Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 46 (18.11.1927)
- Date
- 1927-11-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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7. Jahrgang Nummer 46 Der Zude wird verbrannt? Don Dr. jnr „Der Jude wird verbrannt", das ist das erste künstle-! rische Erlebnis, soweit meine Erinnerung zurück reicht. Es j war im Kriegsjahr 1870. Das Sommersemester an der j alma mater Albertina war unter Sturm und Drang zu Ende gegangen. Unsere Burschenschaft sollte am nächsten Tag ihren Abschiedskommers in Rauschen feiern, als nachts die Nachricht von der Kriegserklärung eintraf und alle Vorbereitungen über den Hausen warf. Statt an den Strand eilte männiglich zum Bezirksamt, und wer immer für dienstfähig befunden wurde, zog „des Königs Rock" an, ob Christ oder Jude. Es gab einen Unterschied nach Religion oder Abstammung weder in der studentischen Verbindung noch in der Militärverwaltung, und manchen Couleurbruder, der sich zu dem Glauben seiner Väter, bis zu den Erzvätern hinauf, bekannte, zierten bald die Offiziersepaulettes. Die aber notgedrungen daheimbleiben mußten, allesamt, hielten während des blutiger: Völkerringens Burgfrieden und verbanden sich zu gemeinsamen und gemeinnützigen Veranstaltungen, deren Ertrag dem Vaterland dienen sollte. Eines der Stücke, die von der akademischen Jugend aufgeführt wurden, war „Nathan der Weise". Und wer sich unvergänglich dem Gedächtnis einprägte, eine ergreifende Gestalt, die Verkörperung fanatischen Hasses, war der Patriarch, mit dem grausamen Spruch: „Der Jude wird verbrannt." * Ein ander Bild, nach dem Frankfurter Frieden, in Berlin, wo Bismarck seine Triumphe feierte und Pauline Lucca vergöttert wurde. Fromme Eiferer hatten ihm feierliche Vorstellungen gemacht, weil er sich auf einer Kurpromenade mit der kleinen Jüdin und großen Künstlerin hatte photographieren lassen. Er blieb den gestrengen Sittenrichtern die Antwort nicht schuldig. Im Opernhaus aber, wo der Jude Meyerbeer unter dem christlichen Romantiker Friedrich Wilhelm IV. als Spontinis Nachfolger Generalmusikdirektor hatte werden können, da Richard Wagner „das Judentum in der Musik" noch nicht, dem Patriarchen gleich, znm Tode verurteilt hatte — man konnte sogar ohne allen Grimm von den „Hugenotten" scherzen: Protestanten und Katholiken schlagen sich tot, und der Jude macht bte Musik dazu — in diesem Opernhaus also berauschte und entzückte Pauline Lucca alte Welt als Meyerbeers „Afrikanerin", ohne daß bis heute eine ebenbürtige, geschweige überlegene Darstellerin dieser Rolle gefunden wäre. Doch böse Zungen zischelten Zwietracht. Und bald tobte der Streit, leidenschaftlicher als ehedem zwischen Deutschen und Franzosen, um die Primadonnen der weltbedeutenden Bretter: hie Lucca, hie Mallinger, wobei übrigens konfessionelle Gegensätze keine Rolle spielten.. Jedenfalls heiß ging es her, am heißesten auf der Studententribüne, wo die Begeisterung für die göttliche Pauline sich zur Gluthitze steigerte. Und heute? Ter Mallinger mögen manche Getreue noch gedenken; die Lucca strahlt als Stern erster Größe in der Geschichte der deutschen Oper. * In demselben Haus Unter den Linden, dem die Hohenzollern besondere Gunst zuwandten, ist 1904 ein Musikdrama aufgeführt worden, das Wilhelm II. bei Leoncavallo bestellt chatte. „Der Roland von Berlin", wenn auch, künstlerisch nicht epochemachend, konnte denkenden Zeitgenossen, ohne daß es der Zweck der Uebung war, einigen Anlast bieten, sich in den Geist einer Vergangenheit zu versetzen, in der die Juden unter den nichtigsten Anschuldigungen — als hätten sie Hostien gemartert, bis das Blut floß, oder zum Osterfest Christenttnder