Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 44 (4.11.1927)
- Date
- 1927-11-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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R«chtri»»itt Dr. Frank (K«»): Der Bortrag von Dr. Dienemann dürfte wohl bei vielen Zuhörern Zweifel darüber hervorgerufen haben, ob unsere Preußische ZwangSgemeinde, die doch von Staat-Wegen uns aufoktroyiert ist, tatsächlich das Ideal der Formung einer Gemeinde ist. Ich kann mir sehr Wohl denken, daß «in anderer gerade im Anschluß an die theoretischen Ausführungen von Dr. Dienemann zu der Auffassung gelangt: vielleicht ist das amerikanische Prinzip grundsätzlich das Richtigere. Ich verkenne natürlich nicht, daß heute noch hiergegen starke Bedenken zu erheben sind, daß die Gefahr besteht, daß die Lauen und Gleichgültigen bei einer solchen Regelung vielleicht zum Teil verloren gehen, würden. Die sich aus dem Referat von Dr. Dienemann ergebenden Folgerungen scheinen mir erheblich abzuweichen von dem, was Herr Justizrat Blau als die Erfordernisse unseres Gemeindelebens darstellte. Man kann gut Herr Dr. Blau fein, wenn man in einer so glücklichen Gemeinde wie Frankfurt lebt und «ine liberale Mehrheit auf seiner Seite hat. Aber über die Schmerzen im Reich muß doch auch einmal etwas gesagt werden. Hier führt das Prinzip der Einheitsgemeinde fast immer zur"Majorisierung der Liberalen. Der Gemeindevorstand in Köln, dessen Mitglied ich frm, besteht aus 7 Mitgliedern, drei Liberalen, zwei Mittelparteilern und zwei Orthodoxen; wenn wir drei Liberalen „weiß" sagen, sagen die vier Andern „schwarz", und wir sind überstimmt. Roch nicht einmal das 'konnten wir in Köln erreichen, daß die -Haftara auf deutsch gelesen wird und in unserer Orgelsynagoge sagt man noch immer das Gebet für die babylonischen Weisen. Infolgedessen ist doch für uns Liberale nicht ganz unwichtig, daß der Landesverband bei der Beratung des Judengesetzes den Grundsatz nach dem Laskerschen Gesetz beibehalten hat. Es muß möglich sein, auch religiös-liberale Weltanschauungsgemeinden zu gründen. Dringend notwendig ist ferner, dem Mangel an guter, an jüdisch-liberaler Literatur abzuhelfen. Baecks „Wesen des Judentums" ist «in philosophisches, aber kein liberales Buch und Nordens Schrrstchen über „Die Grundlagen des religiös-liberalen Judentums" hat nur propagandistischen Wert. Gute, im liberalen Sinne wissenschaftliche Schriften vermisse ich immer noch. Die Liberale Bereinigung muß Alle, die dazu berufen sind, ersuchen, derartige Schriften ,« schaffen. Wenn das religiöse Leben in den Großgemeinden in letzter Zeit einen gewissen Aufschwung genommen hat, so danken wir das zum nicht geringen Teil der Tätigkeit der Frauenvereine. Heute morgen ist es bereits gesagt worden, daß wir die Verpflichtung haben, die Frauenvereine zu unterstützen. Nur unsere Frauen können uns unser« Häuslichkeit zu einem jüdischen Heim gestalten. (Beifall.) Rabbiner Dr. Salomonski (Berlin): Ich persönlich und viele meiner Freunde sind nicht mehr so jung, daß man uns ohne weiteres vorwerfen könnte, wir stürmten gegen Mauern und sähen di« vorhandenen Türen nicht; das Wort Behutsamkeit aber käme im Lexikon des praktischen Judentums gleich neben dem Worte Bermittlungspartei. Es ist meine Absicht, mit Deutlichkeit