Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 46 (18.11.1927)
- Date
- 1927-11-18
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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ollen Gebieten wirssHastlicher Betätigung, der Bildung, des WohnraHtS durchgeführt, eine gewissenlose antijüdische Agttation gefördert, gräßliche Pogrome geduldet und sogar provoziert wurden, immer noch auf die Dankbarkeit der jüdischen Bevölkerung pochte und die erste spontane jüdische Emigration nach Amerika als etwas ganz ungehöriges aufnahm. Die russische Freiheltsbetvegung von 1904, 1905 sieht die Juden in ihren Reihen. Die jüdischen Gemeinden bestürmen die Regierung mit eindringlichen Petitionen und fordern Gleichberechtigung. Die selbstbewußte Sprache dieser Petitionen^ die Las Rächt für eine Zkulturnation beanspruchen, ist neu." . . ... Es folgen eine der schwärzesten Reaktionen, der Weltkrieg, zw« Revolutionen. Dr. Wischnitzer schilderte die Not und das Ringen der russischen Juden während dieser be- Zoegten Zeitläufte und schloß, mit einer Betrachtung über die ökonomische Umschichtung, die sich gegenwärtig in der russischen Judencheit vollzieht, eine Erscheinung, die zurückgeht aus Reformvorschläge, die bereits im 18. Jahrhundert unter dem Einfluß der Ideen der Physiokraten und der französischen Revolution zur Lösung des jüdischen Problems im Osten aufgestellt und von den verschiedensten Gesellschastsgruppen, den ludcnfr rundlichen wie den judenfeindlichen immer aufs neue diskutiert wurden. Das alte russische Regime hatte nicht den ehrlichen Willen gehabt, sie durchzuführen. Erü wenn für die Existenz der jüdischen Massen auf die eine oder die andere Weise «ne wirtschaftlich gesunde Basis geschaffen fern wird, wird sich die erlangte politische Gleichstellung voll und ganz auswirken. Verkauf eines Originaldruckes der Prager Haggadah von 1526 Seit langem bemüht sich die Wissenschaft des Judentums auch um die bibliographische Erforschung und Katalogisierung der hebräischen Frühdrucke. Tie hebräischen Inkunabeln sind bereits mit bibliographischer Genauigkeit registriert, und die vor wenigen Jahren gegründete Soncino-Gesellschaft hat es zur ausdrücklichen Aufgabe gemacht, die Kenntnis des jüdischen Buches aller Zeiten zu erweitern und zu verbreiten. Neben ziner laufenden Zeitschrift will sie vor allem Faksimile-Drucke der kostbarsten jüdischen Schrift- und Druckwerke herausgeben, und im vorigen Jahr erschien als erstes der „Monumenta Hebraica et Judaica", eine Faksimile-Wiedergabe der berühmten Prager Haggadah von 1520. Ties übemus interessante Buch wurde im Jahre 5287, d. h. um die Wende von 1526/27 zu Prag von dem Prager Trucker Gerschom Ben Sch'lomo hak Archen in Geschäftsgemeinschaft mit seinem Bruder Gronem Katz gedruckt. Das Buch, das also gerade jetzt 400 Jahre alt ist, stellt die erste gedruckte und mit Holzschnitten versehene Ausgabe der Haggadah dar und ist zugleich der erste hebräisch« Truck mit illustrativen (nicht nur wie vorher ornamentalen) Holzschnittdarstellungen. Ter Text, der von der noch heute üblichen aschkenasischen Fassung der Haggadah kaum abweicht, ist typographisch mit besonderer Liebe ausgestaltet. Ter Wert des Druckes wird noch gesteigert durch drei ornamentale Bordüren, in deren zweiter Wappen und Namen des Gerschom Kohen, in deren dritter das Prager Wappen den Truckort und den Drucker verraten, zahlreiche zierliche ornamentale Holzschnittinitialen und vor allem 59 Holzschnitte, die von 34 mehrfach wiederholten Holzstöcken gedruckt sind. Diese wohlgelungenen Holzschnitte sind ^Darstellungen aus der Pessach-Geschichte und von rituellen Verrichtungen des Seder-Abends. Man sieht den Hausvater, wie er