geschlachtet oder Brunnen vergiftet und die Pest aufgebracht — aufgegriffen wurden, ihrer Habe beraubt, auf den Scheiterhaufen geschleppt. Auf dem Neuen Markt, wo heute das Luther-Denkmal steht, wurden sie zusammengetrieben und verrichteten sie ihre Sterbegebete- Die Wirklichkeit war grausiger als das Spiel auf der Szene. Es war freilich keine nur märkische Eigenart. Heinrich Heine hat gleiches im „Rabbi von Bacharach" erschütternd berichtet, Kaulbach dieselben Greuel in seinem Peter Arbues vor das sinnliche und geistige Auge zu führen gesuch.t- Ob an der Spree oder am Rhein oder jenseits der Pyrenäen: die Moral war dieselbe überall und das Ende: Der Jude wird verbrannt. * Denn auf dem Wüstenwanderstamm lastete der Fluch, der Jahrhunderte, die Blutschuld an dem Heiland der Christenheit. Was half's, dast der Beweis geführt wurde, nicht die Juden hätten das Urteil gesprochen, sondern die Römer? Der Jude, das bedeutete den Gläubigen Judas Jscharioth, Judas, der den Herrn verraten hatte. Wie erscheint sein Antlitz nicht selbst auf des großen Lionardo Abendmahl! Und wie erst, zum Urbild aller Scheußlichkeit verzerrt, auf den Tafeln und Stichen engstirniger Sudler! Der Jude in der Kunst in dickleibigen Sammlungen alter und neuer Zeit ist nicht der Jude als Künstler, sondern als Opfer der Kunst oder Künstelei, das Modell immer irgend ein, schmutziger Phantasie entstammend-er, Judas. Als ob nicht die andern Jünger Jesu, deren Haupt die Gloriole umschwebt, ebenfalls Juden gewesen wären, Johannes und Petrus nicht ausgenommen. Und später Paulus desgleichen. Ihnen gibt der Zeichner nicht einmal jenen Gesichtserl'er, von dem Ludeudorff so zuverlässig wie der professorale Altwisser Plate in Jena versichern konnte: Den Juden erkennt man an der Nase. Als Typus körperlicher, geistiger und sittlicher Häßlichldit lwurde der Jude dargestellt in der Malerei, der Bildhauerei, der Literatur, aus der Bühne. An Shakespeares „Kaufmann von Venedig" hatten die Massen ihre Schadenfreude, weil dem blutdürstigen Shylock die Rechnung gründlich verdorben wird -- obwohl ein Rechtslehrer von Rang Rudolf Jherings den Spruch, der den Juden vernichtet, als schnöden Justizmord bezeichnet. Wo der Jude rm Märchen vorkommt, geht es ihm schlimmer als der Hexe oder der Stiefmutter. Auch in modernen Werken, deren Schöpfer sicherlich kleinlicher Vorurteile unverdächtig sind, empfindet der unbefangene Beobachter mitunter einen Hauche wie von unbewußtem Atavismus, beispielsweise in Böcklins Sufanne im Bade oder selbst in Sudermanns SturmgeseNen Sokrates. Der Glaubensei'ser und Rassenhaß benutzt nur zu leicht den Schein einer Gefühlsgemeinschaft, mag er auch falsch sein, zur Förderung seiner unlauteren Treibereien. Hat I. Levy. er doch Luther zmn Antisemiten gestempelt, trotz Luthers beredter Streitschrift gegen die Judenfeinde. Am Ende nehmen sie auch noch Rembrandt als Gesinnungsgenossen in Anspruch trotz seiner herrlichen Judenkäpse, die allen niedrigen Instinkten schnurstracks zutviderlaufen. * Am Saum des Berliner Tiergartens erhebt sich das Denkmal Gotthold Ephraim Lessings, geschmückt mit dem Bildnis Moses Mendelssohns, seines Freundes. Als kürzlich Nathan der Weise gefilmt wurde, erfolgte das Verbot seiner Aufführung iit Bayern. In Bayern dagegen veröffentlichte Herr Ludendorff nicht bloß seinen Lobgesang auf die Geheimnisse der Weisen von Zion, von denen jetzt sogar Henry Ford nichts mehr wissen will, sondern auch die Vernichtung der Freimaurerei. Er behauptet hier, „daß die Freimaurerei in Deutschland um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts, also um 1750, von England aus mit stark jüdischer Verwurzelung verpflanzt wurde