Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 44 (4.11.1927)
- Date
- 1927-11-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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lassen, frei dieser Gelegenheit auf die große „Sachkunde" unseres Lexikons hinzuweisen. In der rabbinischen Literatur wird jeder Autor unter der Bezeichnung Baal in Verbindung mit seinem Hauptwerk angeführt; obgleich dies im Artikel Las! angegeben ist, erhalten drei Autoren besondere Stichworte unter dieser Bezeichnung, als ob sie die einzigen waren! Lazarus Goldschmidt. Begrabt die Streitaxt! Ein Nachwort zum Prozeß TUarx-Peyser Von Bruno Woyda. Tas Wort von der Befriedung des deutschen Judentums ist meist nur leeres Geschwätz. Man vermeint, unüberbrückbare Wellanschauungsklüfte durch kluges Gerede, taktisches Lavieren, diplomatische Schachzüge oder gar durch Vereins- Politik aus der Welt schaffen zu können — und erreicht meist genau das Gegenteil des Erstrebten. Ta die Gegensätze von Teutschtum und Zionismus, von religiösem und nationalem Judentum im nationalen und religiösen Empfinden und Wollen der deutschen Juden als begründet erkannt werden, gibt es nur einen Weg zur wahren Befriedung des Peuschen, Judentums: gegenseitige Achtung, offene Aussprache, getrennte Arbeit überall da, wo Weltanschauungsgegensätze das erfordern, Zusammenarbeit aber da, und nur da, wo gemeinsame Aufgaben, gleiche Interessen vorliegen. Würde man diesen Weg beschreiten, würde man weniger von der Befriedung reden und mehr für sie tun: ich bin Optimist, ich glaube, dieser Prozeß Marx-Peyser, mit all dem unerfreulichen Trum und Dran, wäre niemals möglich gewesen. Tenn wenn irgendwo im deutschen Judentum, dann ist nach meiner Ueberzeugung zwischen dem Verband nationaldeutscher Juden und dem Centralvrrein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens der Gegensatz, zumindest in der jetzigen Schärfe, nur künstlich erzeugt. Liest man die Prozeßurreile und ihre Begründungen, so findet man den Satz: „Worin der grundsätzliche Unterschied der beiden Verbände tatsächlich besteht, ist nur schwer zu beurteilen..." — und man wird dem kaum widersprechen können. Tenn nicht in der Weltanschauung, sondern nur in Fragen der Taktik sind die Verbände geschieden. Ich kenne leitende Männer Leider Organisationen, und ich kenne viele, die gleichzeitig beiden Vereinen angehören. Wo liegt beispielsweise der grundsätzliche Unterschied in der Auffassung von Teutschtum und Judentum bei Holländer und Pehftr, der setzt mit einmal in der C.V.- Zeittung als Bösewicht dem Tr. Naumann, „einem geistvollen Mann, der durch sein besonnenes Auftreten vor Gericht einen vortrefflichen Eindruck erweckt hat" gegenübergestellt wird? Man sollte das einmal in kleinem Kreise, unbelastet von all dem Mißlichen, das von beiden Seiten aufgeschichtet wurde, offen erörtern. Es wäre eine Tat für die Befriedung des deutschen Judentums. Tas ist wohl keine Frage: der Leidtragende des jetzigen Zwistes ist das deutsche Judentum. Nur wer dieses nicht liebt, kann an solchen Kämpfen Genuatuung. finden. Ln einer Leit, in der alle deutschen Juden gemeinsame Arbeit leisten müßten, man denke nur an die unhaltbaren Zustände in einigen jüdischen Groß gemeinden, soll innere Fehde die Kräfte schwächen dürfen? Aber man denke auch an die Wirkung nach außen. Ganz mit Recht schreibt Adam Roeder in der C. V.