das gesäuerte Brot für die Feier des Festes aus dem Hause entfernt, oder mit dem Kiddusch-Becher, die Familie beim Pessachmahl, den Zug der Kinder Israels durch das Tote Meer, Moses, den König David und andere Gestalten der biblischen Legere sowie Illustrationen zu den Symbolen der Seder-Feier. Alle diese Holzschnitte sind von ungemeinem kulturhistorischem Wert als authentische Darstellung.jüdischen Famittenlebens und ritueller Gebräuche in den vornehmen jüdischen Häusern des 16. Jahrhunderts. Bekanntlich hat sich von den jüdischen Frühdrucken, die weist Gebmuchsbücher waren und als solche schnellerer Abnutzung anheimfielen, und die in planmäßiger Verfolgung häufig vernichtet wurden, nur weniges erhalten. Eine Haggadah nun erst, also ein Werk, das Jahr für Jahr noch dazul beim Mahle benutzt wurde, konnte sich kaum über die ^Jahrhunderte hinüberretten, und so sind auch von diesem äußerst kostbaren Pmger Erstdruck aus sehr wenigen Fragmenten nur drei vollständige Exemplare sämtlich in öffentlichen Bibliotheken bekannt. Erst jetzt hat das Antiquariat Paul Graupe in Berlin die kostbare Erwerbung eines vollständigen und wohl erhaltenen Exemplars gemacht. Es ist das erste Exemplar, das in den Handel kommt, und die Freunde des jüdischen Buches werden mit Spannung erwarten, welche Bibliothek oder welcher Sammler dies Rarissimum, das fast einem Unikum gieichkommt, erwerben wird, und ob auch diesem Buch, wie vielen Kostbarkeiten europäischer Typographie, der Weg über den Ozean bestimmt sein wird. Sprechsaal Für diese Rubrik übernimmt die Schristlettung lediglich die preßgesetzliche Verantwortung. Msrachisien und konservative in Berlin Berlin, den 10. November 1927. An die Redaktion der Jüdisch-liberalen Zeitung Berlin S.W. Wilhelmstraße 147. Hierdurch erlauben wir uns, Ihre Güte in folgender Angelegenheit in Anspruch zu nehmen. Das Hamburger Israelitische Familienblatt hat in seiner Nummer 35 in einem Artikel eine Würdigung der bei den Delegiertenwahlen zum Zionistenkongreß abgegebenen Berliner Stimmen vorgenommen. Der Artikel brachte die 2000 Stimmen, die bei dieser Gelegenheit für die Liste des „Misrachi" in Berlin abgegeben worden seien, in Verbindung mit den 2500 Stimmen, die die konservative Liste im Jahre 1926 bei den Berliner Repräseutantenwahlen erzielt habe. Der Autor kommt zu dem Schlüsse, daß die Hauptzahl der Anhänger der gesetzestreuen Richtung nicht bei der konservativen Partei zu suche» sei. Da die Ausstellung der konservativen Liste 1926 von unserem Verein ausgegangen war, hatten wir das Hamburger Blatt darauf aufmerksam gemacht, daß die angegtt»enen Ziffern vollkommen falsch seien. Zunächst hat die konservative Liste damals nicht 2500, sondern rund 3000 Stimmen auf sich vereinigt. Außerdem ist die Zahl der für den Misrachi in Berlin abgegebenen Stimmen nur 56 4, nicht 2000. Die letztere Ziffer repräsentiert die Stimmen? zahl, die der Misrachi in ganz Deutschland erhalten hat! Es liegt auf der Hand, daß die Schlußfolgerungen, zu deneu der Artikel kam, vollkommen hinfällig sind, da die statistische Unterlage eine derartig fehlerhafte ist. Selbstverständlich hat unser Verein, der nun einmal die gesetzestreue Richtung hier vertritt, ein lebhaftes Interesse an der Richtigstellung. Leider war die Redaktion des genannten Blattes, trotz unserer wiederholten Bemühungen, zu einer Richtigstellung nicht zu bewegen, angeblich, weil solche jetzt verspätet käme. Wir sind daher auf die Güte der anderen jüdischen Blätter angewiesen, um die Irreführung, die der genannte Attikel chervorgerufen hat, zu beseitigen. Wir hoffen, in dieser Hinsicht bei Ihrem geschätzten Blatte keine Fehlbitte zu tun, wenn wir um alsbaldige Veröffentlichung