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Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-11-04 · 44 (4.11.1927) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
44 (4.11.1927)
Date
1927-11-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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^übischliberaleZeMnL Oraan -er Bereinigung für -as liberale Judentum e. V. Bcpflsptei* durch die Geschäftsstelle '/.jährlich M. 2.50 Elnzelnummer 0^9. Bei freier Zusendung i. Inlaad 9^5 Für die Mitglieder der Vereinigung ist der Vezugaprei» im Mkgliedsbeikrage enthalten. Veraulwortl. Redakteur: Bruno Voyda. Die „Züdlsch-liberale Zelivag" erschein» jeden Freiing. »edaNioa und Geschäftsstelle: Berlin Sw 4S. Wtthelmstr. 147 Fernruf: Bergmann LASS, 3359 Postscheckkonto: Berlin NV 7. 137069 (Vereinigung für da» liberale Judentum) Nachdruck sämtlicher Original-Beiträge nur mit vorheriger Genehmigung der Redamon gestattet. Anzeigenpreise: Die 12gespaltene Nonparaillezette 0.45 Goldmark, die Rettamezeile 3.00 Goldmark, bei Wiederholungen Rabatt. Anzeigenannahme: .Jüdisch-liberale Zeitung" Inseratenabteilung: Berlin Sw 48. Wilhelmstrohe 147 (Bergmann: 3358-59), sowie sämtl. Annonceu-Expedition. Nr. 44 Berlin, 4. November 1927 7. Jahrgang Ae Diskussion der Znmlsurler Tagung In unserer vorigen Nummer hatten wir ausführlich über den Geschäftsbericht des Generalsekretärs der Vereinigung und die sich daran anschließende Aussprache berichtet. Nachstehend geben wir noch die vollständig« Liste des neugewählten Vorstandes wieder. Justizrat Bernhard Breslauer (Berlin), Ehrenvorsitzender; Rechtsanwalt Heinrich Stern (Berlin), Vorsitzender; Rechtsanwalt Dr. Rudolf Geiger (Frankfurt a. Main), stellvertretender Vorsitzender; Landrichter Dr. Arthur Lilienthal (Berlin), Schriftführer; Bankdirektor Wilhelm Kleemann (Berlin), Schatzmeister; Direktor Hugo Ostberg (Berlin), stellvertretender Schatzmeister. Rechtsanwalt Dr. Walter Breslauer, Rabbiner Dr. Leo Baeck, Justizrat Max Chodzicsner, Frau Bertha Falkenberg, Rabbiner Dr. Julius Galliner, Rechtsanwalt Dr. Moritz Galliner, Dr. Moritz Garbaty, George Goetz, Frau Annie Heinrichsdorff, Alfred Jaulus, Ludwig Lewin, Justizrat Wilhelm Planster, Rechtsanwalt Dr. Julius L- Seligsohn, Rabbiner Dr. Martin Salomonski, Dipl.-Jng. Bruno Woyda, sämtlich Berlin. Erich Bayer (Breslau), Alfred Berger (Breslau), Dr. Siegfried Braun (Köln), Isidor Fabian (Königsberg i. Pr.), Rechtsanwalt Dr. Heinrich Frank (Köln), Rechtsanwalt Dr. Hugo tzosfmann (Frankfurt a. Main), Rechtsanwalt Richard Jung (Nürnberg), Rechtsanwalt Dr. Julius Kann (Düsseldorf), Rechtsanwalt Dr. Willy Katzenstein (Bielefeld), Rechtsanwalt Dr. Siegfried Kaufmann (Köln), Wilhelm Kronheim (Magdeburg), Georg Mecklenburg (Chemnitz), Rechtsanwalt Dr. Ernst Scheyer (Liegnitz), Frau Ottilie Schoenewald (Bochum), Rabbiner Dr. Eaesar Seligmann (Frankfurt a. Main), Landgerichtsdirektor L. Stern (Stuttgart), Hauptlehrer Karl Stiefel (Mannheim), Jacob Valk (Hamburg), Rabbiner Dr. Hermann Vogelstein (Breslau), Frau H. Borreuter (Dortmund), Siegmnnd A. Weil (München). Dem Bericht über die Aussprache sei noch nachgetragen, daß