- Zeitung, „daß es für die öffentlich - politische Auffassung geradezu ein Aergernis darstellt, wenn im deutsch-jüdischen Lager derartige Befehdungen, wie wir sie erlebt haben, Vorkommen". Es ist eine schöne Sitte, daß sich Gegner nach Beendigung chres Kampfes versöhnt die Hand reichen. Das sollte auch hier geschehen, und zwar nicht nur als Geste, sondern als Beginn wahrer Verständigung. Ich schätze das Wirken des C. V., von dem ich weiß, wie Außerordentliches er für das deutsche Judentum geleistet hat, wenn ich auch gerade in den letzten Jahren sehr oft seiner Taktik entschieden widersprechen mußte. Aber ich schätze auch einen Mann wie Naumann, der aus reinem Idealismus, aus heißer Liebe zum Teutschtum den Verband nationaldeutscher Juden schuf, schätze ihn, wenn ich auch den Zusammenschluß zu nationaler Betätigung in Abstammungsvereinen für verfehlt halte, zumal, wenn man, gleich Naumann und seinem Verband, meines Erachtens mit vollem Recht, verneint, „daß der Ursprung unseres Stammes für alle Zeiten die Richtungen unserer Handlungen Und Anschauungen bestimmen müsse". Tas grundsätzliche Wollen beider Verbände ist, selbstverständlich bei Abweichungen im Einzelnen, identisch. Und deshalb muß eine Atmosphäre geschaffen werden, die Vorkommnisse wie den Marx - Peyser - Prozeß unmöglich macht. Man glaube nicht, daß die Schuld an ihnen nur beim Verband nationaloeutscher Juden liegt. In dem vom Amtsgericht Karlsruhe gefällten Urteil erster Instanz heißt es z. B. ausdrücklich: „Auch kam für die Angeklagten strafmildernd in Betracht, daß sie durch die stellenweise recht spitzige und scharfe Schrift des Privatklägers über - „Das deutsche Judentum und seine jüdischen Gegner" zweifellos gereizt worden waren, während die vorausgegangene Schrift Tr. Naumann's „Vom mosaischen und nichtmosaischen Juden", die die Veranlassung zur Erwiderung des Privatklägers gegeben hat, nicht herausfordernd geschrieben war." Tr. Marx hatte in seiner Schrift behauptet, daß für den nationaldeutschen Juden die Taufe der Uebertritt zum Deutschtum ist. Als Beweis.für diese Behauptung war aus eine Stelle in Naumanns Schriften verwiesen. Tort aber war, im Gegensatz zu der Marx'schen Darstellung, die behauptere Tatsache ausdrücklich als in der Vergangenheit liegend gekennzeichnet, und war prinzipiell, insbesondere für die Gegenwart, die Taufe als Uebertritt zum Teutschtum scharf mißbilligt worden. Derjenige, der sich lediglich zum Zwecke der Betätigung oder vollen Auswirkung nationaldeutscher Gesinnung laufen läßt, wird mit Sätzen gekennzeichnet wie: „Er hat sich selbst ausgeschlossen aus der Gemeinschaft der nationaldeutschen Juden, die sich ehrlich als Juden wie als Nationaldeutsche bekennen. Um unserer selbst willen und um der ehrlichen Christen willen sagen wir ihm: Bleibe uns fern." Es ist bedauerlich, daß der entschiedene Protest von Mitgliedern des Verbandes nationaldeutscher Juden gegen die Marx'sche Schrift nicht die Klärung des vorliegenden Mißverständnisses und die Zurücknahme des erhobenen Borwurfes zur Folge hatte. Tie vergiftete Atmosphäre mag die Schuld daran tragen, daß die Forderung des Verbandes nationaldrutscher Juden nach Einsetzung eines unabhängigen Schiedsgerichts beim C.B. keine Beachtung fand, daß statt dessen durchs ein „Gutachten" von einigen Hauptvorstandsmitgliedern des C.B. das Verhalten des Hauptvorstandsmttgliedes Dr. Marx in wenig sympathischer