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Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-11-04 · 44 (4.11.1927) · page 6

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
44 (4.11.1927)
Date
1927-11-04
Page
– (sequence 6)
Language
German
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V. >r-~T. MI », ».'MW. f'myjl ',t«wy zuvorrukommen, daß er in früher Jugend — aber lediglich aus familiären Gründen. die ihm weder Leben noch Tod entreißen würden, — den väterlichen Namen abgelegt und mit dem Pseudonym Maximilian Harden, das er später auf legalem Wege als bürgerlichen Namen erwarb, vertauscht habe. Seinen Glaubenswechsel, der chm allzeit viele seiner verständnisvollsten jüdischen Leser entfremdete, während er die christlichen abstieß und mißtrauisch machte, suchte er in dem gleichen Vorträge durch „U e b e r z e u g u n 9" zu motivieren. Aber es war dies die schwächste Stelle seiner Ausführungen wie wohl seines ganzen Lebens. Tenn niemand, der den unerbittlich zersetzenden Analytiker und den großen Hasser Maximilian Harden wahrhaft kannte — gleichviel, ob beseelt von Verehrung oder von entgegengesetzten Gefühlen — hätte chni geglaubt, daß gerade er aus eigener Gesinnung zu einer Religion überzutreten vermochte, die da lehrt, noch seinen Feind zu lieben, oder, wenn man einen Streich ruf die linke Wange erhalten habe, auch die rechte in Temut hinzuhalten. Und es mag wohl, angesichts der Schicksalhäftigkeit dieses Menschenlebens, kein bloßer Zufall gewesen sein, daß Sarden, nachdem er eine zehnjährige erfolglose Laufbahn als chauspieler hinter sich hatte, seine ersten großen schriftstellerischen Triumphe im „Berliner Tageblatt" unö in der „Gegenwart" errang unter dem Namen „Apostata". Sein „Unterbewußtsein", so würde die Psychoanalyse lehren, hat ihn vielleicht gerade diesen „Nom de guerre" wählen lassen. Sein Gewissen, würde die Kirche wähnen, zu der er sich offiziell bekannte. Apostatü. Symbol ist alles. Tenn eben ein großer Abtrünniger ist Harden.eigentlich Zeit seins Lebens gewesen und geblieben. Abtrünnig ward er Menschen und Meinungen (fremden und eigenen), sodaß er, dem es im Blute lag. argwöhnisch zu sein, toujours en vedette, gleich: dem von ihm verleugneten Stamme stets ans einer vermeintlichen Defensive in eine streitbare Offensive überzugehen, am Ende eines langen, arbeits- und erfolgreichen Daseins vereinsamt und von Mißtrauen umlauert dastand: „Weiß doch keiner, an wen der glaubt". — Inst wie in dem Schillecschen Wallenstein, wurden auch Harden gegenüber aus den glühendsten Schwärmern und Adoranten allgemach Zweifler, Skeptiker, Kritiker; entwickelten sich aus begeisterten, opferfreudigen Freunden fanatische und erbarmungslose Feinde. Maximilian Harden, dessen überragende Rolle um die Jahrhundertwende von der heutigen Generation weder geahnt noch begriffen werden dürste, da ihresgleichen in der Gegenwart nicht existiert, hatte alle Fehler seiner Tugenden. Und eben diese Tugenden nebst ihren Fehlern waren Extrakt jener R a s s e, die er vergebens zu verleugnen trachtete. Sein psychologisches Einfühlungsvermögen, sein sprachschöpferisches Genie, das erst mit vorrückenden Jahren und zunehmender Verbitterung in stilistische Unarten und artistische Wortgaukelei umschlug, sein Talent, Menschen, Dinge und Ereignisse zu zerlegen und bis in die verstohlensten, verschwiegensten Wurzeln ihres Seins und Scheins aufzudecken; sein phänomenales Gedächtnis, das ihk zu einem Polyhistoriker erster Ordnung machte, aber auch seine geheime Unrast, seine