Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 46 (18.11.1927)
- Date
- 1927-11-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Denn, noch einmal sei es betont, wir sind trotz Goethe nicht der Ansicht, daß Wissenschaft und Kunst die Religion ersetzen rönnen. Selbst ihre schönste Vereinigung vermag nicht das zu geben, was ein echter Gottesdienst schenkt. Ihn krönt ein Letztes. Und letzte Dinge sind unaussprechlich. Wenn unser Erkennen bis zur äußersten Grenze vorgedrungen ist, beginnt der schweigende ehrsürchtige Glaube. Wo jedes Wort zu schwach wird, auszudrücken, was die Seele bewegt, da setzen sich Sehnen und Gefühl in Tönen, Farben, Linien fort. Der wahre Künstler ist fromm und unsere tiefe Andacht verlangt nach hoher Kunst. Wiederholungen und Varianten im Pentateuch Bon Dr. Karl W e r t h e i m, Nürnberg. Aus einem babylonischen Relief sieht man den Gott Schamasch, der sein auf Stein geschriebenes Gesetz dem König Hammurabi übergibt. So deutet wenigstens Friedrich Delitzsch dieses Bitd. Mag nun diese Ausdeutung richtig sei» oder nicht, wie die Gegner von Delitzsch behaupten, auf alle Fälle haben die alten Gesetzgeber und Religionsstifter es für zweckmäßig gchalten, ihre Lehren mit dem Nimbus eines überirdischen Ursprunges zu umgeben. Nach dem Glauben der Muslims hat der Enget Gabriel ihre Bibel, den Koran, vom Himmel aus« die Erde gebracht. Noch heute gilt in weilen. Kreisen die jüdische und christliche Bibel für göttlich inspiriert und die „Thora Mosis" für ein unter unmittelbarer Assistenz der Gottheit von Moses geschriebenes Buch. Der Talmud spricht demjenigen die ewige Seligkeit („Anteil an der kommenden Welt") ab, der die Behauptung wagt, die Thora, ja selbst nur ein einziger Buchstabe darin, stamme nicht „aus dem Himmel". Dieser Satz zeigt, daß es schon vor 2000 Jahren Ungläubige gegeben hat. Die damals lederen jüdischen Denker in Alexandrien konnten es nicht fassen, daß der erste Teil des Mosesbuches gewöhnliche Familiengeschichten enthalten solle, wie solche von den Erzvätern und ihren Angehörigen erzählt werden. In ihrer Ratlosigkeit kamen sie auf den Ausweg, in diesen Erzählungen, nur Allegorien zu scheu, Bilder, hinter denen sich echische Wahrheiten verbergen sollen. Der klassische Philosoph! des Judentums im Mittelalter, Maimonides, stößt sich an den zahlreichen. Anthropomorphismen des Mosesbuches, d. h. an den Stellen, die Gott menschliche Eigenschaften und Formen beilegen, wie Zorn, Liebe, Haß, Reue, Schmerz, Hände, Füße, Sprache, Ortsveründerung usw., und sucht mit ihnen auf eine mehr oder minder gewaltsame Art fertig zu werden. Die Opfergesetzgebung, die doch so minutiös ist und so viele Seiten im Pentateiuch füllt, erklärt er kurzweg als eine Konzession der Gottheit an die religiösen Vorurteile des israelitischen Volkes. Eine Konzession der Gottheit — das klingt wahrlich sehr seltsam aus dem Munde eines Denkers, der den Satz aufgestellt hat, daß wir von Gott nur sagen können, was er nicht ist, nicht aber was er ist. Ein jüngerer Landsmann des Maimonides, Abraham ibn Esra (1032—1169), macht in seinem Bibeikommentar versteckte Andeutungen, die darauf hinauslausen, daß der Pentateuch nicht das Werk von Moses sein könne. Dieselbe Meinung verficht der in unseren Tagen wieder so gefeierte Denker Spinoza in seinem „theologischpolitischen Traktat". Um die Mitte des 18. Jahrhunderts kommt die literarische Kritik der Bibel allgemein in