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Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-11-11 · 45 (11.11.1927) · page 4

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
45 (11.11.1927)
Date
1927-11-11
Page
– (sequence 4)
Language
German
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■bewr hier geschehe; beim am siebenten Tage sah er Borbeter im Totenhemd imd am achten beim fröhlichen Feste — Menschen, di« Totenllag« erhoben. Dann hörte er das Buch Aoheleth, das er verfaßt haben sollte, und er legte sich wieder und wieder die Frage vor, wie ist es möglich, ein Fest so zu wandeln. Bis er jemand fand, der ihm di« Erklärung gab: Die Juden seien durch Jahrhunderte geschritten und stets habe man sie geschlagen und getötet. Da habe sich denn der Sinn des Festes beinahe getvandelt. Und der weise Salomon erkannte, wie mächtig der Sinn und die Kraft de r Z e it« n s« i. Und schließlich wollte der kluge Rabbi Moses Jsserles ebenfalls die Erde besuchen. Und als er in den Gottestempel kam, da sah er zu seinem Entsetzen, daß die jüdischen Kleider verschwunden waren; und als er m ein jüdisches Haus kam, da sah er, daß man am Sabbat deutsche Zeitungen las und er sah jüdische Männer ohne Bärte und hörte Menschen streiten und er mußte erleben, daß sie einander drohten, vor deutschen Gerichten ihren Streit entscheiden zu lassen. Und als er in den Himmel zurückkehrtc, da wußte auch er, daß sich alles im Strom der Zeit ändert, daß aber unverändert nur di« Energie und der Wille bleibe. Was ist uns Juden aber religiöse Gemeinschaft? Ist uns die 'Religion nur ein Totenwagen? Kennen nicht viele Glaubensgenossen, denen das Judentum nichts während ihres kurzen Lebens war, nur noch eine Bindung, den Friedhof? Vielleicht ist aber die Religion der Krankenwagen, der hinter dem Heere der Kämpfenden herzieht? Verarmte Menschen, die nicht Schritt halten konnten, die am Wege hilflos liegen, die nimmt dieser Wagen auf? Gewiß! Aber die Religion will auch seelisch helfen; denn zu viele Menschen gehen durch das Leben, die niemanden haben, dem sie ihr Leid anvertrauen können. Wir sind eine soziale Gemeinschaft; aber wir sind noch mehr. Wir wollen nicht, daß im Mittelpunkt des Judentums der Friedhof und das Krankenhaus stehe. Wir wollen der Erntewagen sein, der Hochzeitstvagen, der die jungen Menschen zu Freud und Leid zusammenführt. Wir leben mitten im Geheimnis, die Erde unter uns und die Sterne über uns walten nach ewig rätselhaften Gesetzen. Unser eigen Leben, was hinter uns liegt, ist Traum, was vor uns dämmert, .Frag«. So bleiben wir die soziale Gemeinschaft, der ethische Bund, lassen uns tragen vom Strom des Lebens, in den Händen die Fackeln der Zukunft, in uns das ewige Geheimnis . . Gott. (Stürmischer, nicht endenwollender Beifall.) Dann ergriff Dr. John Wertheim (Berlin) das Wort. Der Redner verlangt anschließend an die eben gehörte Rede bei allem Respekt vor der Vergangenheit als Forderung einer anderen Zeit nochmals Reform, Reform, Reform! Die Zukunft der deutschen jüdischen Gemeinden hänge wesentlich davon ab, daß sie auch in Zukunft Gemeinschaft bleiben, die durch ein religiöses Band verbunden seien. Der religiösen Idee sei unter allen Umständen das Primat zuzuschreiben; jede andere Definition sei abzulehnen. Der Zionismus habe deshalb nichts mit der jüdischen Religion zu tun, aber alles in den letzten Jahren mit den jüdischen Gemeinden. Doch sei er sicher, daß in ein paar Jahren die englische Kolonie Palästina nur noch eine jüdisch-historische Reminiszenz sei. Der Traum der Gründung eines jüdischen Staates sei vorbei! Ob man in Palästina Juden ansiedeln wolle oder nicht, daß dürfe die Politik der jüdischen Gemeinden nicht tangieren. Aber Palästina ginge uns sehr wohl an, so weit es in Deutschland aufgerichtet werden