Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 46 (18.11.1927)
- Date
- 1927-11-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Verschiedenheiten deuten auf eine Gesühlseinstellung der Musik gegenüber hin, die konträr dem biblischen Musikempfinden steht. Wiederum hat dies nichts zu tun mit einer Entwicklung oder einer Abwärtsneigung der Kunst; sondern es spricht von einem tiefen Wandel im reltgiöfeu Gefühl. Nur in diesem Zusammenhang wird im Talmud auch eine Anweisung über Gesang erklärlich: das Gebet am Freitag-Abend (brochos meen schewa) soll länger gesungen werden, damit den Zuspätkommenden Zeit gegeben fei, ihr Gebet zu beenden und sie dadurch aus der Gewalt des Todesengels errettet würden. - Hier wird der Gesang aus der Sphäre der Kunst herausgehoben zum Mittel eines weit abliegenden Zweckes. Dagegen glimmt noch der alte Funke in einer anderen Mahnung: wer die Schrift liest ohne Gesang, aus den gilt das Wort: „Ich gab ihnen Gesetze, die nicht gut waren!" Gewiß ist dieser erste einschneidende Warrdei im Musikempsinden des Juden geschichtlich zu erklären mit dem Hinweis aus die Ausbreitung der griechischen Musik in der dumaligen Zeit. Doch eine Kunst kann nicht sterben, sie kann sich wandeln, sie kann sich sogar den Umständen anpassen. Erst mit dem Aufblühen einer neuen Poesie tritt auch gefühlsmäßig ein Wandel ein. Der Gaon Sadja zieht die Musik wieder in den Kreis seiner Betrachtungen. Er betitelt zum ersten Male den Piut-Sänger als „Chasan", das ist der Weitsichtige, Heilbringende, der Künstler. - Überhaupt hat die arabische Kulturwelt gerade den Gesang der Juden stark beeinflußt. Der Araber sitzt in seiner Kapelle und liest mit der Jugend singend den Koran. So sitzt der Rabbi in der Lehrstnbe mit seinen Schülern und ein seltsamer Ton, hin und her schwingend, begleitet die Disputationen. Das ganze Mittelalter hindurch zieht das musikalische Empfinden des Juden feine Nahrung aus diesem Tropus, der sich in dem Vorlesen der heiligen Schriften kristallisiert hat. Auch die großen jüdischen Dichter werden davon inspiriert. So läßt Jehuda Halevy seinen Meister im Kusari urteilen: jede Strophe kennt ihre eigene Melodie, und nur die Seele des Singenden vermag zu übermitteln. Und der unruhige Dichtergeist Jbn Esras beschwört seine Schüler: dessen Erklärung nicht anzuhören, der nicht nach den Taamin, den melodischen Zeichen, erklärt. Man könnte dieses Ueberbleibsel einer großen Kunstauffassung mit der Mentalität des jüdischen Geisteslebens in Verbindung bringen, indem man beachtet, wie die früher so spontan wirkende Musikalität durch den Wandel im Empfindungsleben nur noch singulär in Erscheinung tritt. Aber die Musik, insbesondere die der damaligen Jahrhunderte, war eine Gemeinschaftskunst. Das Christentum hatte sie geradezu zum Anwerben der Massen eingerichtet: „Bestrickt das Volk durch den melodischen Zauber der Hymnen!" soll der Bischof von Mailand, der heilige Ambrosius, gesagt haben. Uiid heute weiß man sogar, daß diese Hymnen aus dem Erbe des Judentums stammen, daß die Psalmodien jüdische Frömmigkeit besungen haben und die HattÄujas das Loblied des Einig- Einzigen waren. Die enge Verschmelzung des ursprünglichen Cantus mit der kirchlichen Liturgie schufen erst im Wandel der Zeiten eine eigene Frömmigkeit und mit dieser eine andersgeartete neue Kunst. Wie sehr die Kirche an einer Distanzierung und einer Wandlung des musikalischen Empfindens