Herr Lazarus (Würzburg) ebenso wie Herr Stiefel (Frankfurt) eingehende Vorschläge für den weiteren Ausbau der „Jüdisch-liberalen Zeitung" machten. Z»eit«r Tag. Am frühen Morgen fand unter Leitung von Herrn Prof. Hülsen eine Besichtigung des alten jüdischen Friedhofes statt, die dank den fachkundigen Erklärungen des Führers den Teilnehmern viele wertvolle Kenntnisse vermittelte. Die Beratungen der Hauptversammlung wurden eröffnet durch den Vorsitzenden Rechtsanwalt Heinrich Stern (Berlin). Er legte dar, daß das Liberale Judentum, welches in dem Gedanken der Einheit der Menschheit, der Gerechtigkeit und Fortentwicklung der Menschheit auf dem Wege zum Guten wurzelt, 'jetzt stärker als bisher bestrebt sein müsse, seine Ideen im Leben des Alltags zu verwirklichen. Aus der Verpflichtung, das Judentum der Väter auch zum Judentum der Kinder zu gestalten, ergibt sich die Notwendigkeit, religiös« Formen neu aufzubauen. Er begrüßte dann die Vertreter aus 40 deutschen Städten, die Delegierten der Jugendvereine und der Jüdischen Reformgemeinde in Berlin und verlas dann Glückwunschschreiben und Depeschen, unter denen diejenigen von Claude G. Montefiore und Miß Lily Montagu namens des Jüdisch-liberalen Weltverbandes und der Londoner Liberalen Synagoge, sowie des Ehrenvorsitzenden der Bereinigung, Justizrat Bernhard Breslauer (Berlin) und ferner des durch dringende Ämtsgeschäfte an der Teilnahme behinderten Freundes und Mitbegründers unserer Bereinigung, Rabbiner Dr. Hermann Vogelstein (Breslau) sowie schließlich unseres Freundes Obcrkantor Zivi (Elberfeld) und einiger unserer Ortsgruppen besonders bemerkt wurden. Im Namen der Israelitischen Gemeinde Frankfurt begrüßte Justizrat Dr. Blau die Tagung. Er schilderte die Grundlage der Gemeinde, die allen religiösen Richtungen gerecht werde. Da die Liberale Vereinigung sich nicht den Kampf, sondern Selbstbefestigung zum Grundsatz gemacht habe, vertrage sich der Grundsatz der Gemeinde wohl mit dem der Tagung, und in diesem Sinne wünschte er ihr einen fruchtbaren Verlauf. Der Vorsitzende des Freisinnigen Vereins für jüdisches Gemeindeleben in Frankfurt, Sanitätsrat Dr. Ettlinger, erinnerte an die erste Tagung der Delegiertenkonferenz der liberal-jüdischen Vereine in Frankfurt am 12. Oktober 1907, die das erste Fundament , für die Vereinigung gelegt habe. Im Namen des Verbandes liberaler Rabbiner begrüßte Rabbiner Dr. Seligmann (Frankfurt) die Versammlung in geistreichen Worten, in denen er die Zusammenarbeit von Rabbinern und Laien mit einer guten Ehe verglich. Die Vormittags-Sitzung war ausschließlich den vier Referaten gewidmet, deren Wortlaut bereits in der vorigen Nummer der „Jüdisch-liberalen Zeitung" veröffentlicht wurde: Generalreferat „Gemeinschaft und Individuum in ihren gegenseitigen Rechten und Pflichten", Rabbiner Dr. Dienemann (Offenbach); Einzelreserate: „Der Kultus, die Gemeinschaft und der Einzelne", Erich Bayer (Breslau), „Das jüdische Heim — unser zweites Gotteshaus", Bianca Hamburger (Berlin), „Die Gemeinde und der Einzelne", Justizrat Dr. Julius Blau (Frankfurt a. Main). — Im Anschluß an diese Vormittags-Sitzung fand «in gemeinschaftliches