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Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-11-18 · 46 (18.11.1927) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
46 (18.11.1927)
Date
1927-11-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Jahrgang Kunst und Religion Die Bibel und künsierisches Empfinden Bon Toris Wittner. Man pflegt gemeinhin zu sagen, daß man sich auf die Bibel für und wider alle Truge zwischen Himmel und Erd« zu berufen vermöge, und daß es nichts gebe, was man nicht aus der Bibel heraus- oder in sie hineinlesen könne. Es kann daher auch nicht weiter wundernehmen, daß breite Volksschichten die Bibel als kun st feindliches Prinzip cruffassen, während andere hinwiederum gerade in der Bibel eine der st ärk st en Anregerinnen und Befruchterinnen wenigstens einiger Gattungen der schönen Künste erblicken. Die Partei der kunstfeindlichen Tendenz des Alten Testamentes stützt sich in erster Linie auf das strenge Verbot jeglicher baulichen Darstellung Gottes, das eine allgemeine Abneigung -egen malerische und skulpturelle Darstellungen züchtete und dergleichen Taten als freventlichen Götzenkult charakterisierte. Die leidenschaftlichen Kunstfreunde glaubten aus dem unerbittlichen, rein gedanklichen Gottesbegriff des Judentums, den: sein Gesetz verwehrte, sich auch nur eine bildliche Vorstellung seines Gottes zu machen, ein aprioristisches Gebot der Bild- »erachtung an sich ableiten zu sollen. Ihrer Meinung nach waren die Juden, die mit Treue auf dem Alten Testament süßten, ein Volk des Geistes, ein Volk ausschließlich kühler und reiner Abstraktion. Ter Begriff (und etwas anderes als einen kristallklaren Gottesbegriff kannte und duldete das Ulte Testament nicht) aber dünkte ihnen fast immer der Anschauung — der Grundlage aller Kunst — feind. Die Juden jedoch brachten höchste Ehrenopfer stets auf dem Altar des gedanklichen Begriffes dar und entfremdeten sich dadurch angeblich mehr und mehr der Form, der Quintessenz «Iler Kunst. In dieser Wertung des Begrifflichen im Gegensatz zum Formalen sollte auch der Grund für die verhältnismäßig -eringe Anzahl rein schöpferischer, besser gesagt, naiv formender Künstler unter den Juden liegen. Es läßt sich nun. bei objektiver Betrachtung, gewiß nicht leugnen, daß! sich unter den gesetzestreuen Juden, solange sie noch auf nationalem Boden weilten, allgemach eine Geringschätzung der Mehrheit für jeden einzelnen ergab, der sich etwa selbst zum Bild erniedrigte, d. h. seine eigene Person als Schaugegenständ ausstellte. Erst in der Diaspora, wo die Juden die ständig« Berührung mit anderen Völkern weder meiden konnten noch wollten, trat auch auf diesem Gebiet eine umstürzlerische Wandlung ein. Aber selbst, wenn wir uns bemühen, dem vermeintlichen Gegensatz zwischen der Bibel und künstlerischem Gefühl eine scheinbare Berechtigung zu unterstellen, so können wir selbst doch nicht umhin, die entgegengesetzte Hypothese »hne subjektive Voreingenommenheit, vielmehr lediglich aus innerster Uebeerzeugung mit guten Gründen zu vertreten. Wenn auch das Alte Testament seinen Anhängern persönlich eine gewisse Verachtung bildnerischer Künste eingeflößt haben mochte, so wurde dieses ausschließlich religiöse Gebot doch tausendfach wieder weltgemacht durch die unvergänglich enMotive, die eben die Bibel den bildenden Künstlern künftiger Jahrtausend« im Ueberfluß geschenkt hat. Es bedarf »ur eines ganz flüchtigen, jedem zugänglichen Ueberblicks, um zu erkennen, daß Malerei und Bildhauerei ohne eine indirekte Beeinflussung durch die Bibel um viele ihrer grandiosesten Stoffe und mithin ihrer großartigsten Meisterwerke armer wären. Braucht man wirklich