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Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-11-04 · 44 (4.11.1927) · page 10

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
44 (4.11.1927)
Date
1927-11-04
Page
– (sequence 10)
Language
German
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sein" — gleichgültig, welcher Rasse, welchem Bott, welchem Blut er i entstammt. Wir sind ein« Bekenntnisgemeinschaft, keine Blutsge-! meinschaft. An meiner persönlichen Stellung zu gottesdienstlichen Fragen bin ' ich vielleicht garnicht so weit entfernt von Dr. Salzbergers Ansichten; ich fühle mich innig verknüpft mit unserer hebräischen Gebetstradition. Aber unter keinen Umständen kann ich zugeben, daß der Wunsch nach hebräischer Gebetssprache mit dem Zionismus etwas zu tun haben soll. Deshalb möchte ich diese Frage auch nicht in Beziehung gebracht haben mit der Abwesenheit der jungen, angeblich liberalen, in Wirklichkeit zionistischen Rabbiner. Sie bleiben unserer Tagung fern, weil sie wissen, daß ihnen in unserer Bereinigung nicht gelingen wird, was ihnen in der liberalen Rabbinervereinigung gelungen ist: eine zionistische Opposition zu schaffen. Wir legen keinen Wert auf die Anwesenheit der Herren, die bei uns doch nicht das liberale, sondern nur das nationale Judentum zu fördern versuchen würden; es handelt sich übrigens bloß um 5 Herren, die — das möchte ich Herrn Dr. Salzberger erwidern — durch das Rabbineramt allein noch nicht unsere Führer sind. Wir gehen unbeirrbar unseren Weg: mögen es alle hören, daß unsere Bereinigung eine religiös-liberale, nicht eine national-religiöse Gemeinschaft ist, wovor uns Gott bewahren möge, der der Gott des Weltalls, der Gott aller Völker, nicht aber nur Eine- Bottes ist, wie auch unser Judentum keine Blutsgemeinschaft und keine Stammesreligion, sondern Aeltreligion ist und bleiben soll! (Lebhafter Beifall). Vorsitzender R-A. Heinrich Stern (Berlin): War Herr Goetz soeben gesagt hat über die Beziehungen der Vereinigung für das liberal« Judentum zu den zionistisch-liberalen Rabbinern und über die Gründe, warum sie ferngeblieben sind, das hat er für sich persönlich gesagt und nicht als Generalsekretär der Bereinigung, denn die Bereinigung ist mit diesem Thema bisher noch nicht besaßt worden. Ich weiß nicht, wie sie entscheiden wird. Ich sage dies, damit nicht irgendwelche Legendenbildung sich für künftighin in Presse- oder ähnlichen Erörterungen einschleichen könne. In diesem einen Punkte also hat Herr Goetz als derjenige, der das Recht hat, hier zu sprechen, als Mitglied der Liberalen Bereinigung gesprochen, aber nicht als Generalsekretär. Damit ist di« Diskussion geschlossen. Jufttzrat Dr. Blau (Franksuri a. M): (Schlußwort.) Lassen Sie mich kurz anknüpfen an die Diskussion zwischen meinen Freunden Dr. Geiger und Dr. Salzberger. Wenn man den Beifall gehört hat, der sich an die Worte von Dr. Salzberger und an die Worte von Dr. Geiger geknüpft hat, so fragt man sich jetzt: Qu'est-ce que c'est la verite? Selbst auf die Gefahr hin, daß mir nachher widersprochen wird, möchte ich sagen, daß mir gar kein Gegensatz zu bestehen scheint zwischen den Ausführungen von Dr. Geiger und Dr. Salzberger. Nur hat Dr. Salzberger sich vielleicht noch nicht genügend informiert über das, was die jungen Leute planen. Wenn Dr. Salzberger sich einmal die Sache in der Nähe ansehen, in einen solchen Gottesdienst der Jugend hineingehen würde — was meines Erachtens nötig wäre, würde er besser darüber urteilen können, ob es sich wirklich um eine religiös-jüdische Veranstaltung handelt, ob sie sich innerhalb des Rahmens der allgemeinen jüdischen Ueberzeugungen bewegt. Wenn das der Fall ist, so