der vorstehenden Ausführungen ersuchen. Mit vorzüglicher Hochachtung Verein zur Erhaltung des überlieferten Judentums, i. A. L o e b, Vorsitzender. Aus der Bewegung Berlin. (Liberaler Verein, Bezirksgruppc Nord e n.) Unser Verein hatte am Dienstag, den 15. November, gemeinschaftlich mit dem Liberalen Synagogenverein Norden seinen ersten Gcmeindeabend, der trotz des schlechten Wetters einen über Erwarten großen Besuch aufloies. Es zechte sich, daß das allgemeine Interesse an unserer Vereinsarbeit in unserem Berliner Bezirk zunimmt. Der Vorsitzende der Bezirksgruppe, Herr Seminaroberlehrer Falkenüerg, gab seiner Freude hierüber Ausdruck und betonte, daß der Verein Norden auch im kommenden Winterhalbjahr unbeirrt auf dem bisher erfolgreich beschrittenen Weg fortschreiten würde, in seinem Kreise den für uns heutige Juden notwendigen Gemeinschaftsgeist zu pflegen. - Herr Rabbiner Dr. Lölvenstamm (Spandau) erfreute die Zuhörer durch seinen tiefdurchdachten Bortrag „Was gibt und empfängt der moderne Mensch im Gottesdienst?" Er stellte dabei den zur Teilnahme am Gottesdienst erforderlichen Idealismus dem. landläufigen Materialismus des modernen Menschen gegenüber und zeigte, auf welche Weise die Synthese zwischen beiden Lebensauffassungen gefunden werden muß. - Sodann berichtete Herr Rabbiner Dr. Salomonski über die Frankfurter Delegiertentaguug der Liberalen Bereinigung. Er betonte, daß alle noch so wohl gelungenen Reden, die in Frankfurt gehalten wurden, keine Hilfe bringen, wenn nicht die einzelnen Gruppen und Gemeinden sich zu tätiger Arbeit entschließen. — Beiden, mit starkem Beifall ausgenommenen Referaten schloß sich eine eingehende und sehr anregende Diskussion an. Den Beschluß des genußreichen Abends bildeten ernste und heitere Rezitationen des Herrn Paul Falkenberg, dessen sorgsam abgeivogene Auswahl des Stoffes und wirklich außergewöhnliche Bortragskunst die Zuhörer zu starkem Beisall hinriß. Liegkttz. (Liberaler Verein der Shnagogen-Gemeind« zu Liegnitz.) Am Montag, den 7. November, hatten wir die Freude, Fräulein Lotte Rosenthal vom Jli-Breslau wieder einmal als Rednerin bei uns begrüßen zu können. Sie ist uns von der letzten Delegierten-Tagung her noch in bester Erinnerung und verstand es auch diesmal wieder, die Hörer zu fesseln. Frl. R. sprach über ihre Reise nach Prag, welche sie im September ds. Js. in größerer Gesellschaft unter Führung von Professor Grotte-Vreslau unternommen hatte. — Ihre „Plaudereien über P r a g" waren ein großzügiger Ueberblick, eine wohl vorbereiteteanschauliche Schilderung der hervorragendsten Sehenswürdigkeiten und Kunstschätze dieser prächtigen alten Stadl, des „Märchens einer verlorenen Epoche", wie es die Rednerin nannte. Wir lernten aus einem Rundgang die schönsten alten Plätze und Kirchen der tschechoslowakischen Hauptstadt kennen, sahen das National-Museurp, den „Graben" und die herrliche Moldau, besichtigten eingehend das Rathaus mit der gotischen Erkerkapelle und dem „Grabmal des unbekannten Soldaten". Wir sahen weiter das Huß-Denkmal am Marktplatz, den Wallenstein-Palast, das Deutsche Theater, die Loretto-Kapelle, die Universität und den wunderschönen Dom (um nur die Hauptsachen zu nennen), bis wir endlich zur „Josephstadt", dem ehemaligen „Ghetto", gelangten. Vom Ghetto, der Synagoge und den alten Prager Juden und Sagen sprach die Rednerin mit ganz besonderer Liebe und Anteilnahme. Wir alle glaubten, die alte kleine Synagoge im gotischen Stil, den unterirdischen Betraum mit all den andächtigen Juden, die verborgenen Räume der Frauen, den Rabbi Löw und den Lehrer Hirschel leibhaftig vor uns zu sehen! Wir danken Lotte Rosenthal für diese Stunde der Andacht, die sie uns