erst an die impetuose Verkörperung des zürnenden oder trauernden Moses durch Michelangelo oder den Tavid des gleichen Meisters, geschweige Venn zahlreicher, dem Alten ebenso wie dem Neuen Testament entnommener Gestalten bei der Darstellung seines „Jüngsten Gerichtes" in der Sixtinischen Kapelle zu erinnern, braucht man primitive Fingerzeige zu erteilen auf die tausendfältigen Darstellungen, die sowohl die italienische wie die niederländische oder die spanische Kunst biblischen Motiven verdankt? Wer Hai jemals die Uffizien, den Palazzo Pitti zu Florenz, die Academia zu Venedig, die römischen Kirchen und Galerien, das Britische Museum in London, die Eremitage zu Petersburg, das Alte Museum von Berlin, das Wiener Museum, den Prado zu Madrid, und wie alle die anderen geheiligten Statten der bildenden Künste sonst noch heißen mögen, durchstreifen können, ohne sich vielhundertsaltiger.malerischer und plastischer Wiedergaben biblischer Gestalten, wie z. B. JosuaI. Jephta's Tochter, Bathsebas, Thamars, Ruths, der schönen Moabiteriu, Judiths und Holofernes', Daniels in der Löwengrube, Abrahams mit dem Messer, bereit, Jsaac zu opfern, der Königin Esther, Hamanns und Mardochais, Hiobs, Salomos und der Königin von Saba, ferner eindruc^vollev Verkörperungen der alttestamentarischen Propheten zu erinnern? Aber wohlverstanden: vorläufig haben wir nur von der indirekten Einwirkung der Bibel aus die Kunst gesprochen. Nicht weniger groß und bedeutsam indes ist die direkte Beziehung zwischen Bibel und künstlerischem Empfinden. Nur daß andere künstlerische Gebiete in Frage kommen, als gerade wie der bislang behandelten bildenden Künste. Wer aber vermöchte beispielsweise aus ehrlicher Ueberzeugung zu leugnen, daß schon das Alte Testament fast alle Grundformen der schönen Literatur — und zwar in einer inlkpmmensurablen Vollendung — offenbart? Lied, Novelle, Epos, Romanze sind in ihren reinen Urformen vorhanden. Siehe die Erzählung, die mählich dahinfließt, desgleichen die dramatisch bewegte Wiedergabe von Ereignissen und Gestalten, die bukolische Idylle, die zarteste Liebespoesie, die Spruchperle (heute würde man sie Aphorismus oder Epigramm nennen) und nicht zuletzt der gewaltig einherrauschende Sang der Propheten. Ter eigenartige Zauber aller orientalischen Dichtung leiht auch den poetischen Emanationen des Alten Testaments, die streng zu sichten und zu trennen sind nach ihrer ursprünglichen Entstehung kraft mündlicher Wiedergabe sowie einzelner oder vielfältiger Autoren, eine individuelle Schönheit, die zum Paradigma Jahrhunderte und Jahrtausende später entstandener Werke geworden ist. Ebenso wie das Alte Testament schon den Reiz der Alliteration kannte und gelegentlich zu benutzen wußte; ebenso schmückte es sich mit dem üppigen Sprachbrauch des Orients, ein und denselben Gedankengang in vielfältigen, immer von einander abweichenden Wendungen wieder kehren zu lassen. Der Gedanke der alten Römer, der in unseren Tagen zu einer snobistischen Ungezogenheit auszuarten trachtet, der Gedanke: „Variatio delectat" diente der Schöpferkraft des Alten Testaments als fundamentaler Lchrsatz. Gleichviel, wie die Bibelexegese den Sinn des Salomonischen Hohen Liedes deuten mag: vom rein künstlerischen Standpunkt aus kann es immer nur als eine Gipfelleistung farbentrunkener, glutvoller und dabei ebenso seelenzarter wie gedankentieser Dichtung angesehen werden. Ein Meisterwerk, das wie im luftleeren Raume stcht, weil seine Köstlichkeit weder Vergleich noch Maß kennt. Repräsentanten künftiger Jahrhunderte haben auf die mannigfachste Weise versucht, nicht allein das Hohelied zu übersetzen, sondern es nachznahmen, die einen in Prosa, die