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Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-11-04 · 44 (4.11.1927) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
44 (4.11.1927)
Date
1927-11-04
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Jo viel wohltätige Wirkungen gehabt wie diese. Ml die Störungen, über die — besonders an den hohen Feiertagen — in den Synagogen geklagt wird, sind mit einem Schlage fortgefallen. Rach Zaum Kippur sagt« «ine Frau zu mir, heute habe sie zum ersten Mal einen wahren Jaum Kippur voller Andacht gehabt, den Mann zur einen, das Kind zur anderen Seite. Diese Ansicht ist bei uns jetzt allgemein. Durchgeführt haben wir ferner das Prinzip: kein Gottesdienst ohne Ansprache. Das ist natürlich eine starke Belastung des Predigers. Aber wir haben auch damit gebrochen, daß lange Predigten gehalten werden; die kurzen 8—12 Minutenpredig-ten, die in knappster Form etwas sagen, sind nach den bisherigen Erfahrungen die wirkungsvollsten in unserer Synagoge, in der nicht die Jmellektuellen, sondern der sogenannte kleine Mann in der Mehrzahl ist. Aber wir glauben, daß unsere Erfahrung auch für all« Synagogen zutreffen dürfte. Dann haben wir gebrochen mit der fast zu einem Unfug gewordenen Art des häufigen Kaddisch-Sagens. Mit Ausnahme des stimmungerweckenden Mußafkaddischs an den hohen Feiertagen gibt es in jedem Gottesdienst nur einen Kaddisch, den der Leidtragenden. Und der ist — mit Ausnahme von Kolnidre — nicht ans Ende gelegt, denn jeder Gottesdienst soll mit einem Hochgefühl geschlossen werden. Auf alle Gedanken unseres Gottesdienstes kann ich in den wenigen Minuten nicht eingeheu. Aber den Kern muß ich noch vorführen: das ist das Prinzip der verstärkten WirkungsMöglichkeit der Gebete, der Aktivierung der Beter und der Beweglichkeit des Gottesdienstes. Religiöse Wirkung ist unmöglich bei der Fülle und Länge der Gebete und bei der gewöhnlichen Art des Heruntersagens. Deshalb war eine Verkürzung unbedingt nötig. Aber kein Teil des Gottesdienstes darf wirkungslos bleiben, besonders nicht die wertvollen Gebete und Psalmen aus dem Schacharis, die gewöhnlich völlig unbeachtet vorübergehen. In wie vielen Synagogen ist denn überhaupt jemand vor der Thoravorlesung im Gottesdienst anwesend? Darum nicht viel herunterbrabbeln, aber starkes Hervortreten der ausgewählten Teile, besonders der responsorischen Teile, an denen die Gemeinde aktiv beteiligt ist. Wir sangen auch am gewöhnlichen Sabbat gleich mit dem Chor an, ein Lied von Gabirol, eins der Morgengebete hebräisch, eins deutsch, ein Psalm hebräisch oder deutsch, immer wechselnd, Psalm 150 in der Sulzerschen Komposition vom Chor, das Nischmas in der Uebertragung von Franz Rosenzweig usw. M. D. u. H., das wirkt ein auf die Gemeinde, wenn sie diese schönen Gebete und Psalmen und Lieder kennen lernt, die sonst völlig verloren Sehen. Und nun das Zweite: die Thoravorlesung. Darin sind wir den Weg gegangen, den Pros. Elbogen empfiehlt. Wenn wir auch in der Hauptsache die Reihenfolge der Wochenabschnitte beibehalten, so lesen wir doch nur die Stellen, die wirklich wertvoll sind. Am Abend wird ein Auszug daraus verlesen, damit die Beter erfahren, welchen Grundgedanken der nächste Tag hat. Diese Vorlesung bildet gewissermaßen die Einleitung zu der darauf folgenden Prcdigtansprrche. Bei der Thoravorlesung am Vormittag haben wir ein anderes Prinzip als bei der vorhin erwähnten Reformgemeinde. Bon dem traditionellen „Aufrufen" sind