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Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-11-04 · 44 (4.11.1927) · page 9

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
44 (4.11.1927)
Date
1927-11-04
Page
– (sequence 9)
Language
German
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7. Jahrgang Nummer 44 liijiinsiu; w st i 2. Beilage 4. November 1927 Rabbiner Dr. Zoel Blau gestorben In diesen Tagen verstarb in London Rabbiner Dr. Joel Blau, der oberste Geistliche der West Lon-on Synagogue. Er kam Ende 1925 aus Amerika, um sein Amt in London anzutrcten, erkrankte aber kurz darauf, so daß er nicht mehr dazu kam, seine Amtspflichten ganz zu erfüllen. Er mar ein sehr populärer Prediger, ein fruchtbarer und begabter Schriftsteller. Von feinen Werken sind zu nennen: „Das Problem des modernen Glaubens", „Der Status des Unvollkommenen im jüdischen Gesetz", „Das Wunder des Lebens" u. a. m. Geboren wurde er in Ungarn. Sein Rabbinerdiplom erhielt er in Amerika; er war Graduierter der Columbia- Universität. In der West London Synagogue wurde für den Verstorbenen ein Gedächtnisgottesdienst abgehalten. (Jta.) Die Diskussion der Frankfurter Hauptversammlung (Schluß aus dem Hauptblatt.) Professor Dr. Bttligheimer (Mannheim): Da ich selbst mit der Jugend lebe und arbeite, mit der jüdischen und nichtjüdischen, erlaube ich mir, nur ganz furz einige Worte zur Lage der heutigen jüdischen Jugend zu sagen. Es ist heute die Tatsache noch nicht betont worden, daß der Rationalismus eigentlich nicht den Anklang in der Jugend gesunden hat, wie ihn der Irrationalismus, besonders in den Reihen der weiblichen Jugend, Nachweisen kann. Wir sollten uns eigentlich mehr und mehr auch derjenigen Literaturen bedienen, welche diesem Bedürsnis entsprechen. Warum sollen wir nicht beispielsweise Martin Buber und Max Brod zu den Unseren rechnen, ohne aber die nationalen Verbindlichkeiten zu übernehmen? Die Folgen einer rein rationalistischen Denkungsart zeigen sich in einer zunehmenden Naturentfremdung, was mit Recht schon als Vorwurf erhoben worden ist. Und wir wissen heute alle, daß die Gesundung der jüdischen Jugend nur durch eine lebendige Beziehung zur Natur gewährleistet ist. Diese Beziehung wird gerne von einem einseitig körperlichen Gesichtspunkt aus betont. Das Seelische muß aber hinzukommen. Nun besteht heute in keiner Richtung eine stärkere Einheit der seelischen Haltung zur Natur als in der neuchassidischen Einstellung; und für diese begeistern sich heute so manche Kreise der reiferen jüdischen Jugend. Es gehört zur Aufgabe auch des jüdischen Liberalismus, die Bereitschaft für jene Lebensgestaltung in unseren jugendlichen Reihen zu fördern unter dem Zeichen ihrer wahrhaften Ertüchtigung. In den heutigen Reden wurde hervorgehoben, daß das jüdische Gebet im wesentlichen Gemeinschastsgcbet sei. Wenn aber schon die Jugend sich hierfür aufrichtig erwärmen soll, so kann ihr dies nur durch eine unübergchbare Vorstufe ermöglicht werden, auf welcher ihre individuellen Antriebe zur' Gemeinschaft genährt werden. Auch hier vermag die gegenwärtige chassidische Literatur eine wertvolle Hilfe zu leisten, spricht ja ihre Mystik zunächst ganz zum Einzelnen. Mit der Rücksicht auf die jüdische Mystik würbe natürlich auch das sakrale Moment des Gottesdienstes eine neue Grundlage erfahren, die bei dem Versuch einer Kultusresorm