und in Verbindung mit führenden Juden wie Moses Mendelssohn stand". Grund genug für den „Vater des Vaterlands", über die Freimaurer dasselbe Verdikt zu fällen, wie der Patriarch über Nathan: der Jude wird verbrannt. Wenn auch dieses Mal bloß bildlich. Aber es ist die älteste Freimaurerloge in Deutschland, die Hamburger, 1737 entstanden, im folgenden Jahr der preußische Kronprinz und spätere Friedrich II. ihr Mitglied geworden. Er schuf dann alsbald die Mutterloge zu den drei Weltkugeln. Wie alt war doch dazumal Moses Mendelssohn? Zehn Jahre. Tenn er war am 6. September 1729 geboren, kam erst 1743 von Dessau nach Berlin und war simpler Buchhalter, als Friedrich II. am 28. August 1752 eine geharnischte Verfügung gegen die Einfchleichung und Ansetzung von Juden erließ. Er duldete nur eine kleine Zahl und schröpfte sie c^ls brave Steuerzahler, wie Erich Schmidt in seiner Geschichte Lessings bemertt. Im Jahre 1763 erbat Mendelssohn vom König das „Privilegium" zum dauernden Aufenthalt in Berlin, erhielt es aber erst — nur für sich, nicht für seine Nachkommen —, als der Marquis d'Argens die Bittschrift dem König mit dem eigenen Zusatz überreicht hatte: „Ein schlechter katholischer Philosoph bittet einen schlechten protestantischen Philosophen, das Privileg einem schlechten jüdischen Philosophen zu geben. In alledem ist zu viel Philosophie, als daß nicht die Vernunft auf Seiten des Gesuchs wäre." Als die Akademie der Wissenschaften Mendelssohn zum Mitglied wählte, verweigerte Friedrich die Bestätigung. Und dennoch soll Merrdelssohn mit der „Verwurzelung" der Freimaurerei zu tun gehabt und „in Verbindung" mit einem Verband, dessen Großmeister der König war, gestanden haben? Um Weihnachten 1777 war Mendelssohn bei Lessing in Wolsenbüttel. „Sie sind auch, wie ich gehört habe, Freimaurer geworden? Ist das wahr, Freund?" O ja, lieber Moses, wohl bin ichs geworden. „Nun?" Was nun? Nun soll ich offenbaren? Nicht? Aber das darf ich nicht, kann ich wahrlich nicht... Und so weiter. Will sagen, Moses Mendelssohn war überhaupt nicht Freimaurer, hatte mit der „königlichen Kunst", wie die Logenbrüder ihre Arbeit nennen, nicht das mindeste zu schaffen. Wurden doch Juden von deren Pforte zurückgewiesen. Wie denn Lessing in „Ernst und Falk" klagt, mit dem Grundsatz, alle Bekenntnisse zuzulassen, sei es nichts. „Wird etwa ein Jude ausgenommen?" Nein, Christ wenigstens müsse der Freimaurer sein. Und dennoch soll die Freimaurerei verjudet, ein Werkzeug der Juden sein, künstliche Juden erziehen und abftempeln? Ganz wie die Juden die Brunnen vergiftet haben sollten. Und, werden sie in die Logen, vollends die altpreußischen, auch heute noch wie zu Lessings und Mendelssohns Zeiten überhaupt nicht ausgenommen — tut nichts, der Jude wird verbrannt. * Nur daß manche Juden nahe daran waren, dasselbe Schicksal bei ihren eigenen Glaubensgenossen zu erleiden. Maimonides ist der Anklage der Ketzerei nicht entgangen. Uriel Acosta ist immer noch eines der wirksamsten Bühnenstücke Gutzkows. Baruch Spinoza wird allgemach auch von sonst unduldsamen Häuptern der Orthodoxie als eine Zierde der Judenheit anerkannt- Aber wie ist es ihm bei seinen Lebzeiten gegangen! Und welchen Denunziationen und Anfeindungen war nicht gerade Moses Mendelssohn ausgesetzt! Machte er sich doch durch seine Bibelübersetzung in den Augen der Starrgläubigen einer Todsünde gegen die heiligsten Ueberlieferungen chuldig! Es hat auch später noch Erbpächter der Frömmigkeit gegeben, die den großen Bann über jedes Gern eindemätglied schleuderten, das aus andereir als hebräischen Schriften Bildung schöpfen wollte. Es ist noch unvergessen, wie in Berlin gegen Reformen im Gottesdienst