wir nicht abgegangen, weil möglichst viele Leute aktiv am Gottesdienst zu beteiligen sind. Wir versuchen — aber es gelingt natürlich nicht immer —, daß jeder seinen Abschnitt aus dem Sefer selbst lieft. Vor der hebräischen Vorlesung wird — und zwar meist aus Laienmunde — der ganze, nachher im Trop zu lesende Abschnitt deutsch vorgetragen, und diese Einrichtung hat die lebhasteste Anteilnahme des Publikums erweckt. Charakteristisch für unfern Gottesdienst ist drittens das Prinzip der Beweglichkeit: Weder in der Auswahl noch in der Form gibt es eine Stereotypierung, insbesondere des deutschen Gebetes. Es ist keine leichte Arbeit für den Prediger, jedesmal die Gebete, Psalmen, die Vorlesung, die Prophetenstücke aujs neue auszusuchen und zu gestalten. Und diese Arbeit wird besonders schwer durch die Forderung, daß jeder Gottesdienst, besonders der wichtige Abendgottesdienst, ein« geistige Einheit bilden und eine bestimmte Idee verkörpern muß. Wir begnügen uns aber nicht mit dem Sabbat- und Festtagsgottesdienst, sondern suchen, wo sich die Gelegenheit auch an andern Tagen bietet, religiöses Interesse und religiöses Gefühl zu wecken. Hierbei suchen wir altes religiöses Gut neu zu beleben, indem wir die alten Formen wandeln nach den Bedürfnissen der Gegenwart. So haben wir den 1. Sclichaustag, der stets auf Sonntag fällt, neu wieder eingeführt und zu einem stimmungsvollen Gottesdienst ausgestaltet, ebenso einen Borbereitungsgottesdienst aus Peßach (am Neumond des Nissan, der auf Sonntag fiel), einen Tischo-b'aw- Abendgottesdienst, eine Crnukka-Morgenfeier an einem Chanukka-Sonntag, Sukkofeiern für die Jugend, alles Veranstaltungen, die in die arbeitsfreien Stunden verlegt werden und von erheblicher Wirkung sind. Die Schwierigkeiten waren und sind nicht gering, nicht bloß die Beschaffung der Mittel, die in unserm armen Norden nicht leicht zu lösen ist, sondern vor allem die Ausgabe, Menschen, denen Beten nicht rituelle Pflicht ist, für religiöses Leben zu interessieren. Aber Erfolg tröstet über die Mühe. Viele, denen das Judentum früher nur eine Sache der Erinnerung für 3—4 Tage des Jahres war, sind für lebendige Arbeit an der Religion wiedergcwonnen worden. Und das alles kann man im Rahmen der Einheitsgemeinde, die ich — gleich Herrn Justizrat Blau — verteidige, durchführen, wenn die Initiative da ist, wenn wir uns nicht kümmern um Geschrei derer, die in jeder Wandlung eine Zerstörung des Judentums sehen, denen die Betonung des liberalen Standpunktes auch nach außen hin der Anfang eines Schismas ist. Einheit und Frieden auf Kosten unseres religiösen Bedürfnisses lehne ich ab, und ich denke anders als der Präses einer sehr bedeutenden außerdeutschen Gemeinde, der einmal zu mir gesagt hat: „Bei uns kennt man solche Parteikämpse nicht, obwohl wir auch alle Parteien haben!" Als wir aber auf die Kultuseinrichtungen zu sprechen kamen, gestand er: „Natürlich haben wir den alten Kultus." Und er fügte hinzu: „Ich bete natürlich weder bamme madlikin noch j'knm purkon, und was die andern beten, geht mich nichts an." Auf diesem Wege Frieden zu halten, ist freilich kein Kunststück; aber für solchen Frieden, solche Einheit danke ich. (Starker Beifall.) Paul Schtvarzschild (Frankfurt o. M.j: Zwei ganz besonders erfreuliche Dinge müssen wir Jüngeren aus der heutigen Tagung mitnehmen, und zwar erstens die Inhalte der Referate und der Diskussion, und zweitens die Begeisterung. Wir sind erstaunt! Eigentlich ist die Begeisterung