berücksichtigt werden müßte, zumal dies unter Anlehnung an die Tradition erfolgen könnte. Anläßlich der Frage der Kultusresorm erlaube ich mir darauf hinzuweisen, daß bestehende Arbeiten bei entscheidenden Reformen die gebührende Beachtung finden mögen. Ich gedenke hierbei des neuen Gebetbuches, welches seinerzeit vom Badischen Oberrat der Israeliten herausgegeben wurde und zum Bedauern mancher urteilsfähiger liberaler Juden, die sich damals von der Mehrzahl der Gleichgültigen stark unterschieden, nicht durchdringen konnte. Es ist jenes Buch gemeint, an welchem seinerzeit die berufensten Persönlichkeiten Badens mitgearbeitet haben, so Rabbiner Dr. Steckelmacher, Rabbiner Dr. Lewin, Geh. Rat Dr. Rosin und Geheimer Oberregierungsrat Mayer. (Zuruf: Dr. Seligmann!) Ihr Werk ist der Ausdruck eines wunderbaren Gleichgewichtes, welches Liebe und Achtung vor der jüdischen Vergangenheit und starke Verantwortung vor der Zukunft schaffen konnten. Möge man sich bei einschneidenden Kultusreformen doch diese kostbare geistige Haltung, zu der sich ein ebenso tiefes Können und Gestalten gesellte, vergegenwärtigen und damit dieses Werkes der großen Männer Badens eingedenk sein. (Beifall.) Rektor Cobkenz (Köln): Ich würde glauben, daß eine Tagung wie die heutige zum Teil ihren Zweck verfehlt hätte, wenn nicht auch ein ganz kurzes Wort über die Vorbildung der jüdischen Lehrer gesprochen würde. Sie wissen alle, daß die Vorbildung der Volksschullehrer in Deutschland, vor allen Dingen in Preußen, auf eine neue Basis gestellt wurde. Sämtliche Seminare sind abgebaut bis aus eines, worauf ich gleich zurückkomme. Diejenigen, die Lehrer werden wollen, müssen das Abiturrientenexamen machen und die Pädagogischen Akademien besuchen, und das gilt auch für die jüdischen Lehrer. Nur e i n Seminar in Preußen ist bezeichnenderweise bestehen geblieben und hat eine Frist zunächst bis 1929 bewilligt bekommen, und das ist das hyperorthodoxe Seminar in Köln. Denn die Orthodoxen erreichen ja alles, erstens wegen des Unverständnisses und der Indolenz unserer Gesinnungsgenossen, der Liberalen, und zweitens wegen der Ahnungslosigkeit der Behörden. Es ist unglaublich, mit welcher Verständnislosigkeit man in unseren Kreisen der für die liberale Sache so wichtigen Lehrerbildung gegenübersteht. Während unsere Religionswissenschastler die Goldbarren der jüdischen Wissenschaft schaffen, sind es unsere Religionslehrer, die diese Goldbarren in Scheidemünze umwandeln und in unsere Jugend hineintragen. Darf es da gleichgültig sein, in welchem Geiste und in welchem Sinne unsere Religionslehrer ausgebildet werden und in welchem Geiste sie unsere Jugend in die Religion einführen? Ich glaube nicht. Nun ist ja an der Frankfurter simultanen Pädagogischen Akademie glücklich eine Dozentur für jüdische Religionswissenschaft geschaffen (also bis jetzt die einzige (!) in Preußen), aber auch sie ist einem konservativen Theologen (Zuruf: Nichtpädagogen!) übertragen. Darum sollen meine kurzen Worte ein Appell an die führenden Männer der Liberalen Vereinigung Deutschlands sein, die Vorbildung jüdischer Lehrer dauernd im Auge zu behalten, damit nicht die nächsten Lehrcr- und Schülergenerationen völlig im orthodoxem Geiste herangebildet werden. (Beifall.) (Die Leitung übernimmt an dieser Stelle der Diskussion wieder der erste Vorsitzende, Rechtsanwalt Stern (Berlin).) Avgust