auszurufen, daß dieser Standpunkt uns gar keine Rettung bringen kann. Auch eine sezierende Methode der Erörterung darüber, wo wir nun eigentlich stehen oder stehen sollten, hilft nicht. Dienemanns Bortrag zu hören war ein großer Genuß; mit noch größerem Genuß werden wir ihn später lesen. Dennoch sind solche Arbeiten nur Beiträge zu einem Gebiete, das nach meiner felsenftsten Ueberzeugung Ueberproduktion darstellt, nämlich zur wissenschaftlichen oder historischen Ergründung des Judentums. Wichtiger aber ist, sich zu vertiefen in die seelische Situation, in den Komplex der Gegenwart. Wir müssen fragen, wir müssen antworten: wie sehen denn eigentlich die Menschen aus, denen heute geholfen werden soll? An welcher Not, an welchem Unglück kranken sic? (Sehr gut!) Ich bemerke auch bei den Verantwortlichen eine erstaunliche Unkenntnis der seelischen Katastrophe (Sehr richtig!) unserer Juden, der jungen und der alten, der freien und der frommen. Und hierzu einen Beleg: Ich habe vor wenigen Monaten in einer sehr angesehenen Bereinigung einen Vortrag gehalten, in dem ich die Mißstände des Kultus ohne jede Beschönigung auseinandersetzte, und da ist mir von maßgeblicher konservativer Seite gesagt worden: Wir sind ja unter uns und wir müssen es auch zvgeben, daß der Kultus in dieser Form nicht weitergeht. (Hört, hört!) Jetzt »verfen Sie, vielleicht, mancher wohl nicht zum ersten Male, einen Blick in den seelischen Notstand, unter dem wir leiden, das wissen die anderen ja auch schon; so dumm und verbohrt sind sie nicht, — nicht einzusehen, daß es so nicht weitergeht. Aber es findet keiner den Mut, damit anzufangen, und in unseren Reihen auch nicht. Und wenn wir nicht damit anfangen, von wem wollen Sie dann verlangen, daß dieser Kultus gebessert wird? Ich gehe noch weiter als das, was Sie bisher überhaupt gehört haben: Nicht die Reform hilft uns, nicht das System nach Vereinfachung und nach Rückkehr zu dem, was früher einmal gewesen sein könnte, dieses Konstruktive und Spintisierende vergangener Jahrhunderte und Jahrtausende hilft uns nicht, uns hilft nur die neue Form und der n«ue Inhalt, und wenn ich das belegen will, dann sage ich Ihnen klar und deutlich: Jeder Mensch, der geboren wird und zur Erkenntnis kommt, der muß, tvenn er ehrlich ist und von der Religion etwas haben will, an sich mit der .Religion neu - anfangen, er muß sich seine Religion und seinen Gott schaffen. Das ' ist das Prinzip. Aber nicht Jeder hat natürlich den Geist und den Intellekt dazu. Darum ist es ein Unglück, nein, es ist ein Malheur — und ein Malheur ist schlimmer als ein Unglück — für unser Judentum, daß wir immer nur Arbeit leisten und auch hier so sehr viel Arbeit leisten für die geistige Kaste. Ich wundere mich, von einem meiner Vorredner zu hören, daß wir einen Gottesdienst schaffen müssen, der auch den Bedeutendsten und Gebildetsten der Oberschicht genügen kann. Ganz verkehrt! Schaffen Sie etwas, was Allen genügt, dann haben Sie für sich das Beste geschaffen, und gehen Sie nicht davon aus, daß eine besondere Schicht befriedigt werden . muß. Keine Parallelen, keine Vergleiche, kerne Reminiszenzen! Die Art und Weise, wie wir die wichtigsten Tage im Jahr feiern, ist eine Unmöglichkeit. Sollen wir nun eine Zwangsehe auf die Dauer schließen mit