anderen in rythmisch gegliederten Versen. Vergeblich, kein Nachbild hat die Schönheit, die märchenhafte Süße des Originals zu erreichen vermocht. Und wo gibt es in den klassischen Literaturen aller Zeiten und Völler eine Novell« von der rührenden Anmut des Buches Ruth, ein dramatisch! belebtes Epos wie das Buch Hiob, Trauergesänge von der niederschmetternden, atempressenden Wucht der Klagelieder Jeremiäe? Und da wir uns ja nicht nur an den Kanon gehalten, sondern die Apokryphen mit einbezogen haben — ein so malerisch blendendes Gedicht wie das Buch Esther, Schauspiele kat exochen (die ja auch in späteren Zeitläuften hundertfältig dramatisiert worden sind) wie das Buch Judith oder die Bücher der Makkabäer? Ist es, angesichts dieser nur geringfügigen Beispiele, gewagt, zu behaupten, daß nicht nur fast alle Urformen, sondern auch fast alle Stoffe der schönen Literatur schon in der Bibel in höchster Vollendung zu finden sind? (Irgend ein Philologe oder Literaturhlistoriier hat, wenn wir nicht irren, die Zahl sämtlicher, in Dramen und Romanen immer wiederkehtrenden, weil einzig vorhandenen, Stoffe aus etwa zwölf beziffert. Es dürste ein Leichtes sein, diese Zahl auch! aus dem Konglomerat der biblischen Schriften, sofern sie gleichzeitig als dichterische Dokumente zu betrachten sind, hierauszudestillieren). Außer der Dichtung aber spielen noch! zwei Kunstgattungen in der Bibel nicht unerhebliche Rollen. Das sind Musik und Tanz. Von König David, der vor der Bundesläde einhertanzt, bis zu den wilden Rhythmen, die Krieg und Sieg brausend begleiten, von König Saut, ber den Knaben Tavid die Flöte spielen ließ, bis zu dem greisen König Tavid des Psalters und der Harfe, klingt und schwingt und singt eine hohe und edle Musikalität in dem Buch der Bücher. Tänzerische Freude und patWifche Nänien, strenge Metrik und liebliche Tonsymphonien wohnen in der Bibel sreundnachbarlich beieinander. Man kann demnach wohl mit Fug behaupten, daß die Bibel eines der ältesten und vorbildlichsten (wenn auch natürlich nicht einheitlichen) Kunstwerke der Welt darflellt, dessen Einfluß aufdas künstlerische Empfinden der Menschheit schlechthin unleugbar ist und an Tragweite und Umsang kaum ein Analogon kennen dürfte. Man kann ein sehr banales Exempel statuieren, indem man einmal eine längere Reise antritt ohne ein anderes Buch als die Bibel. Gezwungen, sich einzig in dieses Ewigkeitswert zu vertiefen, wird man sich keinen Augenblick langweilen, sondern vielmehr Ber wunderung und B e wunderung empfinden ob der tausendfältigen künstlerisch.en Anregungen, die man empfängt. Vom Wandel im religiösen Vlufikempfivden Bon Kantor Hugo Adler, Mannheim. Ein neuzeitlicher jüdischer Schriftsteller hat einmal die Musik als die zentrale Wesenstatsache der jüdischen Seele bezeichnet. Er hat dabei darauf hingewiesen, daß bei keinem der antiken Volker sich derartige musikalische Ausdrucksmittel vorsinden, wie bei den alten Hebräern. Die ersten Seiten der Bibel zeigen schon Beziehungen zur Musik: Enosch fängt an/seinen Gott zu besingen; Mahalalel nennt seinen Sohn Kenan „Lobsinger des Herrn", auf daß er sein ganzes Leben dem Gesang widme. Instrumente entstehen, werden beseelt von gottbegeisterten Menschen, Lieder und Gesänge erschallen, Massenchöre werden gebildet und berufsmäßige Musiker, ganze Sängerfamilien überwachen die Ausübung einer großangelegten musikalischen Kunst. Es soll aber hier nicht von der Geschichte der Musik im Judentum gesprochen werden, sondern es sollen die mannigfachen Wandlungen dieser urwüchsigen Kunstrichtung im Judentum aufgedeckt werden. Es ist doch eigentümlich, daß gerade diese eine Urwüchsigkeit im Laufe der