ein Faktum, das wir Jugendlichen immer mehr oder minder für uns allein in Anspruch nehmen. Wir Jugendlickien kritisieren lieber an Versammlungen der Aelteren, als daß wir Zugeständnisse machen. Aber ich muß ehrlich gestehen, es ist eine Begeisterung in dieser Versammlung, die uns Jungen nur vorbildlich sein kann. Alle Reformen im Gottesdienst nützen nichts, wenn die Reform im Unterrichtswesen nicht stattsindet. (Sehr richtig!) Ich will Ihnen einmal erzählen, wie ich als Jude erzogen worden bin. Ich war in einer christlichen hiesigen Realschule und hatte Religionsunterricht, zweimal in der Woche. Es war dies Stunden, vor denen es mir immer am meisten gegraut hat. Wir hatten einen orthodoxen Lehrer — ich kam aus ziemlich indifferentem Hause —, der uns Psalmen auswendig lernen ließ, auf deren Inhalt er weniger psychologisch einging, wenn wir sie nur auswendig hersagen konnten. Und wo die Brücke gewesen ist zwischen meinem heutigen Judentum und dem damals indifferenten Judentum? Die liegt in der Kriegszeit und in der Nachkriegszeit, der Jugendbewegung. Ich hatte das Vergnügen, vor ca. 14 Tagen ein Referat von Dr. Dienemann über Neuartigkeit der jüdischen Geschichtslernung zu hören. Ich kann es hier natürlich nicht ganz wiederholen, obgleich es gut wäre. Aber «S muß der liberalen Vereinigung sehr anS Herz gelegt werden, unbedingt «ine Neuorganisation des Unterrichtswesens vorzunehmen, damit der Nachwuchs, der nicht zum Gottesdienst herangezogen werden kann, uns erhalten bleibt; es muß von Grund auf Lust und Liebe zum Judentum gegeben werden. Rabbiner Dr. Seligmann hat unser« „Gottesdienst" erwähnt. Dieser Ausdruck ist an und für sich falsch gewählt, da die Feierstunden, wie sie die Jugendgemeinschasten haben wollen, nicht dasselbe sind wi« der Kultus, den di« großen Gemeinden haben. Denu die Art und Weise, wie junge Menschen jetzt Feierstunden abhalten, ist eigentlich etwas ganz anderes. ES ist Feierstunde, ErbanungSstunde, wenn die jungen Menschen sich an den Abendstunden des Alltags hinsetzen und gemeinsam zu ihrem Gott beten wollen. Das fehlt leider in unserem großen Gottesdienst: die Bindung von Mensch zu Mensch. Ob wir dort das je bekommen können, bezweifle ich. Und deshalb appellieren wir an die Vorstandsmitglieder und Gemeindevertreter: Machen Sie uns mit diesem Gottesdienst keine Schwierigkeiten; wir wollen nur etwas für das Judentum. Es ist kein Konkurrenzunternehmen für den Gemeindegottesdienst, es ist etwas ganz Neues. Wir ziehen von Ihrem Gottesdienst niemand fort, sondern wir ziehen als eine Uebergangsstation aus indifferenten Kreisen junge Menschen zum großen Gottesdienst (Bravo!), und darum sei ganz offen vor der Frankfurter Gemeindevertretung und vor dem Synagogenvorstand gesagt: Lassen Sie alle Schwierigkeiten, di« Sie uns bisher in den Weg gelegt haben, fallen, nicht nur fallen, sondern unterstützen Sie uns, indem Sie uns den Saal zur Bersügung stellen und indem Sie auch immer wieder kommen. (Beifall.) Rabbiuec Dr. «ottschalk (Frankfurt a. M.): Cs wäre wirklich schade, wenn durch die Erörterung der Einzelheiten und praktischen Dinge das erste Referat von heut früh fast ganz unter den Tisch fiele. Ich will etwas herausgreifen, was am meisten nach meinem Gefühl festgehalten zu werden verdient: „Wer am ttefsten verbunden ist, darf am freisten sein." Ich sage das nicht, weil ich nun das Wort „freisten" ausmalen will, sondern weil der Satz ebenso richtig ist, wenn man sagt: wer mit dem Judentum