Landsberg (Frankfurt a. M). Ich möchte auf einen Mißstand Hinweisen, der — man muß cs einmal offen aussprechen — leider besteht. Seit Stunden unterhalten wir uns darüber, wie der jüdische Liberalismus noch weiter zu fördern sei. Wissen Sie, daß es eine Menge Mitläufer und sog. Anhänger bei uns gibt, deren vermeintlicher Liberalismus nur darin besteht, daß sie damit renommieren, daß sie keine Synagoge besuchen, kein Hebräisch verstehen und von jüdischen Einrichtungen und Gebräuchen keine Ahnung haben? Zu bedauern ist, daß es solchen Leuten so häufig gelingt, nur um irgend eine Rolle zu spielen, sich in unsere Bezirksausschüsse, oft sogar in unsere Gemeindepräsentanzen wählen lassen. Sie, meine Herrschaften, haben keine Ahnung, wie diese Leute, die mit ihrer Ignoranz in jüdischen Dingen renommieren, uns und unserer guten Sache schaden. Glauben Sie mir, das ist Wasser auf die Mühlen unserer Gegner. — Lassen Sie mich noch ganz kurz zurückkommen auf den edlen Wettstreit zwischen den Rabbiner Dr. Salomonski und Dr. Seligmann, die sich vorhin darüber unterhielten, ob der Gottesdienst in der Synagoge im Norden Berlins oder der Königsteinerstraße in Frankfurt erbaulicher und wertvoller sei. Bor einigen Tagen erhielt ich einen Brief aus Berlin von Jemandem, der Gelegenheit hatte, unserem Gottesdienst in der Königsteinerstraße am Jom Kippur beizuwohnen. In dem Brief heißt es, dieser wunderbare Gottesdienst in der Königsteinerstraße sei ein Erlebnis gewesen und habe außerordentlich viel gegeben, während der Gottesdienst in Berlin nichts geboten und kalt gelassen habe. Dr. yhN. Goldstei« (Wiesbaden): Ich hatte mich nur zum Wort gemeldet, weil mir daran lag, daß nach den vielen Vertretern der Großgemeinden, die heute fast ausnahmlos zum Wort gekommen sind, auch einmal ein Vertreter einer Mittelgemeinde sagt, wie es ihm ums Herz ist. Vor allem bin bin ich veranlaßt dazu durch das, was Dr. Salomonski in sehr wirkungsvoller und zu Herzen sprechender Weise gesagt hat, und ich möchte ihm sagen, wenn ich in Berlin leben würde oder in einer sonstigen Großgemeinde, so wäre ich der erste, der zu ihm käme, es sei denn, daß mich nicht vielleicht vorher Dr. Lehmann für seinen Gottesdienst gewonnen hätte. Nun lebe ich aber nicht in Berlin, sondern ich lebe in einer bescheidenen, allerdings ausgezeichnet versorgten Gemeinde, nämlich in Wiesbaden, und da sehen sich die Sachen leider etwas anders an als in diesen Großgemeinden. In den Großgemeinden können Sie solche freien Bereinigungen bilden, in Wiesbaden ist dazu keine Möglichkeit, es sei denn, daß man eben die Einheit der großen einheitlichen Gemeinden zerstört und zersprengt, sonst ist es nicht möglich. Wir haben einen liberalen Gottesdienst, aber natürlich nicht liberal in dem weitgehenden Sinne, wie ihn die Herren Dr. Salomonski und Dr. Lehmann haben wollen, und wenn wir — ich habe das Vergnügen, Mitglied des Vorstandes der Israelitischen Kultusgemeinde in Wiesbaden zu sein — den einführen würden durch Majorität — aber wir können ihn leider nicht einführen, weil wir leider die absolute Majorität nicht haben, aber wenn wir das mit Gewalt einmal täten, so wäre in der Tat die Gemeinde zersprengt, und diese Verantwortung kann niemand auf sich nehmen. Sehen Sie, wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch Verstand. Mir hat Gott u. a. auch das Amt eines Vorstandsmitgliedes