Fluß, namentlich durch die Tätigkeit protestantischer Universitätsprofessoren, während auf jüdischer Seite mit wenigen Ausnahmen Zurückhaltung geübt wird. Doch haben wir außer den gelehrten Schriften' von Geiger, Grätz u. a. eine die Berechtigung der Kritik durchaus anerkennende populäre und gut orientierende Schrift eines jüdischen Geistlichen aus neuerer Zeit. (Jacob, Die Thora Moses, in den „Volksschristen über die jüd. Religion", herausgegeben von I. Ziegler, Frankfurt 1913.) Tie moderne philologische Kritik des Pentateuchs leugnet nicht allein seinen überirdischen Ursprung, sondern auch seine Authentizität und Einheit. Mag einiges im Pentateuch immerhin auf Moses zurückgehen; so wie er sich uns präsentiert, ist er sicherlich nicht das Werk des großen Staatsmannes. Zeichen, die über die Zeit Moses hinausweisen, sind z. B. der Satz: Und das sind die Könige, die im Lande Edom regierten, ehe die Kinder Israel einen König hatten (1. B. M. 36, V. 31). Das kann Moses nicht geschrieben haben, da der erste König Saul hieß, der geraume Zeit nach Moses lebte. Wollte jemand hier den törichten Einwand machen, Moses habe eben hier vom göttlichen Geiste inspiriert künftige Dinge vorweggenommen, so wäre ihm zu erwidern: Wie konnte dann der Prophet Samuel das Verlangen des Volkes nach einem König als eine Sünde hinstellen? (1. Samuel, Kap. 8) Da hatte doch jeder aus dem Volke ihm nicht nur diese, sondern auch noch mehrere andere Stellen des Pentateuchs entgegenhalten können. So wird im 5. B. M. V. 17,11 fs. geradezu die Einsetzung des Königtums ins Auge gefaßt und sanktioniert. Ein weiterer Beweis: Der Erzvater. Abraham verfolgt die in Kanaan eingebrochenen Könige mit 318 eigenen Leuten bis Dan (1. B. M. 14, V. 14). Die Stadt Dan wurde aber erst in der Richterzeit so genannt; vorher hieß sie anders (Richter 18, 29). Ein dritter Beweis: Das erste Buch Samuel 9, 9 enthält die Notiz, daß man statt des damals üblichen Wortes nabi (Prophet) früher rveh (Seher) gesagt habe. Nun wendet der Pentateuch immer das Wort nabi anstatt roch, das man nach dieser Notiz erwarten sollte. Man kann ja gegen den 2. und 3. Beweis einwenden, die Späteren hatten eben die in chrer Zeit gebräuchlichen) Worte statt der veralteten eingesetzt. Aber hätte man das gewagt, wenn der Pentateuch einen solchen sacrosankten Charakter gehabt hätte, wie die Folgezeit behauptet? Diese Beweise für den nachmosaischen Ursprung mancher Stellen des Pentateuchs könnten noch vermehrt werden, aber wir wollen uns nicht länger bei diesem Punkte aushalten, sondern dazu übergehen, zu zeigen, daß an seiner Abfassung mehrere Autoren beteiligt gewesen sind, und zwar zu verschiedenen Zeiten. Diese Behauptung wird bewiesen durch die zahlreichen teils übereinstimmenden, teils sich widersprechenden Wiederholungen im pentateuchischen Text, Verschiedenheiten im Stil und Gebrauch der Worte. Im Rahmen dieses Aufsatzes können natürlich aus dem reichen Material nur wenige Fälle herausgehoben werden. Sehen wir uns gleich das erste Kapitel des ersten Buches Mosis an. Wir lassen die Einwendungen der Naturwissenschaft und des gesunden Menschenverstandes beiseite, fragen also-z. B. nicht, wie es dreimal Abend und dreimal Morgen werden konnte, da die Sonne doch erst am 4. Tag geschaffen wurde, sondern betrachten uns einmal den Stil der Dachellung. Sicher majestätisch. Wahr ist auch, daß diese Kosmogonie turmhoch über der babylonischen steht, auf die