Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 44 (4.11.1927)
- Date
- 1927-11-04
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Mitteilungen der Arbeiksgemeinschafl jüdisch- * liberaler Zugendvereine Deutschland» * Jlf Monatliche Beilage zur Jüdisch liberale» Zeitung Verantwortlicher Schriftleiter: Ernst Heinrich Seligsoh«. Berlin-Grunewald. Douglasstraße ZS Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Edgar Friedmann hat aus beruflichen Gründen die Geschäftsführung der „Arge" niederlegen müssen. An seiner Stelle wird Werner Basch, Berlin-Schöneberg, Rosenheimerstraße 31, die Geschäfte der „Arge" führen. Sämtliche die „Arge" betreffenden Briefe sind an ihn zu richten. Da Hans Löwenberg infolge Uebersiedlung nach Hamburg die Schriftleitung der Jlibeilage aufgeben muß, sind alle Redaktionssendungen vorläufig an mich zu senden. Der erste Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft der Ilis. Ernst Heinrich Seligsohn, Berlin-Grunewald, Douglasstraße 30. Konfessionell — Interkonfessionell? Von Betty Markus. Seit langem ist mir ein schwerer Manuel in unseren jüdischen Jugendbünden bewußt geworden. Beobachtet man das außer-bündische Leben unserer Jugend, so trifft man, wie mir von Müttern und Lehrern oft oestätigt wird, immer wieder auf die gleiche Erscheinung: die engeren Freunde oder Freundinnen sind jüdisch, meist sogar Bundeskameraden; in den Unterrichtspausen sammelt sich hier jüdische Jugend, dort christliche; die Auseinandersetzung mit Jugendlichen anderer Konfessionen fehlt in erschreckendem Maße. Erschreckend darum, weil durch diese Lücke ein Fremdheitsgefühl auf beiden Seiten gepflanzt wird, das nicht da zu sein brauchte. Wer, wie manche von uns Aelteren, erfahren hat, daß es auch zwischen Jude und Christ ein Verstehen in letzten Dingen geben «kann, wenn nur jeder im anderen den Menschen sieht, der muß ernstlich auf Abhilfe sinnen, wie die jüdische Jugend vor der Isolierung dem Andersgläubigen gegenüber zu bewahren ist! Vielleicht arbeiten wir gerade dagegen, wenn wir sie in konfessionell-begrenzten Jugendgruppen Zusammenhalten; denn da diese Gruppen organisch wachsen und sich allmählich zu einer engen Gemeinschaft entwickeln, muß naturgemäß für den jungen Menschen vieles Schöne und Wertvolle seines Lebens dort seinen Ursprung nehmen. — Der Mangel scheint mir am größten bei den Jugendverbänden, die sich aus dem Bewußtsein ihres Jüdisch-Sei ns gebildet haben, seien sie nun national-jüdisch oder neutral. Sie setzen eine Wesensverschiedenheit gegenüber den übrigen Volksgenossen voraus, und werden darum eine Brücke zueinander nicht finden, weil sie gar nicht ernstlich gesucht wird. Wir aber, die wir die Bedeutung unseres Lebens nicht in unserem Jüdisch-Sein erschöpfen können, brauchen und wollen über das äußere Zusammenleben hinaus den wahren inneren Zusammenhang der Lebensgemeinschaft mit den Anderen. Ich glaube und habe es im Zusammentreffen mit christlichen Jugendlichen wieder und wieder erfahren, daß man am ehesten zu gegenseitigem Verstehen kommt aus der Grundlage der Religion. Ein religiöser Christ und ein religiöser Jude ehrfürchten Einer im Andern das gleiche grundlegende Gefühl; wirklich religiöse Menschen, auch