der Annahme von Bestellungen auf die Jüdisch-liberale Zeitung bei allen Postämtern Deutschlands iiiuiiiiuiiiiiiiiuiiiuiiiiiiiitiuiiiiiiiiiiiiiinniiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiitiiiiiit Israelitischen Knltusgcmeinde gegeben und auch den dazu notwendigen Verstand, aber daneben auch das Gefühl der großen Verantwortung, die wir tragen müssen. Es ist vorhin das Wort von denseelischcn Konflikten gefallen, die in uns allen leben. Es ist wirklich kein leeres Wort, ivenn ich Ihnen sage, daß in uns, die wir in den Vorständen der Mittelgemeinden und kleineren Gemeinden sitzen, auch sehr häufig solche seelischen Konflikte ausgelöst werden. Wir möchten unserer inneren liberalen Ueberzeugung folgen und Reformen oder Aederungen schassen, wie wir sie für richtig halten, aber wir können und dürfen es nicht. Wir müssen Kompromisse schließen, weil wir sonst die Gewißheit hätten, daß nicht nur die halbe, nein, daß 90 Prozent der Gemeinde nicht mit uns gehen und abseits stehen würden. Und wir haben doch auch die Pflicht, wir Vorstandsmitglieder der kleinen und mittleren Gemeinden, auch für diese großen Teile, die vielleicht nicht so geistig interessiert sind, wie Sie meinen, die aber doch auch ihr religiöses Empfinden haben und es befriedigen wollen, auch für diese zu sorgen. Das Wort von den Kompromissen, die notwendig sind, ist heute von Dr. Blau in der Bormittagssitzung gesprochen worden. Es hat manches Kopsschütteln erregt, auch bei mir, bis ich mich dann aus dieses Gefühl der Verantwortung besann und so zu Ihnen sprach, wie ich es soeben getan habe. Aber das möchte ich zum Schluß doch sagen: es muß auch für uns liberale Vorstandsmitglieder den Punkt geben, wo wir sagen: Keine Kompromisse mehr! Jetzt muß Halt gemacht werden! Es ist vorhin von Dr. Lehmann oder Dr. Salomonski sehr mit Recht daraus aufmerksam gemacht worden, daß die Orthodoxen keine Kompromisse kennen. Wir kennen sie leider allzu häufig, und ich denke beispielsweise an die vielen sozialen Institutionen, die von den jüdischen Gemeinden geschaffen werden, auch von liberalen Gemeinden geschaffen, unterstützt und unterhalten werden, und die dann in einem fast vollständig orthodoxen Sinne geleitet werden. Das ist einer der allergrößten Krebsschäden. (Sehr richtig!) Beispielsweise denke ich da an ein Kinderheim, das ein große liberale Gemeinde unterhält und in dem es gänzlich orthodox zugeht: die Kinder müssen zum Essen mit dem Käppchen kommen usw. Ich für meine Person lehne es ab, meine Kinder in ein solches Heim zu schicken. Denn dann wird der seelische Konflikt auch in unsere Kinder getragen, wenn sie sehen den Gegensatz sehen zwischen dem Leben in solchem Heim und dem Elternhaus. Einem solchen seelischen Konflikt dürfen wir vor allem unsere Kinder nicht aussetzen. Das ist der Grund, weshalb wir in diesem Punkte keine Kompromisse schließen dürfen (Beifall.). Rabbiner Dr. Salzberger (Frankfurt a. M.): Die jungen liberalen Rabbiner fehlen. Was sie fern hält, ist kein Zufall, sondern es ist die Erwartung, daß bei dieser Tagung wahrscheinlich gegen den Zionismus und gegen die Orthodoxie gesprochen wird. Es ist von Anfang an erklärt worden, daß das Kapitel Zionismus nicht etwa ein noli mc tangere, sondern daß es kein Streitgegenstand mehr für uns sein darf; ich denke doch wohl in dem Sinne, daß eben die Zeiten und die Verhältnisse sich gründlich