sie angeblich zurückgehen soll. Aber wie schablonenhaft Versammlungskalenoer Jüdische Reformgem-einde. Grmeindeabevd: Dienstag, den 22. November, abends 8 Uhr, im Logenhaus, Emfer Straße 13, Wilmersdorf. Thema: Das liberale Judentum in seiner religiösen und fulturcIUn Bedeutung. Redner: Herr Sanitatsrat Dr. Alfred Peyfer: „Gewolltes und Erreichtes". Frau Annie Hrinrichsdorfs: „Wie erfüllt unsere Reformgemeinde ihre Ausgabe?" Ansprache des Generalsekretärs -er Vereinigung für das liberale Judentum, Herr« George Evetz. Berlin-Nortxn. Liberale Synagoge Norden (im Auerbachschen Waisenhaus, Schönhauser Allee 162)': Freitag, de« 18. November, abends 7.15 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Rabbiner Dr. Salomonsli. Sonnabend, den 19. November, vormittags 1v Uhr, Gottesdienst. Breslau. Jüdisch-liberaler Jugendverein „Abraham Geiger". Vorsitzender: Rabb. Dr. Halpersohn, Breslau 13, Moritzstraßr 59. Montag, den 21. November, abends 8.15 Uhr, im Bereinslolal, Saal der Loge „Eerhart Hanptmann", Schweidnitzer Stadtgraben 9. Herr Religions'.ehrer Davids»!»» spricht über das Thema: „Aus jüdischer Geschichte". Gäste sind willkommen. Jli-Franlfurt o. M. Dienstag, 22. November, abends 8.45 Uhr pünktlich, Sitzungszimmer Synagoge Königsteiner Straße: Heimabend. Rechtsanwalt Dr. Phil. Rothbarth: „Betrachtungen zum jüdischen Liberalismus". Freitag, 25. November, abends 7.45 Uhr pünktlich: Nächster Freitagabendgottesdienst, anschließend Abendessen und Beisammensein. Anmeldungen zum Abendessen bis 22. ds. Mts. an Dr. Hossmann, Niedenan 37, erbeten. Außerdem die regelmäßigen Arbeitsgemeinschasten. Di« Vorbereitungen zum Großen Jli-Ball 1927, welcher am Sonntag, den 11. Dezember, abends 7 Uhr, in den Räumen der Frankfurt-Loge stattfindet, sind im vollsten Gange. Es sind Heberraschuugen für diesen Abend geplant, die alle Erwartungen übertreffen werden. Der Kartenverkauf hat bereits begonnen. ist diese Darstellung! Zehnmal heißt es: Und Gott sprach, sechsmal: Und es ward Abend und es ward Morgen.; ^siebenmal: Gott sah, daß das, was er gemacht hatte, gut war. Im 2. Kapitel, Vers 4 sf. begegnen wir einer anderen Auffassung von der Schöpfung. Das Sechstagewerk ist verschwunden. Die Erde ist nicht aus den Fluten des Urmeeres emporgestiegen, denn es muß erst regnen, ehe etwas wachsen kann. Der Mensch erscheint zuerst, aber zuerst der Mann, nicht wie in Kap. 1 Mann und Frau zugleich, dann die Pflanzenwelt, zuletzt kommen die Tiere. Das „Gewürm" und die „Kriechtiere" werden nicht besonders erwähnt. Zuletzt wird die Frau aus der Rippe des Mannes geschaffen. Der erste Darsteller weist dem Menschen die ganze Erde als Herrschaftsgebiet an; nach dem zweiten soll er sein ganzes Leben im Garten Eden verbringen und nur zur Strafe für seinen Ungehorsam wird er daraus vertrieben und muß nun sein Brot im Schweiße seines Angesichts essen, was offenbar die Darstellung im Kap. 1, Vers 28 als den von Anfang an von Gott gewollten Zustand ansieht. Es ist nach dem Vorstehenden wohl klar, daß in den zwei ersten Kapiteln der Genesis zwei veffchiÄene Schriftsteller znm Ware kommen. Auch sprachliche Unterschiede stützen diese Auffassung. A, wie wir den Verfasser von Genesis 1 — 2, Vers 4 nennen wollen, schreibt immer „Getier der Erde" (chajath haarez — Vers 24, 25, 30), während B, der Verfasser des 2. Berichts (Kap. 2 Vers 4 bis Kap. 4 einschließlich) „Getier des Feldes" (hajath hassadeh Kap. 2 Vers 19, 20, Kap. 3 Vers ll, 14) sagt.