arbeitete, zeigt die Heiligsprechung des dreiteiligen Taktes durch ein päpstliches Machtgebot um die Wende des 11. und 12. Jahrhunderts. In der Begründung dazu wird hervorgehoben, daß der dreiteilige Takt der einzig würdige sei, in welchem der dreieinige Gott besungen werden könne. Gibt sich der Urheber dieses Gebotes damit auch als Dilettant und Mystiker zu erkennen, so beweist das Gebot doch gerade, wie weit sich die Eingriffe der Kirche in die musikalischen Empfindungen der Gläubigen erstrecken. Daß die Juden einer derartig offiziös begründeten Kunst jegliche Gefolgschaft versagen werden, ist selbstverständlich. Und dennoch, wenn man so manche alte synagogale Melodie näher betrachtet, kann man scststellen, daß sie ganz im Sinne des kirchlichen Präzeptors ausgebaut ist. Also doch ein Plagiat aus der Kirche? Nein, es gibt auch dafür authentische Gegenbeweise. Wie wir oben Wandlungen im musikalischen Empsindungsleben des Juden dargelegt haben, so kennt auch die allgemeine Musik solche Metamorphosen. Besonders die Empfindung für Melodie und Harmonie hat sich von jeher leicht gewandelt. Das beste Beispiel geben die kirchlichen Gesänge selbst. Wer möchte sich etwa vermessen, dem Choral „O Haupt voll Blut und Wunden" einen erotischen Charakter beizulegen? Und doch klang die Melodie den Zeitgenossen, ihrem Urtexte gemäß, so sehr nach einem Liebeslrede, daß sie schon in dem „Lautenliederbuch eines Jenenser Studenten" sich variiert vorsindet. Biele andere kirchliche Melodien lassen sich noch zur Umdeutung vom Amurösen zum Religiösen heranziehen, die beweisen, daß die synagogale Linie nicht der Gefühlswelt des Kirchenliedes entsprossen ist. Denn die mittelalterliche Musik führte immer mehr zu einer scholastischen Kunst, die von der zur Gewohnheit gewordenen Verbindung von Geist und Gemalt getragen wurde. Kein Wunder, daß die Rabbinen jene Kunst bekämpften als eine Sentimentalität ohne Beziehung zum Judentum. Erst als die romantische Schwärmerei vorbei war, als die Idee der Freiheit des Individuums und seiner natürlichen Rechte zum Mittelpunkt des Denkens und Handelns geworden war, als die Musik aus der kirchlichen Atmosphäre sich herausgewunden hatte, Weltmusik geworden war, da öffneten auch die jüdischen Herzen sich wieder der musikalischen Kunst. Aber es zeigte sich bald, daß man nicht gewohnt war, dieses Neue mit dem religiösen Gefühl in Einklang zu bringen. Schon die erste Neuerung war ein gewaltiger Fehlgriff. Es war die Einführung des evangelischen Chorals in die Synagoge. Ludwig Philippson schrieb damals darüber, daß die Musik fremdem Boden entsprofsen, und der Choral in der Synagoge gar nicht Wurzel fassen will. Trotzdem versuchte man das l^periment weiter, bis ein Vorfall, der der Komik nicht entbehrt, es ad absurdum führte. In Frankfurt a. M. hatte der Lehrer Johlsohn ein Gesangbuch herausgegeben, worin die evangelischen Hymnen dahingehend abgeändert waren, daß man dre Stellen mit dem Namen Jesus in „Einziges" oder „Herr" übersetzte. An einer Stelle war aber das Wort ,Jesus" stehen geblieben und das jüdische Gebetbuch mit dem Gebet an Jesus führte zu einem Skandal. Damit hatten die jüdischen Empfindungen von neuem die Kirchenmusik als Andachtserweckung abgestoßen. Nur eine «ms 'jüdischem Grunde aufbauende musikalische Einfühlung konnte die Herzen der jüdischen Beter der Musik zuweuden. Und man darf wohl sagen, daß die neue Kunst in der Synagoge im letzten Jahrhundert