einer Schar von Glaubensgenossen, die uns nicht im geringsten cntgegenkommt? Dann antworte ich Ihnen: Und wenn uns nur eine Generation bei dieser Politik des Geduldigseins und Abwartens verloren geht, dann gehen uns alle Generationen verloren. Deshalb könne» wir nicht warten. Und ich frage: Was soll nun eigentlich geschehen und soll überhaupt etwas geschehen? Wir haben uns ausgesprochen. Das genügt mir nicht. Wird nun endlich eine Kommission gewählt werden, die fähig, gewillt, entschlossen, begeistert und verständig ist zu sagen: das und das muß geschehen! Wir warten so lange, daß ich persönlich gar nicht mehr hoffe, es je zu erleben. Wo bleibt das Gebetbuch, wo bleibt die Bibelübersetzung, wo bleibt der Versuch, von dem schon vor 20 Jahren gesprochen wurde? Wir können nicht eine Sekunde mehr warten, und deshalb haben wir begonnen, ohne nach rechts und links,zu fragen. Wir verlangen, daß kein Gottesdienst ein Abklatsch sem darf. Ein Gottesdienst darf kein Exerzierreglement und kein Appell sein. Jede Andacht muß etwas für sich, etwas Geschlossenes, etwas Lebendiges, eine neue Arbeit sein. Ich muß Ihnen sagen, wie unser Judentum aussieht. Das, was wir haben, das war gedacht als Provisorium. Die Menschen, die es eingerichtet haben, haben gedacht, übermorgen wird der Tempel wieder ausgebaut, dann kehren wir zurück zu dem, was gut ist. Wir aber haben das Provisorium verewigt, wir haben ein Ersatzjudentum geschaffen (Sehr gut!). Wir haben nicht den Mut, zum Judentum einzukehren, es aufzusuchen, es zu schaffen, es zu schöpfen. Was wir haben müssen, das wollen wir haben und davon gehen wir nicht ab, und darum hilft es uns garnichts, wenn wir im Kreise der Gesinnungsgenossen nur schöne, gute, geeignete, logische, angenehme Worte finden, wenn nachher die Gemeindepolitik gegen uns aussällt, und zwar deshalb, weil auch die Liberalen uns oft genug im Stich lassen (Sehr richtig!). Selbst da, wo die liberale Majorität ist oder noch ist oder wo ft« lange war, haben die Liberalen die Jahre und Jahrzehnte nicht ausgenutzt, um das zu leisten, was hätte geleistet werden sollen (Beifall: sehr richtig!). Ich möchte keinen Borwurf gegen irgendwen aussprechen, aber ich sage Ihnen, von der Kunst des Diplomatisierens haben wir nun genug. Wir wollen das Vergangene vergessen sein lassen, wir wollen aber arbeiten und bitten Sie um Ihre Unterstützung. Ich bi» wohl der Ansicht, daß das Gebet für den Einzelnen da sein kann, aber der Man«, der das Gebet oder die Andcüht leitet, muß einen Blick in ferne Gemeinde tun können. Sie muß fteilich zu ihm gehören, seine Gemeinschaft sein, und dann muß er mit ihr beten und reden, predigen; das, was in ihrem Herzen ist, war sie selbst nicht aussprechen kann, das muß er finden, so muß er sie erlösen, sie befreien. Ich sage Ihnen -also nur noch eines: Weisheitskonfekt, ganz gleich woher, hilft uns nicht. Wir müssen zu dem Einfachen, zu dem Einfachsten zurückkehren, wenn wir die Menschen, die zu neunundneunzig Hundertsteln uns schon entfremdet worden sind, noch heute haben wollen, und es sind uns schon di« Wege gewiesen. Ich will hier an eine Frankfurter Reminiszenz anknüpsen, denn es kann keine Versammlung hier stattfinden, ohne daß des Oefteren über Abraham Geiger gesprochen wird. Abraham Geiger war einmal so