^ So redet er auch vom „Gewächs des Feldes" (Kap>. 2 V. 6), vom „Kraut des Feldes" (Kap. 3 V. 18) und gebraucht für Erdboden vorwiegend das Wort adamah, während A umgekehrt das Wort erez vorzieht. Am auffallendsten aber ist der Wechsel der Bezeichnung für Gott in den beiden Berichten. A schreibt durchweg Elohim, B mit 2 Ausnahmen Jhwh Elohim. In Kap. 2 und 3 kommt dieser zusammengesetzte Ausdruck nicht weniger als vierundzwanzigmal vor, dann im ganzen Pentateuch nur noch einmal (2. B. M. K. 9, B. 30) und außerdem in allen übrigen biblischen Büchern nur noch zehnmal. Nun lesen wir im 2. B. M. Kap. 6, B. 2, 3 folgendes: Gott redete mit Mose und sprach zu ihm: „Ich bin Jahweh. Ich bin Abraham, Jsak und Jakob erschienen als der allmächtige Gott (el schaddai), aber unter meinem Namen Jahweh bin ich ihnen nicht bekannt geworden." Im vollendeten Gegensatz zu diesen Worten findet sich schon vor Moses die Kenntnis und der Gebrauch des vierbuchstabigen Gottesnamens nicht nur bei den Patriarchen, sondern schon bei der ersten Menschenmutter. „Der Mensch erkannte Chawwah sein Weib und sie ward Mutter und gebar den Kain und sprach: Ich habe einen Mann erhalten mit Hilfe Jahwehs" (Kap. 4, B. 1). Enosch war ein Enkel des ersten Menschen, aber damals schon fing man an, den Namen Jahwehs anzurufen (K. 4, B. 28). Abraham baute Jahweh einen Altar und rief Jahwehs Namen an (Kap. 12, 7—8). Er baut ferner Jahweh einen Altar bei den Eichen von Mamrch in der Nahe von Hebron (13, 18) und verkündet in Beersebah den Namen Jahwehs, des ewigen Gottes (21, 34). Angesichts dieser Widersprüche hat nun schon im Jahre 1753 der französische Arzt Jean Astrue die Hypothese ausgestellt, daß in dem Pentateuch zwei Autoren zum Worte kämen: der Jahwist, der den vierbuchstabigen Gottesnamen ohne weiteres braucht, daneben auch Elohim, und der Elohist, der den Namen Jahweh zunächst vermeidet und ihn erst nach der Offenbarung im 2. Buch M. 4, 1 braucht. Diese Hypothese klingt sehr plausibel und hat zahlreiche Anhänger gefunden. Sie wurde der Ausgangspunkt für die Scheidung des Fünfbuches in einzelne Teil« oder Quellen. So reizvoll nun diese Beschäftigung sein mag, so schwierig gestaltet sie sich im einzelnen und es ist noch immer wahr, was einer der bedeutendsten Bibelforscher neuerer Zeiten, Eduard Reuß, in seiner Einleitung zum Pentateuch schreibt: Ungeachtet aller bereits gemachten Entdeckungen sind wir noch nicht am Ziele unserer Untersuchungen. Ja, wir müssen gestehen, daß, je weiter wir vorandringen, desto weniger Aussicht ist, ganz sichere Ergebnisse zu gewinnen (Das Alte Testament, 3. Band, S. 162). Das ist aber keine Bankerotterklärung der Wissenschaft, sondern nur ein ehrliches Eingeständnis, daß das Objekt ihrer Ausgabe ein sehr schwieriges, verwickeltes Problem darstellt. Das Pochen aus das alte Dogma nützt hier gar nichts. Wir wollen jetzt ein Beispiel für die Problematik des Pentateuchs anführen, das auch dem für je den Fortschritt Unzugänglichen zu denken geben muß. Jeder hat die 10 Gebote in der Schule gelernt, aber nicht jeder weiß, daß -außer dem gewöhnlich gelehrten Text derselben, der im 2. B. M. steht, es noch einen anderen Wortlaut im Deuteronomium (5. B. M.) gibt, der von dem ersteren abweicht. Im 2. B. M. beginnt das 4. Gebot über die Sabbatruhe mit dem Worte „gedenke", im 5. B. mit „hüte". Im 2. B. M. wird die Einsetzung des Sabbats mit dem Sechstastewerk