alle Phasen hat durchmachen müssen, die die allgemeine Musik in Jahrhundertschritten durchlaufen hatte. Begreiflicherweise ist dieser Werdeprozeß immer noch nicht ganz zu Ende. Vielleicht liegt das daran, daß man, mit Hermann Cohen gesprochen, die ästhetisch pulsierenden Worte der hebräischen Sprache nicht immer genügend zu einer gesteigerten Wcrtbestimmung verschmolzen hatte. Sicher ist aber zu beobachten, daß in den letzten Jahrzehnten durch die Rückkehr zur hebräischen Gebetssprache ein Wandel im religiösen Musikempsinden sich vollzogen hat, der auch von der Seite, die der musikalischen Kunst in der Synagoge bisher fern stand, geteilt wird. kunstund religiöse Reformbewegung Von Sanitätsrat Dr. Alfred P e y s e r, Vorstandsmitglied der Jüdischen Resormgcmeinde zu Berlin. Jüngst war in den Tageszeitungen von den Fresken eines berühmten deutschen Malers die Rede und man wies darauf hin, es seien die ersten gewesen, die nach Jahrhunderten wieder eine protestantische Kirche geschmückt hätten. Eine nachdenksame Feststellung! Man möchte vom religiösen Kultus in Anlehnung an das bekannte Wort: „naturam expellas furca...." sagen: „artem expellas furca.!" Treibe die Kunst gewaltsam hinaus aus den Gotteshäusern, sie wird immer siegreich zurückkehren! Wir Juden konnten schon deswegen keine bilderstürmerische Epoche durchmachen, weil es grundsätzlich verboten war, Bild und Gleichnis anzubringen. Die bildende Kunst mußte sich also aus Architektur und, da aus verständlichen Gründen während des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit bei uns kaum jemals die Errichtung eines nach außen stolz repräsentierenden jüdischen Gotteshauses gewagt werden konnte, aus Innenarchitektur beschränken. Erst das letzte Jahrhundert hat zum Bau von auch äußerlich stattlichen Synagogen geführt, teils in orientalischen, teils in abendländischen Stilarten, ohne daß sich bisher eine sür die Eigenart jüdischer Gemeinden auf deutschem Boden besonders charakteristische Ausdrucksweise gesunden hätte. Berufeneren sei es überlassen, darzutuu, inwieweit die religiösen Vorschriften richtunggebend waren sür die Anordnung im Innern der Synagoge. Bekannt ist ja, daß die beiden großen Zweige des Judentums sich hier erkennbar unterscheiden und auch Sekten wie die Chassidim gewisse Aenderungen in Einzelheiten aus Gründen religiöser Auffassung und Schristauslegung Vornahmen. Ich will hier über Kunst und Religion nur vom Standpunkte des jüdischen Liberalismus in Deutschland sprechen, der seine konsequenteste Verwirklichung nach meinem Dafürhalten in der Jüdischen Reformgemeinde zu Berlin ge sunden hat. Nichts läge näher, als in Bezug aus die Beteiligung des künstlerischen Elementes am Gottesdienste Parallelen zwischen der christlichen Reformation und der jüdischen Resormbewegung zu ziehen, denn der Außenstehende ist geneigt, als Kennzeichen beider, hier dem Prunk des Katholizismus, dort dem jüdischen Zeremonialwesen gegenüber, eine gewisse puritanische N ü ch ternheit anzuseh n. Das ist aber nur zum Teil richtig. Die großen christlichen Reformatoren wandten sich bewußt, der eine mehr, der andere weniger, gegen die künstlerische Ausgestaltung des Gottesdienstes und Gotteshauses. Für die Vielznvielen, die \a immer nur das Augenfällige erkennen, mag die grau-nüchterne Uebermalung sres'kengeschmückter Kirchenwände, das Herausbrechen der farbigen Glassenster, die Entfernung von Bildern und Statuen