Mittagessen statt, welches die Delegierten und Mitglieder zwanglos vereinte. Aussprache. Die Aussprache wurde unter Leitung des stellvertretenden Vorsitzenden, Rechtsanwalt Dr. Geiger (Frankfurt), um 4 Uhr eröffnet. Rabbiner Dr. Galliner (Berlin) würdigt kurz das Diencmannsche Generalreserat sowie die Ausführungen des Herrn Justizrat Blau. Für die Frage der Einheitsgcmeind« ist häufig die Persönlichkeit des Gemeindevorsitzenden entscheidend. Aber im übrigen ist es doch oft auch so, daß der Friede in der Gemeinde am besten gewahrt ist, wenn alle Wünsche der Konservativen erfüllt werden, die Libekalcn dagegen mit ihren Forderungen nicht hervortreten. Die Liberalen haben in Berlin, in der Synagoge, in der ich amtiere, es zwar erreicht, daß in den Wintcrmonaten am Freitag-Abend ein Gottesdienst zu einer späten Abendstunde stattfindet, aber nur unter der Bedingung, daß vorher beim Beginn des Sabbats derselbe Gottesdienst stattgefunden hat. Es geht nach dem Grundsätze, die Liberalen müssen tolerant sein, weil es der Sinn des Liberalismus ist, tolerant zu sein, die andern brauchen es nicht, weil es ihr Prinzip ist, untolerant zu sein. Man lese nur im Programm der „Achduth", der Zusammenfassung der Gemeindekonservativen» was dort über ihre Stellung zu den Liberalen gesagt ist: „Es wird uns geflissentlich der Borwurf gemacht, als ob wir die Liberalen als eine gleichberechtigte Richtung ansähen. Das ist nicht der Fall! Die Liberalen sind irrende Brüder. Aber wir haben gesehen, daß sich in manchen Dingen mit ihnen Zusammenarbeiten läßt." Zusammenarbeiten in den Fällen, in denen von den Liberalen materielle Hilfe geleistet wird. (Hört, hört!) Wie soll es nun weitergehen? Sie wissen, daß zur Zeit im Preußischen Landesverband darüber beraten wird, ob die Gesetzesbestimmung über den Austritt aus der Gemeinde beibehalten werden soll. Ich halte den gegenwärtigen Zustand für den besten (Zustimmung), weil die Kinder derjenigen, die ihren Austritt aus der Gemeinde erklären, Juden bleiben und wieder zur Gemeinde kommen, Kinder aber, deren Eltern aus dem Judentum ausgetreten sind, kommen in der Regel nicht mehr zu unS. Das Referat das Herrn Bayer hatte den Kultus zum Inhalt. Es war der Wunsch unserer Arbeitsausschusses, insbesondere der ineinige, daß «in Laie darüber spricht. Wir hofften von ihm zu hören, wie er sich den Kultus in heutiger Zeit denkt. Herr Bayer hat in erster Reihe dem Gottesdienst die Aufgabe zugewiesen, das Gemeinschaftsgefühl zu pflegen. Es ist wohl richtig, daß das Gotteshaus als das Haus der Versammlung den Gemeinschaftssinn zu pflegen und zu stärken hat. Darüber dürfen wir aber nicht vergessen, daß das Gotteshaus an erster Stelle die Stätte der Andacht und Belehrung ist. Wie ist es aber mit der Andacht bestellt! Unsere Jugend behauptet, sie könne sie im Gotteshaus nicht finden. Sie geht bereits eigene Wege. In Berlin und hier in Frankfurt hält die Jugend Andachten ab, für die sie sich selbst eine Gebetordnung geschaffen hat. In vieler Hinsicht scheint die Andacht in der Resormgemeind« vorbildlich zu sein, insbesondere in der Dauer des Gottesdienstes und in der ganzen Stimmung. Wir können