wenn sie keiner Konfession angehören, fühlen sich im Allerletzten zueinandergehörig. Ich erkenne darum nur die jüdische Jugendgemeinschaft an, die den jungen Menschen in seiner Religion befestigen will. Wir religiöse Jugend suchen und finden in der Beschäftigung mit dem „Geformten" der jüdischen Religion den Anschluß au die Idee, die das Ewig-Maßgeberck>e für uns ist, der wir dienen wollen. Die Idee der jüdischen Religion aber weist uns hinaus über den nationalen Ursprung zu einer übernationalen Aufgabe: den Weg zum Andern einzuschlagen und uns im edelsten Menschentum mit ihm zu vereinigen. Ich glaube, es ist keine Anmaßung, wenn ich sage, daß wir im Jli immer in diesem Sinne arbeiten; theoretisch fühlt wohl auch unser jüngstes Mitglied ebenso. Aber wenn auch in unseren Jli-Gruppen der Witte zur Annäherung stärker ist als in mancher anderen jüdischen Jugendgemeinschaft, so sind doch auch unsere Mitglieder im wesentlichen auf den Umgang mit jüdischen Kameraden beschränkt, — Mir scheint, daß die Jli-Führer sich klar darüber werden müßten, daß unsere Jli-Arbeit nicht Selbstzweck sein darf, sondern daß sie nur Weg ist zum letzten Ziel der großen Gemeinschaft. Das Ersehnenswerte ist darum — so paradox es klingen mag —, daß wir die Ilis überwinden, um die größere Weite zu gewinnen! Vorläufig aber stehen wir vor der Frage: was können wir praktisch tun, um den ausschließlichen engeren Umgang mit Juden zu überwinden? Die sogenannte „Simultanschule" hat dafür auch kein Allheilmittel gegeben. Auch die christliche Jugend ist in Gruppen geteilt; ein Zueinanderkommen scheint schwer. — Ich meine, daß wir irgendwie den Anschluß an die Organisationen der Andersgläubigen suchen müßten. Alle konfessionellen Bünde müßten noch einmal interkonfessionell zusammengeschlossen und daun interkonfessionelle Gruppen gebildet werden (etwa nach Stadtgegenden), die gemeinsam arbeiten, wandern, feiern. Vielleicht wird man sagen, der Anfang darf nicht von uns Juden, die wir in der Minderheit sind, gemacht werden. Aber selbst aus die Gefahr der Absage hin sollten wir den Anderen zuerst die Hand zum Bunde reichen; sonst wird der Anfang nie gemacht! Die Areilag-Abend-Feierslunden des Jli-Arankfurk Von Hermann G enger. Lange war im Rahmen der Heimabende über die Frage der religiösen Feierstunden referiert und diskutiert worden, bis man sich endlich über die Form derselben Klarheit verschaffen konnte. Run hat kürzlich die jüdisch-liberale Jugendgemeinschaft den ersten Versuch einer religiösen Feierstunde an einem Freitag-Abend gemacht, der bei allen Mitgliedern und Freunden tiefsten Eindruck hinterlassen hat. Abgesehen von dem unentbehrlichen Stamm der hebräischen Gebete: Lecho daudi, Borchu, Schema und Kiddusch, herrscht der Grundsatz, die meist sonst kurzen deutschen Gebete, Psalmen und Musikstücke (Händel, Mendelssohn usw.) jeweils wechseln zu lassen. Hinzu kommt noch eine stille * Das Ili-Programm ★ Jki'BerNn. 1. Vorsitzender: Hans Roseuberger, Steglitz, Feiedrichsruher Straß« 56. Donnerstag, den 10. November, Rosenstraße 2.