Art gedeckt wurde, sodaß sich Naumann und Peyser schließlich genötigt glaubten, den Vorwurf der Fälschung zu erheben, um eine Klarstellung des Sachverhalts durch ein Gerichtsurteil herbe izuführen. Täs Landgericht Karlsruhe hat als zweite Instanz die ursprüngliche Strafe von je 70 Mark für Tr. Naumann und Tr. Peyser auf je 200 Mark erhöht, und dieses Urteil ^st in dritter Instanz bestätigt worden. Ter wesentliche Teil der Urteilsbegründung'lautet: „Es war daher auch zu prüfen, ob, soweit üble Nachrede vorlag, der Wahrheitsbeweis erbracht war. Tiefe Frage ist zu verneinen. Es ist zwar dem Angeklagten zuzugeben, daß der Privatkläger den Inhalt der Aeuß e r u n g des Angeklagten auf S. 37 der Broschüre „Vom mosaischen und nichtmosaischen Juden" objektiv nicht richtig mied erg egeben hat. Zu dieser Ueberzeugung muß man kommen, wenn man die Schrift des Angeklagten Naumann aufmerksam und im Zusammenhang liest und sich ihren Gedankengang klarmacht. Naumann hat tatsächlich nur die Vorkriegsverhältnisse gemeint und nur auf diese bezog sich die erwähnte Stelle. Besonders beweisend hierfür sind die in dem beiliegenden Exemplar angestrichenen Stellen S. 36, 38, 41 der Broschüre, die Gegenstand der Verhandlung war und ebenso ergibt sich aus der ebenfalls verlesenen angestrichenen Stelle S. 45, daß der Angeklagte Naumann nicht etwa die Taufe propagiert. Immerhin darf aus der andern Seite nicht verkannt werden, daß die Schrift in Frage der Taufe von einer weitgehenden Toleranz getragen ist, und daß die Ausführungen Naumanns stellenweile recht wenig klar sind. Eine absichtliche oder b willige Entstellung der Wahrheit aber, und eine solche wird in den der Privatklage zugrundeliegenden Aeußerungen von den Angeklagten dem Privatkläger vorgeworfen, läßt s i ch d e m P r i v a t k l ä - ger keineswegs Nachweisen. Tas Gericht ist auch überzeugt, daß eine solche nicht vorliegt. Es ist vielmehr der Ansicht, daß der Privatkläger, wie dies ja auch der Natur der Sache entsprach, bei Sammlung des Materials ür seine Streitschrift auch auf diese Stelle stieß und glaubte, ie in dem von ihm behaupteten Sinn auslegen und gegen seine Gegner auswerten zu können. Es ist sonach den Angeklagten nicht gelungen, den Nachweis für die Wahrheit ihrer Behauptungen zu erbringen." Mir scheint, das Urteil ist für keinen der Beteiligten erfreulich, besonders auch nicht für die, die sich, dazu hergaben, seinerzeit den „Gutachterausschuß" zu bilden. Mir scheint, das Urteil zeugt dafür, daß zwischen den Verbänden eine Atmosphäre besteht, die von den Einsichtigen in beiden Lagern geändert werden sollte. So wenig die E.B.er „Ghetto- Freunde" sind, so wenig ist Naumann Förderer der Taufe. Ich weiß nicht, ob es nötig war, daß in der C. B.- Zeitung der Epilog zu diesem Prozeß, gerade von einem konservativen Christen geschrieben wurde. Aber ich weiß, und die Maßgebenden im C. V. müssen es auch wissen, daß er irrt in dem Gefühl, „daß es sich bei dieser ganzen nationaldeutschen Bewegung in ihren Uranfängen um die Tätigkeit jüdischer Journalisten handelt, die ihre Verbindung mit der Hugenberg-Presse nicht aufgeben mögen." Daß ec irrt in der Annahme, Naumann lebe des Glaubens, von sich zu Ludendorfs oder „zu den blindwütigen Feinden des Judentums neue Brücken des Verständnisses zu Magen." Daß er irrt in dem Satz: „Es ist eine unglaublich^ Unterstellung, dem Gros der deutschen Judm die 