verbunden ist oder bleiben will, darf frei sein. Das muß ausgesprochen werden, weil dann kein Borwurf mehr gegen irgendwen erhoben werden kann, der nach Neuem greift. Wer mit dem Judentum verbunden bleiben will, hat ein Recht, frei zu sein: damit fängt es an, damit hört es auf, damit allein kommen wir weiter. Ich glaube nämlich, daß alle Arbeit, die zu leisten ist, nur unter einem größeren Gesichtspunkt zu leisten ist: wir müssen auf viel weitere Kreise zu wirken suchen und immer neue Menschen heranziehen. Das wird aber nur gelingen, wenn wir in Konsequenz unseres Satzes hinausrufen: wer religiös fühlt und Jude sein will, soll kommen. Das ist nicht dasselbe, wie das, was Sie sonst auch sagen. Es ist das vielmehr eine wesentliche Erweiterung der Basis. Wir rufen damit die Indifferenten, die sich oft, sehr oft nur deshalb nicht zu uns hingezogen fühlen, weil sie die große Basis vermissen; weil sie nicht das Gefühl haben, du gehörst auch dahin, man wird dich auch hören, selbst wenn du nur bekennst: ich fühle religiös, und nun fragt mich weiter nichts. Ich will Jude sein, aber ohne jedes „Opfer des Intellekts". Es werden das meist auch dieselben sein, deren religiöses Bedürfnis unbefriedigt bleibt durch gleichmäßig und regelmäßig sich wiederholenden Kult, und nur im Gegenteil sein Genüge findet. Lassen Sie mich am Schlüsse noch eines sagen: Ich habe mich gefreut über das, was der verehrte Vorsitzende sagte: wir wollen endlich aufhören mit den Debatten über den jüdischen Nationalismus. — Wir können auch damit aufhören, wenn wir uns auf den Standpunkt stellen: Hier steht Wahrheit gegen Wahrheit! Wir loden unsere und sie loben ihre! Sie erleben uns nicht innerlich und wir sie nicht. Es gibt nichts anderes als Sehen, Dulden, Lebenlassen und jeder unbeirrt seinen Weg gehen. (Zustimmung.) So gesehen, können wir die Debatte schließen — aber doch wieder insofern nicht, als wir das neue religiöse Leben, wie es auf erweiterter Basis erbaut werden soll, brauchen als unsere Massenbewegung gegenüber der Massenbewegung der anderen! Sie sagen mit Recht: was haben wir denn? Was können wir der Jugend denn bieten? Nun wir haben eben das, wovon wir leben, wir haben unsere Religiosität. Aber freilich, wir haben sie auch nur dann, sie wird nur so bei uns künftig wirken, wie etwa- Palästina dort bei den anderen, wenn sie eine Massenbewegung ist, die Massen wirklich aufrüttelt und packt, wenn elwas Neues hineingeworfen wird, wenn gesagt wird ohne Zaudern und ohne Zagen: Ihr Jungen kommt, und wir freuen uns mit euch, ihr Alten, kommt, wenn ihr jugendlich seid! Wenn so durch ganz Deutschland von dieser Bereinigung aus wirklich eine Bewegung entfacht wird, wenn es sich rührt in den Gruppen und Städten, dann wird das eine Bewegung sein, mit der wir uns sehen lassen können vor anderen. Wir haben jetzt in Deutschland eine Bewegung, an der sogar alle beteiligt sind: Zurück zur Scholle! Gut und schön — aber nicht genug. Wir brauchen auch etwas Innerliches. Wir müssen auch zurück zur seelischen Scholle! (Beifall.) (Schluß in der 2. Beilage.) Berichtigung Bei dem in der vorigen Nummer abgedruckten Generalreferat von Dr. Dienemann über „Gemeinschaft und Individuum" sind die folgenden Druckfehler zu berichtigen: In Spalte 2 Müte heißt es statt „Maß" — „Muß". In Spalte 3 darf es nicht heißen: „man kann vielleicht dem Blut nicht zustimmen", sondern es heißt: „man kann vielleicht dem Blut nicht entrinnen". In Spalte 4 Müte statt „aber darum" — „eben