der Heiligen wohl die Hauptsache gewesen sein, aber auch die Führer der Bewegungen, denen natürlich die innere Umwandlung das Wesentliche bedeutete, waren nicht geneigt, die äußere Vereinfachung als völlig nebensächlich anzusehen: sie bildete einen wichtigen Teil ihrer Lehrarten. Ganz anders unsere junge jüdische Reformbewegung, zu deren Verständnis man am besten gelangt, wenn man zu den Quellen hinabsteigt, die Schriften ihrer Vorläufer und Begründer studiert und sich etwa in den einen Jahrgang 1847 der Resormzcitung, der vorhanden ist, vertieft. Leidenschaftlich wird dafür gekämpft, den geistigen Gehalt der jüdischen Lehre der fortschreitenden Erkenntnis und dem veränderten Empfinden unserer Zeit anzupassen, manch alter Gebrauch als überlebt und formelhaft aufgegeben, aber nirgends der Versuch gemacht, etwa nach Art mancher Strömungen der Auskläruugsveriode die nüchterne Vernunft oder abstrakte Moral auf die Kanzel zu setzen und das, was das Leben verschönt, die Phantasie beflügelt, das Herz erhebt, aus Leben und Lehre zu verbannen. Im Gegenteil heißt es an einer Stelle (Nr. 2, S. 9 und 10, Skizze von Dr. Hold heim), nachdem von der Einheit und Geistigkeit Gottes als grundsätzlicher Anschauung der mosaischen Religion gesprochen worden und das Verbot von Bildern und Gleichnissen erwähnt worden ist: „Mit einem bild- und gestaltlosen, unsichtbaren, übersinnlichen, reingeistigen Gotte läßt sich aber auch nur auf eine unsichtbare, übersinnliche, rein geistige Weise in eine wahrhafte, d. h. unmittelbare Verbindung treten; niemals aber kann ein sichtbares Heiligtum, ein weibgeboren^r Mensch, ein sinnlicher Dienst eine re in geistige Verbindung mit Gott vermüteln. Wohl kann der Mensch, ein geistig sinnliches Wesen, durch Sinnlich- Aeußerliches geistig und innerlich angeregt werden, daß er seine reingeistige unmittelbare Verbindung 'mit Gott fühle oder anstrebe." Hier haben wir unser Thema; hier sehen wir es aus eine einfache und llare Formel gebracht! Wenn die schöne Gliederung und Ausgestaltung des Raumes den Besucher aus der Zwecknüchternheit des Tagestreibens heraushebt, Ihn in eine verinnerlichte, für zarte wie für gewaltige Eindrücke empfänglichere Stimmung versetzt, fo erfüllt die Baukunst ihre Ausgabe, mag nun der Mensch in den Dämmer eines Domes oder die freudige Helle des Gotteshauses unserer Gemeinde treten. Mit dem geistigen Gehalte der Religion sAbst, mit ihren ewigen Wahrheiten hat diese Beackerung des menschlichen Gemütes durch die Kunst nichts zu tun. — Einer unserer Herren Gegner, ein namhafter Vertreter der Berliner Orthodoxie, hat seiner Ansicht über die jüdische Resormgemeinde dahin Ausdruck gegeben, sür ihn sei sie gleichbedeutend mit einer „Gesellschaft für ethische Kultur", nicht aber könne er ihr den Charakter einer jüdischen Religionsgemeinde zubilligen. Bei dieser Kennzeichnung ist wohl beabsichtigt, daß der Hörer an Gesellschaften bekannter Art denken soll, die ihre Versammlungen nach üblichem Schema mit „Vortrag", „Aussprache" usw. abzuhalten pflegen, während doch das Charakteristikum der religiösen Gesellschaft ist, daß sie sich nicht allein an den klaren Verstand und an den guten Willen wendet, sondern bemüht ist, bei ihren gottesdienstlichen Zusammenkünften das Gemüt zu besonderer Weihe zu stimmen. Der verehrte. Herr Gegner möge sich beruhigen: Wir Reformer kommen durchaus nicht zusammen, um in mehr oder minder geistreicher Weise