Anfangsbuchstaben seines Namens ,Aaschi" genannt. Bon Raschi wissen wir, daß er 1040 in Troyes in der Champagne gevoren wurde, jung geheiratet »hatte, als Ehemann fein Hkim verließ, um b;e PflegestSttd» der -Thora aufznsuchen, daß er in den Talmudschruön z« Bdrnrs und Mainz studierte, mit fünfundzwanzig Jahren in seiner Vater- I stadt die Rabbinerstelle ehrenamtlich übernahm, seinen Lebensunterhalt aus einem Weinhandel bezog, daß er seine zwei Töchter an große Gelehrte verheiratete, und die Freude erlebte, würdige Nachkommen zu sehen, wohlgeratene Enkelkinder, die nachmals als Gelehrte Ruf und Ansehen genossen, und daß er nach einem arbeitsreichen Leben des Forschens und Lehrens im fünfundsechzigsten Lebensjahre (1105) starb. Das ist so ziemlich alles, was wir von Raschi wissen Die Biographie Raschis ist eine LebenSgeschichie ohne Daten. Das Leben Raschis ist ganz in seinem Werke ciugeschlossen, in jenem Talmud- und Bibelkommenlar, das seinen Namen führt. Die Lebensgeschichte Raschis ist die Geschichte eines Buches, und die Geschichte dieses Buches bildet etu Stück jüdischer Geistesgeschichte, und zwar ein Stück, das mehr als sieben Jahrhunderte umfaßt. Das macht es erklärlich, daß man allezeit unter „Raschi" nur den Raschi Kommentar verstand. Den Raschi-Kommentar kann man nicht mit einem andern, etwa mit einem Dante-Kommentar, vergleichen. Schon im sprachgebräuchlichen Sinne ist der Unterschied zwischen beiden wesentlich. Ein Dante-Kommentar ist ein Kommentar zu den Werken Dantes; der Raschi-Kommentar hingegen ist der Kommentar Raschis zu Bibel und Talmud. Es gibt auch Raschi-Kommentare in der gewöhnlichen Bedeutung dieses Kompositums, nämlich Kommentare zmn Raschi-Kommentar; es gibt deren nicht weniger als fünfzig. Diese sind freilich mit allen andern Kommentaren gleichzustellen und sie teilen auch mit allen andern das gleiche Los, das will sagen: niemand liest sie. In unserem Falle sind sie aber auch recht überflüssig. Denn Raschi kommentiert und braucht nicht kommentiert zu werden. Raschi schreibt Hebräisch im französischen Stil: anmutig, liebenswürdig, erhellend und sinneischließend. Räschis Diktion ist von durchsichtiger Klarheit, sein Stil von bestrickender Eleganz, und dabei von einer Wortsparsamkeit, wie sie sich nur ein reicher Geist erlauben kann. Man müßte schon über den kristallklaren Stil eines Raschi verfügen, um Raschis Schreibart begrifflich bestimmen zu können, Raschi war der berühmteste Gelehrte seiner Zeit. Bon nah und fern kamen die Talmudjünaer nach Troyes, um diesem großen Lehrer zu Füßen zu sitzen. Weit und breit in der Juhenheit galt Raschi als Autorität. Seine eigenen Lehrer - und diese waren die bedeutendste:! Gelehrten jener Das soll im einzelnen hier ausgesührt werden. Zunächst sei von denjenigen die Rede, für die der Rabbiner gewählt wird, für die er da sein soll: von den Gemeindemitgliedern. Hat man denn ganz vergessen, daß der Rabbiner Seelsorge zu treiben hat und daß bei der Erjüllung dieser Aufgabe wissenschaftliche Kenntnisse nichts und weniger als nichts sind, daß dazu praktische Lebenserfahrung unerläßliche Vorbedingung ist?! Ein Familienvater ist auf den Tod erkrankt und weiß, in einer Woche wird er nicht mehr sein, Frau und Kinder werden unversorgt Zurückbleiben. Wird er etwa den Sechsundzwanzigjährigen, und habe der noch so gute Zeugnisse in Bibel- und Talmudwissenschaften, holen lassen, sich selber zum Trost oder seiner Familie zur Beratung? Die Frage stellen, heißt sie verneinen. Vermag ein Sechsundzwanzigjähriger, und wüßte er die Anschammgsverschiedenheiten aller jemals gelebt habenden jüdischen Religionsphilosophen ohne Besinnen haarscharf auseinanderzusetzen, vermag er einer Witwe zu sagen, wie sie ihre halberwachsenen Kinder erziehen und ausbilden lassen soll?! Wenn Schande über eine ehrenhafte Familie kam, vermag ein Lebensunersahrener zu trösten, zu helfen? Wenn junges Blut sich zur Ehe zusammensinden will, weiß er, ob er zureden oder abraten soll? Wenn gebenseitig enttäuschte Ehegatten auseinanderstreben, kann er beurteilen, ob der Riß heilbar oder die Trennung das einzige Heilmittel ist? Und weiß er Rat, was aus den Kindern geschiedener Gatten werden soll? Zerwürfnisse zwischen Eltern und Kindern, vermag er sie zu bereinigen? Wo jemand in Gefahr oder am Abgrund steht, weiß er einzugreifen, versteht er auch nur die Situation?! Und da doch der Gemeinderabbiner fast immer auch der Dirigent der Religionsschnle und des Religionsunterrichts in seiner Gemeinde ist, sollte man da nicht von ihm verlangen dürfen, daß er zunächst durch mehrjährige Unterrichtstätigkeit mit Kinderseelen Umgang treibe und seine eigenen Erfahrungen sammle, bevor andere, meist ältere und erfahrene Religionslehrer