darum". * Aus den Gemeinden * Aplerbeck. (Einweihung eines neuen Betsaales.) Ein besonderes Ereignis für unsere Gemeinde war die vor einiger Zeit stattgefundene Einweihung eines neuen Betsaales. Durch große Opfer gelang es, einen würdigen Raum für den Gottesdienst zu schaffen, der seine besondere' Note durch einen Oven ha kaudesch von hohem künstlerischen und geschichtlichen Wert erhielt. Der Oven ha kaudesch ist ein Stück hohen Altertumswertes und ist der Synagoge eine ganz besondere Zierde. Herr Prediger und Lehrer Nußbaum, Dortmund, weihte den neuen Betsaal, wies auf die Symbolik der Einrichtungen der Synagoge hin. Er gab der Freude und dem Dank der Gemeinde Ausdruck, daß es möglich war, in so schwerer Zeit so würdigen Raum zu schaffen. Zur Seelenfeier am verflossenen Jaum Kippur fand durch Herrn Nußbaum die Enthüllung einer Gedenktafel für die Gefallenen des Weltkrieges der Gemeinde statt. Berlin. (6 0. Geburtstag von Oskar Heimann.) Oskar Heimann, der Inhaber des bekannten Berliner Konfektionshauses R. M. Maaßen, wurde am 29. Oktober 60 Jahre alt. Er gehört zu den führenden Köpfen des Berliner Wirtschaftslebens. Als Mitglied der Industrie- und Handelskammer hat er die Interessen der Textil- und Bekleidungsindustrie wiederholt tatkräftig zu fördern verstanden. Di« große Arbcitsfülle, die seine berufliche Tätigkeit mit sich brachte, hat ihn aber nie gehindert, auch jüdischen Fragen reges Interesse entgegenzubringen. Er gehört dem Hauprvorstand des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens an und hat auch jüdisch-liberale Aufgaben häufig gefördert. Innerhalb seiner Branche hat er oft Hilfswerke für jüdische Zwecke propagiert. Berlin. (Dr. Adolf Wechsel mann 60 Jahre alt.) Am kommenden Montag begeht Sanitätsrat Dr. Wechselmann seinen 60. Geburtstag. Dr. Wechselmann gehört zu den führenden Persönlichkeiten im Verein zur Erhaltung des überlieferten Judentums. Seine Arbeit für das religiös-konservative Judentum führte ihn auch m die Repräsentantenversammlung, der er bis zur letzten Wahl angehörte. .Wenn hier die religiösen Ansichten Dr. Wechselryanns von denen unserer liberalen Freunde auch oft abwichen, so wurde ih» doch stets von allen Seiten die Achtung bezeugt, die einent Manne, der ehrlich für seine Weltanschauung eintritt, zukomryt. Wir wünschen dem Jubilar noch ein segensreiches Atter und hofftn, daß es chm und uns vergSnnt fein wird, in gemeinsamen Fragen des religiösen Judentums noch oft gemeinsam zu marschieren. Berli«. (San.-Rat Dr. Steinthal gestorben.) Am 28. Oktober starb nach schwerem Leiden im 68. Lebensjahre SamtätSrat Dr. Galömon Steinthal. Der Heimgegangene, der der berühmten Familie Steinthal entstammt, hat sich viele Jahrzehnte hindurch nicht nur ärztlich hervorragend betätigt, sondern vor allem am jüdische» Leben Berlins wertvollen Anteil genommen. Er war eine Reihe von Jahren liberaler Präsident der Jüdischen Gemeinde und hat sich innerhalb der Loge Bne briß außerordentliche Verdienste erworben. Die Gedenkfeier für den Heimgegangenen im Krematorium Wilmersdorf versammelte eine überaus große Zahl von Freunden und Verehrern und das ganze geistige Berlin; die Gedenkrede hielt Rabbiner Dr. Salomonski. Berlin. (Todesfall.) Am Freitag, den 20. ds. Mts., verstarb an den Folgen einer Operation der Lehrer Louis Hirschberg, Tharlottenburg, einer unserer eifrigsten Mitarbeiter. Im Jahre 1878 in Czarniko geboren, war er am Berliner Lehrerseminar Hörer von Direktor Holzmann. Bereits