gewissermaßen über den lieben Gott zu kannegießern und vielleicht noch ein paar gute moralische Lehren mit nach Hause zu nehmen, sondern wir fühlen uns in gleicher Weise, wie das bei jedem echten Gottesdienst geschieht, zu Andacht, zu Hingebung, zu Inbrunst erhoben. Und wenn schon analysiert werden soll, was eigentlich nicht analysiert werden sollte, so ist es neben dem Gehobensein, das der Feiertag mit sich bringt, neben dem Bewußtsein des Ueber-dem-Alllag-Stehens, nicht zum mindesten die Kunst, die solche Stimmungen auslösen hilft. Nur unterscheiden wir uns in einem Punkte, der gleichfalls in den Neformschristen von vor 80 Jahren klar erkannt und mit der Selbstverständlichkeit echter innerer Ueberzengung ausgesprochen morden ist, von den Anhängern der alten Richtung. So bemerkt 'in* Anlehnung an A. Adler (Nr. 1 der Reformzeitung) Rebenstein: „Der Gegenwart allein, nicht der Archäologie, steht das Recht zu, ihrer Religion ihren Ausdruck zu geben." So wird auch uns Heutigen nur eine Jftimft Erhebung zu bringen vermögen, die zu uns als löhnen unserer Zeit unmittelbar zu fprcchen vermag, ohne daß wir nötig hätten, zu ihrem Verständnis erst Vorstudien zu machen oder für den Moment der Andacht gewisse innere Umstellungen vorzunehmen. Wir sind liberal uno deswegen nicht so lieblos, uns das Wort von der Archäologie anzueignen. Gibt es doch Fromme genug, die sich nur erhoben fühlen, wenn die synagogale Kunst ihnen TraditionS- und Erinnerungswerte vermittelt. Ebensowenig sind wir traditionslos und möchten z. B. auch im äußeren Schmuck unseres Gotteshauses weder den Thoraschrein noch die Nachbildung der ehrwürdigen Gesetzestafeln missen, die dem Abendlandc einst den Weg zu einer neuen Skttenlehre bahnten. Aber Kinder unserer Epoche mit ihrem besonderen Gefühlsgehalt, die wir nun einmal sind, können wir nicht jenen folgen, die, wie ein Berliner zionistischer Rechtsanwalt und Schriftsteller, durch den Reiz finsterer, baufälliger, schmutzstarrender Bethäuser des Ostens, die er im Kriege kennen lernte, ja durch die chaotische Ordnungslosigkeit des Getriebes in ihnen hingerissen, zu der Ueberzeugung gelangt sind, nur in solcher Umgebung könne ein Jude wirklich andächtig sein. Die Kunst, die uns höher zu stimmen vermag, muß im Rhythmus unserer heimatlichen Kultur schwingen mrd diese Kultur ist die deutsche. Deshalb wird der bildende Künstler als Zierrat unseres Gotteshauses zwar Motive aus großer jüdischer Vergangenheit verwenden, ausgestalten aber wird er sie in einer Weise, die uns jüdischen Deutschen etwas sagt. Würde er statt dessen einen für uns längst versunkenen Orient mit den Mitteln seiner Kunst um uns herum zu zaubern unternehmen, so stände zu befürchten, daß wir sein Kunstwerk zwar würdigten wie alles, was wirklich „gekonnt" ist, daß es unS aber fremdartig anmutete und vor allen Dingen nicht die Ausgabe erfüllte, mitzuarbeiten an der Anregung unseres Geistes und Gemütes und unserer Empsänglichmachung für die geistige Verbindung mit dem göttlichen Wesen in de« Stunden gottesdienstlicher Feier. Hoffentlich ist die Zeit nicht mehr zu fern, wo ein genialer Baumeister unseres Stammes und Glaubens, gleich erfüllt von Gottesbewußtsei» und Heimatsgefühl, uns mitten in das Getriebe der Hauptstadt ein solches Gotteshaus hineinbaut an Stelle des ehrwürdigen, aber ungünstig gelegenen jetzigen, das weder den künstlerischen noch sonstigen Ansprüchen vollauf genügt, wie sie die