weit, daß er ernstlich damit rang, ob diese Art, das Judentum künstlich zu konservieren, fortgesetzt werden könnte. Er hat sich allerdings — und das liegt an seiner ganzen Entwicklung und an den Schwierigkeiten, die er gehabt hat, dazu bewegen lassen, zu resignieren. Aber heute, wo wir in der Revolution der Revolutionen stehen, sind wir nicht mehr gewillt, abzuwarten. So wie der Opserkult des Tempels in den Gebetkult geändert wurde, so müssen wir heute, um die Menschen zu erwärmen, einen prophetischen Ton und Geist in den Gottesdienst bringen. Und noch eins — das darf ich Ihnen nicht unterschlagen— wir müssen den absolut symbolarmen Gottesdienst umändern in einen symbolreichen, in einen von Sinnbildern erglühenden und erfüllten Gottesdienst, der Jedem, der noch Augen und Ohren hat, zur Erbauung und zur seelischen Befriedigung gereicht. Wenn es so werden soll und Sie es versuchen wollen, nachdem Sie über den Gottesdienst weidlich geklagt haben, dann machen Sie es doch nach der Methode, daß Sie einen Jugendgottesdienst für Erwachsene einsühren. Geben Sie ihnen das Einfachste, was jeder Mensch versteht, und denken Sie getrost daran, daß der liebe Gott nicht nur Hebräisch versteht. Scheuen Sie sich nicht, reden Sie, wie man auch sonst sagt, deutsch mit den Menschen, dann werden Sie einen Segen und einen Gewinn haben. Darum wollen wir den Typ der Zwangsgemeinde nicht verewigen. Wir wollen uns nicht beruhigen beim Ersatzjudentum, sondern wir wollen — jeder an seiner Stelle — und das fordere ich, in jedem Ort, im großen und im kleinen, versuchen, eine jüdische Gemeinschaft zu schassen, wie das im Norden Berlins geschehen ist, wir wollen eine jüdische Gemeinschaft schaffen, bas liberale Judentum! (Lang anhaltender, lebhafter Beifall.) Erna Hirsche! (Frankfurt o. M.): Ein Mensch, der selbst noch im Werden und Suchen ist, bittet um Nachsicht, wenn dieses Werden und Suchen hier nur unklar nach Ausdruck ringt. Auch ich bin im Herzen liberal, aber ich vermisse bei unserem liberalen Judentum den Blick auf das Ganze, die Liebe zum Ganzen und zur Tradition, die doch auch in uns lebt. Wir wollen zwar nicht orthodox sein in dem Sinne, daß wir das Alte gedankenlos hinnehmen, nur weil es uns überliefert ist. Aber vielleicht taten wir besser daran, anstatt zu reformieren und umzugestalten, uns intensiver mit dem Geist« unserer Ahnen zu beschäftigen. Ich weiß nicht, ob die Juden, die am Sinai gestanden sind, wirklich so „primitiv" gewesen sind, wie heut« manche glauben, ob sie wirklich nur den National-Gott gesehen haben, den Gott, den man heute nicht mehr sehen will. Ich fürchte, daß wir alle, die wir durch das Zeitalter der Aufklärung hindurch gegangen sind, etwas von dem Verständnis verloren haben für die Vergangenheit und damit auch für das, was in unserem Gottesdienst aus sie hinweist. Ich möchte nur ein Beispiel erwähnen. In den Reden ist so häufig der Wunsch geäußert worden, aus dem Gottesdienst solle all das entfernt werden, was heute beziehungslos ist. Dabei ist mir sofort das Kernstück unseres Hauptgebetes für den Versöhnungstag eingefallen: die Awaudoh! Der alte Opferdienst im Tempel ist wohl den meisten von uns fremd, wenn nicht gar abstoßend. Mir selbst ging es jahrelang so. Wir können uns heute nur schwerlich vorstellen, welch