solle. Di« Liberalen könnten erst dann ihre Kampfstellung endgültig aufgcben, wenn di« national-jüdische Partei ihre Entwurzlungstendenzen an den deutschen Staatsbürgern jüdischer Religion aufgäb«. Schon Humboldt habe mit Recht gesagt, kein anderes Gesetz werde di« Wünsche der Juden befriedigen, als ein Gesetz, das das Wort Jude nur noch in religiöser Beziehung kenne. Es lasse sich nichts unmittelbares dagegen sagen, wenn man versuche, in der Retorte der Weltgeschichte ein palästinensisches Volk in einer englischen Kolonie künstlich anzusiedeln. Aber mit Religion und mit Wohltätigkeit habe das nichts zu tun, denn wahre Wohltätigkeit beginne im Hause! Würde aber andere Politik getrieben werden, dann stände man in ein paar Jahrzehnten da, wo Moses Mendelssohn kämpfend vor rund 100 Jahren angesaugen habe. (Starker Beifall.) Mit Abschiedsworten von Sanitätsrat Dr. Ettlingcr fand die von Hunderten besuchte Versammlung ihren eindrucksvollen Abschluß. Liegvitz. (Liberaler Verein der Synagogen-Gemeinde zu Liegnitz.) Am Sonntag, den 23. Oktober, fand in der Silesia-Loge unser 1. Vortragsabend in diesem Semester statt, der glänzend besucht war. — Unser 1. Vorsitzender, Herr Dr. Scheyer, eröffnete den Abend und hieß Frau Paula Ollendorss-Breslau, unsere verehrte Rednerin, herzlich bei uns willkommen. „Judentum in Amerika", so hieß das Thema. Frau Ollendorfs schilderte uns in ihrer temperamentvollen Art mit begeisterten Worten ihre Reise über den Ozean, das Erlebnis des Meeres, ihre Ankunft in New-Hork und die überaus herzliche Ausnahme, welche ihr zuteil wurde! Der Unterschied zwischen Amerika und England, so sagte die Referentin, sei so groß als zwischen der neuen und alten Welt. Vor allem pries sie (als größte, ihr gewordene Ueberraschung!) den Idealismus der amerikanischen Juden!! Der Amerikaner ist Optimist, der keine Resignation kennt und in die Zukunft blickt! Der starke Wille zur Freude und zum Glück ist es, welcher das amerikanische Judentunt auszeichnet! — Die Verfassung der jüdischen Gemeinden ist demokratischer als bei uns. — Alles, der Bau einer Synagoge, der Religions-Unterricht usw. ist Privatsache. Der Staat gibt den Gemeinden nichts. Der Religionsunterricht in den Schulen wird von jüdischen Frauen erteilt, und zwar am Sonntag. Der Rabbiner ist unabhängiger als in Deutschland und nimmt eine andere soziale Stellung ein. Er ist ein aktueller Beamter und bleibt nicht bei dem stehen, was er vor 20 oder 30 Jahren gelernt hat. Absetzbarkeit der Beamten — auch des Rabbiners! -- Sehr schön erzählt Frau O. von dem Gottesdienst in Amerika. Keiner kommt zu spät. Keiner geht zu früh. Keiner bringt den Alltag mit hinein! — Den größten Eindruck machte das soziale Genie des Amerikaners auf die Rednerin, diese Selbstverständlichkeit, mit der ein Jude für den andern sorgt!! Soziale Fürsorge. Jüdisches Hospital, vorbildlich eingerichtet — (System der Zentralisation), wird von privater Seite erhalten. Ferner Waisenhaus mit 80 Kindern — alle haben ihre Musikinstrumente, man bereitet ihnen Freude, sie sollen keinen Augenblick das Gefühl der Verlassenheit haben! Ganz in der Nähe erhebt sich das Stadion für sportliche Uebungen. Das öffentliche Leben ist in den Hände» der Inden. Ueberall in Amerika herrscht höchste Zivilisation! Biel Kultur, aber eine jüdische Kultur, die aus der Freude einen starke» Faktor macht! Keine Wohnung in Amerika ohne Badezimmer. — Jeder, der in Amerika arbeiten will, findet auch Arbeit! Man muß jedoch gut englisch sprechen können und amerikanischer Bürger werden, um Fuß zu fassen. Di« Rednerin erzählte vom New-Dorker Ghetto, von der „Krankenschwestern-Schule" und der „Heimat für Einwanderer". Die Ankömmlinge erhalten in der von Lilian Wald eingerichteten Schule Unterricht in der englischen Sprache. Dieser wird von den schönsten jungen