100°/oige nationale Gesinnung abzusprvchen und sie für die nationaldeutschen Juden zu reservieren." Ich weiß,, und die Maßgebenden im C. B. müssen es auch, wissen, daß in diesen Sätzen dem Verband nationaldeutscher Juden Unrecht geschieht. Unrecht, das besonders schwer deshalb wiegt, weil die aufgestellten Behauptungen bereits hundertfach widerlegt worden sind. Dem deutschen Judentum drohen ernste Gefahren. Da sollte, und diesen Appell richte ich an beide Seiten, gegenseitiges Verstehen dem gegenseitigen Züfügen von Unrecht ein Ende bereiten. Da muß gefordert werden: Begrabt die Streitaxt! Macht Vorkommnisse wie den Marx-Peyser- Prozeß, unmöglich! Lernt Euch verstehen! Lernt Achtung! Liberalismus nnd Deutschjudenium Bon Erwin B a e r, Frankfurt a. M. Dem jüdisch-religiösen Liberalismus wird von nationaljüdischer Seite häufig der Vorwurf gemacht, er lasse sich von außerjüdischen und außerreligiösen, nämlich von deutschen und politischen Motiven bestimmen. Es kann kein Zweifel sein, zwischen ihm upd der Gedankenwelt des „Teutschjudentums" bestehen so enge Bindungen, daß seit vielen Generationen beide Ideologien bei Führern und Masse derart verschmolzen sind, daß sie garnicht untersuchen können und wollen, was an ihrem Liberalismus deutschjüdisch, was an ihrem Deutschjudentum religiös-liberal äst. So könnte man leicht zu der Meinung kommen, $0™^* zwei verschiedene Begriffe vor sich zu haben, einer Meinung, die jenem Borwurf Recht geben muß. Unbestreitbar sind aber liberales Judentum und Deutschjudentum nicht identisch. Rein äußerlich schon umfaßt das liberale Judentum mchr als das Deutschjudentum, denn es ist, auch abgesehen von dem zu fast allen Zeiten des Judentums bestandenen Prinzip des Liberalismus als heutiger Erscheinungsfonn, außer in Deutschland in einer Reihe von Ländern entwickelt. Das Deutschjudentum andererseits umfaßt wieder weit mchr als die liberalen Juden Deutschilands. Auch die orthodoxen Juden unseres Landes haben eine ganz bestimmte, sie von den Juden anderer Länder: unterscheidende Kultur, Denkweise, soziale Struktur, Erziehung, ja Einrichtungen des Kultus. Es braucht nur an die deutsche Predigt, an das Gebet für das Wohl des deutschen Vaterlandes und seines Volkes, an die musikalische Ausgestaltung des Gottesdienstes in den orthodoxen Synagogen erinnert zu werden. So könnte man nun wieder versucht sein, die Verschmelzung von liberalen und Deutschjudentum als nicht wesensbedingt, als ein äußerliches Zusammentreffen zu betrachten. Tann ließe sich, diese Verbindung durch jedes Zusammentreffen des religiösen Liberalismus mit irgendeiner anderen Ideologie ersetzen, und auch damit wäre der genannte Vorwurf berechtigt. Aber diese Verbindung ist keine zufällige. Das heutige Teutschjudentum und das heutige liberale Judentum gehen auf eine gemeinsame Quelle zurück: die Emanzipation. Liest man nämlich den Beginn der Geschichte der jüdischen Resormbewegung^), so liest man keine Geschichte des religiösen Liberalismus, sondern die Geschichte der Emanzipation als der Ursache desselben. Bewußtes Ziel dieser Emanzipation war aber, die Synthese von Deutschtum und Judentum, das Teutschjudentum hrrbeizuführen. Ueber dem ersten Kapital der jüdischen Geschichte dev jüdischen Reformbewegung steht der Name von M oses Mende! ss oh n. Mendelssohns Werk galt niemals dem liberalen, sondern dem Teutschjudentum. „Das Bekenntnis zur