innige Beziehung unser Volk damals, als es die blutigen Tieropser brachte, zu seinem Gott gehabt hat, welch tiefes Geheimnis im Sühneopfer gelegen hat. Und weil wir das und so viel anderes nicht mehr zu verstehen vermögen, deshalb sind wir gleichgültig, und deshalb geht ein Teil unseres Publikums am Bersöhnungstage gerade während der Awaudoh aus der Synagoge, um erst zur Seelenfeier wieder zu erscheinen. Wäre es nicht möglich, neue Wege zu suchen, indem wir erst einmal zn den Alten zurückkehrten, die wir in manchen Dingen zu verstehen verlernten, und von ihnen aufs neue lernten, die Großen und die Kleinen, und dann erst, nachdem wir wieder eingedrungen sind in die Welt der Väter, uns neu dazu stellten? Aber dazu müssen wir die Sprache der Väter kennen! Ob wir Liberalen wohl die ganze Tiefe der Beziehung zum Göttlichen erfaßt haben, die im Hebräischen liegt, fast unübersetzbar? So überwältigend tief, so unnachahmbar klanglich sind diese Gebete — und besonders die der hohen Feiertage — daß ich es als einen Jammer empfände, ginge auch nur ein Wort dieses uralten, heiligen Erbguts verloren, ohne daß wir recht daraus geschöpft haben. Und so schließe ich mit der Bitte: Anknüpfen wollen wir an das Alte und uns damit nicht auseinander-, sondern zusammensetzen, uns damit wieder befreunden und dann nach bestem, ehrlichstem, liebevollstem Prüfen neue Wege suchen. (Beifall.) Rechtsanwalt Heinrich Stern (Berlin): Wenn hier gesagt worden ist, daß wir uns erst mi! Alten auseinandersetzen müßten oder vielmehr mit dem Alten zusammensetzen müßten, so ist das ganz richtig und ganz tief empfunden. Aber wir müssen uns, glaube ich, davor hüten, das Alte hochzuhalten, nur weil es alt ist, und vielleicht aus einem gewissen Gefühl mystischer Liebe, das uns allen, die wir mit dem Bestände manchmal auch wo anders stehen, hier und da überkommt, Schlüsse zu ziehen. Kollege Frank, Köln, hat von den Verhältnissen in seiner Gemeinde gesprochen, und da ist ihm schon zugerufen worden: „Warum laßt Ihr Euch das gefallen, warum habt Ihr Euch das bisher gefallen lassen?" Bisher sind doch nun einmal die sogenannten Großgemeinden in der überwiegenden Mehrzahl von „Liberalen" regiert gewesen bezw. sie hätten regiert werden können, wenn man dazu Neigung und Fähigkeit gehabt hätte. Ich bekenne, daß ich aus innerstem Herzen ein unbedingter Anhänger der Einheitsgemeinde bin, wie sie Justizrat Blau auch an die Spitze seiner Ausführungen gestellt hat. Diese Einheitsgemeinde als solche muß natürlich auch um ihrer sozialen, um ihrer wirtschaftlichen und sonstigen Leistungen willen unbedingt bestehen bleiben. Aber wir müssen verhüten, daß die religiösen Fragen, die uns nun wirklich trennen und die nicht durch Kompromisse gelöst werden können, durch Mehrheitsabstimmung entschieden werden; Fragen des Kultus und des Unterrichts, in denen wir nun einmal einander weltanschaulich gegenüberstehen, müssen dann eben weltanschauungsgemäß getrennt verwaltet werden, wie es z. B. unter Aufrechterhaltung der Einheitsgemeinde in Hamburg ja bereits geschehen ist. Wir brauchen nicht gerade das Hamburger Beispiel nachzuahmen, aber es muß doch zum mindesten für jede Richtung möglich sein, durch getrennte souveräne Kultuskommissionen das zu tun, was nötig ist. Das gilt nicht nur für den Liberalen, sondern genau so gut für den Gesetzestreueu. In Berlin haben zwei Männer, die sonst nicht gerade sehr miteinander übereinstimmen — Moritz A. Loeb und R.