Resormgemeinde der Zukunst zu stellen berechtigt sein wird. Was aber von der bildenden Kunst gilt, das muß noch mehr von der ganz besonders als deutsch angesehenen Kunst gelten, wie sie in der M u s i k zu uns spricht. Man hat aus mannigfachen Stellen der Thora nachgewiesen, daß schon der Tempeldienst Gesang und Instrumentalmusik kannte. So handelt das fünfte Kapitel Amos von dem äußerlichen Gottesdienst in Betel, Dan und Gilgal und spricht dabei von Liedern und Psalterspiel. Der „Geschichte des Volkes Israel" von L. H e r z s e l d entnehme ich die Ansicht dieses Autors: „Was aber dort stattfand, dürfen wir unbedenklich auch in dem Jerusalemer Tempel voraussetze« und sogar für viel frühere Zeiten." Er erwähnt ferner nach Jesaias, daß der Vorabend der Festtage durch heilige Lieder eingeweiht wurde und daß König Hiskia Gesänge verfertigt und im Tempel abzusingen gelobt habe. Unsere Gelehrten auf theologischem Gebiete werden wahrscheinlich diese Beispiele mühelos zu vermehren in der Lage sein. Was würden uns aber diese musikalischen Darbietungen und Einflechtungen heute noch sagen, wenn wir Melodie und Instrumentation überkommen hätten? Hier liegt ein klarer Beweis vor, daß sich kein religiöser Kult dem Gesetz der Entwicklung entziehen kann und entziehen sollte. Nicht allein Welt geschichte beruht darauf, daß in der Welt immer Neues geschehen ist und geschieht, sondern auch Kunstgeschichte daraus, daß i» der Kunst immer wieder Neues entstand, bis schließlich da» ganz Alte wirklich nur noch eine Art „archäologischen" Wertes gehabt hat. Müßig wäre es, den längst zu unseren Gunsten entschiedenen Streu um Orgel und Chorgesang hier noch einmal aufzurollen. Es genügt, darauf hinzuweisen, daß wir Heuttgen uns einen Gottesdienst ohne schöne Musik kaum noch vorstellen können und daß auch hier das gilt, was ich vorhin von der bildenden Kunst behauptete: Je näher ihre Sprache unserem heimatlichen Knlturempfinden steht, ja erst wenn sie mit ihm identisch Mrd, desto nachhaltiger erhebt sie Herz und Gemüt. Darum lassen wir uns vom Brausen der Orgel durchzittern, vom Gesänge des Chores zur Weihe stimmen, vom Wohlklang der geschulten Menschenstimme rühren und darum singen wir als Gemeinde zu einem Texte, dessen Worte wir verstehen, ohne sie uns erst übersetzen zu müssen, das choralartige gemeinsarne Lied. In den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts hat man in anderen deutschen Städten, z. B. in Königsberg, bei den ersten Sonntagsgottesdiensten dazu noch Orchestermusik zu verwenden versucht. ~ Auch hier, in der Ausgestaltung des künstlerisch-musikalischen Anteils am Gottesdienste, liegt eine zu kunstsvolle Aufgabe. Die Einführung der neuen Liturgie, die Vermehrung unseres Chores, zu dessen Einschränkung hurte Kriegs- und Nachkriegszeiten zwangen, sind ein vielversprechender Anfang. Aber es muß unablässig aus diesem Gebiete weitergearbeitet werden. Schwierig ist oie Ausgabe, weil in einer Zeit, wo sich bereits am Ausgangstor der Gotteshäuser verschiedenster kultischer Färbung geschwätzige Kritik an Predigt und 'Prediger, Gesang und Sänger, Orgelspiel und Organisten breit zu machen liebt, gerade so, als verlasse man nicht einen Gottesdienst, sondern eine Theatervorstellung oder ein Konzert, alles vermieden werden muß, was diesem Gottesdienste seine weihevolle Eigenart nimmt und ihn mit eurer künstlerischen Unterhaltung, sei sic auch edler Art, aus gleiche Stufe stellt.