manches von ihr lernen. Auch wir sollten aus der Thora in unserer Andacht nur das vorlcsen. was sich zur Vorlesung eignet. Während wir aus unserm Gebetbuch die Gebete, die sich auf das Opfer beziehen, weggelassen haben, werden die zahlreichen Opfervorschriften in aller Ausführlichkeit verlesen. Gerade während der Thoravorlesung leidet durch das Geschwätz die ganze Andacht. Die Predigt muß «in wesentlicher Bestandteil eines jeden Gottesdienstes sein. Das religiöse Problem muß in ihr mehr denn je zur Erörterung kommen. Manches Schöne ans der Vergangenheit ist gefallen, aber der jüdische Liberalismus hat auch vieles zu neuem Lebe» erweckt und mit neuem Inhalt erfüllt. Tinen Stillstand gibt es für uns nicht. Unsere Pflicht ist es, weiter zu arbeiten, zu beweisen, daß unsere Religion ein Teil unserer Kultur ist. daß liberales Judentum das Judentum ist. (Lebhafter Beifall.) Rechtsanwalt Dr. Kaufmann (Köln): Man hat uns Liberalen bisher den Vorwurf gemacht, daß wir nichts Positives schassen, sondern nur Negatives wollen. Um so erfreulicher ist es, daß unsere Tagung sich damit beschäftigt, unsere Ideen zusammenzufassen und unser geistiges Programm für uns selber und für die Außenwelt sichtbar aufzustellen. Wir müssen nun aber auch unsere Ideen in die Tat umsetzen; dazu gehört vor allen Dingen, daß wir nun endlich in unserm Gottesdienst Wandel schassen. Mein Vorredner hat auf einzelne solcher notwendigen Aenderungen bereits hingewiesen. Es muß endlich aushören, daß in unfern Gotteshäusern, die zum größten Teil von Liberalen besucht werden, Gottesdienste stattfinden, die uns ohne Andacht und Erhebung lassen. Sie alle werden mir zugeben, daß der heutige Gottesdienst uns nichts mehr bedeutet, daß es unmöglich ist, ihm in seiner jetzigen Form zu folgen. Es ist nicht möglich, stundenlang Gebete anzuhören, die unserem Denken völlig widersprechen. Wir Liberale waren bisher sv tolerant, daß wir uns das in den weihevollsten Stunden unser ganzes Leben lang haben gefallen lassen. Auf die Dauer können wir das nicht ertragen. Wir müssen endlich unsere Ideen in die Tat umsetzen, wenn unsere liberale Idee auf die Dauer die jüdischen Massen und damit die Zukunft des Judentums für sich haben soll. Es muß möglich sein, daß «in Gottesdienst geschaffen wird, der gerade den Besten von uns genügt. Denn auch darüber müssen wir uns Nar sein, diese unsere Bewegung wird nicht von Dauer sein, wenn wir die Geistigsten von uns nicht befriedigen. So möchte ich als die dringendste Aufgabe der Liberalen Vereinigung bezeichnen, daß sie gerade dieser Frage ihr besonderes Augenmerk zuwendct und schleunigst praktische Arbeit leistet. Es ist der Resolution gesagt, daß die liberale Vereinigung für diese dringendste Aufgabe alle Kraft einsetzen möge. Ich habe den Wunsch, daß diese Resolution dahin ergänzt wird, daß die liberale Vereinigung in aller Kürze mit Vorschlägen für die Schaffung eines liberalen Gottesdienstes hervortritt, denn wir wissen, daß wir diesem Gedanken schon längst unser Augenmerk und unsere platonische Liebe zugewandt haben. Aber das genügt ans die Dauer nicht. Wir müssen endlich auch einmal Taten sehen und damit auch