weiß ich ganz genau, daß Dr. Salzberger von ganzem Herzen zustimmt, und ist das nicht der Fall, so wird er mit Recht dagegen remonstrieren. Und nun zur wichtigsten Frage, zur Frage der Berechtigung von Kompromissen zwischen Konservativen und Liberalen. Ich bin da als der „Kompromißler" hingestellt worden, und es ist gesagt worden: Ja, auf dem Wege des Kompromisses kommt man nicht zu dem Gottesdienst, der für die Liberalen der richtigste ist. Wieso kommt es denn aber, daß der Gottesdienst in der Königsteiner Straße tatsächlich den liberalen Bedürfnissen entspricht? Ist dieser Gottesdienst nicht verständlich, ist er nicht im wesentlichen nach der deutschen Seite hin orientiert? Knüpft er nicht an die Tradition an? Kann nicht jeder, der zwar nicht Hebräisch versteht, aber doch weiß, was «in jüdischer Gottesdienst ist, in der Königsteiner Straße nach seinem Herzen und in seiner Sprache beten? Sie wären alle, soweit ich gehört habe, glücklich, wenn ein solcher Gottesdienst wie in der Königsteiner Straße in Berlin, Köln usw. eingerichtet wäre. Und wenn das hier auf dem Wege des Kompromisses zustande gekommen ist, dann ist etwas Gutes zustande gekommen, und es ist in der Tat auf dem Wege -es Kompromisses zustande gekommen! Jede Richtung innerhalb unserer Gemeinde hat das Recht, ihr religiöses Bedürfnis auf ihre Weise zu befriedigen. Nur wenn der Liberale dem Konservativen die Möglichkeit und das Recht gibt, selber zu bestimmen, was er an Institutionen für sich notwendig hat, nur dann kann der Liberale vom Konservativen verlangen, daß auch der Gottesdienst in seiner Weise gestaltet wird. Auf dieser Grundlage ist auch das Frankfurter Kompromiß zustande gekommen. Und wenn innerhalb der liberalen Richtung sich das Bedürfnis geltend macht, den Gottesdienst noch mehr zu reformieren, ihn womöglich soweit zu bringen, wie er z. B. in London in der liberalen Synagoge ist: die Möglichkeit hierzu ist in Frankfurt vorhanden. Und wenn sie nicht in Köln und nicht in Berlin vorhanden ist, so möchte ich sagen, sind die liberalen Herren in Berlin und in Köln selbst schuld daran, und zwar insofern, als sie auf der einen Seite vielleicht nicht die nötige Toleranz, auf der anderen Seite nicht die nötige Stoßkraft und Opserkraft besitzen, um eine liberale Majorität in den Gemeindekörperschaften zu schaffen. Wenn ich in meinem Vortrag gesagt habe, es könne ein Orthodoxer gar oft nicht diejenige Toleranz dem Liberalen gegenüber aufbringen, die ein Liberaler dem Orthodoxen gegenüber ausbringt, weil der Orthodoxe gebunden ist an ein kodifiziertes Gesetzbuch, so heißt das doch nur — ich möchte mich hier mal ein bischen landläufig ausdrücken —: Der Orthodoxe darf nicht Trcse essen, aber es steht doch nicht im liberalen Schulchan Aruch geschrieben, daß der Liberale Trefe essen muß! Ich habe allerdings davon gesprochen, daß ich ein entschiedener Anhänger der Einheitsgemcinde bin und daß ich nicht dafür bin, daß sich die Liberalen von der jüdischen Gemeinschaft einer Stadt trennen und eine Svndergemeinde bilden. Damit habe ich durchaus nicht sagen wollen, daß die Liberalen in einem Einzelfall, wo doch noch wahrscheinlich für lange Zeit hinaus ein Unterschied zwischen ihnen und den Konservativen im Kultus sein wird, sich nicht in einem Zirkel zusammentun und für sich beten und einen Gottesdienst für sich veranstalten sollen. Darf ich Sic daran erinnern, daß hier der Königsteinerstraßcn-Äottesdirnst nicht aus einmal in die Welt gekommen ist? Hier haben sich liberale Kreise mit Hilfe von Rabbiner Dr. Seligmann erst gewissermaßen privat, wenn auch mit Unterstützung der Gemeinde, einen Gottesdienst geschaffen, der diejenigen befriedigen konnte, die damals