Mädchen erteilt. — Idealismus und Solidarität der Juden! — Innere Feinde des Judentums: Gesundbeterei und ethische Kultur. (Gründer Felix Adler.) Aeußere Feinde hot Amerika, d. h. die Juden, wie wir, nur nicht in dieser uniformierten Aufmachung und gemildert durch die große Berantwortlvchkeit. — Dagegen gibt es keinen gesellschaftlichen Verkehr zwischen Juden und Christen. Die Quäker sind Freunde der Juden und leben in Frieden mit'ihncn. Nathan Strauß-New-Dork und Julius Rosenwald-Chicago, Wohltäter der Menschen und stets willige Helfer von Lilian Wald. Noch vieles berichtete uns die verehrte Rednerin, doch es würde zu weit führen, hier alles anzuführen. Frau O. schloß mit den ermahnenden Worten: „Erziehen wir unsere Jugend zu schönerer und stärkerer Menschlichkeit." Der stürmische Beifall bewies, mit wie großem Interesse die zahlreich erschienenen Hörer, Vertreter der verschiedensten Richtungen, der Rednerin gefolgt waren. In der anschließenden Aussprache wurden noch manche Fragen gestellt, die Frau Ollendorfs bereitwilligst beantwortete. Der Vorsitzende Dr. Scheyer dankte ihr namens der Versammlung und sagte, es bedeute jedesmal ein Fest, wenn Frau Ollendorfs bei uns spricht. Zugleich gab er der Hoffnung Ausdruck, man möge bald wieder Gelegenheit finden, über jüdische Fragen Aussprachen herbeizuführen, in denen wir uns gegenseitig kennen lernen. Kalendariums, die Zeit v. 12. b. 19.11.1S27 9 ov. 1927 Cheschwan 5688 Sonnabend 12 17. Wochenabschnitt: Wajero Haftara: II. Könige 4,1-37 Sabbat-Ausgang: 5.04 Uhr Sonntag 13 18. Montag 14 19. Dienstag 15 20. Mittwoch 16 21. Donnerstag 17 22. Freitag 13 23. Sonnabend 19 24. Neumondweihe! Aochcnabschnitt: Chajje ssoro Haftara: I. Könige 1,1—31 Sabbat-Ausgang: 4.55 Uhr I Israelitischer Gottesdienst in Frankfurt/M. Liberaler Ritus: Hauptsynagoge. Freitag, den 11. 11., abds. 4.30 Uhr, Jugendgottesdienst Rabb. Dr. Lazarus. Sonnabend, den 12. 11., morg. 9, nachm. 4, Sabb.-Ausg. 5.35. Wochengottcsdienst: morg. 7.30, nachm. 4. Synagoge an der Königsteincr Straße. Freitag, den 11. 11., abds. 6.30, Predigt Rabb. Dr. Seligmann. Sonnabend, den 12. 11., morg. 9.30. Wochengottesdienst: morg. 7.30, alchs. 7. Konservativer Ritus: Synagoge am Börncplatz Freitag, den 11. 11., abds. 4.20, Vortrag des Herrn Emil Gottlieb. Sonnabend, den 12. 11., Frühgottesdienst 6.45, morg. 8.15, nachm. 4, Sabb.-Ausg. 5.35, nach Mincho: Vortrag des Herrn Rabb. Dr. Hosfmann für junge Leute: „Die Grundlehren des Judentums" im Anschluß an Maimonides. Wochengottcsdienst: morg. 6.40, nachm. 4.15. Sonntag, den 13. 11., 6 Uhr, Tehillim, Vortrag Dr. Hofsmann. Synagoge Vockenheim. Freitag, den 11. 11., abds. 4.20, Vortrag des Herrn Rabb. Dr. May. Sonnabend, den 12. 11, morg. 8.45, uachm. 4, Sabb.-Ausg. 5.35. Wochengottesdienst: morg. 6.45. Israel. Krankenhaus Gagcrnftr. 36. Freitag, den 11. 11., abds. 4.20. Sonnabend, den 12. 11., morg. 8, nachm. 4. Verein für Feuerbestattung in Berlin von 1874, e. V. Kostenlose Feuerbestattung Annahme W 35, Lützowstraße 44, Tekphon: Lfitzow 960-61 und Charlottenburg, Kantstr. 154 a Ecke Fasanenstraße, Telephon: Steint latz 1835 Constawtin Brunner - Gemeinschaft Vorträge Montag, 14. November LOttO BPUIUIBP! Das Genie als verkanntes Genie. Montag, 21. November FPltZ BlflllKenfßKIHamlet. Montag, 28. November Emst LtldWlS PlnRBP! Verändertes Leben durch den geistigen Gedanken. Montag, 5. Dezember 680P96G06tZ!DasprophetischeGenie. Sämtliche Vorträge finden im Sozialpolitischen Saal des Reichswirtschaftsrates, Bellevuestr. 15 statt und beginnen pünktlich um 8 Uhr. An die Vorträge schliessen sich Erörterungen an. Hapten: für3jeden Vortrag”einzeln zu Mk. 1.50. für sämtl. Vorträge zusammen zu Mk. 4 — an der Abendkasse oder im Büro des Unterzeichneten. DP. 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