-A. Stern — sich zusammen gesetzt und ein Statut für die Kultuskommissionen ausgearbeitet, über das gerade die innerlich Liberalen und Gesetzestreuen vollkommen einig waren. Wer hat uns gehindert? Die Pscudo-„Liberalen", einige von denjenigen, die sich jetzt Mittelpartei nennen, allerdings auch ein oder zwei Zionisten, die nicht recht wußten, sollen sie sich nachher auf die liberale Seite, wo sie gern hinwollten, oder auf die orthodoxe Seile setzen, wo sie politisch hingezogen wurden. Aber gerade die Masse der sogenannten Liberalen hat immer Angst, wenn es daran geht, ihre eigenen Ideale zu verwirklichen. Ich weiß nicht, ob es ihnen so ergangen ist wie mir, durch Zufall sind hier gerade diejenigen unter uns zu Wort« gekommen, die stark reformatorisch eingestellt sind, reförmatorisch im edelsten Sinne des Wortes. Man kann ja in Einzelheiten verschiedener Meinung sein, aber das, meine Herren Rabbiner, werden Sie doch wohl erkannt haben, es liegt eine furchtbar ernste Situation vor! Sie werden doch dieser Diskussion zugestehen müssen: ES klingt aus ihr ein Notschrei, es ist wirklich hier die allerletzte Stunde. Wenn zu -Ihnen «in Man» wie Rabbiner Dr. Salomonfti — Sie werden eS doch wohl gemerkt haben — so auS innerster Erchütterung gesprochen hat, dann muß es doch wohl Zeit sein, daß hier Hand angelegt wird. Da muß ich andererseits denselben Freunden, die jetzt so stark »ach Reform und danach streben, daß die liberal» Bereinigung endlich auf ihre eigentliche Grundlage gestellt werde, immer wieder sagen: Wer ist denn daran schuld, daß wir nicht dazu gekommen sind? Doch gerade Ihr, die Ihr uns immer wieder bloß in Kampfesstellung gedrängt habt, unser nur gedachtet, wenn hier und da eine Wahlversammlung abzuhalten war, uns allmählich in eine Art antizionistischen Fechtklub umgewandelt sehen wolltet. So, meine ich, geht es nun doch auch nicht. Wir haben uns reinlich und ehrlich mit dem Nationaljudentum auseinandergesetzt, und das, was heute Herr Dr. Dienemann über das Wesen der .jüdischen Gemeinschaft gesagt hat, jedes einzelne Wort unterstreiche ich. Jetzt wissen wir, wo wir stehen. Wir sind jetzt an einer gewissen Grenze angelangt und wollen nun auf dem Gebiet arbeiten, wofür wir eigentlich da sind und unsere Kräfte nicht verzetteln (Beifall) an Dinge, di« eigentlich an anderen Stellen notwendigerweise gelöst werden müßten. Hier in unserer liberalen Bereinigung müssen wir gewiß, wenn wir herausgefordert werden, abwehren und unserer Ueberzeugung den nötigen Nachdruck verleihen, im allgemeinen aber heißt es jetzt: Arbeiten! Es ist vorhin von der Literatur gesprochen worden, die man geben solle. Aber die wissenschaftliche Fachliteratur genügt nicht. Es ist nicht möglich, daß der Durchschnittsmensch heute Bücher von 200 und 500 Seiten liest. Schassen wir uns, wie ich gesagt habe, die populär-religiöse Literatur, die wir tatsächlich brauchen, die jedes Kind und die nicht jeder Nichtvorgebildete versteht; das ist .die zweite wichtige Aufgabe, die wir zu leisten haben. Wenn wir das getan haben, werden wir einen ganz erheblichen Schritt weiter sein. Dann