deutschen Bildung aus dem Bewußtsein, der geschichtlichen Aufgabe, Lehrer und Wegbahner deutscher Bildung für seine Glaubensgenossen.zu sein, war Menoelssohns bewußte Reform", so schließt dieses Kapüel. Das ist Deutfchjudentum, aber kein liberales Judentum, Ebenso wie seine Bibelübersetzung stärkstes Gestaltungselement des Deutschjudentums und nicht des Liberalismus. Mendelssohn zählte sich ja gar nicht zu. der Weltanschauung, die wir jüdischen Liberalismus nennen. Das führt Rechtsanwalt Dr. Alfred Wiener in einem Aichatz: „Zur Würdigung der geschichtlichen Bedeutung Moses Mendelssohns"^, aus: Isoliert 'man die Persönlichkeit Mendelssohns, dann wird er trotz der WaMungen des Jahrhunderts unbedingt zur Orthodoxie zu rechnen sein. Stellt man abey sein Wirken physiologisch im Sinne der geschichtlichen Abfolge, dann ist nicht zu leugnen, daß seine geistige Welt auch die Keimzelle für die Zerbröckelung des überlieferten Judentums für Neologie und religiösen Liberalismus." Erklärt Wiener, daß im „Wirken Mendelssohns schon die Tendenz zu einer Scheidung des Ewigen unp Zeitlichen im Judentum lag", so zeigt Seligmann, „daß von der europäischen Bildung her mcühtige Einflüsse in Mendelssohns Seele fluten, die ihm zu jenem weitherzigen Universalismus treiben, daß er alle geoffenbarten Glaubenslchren verwirft" und beweist, daß bei Mendelssohn die Theorie picht die Ursache der Praxis, sondern die Praxis die Ursache der Theorie war. Die Praxis aber war, „daß Mendelssohn, und zwar als erster, die VermMung zwischen deutscher und jüdischer Kultur vollzog, daß er gleichfalls als erster in freundschaftlichem, sozialen Verkehr mit seiner andersgläubigen Mitwelt trat." . So ergibt sich als Beziehung: Die Erscheinung des jüdischen Liberalismus verdankt ihre Entstehung und ersten Theorien den praktischen Bedürfnissen des Deutschjudentums. Verfolgen wir die Geschichte des Liberalismus von damals bis heute, immer wieder finden.wir, ex verdankt ieina Führer und seine Anhänger, seine Einrichtungen und seine Formen und schließlich die Ausarbeitung seiner Theorien dem Deutschjudentum, d. h. der Vermählung jüdischer Weltanschauung und jüdischen Lebensinhalts mtt deutscher Kultur und deutschen Lebensformen. Das Schulwerk, das in den Jahtzehnten des vorigen Jahrhunderts geschaffen wurde und bekannte, noch heute blühende Anstalten aufweist, nimmt der Liberalismus gern für sich in Anspruch. Tatsächliche war es ein Werk des Deutschjüdentums, geschaffen zur Aufgabe, die die Fessel des Ghettos abstreisende jüdische Jugend zur deutschen Kultur hinzuführen. Aber aus dem Boden dieses Schulwerks keimten die ersten Reformgedanken, vertieften sie sich. „All seinenr iesigen geistigen Fortschritt und seine wissenschaftliche Vertiefung in der Zeitspanne von Friedländer bis Johlsohn verdankt der Reformgedanke der vom Teutschjudentum geschaffenen Schule. So ist aus ihr auch jene bedeutsame Reform hervorgegangen, die dem jüdischen Leben der ersten Jahrzehnte des 19. Jahchunderts ihre religiöse Signatur, verleiht: die Reform des synagogalen Kultus. Auch, sie ist eine Folge der Emanzipation. Leigt Seligmann. Spater zitiert er Clbogen: „Von oer gewaltigen Veränderung im Leben und Denken der Juden konnte der Gottesdienst nicht unberührt bleiben. Seine Formen entsprechen nicht mehr den Anforderungen der neuen Zeit." Diese Formen des Gottesdienstes, die deutsche Predigt, die