der Schöpfung in Verbindung gebracht, im 5. mit der Sklaverei in Aegypten. Es sind hier — ganz im Einklang mit der sonstigen ethischen Einstellung des Deuteronomisten — soziale Gründe, aus welchen heraus die Institution des wöchentlichen Ruhetages geschaffen wird. „Hüte den Sabbattag ihn zu heiligen, wie Jahweh, dein Gott, dir befohlen hat. Sechs Tage magst du arbeiten und all deine Arbeit verrichten. Und der siebente Tag ist ein Ruhetag Jahweh deinem Gotte, du sollst keinerlei Arbeit verrichten, du und dein Sohn mrd deine Tochter und dein Knecht und deine Magd und deiu Ochs und dein Esel und all dein Vieh und der Fremde in deinen Toren, damit dein Knecht und deine Magd Ruhe haben wie du selbst. Und du sollst gedenken, daß du ein Knecht wäre st im Lande iWizraim und Jahweh, dein Gott, hat dich von dort heraus geführt mitstarker Hand und ausgestrecktem Arm. Darum hat Jahweh, dein Gott, dir geboten, den Sabbattag zu halten." Die gesperrt gedruckten Worte (mit Ausnahme des „darum") finden sich im 2. B. M. nicht. Auch das fünfte und zehnte Gebot weisen im Deuteronomium nicht unerhebliche Abweichungen auf. Nun ist doch hier von zwei Dingen nur eins möglich. Entweder stand aus den beiden, dem Moses Übergebenen Steintafeln mit den 10 Geboten der Text 1 (2. B. M.) oder der Text 2 (5. B. M.). Dann ist der eine echt, der andere aber nicht. Mit der Auskunft des Talmud, Gott habe das „gedenke" und „hüte" gleichzeitig ausgesprochen, ist, selbst wenn wir uns damit befreuiwen könnten, für den g e s ch r i e b e n e n Text nichts gewonnen, nichts für das erste Wort, noch wenige» für die weiteren gesperrt gedruckten Sätze, so wenig wie wir etwa die talmudische Erklärung annehmen können,'daß dadreimalige Vorkommen des Satzes „Du sollst das Zicklein nicht kochen in der Milch seiner Mutter" den Sinn habe, 1. das Kochen, 2. das Essen und 3. die Nutznießung z» verbieten. Denn wir glauben nicht, daß es die Absicht des mosaischen Gesetzes ist, Rätsel aufzngeben. Die Sache wird aber noch verwickelter, wenn wir finden, daß die 10 Gebote noch in einer dritten, total anderen Gestalt, auftreten, wie' die Bibelkrititer behaupten. Diese dritte Version soll sich im 2. B. M., Kap. 34, Vers 17—26 befinden. Sie beginnt: Gegossene Götter sollst du dir nicht machen und schließt mit dem schon oben angeführten Satz: Du sollst das Zicklein nicht kochen in der Milch seiner Mutter. Was diese Behauptung plausibel macht, ist der Umstand, daß Einkleidung und Schluß dieses Kapitels auf die 10 Gebote hindeuten. Kapitel 34, B. 1 heißt es: Und Jahweh sprach zu Moses: „Haue dir zwei steinerne Tafeln wie die ersten und ich will auf die Tafeln die Worte schreiben, die auf den ersten Tafeln waren, die du zerbrochen hast. Und sei bereit auf den Morgen und steige am Morgen auf den Berg Sinai und dort stelle dich vor mich auf den Gipfel des Berges." Moses tut so, dann erscheint ihm Gott und Moses erhält Vorschriften gegen den Götzendienst und gegen die Verbindung mit de« Kanaanitern, woran sich dann die oben erwähnten Gebote V. 17—26 schließen. Hierauf heißt es dann: „Und I. sagte zu M.: Schreibe dir diese Worte, denn auf Grund dieser Worte mache ich mit dir einen Bund und mit Israel. Und er war dort bei I. vierzig Tage und vierzig Nächte, er aß kein Brot und trank kein Wasser und schrieb auf die Tafeln die Worte des Bundes, die 10 W o r t e" (V. 27, 28). Diese Verse stehen in Widerspruch mit dem Anfang des Kapitels, wonach Gott auch die zweiten Tafeln selbst beschreiben will, wie auch das Deuteronomium den Vorgang darstellt (5. B. M. 10, 4). Außerdem liegt bei den Versen 17—26 eine Wiederholung von 2. B. M., Kap. 23, V. 12—19 vor. 