selbst die Macht der Staatsregierung angerusen wurde, wie die deutsche Predigt als Beweis verruchter Abtrünnigkeit gelten sollte, geordneter Kunstgesang als unjüdisch und vollends die Orgel, die heute in keinem größeren Konzertsaal fehlt, als „christliches" Instrument verpönt und leidenschaftlich bekämpft wurde. Nur muß der Knorr den Knuppen hübsch vertragen. Nur muß ein Gipfelchen sich nicht vermessen, Daß es allein der Erde nicht entschossen — mit Nichten, diese Worte Nathans finden bei den Bannerträgern jüdischer Buchftabenkrämerei und vermeinter Gesetzestreue keineswegs immer willige Billigung. Wer von der Möglichkeit und Notwendigkeit der Entwicklung auch auf religiösem Gebiet redet, wird oft genug verdächtigt, als stehe er schon vor der Taufe; er ist mindestens „Assimilant", und der „Assimilant" steht eben angeblich auf dem Sprunge. Wobei man über seine Ankläger lächeln darf, die sich selber soweit „assimiliert" haben, daß sie nicht im Kaftan und mit Stirnlöckchen über das großstädtische Pflaster promenieren. Am Ende sind sogar sie im Innern ein weniges stolz, daß ein recht radikaler „Assimilant" wie Walter Rathenau aller Versuchung zum Trotz Jude geblieben war, Jude aus Ehrgefühl. Aber den „Nathan" hätten sie. wären sie in der Macht, heute noch auf den Index gefetzt! Beilage 18. November 1827 Dennoch! Führt der Weg des Fortschritts nicht in gerader Linie, sondern in der Spirale, und ist es unbequem, scheinbare Rückschläge wahrzunehmen, von außen wie im Innern, schließlich geht es trotzdem vorwärts und aufwärts. Schon ist von den „Weisen von Zion" kaum noch die Rede, schon lacht man über den plötzlich entdeckten kabbalistischen Kubus und den Kampf gegen freimaurerische Windmühlenflügel, und von 1870 bis heute ist es auch mit der Darstellung des Patriarchen anders geworden. Damals blieb vornehmlich fern Haß dem Gedächtnis eingeprägt: der Jude wird verbrannt. Später war es Nathan, der milde, der weise Nathan, dessen Wort und Blick wirkte und weiterlebte. Wer hätte nicht Döring bewundert? Und Sonnenthal? Er als Nathan, der Träger echter Humanität, ziert heute rncwmorn den Schreibtisch, und wie langsam auch die hellere Zukunft nahe: ein Licht leuchtet in der Finsternis! Jahresversammlung der )ca Tie Jewish Colonisatum Association (J.C.A.) hielt in diesen Tagen in Paris ihre ordentliche Jahresversammlung ab. Nachdem der Bericht und die Bilanz für das vergangene Jahr gutgeheißen worden waren, hielt der Präsident des Rates der J.C.A., Herr Philippson, eine Ansprache, in der er ausführte: Unsere landwirtschaftliche Tätigkeit in Argentinien hat einen großen Fortschritt zu verzeichnen, die Kolonien umfassen eine immer mehr potenzierte landwirtschaftliche Bevölkerung. Unsere argentinischen Kolonien Erias, Santa.Fe, Buenos Aires, Santa Jago, Tel Estera und Pampa umfassen 371000 Hektar Land mit einer Bevölkerung von 3902 Kolonisten, von denen 3597 Familienoberhäupter sind. Außer diesen leben in den. Kolonien oder in Verbindung mit ihnen als ihren Lebensunterhalt verdienende Handwerker und Kaufleute 5318 Familien mit 33124 Seelen. Es existieren bereits 759 „emanzipierte" Kolonisten mit einem Gesamtbodenbesitz von 120 000 Hektar. Tie Verselbständigung der Kolonisten schreitet rüstig vorwärts. Ten Kolonien werden immer neue Kräfte zugesührt. So z. B. hat der Emigranten-Berein in Buenos Aires im vorigen Jahre 956 Einwanderer den Kolonien zugesührt. In Argentinien, wo vor 40 Jahren, bei Beginn der J.C.A.