wenigstens noch nicht Hebräisch verstanden und sich zum Teil rühmten, sie hätten noch niemals einem jüdischen Gottesdienst beigcwohnt. Damals haben wir uns selbst, die Liberalen, die Möglichkeit geschaffen, einen solchen Gottesdienst drei Jahre lang in einem Saal zu erproben. Erst nachdem diese Probe wirklich gelungen war, nachdem die Gemeinde sah, daß ein tiefes Bedürfnis nach einem solchen Gottesdienst vorhanden war — er war sehr stark besucht —, erst dann ist die Gemeinde an den Bau der Synagoge und an die definitive Abfassung des Gebetbuches gegangen. Seien Sie auch solche Kompromißler! Ich glaube, der Liberalismus wird dabei ganz gut fahren. Ueberhaupt möchte ich die Liberalen in Frankfurt fragen, ob beim jetzigen Regime, das eingeleitet worden ist durch das Kompromiß von 1879 nach dem Austrittsgesetz, je eine liberale Forderung nicht bewilligt worden ist! (Zuruf Dr. Geiger: „Dutzende".) Das ist einfach nicht richtig bei Institutionen, die lediglich dem Liberalismus dienen. Richtig ist allerdings, daß auch gemeinschaftliche Institutionen vorhanden sind, Institutionen, die von Liberalen und Konservativen benutzt werden, z. B. die Friedhöfe. Da ist z. B. allerdings hier von liberaler Seite ein Kolumbarium beantragt worden, ebenso wie von Seiten der Orthodoxen beantragt worden ist, ein Feld zu bekommen, wo nur Orthodoxe begraben werden, weil sie nicht haben wollen, daß Blume» auf die Nachbargräber kommen. Was ist geschehen? Im wesentlichen hat man beiden Anträgen nicht stattgegeben. Und darf ich Ihnen sagen, wer gegen die Errichtung eines Kolumbariums gestimmt hat? Nicht etwa nur die Konservativen; auch Liberale waren dagegen im Interesse der Erhaltung der Einheit, die liberale Borstandsmitglieder und liberale Gemeindevertretungsmitglieder und die Rabbiner eben um den Frieden in der Gemeinde zu erhalten. (Unruhe; der Vorsitzende bittet um Aufmerksamkeit.) Das aber scheint mir das allerwesentlichste zu sein: Wir hörten einen Schrei nach einem wirklich liberalen Gottesdienst, wir sahen eine wirklich religiöse Not; wir erkannten, daß sie befriedigt werden müsse, und wir haben sie hier befriedigt. Wenn Sie in Köln, Berlin usw. es ebenso machen, dann wird die Not nicht mehr in dem Maße vorhanden sein, dann wird ein gut Teil der Wünsche, die hier geäußert worden sind, erfüllt werden. (Beifall.) Frau Bianka Hamburger (Berlin): (Schlußwort.) Nach einer Diskussion, die von hohen Idealen getragen war, komme ich mit einigen nüchternen Mitteilungen zum Schlußworte. Es wurde hier verschiedentlich die Frage der Literatur speziell für jüdische Kinder angeregt. Da möchte ich Ihnen kurz sagen, wie schwer es uns gemacht wird, auf diesem Gebiete zu wirken: Ich hatte der Berliner Vereinigung vorgeschlagen, im Anschluß an die Referat« einen Verkauf von geeigneter Jugendliteratur jüdisch-liberalen Inhalts einzurichten, und aus Veranlassung der Frankfurter Ortsgruppe machte ich alsdann einer hiesigen Buchfirma folgenden Vorschlag: Würden Sie gewillt sein, hier einen Verkauf einzurichten? Ich gebe Ihnen die Bücher an, die ich in sorgsamer Prüfung als absolut geeignet befunden habe, und bitte Sie Ihrerseits um Vorschläge, welche Bücher Sie mir aus Ihrem Verlag oder Ihrem Laden zur Verfügung stellen würden. Darauf bekam ich die Antwort: Wir sind bereit, Bücher unseres Verlages auszulegen, aber das Risiko liegt bei Ihnen! — Ich wurde doch nicht von Berlin hierher geschickt, um mich als Handelsbeflissene einer Frankfurter Firma seßhaft zu machen! So konnte leider ein Verkauf am Vormittag nicht stattfinden, aber daß die Frage geeigneter Literatur hier zur Sprache gekommen ist, ist mir' ein Beweis, daß mein Referat nicht ganz ohne Nutzen