nach außen hin wie in unseren Zusammenkünften uns das. schaffen, was für unsere liberalen Ideen und für unser liberales Fühlen und Denken notwendig ist. Nur so kann ich mir von der Zukunft des liberalen Gedankens und unserer liberalen Bewegung etwas versprechen. (Lebhafter Beifall.) Rabbiner Dr. Lehmann (Berlin): Ich kann nur aus einiges eingehen, und zwar möchte ich zuerst Herrn Justizrat Dr. Blau erwidern, daß nicht nur ich, sondern sicherlich sehr viele meiner Kollegen ihm nicht zustimmen können, wenn er sagt, daß an den Ehegesetzen nicht gerüttelt werden darf und Einheit herrschen muß. Alle liberalen Kollegen wissen ja, worum es sich handelt, um die drei Punkte Aguna, Chaliza, Get (Wiederverheirotung der Verlassenen, Schwagerehe, Scheidebrief). Daran wird seit 60, 70 Jahren herumgedoktort und wir sind hier keinen Schritt wcitergekommen. Es handelt iich aber hier um einen Notstand sondergleichen. Ich habe natürlich keine Sekunde gezögert, in solchen Fällen das zu tun, was ich für notwendig hielt. Dazu ein Beispiel: Bei einem Brautpaar, das ganz orthodoxen Kreisen angehört, ergab sich, daß es deshalb nicht getraut werden konnte, weil der Rabbiner, als das Brautpaar schon unter dem Trauhimmel stand, drvongegangen ist, als er gehört hatte, daß der erste Mann der Iran an der italienischen Front gefallen ist und nicht zwei jüdische Zeugen zugegen gewesen sind. (Pfui!) Das Brautpaar ging dann zum liberalen Rabbiner, und der sagte: „Wären Sie gleich zu mir gekommen, so hätte ich mir die Sache vielleicht überlegt; jetzt aber, wo Sie vom orthodoxen Kollegen kommen, jetzt kann ich Ihnen nicht helfen." Ein anderer Fall. Auch den muß ich ansühren, damit Herr Justizrat Dr. Blau hört, um welche Dinge es sich handelt. Ein« Frau war im Krieg« ihrem Manne davongegangen und ins Kloster eingetreten. Sie sagte zu ihm: „Komme doch unter die Flügel unseres Herrn Jesus Ehristus!" Dieser Mann konnte von der Frau nicht geschieden werden, weil es in den damaligen Zeiten ganz unmöglich war, den nach der orthodoxen Vorschrift erforderlichen, von 100 Rabbinern unterschriebenen Scheidebrief beizubringen und seiner Frau zuzustellen. Ich wende mich nun zu dem Vortrag«, der Frau Hamburger« Ich darf Ihnen wohl sagen, daß ich darüber eine ganz besondere Genugtuung empfinden konnte, weil ja Frau Hamburger ein Kind unserer Reformgemeinde ist. Es ist dies ein Beispiel, wie wir falsch beurteilt werden, wenn gesagt wird, daß bei uns die zweite oder dritte Generation davongehc. Frau .Hamburger stammt aus einer jener Familien, in denen die zweite und dritte Generation uns genau so treu ist wie die erste. Aber anknüpfend an das, was sie gesagt hat, möchte ich doch auf folgendes Hinweisen: Wir sind natürlich in einer sehr glücklichen Lage, wir haben mit sehr scharfem Besen ausgefegt, wir haben klare Bahn geschaffen, einmal gegenüber dem reinen Ritus und dann gegenüber dem, wie Frau Hamburger ausgeführt hat, ritualisierten Kultus. Und wir sind Gottseidank heute so weit, daß wir nun das Wort Jeremias aussühren können, der mit vier Worten verlangt einzureißen und umzustürzen und dann mit zwei Worten verlangt aufzubauen und zu pflanzen. Aber