vielleicht einer tief inneren Unsicherheit entspringende Wandelbarkeit, die chn häufig heute verbrennen ließ, was er gestern angebetet halte; seine schauspielerischen Gaben, die dein Menschen mehr zugute kamen als ehedem dem Berufsakteur; seine Kraft des Hasses, die kein Pardon gab, nicht zuletzt aber sein Verlangen nach jener siegreichen Selbstverständlichkeit und Unbefangenheit, womit er die Söhne Teuts (die sich an Verstand und Wissen mit ihm nicht im entferntesten messen konnten) chrer Wege wandeln sah'; seine verzehrende Sehnsucht nach dem „anderm Ufer", die ihn zum Parteigänger der märkischen Junker machte und ihm nach einer den jugendlichen Journalisten überwältigenden ersten Beaegnung mit dem grollenden Altreichskanzler, einen neuen Lebensinhalt schenkte, nämlich: die leidenschaftliche Liebedienerei für den Alten vom Sachsenwalde und den Kampf wider desseni Gegner, Wilhelm II. (mit dem Harden dabei die gleichen imperialistischen Ziele verbanden); alle diese Begleiterscheinungen des Hardenschen Erdenwallens werden nur erklärlich, durch den von chm in schwächster Stunde abgeschworenen Menschheitsadel aus tausendjährigem Blut. Tie Problematik der Hardenschen Natur grub tief in das atavistische Geäst ererbter, stammeseigentümlicher Neigungen und Gaben. Falsche Scham aber verbot chm, Gut und Böse dieser eingeborenen Anlagen zu erkennen, geschweige denn, zuzugestehen. So ward er zum Schauspieler, längst, ehe er seinen Fuß auf jene Bretter gesetzt, die die Welt bedeuten. Und ein Schauspieler ist er geblieben, auch nachdem er die Theaterwelt endgültig mit dem Welttheater vertauscht hatte. Immer hat er eine Maske getragen; oft ist er auf hohem Kothurn einhergeschritten; und nur zu häufigwenn er in pathetischen Gewändern auf der politischen Bühne erschien, glaubte tie, schürfender Blick einen armen, ahasverischen, um Applaus buhlenden Pojaz in ihm wahrzunehmen. (Weshalb auch seine innigste, produktiv fördernde Liebe vielleicht dem Bühnenleben und seinem Mummenschanz zugute kam.) So radikal Harden auch den äußeren Schein des Judentums von sich geworfen hatte, um sich zuweilen sogar seines Renegatentums zu brüsten: eines vermochte er nie und nimmer auszurotten. Das war das innere Ghetto in ihm, aus dem all seine Vorzüge wie seine Mängel flössen. C'etair plus fort que lui. Hardens Sphäre und Atmosphäre hieß Mißtrauen. Hardens Wehr und Waffe war Kritik, Polemik, die vor Blasphemien und Sakrilegien nicht zurückscheute. Er war der geborene Baron Mephisto. Mit elegantesten Gesten der „Geist, der stets verneint". Das Ressentiment eines entrechteten und geknechteten Stammes wühlte und brannte in seinen Ädern und ließ in ihm einen Kämpfer erstehen, der, scheinbar nur aus persönlichen Interessen, die feinsten und schärfsten. Waffen führen und virtuos zu meistern lernte. Daß die Spitzen dieser Waffen zuweilen mit Pseilgifi getränkt waren, machte sie nur noch gefährlicher und gefürchteter. So ist Maximilian Harden zum genialsten Pamphlet ist en seines Zeitalters geworden. Ein Eiferer und Geiferer — aber doch begrenzter und beschränkter als die großen Pamphletisten früherer Jahrhunderte, wie beispielsweise ein Pietro Aretino, dessen gersermäuliger Zynismus eine ganze Kulturepoche umfaßte, oder gar eines Voltaire, dessen Geißelhiebe auf die Menschheit hermedersausten, um sie aus der Trägheit chrer Herzen und Hirne zu erwecken. Maximilian Harden, dessen Feder, je nach Bedarf, einem wuchtigen Schwerte, einem gleißenden Degen von tänzerischer Geschmeidigkeit, oder auch einem tückischen