«, abends 8 Ahr: Heinz Ketteemam». „Die Frage »ach der göttlichen Gerechtigkeit". Die Heimabende und Wanderungen »erden in den Gruppe« de» kanntgegebe«. I» „Mucham Seiger", Breskrm. Vorsitzender: Rabbiner Dr. Halpersvhn, Vreslau 13, Moritz» ftraße 50. Vriefadrefse: Alfred Berger, Vreslau 13, Augustastreße 67. Fernsprecher: Stephan 37 754. Ansere Lereivsabende finde» aUwöcheuttich Montag, abend» 8.15 Uhr, im Saale der Loge „Serhart Hanptmaun", Schmeiduiher Stadtgraben 9, I, statt. «rbeitrpla» für de« Monat Rooember. Am 7. Rooember: Herr Religionsleheer Davidsohn spricht über das Thema: Aus jüdischer Geschichte. Am 14. Rooember: Vortrag der Herrn Dr. Loe»ifohn: „Seelen« Wanderung". Am 18. Rooember, abends 8.15 Uhr, bei Herr« Erich Koe«igs« berger, Kaiser Wilhelmstraße 27: Gemeinsame Freitag«Abend«Feier. Ansprache: Herr Rabbiner Dr. Halperfvh«. «esaug: Herr Kantor Wartenbergee. Am 21. Rooember: Herr Religionsleheer Davidsohn spricht über das Thema: Ans jüdischer Geschichte. Am 28. Rovemder: Vortrag der Hern» Dr- Erich Breslauer: Liblisch-talmudische Lorschriste« im Lichte moderner Hygiene. Air bitte« am rege Beteiligung bei alle« Beranstaltunge« und um Einführung von SSsteu. Jtt-Frankfurt a. M. Voranzeige: Großer I l i - B a l l! Sonnlag, de« 11. Dezember, abends 7 Uhr, in sämtlichen Räumen der Franksuttloge. Jli-Fumkfmt a. M. Heimabende: abends 8.45 Ahr, Sitzungszimmer der Syuagvge Königsteiner Straße. Dienstag, 8. Rooember: „Aus jüdische« Dichtungen" (Frau Selma Eisemanu). Dienstag, 22. Rooember: „Betrachtungen zum jüdischen Liberalismus" (Herr Dr. Rothacthj. Arbeitsgemeinschaften: Montag, abends 8.30 Ahr, Bockeuheimer Anlage 49, 14 tägig, ab 12. September: „Judentum und Christeutum" (Frau Dr. Edinger). Montag, abends 8.30 Uhr, Riedenau 37, 14 tägig, ab 12. September: „Aus jüdischer Geschichte" (Herr Rabb. Dr. Gvttschalk). Sonnabend, abends 8 Uhr, Bockenheimer Anlage 49, 8 tägig, ab 15. Oktober: „Geschichte des Sozialismus" (Herr Dr. Ebing er). Donnerstag, abe«ds 8.15 Ahr, Malzimmer Synagoge Königsteiner Straße, 14 tägig, ab 27. Oktober: „Religionsphitosophie" (Herr Rabb. Dr. Seligmann). Donnerstag, abends 8.15 Uhr, Malzimmrr Synagoge KSnigsteiurr Straße, 14 tägig, a b 3. November: „Ausgemählte Stelle« der heilige« Schrift, Lese« und Erklärungen" (Herr Rabb. Dr. Seligmann). Zvgeubgrupp«: Jeden Sonnabend-Nachmittag um 5 Uhr. Auskunft durch Frau Rose Hossmauu, Riedenau 37. Wanderuugeu: Auskunft durch Werver Hochheimer, Fürstenberger Straße 169, Tel. R. 6288. Jli-Magdeburs „Heimat". Dienstag, den 15. November, Vortrag »o« Ludwig Lewin: „Aus der Praris der Jkiarbeit". Andacht mit Harmoniumspiel, ohne vorgeschriebenes Gebet (!!) und die Ansprache eines Laien. Schon hieraus ist deutlich zu erkennen, daß diese Feierstunde nicht als Gottesdienst angesehen werden will und sott. Manche Mitglieder des Jli hatten den Drang, sich von der starren Form des Gebetbuchgottesdienstes zu lösen, so beten zu können, wie es das Herz will und nicht das vorgedruckte Wort. Andere wollten untereinander für sich beten, Erhebung, Erbauung finden, wieder andere hielten solche Feierstunden zum Heranziehen der zahlreichen indifferenten Jugend für nützlich, nötig. Alle Mitglieder vereinigten sich jedenfalls in der Freitag-Abend-Feierstunde, in der sie wirklich alles fanden, was sie suchten: Hebräische Gesänge, Deutsche Gebete, Stille freie Andacht, ernste