mit 19i/2 Jahren amtierte er als Lehrer an der jüdischen Volksschule in Gnesen, und verblieb dort, bis ihn der polnische Aufstand zur Auswanderung zwang. Zuletzt amtierte er an der 25. städtischen Volksschule zu Charlottenburg. Fast 30 Jahre hindurch hat dieser aufrechte deutsche Jude qls Lehrer gewirkt. In Berlin war er ein außervrdentlich tätiger Vorstandsmitglied des Liberalen Vereins; ebenso arbeitete er eifrig im C. B. mit, dessen Vertrauensmann er in Gnesen war. Das Bettrauen seiner Logenbrüder hatte ihm die Würde des Altmeisters der Odd-Fellow-Logen übertragen. Er hinterläßt zwei hoffnungsvolle Söhne, deren Aeltester au hervorragender Stelle im CB. arbeitet, während der Jüngere die Oberpnma eines Berliner Gymnasiums besucht. Berli». (Trauerfeier für Justizrat Leo Lilienthal.) Am vergangenen Sonntag fand im Logenhaus in der Joachimsthaler Straße «ine Trauerfeier für Justizrat Lilienthal statt, die der Vorstand der Berliner Jüdischen Gemeinde für ihre» Heimgegangenen ehemaligen Syndikus veranstaltete. Die Feier wnrde eröffnet mit dem „Enausch" von Lewandowsky, das der Chor der Synagoge Lützowstraße unter der Leitung seines Dirigenten Weinbaum zum Bortrag brachte. Die Gedächtnisrede hielt Geh. Sanität-- rat Dr. Stern, der die Verdienste Leo Lilienthals um di« Entwicklung der Berliner Jüdischen Gemeinde schilderte und auf sein Wirken im Verband der deutschen Juden, im Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden und an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums hinwies. Er schloß seinen Nachruf mit den Sätzen: „Unersetzlich ist der Verlust, den der Tod uns zugefügt Hirt, und alle unsere Kraft werden wir zusammennehmen müssen, um auch nur notdürftig die Lücke auszusüllen, die der Heimgang eines so w* vergleichlichen Mannes gerissen hat. Sein Gedächtnis wird in unserer Gemeinde immer fortleben. So nehmen wir in dieser Stunde noch einmal Abschied von einem ausgezeichneten und erleuchtete» Geist und geloben, weiter zu arbeiten in seinem Geiste, dem Geiste des Friedens und der Milde." Die eindrucksvolle Feier beendete der Vortrag einer Trauerhymne. Berlin. (Bon der Freien jüdischen Volkshochschule.) Der Beginn der Vorlesung von Herrn Dr. Ernst Cohn- Wiener über „Jüdische Künstler im 19. Jahrhundert und der Gegenwart" ist auf Dienstag, den 15. November, 8 Uhr, Synagoge Fasanenstraße, verlegt worden. Berlin. (50 jähriges Bestehen des Baruch-Auerbach-Vereins.) Am Sonntag, den 6. November d. Js., feiert der Baruch-Auerbach-Berein, welcher sich aus den ehemaligen Zöglingen der Baruch-Auerbachschen Waisen-Erziehungsanstalten zusammensetzt, die 50 jährige Feier seines Bestehens. Der Verein hat es sich vo» Anfang an zu seiner Aufgabe gemacht, neben der Pflege der Geselligkeit seinen Mitgliedern eine gegenseitige Hilfe zu bieten, Der Verein zählt zurzeit ca. 300 Mitglittrer, darunter Männer und Frauen, die in allen Berufen tüchtiges geleistet haben und weit über ihren Kreis hinaus bekannt geworden sind. Namhafte Wissenschaftler, führende Juristen, Großindustrielle, Aerzte, Architekten usw. sind aus dem Auerbach'schen Waisenhaus hervorgegangen und habe» den Ruf der Anstalten in alle Welt hinausgetragen. Die Jubiläumsfeier findet am 6. November, nachmittags 5 Uhr, in den Gesautträumen des Brüdervereins, Kurfarstenstraße, statt. Dresden. (6 0. Geburtstag.) Der Fabrikant Joseph Cohn, der sich als langjähriges Mitglied des Gemeinderates und durch seine umfassende Tätigkeit in den Ausschüssen um das