war. — Gefreut hat mich die Anerkennung, die Herr Rabbiner Galliner der Religionsschule der Reformgemeinde gezollt hat. Als Vorsitzende dieser Schulkommission weiß ich die Kleinarbeit zu schätzen, die unsere Prediger und Lehrer dort leisten. Andererseits hat Herr Dr. Galliner mitgeteilt, daß der Jugendgottesdienst in Berlin im allgemeinen schlecht besucht sei. Wir haben immer 159 oder 200 Kinder in unserer kleinen Gemeinde beim Jugendgottesdienst. Ich möchte wünschen, daß in allen liberalen Bezirken ein so starker Besuch wäre und rate Ihnen: Interessieren Sie die Kinder im Unterricht für den Jugendgottesdienst; lassen Sie diese Kinder vorheten, aus der Thora vorlesen; dann wird jedes andere Kind zum Jugendgottesdienst kommen mit dem Empfinden: Auch wir sind schon produktiv; wir können auch etwas aus unserer Mitte geben. — In meiner Familie haben sich 4 Generationen für liberales Judentum betätigt. Ich bin stolz aus diese Tradition und ich bitte Sie herzlich: Pflegen Sie Familiensinn und Familientradition als zwei wertvolle, große Gaben, die Ihren Kindern im späteren Leben zum Segen »verdcn mögen. Erich Bayer (Breslau): (Schlußwort.) Wenn man sich die Worte des Herrn Dr. Salzberger zu eigen machen wollte, so müßte unsere Vereinigung sich von jetzt ab sreiorthodox nennen. Dennoch bin ich ihm außerordentlich dankbar. Er hat hier über unsere Stellung zum Kultus die Klarheit wieder hergestellt, die durch die Ausführungen des Herrn Dr. Seligmann ein wenig verloren gegangen war. Dr. Seligmann hat es so hingestellt, als sei das, was in der Synagoge Königsteinerstraße im Kultus verwirklicht ist, die Realisierung dessen, was uns hier in der großen Majorität als Ideal vor Augen schwebt. Ohne etwas über den Wert des Kultus in der Synagoge der Königsteiner Straße zu sagen, muß ich doch feststellen, daß er nicht das zur Grundlage hat, was ich in meinem Referat als notwendige Basis des Kultus gekennzeichnet habe. Denn der zu schaffende Kultus muß vor allen Dingen auf die heutige Anschauung von Gott, auf die Lebensänderung, auf die Lebensführung der heutigen Menschheit Rücksicht nehmen. Wenn ich das, was ich gestern in der Königsteiner Straße gesehen habe, kurz zusammensasseu will, so muß ich sagen, daß der dortige Gottesdienst aus der einen Seite die aktiven Funktionäre, auf der anderen die völlig passiven Zuhörer oder Zuschauer aufweist. Ich habe es außerordentlich betrübend gefunden, daß dort z. B. der Chorgesang in einer-derartigen Weise kunstvoll entwickelt ist, daß kein Gemeindeglied wagt, auch nur den Mund aufzumachen. (Zustimmung.) Meine Damen und Herren! Ich habe heute am Eingang meines Referates auf eine biblische Erzählung hingewiesen, in der die Wechselbeziehung zwischen Kultus, Gemeinschaft und Individuum zum Ausdruck kommt. Lassen Sie mich dieses Thema nun zum Schluß noch durch eine weitere Erzählung beleuchten: Es dürfte Ihnen bekannt sein, daß, als die Israeliten in der Wüste waren und sich gegen Gott empörten, dieser giftige Schlangen ins Lager sandte. Eine Menge Menschen starben. Da flehte Moses zu Gott, und Gott gebot ihm, er solle eine eherne Schlange machen und sie aufstelleu. Diejenigen, die zu dieser Schlange emporsähen, würden nicht sterben. Die Israeliten haben aus der Wüste diese eherne Schlange mit nach Palästina genommen. Im Laufe der Jahrhunderte vergaß man, aus welchem Anlaß diese Schlange eigentlich errichtet worden sei, und wußte nur, daß sie mit etwas Wundertätigem Zusammenhänge und daß man betend zu ihr aufschauen müsse. Der Schlange wurden göttliche Ehren erwiesen und auch Opfer wurden ihr dargebracht, bis schließlich der König Hiskia sie vernichtete und dieser Götzenverehrung ein Ende bereitete. Wenn