Dolche gleichen konnte, war nur möglich als Widerpart eines Einzigen, nämlich Wilhelms II. Im Schatten des Titanen, der klug genug war, den jungen Harden zu erkennen, wie er den jungen Lrssalle erkanint hätte, war der Haß gegen Deutschlands letzten Monarchen in Harden hineingegosien, nein besser, sorglich hineingeträufelt worden wie das „schwärend' Drachengift" m das Ohr von Hamlet's Vater. Ter junge jüdische Journalist saß dem impetuosen deutschen Genius gegenüber, der ihn sich durch raffiniert gemischte Schmeichelei und scheinbare Vertraulichkeit zu einem gefügigen Werkzeug seiner eigenen unerbittlichen Rachegirr erzog. Wie David mit der Schleuder, unerschrocken und unbesonnen, trat alsbald der junge Harden im Dienste eines Größeren auf den Plan und schoß einen treffsicheren Pfeil wider den Autokraten auf dem deutschen Kaiserthron. Was Harden an Haß, Mißtrauen, Menschenverachtung nicht im tausendjährigen Blute trug, das lernte er au der Mu-elle von dem großen Hasser in Friedrichsruh. Hardens We^k und Wirken ist unlöslich verschmolzen mit der Regierwngszeit Wilhelms II. Und daher war auch sein Schaffen eigentlich beschlossen, als der letzte Hohenzoller geräuschlos dem Thron entwich, den er drei Jahrzehnte so g e r ä u s ch v 0 l eingenommen. Als schonungsloser Chronist und Kritiker eben dieser wilhelminischen Epoche wird Maximilian Hardens Name verdienstvoll in die historischen Annalen übergehen. Tenn, ausgerüstet mit den brillierenden Gaben eines unerhört beweglichen Geistes, einer unvergleichlichen Sprachkunst (die allerdings später in unerträgliche Künstelei ausartete) sowie einem vielfach bewunderungswürdigen Mute des Angriffs, ist Hardens Mission, sein umfängliches Lebens werk, als Ganzes betrachtet, doch eher zerstörender als aufbauender Natur gewesen. An fast alle Erscheinungen seiner Zeit hat er die blanke Sonde seiner messerscharfen Kritik zu setzen gewußt, und es war Jahrzehnte hindurch ein ästhetischer Genuß, der Präzisionsarbeit dieser Sonde zuzusehen. Er erhob seine Kritik, gleichviel, ob sie Gesellschaft, Theater oder Imperium traf, stets zu den Gipfelhöhen einer subtilen und sublimen Kunst. Und dennoch ist das Wesen dieser Kunst im letzten unfruchtbar geblieben. Denn wenn sein Tadel oder seine Mißachtung auch, häufig ins Herzblatt von Menschen und Ereignissen trafen, so wußte er doch eben nur zu tadeln und zu mißachten. Niemals aber vermocht« er Wege zu weisen, die zu Besserung oder Aenderung hätten führen können. Ein Meister der zersetzenden, zerfetzenden Analyse, versagte Harden vollkommen vor jedem Ansatz zur S y n t h e s e. Er wußte nur einzureißen, nicht aufzubauen. Darum lag auch eine gewisse nur dem oberflächlichen Beobachter nicht wahrnehmbare Gerechtigkeit darin, daß mit dem Schicksal seines gekrönten Gegners auch sein eigenes vollendet war. Seine Sendung erlosch mit des Kaisers Sturz. Tenn „das Gesetz, nach dem Wilhelm II. und Maximilian Harden angetreten", war das gleiche. Gemeinsame Eigenschaften verbanden die beiden Todfeinde. Es war eine Wahlverwandtschaft zwischen ihnen, die jeder von ihnen entrüstet von sich gewiesen hätte, und die doch böide in den gleichen Ring des Geschehens schmiedete. Reizbarkeit, Sprunghaftigkeit, launenhafte Willkür, ein unzähmbarer Wille zur Macht, hohles Pathos und ein ausschließlich egozentrischer Wille, der immer nur um Höchstsich selbst kreiste, waren beiden, dem Kaiser wie seinem Kritiker, eigen. Und unbeirrbar zeichnete Klio das Schicksal beider Lebensläufe im Buch der Geschichte ein. Allen Schmeichlern und