hiesige Gemeindeleben verdient gemacht hat, feierte kürzlich seinen 60. Geburtstag. Dresden. (Aus dem Gemeindelebe».) Die Reihe der vom Jüdischen Jugendverein zu Dresden in diesem Winter veranstalteten Borträge erösfnete Rechtsanwalt Salinger, der ein zeitgeschichtlich interessantes, ungemein fesselndes Referat über . „Die Jugend in der Gemeinde" gab. — Im Mädchenheim der Fraternitas- Loge finden ab Ende Oktober wieder jeden Donnerstag Zusammenkünfte statt, zu denen namens des Komitees des Mädchenheims Frau Eva Stein und im Aufträge des Schwesternbundes der Fraternitas-Loge Frau Cilly Lesser einladen. Zugleich gibt die Leitung die Neueinrichtung von Nähabenden bekannt. Diese werden jeden Montag von 20 bis 22 Uhr nt den Erdgeschoßräumen des Gemeindeamtes abgehalten. — Der vom Kantor Hofstein geleitete neue Jugendchor wirkte erstmalig an dem in der Gemeinde-Sukke für Jugendliche veranstalteten Heimabend mit. Dresden. (Warnung der Wo hl fahrts stelle.) Die von Rechtsanwalt Salinger geleitete Wohlsahrtsstelle der hiesige» Gemeinde erläßt eine Warnung gegen den Handel Mit Listen, die die Namen wohltätiger Gemeindemitglieder enthalten. Diese Listen gelangen vor allem auf Bahnhöfen, in Gaststätten, Speisehäusern und an vielen sonstigen Treffpunkten gegen Bezahlung in Umlauf. Sehr oft erbieten sich die in Fratze kommenden Händler, die angeblich Bedürftigen in die Häuser der auf den Listen verzeichneten Wohltäter zu führen. Die Wohlfahrtsstelle hat wiederholt feststellen können, daß durch diese wilde Bettelei Einnahmen erzielt werden, wie sie Lei vielen regelrechten Arbeiten nicht zu erreichen sind. Daher bittet die Wohlsahrtsstelle erneut, an unbekannte Bedürftige unter keinen Umständen Gaben zu verabfolgen und vorerst Erkundigungen an gemeindeamtlicher Stelle einzuholen. Eisenach. (Jubiläum.) Landrabbiner Dr. Josef Wiesen beging dieser Tage sein 25 jähriges Jubiläum als Seelsorger der Gemeinden des ehemaligen Großherzogtums Sachsen-Weimar-Eisenach. Biele Gratulanten, unter denen sich der Gemeindevorstand, Vertreter aller jüdischen Organisationen und Verbände und außerdem auch zahlreiche Gemeindemitglieder befanden, sprachem dem Jubilar in seinem Heim die herzlichsten Glückwünsche aus und überreichten sinnige Ehrengeschenke. Der Gefeierte dankte in einer Ansprache mit bewegten Worten für die ihn bereiteten Aufmerksamkeiten, in denen er Beweise von Zuneigung und Freundschaft erblicken könne. Elberfeld. (Todesfall.) Der langjährige Rabbiner der Synagogen-Gcmeinde, Dr. Zacharias Auerbach, ist, seit 20 Jahren im Ruhestand lebend, im 83. Jahre seines Lebens nach längerem Leiden gestorben. Frankfurt a. M. (Eine neue konservative Synagoge?) Die israelitische Gemeinde, die schon vor einem Jahre vom Regierungspräsidenten die Erlaubnis erhielt, eine anderthalb Millionen-Anleihe auszugeben, beabsichtigt mit einem Teil dieses Geldes außer dem Friedhofsbau, über den wir kürzlich berichteten, auch eine neue Synagoge konservativer Richtung erstehen zu lassen. Nachdem man ursprünglich beabsichtigt hatte, den Platz neben der Frankfurt-Loge in der Eschersheim« Landstraße aufzukaufen, ist man neuerdings wegen Erwerbs eines Grundstücks in der Nähe des Holzhauscnprrkes in Verhandlungen eingetreten. Ob allerdings die Gemeindevertretung dem Projekt zustimmen wird, ist durchaus fraglich, da zum Teil über Notwendigkeit und Lage des Planes verschiedene Meinungen zu registrieren sind.

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