-Tätigkeit, 1000 Juden waren, leben heute mehr als 200 000 Juden. Sie bilden — wie die größte argentinische Zeitung „La Prensa" feststellt — ein sehr geschätztes Element der Gesamtbevölkerung. Sie stehen kulturell ar^ einer beachtenswerten Stufe. In Brasilien geht unsere Arbeit in dem gleiche» Geiste wie in Argentinien vorwärts, wenn auch die Resultate in diesem Lande nicht ebenso glänzend sind. In den dortigen Kolonien leben heute 2118 Personen in guten Verhältnissen; sie haben zur allgemeinen Entwicklung des brasilianischen Judentums viel beigetragen. Mehrere jüdische Gemeinden wurden gegründet, es bestehen 19 jüdische schulen. Das Land.wird in der Lage sein, in nächster Zeit Tausende jüdische Einwanderer auszunehmen. Im vorigen Jahre wanderten in Brasilien 3903 Juden ein. Auch unsere Kanalisationstätigkeit in Kanada macht Fortschrüte, unser dortiges Schulwesen blüht; Kanada ist das Land, welchem die Blicke der jüdischen Wanderer zugewendet sind; 1926 wanderten 4825 Juden dort ein. Ich werde, sagte Präsident Philippson, kurz unsere Siedlungen in Palästina erwähnen. Tie J.C.A. hat von Anfang an an der großen Siedlungsarbeit des Barons Edmond de Rothschild tellgenommen. Jetzt ist die Verwaltung dieser Kolonien der J.C.A. unterstellt. Tie vor 30 Jahren in Palästina begründeten Kolonien gehören zu den besten im Lande. Gute Resultate haben wir in Polen erreicht. Wir arbeiteten an der Verbesserung der Wirtschaftslage der Juden durch Stützung des Darlehens- und Sparkassensystems. Dieses Werk wird von der vor drei Jahren gegründeten Joint J.C.A. Reconstruction Foundation geleitet. In Rußland führt die J.C.A. eine selbständige Kredittätigkett, wir stützten 1926 135 Darlehnskassen, die 73000 Mitglieder zählen. Auch auf dem landwirtschaftlichen Gebiete in Polen, Rumänien und Rußland erweitert sich unser Ausgabenkreis fortschreitend. Wir verhalfen in Rußland 900 Kolonisten zur Ansieölung auf 15000 Hektar Boden, die uns die Regierung unentgeltlich zur Verfügung gestellt hat. Die Kolonisation in Rußland wird auf ewig in der jüdischen Geschichte verzeichnet sein. Das in der vorigen Sitzung angenommene Programm umfaßt die allmähliche Änsredlung von 3300 jüdischen Familien. Es wurde die Vereinigung „Hias-Jca-EmiHdirekt" geschaffen, die große Aufgaben zu lösen hat; sie wücd die gesamte jüdische Emigration kontrollieren und stützen können. Wir können uns zu dieser Vereinheitlichung der Arbeit im Interesse des Wohlergehens unserer notleidenden Brüder beglückwünschen. Vortrag im Jnstitutum Judaicum Am 10. November sprach Dr. Mark Wischnitzer im Institut Judaicum an der Universität Berlin über das Thema: „Der Kamps um die Menschenrechte der Juden in Osteuropa". Nach einem historischen Rückblick auf die Geschicke der Juden im ehemaligen polnisch-litauischen Staatswesen schilderte der Vortragende in großen Zügen die Phasen des Kampfes der Juden unter dem Zarismus. Die Zaren und ihre Ratgeber waren nie um Ansf.üchte verlegen wenn es sich um Rechtsverturzungen für die jüdischen Untertanen handelte. Unter dem Vorwände ihrer Rückständigkeit und Bildungsserndlichkeit ließ man sie im Zustande der würdelosesten Entrechtung schmachten, unter dem Vorwände ihres allzu raschen Entwicklungstempos und ihres Radikalismus machte man die ihnen unter Alexander II gewährten Zuqe'tändmsse rückgängig. Die russische Regierung, -faßte Dr. Wisckmitzer, ftihlte sich von der jüdischen Intelligenz bedroht, wie sie sich von der eigenen Intelligenz bedrolt fühlte. Und nicht mit Unrecht. „Denn diese jüdischen Intellektuellen von den Radikalsten bis zu den Gemäßigsten hatten erkannt, daß der Weg der alten Reformprojektemacher, die Hand in Hand mit dem aufgeklärten Absolutismus die jüdische Frage lchen wollten, nicht der richtige Weg ist. Die Regierung war an die unterwürfigen jüdischen Petitionen so gewöhnt, daß sie, nachdem nun Schlag auf Schlag Einschränknugen.aus