Speichelleckern zugänglich! — der Kaiser, wenn sie von unten, Harden, wenn sie von oben kamen — vertrugen beide nur schwer die Wahrheit, die beide gerne als Wurfspeer schleuderten, wandelte sich, beiden jeder Freund im Laufe der Jahre zum Feind. Vereinsamt lebt der eine. Vereinsamt starb der andere. Beide sind Exponenten einer ungesunden, nenrasthenischen, machthungrigen Zeit gewesen. Tenn auch Harden hatte sich,, seit sein gigaMischer Gönner vom Sachsenwalde in das große Schweigen eingegangen war, von dm unverantwortlichen Strömungen des imperialistischen Deutschlands nicht frei halten können. Er hat den Weltkrieg mit schmetternden Fanfaren begrüßt, und sein kriegsh Herrscher Annexionismus ging noch wett über die Alldeutschesten der Alldeutschen hinaus. Sprunghaft, kapriziös wie vieles bei diesem sehr femininen Manne, vielleicht auch aus dem trüben Sumpf rätselvoller Stimmungen, vielleicht auch aus der reinen Quelle authentischer Informationen stammend, setzte bei Harden jählings der schier unbegreifliche Umschwung zum Defaitisten und Pazifisten ein. Er wurde der Prophet des Präsidenten Wilson und wähnte, in dem neuen Staat, der aus den Trümmern des alten Reiches mühsam gezimmert werden mußte, zu einer führenden Rolle berufen zu werdm. Und Enttäuschung und Erbitterung übermannten ihn, als er erkennen mußte, daß seine Hoffnung eüel gewesen^ daß f.ein Reich nicht mehr von dieser Welt war, sondern untergegangen mit dem Reiche seines kaiserlichen Gegners, Wilhelms II. Trotzdem und alledem plante der Mann, der Tausenden und Abertausenden als staatsmännischer Apostel, wenn nicht gar Messias gegolten hatte, aber dessen Züge längst einen hippokratischen Zug trugen, eine neue Renaissance, nämlich die Wiedergeburt seines großen, unvergeßlichen Lebenswerkes, der von ihm durch drei Jahrzehnte selbstherrliche geleiteten politischen Zeitschrift „Die Zukunft". Vielleicht war es gnädig von der Vorsehung, chm eine letzte größte Enttäuschung zu ersparen. Denn Maximilian Harden, der den Besten seiner Zeit genug getan, hatte dem heutigen Geschlecht nichts mchr zu geben. Sein Name wird fortleben in der Geschichte der wilhelminischen Aera, deren mutigster und erbarmungslosester Angreifer er war. Wir aber, die wir den inkommensurablen geistigen Reichtum dieses Mannes, sein enzyklopädistisches Wissen, seine proteusartig schillernden Gaben und — die große Sehnsucht seiner Seele nach einer positiven, seiner Persönlichkeit kongenialen Aufgabe kannten: wir haben im Leben die Zersplitterung seiner'vielfältigen Kräfte bedauert, und wir stehen heute trauernd an der Bahre dieses bedeutenden Mannes, der, obzwar er sich frühzeitig von uns losgesagt, doch bis in die geheimsten Fasern seines Wesens einer der unfern war. Und wir können uns einer gewissen Resignation nicht erwehren, die da für und für raunt: Ein großer Aufwand ward schnöde hier vertan. Ein Maximilian Harden wird nicht alle Tage geboren. Und darum dünkte er uns zu schade, Jahrzehnte hindurch Schattrohr und „Speaker" selbst eines „eisernen Kanzlers", geschweige denn der vielen „grauen Eminenzen und Exzellenzen" zu sein, durch deren Vertrauen er sich geschmeichelt fühlte. Aber da er aus dem Grunde seiner Seele eine asoziale , Natur war, hatte die imperialistische Götzendämmerung, die dem sozialistischen Morgenrot weichen mußte, keinen Platz mehr für ihn. Sein letztes Stichwort war längst gefallen. Verwelkten Lorbeer auf der adlig gemeißelten Stirn, mag er als einer der großen Akteure einer stets auf Kulissenwirkumg brachten historischen