Musik, Laienansprache, Vorlesen von Psalmen — jeder konnte nach seiner Art beten, jeder konnte Erbauung finden durch die individuelle Einstellung der Feierstunde. Vorerst können diese religiösen Feierstunden nur im Nebensaal der Synagoge Königsteiner Straße stattfinden, und es ist zu hoffen, daß dieser dafür weiterhin zur Verfügung gestellt wird. Der Jli hat nach langer Vorarbeit endlich Mut bewiesen, der bei jedem Fortschritt nottut. Er hat die heftigsten Widerstände überwinden müssen und hofft sich wenigstens in den Reihen des Liberalismus durch seinen religiösen, wahrhaft liberalen Willen in den weiter bestehenden Freitag-Abend- Feierstunden durchsetzen zu können. Aus der Ili-Arbeit Jki-Berlini. In der Gruppe Norden hatten wir 4 Heimabende. Auf unferm 1. sprachen wir über Sozialismus. Wir erklärten uns das Märchen dieser Partei. Verglichen hierbei immer den Kommunismus mit dem Sozialismus. Es wurde in unserer Debatte besonders betont, daß der Sozialismus nicht, wie man heut' zum größten Teil annimmt, von den arbeitenden und unterdrückten Klassen ausgegangen sei. Wir griffen hierbei sehr weit in der Geschichte, bis zu den Propheten des alten Testaments zurück. Den 2. Heimabend verbrachte auch die Nordengruppe mit der Frage: „Was unterscheidet das Judentum vom Christentum?" Hier nahm die Diskussion eine ganz andere Richtung als in Potsdam. Wir sprachen nämlich bald nur noch von der messianischen Idee. Es wurden die verschiedensten Meinungen ausgesprochen. 1. Der Messias müsse in einem übermenschlichen Wesen erscheinen. 2. Es wäre dumm, den Messias herbeizuwünschen, da mit ihm der Untergang der Menschheit nahe. Denn eS könnten sich unmöglich alle Böller einigen und dauernden Frieden halten. Wäre dies schon der Fall, so fehle dem Menschen wieder sein Ideal. Und ohne Ideal würden die Menschen sehr bald ihre Lebenssähigkeiten verliere«. Also bestätige dies den Untergang der Menschheit. 3. Der Messias wäre als eine Zeit zu betrachten. Die Zeit des ewigen Friedens unter den Böllern würde mit ihm kommen. Jeder Mensch könne seinen Neigungen nach leben. Ts könne dabei noch immer einen Gedanken und Meinungsaustausch geben. Also wäre dies kein« langweilige, geistlose Zeit. Auf dem 3. Heimabend lasen wir einige Märchen und Gedichte in Prosa von Oskar Wilde. Zu Anfang des Abends sprachen wir kurz und allgemein über Märchen und ihre Entstehung. Den 4. Heimabend beschäftigten wir uns ziemlich ausführlich mit einigen Sprüchen der Bäter. Hanna Jarecki. JN-Berlin«. Unsere Wanderungen, die einen nicht zu unterschätzenden Bestandteil der Jli-Tätigkeit bilden, sind in diesem Sommer nicht so regelmäßig durchgeführt worden, wie wir es in den Borjahren gewohnt waren. So können wir auf die Wandersaison in diesem Sommer weniger erfolgreich zurückblicken, was auf die Ungunst des Wetters, mehrfache Verhinderung der Führer und schwächere Beteiligung der Mitglieder zurückzuführen ist. Um jedoch das schöne Herbstwetter noch recht auszunutzen, veranstalteten wir am Sonntag, den 9. Oktober, unter Führung von Werner Basch, für die westlichen Gruppen «ine Tagessahrt, die das Löcknitztal und die See« hinter Erkner zum Ziel hatte. Bon unserm Ausgangspunkt Erkner wandelten wir bei