Geschichte des Judentums verloren gegangen sein sollte, wo wir andererseits wissen, wie sehr unsere Ahnen bestrebt waren, das Beste des jüdischen Wissens uns zu überliefern. Ja es könnt? als eine Ausnahme erscheinen, die den Anschein erweckt, das Judentum hätte auch diese einzige so sehr verhätschelte Kunst wieder hergeben oder sich in diesem Puntte retrahieren müssen. Ein Einblick in diese Problemstellung darf nicht von der üblichen geschichtlichen Darstellungsart ausgehen, die von Entwicklungen spricht. Man kann auch nicht das Einfache als Vorläufer des Komplizierten, oder das Komplizierte als höherstehende Steigerung des Primitiven dabei hinstellen. Es muß vielmehr die Wertung vorausgesetzt werden, das künstlerische Können der Menschen früherer Jahrhunderte für mindestens ebenso hochstehend anzuschen wie das unsere, sowie wir etwa gewöhnt sind das geistige Gut der Alten besonders hoch zu achten. Dazu muß noch erwogen werden, daß es keine Kunst gibt, über deren Vergangenheit wir so unzureichend unterrichtet sind, wie über die der Musik. Das liegt schon in der Natur des Materials. Während die bildenden Künste in Stein, Leinwand und Farbe gestalten, die Dichtkunst die Gedanken schriftlich fixieren kann, ist der Stoff der Musik ungreifbar. Er entgeht der Vernunft, er scheint keine Beziehung zur Wirklichkeit zu haben. Und doch scheint es nur so. Denn von der Musik werden nur diejenigen irre geleitet, die sie nicht fühlen können. Das Judentum hat jedoch die Tatsache der Musikalität stets gefühlt. Sie ist ihm eine psychologische Notwendigkeit. — Rabb. Dr. Baeck hat einmal diesen Gedanken so dargestellt: der Verzicht auf die formende Kraft in der Kunst, auf Plastik und Malerei darf nicht als ein Nichtkönnen ausgelegt werden, sondern ist eher eine Askese, ein bewußtes Nichtwollen. Wie man um des einen Gottes willen, um des rein Geistigen, Gestaltnnd Bildlosen willen das Gebot „du sollst keine anderen Götter haben neben mir...." in sich ausgenommen hatte. — Darum ist nun gerade die Musik durch ihr vergeistigtes Material, durch ihre irrationale Gebundenheit an eine Sache, wie geschaffen für eine Gemeinschaft, die in solchen Grundsätzen lebt. Keine andere Kunst als die Musik könnte Künderin sein vom Innenleben dieses Volkes. Es ist aber ein großer Fehler, wenn man ohne weiteres von Musik jener Zeiten spricht. Wenn wir heute „Musik" sagen, so denken wir unwillkürlich an eine Musik als Selbstzweck, als Konzert, als Sinfonie oder sonstige Musikaufführung. Das ist eine Art der Musik, die sich aus der Gestaltung des neuzeitlichen Lebens ergibt. Für den Menschen früherer Zeiten war Musik dagegen nur in Verbindung mit anderem Geschehen vorstellbar. Beim Gottesdienst, zum Tanz oder zum Vortrag einer Dichtung. — In diesem Rahmen muß man sich auch die musikalische Kultur des Judentums denken. Dennoch besteht ein Unterschied in den erreichten Kulturgraden. Der Jude läßt sich nicht nur gefühlsmäßig von den Tönen mitreißen, er dringt auch zu den Mysterien der Kunst vor. Im Talmud werden zu den einzelnen Handlungen des Gottesdienstes genau die dazu benötigten Töne abgewogen. Es entsteht sogar eine Debatte über die Frage: ob beim Gottesdienst der Gesang oder die Instrumentalmusik das Wesentliche sei. Die eine Ansicht spricht der letzteren erhöhte Bedeutung zu, w'daucho es haschabbos, sie, die Instrumentalbegleitung, verdränge sogar dm Sabbat! Die andere Meinung stellt dagegm fest: nicht einmal der Gesang gehöre zur Opferhandlung, die Instrumentalbegleitung ser überhaupt eine Nebensache, die nur zur Hebung und Stärkung des Effekts herangezogen würde. — Diese Meinungs-

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