Aera eingehen in das Pantheon der Weltgeschichte! Das Weltgericht wird chm post hume Gerechtigkeit widerfcchren lassen, indem es sein Wollen, nicht seine Taten als Maßstab anlegen wird. ri.,JnwM.wnHi,. iiwi.ihi. Don der jüdisch-konservativen Vereinigung Die jüdisch-konservative Bereinigung hielt den Zeitpunkt für gekommen, einen Vorstoß in das liberal eingestellte Leben Westfalens zu machen. Hierzu wird uns aus Dortmund geschrieben: Am Sonntag, den 23. Oktober, sprachen zwecks Gründung einer Ortsgruppe der jüdisch-konservativen Vereinigung Rabbiner Dr. Rosenthal, Köln, Rabbiner Dr. Neuhans, Mühlheim a. d. Ruhr, Dr. Jsi Kahn, Berlin, Moritz A. Loeb, Berlin. Ein übervoller Saal bewies das Interesse, das allerdings — soweit Westjuden erschienen waren — mehr einem sensationellen Bedürfnis entsprang, denn einer ernsthaften Einstellung zum konservativen Judentum. Die Hauptzahl der Besucher waren Ostjuden, die denn auch die Anmeldungslisten füllten, die Westjuden trugen.sich nur vereinzelt ein. Ter Vorstoß war also ein Stoß ins Leere, denn der P,wservativen Vereinigung wird es bei ihrem Bemühen und indem sie die prominentesten chrer Köpfe herbeirief, mehr um die abseits sichenden Westjuden zu tun gewesen sein als um die ostjüdischen Brüder, die sie an sich schon als zu sich gehörig! betrachten kann. Sämtliche Redner sprachen vom konservativen Standpunkt aus sehr wirkungsvoll und auch vom liberalen aus fiel manches treffende Wort. Im Kampf gegen den Jndifferentismus mögen sich beide Richtungen die Hände reichen. — Was aber so ganz besonders den bewußt positiv liberal eingestellten Hörer überraschte, das war der Ton gegenüber dem Liberalismus. — Ihm ward vielleicht zum ersten Mal in einer Versammlung der Orthodoxie die Anerkennung seiner Lebensnotwendigkeit und seiner auch jüdisches Leben entwickelnden Form zuteil. Der Grundton aller Redner war: Frieden, Frieden und nochmals Frieden. — Diesem Frieden entsprach darum auch der einzige liberale Redner des Abends, Rabbiner Dr. Appel, der aber auch darauf hinwies, daß es von jener Seite schon anders geklungen und man dem Liberalismus nicht allein die Berechtigung und Notwendigkeit abgesprochen, sondern auch Kampf bis aufs äußerste angesagt habe. Im Interesse dieses immer wieder hervorgehobenen Friedens verzichteten die anwesenden Liberalen auf das Wort, ohne auf die vielen angeschnittenen Fragen vom liberalen Standpunkt aus eine Antwott zu geben. Aber eine Frage sei im Anschluß daran an die jüdischkonservative Bereinigung gestellt, die es doch mit der Thoratreue so genau nimmt, also auch das Zehnwort kennt und in ehrlicher Ueberzeugung ihrer Meinung stets in gleichem Sinne Ausdruck gibt. Werden die Interessen und Ziele der jüdisch-konservativen Bereinigung von zwei verschiedenen Herren des gleichen Namens vertreten? Welcher Herr Dr. Jsi Kahn, Berlin, vertritt die eigentliche Meinung derselben? Herr Dr. Jsi Kahn, Berlin, der in Dortmund sprach und als Grundforderung aller Arbeit den Frieden nennt — auch gegenüber dem Liberalismus —, oder jener Herr Dr. Jsi Kahn, Berlin, der in Emden sprach, woselbst unter dem Vorsitz des Rabb. Dr. Blum, Emden, nach dem Bericht des Hamb. Jsr. Familienblatt Nr. 41 v. 13. 10. 