geändert haben und daß wir anerkennen müssen, daß unter den Zionisten zahllose ticfreligiöse Menschen sind. Die Zeiten haben sich, denke ich, auch insoweit geändert, daß der religiöse Konservativismus in seinem berechtigten Kern auch von einem besonnenen Liberalen anerkannt werden kann, was ja Justizrat Blau in seinem Referate heute in vorbildlicher Weise getan hat. Aber in einem, fürchte ich, irren die liberalen Kollegen, wenn sie heute fern geblieben sind, sich nicht: darin nämlich, daß sic erwarten, es werde heute wieder von neuen Reformen gesprochen, weil alles noch nicht liberal genug, und daß dies der Grund sei, warum so viele Kreise von Aelteren und Jüngeren unserem gottesdienstlichen, überhaupt unserem gemeindlichen Leben fernstehen. Und in der Tat, wenn ich die Versammlung recht verstanden habe, ist das die Meinung der allermeisten unter Ihnen. Wir sind Ihnen noch nicht liberal d. h. noch nicht fortschrittlich genug; wir müßten mehr Gebete streichen; die deutsche Sprache müßte einen noch viel breiteren Raum im Gottesdienst einnehmen, und so fort. Entschuldigen Sie, wenn ich auf einen ganz ganz anderen Standpunkt stehe, aus dem Standpunkt der jungen Rabbiner, die Sie auch nicht einfach übergehen dürfen, die sehr bald unsere geistigen Führer sein werden, und die auch ein Recht haben, von den Liberalen gehört zu werden, wenn sich diese wirklich liberal nennen wollen. Diese jungen liberalen Rabbiner sind nämlich — soweit ich sie kenne — der Meinung, daß durchaus genug reformiert' ist und daß es auf einen Kaddisch mehr oder .weniger wirklich nicht ankommt. Das soll nun nicht etwa heißen, daß der liberalen Jugend das Recht abgesprochen werden soll, Feierstunden auf eigne Faust einzuführen. Das mag sie tun, aber zu glauben, daß aus diese Weise unsere Jugend zur jüdischen Religiosität zurückkomme, scheint mir doch ein Irrtum zu sein. Religiös vielleicht, jüdisch aber schwerlich! (Zurufe.) Wir brauchen einen jüdisch-religiösen Geist, und die Frage ist nur, woher wir ihn holen. Und da glauben Sie doch »oohl selbst nicht, daß wir diesen Geist aus einer Jugend holen können, die im allgemeinen von jüdischen Dingen herzlich wenig weiß, die kaum hebräisch lesen kann, weder Eftbete, noch die Bibel, die aber dafür eintritt, daß der Gottesdienst reformiert wird! Will man für Reformen eintreten, wo sie notwendig erscheinen, so kann es nur aus einer tiefen Ehrfurcht vor und einer gründlichen Kenntnis und Vertrautheit mit den Quellen heraus geschehen. Und wenn unsere liberalen Jugendverbände und die Bereinigungen der Aelteren daraus achten werden, daß erst einmal gründliches jüdisch-religiöses Wissen in die Massen kommt, dann werden wir uns weiter unterhalten, wie man dem Liberalismus in unserer Mitte Raum gewährt. Solange kein Wissen da ist und — und damit komme ich zum Wichtigsten — solange nur das Recht des Individuums und herzlich wenig die Pflicht gegen die Gemeinschaft betont wird, so lange mag jeder seine religiösen Bedürfnisse selbst befriedigen, mag selbst einen Gottesdienst aufmachen, wie es ihm gefällt — es ist ein altes jüdisches Recht, das jedem zugestanden ist, zu beten wann, wo, wie und was er will — aber nicht in der Gemeinde. Die Gemeinde ist eben eine Gemeinschaft, und in der Gemeinschaft kann nur das gebetet und das geübt werden, was eben aus dem altjüdischen Strom fließt. In diesem Strom müssen »vir erst einmal hinein, denn wir stehen gänzlich außerhalb. (Beifall.) Rechtsanwalt Dr. Geiger (Frankfurt a. M): Es ist eine Verkennung der Situation, »venn Dr. Salzberger glaubt, die Frage des Nationalismus solle hier deshalb nicht mehr erörtert »verden, weil anerkannt werde, die Zeiten hätten sich so geändert, daß man darüber nicht mehr streiten könne und weil man den jüngeren liberalen Rabbinern gewissermaßen einen zionistischen Einschlag zugestehen wolle. Davon ist keine Rede. Man hat heute — glücklicher Weise — einmal nicht von Zionismus und Nationalismus gesprochen, weil doch nicht aus jeder Tagung von diesen Sachen gesprochen werden muß. Es gibt eben sehr viele andere Dinge, über die wir uns ztvei Tage lang sehr gut und sehr ernst unterhalten haben. An unserer Stellungsnahme zu der Frage selbst ist hierdurch garnichts geändert (sehr richtig!). Daß zwischen dem religiösen Liberalismus als solchem und dem jüdischen Nationalismus eine tiefe Kluft liegt, die nicht zu Überdrücken ist, das steht meines Erachtens absolut fest (Zustimmung und langanhaltcnder Beifall). i Auch in einem zweiten Punkt, nämlich dem Streben der Jugend nach eigenen Gottesdiensten, steht Dr. Salzberger auf einem ganz falschen Standpunkt. Es handelt sich, wie hervorgehoben »vorden ist, nicht darum, daß die jungen Leute eine eigene Gemeinde mit Sondergottesdiensten gründen wollen, sondern um lose Gemeinschaften, um religiöse Feierstunden, die jungen Leute, die sonst eben nicht die Gelegenheit und den Willen zu gottesdienstlicher Betätigung hatten, wieder dem Judentum zusühren sollen. Es wird daher ja auch Gelegenheit gegeben, was Herrn Dr. Salzberger besonders am Herzen zu liegen scheint, sie auch mehr hebräisch kennen lernen zu lassen und altjüdisches Wissen sich anzueignen. Es handelt sich also um keinen Einbruch in die Gemeinden und gibt auch keine Gelegenheit, diese Gemeinden zu zerstören. — Nun sollen diese Feierstunden oder Gottesdienste der Jugend plötzlich nicht mehr „jüdisch" sein! Weshalb, ist nicht cinzusehen. Denn auch die jungen Leute benutzen ja nichts Anderes für ihren Gottesdienst als die gewöhnliche Liturgie, von der sie vielleicht einiges weglassen oder es in etwas anderer Form geben, als man es im großen Gottesdienst gewohnt ist. Aber wenn Sie den jungen Leuten diese ihre eigene Errungenschaft nehmen wollen, dann treiben sie die Jugend aus dem Gottesdienst und aus der jüdischen Gemcinschaft hinaus! (Zustimmung.) Das ist dre große Gefahr, und gerade ein Mann, wie Dr, Salzbcrgcr, der, wie Wenige, es versteht, mit der Jugend umzugehen, sollte nach meinem Dafürhalten der Letzte sein, der hier ein Wort gegen diesen Gottesdienst sprechen dürfte. Und was nun die Angst vor weiterer Verminderung des „Hebräischen" im Gottesdienste angeht, so lassen Sie mich in diesem Zusammenhang — und das bezieht sich nicht nur auf den Jugendgottesdienst, sondern auch aus den allgemeinen Gottesdienst — nur an die Worte erinnern, die in der allerersten Veröffentlichung der Liberalen Vereinigung vor 29 Jahren gestanden haben. Es heißt dort: „Es soll ein Gottesbienst geschaffen werden, der Herz und Gemüt der modernen Juden zu erheben vermag!" Sehen Sie sich die meisten unserer liberalen Gottesdienste daraus hin an, ob sie das, schon mit Rücksicht auf ihre Länge, vermögen! Auch ich bedaure mit Dr. Salzberger, daß die jungen liberalen Rabbiner