geschenkt hat und rufen ihr aus ausrichtigem Herzen „auf baldiges Wiedersehen" zu! 0er Marrane Von Julius Csermely. (Einzig autorisierte Uebersetzung aus dem Ungarischen von Maurus Mezei, Wien.) Es war in der Stadt Saragossa, vor mehr als dreihundert Jahren, als es in der Stadt keinen beliebteren und gcachteteren Menschen gab, als Manuel Alcala, den Astronomen. Man staunte über sein Wissen und achtete und ehrte ihn und obwohl er verhältnismäßig noch jung war, war sein Ruf auch schon in ferne Länder gedrungen. Jeder, der ihn kannte, war stolz auf ihn. Und eines traurigen Tages geschah es dennoch, daß bewaffnete Häscher bei ihm erschienen und ihn ohne viel Worte ins Gefängnis warfen. „Auf wessen Befehl?“ fragte Don Manuel Alcala und die Antwort darauf war: „Auf Befehl des General-Inquisitors.“ Da verabschiedete sich Don Manuel, der Gelehrte, von seinem treuen Diener und von seinem Hause, denn er wußte, daß er keines davon Wiedersehen wird. Von Frau und Kind brauchte er sich nicht zu verabschieden, da er keine besaß. Er lag mehrere Wochen im Kerker, tief unter der Erde, in einer fensterlosen Zelle, und als man dachte, daß er schon genügend gebrochen sei, brachte man ihn vor seine Richter. Fünf Männer in Kutten, mit über die Köpfe gezogenen Kapuzen: das waren die Richter des Gelehrten. „Es wird gegen dich die Klage erhoben“, begann der Vorsitzende seine Rede, „und wir haben auch Beweise dafür, daß du ein Marrane bist. Das heißt öffentlich ein Christ, aber insgeheim ein desto eiteriger Jude. Stimmt das, Don Manuel Alcala?“ Das Gesicht des Vorsitzenden bedeckte ein Kapuze, der Angeklagte erkannte aber dennoch, wer es ist. Der gefürchteteste Mann Saragossas, Don Zalemos, der General-Inquisitor. Denn über seine Stimme kann man nicht so wie über das Gesicht — eine Kapuze ziehen. „Stimmt das, Don Manuel Alcala?“ wiederholte der Vorsitzende die Frage und der Gelehrte erwiderte mit harter Stimme: „Ich leugne nicht, es ist wahr, ich bin ein Marrane.“ „Ein Glück, daß du bekannt hast, so entgehst du der Folterbank, Don Manugl. Aber dem Scheiterhaufen entgehst du nicht, nur wenn du... „Es ist überflüssig, daß du förtsetzest,“ bemerkte: der Angeklagte, ihm ins Wort fallend. „Ich kenne die Bedingung und ich erkläre, daß ich. mich davor nicht beuge. Nicht ich bin der erste und nicht ich werde der letzte sein, der für seinen Glauben sein Ldben opfert. Mein Glaube aber wurzelt nur in Ihm, dem Einzigen,, gelobt sei sein Name.“ „Führet ihn hinweg!“ rief der Vorsitzende. „Morgen um diese Zeit, genau in dieser Stunde, wirst du mit dein. Flammentode für deine Sünden büßen. Du hast noch eine Nacht,.überlege es dir....“ „Ich werde daran denken“, entgegnete Don Manuel. Alcala, „welch eine Glückseligkeit, ist es, für meinen Glauben den Märtyrertod zu erleiden. Mich schreckt kein Scheiterhaufen.“ In der Nacht, während er in seinem. Kerker auf der Erde saß, denn es gab in diesem weder einen Sessel noch eine Holzbank,. öffnete sich leise die Tür und ein Mann mit einer FackeL trat in die Zelle. Es war Miguel, y Garcia, Saragossas berühmter Arzt, der vertrauteste Freund des Gelehrten. „AU meine Mühe, dich vor dem. schrecklichsten Tode zu erretten, war vergebens“, sprach flüsternd Don Miguel y Garcia. „Der General-Inquisitor ist unbeugsam, du mußt sterben. Ich aber rette dich dennoch. Hier,, in dieser Kapsel befindet sich Gift,, nimm es ein und du entgehst dem schrecklichsten der Tode.