wird die entsetzliche Not, deren Aufschrei mich tief ergriffen hat, hoffentlich in der nächsten Versammlung einem starken Gefühl der Befriedigung und Erlösung gewichen sein. (Lebhafter Beifall.) Rabßiuer Dr. Seligmamr (Frankfurt a. M.): Auch ich möchte von einer Behutsamkeit in dem Sinne, in dem sie schon von Dr. Salomonski zurückgewieseu wurde, nichts wissen. Wenn man das Problem „Gemeinschaft und Individuum" durchdenkt, wenn man all das hat auf sich wirken lassen, was heute morgen an unser Ohr geklungen und sich dann fragt, wie soll sich das nun in der Praxis auswirken, so ist man in Verlegenheit, was nun als Forderung oder als Ergebnis herauskommt. Nur Ideen? Bon Ideen kann das liberale Judentum auf die Dauer nicht leben, aus Theorien allein schasst man keine Gemeinschaft. Das gilt vor allem für den Kultus, der geschaffen werden soll. Auf der einen Seite wird der Kultus der Reformgemeinde erstrebt, auf der anderen Seite ein Phantasiekultus, wie ihn die liberale Jugend sich jetzt schafft. Ich stehe diesem Kultus absolut nicht prinzipell feindselig gegenüber. Ueberall, wo mir ein starkes religiöses Wollen gegenübertritt, bin ich immer dafür zu haben. Ein solcher Kultus kann aber doch nicht den Anspruch erheben, allgemeiner Kultus zu werden. Welcher Kultus allein kann in den Gemeinden empfohlen und eingeführt werden? Nun, wenn man das Problem „Gemeinschaft und Individuum" bis zu Ende durchdenkt, dann kann man meiner Ansicht nach nicht zu einem anderen Ergebnis kommen als: größtmögliche Freiheit der individuellen Frömmigkeit und größtmögliche Bindung durch die Institutionen der Gemeinschaft. Wo soll denn der Gemeinschaftswille zum Ausdruck kommen, wenn nicht in den Institutionen? Bor allen Dingen ist es der gemeinsame Gottesdienst der Gemeinde, wo sich die Religion historisch und als Gemeinschaft offenbart. Wenn aber die Gottesdienste der Reformgemeinde oder der Jugendbeweguna allgemein würden, wohin würden wir dann kommen? Wir stünden nicht mehr auf dem historischen Boden des Judentums, wir stünden nicht mehr auf dem Gemeinschaftsboden. Holdhcim selbst hat von dem Gebetbuch der Reformgemeinde gesagt, daß es sich vom historischen Judentum sehr stark entfernt habe; ich glaube, daß die Bestrebungen, die schon seit Levin in der Reformgemeinde bestehen, sich der Allgemeinheit immer weiter zu nähern, noch mehr erstarken würden, wenn die Berliner Gemeinde von ihrer ablehnenden Politik gegenüber der Reformgemeinde abkommen würde. Hier in Fransurt a. M. sollte auch ursprünglich «in Kultus geschaffen werden, wie die Reformgemeinde ihn hat. Es wurde mir von denen, die damals vor 24 Jahren iu Frankfurt zusammengekommen sind, genau dasselbe gesagt, was heute gesagt wird: wir wollen eine Form des Gottesdienstes, die mit unseren persönlichen Wünschen und Gedanken übereinstimmt, einen Gottesdienst wie in der Reformgemeinde. Da habe ich nach meinem Wissen um die Psyche des Judentums Nein gesagt. Ich habe damals Tage und Wochen mit Herrn Dr. Auerbach gerungen, um die historische Struktur des Gottesdienstes in der Königsteinerstraßensynagoge durchzusetzen, statt des Gottesdienstes der Reformgemeinde. Ich verkenne, das weiß Herr Dr. Lehmann, das Recht der Reformgemeinde nicht. Ich erkenne an, daß die amerikanischen Gemeinden gewiß