'Das ist bei einer Nebmeinandcrstellung sofort ersichtlich. Dabei springt auch in die. Augen, daß der Halbvers: „Und sie sollen vor meinem Angesicht nicht leer erscheinen" in beiden Texten nicht an der richtigen Stelle steht. In Kap. 23 geht das Gebot des Mazzothfestes voraus, in Kap. 34 steht sogar vorher: ,Heden Erstgeborenen deiner Söhne sollst du auslösen." Seine naturgemäße Stellung wäre nach dem Satze: Dreimal im Jahre sollen alle deine männlichen Personen vor Gott erscheinen, der sich in beiden Tafeln befindet. In diesem Zusammenhang erscheint denn auch unser Halbvers wieder im 5. B. M. K. 16, V. 16. Es üst klar, daß beide Texte in Unordnung geraten sind und diese Tatsache verbunden mtt der Erscheinung, die hier und andersw» sich zeigt, daß bei der Wiedergabe von Stellen die biblischen Autoren mit großer Freiheit verfahren, wie oben an einem Beispiel ausführlich dargelegt worden ist, beweist schon allein, daß die Vorstellung von einer unaussprechlich heiligen, in jedem Worte unantastbaren, schriftlich fixierten Lehre nicht am Anfang der religiösen Geschichte Israels steht. Aus den Gemeinden Berlin. (Todesfall.) Bei Redaktionsschluß erfahren wir, daß Herr Albert Kellermann, der Chordirigent der Neuen Synagoge, am Bußtag Vormittag beim Straßenübcrgang am Zoo von einem Privatauto überfahren wurde und seinen schweren Verletzungen erlegen ist. Berlin. (Jubiläumsfeier.) Am 16. November, 6 Uhr abends, begann im Festsaal des Logenhauses Kleiststraße 10 die Feier des 25 jährigen Jubiläums der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums. Die jüdischen Gelehrten Berlins waren fast vollzählig erschienen. Außerdem sah man mehrere jüdische Gelehrte aus dem übrigen Deutschland. Auch die großen jüdischen Organisationen hatten Vertreter entsandt. Der Präsident der jubilierenden Gesellschaft, Herr Prof. Dr. M. Sobernheim, hieß die Mitglieder und Gäste herzlich willkommen. Cr begrüßte insbesondere die Vertreter der Landesverbände, der Gemeinden, der Grohlogen und der Rabbinerseminare und verlas ein Schreiben des Reichspräsidenten v. Hindeuburg, der der Gesellschaft seine herzlichen Glückwünsche zur Feier ausspricht und für die ihm übermittelte Ehrengabe, eine Luxusausgabe des Werkes „Jacob Abraham und Abraham Abramson 55 Jahre Berliner Medailleneunst 1755—1810" von Dr. Tassilo Hofsmann herzlich dankt. Ein zweites Exemplar der Luxusausgabe wurde dem Schützer der Wissenschaft, dem preußischen Kultusminister Prof. Dr. Becker, der als Orientalist der Gesellschaft verbunden ist, überreicht. Dr. Becker erwiderte purch ein herzliches Schreiben und sandte feine besten Wünsche für die Zukunft. Das dritte Exemplar überreichte Prof. Sobernheim unter lebhaftem Beifall der Versammelten an Professor Elbogen, der die Gesellschaft gefördect hat und der wissenschaftlichen Organisation derselben eine feste Stütze war. Der Vorsitzende verlas Begrüßungstelegramme und gedachte — während sich die Versammelten von den Sitzen erhoben — des verstorbenen Begründers der Gesell schüft, Rabb. Dr. Lucas, des Professors Martin Philipps»«, KarpeleS, Rabb. Blochz und Hermann Cohens. Er erwähnte auch die amerikanische wissenichastliche Nothilfe, die es der (Gesellschaft ermöglicht