er das mit jener Tüterafr und Rücksichtslosigkeit tat, so geschah es nicht aus Egoismus oder Herrschsucht, sondern aus Liebe zu einem reineren Gottesbegriss und dem Verantwortungsgefühl dem Volke gegenüber. Daraus sollten wir erkennen, daß sich mit unserer Liebe zur Gemeinschaft eine gewisse Rücksichtslosigkeit, Tatendrang und auch Tatkraft verbinden muß, um den Kultus schassen zu können, der uns als Ziel vorschwebt. (Lebhafter Beifall.) Rabbiner Dr. Dienemann (Ossenbach a. M.): (Schlußwort.) Ganz zum Schluß ist die Frage des Zionismus und des Nationaljudentums in die Debatte geworfen worden, und es wäre ein Beiseite- und Vorüberschleichcn, wenn derjenige, der die Ausgabe hatte, die theoretische Begründung des Problems „Individuum und Gemeinschaft" zu skizzieren, und der mit Absicht heute früh an dem Thema Zionismus vorübergegangen ist, weil es, streng genommen, nicht in den Rahmen der liberalen Vereinigung gehört, wenn der nun jetzt auch darüber hinweggehen würde. Ich muß doch schließlich als der Referent des Tages dazu auch ein Wort sagen. Im Grunde genommen ist die Situation so, daß durch die Entschließung der liberalen Rabbiner und die Entschließung des Hauptvorstandes der liberalen Vereinigung diese Frage auf lange Zeit hinaus geklärt sein muß. Es ist geschehen, was geschehen mußte. Die Tore der liberalen Vereinigung und die Tore des Liberalismus sind weit geöffnet worden für jeden, der hineingehen will. Es geht nicht an, einfach zu sagen, ein liberaler Jude muß aus Liberalismus den nationalen Gedanken ablchneu. Dazu haben wir gar kein Recht. Liberalismus ist eine Sache der inneren Seelenhaltung. Aber wir haben auch das Recht, zu verlangen, daß derjenige, der auf nationalem Boden steht und religiös liberal ist, dem Religiös-Liberalen nicht das Recht abspricht, um die Lösung der Kultusfrage zu ringen, und wenn Herr Kollege Salzberger vorhin sagte, die jungen liberalen Rabbiner kommen nicht herein, weil sie fürchten, es wird immer wieder von Reformen geredet werden, so ist das von den jungen liberalen Rabbinern ein Vergehen und ein Irrtum. Sie haben, wenn sie liberal sind, hier hereinzukommen und uns, die wir aus unserem Bedürfnis heraus um eine liberale Lebensführung ringen, das Recht nicht abzusprechen und zu verkürzen. Wir machen die Tore weit auf. Air können nicht den Nationalgerichteten gegenüber ein Nein sagen, denn sonst würden wir ja unserem eigentlichen Liberalismus mißtrauen. Ich bin auf meinen Liberalismus so voller Vertrauen, daß ich die feste Ueberzeugung habe, daß, wer in unseren Reihen mitdenkt, mitringt und mitarbeitet, seine Synthese finden und von unseren Gedanken so beeinflußt wird, daß er seine Synthese finden kann, wie er sie will. Ich habe «in volles Recht dazu, das zu sagen, was ich eben gesagt habe, ich, der ich selbst am heutigen Vormittag so stark den. ‘ geistigen Charakter des Judentums betont habe, der ich selber gesagt habe, daß die Blutsgemeinschast, wenn sie vorhanden ist, mir wegen des gleichen Blutes noch lange nichts wert ist, sondern wegen ihrer Ideen, aber eben deshalb, weil ich so bewußt aus dem Boden der geistigen Idee stehe, der Idee des Judentums, habe ich auch das Recht, zu sagen, daß wir die Tore nicht schließen dürfen, daß wir uns aber auch nicht gebieten und verbieten lassen, über unser Problem zu reden. Nach beiden Seiten hin muß das jetzt gesagt werden. Ich habe in der Einleitung und am Schluß meines Referats betont: Die Frage „Individualismus und Gemeinschaft" ist keine Frage, die glatt gelöst werden kann, sondern eine Frage, um die immer wieder gerungen werden muß, um die jeder Einzelne ständig neu ringen kann. Wir find keine fertigen Menschen. Sowohl