Recht getan haben und auch die Reformgemeinde der Londoner Juden, ihren Kultus so zu gestalten, wie er ist. Aber wir in Deutschland können und wollen nicht aus der historischen Struktur des Judentums heraus. Der Erfolg hat mir Recht gegeben. Und Dr. Auerbach selbst hat" es mit am meisten anerkannt. Gehen Sie doch einmal am Jomkippur in die Synagoge der Königsteinerstraße und sehen Sie, wie von 10 Uhr früh bis spät abends dort eine Andacht herrscht, wie ich sie noch in keiner Gemeinde Deutschlands gesehen habe. Sehen Sie, ob einen Augenblick lang sich jemand langweilt. Warum führen Sie, wenn Sie einen Kultus freierer Art haben wollen, nicht einen Gottesdienst ein nach dem Muster der Königsteinerstraße? Weil Ihre Gemeinden, auch in der Zeit, wo die Liberalen in der Majorität gewesen sind, nicht die Kraft ausgebracht haben, einen solchen Gottesdienst durchzusetzcn! (Sehr richtig!) Die Rabbiner haben Ihnen in den Richtlinien längst das geschaffen und gegeben, was heute verlangt worden ist inbetreff der Ausgestaltung des Kultus und des häuslichen Lebens. Die Richtlinien haben die Diagonale zwischen Gemeinschaft und Individuum im einzelnen für die Praxis aufgezeigt, aber Sie haben sie abgelehnt, weil Sic keine Kraft haben zn religiösen Opfern. Es ist sehr leicht, Kritik zu üben. Aber warum kommen Sie, wenn Sie schon einen wirklich neuen und erhebenden Gottesdienst wollen, nicht hierher in unsere Königsteinerstraßc-Synagoge, wo Sie bas, was nach Ihrer Meinung garincht existieren soll, vollendet sehen? Oder warum bitten Sie Ihre Rabbiner nicht, ähnliches zu schassen? Schaffen Sie doch vor allem Ihre Bindung an „Semrn" ab und richten Sie einen Gottesdienst zu einer Zeit ein, wo Sie kommen rönnen. Sie sind es nicht imstande gewesen, nicht in Berlin, Breslau, Köln. Schaffen Sie erst einmal dort die Möglichkeit, und dann wollen wir wieder zusammenkommen, um über diese Frage zu reden. (Beifall) Seminaroberlehrer Falkevberg (Berlin): Ich will Ihnen nur einmal ganz kurz von den gottesdienstlichen Veranstaltungen erzählen, die wir im Norden Berlins seit 4 Jahren unter den erschwerendsten Umständen praktisch durchführen; denn was Herr Dr. Salomonski vorhin aus führte, ist nicht Theorie, sondern Praxis. Im Herbst 1923 fingen wir an, ein kleines Häuflein Laien, dre ersten li/2 Jahre hindurch fast ohne jede Hilfe der Rabbiner, die uns — mit wenigen Ausnahmen, unter denen besonders Herr Dr. Gottschalk genannt sei, — völlig ignorierten, anfangs ohna jede Unterstützung der Gemeindebehörden, zuerst selbst gegen den Widerstand manche engeren Freunde. Der erste Anfang unserer Synagoge war per Freitag-Abend- Gottesdienst. Die Ansprachen hielten meist Laien — Rechtsanwälte, Aerzte, Lehrer, Studenten, Schriftsteller. Bon vornherein haben wir mit manchem gebrochen, was die Gemeindesynagogen noch immer mit sich schleppen, wenn wir auch bewußt stets auf der historischen Linie geblieben sind, haben andererseits Neues hineingebracht. Bei uns gibt es keinen wechselnden S'man; ohne Rücksicht auf die Jahreszeit beginnt eine Viertelstunde nach Schluß der Geschäfte der Gottesdienst. Wir haben auch gebrochen mit dem Prinzip der Trennung der Geschlechter: Mann und Frau, Mädchen und . Jungen sitzen beieinander. Und keine Einrichtung hat sich so bewährt und