27 der Landesverband Ostfriesland der jüdisch-konservativen Partei gegründet wurde. In diesem heißt es: „Der Kampf gilt nicht nach rechts und nicht dem Zionismus, der Kampf gilt dem Liberalismus, der ohne innere Berechtigung heute noch in den meisten Gemeindestuben herrscht." Jüdisch-konservative Vereinigung ist Zwiespältigkeit und Doppelzüngigkeit Deines Wesens Art? U. A. w. g. Das jüdische Lexikon Berichtigung. In meiner Besprechung des „jüdischen Lexikons" nahm ich Bezug aus das Nichtvorhandensein eines Artikels über die „Chelmer Narren" und rügte das Fehlen des Namens Ahron Choriners. Dies beruht auf einen Irrtum; in Wirklichkeit sind beide Artikel vorhanden. Was das erste betrifft, so wollte ich nur auf die Verwechselung der beiden Ortsnamen Hinweisen. In Wirklichkeit gehören die „Chelmer Narren" ebensowenig wie die „Janischker Ganovim", „Zeikischker Ziegen" usw. usw. in ein „Handbuch des jüdischen Wissens". Auch Stichworte wie „Kelmer Maggid" sind abwegig. Unzählige Städte und Städtchen im Osten haben ihre weit über die Grenzen ihres Wohnortes bekannten, sprichwörtlich gewordene Rabbonim, Chasonim und Maggidim. die mit Boransetzung ihres Heimatsortes genannt werden. Oder sollen auch der „Daukschizer Jlluj", der „Linkever Melamed", der „Schadower Meschnggener" und die „Telscher Jeschiwa" ihre Stichworte erhalten? In diesem Falle sollte das Werk weder sich als „Handbuch des jüdischen Wissens" ausgeben, noch Eingang unter das gebildete Publikum fordern. Bedeutende und besonders bekannte Personen haben ihre Eigennamen. Das Vorhandensein des Artikels über Choriner ändert selbstverständlich das Urteil über das Werk nicht um ein Jota. Es sollte nur aus das Fehlen vieler wichtiger Artikel hingewiesen werden, und gemäß dem Gesetz Ex. 81, 37 will ich den Ersatz vierfach leisten: Ich vermisse einen Artikel über die in der mystischen Literatur so bekannte Dämonin A g r a t, Tochter der Machlat, über die schon der Talmud viel zuberichten weiß. Einer etwaigen Erwiderung, der unvokalisierte Name könne auch E g r a t oder I g r a t gelesen werden, muß ich schon jetzt entgegentreten: die traditionelle Lesart ist Agrat, so schreiben die Lexikographen, und dem entspricht die sprachliche Ableitung (vom pers. agra). Die Dame fehlt nur aus dem Grunde, weil ihr Name in den biographischen Handbüchern und in den Registern zu den Geschichtswerken nicht zu finden. Ich vermisse ferner einen Artikel über die a g a u i s ch e Sprache, die die Juden in Abessinien unter sich sprechen, wovon auch der Falaschaartikel nichts zu berichten weiß. Unter den vielen B l 0 ch s, worunter Namen, die in der jüdischen Literatur und Wissenschaft und (mir tvenigstens) auch sonst gänzlich unbekannt, fehlt der Name des durch seine lehrreichen Schriften bekannten Samson Bloch, eines der Kulturpioniere in Galizien in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Endlich fehlt der Name des Chronisten David Conforte, dessen bedeutendes Werk jedem Literaturkenner bekannt. Das Fehlen des Wortes Chasan ja oder Chasanaja für Gebetsammlung, wichtiger als das in der Literatursprache unbekannte B e n s ch e r, soll in anderem Zusammenhang besprochen werden. Mehrere Anfragen verlangen Erklärung des von mir gebrauchten Satzes „weophssa hahochma würde der Türmer gesagt haben", worunter eine Malice vermutet wird. Die Harmlosigkeit soll folgende Erklärung zeigen. Dir Buchstabenzahl (Gimatria) der hebe. Worte weophssa hachochma (dahin die Weisheit) beträgt 230, entsprechend den „23V Gelehrten und Schriftstellern", deren Mithilfe am „jüdischen Lexikon" genannt wird. Mit derartigen Wortspielereien befaßt sich ein Pentateuchkommentar des bekannten Rabbi Jakob ben Ascher, schlechthin Las! knturim (Herr, d. h. Verfasser der Turim) genannt, hier scherzhaft der Türmer geheißen. Ich kann es nicht unter»

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