diejenigen, die die Tore zuschlagen wollen, wie die, die nicht hereinkommen wollen, betrachten sich als fertige Menschen und alle unsere Probleme als fertig. Das darf nicht sein. Der Ausklang des heutigen Tages und Abends muß doch im Letzten der sein, daß wir all« aus beiden Seiten mit diesem Problem „Individuum und Gemeinschaft" rurgen müssen. Wir ringen mit dem Problem; die anderen müssen auch ringen und müssen mit unseren Ideen ringen. (Beifall.) Vorsihr«der Rechtsanwalt Heinrich Ster» (Berlin): Damit ist die Debatte geschlossen und die Referenten haben gesprochen. Ich möchte nur, bevor ich über die Anträge abstimmen lasse, noch einmal klar und für all« vernehmlich unsere Resolution vom 8. Mai 1927 vorlesen. Da das Thema im letzten Moment nun noch ausgetaucht ist, wollen wir auch klipp und klar davon sprechen. Diese Entschließung lautet in ihrem ersten und für unfern Zusammenhang wichtigsten Teil: Der Vorstand der Bereinigung für das liberale Judentum erblickt in der Religion die Grundlage und das Wesen des Judentums. Entscheidend für die Zugehörigkeit zum Judentum ist das Bekenntnis zur jüdischen Religion und die Erfüllung ihrer Pflichten. Wer seinen Glauben wechselt, scheidet aus der jüdischen Gemeinschaft aus; wer sich zur jüdischen Religion bekennt und ihre Pflichten erfüllt, ist vollwertiges Mitglied der jüdischen Gemeinschaft. Hieraus ergibt sich die Ablehnung aller Bestrebungen, die Stammes-, Botts- oder nationale Zugehörigkeit an die. Stelle der Religion setzen oder für gleichwertig mit ihr erachten. Das ist ganz deutlich die Proklamierung des Primats der Religion, über die wir alle hier wohl absolut einig sind. (Sehr richtig!) Für jeden, der auf dem Boden dieser Resolution steht, aber nur für ihn, sind die Tore der Bereinigung für das liberale Judentum geöffnet. Wir werden dafür sorgen — wir sind ja Herren in unserem Hause, ich habe gar keine Angst davor —, daß wir den Geist, der aus dieser Resolution spricht, und der die Männer beseelt hat, die sie gefaßt haben, in unserem Hause aufrecht erhalten. Das scheint mir Nipp und klar zu sein, und ich glaube, darüber brauchen wir uns auch nicht eine Minute länger zu unterhalten. Ich wünsche und hoffe, daß diese letzte Diskussion uns nicht abbringen wird von dem, was wir in mühsamer Arbeit erreicht haben, daß wir jetzt unsere liberalen Dinge vorwärts bringen werden, soweit es möglich ist, und soweit uns Gotl dazu die Kraft gegeben hat. Es ist nun über die beiden folgenden Anträge abzustimmen: Der Vorstand wird beauftragt, so rasch als möglich Mittel }» beschaffen, um die Herausgabe kurzer gemeinverständlicher liberaler Schriften über jüdische Religion zu bewirken. Vorsitzender (fortfahrend): Es erhebt sich kein Widerspruch, der Antrag ist einstimmig angenommen. Ich hoffe, daß gerade Herr Dr. Dienemann, der Antragsteller, der erste sein wird, der dem Antrag Folge leistet. Und ich richte an diejenigen, die erwählt und berufen sind dazu, die herzliche Bitte, vergessen Sie den Notschrei nicht, der uns hier entgegengeklungen ist. Helfen Sie uns, auch unter Aufopferung Ihrer Nächte, daß Sie aus dem Goldbarren nun die Münze schlagen, die umgehen kann unter denen, die arm sind. Der zweite Antrag lautet: Der jüdische Gottesdienst muß in Form und Inhalt so gestaltet werbe», daß er mit dem religiösen Empfinde» und den geistigen Bedürfnissen der deutschen Juden, insbesondere der Jugend, in Einklang gebracht wird. Der Vorstand wird beauftragt, für diese dringlichste Aufgabe der Vereinigung für dar liberale Judentum alle Kräfte einzusetzen. Vorsitzender (fortfahrend): Auch dieser Antrag ist angenommen. Damit sind wir am Schlüsse unserer offiziellen Tagung angelangt, denn die