deutsche Orgel, die Bevdentschung vieler Gebete, das Weglassen der auf den Opsechienst in Jerusalem bezüglichen Stellen schöpfte der Liberalismus aus den Quellen des Deutschjudentums. Die Männer, die diese Reformen erkämpften und ausgestalteten, waren nicht Rabbiner, die ihre theoretischen Erkechitnisse in die Praxis um* wechseln wollten, solchem im praktischen Leben stehende Persönlichkeiten, die die Synthese suchten zwischen ihrem jüdischen Glaubens- und ihrem deutschen Kulturinhalt, deren Theorie wie bei Mendelssohn nicht Ursache der Praxis, sondern deren Praxis Ursache ihrer Theorie war. Hier könnte der Einwand erhoben werden, daß diesen. Männern das Teutschtum Primat und der Liberalismus nur Hilfsmittel, damit tatsächlich aus politischen und sozialen außerjüdischen Motiven geboren sei.! v Tas ist nicht der Fall. Denn seine Zielsetzung ist eine' rein jüdische, nämlich wie es im letzten. Absatz der „Richtlinien" begründet wird, die überlieferte Religion mit dem Denken und Fühlen und mit den Lebensmöglichkeiten unserer Zeit auszugleichen, für die echebenden Grundwahrheiten und sittlichen Ideale unserer Religion in Bekenntnis und Leben zu wirken, das Verständnis dafür wachzuhalten, daß das Judentum in der Gegenwart seinen Platz und in der Zukunft seine unersetzliche Bedeutung hat. Um diese jüdische Ausgabe zu erfüllen, fand der Liberalismus seinen Weg aus den Bedürfnissen der Praxis. Diese Herkunft kann und will er nicht verleugnen, denn sie verlecht ihm gerade seine Lebensberechtigung, seine Lebens Notwendigkeit. Wer dagegen einwenden wollte, der Liberalismus sei nichts als Anpassung, der verwechsele das Judentum mit einer seiner Richtungen. Wollte der Liberalismus eigene Prinzipien aufstellen: er wäre eine Sekte außerhalb unserer Religion und nicht eine Richtung innerhalb derselben. Dies hat er mit dem Konservativ mismus gemeinsam. Auch der Konservativismus begründet, analog dem oben aufgeführten Absatz der liberalen Richtlinien, seine Richtung damit, daß jeder andere Weg, aus den ewiyen Wahrheiten des Judentums herausführen würde, wie es m dem im Mittelpunkt der Gründungsversammlung der jüdisch-konservativen Bereinigung stehenden Bortraa von Rabbiner Dr. Rosenthal-Köln „Das konservative Judentum als Lebens- und Weltanschauung"') hieß: So ist das liberale Judentum etwas durchaus vom Teutschjudentum verschiedenes; es ist der parallel dem konservativen Judentum verlaufeich« Weg, der inmitten dem Denken und Fühlen und den Lebensmöglichkeiten unserer Zeit die überlieferte Religion des Judentums lebendig erhalten soll. Damit ist es ebenso unvorstellbar ohne das Judentum' als auch ohne das Denken und Fühlen, ohne die Lebensmöglichketten unserer Zett. Diese aber sinh für die Juden unseres. Landes einzig unp allein das Deutschjudentum. Oder findet sich unter ibiyen noch eine Form des Denkens und Fühlens, finden sich andere Lebvis Möglichkeiten^ die mit der überlieferten Religion auszugleichen dem Lilismus Gelegenheit und damtt notwendige Aufgabe wäre? Unter den jungen liberalen Rabbinern Deutschlands sind heute einige, die eine solche im Zionismus zu sehen glauben. So müssen wir diesen daraufhin untersuchen. Da ist zunächst festzustetlen: Als Lebensform, als Zustand wie das Deutschjichentum, existiert der Zionismus in Deutschland überhaupt nicht. Er besteht so in Palästina und soll dort genau so Ausgangspunkt des Liberalismus sein.