hervorragendem Wetter und guter Stimmung in das von den Berlinern so viel gepriesene (romantische!) Löcknitztal, um dann durch mehr oder minder reizvolle Gegenden über Grünheide—Alt Buchhorst zum Möllensee zu gelangen. Nach einer zweistündigen Mittagsrast an diesem herrlichen See ging es dann zum Bhf. Fangschleuse zurück, um bei Eintritt der Dunkelheit und Kühle wieder im Zuge nach Berlin zurückgebracht zu werden. Wir alle dürften di« Befriedigung haben, wieder einmal mit dem Jli einen schönen Erholungstag in der Natur hinter uns zu haben. Uelbrigens wies die Beteiligung diesmal eine lange ungewohnt hohe Zahl von Mitgliedern ans. Falls das Wetter günstig ist, veranstalte ich Ende Oktober oder Anfang November noch eine Tagessahrt in die nähere Umgebung. Werner Basch. Jkt ..Abraham Geiger", Breslau. Am 24. Oktober ecöffneten wir unser diesjähriges Wintersemester im Saale der Loge „Gerhart Hauptmann", deren schöne Räume nun unser ständiges Bereinslokal sind. Unser Vorsitzender, Herr Rabbiner Dr. Halpersohn, entbot den anwesenden Mitgliedern und Freunden einen herzlichen Willkommengruß und gab ein kurzes Bild unserer Sommertätigkeit mit besonderem Dank an Ludwig Freund für die treue Führung bei allen Ausflügen und Wanderungen. Der Herr Vorsitzende berichtete weiter von den umfangreichen Arbeite« des Vorstandes und des Arbeitsausschusses, dem die praktische Durchführung des Arbeitsprogrrmms übertragen wurde. Worte dankbarer Erinnerung für die im Laufe des Sommers uns durch den Tod entrissenen langjährigen Mitglieder Adolf Lewin und Oberschwester Landsberger beschlossen den Bericht. Der Herr Vorsitzende übergibt nun die Leitung der Versammlung Herrn Rechtsanwalt Spitz und ergreift das Wort zu dem angekündigten, Vortrag: Warum jüdisch und liberal? Herr Rabbiner Dr. Halpersohn führte aus: Ma« könnte sich die Antwort leicht machen, wenn man sagen würde, wir sind liberal, weil wir nicht orthodox oder zionistisch sind. Selbste verständlich bekennen wir uns freudig zum Judentum. Wir sind nicht orthodox, weil wir orthodox nicht sein können. Wir habe« große Achtung vor den ehrlichen Orthodoxen, aber wir glauben a« das Gesetz der Entwicklung. Wir lehnen alle Bestrebungen ab, die den religiösen Charakter des Judentums verleugnen und in Verkennung seiner Geschichte und ihrer Lehren es aus eine rein nationale Basis stellen wollen. Wir wollen nicht tatenlos Zusehen, wie die Zukunft des Judentum durch das Berhalteu gewisser Kreise der Orthodoxie gefährdet wird. Wir sind jüdisch und liberal, weil das Judentum in der Vergangenheit liberal war, in der Gegenwart zum größten Teile liberal ist und in der Zukunft liberal sei« wird oder nicht sein wird. Gegen das liberale Judentum wird der Borwurf erhoben, es lehre zuviel Philosophie und zu wenig Religion, aus diesem Grunde habe es die Masse« nicht zu gewinnen vermocht. Ohne zu diesem Vorwurf im einzelnen Stellung zu nehmen, solle man doch aus ihm für die Zukunft lernen. Wir wollen Pietät üben. Die Orthodoxie glaubt an die Göttlichkeit der Thora, der Liberalismus glaubt nur an die Offenbarung am Sinai als Geburtsstätte und -Stunde der jüdischen Religion. Eine Zeremonie hat nach liberaler Auffassung nur dann Wert, wenn sie den Menschen