nachfolgende öffentliche Kundgebung ist Sache des hiesigen Freisinnigen Vereins. Ich bin stolz und froh gestimmt über den Verlauf dieser Tagung. Meine Damen und Herren, ich verrate Ihnen kein Geheimnis, wenn ich Ihnen sage, daß wir, auch meine Mitarbeiter, als wir die Versammlung einberufen hatten, etwas pessimistisch waren wegen des Besuchs der Tagung. Nicht nach den praktischen Ergebnissen ist eine solche Tagung zu bewerten, denn das wissen wir: solche Ergebnisse sind nur in der Arbeit, in der unermüdlichen Klein- und Einzelarbeit, die aus solche Tagungen folgt, zu erzielen. Es kommt auf den Ansporn an, auf den sittlichen Emst, der durch die Tagung, durch die Referate und Aussprache, erzielt wurde. Der eine mag mit der, der andere mit jener Einzelheit nicht einverstanden sein. An Kritik, an sofortsertigcr Kritik unserer Versammlung, hat es schon jetzt nicht gefehlt. Solche Kritik ist wohlfeil. Das eine haben wir gesehen: Es geht ein Sturm durch die Gemüter; es ist an der Zeit, mit dem alltäglichen, werktäglichen, verwaltungsmäßigen Arbeiten in Gemeinde, Schule und Gotteshaus ein Ende zu machen und wieder auf ideelles Wirken zurückzukommen. Verehrte Damen und Herren! Ich stehe gewiß in der Kleinarbeit der Gemeinde, vielleicht mehr als mir lieb ist, und unterschätze nicht diese Fundamentierung unseres geistigen Lebens. Aber ist es nicht ein herrlicher Anblick, mit angesehen zu haben, wie sich Männer und Frauen, aus dem ganzen Reich kommend, Jung und Alt, aus den verschiedensten sozialen und beruflichen Schichten, hierhergesetzt haben und über Dinge, für die sie nichts erhalten und die ihnen nichts embringen außer dem Frieden und der Erhebung ihrer Seele, miteinander gerungen haben! Diese Auswertung des Ideellen in einer Zeit, wo nur der Boxer und der Flieger noch etwas zu bedeuten scheinen, das scheint mir der Hauptwerk dieser Tagung zu sein. Ich hoffe und wünsche, daß diese Welle der geistig-seelischen Erhebung nachzittcrn wird in Ihnen. Und ich verspreche Ihnen namens des Arbeitsausschusses und namens des Vorstandes, daß wir lernen und wieder lernen, arbeiten und wieder arbeiten werden nach den Ergebnissen dieser Tagung. Sanitälsrat Dr. Ettlingrr (Frankfurt): Verehrte Damen und Herren! Wir stehen am Ende einer Tagung, die in einer Harmonie verlaufen ist, wie »vir es selten in Frankfurt erlebt haben. Ich habe heute früh bereits dem Vorstand der Liberalen Bereinigung den Dank dafür ausgesprochen, daß er beschlossen hat, diese Tagung in diesem Jahre hier abzuhalten. Es geht weit über unsere Erwartungen hinaus, was wir hier erlebt haben, und ich glaube, wir nehmen alle das Gefühl mit, daß unsere liberal« Sache hier einen Anstoß erlebt hat, der nicht so rasch verklingen wird. Wenn ich Sie zum Schluß noch bitte, mit mir einzustimmen in den Dank, den wir vor allem dem Vorstand und in erster Linie dem Vorsitzenden der liberalen Bereinigung abstatten, so glaube ich. ist das getan, was unsere Pflicht und Schuldigkeit ist. Haben Sie Dank und kommen Sie recht oft einzeln oder in corpore wieder zu uns hierher. Wir werden es Ihnen innig, innig danken. (Lebhafter Beifall.) Vorsitzender Rechtsanwalt Heinrich Ster« (Berlin): Ich danke Herrn Dr. Ettlinger für seine freundlichen Anerkennungsworte und möchte den Dank, den er soeben mir zum Ausdruck gebracht hat, hiermit auch ausdehnen auf meine Mitarbeiter und insbesonders auch aus die stillen Mitarbeiter daheim in unseren Büros, die oft unter Aufbietung ihrer letzten Kraft in den letzte» Wochen über ihre Pflicht und Arbeitsstunden hinaus Großes geleistet haben. Ich dank« Ihnen und schließe die Versammlung. Schluß -egen 8 Uhr.

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