zum Teil heute ferngcblieben sind; wenn sie dagewesen wären, hätten sie nämlich eine ganze Menge lernen können! (lebhafter Beifall). Ludwig Herrmann (Mannheim): Wenn es auch eine undankbare Ausgabe ist, in der allgemeinen Aufbruchs-Psychose zu sprechen, so ist es aber anderseits doch eine Ehre und ein Vergnügen, am Schluß einer solch' prachtvollen Tagung wie der unserigen ein kleines Resume zum Schluß geben zu können. Die Versuchung wäre groß, auf verschiedene Fragen, die gerade in den letzten Minuten in der Zwiesprache Dr. Salzberger — Dr. Geiger aufgeworfen wurden, einzugehen. Mit Rücksicht aus die vorgerückte Stunde, möchte ich mich darauf beschränken, sestzustellen, daß gerade wir Jungen die jüngeren Rabbiner hier sehr vermißt haben. Wir würden sie gerne als unsere Freunde betrachten, wenn sie nur sich etwas mehr mit uns und unseren Geistesnötcn in offener Aussprache beschäftigen wollten (Beifall). Es liegt mir durchaus fern, hier in letzter Minute, eine Polemik irgend welcher Art zu entfesseln. Aber das eine darf ich doch sagen: Wir würden uns aufrichtig freuen, wenn wir gerade mit den jüngeren Rabbinern in offenen Gedankenaustausch zu treten, öfters Gelegenheit hätten. Ich glaube, ohne „jugendlicher Selbstüberhebung" geziehen zu werden, sagen zu dürfen, daß beide Seiten manch wertvolle Anregung bei solchen Aussprachen mitnehmen könnten (Beifall). Es ist überhaupt im Laufe der Debatte sowohl, wie in den Referaten »viederholt das Thema „Jugend —- Alter" gestreift worden. Gestatten Sie mir dazu ebenfalls ein offenes Wort: Lassen Sie jugendliche Begeisterung und Aktivität mit der Erfahrung des Alters sich mischen, lassen Sie uns als völlig Gleichberechtigte mit einander arbeiten, Sie, ohne überlegen auf jugendliche Begeisterung herabzuschauen; wir, ohne Ihre Erfahrung gering zu schätzen. Lassen Sie aber ruhig auch einmal einen jungen Menschen in der Begeisterung über die Stränge hauen. Es ist besser, als in müder Resignation die Zügel schleifen zu lassen. Bleiben Sie alle recht lange jung, und denken Sie immer daran, daß kein geringerer, als unser Walther Rathenau den Standpunkt vertrat,: Jeder ist jung als er sich fühlt. Lassen Sie so jugendliche Begeisterung mit der Erfahrung des Alters zu gemeinsamer Arbeit sich verbinden! Es wird eine gute Mischung geben für unsere gute Sache, für unser liberales Judentum! (lebhafter Beifall). George Goch (Berlin): Es gehört ein Uebermaß von Disziplin dazu, nicht sehr ausführlich aus die Dinge einzugchen, die in den letzten Minuten hier angeschnitten wurden, doch will ich mich aus wenige Sätze beschranken. Wenn das Thema Nationales Judentum- — Liberales Judentum abgeklungen ist unter uns, dann deshalb, weil wir, unsere Anhänger, aber auch unsere Gegner endlich das gelernt haben, was zu lernen ist. Wie ich schon gestern in meinen Geschäftsbericht darlegte, ist durch unsere Vorstands-Resolution vom 8. Mai endgültig klargestcklt, daß unser antinationaljüdischer und antizionistischer Standpunkt religiös fundiert ist, daß er sich zwangsläufig aus unserer universalistischen Religonsauffassung ergibt. Ich wiederhole das gestern ohne jeden Widerspruch Borgetragene: Nicht nur muß es heißen: „Wo Ihr meinen Namen anruft, da will ich unter Euch sein!" sondern auch: „Wer n einen Namen in der Wahrheit anrust, da will ich mit ihm

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