“ So sprach und verschwand, auch schon der gute Freund, das Gift, das er mit sich gebracht hatte, blieb aber zurück. Don Manuel Alcala war Augenzeuge schon bei mehreren Verbrennungen, gewesen und er wußte daher,,daß dies tatsächlich der schrecklichste Tod ist. Die vier Hinrichtungsarten der Vorfahren: Skilo, Srepho, Heereg und. Chenek nennen den Verbrennungstod an zweiter Stelle, aber in Wirklichkeit ist dieser der schrecklichste. Wenn heimtückisch, die Flammen einhergekrochen,, kommen, wie sich reckende feurige Vipern: zuerst fallen sie über die Kleider des Menschen her, dann lecken sie mit ihren roten Zungen an der Haut; jetzt ziehen sich, die Feuerschlangen hämisch zurück,, um zu. sehen, wie sich dasy Gesicht des Angeklagten verzerrt und seine Augen nervortreten; wieder stürzen sie sich über ihn», zerbeißen ihn gleich an zehn Stellen und rösten ihn mit langsamer Wonne schwarz. Und der Leib bläht sich und das Menschenfleisch knistert, aber die Seele klammert sich noch lange und zähe an den Körper_ Don Manuel erschauerte. Er sah sich schon oben auf dem Scheiterhaufen, er fühlte schon den Biß der Feuerschlangen, er sah schon, wie sein Körper immer schwärzer wird und er fühlte den rauchigen,, bitterlichen Gestank seines eigenen Fleisches...und dort in der Hand hielt er das Gift...ein kurzer Entschluß und er entgeht all diesem! „Nein, nein! Es ist kein Kiddusch haschein« wenn ich für meinen Glauben so sterbe, daß ich Selbstmord begehe. Es gibt auch kein Beispiel dafür in der Geschichte der Vorfahren, daß auch nur ein einziger zu einer solchen Lösung gegriffen hätte. Sie bestiegen entschlossen den Scheiterhaufen und sie sangen einen Hymnus inmitten der tödlichen Qualen: Oknu leschabeach. “ Der Scheiterhaufen, der Scheiterhaufen! Die höllischen Qualen, der Schrecken, der Schrecken,, der Flammentod! Die bereits verscheuchten Gespenster kehrten wieder zurück und machten ihn verzweifeln, dann wieder lockten sie ihn: „Tue es!. Dort ist das Gift in deiner Hand» nimm es ein. Die Hälfte eines halben Augenblickes und es hat ohne Qualen erledigt, was der Scheiterhaufen nur nach langer Zeit erledigt, unter rasendsten Martern.“ Wie gesprächig und stark war doch die Verlockung. „Schema Jisroel!“ sprach seufzend der Gelehrte das Glaubensbekenntnis und schon berührte die Hand mit dem Gift seine Lippen, dann kam er aber zu sich und er schrak auf: „Selbstmord?!“ „Und wenn auch?“ flüsterte das Gift „Du gibst ja auch so dein Leben für deinen Glauben. Der Unterschied ist bloß der, daß du dich ohne Qualen von dem Leben trennst.“ „Erst recht nicht!“ rief Alcala. „Ohne Qualen soll ich mich vom Leben trennen? Nein, auch ich will mit dem Psalmenkönig sprechen: Aphophuni chewle mowes umcore scheol möcuoni! Die Schrecken des Todes haben mich umgeben und die Gespenster des Grabes haben mich erreicht!.... Und wenn sie mich Muskel für Muskel, Glied für Glied morden und mit den Skorpionen des Gehenna, auch dann nicht!“ „Der Scheiterhaufen, der Scheiterhaufen! Die sich schlängelnden Vipern, die einen langsamen Tod verursachenden, aus Flammen gewobenen Stacheln der Feuerskorpionen!“ Für einen Augenblick schreckten sie noch den Gelehrten, dann schlug etwas auf der Erde auf.... es war die Kapsel. Er warf sie fort und zertrat sie mit den Füßen. Und am nächsten Tag betrat er so mutig den Scheiterhaufen, als ginge er zu einer Verlobung oder zu einer Hochzeit und als die Flammenzungen schon an ihm zu lecken begannen, entströmten seinen Lippen voller Ueberzeugung die Worte: „Weerastich li leolom, weerastich li becedek... ich habe mich für ewig mit dir verlobt, du mein Gott, ich habe mich mit dir verlobt durch Recht und Urteil.“ Kalendarium f. die Zeit v. 20. b. 2S.11.1S27 Ro». 1927 Ctzefch«»» 5688 Sonntag 20 25. Montag 21 26. Dienstag ■ 22 27. Mittwoch 23 28. Donnerstag 24 29. Jom Kippur Koton Aislew 5688 Freitag 26 1. Rosch Chodesch Sonnabend 26 2. Wochenabschnitt: Tauldauh Hastarah: Maleachi Kap. 1,1—1,4; 2,1—7 Sabbat-Ausgang: 4.48 Uhr