ihm unterstellt werden und er ihnen Anweisungen erteilt?! Alle diese Fragen beantworten sich von selbst, und, fürwahr, ein eben der Hochschule Entwachsener als Gemeinderabbiner ist fehl am Ort. Bestenfalls kann er ein guter Prediger sein, aber im übrigen sind die Ge meindemitglieder um Seelsorge und geistliche Führung betrogen, wenn, der ihr Führer sein soll, wohl Bücher, aber nicht das Leben kennt. Aber auch den jungen Rabbinern selber, die so plötzlich zu Amt und Würden gelangen, ist im Grunde durch ihre rasche Karriere kein Dienst erwiesen. Es mag im Augenblick sehr beglückend sein, mit fünfundzwanzig Jahren Rab biner einer eigenen Gemeinde zu sein. Aber es ist für nie manden gut, eine Aufgabe übertragen zu erhallen, der er nicht gewachsen ist. Muß solch ein Jüngling nicht, wenn er seinen hohen Berus mit dem nötigen Ernst betrachtet, Schmerz darüber empfinden, daß er seine Gemeindcmitglieder wohl durch Predigten erbauen, daß er ihnen aber nicht mit Rat u'.rd Tat helfen kann?, daß diese ihn bei chren Lebenswichtigen Entscheidungen gar nicht anrusen und er immer beiseite stehen muß?! Recht betrachtet könnte kein angehender Theologe sich mit fünf- oder sechsundzwanzig Jahren ein Rabbinat wünschen, geschweige denn sich darum bewerben. Aber noch in anderer Hinsicht ist der jetzige Zustand für die von ihm scheinbar Begünstigten in Wahrheit un günstig und für die Gemenrden unerträglich. Es sei hier einmal plump herausgesagt: Allzu rasche Karriere verdirbt den Charakter! Als 1889 Seligmann sein Amt am Hamburger Tempel antrat, legte er sich „ganz ernstlich" die Frage vor: „Wie soll ich dieses schwere, an Verantwortung so reiche Amt, im Geiste derer, die mich hierher berufen haben,.verwalten?" Im Geiste derer, die ihn berufen hatten, wollte er sein Amt verwalten, und doch wird man gercwe von Seligmann nicht glauben, daß er sich bloß als Beamten und Angestellten seiner Gemeinde gefühlt, daß er von der Führerausgabe des Rabbiners nichts gewußt hätte. Aber er faßte das Führeramt so aus wie der große Friedrich das Königsamt: erster Diener seiner Gemeinde. Wußte, daß in der Wahl der Tempeldirektion ein Auftrag lag, und hätte diesen Auftrag und diese Wahl nicht Tage erkannten ihn als Meister an. „Das Geschlecht ist nicht verwaist, das dich besitzt", schreibt ihm einer seiner Lehrer: „möchten doch viele in Israel sein gleich dir", schreibt ihm ein anderer. Sie nannten ihn „Parschandatha", den Schristerklarer, und legten alle Hochachtung, Verehrung, Bewunderung, die sie für ihn hegten, in dieses eine Wort hinein. Nach seinem Tode aber eroberte sich sein Werk die gesamte jüdische Welt. Es haben auch christliche Gelehrte den Raschi-Kommentar häufig benutzt und er wurde auch später von dem Halleschen Pietisten Joachim Justus Breithaupt ins Lateinische übersetzt. Jüdische Historiker weisen mit einem gewissen Nachdruck darauf hin, daß Nikolaus von Lyra für seine „Postillae perpetuae" eifrig den Raschi-Kommentar benutzte und daß dadurch auch Martin Luther, dessen Bibelübersetzung ja vielfach auf Lyra fußt — ein altes Scherzwort sagt: Si Lyra non lyrasset, Lutherus non saltasset „Hätte Lyra nicht geleiert, so hätte Luther nicht getanzt" — mittelbar von Raschi beeinflußt wurde. Da die Angabe stimmt, ist die Schlußfolgerung richtig. Aber alles dies bezeugt nur die Brauchbarkeit des Raschi-Kommcntars, nicht aber auch die Größe Raschis und die gewaltige Wirkung, die von seinem Werke ausging. Es hält schwer, diese Wirkung zu beschreiben. „Raschi" wurde das Lernbuch für Jung und Alt, für Greise, Männer und Kinder. Wie in der Welt des Islam keine Stunde im Tage vergeht, ohne daß irgendwo eine Sure im Koran gelesen würde, so gab es im Judentum Zeiten, wo kein Tag im Jahre, ja vielleicht keine Stunde am Tage verging, ohne daß in irgend einem Judenwinkcl „Raschi" gelernt wurde. Siebenhundert Jahre lang und noch etwas darüber hielt Raschi ein ganzes Volk in seinen geistigen Banden. Jahrhunderte hindurch wurde kein Talmud, keine Bibel gedruckt ohne Raschi. Das erste hebräische Druckwerk war die Bibel mit dem Raschi-Kommentar. Selbst die Mendelssohnsche Bibelausgabe, deren deutsche Uebersetzung und hebräischer Kommentar Raschi als veraltet und unzeitgemäß erweisen sollten, ist mit dem Raschi-Kommentar gedruckt worden; die Ausgabe hätte sonst keine Käufer gefunden. Raschi war ein untrennbarer Bestandteil der Bibel geworden. Raschis Bibelkommentar bestrickt durch seine Einfachheit. Raschi wußte offenbar um das Geheimnis, daß sich die Schlichtheit der Bibel nur durch Schlichtheit zwingen läßt. Mehr vielleicht als durch die Benutzung von Lyras „Postillen" ist Martin Luther dadurch als ein Schüler Raschis anzuspre-

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