wir wollen auch nicht mißverstanden werden. Wir bauen nicht aus, indem wir etwas von den Grundprinzipien ausgeben, sondern gerade, weil jetzt für uns der Weg frei ist, weil wir mit dem Alten vollständig ins Klare gekommen sind, können wir in echt jüdischem Sinn aufbauen. Frau Hamburger hat mit Recht einzelne Punkte hervorgehoben. Ich will ganz kurz streifen, nach welcher Richtung hin wir gehen, weil wir den Wunsch hatten in all den Jahrzehnten, in denen die Reformbewegung bestand, nicht von den Brüdern fortzugehcn, sondern nur gewissermaßen ihnen etwas voranzuschreiten, und weil wir uns immer freuen, wenn aus diesem Wege die anderen uns nacbiolgen. Wir haben in der Einsegnung etwas ganz Besonderes geschaffen. Wir freuen uns darüber, nicht nur weil wir höhere Zahlen erreichen als die anderen — wir haben oft an einem Tage 60 bis 70 Kinder zur Einsegnung bei uns —, sondern auch, wert die Einsegnung auf ganz neuer Form ausgebaut ist. Sie bestes aus verschiedenen Akten, die ich hier nicht aufzählen will. Sie dauert eine ganze Woche und muß für die Kinder für bas ganze Scbc.i eine Erinnerung sein, und sie ist es tatsächlich auch. Das Zweite, was Frau Hamburger auch angedeutet hat, will ich nur kurz unterstreichen. Es ist die neue Einrichtung, die wir getroffen haben inbe.',ug auf die Ausnahme der Knaben und Mädchen in den Bund Abrahams. Auch hier ist manches abgcschafft worden. Was die Einzelnen tun, überlassen wir ihnen. Im allgemeinen ist es so, daß wir die Beschneidung nicht mehr haben. Die Ellern sind in ihrer Trelcnnot zu mir gekommen und haben gesagt, unsere Kinder soi.en ins Judentum ausgenommen werden, aber ivir wollen eine Bcfchncitung unter keinen Umständen. Und da habe ich Feiern eingerichtet, die ganz und gar jüdisch und religiös sind. Wir haben ferner ein ganz neues mit unserem Chanukah-Gottcsdienst gemacht. Der war bei uns abgeschafft. Wir haben aber gesehen, er ist zu etwas Neuem in der Judcnhcit geworden. Wir haben ihn nicht nur wieder eingerichtet, sondern haben daraus einen bedeutsamen Fisttag gemacht, der sich bei unserer Gemeinde allergrößter Beliebtheit erfreut. Das alles ist nur ein Anfang. Wir wissen genau, wir müssen weitergehen, und schon liegen nach dieser Richtung weitere neue Plana vor. Einen Punkt zum Schluß noch. Es war im Judentum eine genau so feste Säule wie der Gottesdienst — die Thora, und da hat das liberale Judentum sehr versagt. Nicht inbezug auf den Unterricht der Kinder — da ist manches geschehen —, aber das Bcth- Hammidrasch hat man den Orthodoxen überlassen. Diese Schule für die Großen haben wir ebenfalls wieder eingerichtet, indem wir Vorträge und Vorlesungen sowohl für die reifere Jugend, M auch für die Verheirateten halten, weil wir uns sagen, daß jüdisches Wissen die Grundlage unserer Arbeit sein muß, und weil wir den Wunsch haben, daß das alte Wort in Erfüllung geht: „Wenn alle Deine Söhne Jünger Gottes, dann ist reich der Friede Deiner Kinder!" Es genügt nicht, daß wir einzelne Reformen schaffen, wir müssen die feste Basis haben, um wieder mit bewußtem Willen aufzubauen. (Lebhafter Beifall.)

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