sittlich erhebt. Die Propheten lehrten nicht nur die Religion, sie lebten sie auch: sie waren liberal. Wer in der Vergangenheit wurzelt, in der Gegenwart arbeiten und für die Zukunft schassen will, der komme zu uns, denn der ist jüdisch und liberal. Langanhaltender Beifall lohnte die klaren, überzeugungstreuen, oft von Humor geivürzten Ausführungen unseres verehrten Herrn Vorsitzenden, der alle Anwesenden treffend von der Notwendigkeit unserer Idee überzeugt hatte. Herr Rechtsanwalt Spitz bittet dem warmen Dank durch eine rege Anssprache besonderen Ausdruck zu geben. Alfred Berger richtet verbunden mit warmen Worten des Gedenkens an unsere Mitbegründer Kurt Fabisch und Walter Cohn einen mit lautem Beifall aufgenommenen Appell an alle zu regster Mitarbeit im Sinne der Ausführungen des Herrn Vortragenden. Herr Wolssohn meint treffend: Wir haben das Judentum ererbt. Die Emanzipation hat den Abfall vieler Juden verhindert. Herr Gerechter wünscht Auskunft über die liberale Erziehung der Jugend. Herr Dr. Frankeustein stellt mit Freuden das immer wachsende Interesse der Jugend an jüdischen Fragen fest und sieht darin einen Erfolg der liberalen Erziehung. Herr Vulkan möchte durch das liberale Judentum den Religionsunterricht ausgestaltet und die Befreiung jüdischer Schüler vom Religionsunterricht verhindert sehen. Frl. Kate Fuchs möchte wissen, ob der Jli den Zionismus bekämpft oder ablehut. Herr Sachs glaubt, daß man die Geburtsstunde der jüdischen Religion am Sinai vom liberalen Stairdpunkt aus nicht als Offenbarung ansehen dürfe. Herr Dr. Heimann wendet sich mit aller Entschiedenheit gegen die Bestrebungen des Verbandes nationaldeutscher Juden. Herr Religionslehrer Davidsohn führt aus: Die Thora ist etwas Göttliches, weil sie von Menschengeist geschaffen ist. Im Schlußwort beantwortet der Herr Vorsitzende alle aufgeworfenen Fragen und bemerkt u. a., daß der Jli nationaljüdische Bestrebungen, wie aus dem Statut ersichtlich ist, ablehnt. Mit herzlichem Dank an alle Diskussionsredner schließt Herr Rabbiner Dr. Halpersohn unter Beifall die sehr anregend verlaufene Versammlung. Jli-Fraukstrrt a. M. Unsere Arbeit im vergangenen Sommer-Halbjahr war sehr ausgedehnt und zum ersten Male den ganzen Sommer ohne Pause durchgehend. Die Themen unserer Heimabende, die in 14 tägige» Abständen stattsanden und an die sich längere Aussprachen schlossen, lauteten: Religion und Religiosität — Liberalismus und Deutschjudentum — Simultan- oder Konfessionsschule — Gefühl und Ausdruck — Mütter in der Bibel — FrirdenSgedanke und Judentum — Max Liebermann, der Man« und fein Werk — Neutral oder liberal — Der Ostjude — Völkerbund und Jugend — Die Arbeitsgemeinschaften Judentum und Christentum — Jüdische Geschichte — Hebräisch und Rezitationskurs umfaßten im ganzen 17 Abende. Die Jugendgruppe kam alle 8 Tage zusammen und hatte folgende Themen: Gebräuche des Sederabends — Erzählung von Jugenderlebnissen — Wie höre ich Musik — Vom Schenken — Liberalismus und Religion — Lesenachmittag — Die Judenverfolgungen in Frankfurt a. M. — Scheffel und sein Werk — Freundschaft und Liebe — Unser Gottesdienst — Erzählungen von Prrrz — Die hohe» Feiertage — Gebräuche und Bedeutung des Laubhüttensepes. A«s-